Mittwoch, 14. Mai 2014

2014.05.15: Newsletter Bildung

"News" Nr. 20/2014 vom 15.05.2014             Seite: 38,39,40,41,43

Ressort: Politik

 

Heinz Sichrovsky,

 

 

Das Ente der Rechtschreipung

 

   Das Ende der geschriebenen Sprache. Unzureichende Lehrpläne, pädagogische Wahnsinnsmodelle, Rechtschreibreform und Neue Medien setzen unserer Schriftsprache schwer zu. Experten verraten, wie Ihr Kind dennoch professionell Deutsch lernt.

 

   Susanne Zobl, Dagmar Kaindl

 

   Kein Malheur, prinzipiell: In einer zweiten Volksschulklasse geht es schließlich um das Erwerben von Fertigkeiten, nicht um deren vollkommene Beherrschung. Andererseits: "In der früh putse mir die Zene Dan trinke ich meinen Kaukau Dan tsi ich mich an. Ich begrüsse meine Lererin. Ich trefe fiele Freunde."

 

   Dass hier noch etwas zu tun bleibt, kann nicht geleugnet werden. Als Erstes wird die Arbeit mit dem Kind durchgesprochen. Dann begleitet ein Erwachsener, tunlichst ein Elternteil, die Verbesserung. Die Eltern werden auch zu den allenfalls nötigen Förderungsmaßnahmen beigezogen. Die Strategie lautet: üben, bis sich die Resultate erkennbar gesteigert haben.

 

   So haben es erfolgreich ins Erwachsenenalter gereifte Volksschulabsolventen in Erinnerung, so schriebe es die Logik vor. So ist es aber längst nicht mehr obligat. "Es gibt keine verbindlichen Lehrpläne für das Erlernen der Rechtschreibung", tadelt der Bildungsexperte und Sachbuchautor Andreas Salcher. In der Tat existieren nur noch Rahmenlehrpläne, innerhalb derer sich einzelne Pädagogen und regionale Schulbehörden verwirklichen. Eindeutig ist nur die Tendenz: Mit der Rechtschreibung geht es bergab.

 

   Lehrplan gibt es, wie erwähnt, keinen. Aber dafür ministerielle Verordnungen zur Leistungsbeurteilung, welche die Situation keineswegs entspannen. "Diktate werden noch an vielen Schulen durchgeführt, dürfen aber nicht mehr benotet werden", sagt die oberösterreichische Landesschulrätin Barbara Pitzer und nennt die Folgen: "Die Bedeutung der Rechtschreibung nimmt auch in der Wahrnehmung der Lehrer ab." Angelika B. (Name geändert), Deutschprofessorin mit 25 Jahren Berufspraxis, ergänzt und deaktiviert gleich die wohlfeilste aller Ausflüchte: "Der schlechte Durchschnitt liegt nicht in erster Linie an den Migranten. Der Schreibrichtigkeit wird insgesamt immer weniger Bedeutung zugemessen."

 

   Pflichtschullehrergewerkschafter Paul Kimberger, seit 1991 im Beruf: "Ich war mit einem oberösterreichischen Bezirk konfrontiert, wo seitens der Schulbehörde die Weisung ausgegeben wurde, in den ersten zwölf Wochen keinen Buchstaben zu lernen. Das halte ich für eine Schnapsidee. Kinder kommen motiviert in die Schule und wollen etwas lernen."

 

   Just da aber war der 2009 verstorbene Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen vor, dessen Wirken systematisch in die Praxis Eingang fand und der vielerorts als Verursacher der Malaise namhaft gemacht wird. Kinder wären zu kreativen Menschen heranzubilden statt zu "drillen", forderte er, pädagogische Grundmaßnahmen mit Barras verwechselnd. Deshalb entwickelte er das Konzept des "furchtlosen Schreibens", des Schreibens nach Gehör. Rechtschreibregeln wären in der ersten Klasse kein Thema, sie dürften maximal in der zweiten, womöglich gar erst in der dritten Klasse angewendet werden. Bis dahin schreibt man, pädagogisch ermuntert, "Foier" statt "Feuer", "Fatta" statt Vater oder "Gadse" statt Katze. Die Eltern hätten jeden noch so sanften korrigierenden Eingriff zu unterlassen, um das Kind nicht zu verwirren.

 

   Die Stunde der Analphabeten.

 

   Wie ein Virus, befand der "Spiegel", der Reichen eine Titelgeschichte widmete, habe sich dessen Pädagogik über den Sprachraum verbreitet. Zwar berufen sich nur einige exzentrisch disponierte Privatschulen explizit auf den Kuschelpädagogen. De facto allerdings hat er die Schulpraxis nachhaltig kontaminiert. Das Resultat: Immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene können nicht mehr schreiben.

 

   Für Österreich gibt es keine Erhebungen, weder Studien noch Statistiken. Doch die durchaus vergleichbaren deutschen Zahlen belegen das Ausmaß des Dilemmas:

 

   * Eine deutsche Schulleistungsstudie ergab: Nur noch jeder fünfte Mittelstufen-Gymnasiast ist muttersprachlich sattelfest, ein Test-Diktat mit 68 Wörtern generierte im Schnitt 16 Fehler.

 

   * Und, eine andere Studie von der Universität in Siegen: Liefen 1972 in einer vierten Volksschulklasse je 100 Wörter noch 6,9 Fehler auf, waren es 2002 schon 12,3 und 2012 stattliche 15,9.

 

   * Was Österreich betrifft, so lässt die PISA-Studie zur Lesefähigkeit zumindest Hochrechnungen auch auf die orthografischen Künste zu - "Wer nicht lesen kann, beherrscht auch die Rechtschreibung nicht", sagt Kimberger. Deutschland erreichte hier 508, Österreich bloß 490 Punkte. Im Detail befanden sich 20 Prozent der getesteten 15- bis 16-jährigen Österreicher im Risikostatus, konnten also nicht sinnerfassend lesen.

 

   Lehrer mit Rechtschreibproblemen.

 

   Der emeritierte Wiener Germanistik-Ordinarius Herbert Zeman unterweist seit 1966 junge Menschen in den Avanciertheiten der deutschen Sprache. "Verheerend" habe sich die orthografische Situation entwickelt, klagt er. Auch an den Universitäten, an denen ja die Lehrenden für die nächsten Generationen herangebildet werden: "Es gehen Universitätsabsolventen mit erheblichen Rechtschreibproblemen an die Gymnasien." Wie das möglich ist? "Ich selbst habe einmal von einem Lehrenden, einem Außerordentlichen Professor für Germanistik, einen Brief voller Rechtschreib- und Interpunktionsfehler bekommen."

 

   40 % weniger Wortschatz.

 

   Über Jahrzehnte in Wien, als Gast in Stanford, Rom, Bonn und Erlangen, jetzt an der Donau-Universität verteidigte Zeman seine Wissenschaft stets gegen schicke Literatur- und Gesellschaftskritiker aus der akademischen Kollegenschaft. "Wir müssen methodisch streng arbeiten", fordert er. "Wenn man während des Studiums den Weg nicht in einer klaren Linie vorgeschrieben bekommt, kann man eben auch ohne wirkliche Ausbildung durch die Schlussprüfungen kommen."

 

   Der Wortschatz vom Schülern und Studenten habe sich seit 1966 um 40 Prozent verringert, schätzt Zeman und stellt Forderungen: "Ich halte eine Zulassungsprüfung gerade für ein Massenstudium wie die Germanistik für nötig. Rechtschreib- und Sprachkompetenz und Grundzüge der Literaturgeschichte müssen Voraussetzung sein."

 

   Begriffe wie "Autorität", "Leistung" und "Tradition" wären insgesamt verheerend besetzt, dringt Zeman dann an die Wurzel des Problems vor. "Und das ist schlimm, weil wir uns dadurch selber fesseln."

 

   Das bestätigt der namhafte österreichische Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier. Reformpädagogische Eskapaden wären nicht die Ursache des Sprachverfalls, bloß ein Symptom für Größeres. "Es liegt an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen", sagt der Verfasser des Sachbuchs "Generation Ego". "Wir leiden unter einem haltlosen Kult um das Individuum. Es wird vergötzt, man darf ihm schon im kindlichen Alter keine Anforderungen mehr zumuten. Es entscheidet selbst, was es lernt, die Sprache und ihre Gestaltungsmöglichkeiten bleiben seinem Ermessen überlassen. Das Kollektiv hat alle Rechte verloren."

 

   Lehrer im Sturm.

 

   Dass die Lehrer als Repräsentanten des Kollektivs zusehends um Reputation und Autorität gebracht werden, ist Faktum. Alle Dämme sind hier in den vergangenen Jahrzehnten gebrochen. Als wollte sich eine ganze Elterngeneration für eigene Schulpein schadlos halten, brechen Häme und Maßregelung über die Lehrer herein. Die amtsverwichene Unterrichtsministerin Claudia Schmied war in dieser Hinsicht Avantgarde. Und was in "Globalesisch" (der Mathematiker und Universalgelehrte Rudolf Taschner) "shitstorm" genannt wird, begleitet verlässlich jede Schuldebatte.

 

   "Früher stand das Wesentliche im Mittelpunkt, nicht Projektgruppen. Deshalb haben wir vom ersten Schultag an Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt", sagt Kimberger. "Ich meine, dass Lehrer in der Schule etwas verlangen sollen und dürfen. Die Frage der Leistung spielt eine wesentliche Rolle. Dagegen gab es bestimmte Entwicklungen der vergangenen Jahre, die scheinbar unter einem Toleranzgedanken standen, den Kindern aber nicht guttun."

 

   Der Grazer Fachdidaktiker Christof Lamot, seit 21 Jahren im Schuldienst und Verfasser des beherzigenswerten Buchs "Deutsch - alles im Griff": "Dazu kommt ein enormer Druck von Elternseite. Die Lehrer müssen gute Noten geben, damit das Kind ins Gymnasium gehen kann, weil die Neue Mittelschule medial so schlecht wegkommt." Um ins Gymnasium aufgenommen zu werden, ist ein bestimmter Notendurchschnitt nötig. Den auf seriösem Weg zu erreichen, wenn die Rechtschreibung womöglich bis zur dritten Klasse vernachlässigt wurde, ist schwierig. Also gibt die Note den Ist-Zustand nicht immer wieder.

 

   Der Druck wächst.

 

   Angelika B.: "Wir sollen dann aus schlecht ausgebildeten Volksschülern Maturanten produzieren, und das auch noch mit viel Spaß und wenig Druck. Wir Lehrer brauchen vom Gesetzgeber dringend Instrumentarien und die Erlaubnis, Dinge in einem vernünftigen Ausmaß abzufragen, zu bewerten und zu benoten, um den Schülern real widerzuspiegeln, wo sie stehen. Wir sind in einem Netz von Verboten und Vorschriften gefangen, sind dauernd defensiv unterwegs."

 

   Und Mathilde Zeman (keine Verwandtschaft mit dem Meistergermanisten), Leiterin der schulpsychologischen Abteilung beim Wiener Stadtschulrat, fügt hinzu: "Niemand soll Druck auf die Kinder ausüben. Aber ohne Übung und Training geht es nicht. Das gilt für den Sport wie für die Rechtschreibung."

 

   Das alles fällt in Zeiten, da die Eltern die Entwicklung des Nachwuchses zusehends an die Schulen delegieren. In den skandinavischen Ländern, sagt Kimberger, wäre Bildung ein "gesamtgesellschaftliches Anliegen, das man sich auch unter teilweisen Mühen erarbeiten muss. Da können wir uns ein Beispiel nehmen. Bei uns wird die Schule als Dienstleistungsunternehmen mit Erfolgsgarantie angesehen. Aber alle Beteiligten, auch die Eltern, haben ihren Teil dazu beizutragen, dass das Projekt gelingt." Eine "Schnapsidee" wäre folgerichtig der Heinisch-Hosek-Vorschlag einer "Schule ohne Schultasche", das bedeutet: die Beschränkung aller Lernvorgänge auf die Schule. "Was ist schlecht daran, wenn ich meine Kinder frage, was sie gelernt haben, oder sage:, Lass mich einmal in die Schultasche hineinschauen'? Kinder, die das nicht haben, weil sie aus prekären Elternhäusern kommen, müssen wir natürlich fördern. Aber die Verantwortung insgesamt auf die Schule abzuladen, ist falsch."

 

   Dialektwelle und dumme Reform.

 

   Herbert Zeman terminisiert das Abhandenkommen der avancierten Sprache in drei Wellen.

 

   * Der Einbruch der Dialektwelle Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre habe sich fatal ausgewirkt. "Ich war immer der Ansicht, ein Wiener oder ein Oberösterreicher müsse seine Mundart sprechen können, aber ebenso gut das Hochdeutsche beherrschen. Heute fehlt es selbst Akademikern. Auch dann, wenn es gefordert wäre." Zur nämlichen Zeit - so ist Zemans Ausführungen hinzuzufügen - wurde das neue Österreichische Wörterbuch zur zweifelhaften Segnung. Zwar wurde dort genuines Sprachgut bewahrt, andererseits aber auch Schlampereien der akademische Sanktus erteilt. Das Resultat war keine farbige, individualisierte, sondern eine mediokre, provinzielle Sprache. "Am" - statt "auf dem" - Tisch ist schon allgemeiner Sprachgebrauch, und schlechte Austriazismen sind keine patriotische Errungenschaft. Zumal, so Zeman, die deutschen Nachbarn hinsichtlich des Gebrauchs ihrer Sprache traditionell im Vorteil wären: "Das beginnt mit Luther, der die deutsche Sprache für den Protestantismus durchgesetzt hat, während in der Habsburger-Monarchie Latein noch 1848 Amtssprache war."

