Freitag, 16. Mai 2014

2014.05.16: Newsletter Bildung

Die Presse – 16. Mai 2014

 

 

Schule: Wie die Zentralmatura zu retten ist

Die beiden Direktoren des Bildungsforschungsinstituts BIFIE ziehen sich zur Freude von Bildungsministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) zurück. Die Probleme rund um die Zentralmatura bleiben.

Wien. Die Schuldigen für die Pannenserie bei der Zentralmatura scheinen zumindest für Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) gefunden zu sein: Die beiden Direktoren des Bildungsinstituts BIFIE, Martin Netzer und Christian Wiesner, müssen gehen. Oder, wie es offiziell heißt: Man habe sich „einvernehmlich" darauf verständigt, dass sie den „Weg mit Ende Juli frei" machen. Zur unüberhörbaren Freude der Ministerin: „Ich bin froh. Somit kann das BIFIE vor einem weiteren Imageschaden bewahrt werden."

Der Austausch der Führungsetage wird jedoch weder dem BIFIE noch der Zentralmatura, der sich nächstes Jahr erstmals alle AHS-Maturanten verpflichtend stellen müssen, helfen. Was muss passieren, damit die Zentralmatura noch gerettet werden kann?

1. Schüler, Lehrer und Eltern müssen endlich
mit ins Boot geholt werden

Bereits einmal musste die Zentralmatura verschoben werden, weil Schüler, Lehrer und Eltern protestierten. Die Chance, die sich durch die gewonnene Zeit ergab, wurde verspielt. Lehrer, Eltern und Schüler konnten auch bisher nicht ins Boot geholt werden. Im Gegenteil: Befeuert durch die dilettantischen Patzer befindet sich die Hysterie auf einem neuen Höhepunkt. Es wäre an der Zeit, das Vertrauen der Betroffen (zurück) zu gewinnen.

Was es dazu braucht? Zuallererst bessere Kommunikation. Dass diese nicht funktioniert, bewies die Englischmatura. Erst am selben Tag erfuhren die Betroffenen, dass die Grenze für ein Genügend von 60 auf 63 Prozent hochgeschraubt wurde. Selbst Heinisch-Hosek gesteht: „Hier gibt es ziemlichen Verbesserungsbedarf." Dabei ist sie selbst gefordert: etwa, indem sie beginnt, die Wehklagen der Lehrer über fehlende Übungsbeispiele ernst zu nehmen. Heinisch-Hoseks Aufgabe wäre es, die Bundesreifeprüfungskommission, in der Schüler, Lehrer und Eltern beratend tätig sein sollten, einzuberufen. Diese ist gesetzlich verankert. Einberufen wurde sie nie.

2. Wie „zentral" eine Zentralmatura wirklich sein darf, sollte noch einmal überdacht werden

Der Idee, eine Matura für alle Schüler zu entwerfen, um für Vergleichbarkeit zu sorgen, können mittlerweile viele etwas abgewinnen. Die Geister scheiden sich an der Frage, ob die gesamte schriftliche Matura – wie zurzeit – zentral vorgegeben werden sollte. Gangbar wäre ein anderer Weg, für den sich viele Experten aussprechen: Nur ein Teil der Maturafragen soll zentral gestellt werden. Wer diesen Teil besteht, erhält eine positive Note. So soll ein Mindestniveau sichergestellt werden. Die restlichen Beispiele sollten wie bisher vom Klassenlehrer gestaltet werden. Sie würden über die Noten zwischen eins und vier entscheiden. Den Vorteil sehen die Experten darin, dass den unterschiedlichen Schulschwerpunkten so Rechnung getragen werden kann.

3. Die Notengebung muss klar sein – und soll sich an vorab definierten Standards orientieren

Das BIFIE hat schon in seinem theoretischen Zugang zur Notenvergabe einen Fehler begangen: Man hat sich nicht zuerst überlegt, was Maturanten eigentlich beherrschen sollten, wenn sie acht Jahre Gymnasium absolviert haben. Sondern hat sich zu sehr daran orientiert, was bisherige Jahrgänge konnten. Man hat also – einfach gesprochen – lieber den Schwierigkeitsgrad der Beispiele auf das Können der Schüler gesenkt, statt die Schüler auf das nötige Niveau zu bringen. So wurden von Wissenschaftlern entwickelte Beispiele, die zu viele Schüler bei Feldtestungen nicht beantworten konnten, schlicht entfernt. Das war politisch gewünscht: Andernfalls hätte es zu viele Nicht genügend gegeben. Und das wäre schwer argumentierbar. Wenn man die Matura als Prüfung ernst nimmt, muss man das ändern.

4. Das BIFIE soll die Hoheit in Sachen Zentralmatura an das Ministerium abgeben

So gut der Einsatz eines Forschungsinstituts bei wissenschaftlichen Studien ist, so fehl am Platz ist es bei der Zentralmatura. Die Verantwortung liegt im zuständigen Ministerium, und die Entscheidungen sind auch direkt dort zu treffen. Welche Aufgaben Schüler bei der Matura können lösen müssen und wo die Grenze zwischen bestanden und nicht bestanden liegt, ist immerhin von großer Tragweite. Die Ministerin kündigte am Donnerstag einen möglichen Schritt in diese Richtung an (siehe Bericht).

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Die Presse – 16. Mai 2014

 

 

Alles neu ab Herbst: Bildungsinstitut blickt in eine ungewisse Zukunft

Die Idee hinter dem BIFIE war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Wie die Ministerin gegensteuern will.

