Donnerstag, 3. April 2014

2014.04.04: Newsletter Bildung

"Format" Nr. 14/2014 vom 04.04.2014                       Seite: 17

Ressort: Meinung

 

Christoph Kotanko

 

Gastkommentar

 

Die Fieberkurve der Bildungspolitik

 

   Auch der jüngste Pisa-Test bescheinigt Österreichs Schulen nur Mittelmaß. Besserung ist nur möglich, wenn sich die Politik den Herausforderungen stellt.

 

   Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir: Wie finde ich die kürzeste Fahrzeit von A nach B heraus? Wie komme ich zu einem bestimmten Ticket an einem (virtuellen) Fahrscheinautomaten? Wie lässt sich ein nicht funktionierendes Elektrogerät in Gang bringen?

 

   Diese und ähnliche Aufgaben waren beim Pisa-Test "Problemlösen“ zu bewältigen, der vergangenen Dienstag veröffentlicht wurde. Österreichs 15-Jährige schnitten mit 506 Punkten mittelmäßig ab, OECD-Mittelwert: 500. Es war für mindestens fünf Jahre die letzte "Schulnachricht“. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) hat einen Teststopp verfügt - mit der fadenscheinigen Begründung, es habe bei einem anderen Verfahren ein Datenleck gegeben.

 

   Man könnte meinen, dass die Ministerin die Mängel so schnell beheben lässt oder Alternativen sucht, damit eine internationale Blamage vermieden wird. Nichts davon geschieht. Heinisch-Hosek hat alle Hilfsangebote ausgeschlagen und verweigert auch die Teilnahme einzelner Bundesländer bei PISA. Medizinisch gesprochen: Sie verbietet das Fiebermessen, statt die Ursachen der Schwächen zu suchen.

 

   Über ihr Motiv muss man nicht lange rätseln: Die Ministerin hat Angst, dass weitere Zeugnisse schlecht für Österreichs Schulsystem ausfallen. "Mittelmäßig“ lautete schon der Befund bei der ersten Pisa-Studie vor 13 Jahren. Daran hat sich nichts geändert, obwohl Österreich eines der teuersten Schulsysteme der Welt unterhält: Pro Schüler werden durchschnittlich 9.600 Euro ausgegeben, OECD-Schnitt: 7.100.

 

   Es gibt also kein Budgetloch, sondern ein Qualitätsproblem. Das zeigen nicht nur die internationalen Vergleiche. Auch Arbeitgeber klagen, dass acht von zehn Bewerbern für Lehrstellen am Aufnahmetest scheitern - trotz Hauptschulabschluss. Jeder zehnte 15-Jährige ist faktisch Analphabet.

 

   Drei Ursachen für die Misere hat der Bestsellerautor Andreas Salcher (" Der talentierte Schüler und seine Feinde“) erkannt: "Die Lügen der Politik“, "die Irrtümer der Lehrergewerkschaft“ und "die Selbsttäuschung von uns allen“.

 

   Kinder besitzen unterschiedliche Begabungen, Stärken, Interessen, "Potenziale“. Sie zu erkennen und zu fördern, ist zuerst Aufgabe der Eltern. Für den Schulerfolg ist z. B. die deutsche Sprache wichtig. Zu den Basisanforderungen gehört auch die Erziehung zu Sorgfalt, Konzentration, Pünktlichkeit, Ausdauer - biedere Tugenden, die aber den Lebensweg enorm erleichtern.

 

   Wer glaubt, dass "die Schule“ als Reparaturanstalt alle Versäumnisse der Eltern beheben wird, täuscht sich selbst. Den schwarzen Peter bei Schuldiskussionen bekommen mit größter Selbstverständlichkeit "die Lehrer“. Dabei gibt es "die Lehrer“ nicht. Es gibt, wie überall, gute und schlechte, faule und fleißige.