 

   * Die Rechtschreibreform des Jahres 1999 war ein Debakel. Die wirren und sinnwidrigen Regeln wurden alsbald widerrufen, Schulbücher neu gedruckt. Heute gilt ein sinnloses Gemisch aus alter und neuer Schreibung. Zeman: "Sie hat nur Verwirrung gestiftet. Wer schon verunsichert war, wurde es doppelt." In der Tat mehren sich seit der Abschaffung des markanten "daß" die einschlägigen Fehler selbst in eleganten Kreisen.

 

   Mathematiker Rudolf Taschner, ein scharfer Kritiker der grassierenden Abwertung der Geistes- gegenüber den Naturwissenschaften: "Die neue Rechtschreibung ist vertrottelt, da wurde der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Wenn ich jetzt, Orthografie' zwar mit, th", aber mit, f' schreiben muss, ist das nur dumm. Da wäre es besser, gleich in die Zeit vor Duden, vor der kodifizierten Rechtschreibung, zurückzukehren. Noch Goethe hat sich ja manchmal, Göthe' geschrieben", erinnert er an das relativ zarte Alter des Problems - erste entsprechende Normen wurden erst ab 1850 aufgestellt.

 

   * Verheerenden Einfluss, so Germanistik-Ordinarius Zeman, haben die neuen Medien auf die Rechtschreibung genommen, insbesondere Phänomene wie SMS und Twitter. Eine synthetische Kürzelsprache amerikanischer Provenienz beginnt sich durchzusetzen und wird gleich elektronisch korrigiert, diagnostiziert Zeman: "Wortschatz und Rechtschreibung verflüchtigen sich durch die Apparatisierung. Dazu lernen die Kinder in der Schule keine Gedichte und keine Rhetorik mehr, weil die Lehrer zum Teil selbst keine Ahnung mehr davon haben. Beide sind aber für die Sprachentwicklung wichtig." Und Pädagogin Pitzer: "Die Kinder schreiben zu früh auf dem Computer. So bildet sich ihr Rechtschreibgewissen nicht aus. Speziell für Jugendliche hat das richtige Schreiben keinen Wert mehr, oft verständigen sie sich im Dialekt. Das hat mit der Geschwindigkeit zu tun, mit der heute die elektronischen Botschaften um die Welt rasen. Für Korrekturen bleibt da keine Zeit."

 

   Schwachsinnige Kinderbücher.

 

   Ein weiteres Übel ist sprachsensibilisierten Praktikern mit Kindbestand geläufig: In hysterischem Bemühen um eine korrekt zurechtgehämmerte Gesellschaft geraten Kinderbücher auch von sublimer sprachlicher Beschaffenheit auf den Index. Es begann mit Grimms Märchen, die als traumatisierend verteufelt wurden, bis sie der große Psychotherapeut Bruno Bettelheim als unerlässlich für die Bewältigung von Urängsten erkannte. Dann waren angebliche Transporteure überkommener Rollenbilder an der Reihe. Aktuell fahndet man in Werken der Weltliteratur nach unstatthaftem Wortgut wie "Neger" und "Zigeuner". Dafür erlangt sprachverarmtes, mit dem Minimalwortschatz ringendes Normgestammel aus neuester Massenproduktion fatalen Einfluss. Was darüber hinausgeht, wird orthografisches Abenteuergebiet.

 

   Die Geschädigten sind die Kinder, denen auch ein Stück Zukunft entwendet wird. Die Germanistin Gertrude Pauritsch von der Grazer Universität erinnert sich an den Fall einer begabten jungen Literaturstudentin, die glänzend durch alle Prüfungen kam. Bis man am Institut aus vielfach gegebenem Anlass einen Sprachkompetenz-Test für Studierende einführte: Verlassen vom Apple-Rechtschreibkorrekturprogramm, musste die Dame in fortgeschrittenem Stadium quittieren. ■

 

 

 

Die Presse – 15. Mai 2014

 

 

Kritik am Bildungsinstitut: „Die parteipolitische Bestellung rächt sich"

Ministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) will am Donnerstag verkünden, wie es mit dem Bildungsinstitut Bifie weitergehen soll. Die Chefposten wackeln.

Wien. Donnerstag, ist der Tag der Entscheidung für das Bundesinstitut für Bildungsforschung Bifie. Denn nach der peinlichen Pannenserie bei der Zentralmatura wird Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) nun offiziell verkünden, wie es mit dem Institut weitergeht. Zwar waren die beiden Bifie-Chefs schon am Mittwoch im Ministerium geladen, doch man vereinbarte Stillschweigen. Denkbar blieb vorerst so gut wie alles: Von einer rein inhaltlichen Neuausrichtung über den Abgang beider bzw. eines Direktors und einer teilweisen Eingliederung des Instituts ins Ministerium bis hin zur kompletten Schließung. Ausschließen konnte man hingegen nur eines: dass sich am Bifie nichts ändern muss.

Denn die Ministerin ließ in den vergangenen Tagen kaum einen Zweifel daran, dass die Verantwortlichen für die Pannen direkt im Bifie sitzen. Schon am vergangenen Freitag sagte sie der Öffentlichkeit, dass sie „die Nase voll" habe und das Ganze „nicht mehr länger akzeptieren" wolle. Sie wurde faktisch zum Handeln gezwungen. Denn das Institut wurde mehr und mehr zum Sorgenkind der Bildungspolitik. Zu Jahresbeginn sorgte das Bekanntwerden eines Datenlecks beim Bifie für große Aufregung. Dabei sind 400.000 vertrauliche Testergebnisse und Daten von 37.000 Lehrern auf einem rumänischen Server aufgetaucht. Schon damals versprach die Ministerin Aufklärung und eine „Redimensionierung" des Bifie.

Die neuerlichen Fehler bei der Zentralmatura, die gestern, Mittwoch, zu Ende ging, brachten das Fass dann aber zum Überlaufen. Denn beim diesjährigen Probedurchlauf – dem letzten vor der verpflichtenden Einführung an allen AHS im kommenden Jahr – gab es in mehreren Fächern Probleme. Zuerst sorgte der Beurteilungsschlüssel in den lebenden Fremdsprachen für Verwirrung: Statt 60 Prozent mussten im Fach Englisch für eine positive Note plötzlich 63 Prozent der Punkte erreicht werden. In Mathematik gab es sogar noch größere Probleme: An fünf von 48 teilnehmenden Schulen musste die Matura kurz unterbrochen werden, da nur acht der 24 Mathematikaufgaben vorhanden waren. Auch die Deutschmatura stand in der Kritik. Der Vorwurf lautete: Den Schülern sei ein Text mit NS-Ideologie vorgelegt worden, ohne sie darauf aufmerksam zu machen (siehe Seite 23).

„Glatte Täuschung der Öffentlichkeit"

Kritik mussten sich die beiden Bifie-Chefs – Martin Netzer leitet das Institut in Wien und Christian Wiesner jenes in Salzburg – gestern auch von einem ihrer Vorgänger gefallen lassen. Günter Haider, der dem Bifie Salzburg bis März 2013 vorstand, bezeichnete die Vorgänge als „Mischung von Unprofessionalität und mangelnder Sensibilität". Er hat auch einen Schuldigen ausgemacht: Martin Netzer. Als Bifie-Direktor am Wiener Standort ist er nämlich für die Zentralmatura verantwortlich.

„Hier rächt sich, dass bei seiner Bestellung in erster Linie parteipolitische Dinge ausschlaggebend waren", sagte Haider im ORF-Radio. Tatsächlich ist Netzer vor seinem Wechsel ins Bifie elf Jahre lang im Unterrichtsministerium tätig gewesen, zuletzt als stellvertretender Leiter der Sektion II. Ins Bifie soll er auf Wunsch der ÖVP gekommen sein. Sein Pendant, Christian Wiesner, habe das SPÖ-Ticket erhalten, wurde stets gemunkelt. Dass die Postenvergabe viel mit Parteipolitik zu tun hat, ist keine Überraschung. Verwunderlich ist eher, dass ausgerechnet der als Bifie-Chef verabschiedete Günter Haider diesen Umstand anprangert. Immerhin wurde er in der Vergangenheit als Bildungsminister für die SPÖ gehandelt.

Die jetzige Bildungsministerin muss übrigens auch Kritik von Haider einstecken. Heinisch-Hosek dürfe nicht „so tun, als wäre das Bifie eine externe Firma, für die sie keine Verantwortung trägt". Das sei eine glatte Täuschung der Öffentlichkeit, sagt Haider. Und: „Natürlich haben Schmied (Ex-SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied, Anm.) und Heinisch-Hosek die Gesamtverantwortung für das Schlamassel."

 

 

Die Presse – 15. Mai 2014

 

 

Zentralmatura: Ministerin feuert BIFIE-Chefs

Die beiden Direktoren des Bildungsinstituts BIFIE, Martin Netzer und Christian Wiesner, ziehen sich bis Ende Juli zurück. Das ergab ein Krisengespräch mit Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek.

 

Nach dem Chaos bei der Zentralmatura und anderen Pannen müssen die beiden Direktoren des zuständigen Bildungsinstituts BIFIE, Martin Netzer und Christian Wiesner, ihre Posten räumen. Das hat Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), die nach mehreren Pannen rund um die Zentralmatura zuletzt selbst noch stärker unter Druck geriet, am späten Mittwochabend entschieden, wie der „Standard" berichtete.

Die beiden „machen den Weg frei", so das offizielle Wording. Man habe laut „Standard" einen „geordneten Rückzug bis Ende Juli" vereinbart.

Die Ministerin hatte sich zuvor, gegen Mittwochmittag, mit den beiden Direktoren zu einem ersten Krisengespräch, dann folgten Termine mit dem BIFIE-Aufsichtsrat und den Schulpartnern (Lehrern, Eltern, Schüler) – bevor es am Abend in eine zweite und vorerst letzte Runde mit den BIFIE-Chefs ging.

„Redimensionierung" des Instituts

Bereits vorab war klar, dass Heinisch-Hosek das krisengebeutelte Institut reformieren will. Sie hatte stets von einer „Redimensionierung" des Instituts gesprochen. Bislang war aber unklar, ob nur Standorte geschlossen werden sollen, Aufgaben an das Ministerium oder andere Einrichtungen abgegeben werden müssen oder doch das Aus des Instituts bevor steht. Dass nun beide Direktoren gehen müssen, überrascht. Zuletzt schien vor allem der Posten des für die Zentralmatura zuständigen Direktors Martin Netzer – der auf einem ÖVP-Ticket sitzt – zu wackeln.

Die Zentralmatura war von mehreren Pannen überschattet: In der Deutschmatura fand sich ein zweifelhaftes Textbeispiel aus dem NS-Umfeld, bei der Englischmatura wurde kurzfristig der Notenschlüssel geändert. Und bei der Mathematikmatura erhielten einige Schulen zu wenige Prüfungsbeispiele. Erst Anfang des Jahres erschütterte ein Datenskandal das BIFIE.

Die Betroffenen haben sich bisher nicht zu Wort gemeldet. Heinisch-Hosek hat für den heutigen Vormittag eine Pressekonferenz angekündigt.

>> Bericht von der „Standard"

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Die Presse – 15. Mai 2014

 

 

Nach Pannen bei Zentralmatura: Bifie-Direktoren treten zurück

Lisa Nimmervoll

Martin Netzer und Christian Wiesner machen nach Gespräch mit Bildungsministerin Ministerin Heinisch-Hosek "den Weg frei" - Experten kritisieren "strukturelle Überstrapazierung"

Wien - Es brauchte dann zwei Gespräche mit der Unterrichtsministerin statt eines, wie von Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) vorgesehen, aber Mittwochabend nach 22 Uhr war klar: Beide Direktoren des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie), Martin Netzer und Christian Wiesner, "machen den Weg frei", erfuhr der STANDARD. Es wurde ein "geordneter Rückzug bis Ende Juli vereinbart". Stellungnahme wollte niemand abgeben, Heinisch-Hosek wird sich am Donnerstag öffentlich äußern.

Am Vormittag hatte die Ministerin noch gesagt: "Ich bin natürlich letztverantwortlich dafür, was im Bildungssystem gut oder schlecht läuft." Das war, bevor es zu Mittag beim ersten Krisengespräch darum ging, wer quasi die vorletzte Verantwortung für die Pannen beim Test der Zentralmatura tragen muss. Es folgten noch Treffen mit Bifie-Aufsichtsratsvorsitzendem Arthur Mettinger und den Schulpartner, und dann folgte am späten Abend Runde zwei mit den Bifie-Direktoren.