Von Julia Neuhauser und Christoph Schwarz

Wien. Eigentlich hätte von Beginn an klar sein müssen, dass ein derartiges Konzept nicht aufgehen kann: Mit dem BIFIE hat die Regierung 2008 ein Institut geschaffen, das einerseits wissenschaftlich im Bildungsbereich tätig sein soll, andererseits zugleich aber politische Reformen (mit-)gestalten und verantworten muss. Die beiden Dinge gehen auf Dauer nicht zusammen: Wer ein Institut, das quasi als verlängerter Arm des Ministeriums agiert, ausschickt, um jenes System wissenschaftlich zu bearbeiten, das es selbst mitgestaltet, darf nicht auf aussagekräftige Ergebnisse hoffen.

Das BIFIE ist zuletzt aber nicht nur daran zerbrochen. Es sind viele, teilweise gravierende Fehler passiert. Begonnen hat die Pannenserie zu Jahresbeginn mit einem Datenleck, über das die BIFIE-Chefs zwar schon lange informiert gewesen sind, das sie aber nicht ernst genommen haben. Nun folgten die Probleme bei der Zentralmatura.

BIFIE-Schließung ist vom Tisch

Das kostete die beiden BIFIE-Chefs, Martin Netzer und Christian Wiesner, die erst seit April 2013 im Amt sind, am Mittwochabend nicht nur den Job. Sondern das wird auch zu einer Neuaufstellung des BIFIE führen. In einem Monat will Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) einen Bericht vorlegen, der sich mit den Pannen bei der Zentralmatura beschäftigt. Ab Sommer soll sich dann eine Expertengruppe mit einer kompletten Umstrukturierung des Bildungsinstituts beschäftigen. Eine Schließung des BIFIE kommt für Heinisch-Hosek nicht infrage. Ansonsten ist aber „vieles möglich", wie sie bei einer Pressekonferenz am Donnerstag betonte. Es könnte etwa sein, dass sich das Institut künftig nur noch mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt und staatliche Aufgaben – wie die Ausarbeitung einer Zentralmatura – wieder direkt dem Bildungsministerium überlassen werden.

Bis Ende Juli werden Netzer und Wiesner noch die Geschicke des Instituts leiten. Dann soll es einen interimistischen Direktor geben, den das Bildungsministerium aus den eigenen Reihen stellen möchte. Im Gespräch für den Job ist Christian Dorninger, der das BIFIE bereits einmal vorübergehend leitete.

Teure Reparaturarbeiten

Wie lange diese Übergangsphase dauern soll, ist unklar, und hängt wohl auch davon ab, wie das Direktorium künftig bestellt wird. Derzeit gab es de facto aus nur einem Grund zwei Chefs: Einen darf die SPÖ (derzeit sitzt Wiesner auf dem roten Ticket) stellen, einen die ÖVP. Jeder von den beiden leitet einen der großen Standorte in Salzburg und Wien.

Sollte sich die Ministerin festlegen, künftig nur noch einen Direktor zu bestellen, dürfte das die Auswahl erschweren. Es ist nicht davon auszugehen, dass die ÖVP ihren Einfluss einfach aufgibt. Hinzu kommt, dass sich wegen des schlechten Rufs des Instituts nur schwer eine qualifizierte Persönlichkeit finden wird, die sich den Job antun wird.

Klar ist, dass die Veränderungen beim BIFIE Geld kosten. Das dürfte für die Ministerin angesichts des Sparkurses schmerzhaft sein. Allein die Abberufung der Direktoren dürfte einiges kosten. Immerhin wären ihre Verträge noch vier Jahre lang gelaufen. Die Ministerin schweigt zu konkreten Summen.

 

Die Presse – 16. Mai 2014

 

 

Zwei Rücktritte machen noch keine Reform

Von wegen gut verwaltet. Dank der Pannenmatura wissen wir endlich ganz genau: Wir schaffen große Veränderungen organisatorisch einfach nicht.

Es gibt gute Nachrichten für und aus Österreich: Viele ideologische Grabenkämpfe, so manche komplexe Fragestellung und nicht wenige politische Entscheidungen könnten wir uns in Zukunft zum Wohl von Harmonie und koalitionärer Eintracht einfach ersparen. Dies zeigt der Bildungsbereich in den vergangenen Monaten eindrücklich.

Die Diskussion um die Einführung einer zentralen Matura etwa, die Debatte um die Sinnhaftigkeit und die notwendigen Konsequenzen aus mediokren PISA-Tests und natürlich das gute alte Thema Gesamtschule – das brauchen wir alles nicht mehr. Denn spätestens seit den dämlichen Pannen bei der neuen einheitlichen Matura wissen wir: Wir können das organisatorisch einfach nicht. Ganz egal, ob nun der typische österreichische Widerstand in Gestalt des elegant, hilflosen Sich-dumm-Stellens dahintersteckt, oder echte intellektuelle Defizite.

Von besonderer organisatorischer Gabe war auch der Umgang mit den Daten vergangener Tests: „Die Presse" entdeckte solche auf einem Server, der irgendwo in Rumänien stand. Die zuständige Gabriele Heinisch-Hosek kündigte daraufhin das Aussetzen des PISA-Tests an. Sie hätte eigentlich auch noch das Verbot von Datenservern ankündigen können. Gibt es eigentlich noch irgendjemanden, der wirklich glaubt, der Staat und seine jeweiligen Minister seien in der Lage, eine echte Bildungsreform durchzuführen? Wie will Heinisch-Hosek eine neue Schule für alle auf die Beine stellen, wenn nicht einmal ein paar Daten geschützt werden und Matura-Aufgaben sinnerfassend gestellt werden können?