 

   Die gesamte Berufsgruppe werde "durch zehn Prozent Minderleister schwer beschädigt, deren Versagen von der Öffentlichkeit bereitwillig aufgenommen wird“, so Salcher. Dass die Lehrergewerkschafter aus falsch verstandener Solidarität diese Minderheit schützen, ist ein Grund für ihr miserables Image.

 

   Ein weiterer ist, dass sie das antiquierte Dienstrecht verteidigt, statt die Regierung mit frischen Ideen unter Druck zu setzen.

 

   Hauptverantwortlich für den schulischen Jammer ist die Bildungspolitik. Sie zelebriert ewig den Konflikt Gymnasium versus Gesamtschule. Lösbare Aufgaben werden verschlafen. Volksschulen sind überfordert, wenn 90 und mehr Prozent in einer Klasse nicht deutscher Muttersprache sind. Kein Wunder, dass sich Lehrer allein gelassen fühlen. Wer hilft ihnen?

 

   Die frühere Hauptschule wurde von der Neuen Mittelschule abgelöst; sie sollte besser sein - oder gar gleichwertig zum Gymnasium. Nichts davon ist eingetreten. Der Rechnungshof hat in einem Rohbericht die Schwächen aufgezeigt. Den objektiven Leistungsvergleich NMS/Gymnasium scheut die Ministerin. Kürzlich gab es Aufregung, weil Absolventen Neuer Mittelschulen schwer an AHS unterkommen. Das kann nur bildungsferne Politiker überraschen: Viele NMS-Zeugnisse - oft mit lauter Einsern - sind ihr Papier nicht wert. Beim Umstieg scheitern NMS-Abgänger oft an den einfachsten Aufgaben. Inzwischen musste Heinisch-Hosek einräumen, dass bei der NMS "nicht immer alles optimal funktioniert“.

 

   Eine kleinlaute Beschönigung, die weder Schülern noch Eltern und Lehrern hilft. Ehrliche Einsicht wäre der erste Weg zur Besserung.

 

   Redaktion@format.at, twitter@CKotanko

 

   Christoph Kotanko ist Korrespondent der OÖ Nachrichten in Wien

 

 

Die Presse – 4. April 2014

 

PISA-Stopp: Rückendeckung von Ex-BIFIE-Chef

Österreich hat es "sträflich verabsäumt", Konsequenzen aus den Tests zu ziehen, sagt Josef Lucysyhn. Er spricht sich für einen Abschied von PISA aus.

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) bekommt von unerwarteter Seite Rückenwind für ihre Entscheidung, nicht am PISA-Test 2015 teilzunehmen. Ihr Unterstützer heißt Josef Lucyshyn. Das Pikante dabei: Lucyshyn ist der ehemalige Direktor des Bundesinstitut für Bildungforschung (BIFIE) und war noch bis vor zwei Jahren selbst für die Durchführung des PISA-Tests in Österreich zuständig.

Nun ist er zum PISA-Skeptiker geworden. Anders als bei Heinisch-Hosek ist dafür aber nicht das Datenleck ausschlaggebend gewesen. Der ehemalige BIFIE-Chef hat schon davor sachliche Argumente für einen Ausstieg Österreichs aus PISA gesammelt. Erschienen sind diese nun im neuen Jahrbuch für Politik.

"Die Begründung für die Teilnahme an solchen Studien liegt in der Annahme, dass eine ,evidence based policy' (…) zu einer Verbesserung des Leistungsniveaus und des Bildungswesens insgesamt führen könnte. Der Nachweis dafür konnte in Österreich bisher nicht erbracht werden. (…) Es wäre also an der Zeit, über die Sinnhaftigkeit der Teilnahme an solchen Studien und deren Rezeption ernsthaft nachzudenken", schreibt Lucyshyn, der vor zwei Jahren von der damaligen Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) entlassen wurde. Er prozessierte gegen Schmied und gewann im dienstrechtlichen Verfahren in allen Instanzen.