Rot-schwarze Proporzbesetzung

Es war klar, dass es Heinisch-Hosek um die Zukunft des Bifie insgesamt – mit Standorten in Wien, Salzburg, Graz, Klagenfurt – gehen würde und nicht nur um die Direktoren. Die mussten von Anfang an zittern, dass es nicht nur den für die „standardisierte kompetenzorientierte Reifeprüfung" zuständigen Martin Netzer, den Job kosten könnte.

Netzer wurde im März 2013 in koalitionärer Eintracht neben Christian Wiesner für fünf Jahre an die Spitze des Bifie gesetzt. Als ehemaliger Büroleiter von Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) wurde Erwachsenenbildungsexperte Netzer der schwarzen Reichshälfte zugerechnet, Wiesner, davor am Bifie Salzburg Leiter des "Zentralen Managements und Services", der Proporzlogik gemäß unter Rot verbucht und für Bildungsstandards und internationale Tests wie Pisa abgestellt. Die Mitarbeiterzahl wurde damals mit rund 150 angegeben, Budget: 21,4 Millionen.

Schon in den ersten fünf Jahren nach der Gründung 2008 war das Bifie mehrfach in Turbulenzen, Josef Lucyshyn wurde von Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) vorzeitig abberufen, und Gründungsdirektor Günter Haider taten seine oft sehr pointierten und politisch nicht immer genehmen Worte nicht gut, er wurde 2013 nicht mehr in seinem Amt verlängert.

Dann kamen die zwei Neuen - und 2014 das "Datenleck" mit angeblich frei zugänglichen Ergebnissen der informellen Kompetenzmessung und E-Mail-Adressen.

Kündigung nach Datenleck

Mittlerweile deutet vieles darauf hin, dass es sich dabei um einen kriminellen Akt gehandelt hat. Laut STANDARD-Informationen gab es in der Causa unlängst eine Kündigung im Bifie, das Bundeskriminalamt ermittelt noch immer.

Heinisch-Hosek griff damals ein und unterzog das Bifie einem TÜV-Test, den mit der Materie Betraute für die Kalamitäten bei der Zentralmatura mitverantwortlich machen. Durch den Test wurde die Zeit für den Druck der Testhefte halbiert, das Fehlerrisiko erhöht - und prompt ging etwas schief.

Dass die Ministerin damals die Pisa-Studie gegen nachdrückliche Expertenwarnungen stoppte, verbuchen mehrere Bildungsforscher auf STANDARD-Anfrage als symptomatisch für die "von Anfang an falsche Konstruktion" des Bifie, wie etwa Stefan Hopmann von der Uni Wien, der auch Mitglied des wissenschaftlichen Bifie-Beirats ist. Er hat wie seine Kollegin Christiane Spiel schon vor dem Beschluss des Bifie-Gesetzes gewarnt. "Viele europäische Länder haben sich nach der ersten Pisa-Studie Thinktanks zugelegt, die Daten generieren und interpretieren sollen. In den meisten Ländern wurde das ausgelagert, in Kooperation mit Unis oder in unabhängige Institute. In Österreich hat man ein Staatsinstitut gewählt, das hoheitliche Aufgaben wie Zentralmatura und Forschungsaufgaben erledigen soll. 'Leute, das geht nicht, ihr überstrapaziert das Bifie strukturell', haben wir damals gesagt."

"Auf dem Rücken der Schüler"

Vergeblich. Die "erwarteten Legitimations- und Verantwortungskonflikte" sind nun auf offener Bühne zu bestaunen und, schlimmer noch,"alles auf dem Rücken der Schüler. Deswegen bin ich so sauer", sagt Hopmann.

Bildungspsychologin Spiel nennt das "Fehlen der notwendigen Distanz zum Ministerium" - es entscheidet etwa, "was und wann berichtet wird" - als zentralen Grund für ihren Einspruch gegen das Bifie-Gesetz. Die "sehr guten nationalen Bildungsberichte" des Bifie lobt sie, urgiert aber eine "wissenschaftlich ausgewiesene und unabhängige Leitung" und Anbindung an die Uni.

Das tut auch Statistiker Erich Neuwirth, der bei der ersten Pisa-Studie einen Fehler nachgewiesen hat, den die OECD offiziell korrigierte: "Gewisse Kompetenzmängel" etwa bei der Deutschmatura führt er auf das "grundsätzliche Problem der Isoliertheit und Abgetrenntheit des Bifie von der restlichen wissenschaftlichen Welt" zurück. Dennoch: "Zusperren hielte ich für schade." Er hegt den Verdacht, dass es beim "Outsourcing" etwa der Zentralmatura, einer staatlichen Prüfung, an das Bifie auch darum geht, "Ministerverantwortung loszuwerden".

"Watschenmann"-Direktoren

Auf diese politische Verantwortung pocht auch Hopmann, der die Bifie-Chefs in der "Watschenmann"-Rolle und einem "Dilemma" sieht: "Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist." Das könne nur gelöst werden durch Trennung: "Forschungsaufgaben in wissenschaftliche Hände, hoheitliche Aufgaben in politische. Die Politik greift ja auch heftig in Forschungsfragen ein, etwa beim Pisa-Stopp. Das muss bereinigt werden."

 

 

Die Presse – 15. Mai 2014

 

 

Grenzenlos inkompetent: Sperrt den ganzen Laden einfach zu!

Dem BIFIE unterliefen nicht bloß mehr oder weniger entschuldbare Lapsus, es beging einen bösen Fauxpas, dem die Schließung des Bundesinstituts folgen sollte.

Rudolf Taschner  (Die Presse)

Große oder kleine Patzer in der formalen Vorbereitung ereigneten sich bei den Prüfungen im Verlauf einer Matura immer wieder. Früher oblag es der weisen Entscheidung von Vorsitzenden, sie möglichst angemessen auszubügeln. Richtschnur dabei war, gegenüber der Gesellschaft dafür geradezustehen, dass die Absolventen die an sie gestellten Ansprüche erfüllt haben. Diese Maßstäbe möglichst objektiv zu fassen ist das Ziel der Zentralmatura. Und es ist gut, dieses maßvoll verfolgen zu wollen.

Maßvoll ist hier das entscheidende Wort. Denn auch dem Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (BIFIE), der zentralen Ausgabestelle der Prüfungsfragen, können Hoppalas passieren. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es wirklich nur bei Hoppalas bliebe, wenn die Verursacher der begangenen Fehler diese nicht mit impertinenter Arroganz zu übertünchen versuchen und wenn nicht der blinde Glaube an die allein selig machende Testung von Kompetenzen vorherrschte. Doch all das trifft nicht zu.

Am wenigsten stimmt, dass es sich beim derzeitigen Probelauf der Zentralmatura um Missgeschicke aus verzeihbarer Unachtsamkeit handelte, um Pannen. Es ist vielmehr skandalös, aber wahr, dass dem BIFIE nicht bloß mehr oder weniger entschuldbare Lapsus unterliefen, sondern jedenfalls bei der Aufgabenstellung im Fach Deutsch ein unverzeihbarer Fauxpas.

Es kann doch kein Einzelner gewesen sein, sondern es musste sicher ein Gremium entscheiden, welcher Text für die verlangte Interpretation ausgewählt wird. Und da entschied man sich für eine sowohl formal als auch inhaltlich erbärmliche Kurzgeschichte, die nichts in sich birgt, was eine Deutung verdient.

Es wurde ein Text gewählt, der einen jungen Menschen, der ihn unvoreingenommen liest, nur ratlos machen kann. In ihm wird eine Situation geschildert, die vordergründig banaler nicht sein könnte: Jemand entschließt sich, eine Salatblätter fressende Schnecke zu zertreten – na und? Er entscheidet sich für die Nutzpflanze und gegen den Parasiten, so anmutig dieser auch sein mag.

„Beschreiben Sie, in welcher Weise der Schriftsteller den Umgang mit Natur und Leben in seinem Text thematisiert", verlangt der anonyme Aufgabensteller. Aber mehr als das eben Gesagte gibt der Text als Antwort nicht her. „Deuten Sie den Inhalt der Kurzgeschichte im Hinblick auf das Thema ,Umgang mit Natur und Leben', indem Sie auch auf den Symbolcharakter der Schnecke eingehen", wird als weitere Aufgabe gestellt. So, als ob es sich um ein Umweltproblem handelte.

Eine aberwitzige Irreführung. Denn nirgends wird den jungen Leuten verraten, dass der Autor ein der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis affiner Schreiberling war, der sich nun, 1947, mit dieser ekelhaften Schrift zu exkulpieren versuchte.

Erst wenn man das weiß, kann man seine schwülstige Phrase verstehen, wonach der Mensch, egal, wie er sich entscheidet, schuldig wird, „mag es sich um die Schnecke und das Salatblatt oder um den Urwald und die Siedlung, mag es sich um die See und den Deich oder um die Krankheit und den Arzt, mag es sich um das Blut und den Geist oder um das Schicksal und den Willen handeln". Im Klartext: So schlimm sei die Ungeziefervernichtung – das böse Bild für den Genozid war ihm wie seinen damaligen Lesern geläufig – gar nicht, denn irgendwie lüde man immer Schuld auf sich.

Und diese Ungeheuerlichkeit wird kommentarlos und mit grotesk deplatzierten Fragen versehen auf die unbefangenen jungen Leute losgelassen.

Wer dies verantwortet, sollte nie mehr in seinem Leben mit der Prüfung junger Menschen – sei sie auch anonym – zu tun haben. Aber es ist zu bezweifeln, dass dieser „Experte" (alle im BIFIE Tätigen fühlen sich als wahre Schulexperten) vor den Vorhang tritt. Darum ist es am besten, man sperrt den ganzen Laden zu und denkt über eine neue Gestaltung der Matura nach.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im quartier 21, Museumsquartier Wien.

 

 

 

KLZ – 15. Mai 2014

 

Bifie-Direktoren treten zurück

Die Pannen rund um die Zentral-Matura haben im Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) ein Köpferollen zur Folge. Die beiden Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner ziehen sich bis Ende Juli zurück, wie am Mittwochabend bekannt wurde.

Die Pannen rund um die Zentral-Matura haben im Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) ein Köpferollen zur Folge. Die beiden Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner ziehen sich bis Ende Juli zurück. Ein entsprechendes Einvernehmen wurde bei einem Gespräch von Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek mit den Direktoren am Mittwoch erzielt. Heinisch-Hosek wird sich am Donnerstag dazu äußern.

Pannen bei der Zentralmatura

Der Testlauf zur Zentralmatura war von gleich drei Pannen begleitet worden. Den Anfang nahmen die Probleme damit, dass der Notenschlüssel bei der Englisch-Matura nach oben korrigiert wurde, konkret 63 Prozent statt der von Schülern erwarteten 60 Prozent korrekt absolviert werden mussten.

Weiter ging es bei der Mathematik-Reifeprüfung, als die Schüler an fünf Wiener AHS in ihren Mathe-Testheften nur acht statt 24 Aufgaben vorfanden. Schließlich kam auch noch die Deutsch-Matura in die Kritik, da nach Ansicht von Germanisten der ausgewählte Text "Die Schnecke" des Autors Manfred Hausmann als Pardonierung für Naziterror und Holocaust verstanden werden könnte.

Datenleck bei Bildungsvergleichen

Schon vor der Zentralmatura hatte das Bifie wegen eines vermeintlichen Datenlecks für Aufsehen gesorgt, in dessen Folge Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek Österreichs Teilnahme am nächsten PISA-Bildungsvergleichstest absagte.

Die Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner sind nun offenbar dem Druck auf das Institut gewichen. Den beiden war keine lange Amtszeit vergönnt. Sie waren erst im April vergangenen Jahres von Heinisch-Hoseks Vorgängerin Claudia Schmied angetreten und hätten ihre Funktionen eigentlich fünf Jahre ausfüllen sollen. Netzer, einst Kabinettschef der früheren ÖVP-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP), war dabei der Verantwortliche für die Zentralmatura.

 

 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 15.05.2014             Seite: 1

Ressort: Seite 1

 

Braunau

 

Eltern und Direktoren wollen Zentralmatura

 

   WIEN. Am Mittwoch absolvierten die letzten Schüler im heurigen Schuljahr - in Griechisch - die schriftliche Zentralmatura. Welche Konsequenzen sie aus der Pannenserie beim Ablauf der neuen Matura ziehen will, sagt Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) heute, für Bifie-Direktor Martin Netzer könnte es eng werden.

 

   Elternvertreter und AHS-Direktoren plädierten gestern zwar für Änderungen bei der Matura, um Fehler künftig zu vermeiden. Die Einführung an allen AHS nächstes Schuljahr befürworten sie aber. »Seite 2

 

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OÖN – 15. Mai 2014

 

Zentralmatura ist mit Änderungen trotz Pannen serienreif

WIEN. Ministerin Heinisch-Hosek (SP) zieht erste Konsequenzen, Bifie-Chefs wackeln.

An den Schulen ist die schriftliche Zentralmatura gelaufen: Mit Griechisch war gestern das letzte Fach an der Reihe.