Zugegeben: Mit dem BIFIE und seinen Direktoren hatte Heinisch-Hosek den organisatorischen Feind im eigenen Haus. Selten fiel eine Institution mit so stolz vorgetragenem Dilettantismus auf. Die Absetzung – Entschuldigung: der Rücktritt – der beiden Direktoren beweist zwar eine gewisse Konsequenz der Ministerin (und natürlich die Angst vor der nahenden EU-Wahl), wird aber wohl nicht das Grundproblem lösen: Kann dieses Institut überhaupt noch tätig werden? Eher nein. Oder: Was passiert eigentlich im Bildungsressort an Arbeit? Nicht so viel offenbar. Und gibt es in diesem Land so etwas wie eine Ministerverantwortung? Nein. Stimmt, personelle Konsequenzen wie die nun präsentierten sind in Österreich auch bei skandalösen Vorfällen eine Seltenheit – und daher begrüßenswert: Aber was passiert danach inhaltlich und vor allem strukturell an Veränderungen? An dieser Stelle eine kurze störende Zwischenfrage in die Conchita-Wurst-Partyschlange um das Kanzleramt: Was wurde eigentlich aus dem Augiasstall namens Burgtheater? Auch dort wurde panisch der Direktor in die Wüste geschickt und Aufklärung versprochen. Kommt da noch etwas?

Aber vermutlich wird uns auch Gabriele Heinisch-Hosek in Kürze erklären, dass es nun vor allem darum gehe, Ruhe und Beruhigung in die Schulen und Maturaklassen zu bringen. Vielleicht ist es auch der eigentliche Sinn der absurd langen Sommerferien in den Schulen: politische Ruhe.

Das besonders Ärgerliche der (un-)absichtlichen Dauersabotage sind ihre Folgen: Die Gegner jedweder Veränderung – ja, sie muss passieren, liebe ÖVP-Bewahrer – bekommen so Oberwasser. Daten gehen verloren? Weg mit PISA und Test – damit gibt es auch keine flächendeckende Evaluierung von Schulen, Lehrern und Schülern (in dieser Reihenfolge!), und somit wird es wieder viel gemütlicher.

Gerade das war und ist die Chance einer zentralen, einheitlichen Matura: Endlich werden die bisher nur bruchstückhaft erhobenen und nur gefühlten Unterschiede dargestellt: Wo sind die Schulen und die Lehrer gut und wo nicht? Das Gerede von der individuellen Behandlung der Schüler (und Klassen) ist ein solches: Dafür war eigentlich acht Jahre lang Zeit.

Nein, es sind abschreckende Signale und Nachrichten, die da aus dem Bildungsressort und den Schulen kommen. Wenn schon so viel von der Gefahr und dem Handicap für den Standort Österreich die Rede ist: Schlechte Ausbildung ist das größte Gift.

 

 

Die Presse – 16. Mai 2014

 

 

ÖVP-Kritik an Heinisch-Hosek: "Einer Ministerin unwürdig"

Der Koalitionspartner kritisiert die Ministerin scharf. Die Grünen wollen nur einen BIFIE-Standort, die FPÖ will nur einen Direktor.

Wien. Von „ministerieller Hauruck-Aktion" bis zu „Pannen-Ministerin": Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) musste sich am Donnerstag einige Kritik an ihrem Krisenmanagement in Bezug auf das Bildungsinstitut BIFIE gefallen lassen. Damit, dass ausgerechnet der Koalitionspartner ÖVP die schärfsten Worte finden würde, hatte die Bildungsministerin aber wohl nicht gerechnet.

Nachdem Heinisch-Hosek den Rückzug der beiden BIFIE-Direktoren bekannt gegeben hatte, sprach die offenbar völlig überraschte ÖVP der Ministerin Kompetenz und Redlichkeit ab: „Bei all dem, was im Unterrichtsministerium an mangelnder Kompetenz, Steuerung und Aufsicht augenscheinlich geworden ist, wäre es wohl schäbig und einer Ministerin unwürdig, sich selbst von jeglicher Verantwortung freizusprechen und die gesamte Verantwortung auf die beiden Direktoren abzuwälzen", sagte ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel. Die Opposition reagierte ebenfalls mit Kritik, brachte aber auch konstruktive Vorschläge zu einer Neugestaltung des BIFIE. So fordert die FPÖ, dass die beiden Direktoren zur Vermeidung des Proporz durch einen einzigen ersetzt würden.

„Vertraue dem BIFIE nicht mehr"

Die Grünen setzen ebenfalls auf eine Reduzierung, allerdings bei den Standorten des BIFIE: Statt zwei solle es künftig nur noch einen geben. Somit sollen die bisherigen Aufgaben klar getrennt werden: Salzburg könne weiter die Testungen und Evaluierungen durchführen, die Wiener Niederlassung solle eine Dienststelle des Ministeriums werden und als solche die Zentralmatura verantworten. Auch die Industriellenvereinigung plädiert für eine geänderte Aufgabenverteilung. Der Wiener Stadtschulrat reagierte prompt und beendete die Zusammenarbeit beim Lesetest: „Ich kann nicht mehr sagen, dass ich dem BIFIE vertraue", so Präsidentin Brandsteidl. Da sei „einfach zu viel passiert". (rovi)

 

 

"Kleine Zeitung" vom 16.05.2014                             Seite: 12

Ressort: Tribüne

 

Steiermark

 

DENKZETTEL

 

Aus der Spuk

 

   Es hat lange gedauert, ehe Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek der Kragen platzte. Lang ist die Liste der Missgeschicke, die den beiden Direktoren des Bildungsforschungsinstituts Bifie anzulasten sind. Je länger sie wurde, desto mehr drohte sich die Verantwortung auf die Ministerin selbst zu verlagern. Die ÖVP nutzte die Gelegenheit denn auch, die Fehlleistungen Heinisch-Hosek anzulasten.