"Nach 13 Jahren auf demselben Niveau"

Und er begründet seine pessimistische Aussage auch inhaltlich: "Nach 13 Jahren PISA befinden sich die Schülerleistungen noch immer auf demselben durchschnittlichen Niveau wie im Jahr 2003, das Gender-Gap in Mathematik hat sich sogar noch verschärft. Es ist nicht gelungen, die Leistung der Migrantengeneration zu heben oder sozial und sprachlich benachteiligte Schüler ausreichend zu fördern bzw. die Chancengerechtigkeit zu verbessern. Nach wie vor bleibt der sozioökonomische Hintergrund der Lernenden bestimmend für ihre Bildungskarriere", so Lucyshyn.

Österreich habe es - im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz - "sträflich verabsäumt", den Ursachen auf den Grund zu gehen und auf Basis der PISA-Daten problemorientierte Forschung zu betreiben, um "echte Handlungsoptionen" zu gewinnen.

Außerdem seien "die Kosten für diese Studien in Relation zum Erkenntnisgewinn nicht zu rechtfertigen", so Lucyshyn.

 

 

Die Presse – 4. April 2014

 

 

Was, bitte, soll das Wort "LehrerInnen" denn bedeuten?

Eine Minderheit versucht, der Mehrheit sprachlichen Unfug aufzudrängen.

Verfechter des Binnen-I und anderer Kunstformen aus dem Labor der feministischen Linguistik argumentieren mit einer mangelnden Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache. Auf der Anklagebank steht vor allem das sogenannte generische Maskulinum.

Behauptet wird, Wörter wie Wähler, Studenten, Freunde oder Engländer würden ausschließlich Männer bezeichnen, Frauen seien allenfalls mitgemeint. Daher müssten mehr weibliche Endungen her. Dennoch: Niemand würde bei der Frage nach der Einwohner- oder Studentenzahl nur Männer zählen und nur ideologisch gut geschulte Frauen fühlen sich auf einem Kundenparkplatz diskriminiert.

Der Grund: Im generischen Maskulinum sind auch die Männer „bloß mitgemeint“. Psycholinguistische Untersuchungen, die das Gegenteil beweisen wollen, sind bisher weitgehend gescheitert. Wolfgang Klein, Leiter des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen, betont, ihm seien keine Studien bekannt, „die stichhaltig belegen, dass Frauen durch das generische Maskulinum benachteiligt werden“.

Wer sich für gendergerechte Sprache starkmacht, tappt damit in eine böse Sexismus-Falle. Denn die Sexualisierung der Sprache, also die Betonung des biologischen Geschlechts auch dort, wo es irrelevant ist und sein soll, ist diskriminierend. Es besagt bloß: „Seht her, auch Frauen gehören dazu.“

Ein Blick auf das Binnen-I

Emanzipierte Frauen haben das nicht nötig. So gaben 2007 bei einer Untersuchung 81,2 Prozent aller Frauen bekannt, noch nie unsicher gewesen zu sein, ob sie auch angesprochen sind. Die zentrale Frage lautet daher: Kommt es in einer Situation auf das Geschlecht an? Wer das generische Maskulinum ablehnt, kann Etliches nicht mehr ausdrücken, beraubt die Sprache der Möglichkeit, auf der Ebene von Gattungsbegriffen zu sprechen. Aus aktuellem Anlass, der Diskussion um das österreichische Normungsinstitut, sei ein kurzer Blick auf das Binnen-I geworfen. Die Verwendung von Großbuchstaben im Wortinnern ist ein Verstoß gegen die Orthografie. Der Duden hielt 2011 unmissverständlich fest: „Die Verwendung des großen I im Wortinnern (Binnen-I) entspricht nicht den Rechtschreibregeln.“ Das Binnen-I ist unlesbar.