Ihre Noten für die Abwicklung der neuen Reifeprüfung holten sich die Direktoren des zuständigen Bildungsforschungsinstituts (Bifie), Martin Netzer und Christian Wiesner, gestern bei Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) ab. Die Wertung dürfte angesichts der vielen Pannen (siehe Box) zum "Nicht genügend" tendieren. Vor allem Netzers Job – er ist für die Matura zuständig – wackelt. Heinisch-Hosek informiert heute über Konsequenzen.

Mit Forderungen war sie bereits gestern konfrontiert: Die AHS-Lehrergewerkschaft verlangt die Abschaffung des Bifie. Außerdem, so Mediensprecher Matthias Hofer, solle die schriftliche Matura nur noch "teilzentral" abgehalten werden: Zu einigen zentral vorgegebenen Aufgaben sollen die Lehrer je nach Unterrichtsschwerpunkt eigene Fragen stellen dürfen.

2015 an allen AHS geplant

Wilhelm Zillner, Direktor am BRG/BORG Kirchdorf/Krems und Sprecher der AHS-Direktoren, will dagegen trotz "der Fülle an Fehlern das Produkt Zentralmatura nicht schlechtreden". Die Fehler müsse man "ausbessern", er sei aber dafür, dass die neue Reifeprüfung wie geplant kommendes Schuljahr in Serie geht. Auch Theodor Saverschel vom Bundesverband der Elternvereine ist für das Festhalten am Zeitplan, fordert aber Änderungen, etwa eine fixe Grenze für eine positive Note auch in den Fremdsprachen. Das will auch Zillner: "Niemand käme bei der Führerscheinprüfung auf die Idee, unterschiedliche Grenzwerte festzulegen, obwohl nicht immer alle Aufgaben gleich schwer sind."

Harsche Kritik kam vom früheren Bifie-Direktor Günter Haider: Die Pannenserie sei einer "Mischung aus Unprofessionalität und mangelnder Sensibilität für die Situation" geschuldet, sagte er im Radio-Interview. Die Hauptverantwortung sah er bei der Politik: Es räche sich, dass bei Netzers Bestellung "in erster Linie parteipolitische Gründe ausschlaggebend waren", so Haider, weshalb "die Ministerinnen Schmied (Claudia, Anm.) und Heinisch-Hosek die Gesamtverantwortung für das Schlamassel tragen, ohne Zweifel". Netzer war vor seiner Bestellung stellvertretender Sektionschef und davor Bürochef bei der einstigen VP-Ministerin Elisabeth Gehrer.

"Ich bin natürlich letztverantwortlich dafür, was im Bildungssystem gut oder schlecht läuft", so Heinisch-Hosek gestern. Ihren Rücktritt soll sie aber nicht planen.

Die Pannenserie bei der Zentralmatura

Heuer lief die schriftliche Zentralmatura an AHS noch als Schulversuch: Zwischen 5. und 14. Mai fanden an den teilnehmenden Schulen Klausuren mit zentral vorgegebenen Aufgaben statt. Je nach Fach (Deutsch, Mathematik, Latein, lebende Fremdsprachen) war die Beteiligung unterschiedlich, in Englisch absolvierten fast alle Maturanten bereits die neue Reifeprüfung.

Die erste Panne passierte gleich am ersten Tag bei der Deutsch-Matura: Hier wurde Schülern ein Text eines deutschen Autors mit NS-Bezug vorgelegt. Ein Hinweis auf diese Problematik fehlte bei der Aufgabenstellung und auch bei den Korrekturhinweisen.
In Mathematik gab es wenig später unerwartete Schwierigkeiten: An fünf AHS fehlten wesentliche Teile der Aufgaben, statt 24 fanden sich nur vier in den Prüfungsbögen. Die Matura wurde dort nach einer Unterbrechung, in der die Lehrer die fehlenden Aufgaben nachdruckten, fortgesetzt.

Den größten Wirbel löste ein geänderter Bewertungsschlüssel bei den Fremdsprachen aus: In Englisch sind für ein „Genügend" 63 Prozent der Punkte notwendig, bei bisherigen Testläufen waren es 60 Prozent. Die variable Grenze ist der unterschiedlichen Schwierigkeit von Lese- und Höraufgaben geschuldet, war vom Bifie aber zu wenig kommuniziert worden.

 

 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 15.05.2014             Seite: 2

Ressort: Politik

 

 

Keine Pechsträhne

 

   Kommentar

 

   Von Christoph Kotanko

 

   Die wackeren Bildungsexperten des Bifie hätten derzeit eine "Pechsträhne", meint der Sprecher der AHS-Direktoren.

 

   Falsch, Herr Direktor.

 

   Die Fehlerserie hat nichts mit Pech zu tun, sondern vor allem mit Unfähigkeit, Überheblichkeit, Nichtwissen. Dabei sollte der Flop keine Überraschung sein: Dass die Personalauswahl am Bifie parteipolitisch, streng nach Proporz erfolgte, ist kein Geheimnis.

 

   Die Vorgängerin der jetzigen Unterrichtsministerin wollte "die Parteipolitik verbannen". Leere Worte, doch das verwundert nicht. Schon vor 30 Jahren sprach der damalige Schulminister Zilk in den Wind: "Die Parteibuchwirtschaft kotzt mich an." - So lange das "richtige" Parteibuch zählt, wird das System nicht besser.

 

   Zweiter Fehler: Im Schulwesen (und nicht nur dort) werden immer mehr Leistungen teuer zugekauft. Das Wissen und die Hingabe der eigenen Leute zählt wenig.

 

   Das Bifie ist ein Beispiel für miserables "Outsourcing". Mehr Vertrauen in die eigenen Leute könnte viele Dummheiten verhindern.

 

   Das Bifie ist ein Beispiel für miserables "Outsourcing"

 

   c.kotanko@nachrichten.at

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 112 vom 15.05.2014              Seite: 1

Ressort: Seite 1

 

Österreich

 

Die Schule ist Opfer eines Vermessungswahns

 

   Nicht Lehrer und Schüler, sondern auch die Bildungsministerin und ihr Bifie sollten einem Test unterzogen werden.

 

   Unsere Gesellschaft neigt zur totalen Vermessung ihrer selbst. Der neueste Schrei sind Apps, die uns permanent darüber Auskunft geben, wie viele Schritte wir bereits getan haben, wie hoch unsere Pulsfrequenz liegt oder wie viele Kalorien wir bereits zu uns genommen haben. Navigationsgeräte in unseren Autos geben nicht nur Auskunft darüber, wohin die Reise geht, sondern auch darüber, wie viele Liter Benzin wir bei welchem Fahrverhalten verbrauchen oder welche Durchschnittsgeschwindigkeit wir seit dem Autokauf hingelegt haben (meist enttäuschend niedrig). Wozu diese Daten gut sein sollen, darüber kann niemand Auskunft geben.

 

   Mit der Schule geht es uns nicht anders. Wir sind einem wahren Vermessungswahn verfallen. Lehrer, Schüler und Eltern werden einem andauernden Test-Stress unterworfen. Der dicht gedrängte Prüfungskalender wird überfrachtet mit zusätzlichen Eignungsprüfungen und Sonderexamen. Es gehe darum, so wird uns eingeredet, einen fairen Vergleich zwischen den Schulen ziehen zu können.

 

   Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass all diese Vergleichstests nicht viel bringen. Sie sagen nichts über das wahre Können und Wissen von Schülern aus, sondern bestenfalls über deren Fähigkeit, solche Tests gut zu bestehen. Das bedeutet aber nichts für das spätere Leben, siehe Finnland, das PISA-Wunderland, mit seiner extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit.

 

   Im Gegensatz zu den Lehrern und Schülern sollten die Unterrichtsministerin und ihr unglückseliges Institut Bifie endlich einem Test unterzogen werden. Beide stolpern von einer Peinlichkeit zur anderen: Datenleck, fehlende Maturafragen in Mathematik, ein nationalsozialistisch angehauchter Text zur zentralen Reifeprüfung in Deutsch oder laut geäußerte Einsparungsgedanken, die eine Woche später zurückgezogen werden müssen. Das Schulwesen in Österreich erweist sich zum wiederholten Mal als politisches Höllenkommando. Nach Gehrer und Schmied könnte es bald auch für Heinisch-Hosek heißen: Setzen, fünf!

 

   Wie wäre es zur Abwechslung einmal damit: Radikaler Abbau der Schulbürokratie samt Bifie, Schluss mit dem Vermessungs-Schnickschnack, totale Befreiung des Bildungswesens samt seiner Ministerin aus dem Würgegriff der Parteien, Investition des eingesparten Geldes in die Qualität des Unterrichts, Entmachtung der versteinerten Lehrergewerkschaften durch die Lehrerinnen und Lehrer selbst, Rückbesinnung auf den gesunden Menschenverstand. Denn der ist in der Schulpolitik längst abhandengekommen.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 112 vom 15.05.2014              Seite: 3

Ressort: Hintergrund/Seite 3

 

Österreich

 

Bifie & Co.: Ausgelagert, aus dem Sinn

 

    Nicht nur Kritiker der Zentralmatura fragen sich, wozu es das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) gibt. Das fragt sich auch der Rechnungshofpräsident. Er stellt auch andere ausgliederte Einrichtungen infrage.

 

   ALexandra Parragh Wien. Das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) hat nach all den Pannen kaum Befürworter mehr. Auch der Präsident des Rechnungshofs (RH), Josef Moser, steht ihm kritisch gegenüber. „Das Problem ist, dass das Unterrichtsministerium hier Kernaufgaben an das Bifie ausgelagert hat, die unter einer zentralen Steuerung, also beim Ministerium selbst, liegen sollten", meint er. Und dass niemals evaluiert worden sei, ob – außer Mehrkosten und mehr Personal – das Ganze etwas gebracht habe.

 

   So ist es auch im Bericht seiner Prüfer nachzulesen, die im November 2012 feststellten: „Die durch die Ausgliederung erhoffte Effizienzsteigerung in der Projektabwicklung ist . . . nicht feststellbar."

 

   Doch wie sinnvoll ist es, dass Bund, Länder und Gemeinden einzelne ihrer Aufgaben an Institute oder Unternehmen übertragen? „Das kann schon sinnvoll sein", meint Hans Pitlik vom Wirtschaftsforschungsinstitut. Ausgelagerte Unternehmen seien flexibler in Personal- und Managemententscheidungen als Ministerien, weil sie rasch Mitarbeiter aufnehmen und abbauen könnten. Sie könnten unabhängige Manager bestellen und diese mitunter auch besser bezahlen, weil einige nicht an die Budgetvorgaben des Finanzministers gebunden seien. „Das Problem ist aber, dass gern politische Günstlinge dort versorgt und Leitungsposten nach Parteizugehörigkeit besetzt werden", so Pitlik.

 

   Beispiele dafür gibt es viele, allen voran den ORF, der von einem SPÖ-nahen Generaldirektor und einem Finanzdirektor, der der ÖVP nahesteht, geleitet wird. Auch am umstrittenen Bifie hatten stets zwei Direktoren das Sagen, von denen einer eher der roten, der andere eher der schwarzen Reichshälfte zuzuordnen war.

 

   Ausgelagert wird aber auch, um Schulden zu verschleiern. Als Beispiel dafür führt Moser die Stadt Hohenems an. „Sie hat ihre Wasserversorgung ausgelagert, um ihre Schulden mit auszulagern."

 

   Ausgelagert wird auch, um zusätzliches Personal anzustellen, das als Sachaufwand deklariert wird. So hat der RH das Justizministerium für die Errichtung der Justizbetreuungsagentur im Jahr 2009 massiv kritisiert. 550 bis 600 Mitarbeiter, die in Justizanstalten als Amtsdolmetscher, Kinderbeistände oder Familienhelfer arbeiten, wurden dorthin ausgelagert. „So wurde der Personalplan umgangen. Außerdem war ein eigener Kollektivvertrag notwendig, was alles noch mehr gekostet hat", sagt Moser.

 

   Bei der Post habe das eigene Besoldungsschema dazu geführt, „dass Beamte besser bezahlt wurden. . Sie hätten sich deshalb ungern auf andere Posten im Bundesdienst (Polizei) versetzen lassen.

 

   Die Montan-Uni Leoben habe ihre gleichnamige Forschungs- und Infrastrukturgesellschaft nur gegründet, um die Mehrwertsteuer zu sparen, sagt Moser. Dabei habe sie übersehen, dass ihr dadurch ungleich höhere Folgekosten (Miete, Personal etc.) entstanden seien.

 

   Nicht einmal die gefeierte Auslagerung der Universitäten, die 2004 in die Autonomie entlassen wurden, sieht Moser als reine Erfolgsgeschichte. „Die Universitäten haben sich beim Abschluss ihres neuen Kollektivvertrags nicht an die geforderten Einsparungen des Finanzministeriums und des Unterrichtsministeriums gehalten, weshalb nun zulasten der Kernaufgaben der Lehre und Forschung gespart werden muss", sagt er.

 

   Auch Salzburg bekommt von Moser eine Rüge – nicht nur wegen der fehlenden Kontrollinstanzen bei der Buchhaltung und dem Finanzmanagement, was zum Finanzskandal führte. Im RH-Bericht von Oktober 2013 steht auch, dass das Land keine vollständigen Aufzeichnungen darüber führte, an welchen Gesellschaften es beteiligt ist.