 

   Der Sturz der beiden glücklosen Direktoren ermöglicht einen Neustart, vielleicht auch eine Neuausrichtung der seit Langem umstrittenen Einrichtung. Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Universität Wien schlägt vor, das Institut rein wissenschaftlich auszurichten und alle anderen Agenden wieder im Ministerium selbst anzusiedeln. Die Gewerkschaft deutet an, auch eine völlige Schließung wäre keine Tragödie.

 

   Heinisch-Hosek will nichts übereilen, sagt sie. Dafür spricht vieles. Der Schaden ist schon entstanden, für die Ministerin wie für das Bifie. Nun muss die Ursache gefunden und behoben werden. Nur zwei neue Köpfe an die Stelle der abgeschlagenen zu setzen, ist zu wenig. THOMAS GÖTZ

 

 

"Kleine Zeitung" vom 16.05.2014                              Seite: 4

Ressort: Politik

 

Steiermark

 

Chefs gehen, Bifie bleibt

 

Heinisch-Hosek zieht die Konsequenzen aus den Bifie-Pannen und wirft die Direktoren raus. Das Institut wird nicht geschlossen, aber umgekrempelt.

 

    Nach dem Chaos bei der Zentralmatura und der Datenleckpanne im Februar hat SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek personelle Konsequenzen gezogen. Mit Martin Netzer und Christian Wiesner mussten die Direktoren des Forschungsinstituts für Bildung (Bifie) ihre Arbeitsplätze räumen. „Damit weitere Schäden verhindert werden können und das Image des Instituts nicht noch mehr leidet", begründete Heinisch-Hosek ihr hartes Durchgreifen. Trotz aller Kritik ist eine Schließung des Instituts für die Ministerin jedoch „kein Thema". Allerdings brauche es „gravierende Veränderungen im Bifie".

 

   Ob das Institut die ab 2015 flächendeckende Zentralmatura, die der Ministerin zufolge nicht infrage steht, durchführen wird, ist unklar. Jetzt werden laut der Ministerin erst einmal die Fehler von einer Taskforce analysiert, in einem Monat sollen erste Ergebnisse vorliegen. Im Sommer will die Ministerin dann grundlegende Veränderungen am Bifie vornehmen und damit „die Weichen für eine neue Art der Bildungsforschung in Österreich stellen". In seiner jetzigen Form sei es „zu weit weg von Lehren und Schülern", es fehle die „Bodenhaftung". Auch eine deutliche Verschlankung des Instituts, das im Jahr etwa 20 Millionen Euro kostet, schließt Heinisch-Hosek nicht aus.

 

   Dieser Reformprozess wird dann nicht mehr unter der Regie von Netzer und Wiesner stattfinden. Nach dem endgültigen Abtritt der beiden im Juli ist eine interimistische Hauslösung geplant. In diesem Zusammenhang taucht immer wieder der Name Christian Dorninger auf, der schon einmal als Übergangsdirektor eingesprungen ist. Die Suche nach einem neuen Bifie-Chef wird laut der Ministerin „mehrere Monate" dauern.

 

   Die ÖVP kritisiert das Vorgehen von Heinisch-Hosek scharf. Sie habe sich „der Verantwortung entzogen und einer Ministerin unwürdig gehandelt", tönte Generalsekretär Gernot Blümel. Es sei „schäbig", den Bifie-Chefs die Schuld für alles zu geben.

 

   KLAUS KNITTELFELDER

 

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BIFIE-PANNEN

 

Februar 2014: Schüler-Testdaten tauchen auf rumänischem Server...

 

   Februar 2014: Schüler-Testdaten tauchen auf rumänischem Server auf.

 

   26. Februar: Der PISA-Test wird daher abgesagt.

 

   8. Mai: Bei der Englisch-Zentralmatura werden falsche Notenschlüssel kommuniziert.

 

   9. Mai: An fünf Wiener AHS fehlen Mathematik-Maturaaufgaben.

 

   13. Mai: Deutsch-Matura: Schüler mit Text eines NS-Dichters konfrontiert.

 

   15. Mai: Beide Bifie-Direktoren werden abgesetzt.

 

 

"Kleine Zeitung" vom 16.05.2014                              Seite: 4

Ressort: Politik

 

Steiermark

 

DREI FRAGEN AN . . .

 

Soll das Bifie in seiner derzeitigen Form erhalten bleiben?...

 

 

   STEFAN HOPMANN: Nein. Im Bifie werden Hoheits- und Forschungsaufgaben vermischt. Ein Forschungsinstitut sollte sich nicht um Unterrichtsmaterialien oder die Durchführung der Zentralmatura kümmern, das sind politische Aufgaben. Es fehlt die Distanz zum Ministerium.

 

   Es sollte also unabhängig sein?

 

   HOPMANN: Man müsste das Institut vom Ministerium loslösen und beispielsweise an eine Uni angliedern. Derzeit ist die Bifie-Konstruktion schlichtweg ein Mist.

 

   Wer oder was ist schuld an den Pleiten? HOPMANN: Das Bifie ist strukturell überfordert und für falsche Dinge zuständig. Also passieren Fehler. Den Direktoren die Schuld zu geben, ist nicht fair.