Wenig Freude mit Gendern

Laut ausgesprochen wird es als Femininum verstanden und führt unweigerlich zu Missverständnissen. Es ist nicht klar, was etwa das Wort LehrerInnen bedeuten soll: „Lehrerinnen und Lehrer“? Oder etwa „Lehrerinnen oder Lehrer“? Oder einfach nur „Lehrpersonen“?

Wir sollten nur Wörter schreiben, die es auch gibt. Das Wort LehrerIn kann es nicht geben: Denn welchen Artikel sollte es haben? Und was sollte es bedeuten? Und wie sollte z.B. der Genitiv lauten? Des Lehrers und der Lehrerin lässt sich nicht zu einer sinnvollen Buchstabenfolge verschmelzen. Das Binnen-I versagt bei Personenbezeichnungen, die in der femininen Form einen Umlaut aufweisen oder bei denen der letzte Buchstabe wegfällt: AnwaltIn, KochIn, BiologeIn, JudeIn. Das Binnen-I wird von der erdrückenden Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt.

Interessant sind weitere Ergebnisse der erwähnten Studie: „Bei beiden Geschlechtern ist die Tendenz eindeutig, auch in Zukunft im privaten Bereich nicht geschlechtergerecht zu formulieren.“ Überraschend: Die Begeisterung fürs Gendern ist laut Studie bei den Jüngeren geringer ausgeprägt als bei älteren Menschen. Eine kämpferische Minderheit versucht immer wieder, der Mehrheit sprachlichen Unfug aufzudrängen. Hoffentlich ohne Erfolg.

Dr. phil. Tomas Kubelik ist Gymnasiallehrer für das Fach Deutsch. Im Herbst 2013 ist sein Buch „Genug gegendert! Eine Kritik der feministischen Sprache“ (Projekte-Verlag Cornelius) erschienen.

 

Österreich – 4. April 2014

 

 

Wien

 

Schulen droht jetzt Sparpaket

Ministerin Heinisch-Hosek muss 68 Mio. sparen. Die Gewerkschaft schäumt.

 

Heute muss SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek die Einsparungen in ihrem Ressort festlegen. 68 Millionen müssen für das Budget 2014 gespart werden, ein weiterer Millionenbetrag ist wegen des Doppelbudgets bereits jetzt für 2015 fällig.

In der Lehrer-Gewerkschaft brodelt es heftig. Für Vorsitzenden Paul Kimberger sind weitere Einsparungen in den Schulen „in keiner Weise akzeptabel“. Er befürchtet, dass vor allem diese Bereiche besonders leiden:

• Unterstützungspersonal. Sekretäre, Psychologen oder Sozialarbeiter wurden angekündigt, seien aber bis jetzt nicht in den Schulen, so Kimberger.

• Sonderpädagogik: Die Gewerkschaft fordert mehr Personal, um echte Integration umzusetzen. Die sei jetzt schon nicht möglich.

• Sprachförderung: Ankündigungen zu mehr Personal müssten umgesetzt werden, anstatt noch mehr einzusparen.

• Talenteförderung: Die Individualisierung in den Schulen würde durch Einsparungen abgebaut anstatt ausgebaut, kritisiert Kimberger.

 

»Lehrer haben Hypo nicht verursacht«

ÖSTERREICH: Wo kann in den Schulen noch gespart werden?

Paul Kimberger: Wir haben einen Punkt erreicht, wo Einsparungen nicht mehr möglich sind. Wieso sollen wir den größten Anteil zur Budgetkonsolidierung beitragen? Die Lehrer und Schüler haben die Hypo nicht verursacht.

 

ÖSTERREICH: Gibt es außerhalb der Klassen Sparpotenzial?

Paul Kimberger: Ein Schlüssel sind der Projektwahnsinn und die Innovationshysterie, die in den letzten Jahren um sich greifen. Man muss die Schulen wieder mehr entscheiden lassen und den Lehrern mehr vertrauen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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