 

   Moser fordert deshalb die Evaluierung sämtlicher staatlicher Auslagerungen. „Es braucht klare Zielvorgaben, wozu ausgelagert wird, und eine Kosten-Nutzen-Analyse. Doch die gibt es oft nicht", sagt er.

 

   Die sollte es längst geben. Im Jahr 2000 sagte die schwarz-blaue Regierung der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) schriftlich eine Evaluierung vor jeder neuen Ausgliederung zu. Damals war eine Dachorganisation für alle ausgegliederten Unternehmen geplant. „Das ist nicht passiert, wie die vielen Negativbeispiele zeigen", sagt Wilhelm Gloss, Vizepräsident der GÖD.

 

   Es gibt jedoch auch gelungene Ausgliederungen. Dazu zählt Moser die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), die seit 1992 für die Verwaltung von Liegenschaften und Gebäuden, die dem Bund gehören, verantwortlich ist. Gloss hält die Bundesforste und den Tiergarten Schönbrunn für erfolgreich ausgegliederte Unternehmen.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 112 vom 15.05.2014              Seite: 3

Ressort: Hintergrund/Seite 3

 

Österreich

 

„Märtyrer war er nicht, aber kann man ihm das vorwerfen?"

 

   Sohn des Autors des umstrittenen Maturatexts schrieb den SN: „Er hat den Faschismus von ganzem Herzen abgelehnt."

 

   Helmut schliesselberger Wien. Wird der Autor Manfred Hausmann im Zuge der Diskussion um die ungeschickte Aufgabenstellung bei der Deutsch-Zentralmatura in eine Ecke gestellt, in die er nicht gehört? Diese Ansicht vertritt Martin Hausmann, der Sohn des Autors, in einem Brief an die SN.

 

   Die von Germanisten und Autoren in den SN angestoßene Debatte um den umstrittenen Maturatext „Die Schnecke" des Autors Manfred Hausmann aus dem Jahr 1947 hat zu einem Fehler-Eingeständnis des Bildungsinstituts Bifie geführt. Man habe es verabsäumt, durch Verdeutlichung des historischen Kontexts und Hinweis auf die Rolle Hausmanns im Nationalsozialismus dessen „problematischen biografischen Hintergrund" transparent zu machen, hieß es reuig im Bifie.

 

   Der Germanist Karl Müller hatte in den SN dem Bifie vorgeworfen, die historische Rezeptionssituation im Jahr 1947 völlig auszublenden: Im Text Hausmanns geht es vordergründig um die Tötung einer Schnecke . In der damaligen Rezeptionssituation unmittelbar nach Naziterror und Holocaust hätte dies „von bestimmten Lesern" als Pardonierung der Verbrechen verstanden werden können, sagt Müller.

 

   Der Sohn des Autors schreibt nun in seinem Brief, den er an die SN, an Müller und die IG-Autoren adressierte: „Ich bin überzeugt davon, dass meinem Vater nichts ferner gelegen hat als ein Bezug seines Gartenerlebnisses zu einem der furchtbarsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte." Und: „Wie kann man aber ein solches Naturerlebnis mit der planmäßigen Vernichtung von Juden und anderen Menschengruppen in Verbindung bringen?" Sein Vater habe „den Faschismus von ganzem Herzen abgelehnt". Er habe zwar für die NS-Zeitung „Das Reich" einmal über das Weimarer Dichtertreffen berichtet, an dem er teilnahm. „Ich wünschte, er hätte es nicht getan, aber ich weiß von meiner Mutter, dass er dem ständigen Druck nachgegeben hat", schreibt Hausmann. Sein Vater habe zwischen 1933 und 1945 publiziert, weil er mit seiner Familie überleben wollte. „Ein Märtyrer war er nicht, aber kann man ihm das vorwerfen?" Sein Vater werde „in eine Ecke gestellt, wo er nicht hingehört".

 

   In seiner Antwort an Martin Hausmann betont Karl Müller, dass man, um die ganze Bedeutungsdimension des Textes zu erhellen, gar nicht anders könne als „1947", also die postnazistische Epoche, mitzulesen. „Wie könnte, musste dieser Text von Opfern der Shoa und jenen, die dafür verantwortlich zeichneten, gelesen werden?", fragt Müller. „Den Opfern musste er wohl als zynisch erscheinen – es geschieht, was geschehen muss – Unnützes wird zertreten (diesen Diskurs kennen wir und er hatte einen Namen). Was konnten Täter lernen? Die ,Natur' sprach. Entlastungsangebot? Selbst-Rechtfertigungsberuhigung? Trost?" Ein solcher Text hätte niemals als Maturathema gegeben werden dürfen, außer man hätte ihn vorher eingehend analysiert.

 

   Über zuletzt von mehreren Medien transportierte Verkürzungen („Nazi-Text") zeigt sich aber auch Müller im SN-Gespräch verärgert: „Das ist bloßes Aufmerksamkeitshaschen und ein Beitrag zur Kontraproduktivität. Es ist kein Nazi-Text – Die Sache ist viel differenzierter."

 

 

 

Österreich – 15. Mai 2014

 

 

Nach den Matura-Skandalen 

Ministerin Hosek greift jetzt durch

Die Bildungsministerin berief zwei Krisengipfel zur Zentralmatura ein.

 

Die Generalprobe zur Zentralmatura, die nächstes Jahr flächendeckend starten soll, war voller Pannen (siehe unten). Grund genug für Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) die Notbremse zu ziehen: Mittwochmittag zitierte sie die beiden Direktoren des für die Zen­tralmatura zuständigen Skandalinstituts Bifie zu sich, am Abend lud sie Lehrer, Eltern und Schüler ins Ministerium. Das weitere Vorgehen soll erst heute kommuniziert werden.

 

Gerüchte über Köpferollen und Standortschließung
In Insiderkreisen wird bereits ein Köpferollen kolportiert. Auch die Schließung des Salzburger Standorts wird überlegt. Die AHS-Lehrer sind bereits offen für die Auflösung des Bifie und wollen die Abwicklung im Ministerium ansiedeln.

 

Ex-Bifie-Chef Haider rechnet mit Ministerium ab
Harsche Kritik kommt von Ex-Bifie-Chef Günter Haider: „Dass man jetzt als Ministerin so tut, als wäre das Bifie irgendeine Firma, für die man keine Verantwortung trägt und die man bei Pannen bequem als externen Sündenbock verwenden kann, ist eine glatte Täuschung der Öffentlichkeit." Außerdem räche sich der Besetzungsproporz: Bifie-Direktor Netzer war Büroleiter von Ex-Ministerin Gehrer (ÖVP). Er wünsche sich jemand mit mehr Schulerfahrung.(kali)

 

Die 3 Pannen der Zentralmatura

  • Panne 1: Benotung
    In Englisch gab es Verwirrung, ob man mit 63 oder 60 Prozent bestanden hat.
  • Panne 2: Aufgaben
    In Mathe kamen zu wenige Aufgaben in den Schulen an.
  • Panne 3: Nazi-Text
    Ein Text mit NS-Ideologie wurde in Deutsch vorgelegt.

 

 

"Der Standard" vom 15.05.2014                                Seite: 1

Ressort: SEITE 1

 

Wien

 

Bifie-Direktoren treten zurück

 

Nach Gespräch mit Ministerin Rückzug bis Ende Juli

 

   Wien – Die beiden Direktoren des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie), Martin Netzer und Christian Wiesner, machen nach diversen Pannen beim Testlauf der Zentralmatura den Weg frei und ziehen sich bis Ende Juli aus ihren Ämtern zurück. Man habe einen „geordneten Rückzug vereinbart", erfuhr der Standard Mittwochabend.

 

   Dieser Entscheidung vorausgegangen waren zwei Krisengespräche mit Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), eines zu Mittag, das entscheidende war nach 22 Uhr zu Ende. Heinisch-Hosek will sich heute, Donnerstag, dazu äußern.

 

   Bildungsexperten kritisieren beim Bifie „Baufehler" und zu viel politischen Einfluss. (red) Seite 8

 

    Kommentar der anderen Seite 31

 

 

Der Standard – 15. Mai 2014

 

 

Nach Pannen bei Zentralmatura: Bifie-Direktoren treten zurück

Lisa Nimmervoll

Martin Netzer und Christian Wiesner machen nach Gespräch mit Bildungsministerin Ministerin Heinisch-Hosek "den Weg frei" - Experten kritisieren "strukturelle Überstrapazierung"

Wien - Es brauchte dann zwei Gespräche mit der Unterrichtsministerin statt eines, wie von Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) vorgesehen, aber Mittwochabend nach 22 Uhr war klar: Beide Direktoren des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie), Martin Netzer und Christian Wiesner, "machen den Weg frei", erfuhr der STANDARD. Es wurde ein "geordneter Rückzug bis Ende Juli vereinbart". Stellungnahme wollte niemand abgeben, Heinisch-Hosek wird sich am Donnerstag öffentlich äußern.

Am Vormittag hatte die Ministerin noch gesagt: "Ich bin natürlich letztverantwortlich dafür, was im Bildungssystem gut oder schlecht läuft." Das war, bevor es zu Mittag beim ersten Krisengespräch darum ging, wer quasi die vorletzte Verantwortung für die Pannen beim Test der Zentralmatura tragen muss. Es folgten noch Treffen mit Bifie-Aufsichtsratsvorsitzendem Arthur Mettinger und den Schulpartner, und dann folgte am späten Abend Runde zwei mit den Bifie-Direktoren.

Rot-schwarze Proporzbesetzung

Es war klar, dass es Heinisch-Hosek um die Zukunft des Bifie insgesamt – mit Standorten in Wien, Salzburg, Graz, Klagenfurt – gehen würde und nicht nur um die Direktoren. Die mussten von Anfang an zittern, dass es nicht nur den für die „standardisierte kompetenzorientierte Reifeprüfung" zuständigen Martin Netzer, den Job kosten könnte.

Netzer wurde im März 2013 in koalitionärer Eintracht neben Christian Wiesner für fünf Jahre an die Spitze des Bifie gesetzt. Als ehemaliger Büroleiter von Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) wurde Erwachsenenbildungsexperte Netzer der schwarzen Reichshälfte zugerechnet, Wiesner, davor am Bifie Salzburg Leiter des "Zentralen Managements und Services", der Proporzlogik gemäß unter Rot verbucht und für Bildungsstandards und internationale Tests wie Pisa abgestellt. Die Mitarbeiterzahl wurde damals mit rund 150 angegeben, Budget: 21,4 Millionen.

Schon in den ersten fünf Jahren nach der Gründung 2008 war das Bifie mehrfach in Turbulenzen, Josef Lucyshyn wurde von Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) vorzeitig abberufen, und Gründungsdirektor Günter Haider taten seine oft sehr pointierten und politisch nicht immer genehmen Worte nicht gut, er wurde 2013 nicht mehr in seinem Amt verlängert.

Dann kamen die zwei Neuen - und 2014 das "Datenleck" mit angeblich frei zugänglichen Ergebnissen der informellen Kompetenzmessung und E-Mail-Adressen.

Kündigung nach Datenleck

Mittlerweile deutet vieles darauf hin, dass es sich dabei um einen kriminellen Akt gehandelt hat. Laut STANDARD-Informationen gab es in der Causa unlängst eine Kündigung im Bifie, das Bundeskriminalamt ermittelt noch immer.

Heinisch-Hosek griff damals ein und unterzog das Bifie einem TÜV-Test, den mit der Materie Betraute für die Kalamitäten bei der Zentralmatura mitverantwortlich machen. Durch den Test wurde die Zeit für den Druck der Testhefte halbiert, das Fehlerrisiko erhöht - und prompt ging etwas schief.

Dass die Ministerin damals die Pisa-Studie gegen nachdrückliche Expertenwarnungen stoppte, verbuchen mehrere Bildungsforscher auf STANDARD-Anfrage als symptomatisch für die "von Anfang an falsche Konstruktion" des Bifie, wie etwa Stefan Hopmann von der Uni Wien, der auch Mitglied des wissenschaftlichen Bifie-Beirats ist. Er hat wie seine Kollegin Christiane Spiel schon vor dem Beschluss des Bifie-Gesetzes gewarnt. "Viele europäische Länder haben sich nach der ersten Pisa-Studie Thinktanks zugelegt, die Daten generieren und interpretieren sollen. In den meisten Ländern wurde das ausgelagert, in Kooperation mit Unis oder in unabhängige Institute. In Österreich hat man ein Staatsinstitut gewählt, das hoheitliche Aufgaben wie Zentralmatura und Forschungsaufgaben erledigen soll. 'Leute, das geht nicht, ihr überstrapaziert das Bifie strukturell', haben wir damals gesagt."

"Auf dem Rücken der Schüler"

Vergeblich. Die "erwarteten Legitimations- und Verantwortungskonflikte" sind nun auf offener Bühne zu bestaunen und, schlimmer noch,"alles auf dem Rücken der Schüler. Deswegen bin ich so sauer", sagt Hopmann.