 

 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 16.05.2014             Seite: 1

Ressort: Seite 1

 

 

Bifie-Direktoren müssen gehen

 

   Wer künftig die Zentralmatura durchführt, ist noch offen

 

   WIEN. Nach der Pannenserie bei der schriftlichen Zentralmatura hat Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) gestern den Rückzug der beiden Direktoren des durchführenden Bildungsforschungsinstituts angekündigt. Martin Netzer und Christian Wiesner scheiden mit Juli aus dem Bifie aus - "einvernehmlich", wie die Ministerin betonte.

 

   An der Einführung der Zentralmatura an allen AHS im nächsten Schuljahr will Heinisch-Hosek festhalten, die Fehler sollen jetzt analysiert werden. Danach werde entschieden, wer künftig die Zentralmatura durchführt. »Seite 2, Leitartikel auf Seite 4

 

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OÖN – 16. Mai 2014

 

Bifie-Chefs sind Jobs los, Ministerium könnte Zentralmatura übernehmen

WIEN. Wer bei der Matura im ersten Anlauf nicht durchkommt, bekommt eine zweite Chance. Wer bei der Umsetzung einer neuen Matura patzt, nicht: Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) verkündete gestern den Rücktritt der beiden Direktoren des Bildungsforschungsinstituts (Bifie).

Martin Netzer und Christian Wiesner werden im Juli "den Weg freimachen, um das Bifie vor weiterem Schaden und Imageverlust zu bewahren", sagte sie.

Nach nur einem Jahr kosten die Pannen bei der Generalprobe für die Zentralmatura (die OÖNachrichten berichteten) also nicht nur den zuständigen Netzer den Job. Man habe eine "einvernehmliche Lösung" vereinbart, die Details würden noch verhandelt, so Heinisch-Hosek. Im Bifie-Gesetz ist eine Abberufung der Direktoren nur bei "schwerwiegender Pflichtverletzung" vorgesehen, den Nachweis zu erbringen wollte sie offenbar vermeiden. Ihre Gespräche mit Netzer, Wiesner und dem Bifie-Aufsichtsrat hatten sich am Mittwoch bis in die späten Abendstunden gezogen. Interimistisch wird ein Ministeriumsvertreter die Bifie-Leitung übernehmen.

Prüfung der Zentralmatura

Denn Heinisch-Hosek will nicht nur eine interne Taskforce die "gravierenden Fehler" bei der Durchführung der Zentralmatura aufarbeiten lassen, auch das Bifie soll einer "Stärken/Schwächeanalyse" unterzogen werden. Der Taskforce-Bericht soll in einem Monat vorliegen, für die Neuordnung des Bifie will sich die Ministerin bis Herbst Zeit nehmen. Nur zwei Dinge stehen für Heinisch-Hosek vorab fest: "Die neue Matura soll nächstes Jahr stattfinden" – wie geplant an allen AHS. Und eine komplette Schließung des Bifie sei "kein Thema", so Heinisch-Hosek.

Offen ist, ob Bifie oder Ministerium künftig die Zentralmatura verantworten. Für die Ministerin ist "vieles möglich". Nicht eingehen wollte sie auf Kritik an der proporzmäßigen Bifie-Führung: "Wenn wir uns auf einen Direktor einigen, soll es mir genauso recht sein wie eine paritätische Lösung."

Viel Lob durfte Heinisch-Hosek für ihre Entscheidung nicht einstreifen (siehe unten): Die ÖVP richtete ihr gar aus, es wäre "schäbig, sich selbst von jeglicher Verantwortung freizusprechen".

 

Bifie: Umstritten seit der Gründung

2008 wurde das Bildungsforschungsinstitut vom Unterrichtsressort ausgegliedert, Hauptaufgabe damals: Vorbereitung von Bildungsstandards, Durchführung der PISA-Studie in Österreich. Es folgte die Planung und Umsetzung der Zentralmatura.

Kritik an politisch motivierten Postenbesetzungen begleiten das Bifie seit damals, 2013 legte der Rechnungshof einen vernichtenden Bericht vor, in dem etwa fehlende Kontrolle und extreme Kostensteigerungen kritisiert wurden.

Martin Netzer und Christian Wiesner waren im April 2013 bestellt worden. Sie folgten Günter Haider und Josef Lucyshyn nach, letzterer war wegen finanzieller Turbulenzen abgesetzt worden.

Netzer und Wiesner, die für fünf Jahre bestellt waren, haben beide ein Rückkehrrecht: Wiesner war bereits zuvor im Bifie tätig, Netzer war stellvertretender Sektionschef im Ministerium. Beide wollten sich gestern nicht zu ihrer Zukunft äußern.

 

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OÖN – 16. Mai 2014

 

Die Verantwortung der Ministerin

Die Pannenserie bei der Zentralmatura konnte nicht ohne Folgen bleiben. Der Rückzug der beiden Direktoren des durchführenden Bildungsforschungsinstituts (Bifie) kann aber nur ein erster Schritt sein. Die beiden würden mit ihrem Abschied den "Weg freimachen, um das Bifie vor weiterem Schaden und Imageverlust zu bewahren", sagte Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) gestern. Und wer bewahrt das Bildungssystem vor weiterem Schaden?

Heinisch-Hoseks Image ist mehr als angeschlagen. Seit ihrem Antritt als Unterrichtsministerin hat sie eine beispiellose Pannenserie abgeliefert: Vom praktisch nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen gleich wieder befeuerten Streit mit der ÖVP um die Gesamtschule über die Panikreaktion auf das Datenleck beim Bifie (Absage aller Vergleichstests) bis zu den undurchdachten und letztlich wieder zurückgezogenen Sparplänen in ihrem Ressort.

Die Pannen bei der Zentralmatura sind auch der Ministerin anzulasten. Erst stoppte sie wegen des Datenlecks am Bifie alle Planungen zur Zentralmatura, dann gab sie doch grünes Licht. Die Fehler sind auch Konsequenz fehlender Vorbereitungszeit. Warum die Ministerin dem Institut zwar die neue Matura anvertraute, nicht aber die Durchführung von PISA-Studie und Bildungsstandards blieb rätselhaft. Die noch vor wenigen Tagen von ihr angekündigte Redimensionierung des Instituts ist nun doch noch nicht fix. Und wer im nächsten Schuljahr einen geordneten Ablauf der Zentralmatura sicherstellen soll, wird erst entschieden. Bis wann? Das könne sie nicht sagen, wehrte Heinisch-Hosek gestern ab. Genauso wenig wollte sie ausschließen, dass auch die neue Bifie-Führung "paritätisch" – also proporzmäßig – besetzt wird.

Die Ministerin wirkt mit dem Krisenmanagement überfordert oder zumindest schlecht beraten. Bei der angekündigten Fehleranalyse muss sich Heinisch-Hosek fragen, ob sie als Ressortchefin noch die richtige Besetzung ist. Sie trägt, wie sie selbst gesagt hat, die Letztverantwortung – und ist längst eine Fehlbesetzung. In ihrer Position muss man überlegt und faktenorientiert vorgehen, aber auch entscheidungsstark sein – und das Vertrauen der Schulpartner genießen. Heinisch-Hosek trägt nur noch zur Verunsicherung bei. Das ist das Letzte, was es in diesem sensiblen Bereich jetzt braucht. Die neue Matura ist nicht gescheitert, nur deren Testlauf. Für den Serienstart braucht es neue Regisseure.

 

 

OÖN – 16. Mai 2014

 

Ruf nach weiteren Konsequenzen

WIEN. Als "anerkennenswert" und "vermutlich vernünftigen Schritt" für die Handlungsfähigkeit des Bildungsforschungsinstituts und dessen Ruf bezeichnete der Vorsitzende des Bifie-Aufsichtsrats, Arthur Mettinger, den Rückzug der beiden Bifie-Direktoren.

Zuletzt hatte Mettinger Martin Netzer und Christian Wiesner im OÖNachrichten-Gespräch noch das Vertrauen ausgesprochen. Über eine Neustrukturierung des Instituts und eine mögliche Schließung von Standorten wollte er gestern nicht spekulieren: "Das muss man sehr gründlich überlegen", sagte der Rektor der FH Campus Wien.

Der Koalitionspartner ÖVP kritisierte Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) nicht nur harsch (siehe oben), sondern forderte auch eine rasche Erledigung: "Wir brauchen rasch eine gute Struktur, um Leistung wieder überprüfbar zu machen", sagte Vizekanzler Michael Spindelegger.

Von der Opposition kamen zahlreiche Forderungen für eine Neustrukturierung des Bifie: Die Grünen verlangten einen "behutsamen Neuaufbau": Der Salzburger Standort solle bestehen bleiben, die Wiener Bifie-Zweigstelle aber ins Ministerium eingegliedert werden. Dort soll künftig auch die Zentralmatura geplant werden.

Die FPÖ sprach sich für die Streichung der zweiten Direktorenstelle aus, für eine Neuorganisation plädierte das Team Stronach, das ebenfalls nur noch einen Direktor an der Spitze sehen will. Übernehmen solle diese Funktion Netzers Vorgänger Günter Haider.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 113 vom 16.05.2014              Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

Ministerin versucht den Befreiungsschlag

 

   Heinisch-Hosek kämpft mit den Lasten der Vergangenheit. Und trägt schwer an ihrem Ruf als Pannenministerin.

 

   ALexandra Parragh Wien. Die Pannenserie bei der Zentralmatura hat sie den Job gekostet: Christian Wiesner und Martin Netzer, die beiden Direktoren des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie), müssen Ende Juli gehen. Das 2008 ausgegliederte Institut jedoch bleibt, „aber in einer anderen Form". Wie diese aussehen wird, das wird eine Expertengruppe gemeinsam mit den Schulpartnern bis Herbst entscheiden.

 

   An der Durchführung der Zentralmatura im kommenden Jahr an allen AHS und 2016 an allen berufsbildenden höheren Schulen (BHS) hält Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) wie geplant fest. Unklar ist nur, ob weiterhin das Bifie sie abwickeln wird oder ob das Ministerium die Organisation der Zentralmatura selbst übernehmen wird.

 

   Im Grunde hat Heinisch-Hosek bloß einen Scherbenhaufen weggeräumt, den ihre Vorgängerin Claudia Schmied hinterlassen hatte. Das Bifie stand schon im Kreuzfeuer der Kritik, lang bevor Heinisch-Hosek das Bildungsressort übernahm Es war Schmied, die die Zentralmatura 2012 nach Protesten um ein Jahr verschieben musste, weil sich Schüler und Lehrer vom Bifie schlecht darauf vorbereitet fühlten. Schmied traf auch sämtliche Personalentscheidungen. Auf sie geht nicht nur die Bestellung der beiden scheidenden Bifie-Direktoren zurück, sondern auch die ihrer Vorgänger Günter Haider und Josef Lucyshyn.