Bildungspsychologin Spiel nennt das "Fehlen der notwendigen Distanz zum Ministerium" - es entscheidet etwa, "was und wann berichtet wird" - als zentralen Grund für ihren Einspruch gegen das Bifie-Gesetz. Die "sehr guten nationalen Bildungsberichte" des Bifie lobt sie, urgiert aber eine "wissenschaftlich ausgewiesene und unabhängige Leitung" und Anbindung an die Uni.

Das tut auch Statistiker Erich Neuwirth, der bei der ersten Pisa-Studie einen Fehler nachgewiesen hat, den die OECD offiziell korrigierte: "Gewisse Kompetenzmängel" etwa bei der Deutschmatura führt er auf das "grundsätzliche Problem der Isoliertheit und Abgetrenntheit des Bifie von der restlichen wissenschaftlichen Welt" zurück. Dennoch: "Zusperren hielte ich für schade." Er hegt den Verdacht, dass es beim "Outsourcing" etwa der Zentralmatura, einer staatlichen Prüfung, an das Bifie auch darum geht, "Ministerverantwortung loszuwerden".

"Watschenmann"-Direktoren

Auf diese politische Verantwortung pocht auch Hopmann, der die Bifie-Chefs in der "Watschenmann"-Rolle und einem "Dilemma" sieht: "Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist." Das könne nur gelöst werden durch Trennung: "Forschungsaufgaben in wissenschaftliche Hände, hoheitliche Aufgaben in politische. Die Politik greift ja auch heftig in Forschungsfragen ein, etwa beim Pisa-Stopp. Das muss bereinigt werden."

 

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"Der Standard" vom 15.05.2014                                Seite: 8

Ressort: Inland

 

Bundesland, Bundesland Abend, Niederösterreich, Wien

 

Pannenserie bei Zentralmatura

 

   28. Februar 2008 Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) bringt einen Gesetzesentwurf ein, mit dem Termine und Aufgabenstellungen für die Matura zentral verordnet werden können.

 

   17. November 2011 Schüler-, Eltern- und Lehrervertreter verlangen eine Verschiebung der Zentralmatura.

 

   4. Juni 2012 Bildungsministerin Schmied muss die Zentralmatura um ein Jahr verschieben.

 

   November 2013 Schülervertreter drohen mit Streik, es werden mit dem Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) Änderungen vereinbart.

 

   13. Dezember 2013 Tausende Schüler demonstrieren für weitere Änderungen.

 

   Februar 2014 Es wird bekannt, dass auf einem Webserver in Rumänien vertrauliche Daten von Schülern aufgetaucht sind. 400.000 Testergebnisse sowie die Mail-Adressen von 37.000 Lehrern waren öffentlich zugänglich.

 

   26. Februar 2014 Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) sagt die Teilnahme am Pisa-Test ab.

 

   5. Mai 2014 An 58 Schulen absolvieren die Schüler die neue Deutschmatura als Schulversuch.

 

   8. Mai 2014 Die Schulversuche zur Zentralmatura in Englisch werden abgehalten, es wird ein falscher Schlüssel für eine positive Note kommuniziert.

 

   9. Mai 2014 Die Mathematikmatura an fünf Wiener AHS wird unterbrochen, es fehlten im Testheft 16 von 24 Aufgaben.

 

   10. Mai 2014 Bildungsministerin Heinisch-Hosek hat die „die Nase voll".

 

   13. Mai 2014 Nach der Aufregung um einen Text für die Deutschmatura, der NS-Ideologie rechtfertigen soll, bestellt die Ministerin die Bifie-Direktoren zur Aussprache.

 

   CHRONOLOGIE

 

 

"Der Standard" vom 15.05.2014                               Seite: 31

Ressort: Kommentar der anderen

 

Karl Heinz Gruber: Karl Heinz GRUBER (Jg. 1942) lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien und ist Research-Fellow an der Universität Oxford.

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Zentralmatura: Jetzt ist schon wieder was passiert

 

   Es macht fast den Eindruck, das Bifie könnte für die hiesigen Schulen das werden, was die Hypo Alpe Adria für das österreichische Bankwesen ist. Aber die Pannen beim neuen Maturaformat sollten nicht davon ablenken, dass es dabei auch um Leistung geht.

 

   Vermutlich war die Interpretation des Statements „Shit happens" nicht Prüfungsstoff der heurigen Englisch-Zentralmatura. Die Prüflinge hätten sich mit „Jetzt ist schon wieder was passiert" (Copyright Wolf Hass) behelfen können und dafür möglicherweise jene rettenden drei Prozentpunkte erhalten, die notwendig sind, um die heuer von 60 auf 63 Prozent angehobene Mindestpunktezahl für ein Genügend zu erreichen.

 

   Wie sind die Pannen einzuschätzen, die beim Probelauf der Zentralmatura aufgetreten sind? Handelt es sich um unangenehme, aber nicht katastrophale Fälle von „Shit happens", also um jene kaum völlig vermeidbaren Missgeschicke, wie sie nicht bloß in Österreich und beileibe auch nicht bloß im Bildungswesen im Rahmen großer, komplexer Innovationen auftreten? Auch in Frankreich und in England passiert bei den seit Jahrzehnten praktizierten zentralisierten Prüfungen immer wieder „irgendetwas". Immerhin ist es im Falle der unvollständigen Mathe-Prüfungsaufgaben den betroffenen Lehrerinnen und Lehrern mit professioneller Geistesgegenwart und Flexibilität gelungen, von ihren Prüflingen nachhaltigen Schaden abzuwenden.

 

   Oder handelt es sich um gravierende Manifestationen der Inkompetenz des Bildungsforschungsinstituts Bifie, wie man sie nach dem alarmierenden Prüfungsbericht des Rechnungshofes aus dem Jahr 2012 und der bereits einmal erfolgten Verschiebung der Zentralmatura befürchten musste? Nicht alle der vom Rechnungshof beanstandeten Mängel des Bifie, etwa seine ziellose Selbstläufigkeit, die unverschämten Gagen der früheren Direktoren, der sorglose Umgang mit Geld, Personal und Raumressourcen, der durch den Mangel an hauseigener Kompetenz erforderliche teure Zukauf externer Expertise sind für die Zentralmatura direkt relevant, aber sie erzeugen das dumpfe Gefühl, das Bifie könnte für die österreichische Bildungsforschung das werden, was die Hypo-Alpe-Adria für das österreichische Bankwesen ist.

 

   Allerdings ist im Falle des Bifie eine zur „Abwicklung" führen-de „Anstaltslösung" ausgeschlossen. Österreich braucht – wie alle europäischen Länder – ein redimensioniertes und durch professionelle Leadership revitalisiertes nationales Bildungsforschungsinstitut, das effizient, verlässlich und sparsam großangelegte Bildungsforschungsprojekte durchführt und der Öffentlichkeit, der Politik und der Lehrerschaft Rechenschaft über die Tüchtigkeit des Schulsystems liefert.

 

   Das Bifie scheint weder aus der Kritik des Rechnungshofs noch aus den Anregungen des wissenschaftlichen Beirats die notwendigen Konsequenzen gezogen und auch nichts aus den Erfahrungen jener deutschen Bundesländer gelernt zu haben, die seit 2008 ein Zentralabitur eingeführt haben. So gilt es als sehr problematisch, dass die Maturaarbeiten an der betreffenden Schule vom unterrichtenden Lehrer beurteilt werden. In den meisten Ländern gilt das Vier-Augen-Prinzip oder die Arbei-ten werden extern beurteilt. Der Einsatz eines computergesteuerten Notenrechners täuscht eine Exaktheit vor, die insbesondere in den Sprachfächern nicht existiert.

 

   An den Deutschen orientieren

 

   Und wenn das Bifie den Lehrern nunmehr den Rat gibt, in „Grenzfällen" zwischen zwei Noten zusätzlich zur computergenerierten Note die „Gesamtleistung" einzubeziehen, so fragt man sich, warum man sich nicht gleich am deutschen Abitur orientiert hat. Dort geht man nach dem bewährten testpsychologischen Grundsatz vor, dass der Durchschnitt mehrerer Leistungsmessungen ein verlässlicheres Bild der Leistungsfähigkeit einer Person ergibt als eine einmalige, affektiv stark aufgeladene (angstbesetzte) Prüfung. Die Berechnung der deutsche Abiturnote beruht zu zwei Drittel auf den Noten der letzten vier Schulhalbjahre, zu einem Drittel auf der Leistung bei der Abiturprüfung.

 

   Die Aufregung über die angebliche Verschärfung der Prüfungsstandards der Englisch-Matura wirft ein trübes Licht auf das schulische Leistungsbewusstsein in Österreich. Das Bifie rechtfertigte die Anpassung des für eine positive Beurteilung erforderlichen Minimums von 60 auf 63 Prozent mit der etwas bemühten Begründung, dass sich nicht immer gleich schwierige Prüfungsaufgaben finden lassen. Die Antwort darauf wäre: Must try harder. Die Kritiker argumentierten wiederum, die Maturanten hätten sich auf diese ominösen 60 Prozent eingestellt und sich „darauf vorbereitet".

 

   Really? For heaven's sake! Wie groß ist der Anteil der österreichischen Maturanten, die sich mit besorgniserregendem Minimalismus damit begnügen, das rettende Ufer des Genügend zu erreichen („Der Vierer ist das Sehr gut des kleinen Mannes")? Sollte nicht die große Mehrheit, wie ihre Mitschüler in Frankreich, England und Deutschland, danach streben, bei der Matura das Beste aus sich herauszuholen, um sich selbst, Lehrern und zukünftigen Arbeitgebern zu beweisen, was sie können? Übrigens: Für ein Sehr gut braucht es mindestens 90 Punkte.

 

 

"Der Standard" vom 15.05.2014                                Seite: 8

Ressort: Inland

 

Wien

 

Lehrer vermissen „Masterplan"

 

Schlechte Stimmung bei Maturagespräch mit Ministerin

 

   Wien – Bevor Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) Mittwochabend mit den beiden Bifie-Direktoren über deren Rückzug handelseins war, absolvierte sie noch ein Gespräch mit den Schulpartnern über die Zentralmatura, das aber ohne konkrete Ergebnisse zu Ende ging.

 

   Die Ministerin habe zwar angekündigt, das für die neue Matura zuständige Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) umfassend zu prüfen. Einen „Masterplan" scheine sie aber nicht zu haben, sagte Lehrergewerkschafter Paul Kimberger danach. Er berichtete zudem von einer „schlechten Stimmung" bei dem Treffen. Die Ministerin habe sich parallel mit dem Bifie-Aufsichtsrat getroffen.

 

   Die AHS-Direktoren plädieren übrigens trotz „einer Fülle von Fehlern" und „klassischen Pannen" für eine Beibehaltung der Zentralmatura und eine Versachlichung der Diskussion, sagte deren Sprecher Wilhelm Zillner. Auch die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) hält die Zentralmatura an sich für „dringend notwendig, gut und richtig". Die Generalprobe für die ab 2015 an AHS verpflichtende zentrale schriftliche Reifeprüfung endete am Mittwoch mit dem Fach Altgriechisch.

 

   Der Bildungsforscher und frühere Bifie-Direktor Günter Haider ortete im Ö1-Morgenjournal eine „Mischung aus Unprofessionalität und mangelnder Sensibilität für die Situation". Die Verantwortung sieht er allerdings nicht nur beim Leiter des Bifie Wien, Martin Netzer, der „offensichtlich etwas überfordert" sei und nun wohl persönliche Konsequenzen tragen müsse. Haider nimmt auch die Politik in die Pflicht, es räche sich nun, dass bei Netzers Bestellung „in erster Linie parteipolitische Gründe ausschlaggebend" gewesen seien. Haider: „Natürlich haben die Ministerinnen Schmied und Heinisch-Hosek die Gesamtverantwortung für das Schlamassel, ohne Zweifel."

 

 

"Kronen Zeitung" vom 15.05.2014                            Seite: 2

Ressort: Politik

 

Bgld, Ktn, Wi, N.Ö., Sbg, Ti, Vbg, Wi, Morgen

 

Heinisch-Hosek rief zum Rapport: Direktoren treten zurück

 

Bildungsinstitut vor dem Aus

 

Wien (d.v.). - Nach dem Datenleck, einem schlechten Zeugnis des Rechnungshofs und vielen Pannen bei der Zentralmatura geht es nun dem Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) an den Kragen. Die beiden erfolglosen Direktoren treten bis Ende Juli zurück.

 

   Spät, aber doch ist Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) der Kragen geplatzt. "Ich habe es satt", verkündete sie vor wenigen Tagen nach einer der zahlreichen Pannen bei der Zentralmatura. Mittwochnachmittag zitierte die Bildungsministerin die beiden BIFIE-Direktoren zum Rapport. Nun ist endlich klar: Es wird Konsequenzen geben. Bis Ende Juli treten die bisherigen Leiter des Bildungsinstituts zurück, und auch strukturelle Veränderungen wurden vereinbart.

 

   Bildungsexperte, Ex-BIFIE-Direktor und "Mister PISA", Günter Haider, sieht Heinisch-Hosek, aber auch deren Vorgängerin, Claudia Schmied, als Gesamtverantwortliche "für das Schlamassel". Beim Bildungsinstitut räche sich die parteipolitische Besetzung der Chefposten, so Haider im Ö1-Morgenjournal.