 

   Schon bei der Gründung des Bifie 2008 kamen deshalb Vorwürfe politischer Einflussnahme auf. „Mister Pisa, Günter Haider, war einst als SPÖ-Kandidat für das Unterrichtsministerium gehandelt worden, sein Co-Direktor Josef Lucyshyn wurde der ÖVP zugerechnet. Schmied bestellte Haider nicht wieder und entließ Lucyshyn fristlos, laut Disziplinarbehörde zu Unrecht. Beide galten als unbequeme Kritiker Schmieds.

 

   Unter Schmied wuchs das Bifie von einem kleinen Zentrum an der Universität Salzburg mit 25 Mitarbeitern zu einem Institut mit drei Außenstellen und 180 Mitarbeitern an, das der Rechnungshof als zu groß, zu teuer und zu ineffizient kritisierte.

 

   Das alles war vor fünf Monaten schon bekannt, als Heinisch-Hosek das Unterrichtsministerium übernahm. Das erklärt aber noch nicht, weshalb ihr selbst – abgesehen vom Bifie – seither so viele Pannen unterlaufen. PISA. Nach einem Datenleck stoppte Heinisch-Hosek den PISA-Test und setzte die Bildungsstandards für ein Jahr aus, obwohl ihr viele Experten davon abgeraten hatten. Denn das Datenleck allein rechtfertige diesen Schritt nicht. Das Bundeskriminalamt ermittelt, ob überhaupt je ein Datenproblem beim Bifie bestand. Oder ob nicht ein einstiger Mitarbeiter Schülerdaten aus Rache veröffentlicht hatte. Heinisch-Hosek leitete eine TÜV-Prüfung beim Bifie ein. Sparen I. Verunglückt war auch die Umsetzung des Budgetsparkurses durch Heinisch-Hosek. Die verkündeten Einsparungen mussten bald zurückgenommen werden. Dabei räumen Kritiker wie der grüne Bildungssprecher Harald Walser ein, dass Heinisch-Hoseks ursprünglicher Plan, bei den Zweitlehrern, der Klassengröße und Überstunden der Lehrer zu sparen, nicht so schlecht gewesen wäre. Es fehlte bloß an der richtigen Kommunikation.Sparen II. Die nächste Panne folgte auf dem Fuß. Heinisch-Hosek erklärte nun, ihr Sparziel durch Kürzungen bei den Ganztagsschulen erreichen zu wollen. Wieder ein Kommunikationsfehler: Es handelte sich um keine wirkliche Kürzung, sondern nur um eine Verschiebung des Ausbaus der Ganztagsschulen. Dennoch hagelte es Kritik an der Ministerin, die sich sogar einer Sondersitzung im Nationalrat und ihrem ersten Misstrauensantrag als Bildungsministerin stellen musste.

 

   Wie geht es mit dem Bifie weiter? Die Grünen fordern, dass das Bifie auf einen einzigen Standort – die Zentrale in Salzburg – reduziert wird. Die Wiener Niederlassung soll ins Ministerium integriert werden und für die Durchführung der Zentralmatura zuständig sein, sagt Bildungssprecher Walser. Ex-Bifie-Direktor Günter Haider fordert „volle Autonomie" für das neue Bifie, auch solle es keine „politischen" Direktorenbesetzungen mehr geben.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 113 vom 16.05.2014             Seite: 10

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

„Die Schnecke" im Schulbuch

 

   Wie kam „Die Schnecke" in die Zentralmatura und warum steht der umstrittene Prosatext noch immer unkommentiert und ohne Hinweis auf das Erscheinungsjahr in Schullesebüchern?.

 

   Helmut Schliesselberger Wien. Der umstrittene Zentralmaturatext „Die Schnecke" von Manfred Hausmann war nicht zum ersten Mal Maturathema an Österreichs Schulen. Der Prosatext dürfte in den letzten Jahrzehnten immer wieder als Reifeprüfungsaufgabe gestellt worden sein – jeweils ohne auf den problematischen Entstehungszusammenhang unmittelbar nach der NS-Zeit hinzuweisen. So war der Prosatext etwa im Schuljahr 1989/90 Teil einer Deutschmatura eines Klagenfurter Gymnasiums. Eine damalige Deutschlehrerin des Gymnasiums erklärt auf SN-Anfrage, dass es sich bei dem Hausmann-Text um einen „sehr gängigen Text in Lesebüchern" gehandelt habe. Sie habe mit dem „Naturthema"-Text als Maturaaufgabe sogar „sehr gute Erfahrungen" gemacht. Die Schüler hätten das grundlegende Dilemma – wieweit darf der Mensch gehen, wie weit darf er in die Schöpfung eingreifen? – fundiert behandelt. Der problematische Hintergrund des Autors sei damals nicht bekannt gewesen. Man müsse sich als Deutschlehrer auch verlassen können, dass Schulbuchautoren, wenn sie Texte auswählten, „es auch vermerken, wenn Autoren aus einem gewissen Dunstkreis" stammten.

 

   Wie berichtet, hatten Autoren und Germanisten in den SN den Zentralmatura-Aufgabenstellern vorgeworfen, die historische Rezeptionssituation des Hausmann-Texts im Jahr 1947 unmittelbar nach Naziterror und Holocaust völlig auszublenden. Ein kurzer SN-Lokalaugenschein in einer Schulbuchhandlung ergab, dass dies offenbar auch die Schulbuchautoren taten. In einem aktuellen Lesebuch des ÖBV, Lesezeichen 1, erscheint der Text unter dem Überbegriff „Das Zeichen der Bäume (Natur – Mensch)". In den Anmerkungen zum Autor wird dessen schriftstellerisches Wirken in der Zeit von 1933 bis 1945 nicht erwähnt und selbst die angegebene Quelle, ein Sammelband aus 1957, verschleiert den Entstehungszeitpunkt des Texts. Laut Deutschlehrern steht der Text auch unkommentiert in einem zweiten an den Schulen in Gebrauch befindlichen Lesebuch.