 

   Die AHS-Direktoren sowie Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl plädieren weiterhin für eine Beibehaltung der Zentralmatura.

 

 

Kurier – 15. Mai 2014

 

 

Schule und Heer in der Sackgasse.

In manchen Bereichen müsste die Reset-Taste gedrückt – und alles neu aufgestellt werden.

 

 

 

 

Man betrachtet ja nur mehr fassungslos, was sich da an dysfunktionaler Verwaltung rund um die neue Zentralmatura abspielt. Aber es passt zum bildungspolitischen Murks der vergangenen Jahre. Die Schule muss neu aufgestellt werden. Was das hieße? Es müssten zentrale Bildungsziele definiert, den Schulen aber maximaler Freiraum gegeben werden, wie man diese erreicht. Das geht nicht, ohne Schülerleistungen regelmäßig extern zu überprüfen, was wiederum den Lehrer zum Lernpartner und Coach werden lässt. Problemschulen an sozialen Hotspots bekommen mehr Geld. In höheren Schulen werden die Klassen aufgelöst, der Unterricht findet in Fachräumen statt. Dort gibt es auch Workshops und Übungen. Wer das Lernziel erreicht hat, kann den Kurs früher beenden als ein Schwächerer – "Fleißaufgaben" aus Interesse sind aber immer möglich.

Und das Heer? Hier findet ausschließlich Politik per Sparstift statt: Man schneidet immer wieder ein Stück davon ab, in der heimlichen Meinung, dass Österreich eh kein Heer mehr braucht außer zum Schneeschaufeln. Das geht so weit, dass dem Militär demnächst buchstäblich der Sprit ausgeht, wie der KURIER berichtete. Aber wie schnell sich Konflikte wieder nähern können, beweisen gerade die Expansionsbestrebungen Russlands.

Auch wenn sich gegen Neos-EU-Spitzenkandidatin Angelika Mlinar gerade ein kleiner Shitstorm wegen ungewöhnlich unpopulistischer Vorschläge entlädt – sie hat recht: Am vernünftigsten wäre, wenn Österreich Teil einer europäischen Armee würde. Auch beim Heer müsste man zuerst mit kühlem Kopf überlegen, was nötig ist – Auslandseinsätze, Katastrophenschutz, Terrorabwehr – und dann festlegen, was das kostet. Jetzt geht man den unehrlichen, umgekehrten Weg. So hat man Heer und Schule in die Sackgasse manövriert.

 

 

Kurier – 15. Mai 2014

 

Bifie-Direktoren kommen Rauswurf durch Ministerin zuvor.

Nach Datenleck und Zentralmatura-Misere: Die Bildungsministerin zog strukturelle und personelle Konsequenzen.

 

 

 

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek  (SPÖ) dürfte gestern Klartext gesprochen haben – zumindest, was das Bildungsinstitut (bifie) und das Schlamassel rund um die Zentralmatura betrifft. Nach einem Treffen mit der Ressortleiterin treten dessen Direktoren, Martin Netzer auf einem schwarzen und Christian Wiesner auf einem roten Ticket, bis Ende Juli zurück.

Eine Stellungnahme seitens der Ministerin gab es am Mittwochabend, nachdem die Entscheidung bekannt geworden war, nicht - offiziell wird sich die Ressortchefin am Donnerstag in einer Pressekonferenz zu der Causa äußern. Heinisch, der einst viel Lob für ihre Arbeit als Beamtenministerin gezollt wurde, eilt seit Monaten von einer Krise zu anderen – ohne eine einzige  gelöst zu haben.

bifie Das ausgegliederte Bildungsinstitut war für ein ominöses Datenleck verantwortlich, das Heinisch zum Stopp aller internationaler Vergleichstests veranlasste.

Zentralmatura Die Generalprobe für die neue Reifeprüfung war ein Reinfall: Zuerst wurde der Benotungsschlüssel ohne Not verändert. Dann der Bauchfleck in Mathe, wo an fünf Schulen nur acht statt 24 Aufgaben in den Kuverts waren. Ein Skandal war die Deutsch-Matura: Als literarischer Text wurde die Parabel eines NS-Sympathisanten gewählt. Das bifie musste sich für die Textauswahl entschuldigen.

Neue Mittelschule NMS Auch hier ein Flop: Obwohl ein Schüler an einer NMS fast das Doppelte kostet wie an einer AHS, sind die Leistungen nicht besser als die von Hauptschülern. Die NMS krankt daran, dass es ein zu enges Korsett an Vorschriften gibt. Lehrer-, Stunden-, und Ressourceneinteilung sind genau so vorgegeben wie die Notengebung.

Autonomie Heißt das Zauberwort. Heinisch-Hosek hat angekündigt, dass sie ein Autonomiepaket schnüren will, doch bei der Ankündigung dürfte es bleiben. Denn Autonomie hieße, dass SPÖ und ÖVP weniger Einfluss auf Postenbesetzungen hätten. Und es würde ein Arbeitsmarkt für Lehrer entstehen, wo Schulen Lehrer gezielt anwerben – und feuern – könnten.

Ganztagsschulen Ursprünglich sollten 160 Millionen Euro pro Jahr in den Ausbau investiert werden, mittlerweile sind es nur wenige Millionen. Über die Qualität wird erst gar nicht diskutiert.

Modulare Oberstufe Soll ab 2017 an allen AHS und BHS eingeführt werden. Das Konzept dazu ist wenig ausgereift. Der nächste Bauchfleck ist der Ministerin also gewiss.

Innerhalb der SPÖ ist Heinisch unter Druck, ihr Job wackelt dem Vernehmen nach derzeit aber nicht.

 

 

TT – 15. Mai 2014

 

 

Nach Pannen bei Zentralmatura: Bifie-Chefs treten zurück

Die beiden Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner ziehen sich bis Ende Juli zurück. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek wird sich am Donnerstag in einer Pressekonferenz zu der Causa offiziell äußern.

Wien – Die Pannen rund um die Zentral-Matura haben im Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) ein Köpferollen zur Folge. Die beiden Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner ziehen sich bis Ende Juli zurück, wurde der APA ein entsprechender Bericht des „Standard" bestätigt. Ein entsprechendes Einvernehmen wurde bei einem Gespräch von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) mit den Direktoren am Mittwochabend erzielt. Offiziell wird sich die Ressortchefin am Donnerstag in einer Pressekonferenz zu der Causa äußern.

Der Testlauf zur Zentralmatura war von gleich drei Pannen begleitet worden. Den Anfang nahmen die Probleme damit, dass der Notenschlüssel bei der Englisch-Matura nach oben korrigiert wurde, konkret 63 Prozent statt der von Schülern erwarteten 60 Prozent korrekt absolviert werden mussten.

Weiter ging es bei der Mathematik-Reifeprüfung, als die Schüler an fünf Wiener AHS in ihren Mathe-Testheften nur acht statt 24 Aufgaben vorfanden. Schließlich kam auch noch die Deutsch-Matura in die Kritik, da nach Ansicht von Germanisten der ausgewählte Text „Die Schnecke" des Autors Manfred Hausmann als Pardonierung für Naziterror und Holocaust verstanden werden könnte.

Schon vor der Zentralmatura hatte das Bifie wegen eines vermeintlichen Datenlecks für Aufsehen gesorgt, in dessen Folge Heinisch-Hosek Österreichs Teilnahme am nächsten PISA-Bildungsvergleichstest absagte.

Die Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner sind nun offenbar dem Druck auf das Institut gewichen. Den beiden war keine lange Amtszeit vergönnt. Sie waren erst im April vergangenen Jahres von Heinisch-Hoseks Vorgängerin Claudia Schmied (SPÖ) angetreten und hätten ihre Funktionen eigentlich fünf Jahre ausfüllen sollen. Netzer, einst Kabinettschef der früheren ÖVP-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP), war dabei der Verantwortliche für die Zentralmatura.

 

 

Heute – 15. Mai 2014

 

Chaos bei Zentralmatura

Bifie-Direktoren legen ihre Ämter zurück

Nach der harten Kritik an der Generalprobe der ab 2015 verpflichtenden Zentralmatura, die am Mittwoch mit dem Fach Griechische zu Ende gegangen ist, ziehen sich die Bifie-Direktoren zurück. Mehr als 90 Prozent der Gymnasien haben an den Schulversuchen teilgenommen und in mindestens einem Maturafach die zentralen Aufgaben des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) verwendet. Doch was bleibt sind Pleiten und Pannen - von einem Nazi-Text bis zu fehlenden Mathematik-Beispielen.

Die nach der Pleitenserie von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek angekündigten Konsequenzen sind nun eingetreten. Die beiden Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner ziehen sich bis Ende Juli zurück, wurde ein entsprechender Bericht des "Standard" bestätigt.

Ein entsprechendes Einvernehmen wurde bei einem Gespräch von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) mit den Direktoren am Mittwochabend erzielt. Offiziell wird sich die Ressortchefin am Donnerstag in einer Pressekonferenz zu der Causa äußern.

Die beiden Direktoren waren erst im April vergangenen Jahres von Heinisch-Hoseks Vorgängerin Claudia Schmied (SPÖ) angetreten und hätten eigentlich fünf Jahre bleiben sollen. Netzer, einst Kabinettschef der früheren ÖVP-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP), war dabei der Verantwortliche für die Zentralmatura. Schon zuvor war das Bifie mit einem Datenleck negativ aufgefallen.

"Verantwortung bei Ministerinnen"

Im Interview mit dem "Ö1-Morgenjournal" forderte Günter Haider, bis Februar 2013 fünf Jahre lang Direktor des Bifie - er hat die Grundzüge der Zentralmatura ausgearbeitet - die Verantwortung der Ministerin ein. "Die Ministerinnen Claudia Schmied und Heinisch-Hosek tragen ohne Zweifel die Verantwortung für das Schlamassel. Jetzt so zu tun, als wäre das Bifie eine externe Firma, die man bei Pannen als Sündenbock verwendet, ist eine glatte Täuschung der Öffentlichkeit."

"Der Besetzungs-Proporz rächt sich"
Er bedaure die aktuelle Situation, weil die Zentralmatura ein wesentlicher Fortschritt ist. Die jetzige Lage werfe ein schlechtes Licht auf Projekt und Beteiligte. "Das Bifie hat exzellente Aufbauarbeit für die Zentralmatura geleistet. Die aufgetretenen Pannen sind eine Mischung aus Unprofessionalität und mangeldner Sensibilität für die Situaltion."

Die Wichtigkeit des Themas in der Öffentlichkeit hätte die Verantwortlichen überrascht. Der für die Zentralmatura zuständige aktuelle Direktor des Bifie, Martin Netzer, müsse nun wahrscheinlich die Konsequenzen für die Pannenserie persönlich tragen, so Haider. "Hier rächt sich, dass bei seiner Bestellung zum Chef der Zentralmatura durch Ministerin Schmied parteipolitische Gründe ausschlaggebend waren. Hier wäre jemand mit Lehramterfahrung und wissenschaftlicher Kompetenz und Praxiserfahrung erforderlich. Es rächt sich der in Ministerien gängige Besetzungs-Proporz."

"Qualifizierte Manager berufen"
Das Bifie sei grundsätzlich nicht schlecht organisiert. Sowohl die personelle Besetzung "mit vielen exzellenten Mitarbeitern", als auch die Ausstattung reichen aus, um große Projekte über die Bühne zu bringen, glaubt Haider . "Man müsste nur den politischen Einfluss heraus halten. Und entsprechend qualifizierte Manager an die Spitze berufen, damit die Pannenserie aufhört und professionelle Einstellung einzieht."

Direktoren, Brandsteidl und Eltern für Beibehaltung
Trotz "einer Fülle von Fehlern" bzw. "klassischen Pannen" plädieren sowohl der Sprecher der AHS-Direktoren, Wilhelm Zillner, als auch die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) für eine Beibehaltung der Zentralmatura

Kritik von Schüler- und Lehrervertretern gab es vor allem am Beurteilungsschlüssel in den lebenden Fremdsprachen: Statt 60 Prozent wie bei den bisherigen Probeläufen mussten im Fach Englisch für eine positive Note 63 Prozent der Punkte erreicht werden, in Französisch mehr als 62 Prozent. Das Bifie begründete dies mit heuer leichteren Aufgaben.

Im Fach Mathematik musste die Matura an fünf Wiener AHS wegen fehlender Angaben unterbrochen werden. Der jüngste Aufreger ist die Deutsch-Matura: Da hat das Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) den Maturanten einen Text mit NS-Ideologie vorgelegt. Über den Kontext informiert wurden die Schüler aber mit keinem Wort.

 

 

 

ORF – 15. Mai 2014

 

Notbremse gezogen

Die Pannen rund um die Zentralmatura haben im Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) ein Köpferollen zur Folge. Die beiden Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner müssen bis Ende Juli ihre Posten räumen, wurde der APA ein entsprechender Bericht des „Standard" bestätigt.

Ein Einvernehmen darüber wurde bei einem Gespräch von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) mit den Direktoren am Mittwochabend erzielt. Offiziell wird sich die Ressortchefin am Donnerstag in einer Pressekonferenz zu der Causa äußern.

Erst ein Jahr im Amt

Netzer und Wiesner sind nun offenbar dem Druck auf das Institut gewichen. Den beiden war keine lange Amtszeit vergönnt. Sie waren erst im April vergangenen Jahres unter Heinisch-Hoseks Vorgängerin Claudia Schmied (SPÖ) angetreten und hätten ihre Funktionen eigentlich fünf Jahre ausfüllen sollen. Netzer, einst Kabinettschef der früheren Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP), war dabei der Verantwortliche für die Zentralmatura.

Wenige Stunden vor der Entscheidung hatte Heinisch-Hosek noch nichts über Konsequenzen sagen wollen. Man müsse „nun genau schauen und dann die Konsequenzen ziehen", so Heinisch-Hosek. „Ich bin natürlich letztverantwortlich dafür, was im Bildungssystem gut oder schlecht läuft."

Pleiten, Pech und Pannen

Zuletzt hatten sich die peinlichen Pannen gehäuft. Ende Februar wurde zunächst ein Datenleck beim BIFIE bekannt. Zwei Jahre alte Testergebnisse von 400.000 Volksschülern und 37.000 Lehrer-Mail-Adressen waren auf einem Server in Rumänien zugänglich gewesen. In der Folge nahm die Bildungsministerin den Vorfall zum Anlass, PISA- und TIMMS-Studien im kommenden Jahr aus Datenschutzgründen auszusetzen - begleitet von lautstarker Kritik von fast allen Seiten.

Tägliche Aufregung bei Zentralmaturaprobe

Auch der Test für die Zentralmatura wurde vom Ministerium ob der Datensicherheit infrage gestellt, ging dann aber Anfang Mai doch über die Bühne. Und dann gab es fast jeden Tag neue Aufregung: Die Diskussionen begannen am 7. Mai ob der Anhebung des Punkteschlüssels in den lebenden Fremdsprachen. Statt 60 Prozent wie bei den bisherigen Probeläufen mussten im Fach Englisch für eine positive Note 63 Prozent der Punkte erreicht werden, in Französisch mehr als 62 Prozent. Das BIFIE begründete das mit heuer leichteren Aufgaben.

Lehrer und Schüler protestierten gegen das neue Bewertungssystem, über das sie erst nachträglich informiert worden wären. Tatsächlich fanden sich Erklärungen in einer Fußnote versteckt. Zwei Tage später fehlten in einigen Wiener Schulen Aufgaben für die Mathematikmatura. Zuletzt schlug am Dienstag einer der Texte für die Deutschmatura Wellen. Die vom BIFIE erarbeitete Aufgabenstellung klammerte den Bezug auf NS-Ideologie des 1947 erschienenen Texts vollständig aus, so die Kritik.

Ex-Direktor nimmt auch Politik in die Pflicht

Der Bildungsforscher und frühere BIFIE-Direktor Günter Haider ortet im Ö1-„Morgenjournal" eine „Mischung aus Unprofessionalität und mangelnder Sensibilität für die Situation". Die Verantwortung sieht er allerdings nicht nur bei der Leitung des BIFIE Wien. Er nimmt auch Heinisch-Hosek und ihre Amtsvorgängerin Schmied in die Pflicht. Es räche sich nun, dass bei Netzers Bestellung „in erster Linie parteipolitische Gründe ausschlaggebend" gewesen seien, so Haider - mehr dazu in oe1.ORF.at.

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Mittagsjournal, 14.5.2014

Maturapannen: Ministerin kündigt Konsequenzen an

Peter Daser

Für den ehemaligen BIFIE-Direktor und Bildungsexperten Günther Haider ist die Pannenserie bei der Zentralmatura eine Folge von parteipolitischen Postenbesetzungen durch die ehemalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ). Schmieds Nachfolgerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) kündigt an, dass es Konsequenzen für das BIFIE geben wird - welche, sagt sie noch nicht.

Gespräche heute

Wie es mit der Zentralmatura und mit dem dafür verantwortlichen Bildungsinstitut BIFIE und seinen Direktoren weitergeht, wollte Heinisch-Hosek heute noch nicht sagen. Sie kündigt das aber für morgen früh an. Sie treffe heute die beiden BIFIE-Direktoren und am Abend die Schulpartner, um von ihnen ihre Eindrücke der verschiedenen Maturabereiche zu sammeln. Morgen um neun Uhr werde sie sich der Presse stellen "und berichten, wie diese Gespräche verlaufen sind und was passieren soll, kann, muss."

Was passieren muss, das betrifft für den Bildungsexperten Günther Haider weniger das System der Zentralmatura an sich, als vielmehr das Unterrichtsministerium und die Führung des BIFIE. Haider war hier früher selbst Chef und wurde durch SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied abgelöst. Die jetzigen Verantwortlichen sieht er als überfordert an, was Folge von parteipolitischen Postenbesetzungen sei. Im Ö1-Morgenjournal sagte Haider über den für die Zentralmatura verantwortlichen BIFIE-Direktor Martin Netzer, hier räche sich, dass bei seiner Bestellung "in erster Linie parteipolitische Gründe ausschlaggebend waren". Netzer sei damals Büroleiter gewesen, es wäre aber jemand mit Schulerfahrung, wissenschaftlicher Qualifikation und Praxis in der Organisation solcher Testungen erforderlich. "So rächt sich im Nachhinein diese im Unterrichtsministerium allgegenwärtige Besetzungsproporz." Martin Netzer selbst wollte dazu auf Anfrage nicht Stellung nehmen.

"Schauen und dann Konsequenzen ziehen"

Die Gesamtverantwortung sieht Haider bei den Ministerinnen Schmied und Heinisch-Hosek. Die sagt dazu heute: "So wie die Direktoren für die Abläufe im BIFIE verantwortlich sind, bin ich für die Abläufe im Ressort verantwortlich und natürlich auch letztverantwortlich für das, was im Bildungssystem gut oder schlecht läuft, das ist keine Frage. Aber das heißt jetzt, genau schauen und dann Konsequenzen ziehen."

In einer anderen Frage berichtet die Unterrichtsministerin heute von einer Einigung - und zwar mit dem Finanzministerium über die Rücknahme von Sparplänen an den Schulen. Ab Stichtag morgen können damit laut Heinisch-Hosek die an den Schulen geplanten Lehrerinnen und Lehrerstellen ausgegeben werden.

 

ORF – 15. Mai 2014

 

„Fülle von Fehlern"

Trotz „einer Fülle von Fehlern" bzw. „klassischer Pannen" plädieren sowohl der Sprecher der AHS-Direktoren, Wilhelm Zillner, als auch die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) für eine Beibehaltung der Zentralmatura. Die Generalprobe für die ab dem Jahr 2015 an AHS verpflichtende zentrale Reifeprüfung endete am Mittwoch mit dem Fach Griechisch.

Aus Sicht Zillners seien „eine Fülle von Fehlern passiert". Er plädiert allerdings im APA-Gespräch für eine Versachlichung der Diskussion. Die harsche Kritik verstehe er: Die Verwendung eines der NS-Ideologie nahestehenden Autors für die Deutschklausuren ohne Erwähnung dieses Hintergrunds sei „zumindest dumm" gewesen und die Abänderung der Prozentsätze für eine positive Note in den Fremdsprachen ohne ausreichende vorherige Information „überheblich". Das Fehlen von Testaufgaben an einem Teil der Schulen in Mathematik wäre dagegen „einfach nur Pech" gewesen.

„Derzeit eine Pechsträhne"

Die derzeit überaus emotional geführte Diskussion sieht Zillner kritisch: „Das BIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Anm.) arbeitet in vielen Bereichen sehr gut, es hat derzeit eine Pechsträhne." Bei den Schulversuchen der vergangenen Jahre sei immer alles gutgegangen, sagt er. Er fordert, dass alle Betroffenen nach einer Beruhigungsphase die aufgetauchten Probleme diskutieren und gemeinsam Lösungen suchen sollen. Sollte sich herausstellen, dass es Managementfehler gegeben hat, müssten Konsequenzen gezogen werden.

„Notwendig, gut und richtig"

Auch für Brandsteidl „steht trotz aller Kritik immer über allem drüber, dass die Zentralmatura dringend notwendig, gut und richtig ist". Allerdings hätte „die Abwicklung durch das BIFIE schlechter nicht sein können". Ihr Resümee: „Durch die Art der Durchführung und diese Serie von Problemen haben die Gegner der Zentralmatura Oberwasser bekommen. Dem Gesamtprojekt hat das geschadet."

Kritik bleibt

„Völlig unverständlich" ist der Wiener Stadtschulratschefin die Auswahl und Formulierung der literarischen Deutschaufgabe: „Man sollte schon wissen, was eine Kurzgeschichte ist. Und es gibt ein Standardrepertoire zur Analyse von Kurzgeschichten. Warum da falsche Leitfragen zum Einsatz kommen, ist nicht einzusehen."

Darüber hinaus sei die ausgewählte Arbeit des deutschen Schriftstellers Manfred Hausmann „kein Text, der unkommentiert zu verwenden ist". Ebenfalls nicht nachvollziehen kann Brandsteidl, warum das BIFIE die Notenschwellen in den lebenden Fremdsprachen geändert hat. „Mathematik war dagegen eine klassische Panne, die passieren kann. Mit einer Qualitätskontrolle kann man die reduzieren, aber das ist halt nicht passiert."

Elternvertreter sieht Chaos

Der Präsident des Bundesverbands der Elternvereine an den mittleren und höheren Schulen, Theodor Saverschel, spricht gegenüber der APA von einem „Chaos". Die Schüler hätten „Versuchskaninchen" spielen müssen: „Es ist sehr viel von dem passiert, was wir befürchtet haben." Dass ein Teil der Mathematikaufgaben fehlt, könne vorkommen.

„Mehr als unglücklich" sei allerdings die Änderung der Bewertungskriterien bei den Fremdsprachen gewesen, der verwendete Deutschtext angesichts der Geschichte Österreichs „wirklich grenzwertig". Die Elternvertreter haben die Ministerin in einem Schreiben aufgefordert, die „Cut Scores" für eine positive Note wieder auf 60 Prozent herunterzusetzen. Außerdem soll das BIFIE nur noch für Forschung und Entwicklung zuständig sein, die Abwicklung von Zentralmatura und Bildungstest soll hingegen das Bildungsministerium übernehmen.

 

Morgenjournal, 15.5.2014

Bifie-Direktoren treten zurück

Klaus Webhofer

Datenleck und Riesenprobleme beim Testlauf der Zentralmatura waren jetzt wohl zu viel: die Direktoren des Bildungsforschungsinstitutes Bifie ziehen sich zurück - Martin Netzer und Christian Wiesner treten Ende Juli ab, das ist nach dem Krisentreffen am Abend mit Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) bekannt geworden.

Zuerst das Datenleck, das die Bildungsministerin zum Anlass nahm, internationale Vergleichstests zu stoppen, dann die Generalprobe für die Zentralmatura, die, man kann es nicht anders sagen, grandios ins Wasser gefallen ist. Das war zu viel: die beiden Direktoren des verantwortlichen Bildungsinstituts Bifie, Martin Netzer und Christian Wiesner, müssen ihre Posten räumen - und zwar bis Ende Juli. Geordneter Rückzug, nennt sich das im Polit-Jargon. Beide waren dann gerade einmal ein gutes Jahr im Amt. Nach all den Problemen, Pannen und Unzulänglichkeiten kann man aber nicht sagen, dass diese Entscheidung sonderlich überrascht.

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek hatte gestern den ganzen Tag hindurch Krisengespräche geführt, natürlich auch mit den Bifie-Chefs. Kommentieren wollte die jetzt getroffenen Entscheidung aber zunächst keiner der Beteiligten. Heinisch-Hosek wird dies am Vormittag in einer Pressekonferenz tun. Für ist das der Versuch eines Befreiungsschlags, da sie ja selbst seit Monaten schwer in der Kritik steht. gestern hatte ja hier im Morgenjournal der frühere Bifie-Direktor Günter Haider die Parteipolitische Besetzungen, rot-schwarz, im Bifie gegeißelt, die er als einer der Ursachen für alle Bifie-Übel ausmacht. Ob es auch Änderungen im Bildungsinstitut, abseits des Personals geben wird, ist die nächste Frage. Neuausrichtung? Eingliederung ins Ministerium? Völlige Schließung? Nichts kann ausgeschlossen werden.

Vor einem radikalen Schritt wird die Ministerin aber wohl das Ergebnis ihrer verordneten Überprüfung abwarten. Mit den Schulpartnern, also Schüler- Eltern- und Lehrervertretern hat Heinisch Hosek am Abend übrigens auch über die Pannen bei der Zentralmatura gesprochen. Ohne konkrete Ergebnisse. Da ist ja einiges zusammengekommen in den letzten Tagen: Ein Benotungsschlüssel, der für hochgradige Verwirrung sorgte, Unvollständige Vorlage in Mathematik, und als negative Krönung: die Deutsch Matura mit einem Text eines NS-Sympathisanten. Jetzt gibt es erste Konsequenzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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