 

   Und wie kam „Die Schnecke" überhaupt in die Deutsch-Zentralmatura des Mai-Termins? Der Deutsch-Didaktik-Lehrkanzel der Uni Klagenfurt, unter deren Federführung die Test- Zentralmatura 2013 ausformuliert worden war, hatte man im Vorjahr nach Kritik an der Qualität der Aufgaben den Auftrag entzogen.

 

   Für den heurigen Termin hatte das Bifie AHS- und BHS-Lehrer eingeladen, als „item-writer" geeignete Maturabeispiele einzusenden. Insgesamt langten neun Themenpakete ein. Da bei jeder Deutschmatura drei Themenpakete mit je zwei Aufgaben benötigt werden, wählte im Rahmen der Bifie-„Evaluierungsschleife zur Qualitätssicherung" ein 15-köpfiges Expertenteam (Lehrer, FH-Germanisten, Uni-Professor) drei Themenpakete aus, darunter den Hausmann-Text. Die Experten haben dabei den Text samt den völlig einschränkenden Interpretationsvorgaben für Schüler und Lehrer offenbar durchgewinkt.

 

 

Österreich – 16. Mai 2014

 

Zentralmatura 

Bifie bleibt bestehen, aber in anderer Form

Direktoren-Abgang soll Bifie vor weiterem Schaden und Imageverlust bewahren.

 

Eine komplette Schließung des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) ist für Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) kein Thema. "Das Bifie bleibt, aber in einer anderen Form", so Heinisch-Hosek bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Ob das Institut auch künftig die Zentralmatura durchführen wird, steht aber noch nicht fest. Fix ist, dass die Bifie-Direktoren das Feld räumen.

Zentralmatura bleibt

Die ab 2015 an den AHS und ab 2016 an den berufsbildenden höheren Schulen (BHS) anstehende flächendeckende Umsetzung der neuen Reifeprüfung steht für die Ministerin außer Frage. "Man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten." Es sei klar, dass bei der heurigen Generalprobe "gravierende Fehler" passiert seien: "Die gilt es jetzt zu analysieren und im nächsten Jahr zu minimieren oder noch besser gar nicht passieren zu lassen."

Eine interne Expertengruppe des Ministerium werde nun prüfen, welche Fehler passiert seien. Diese Taskforce soll in einem Monat einen Abschlussbericht vorlegen, so Heinisch-Hosek. Dafür werde wieder der TÜV Austria herangezogen, der bereits die Datensicherheit beim Bifie prüft.

Vertrag mit Bifie-Direktoren wird aufgelöst

Der Vertrag mit den beiden Bifie-Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner werde einvernehmlich mit Ende Juli beendet, bekräftigte Heinisch-Hosek. Damit solle das Bifie vor weiterem Schaden und Imageverlust bewahrt werden. Anschließend werde aus dem Ministerium eine interimistische Führung bestellt. Netzer habe ein Rückkehrrecht ins Ministerium, Wiesner in sein Institut. Details der Vertragsauflösung habe man noch nicht besprochen.

"Es wird aber auch eine Neuausrichtung des Bifie geben", kündigte die Ministerin eine Organisationsreform des Instituts an. Dieser Prozess werde im Sommer gemeinsam mit dem Bifie-Aufsichtsrat, den Schulpartnern sowie Experten vor allem aus dem Inland, zum Teil aber auch aus dem Ausland gestartet. "Wir müssen analysieren, wie es mit der Bildungsforschung in Österreich überhaupt weitergeht." Viele hätten den Eindruck, es werde nur mehr getestet und kontrolliert. "Die Bildungsforschung braucht mehr Bodenhaftung in Österreich." Sie wolle "weniger Elfenbeinturm und mehr Praxistauglichkeit". Bis Herbst soll dann eine Stärken-Schwächen-Anaylse stehen.

Die von ihr zuletzt angekündigte Redimensionierung des Bifie ist dabei noch nicht fix, so Heinisch-Hosek: "Ich habe das angedacht, das wird aber nicht von mir alleine entschieden." Eine Verschlankung sei möglich, werde aber gemeinsam mit den Stakeholdern entschieden.

Künftig nur ein Direktor vorstellbar
Ein neues Bifie-Gesetz könne sie außerdem nicht alleine beschließen, so die Ministerin. Dieser Prozess werde heuer vorbereitet und vermutlich 2015 abgeschlossen. Durchaus vorstellen kann sie sich dabei, dass künftig nur mehr ein Direktor das Institut leiten wird. Eines sei aber klar: Eine komplette Reintegration des Bifie ins Ministerium werde es nicht geben. "Ich stehe dazu, dass Bildungsforschung von einem eigenen Institut durchgeführt wird." Welche Aufgaben künftig vom Ministerium durchgeführt werden und welche vom Bifie, werde von dem Lenkungsausschuss geklärt: "Es kommen aber sicher nicht alle Agenden ins Ministerium."

Die Entscheidung des Wiener Stadtschulrats, die Zusammenarbeit mit dem Bifie komplett aufzukündigen, falle in dessen Kompetenz, meinte die Ministerin: "Ich habe Vertrauen ins Bifie." Kritik sei natürlich angebracht - "aber man kann einem Bildungsforschungsinstitut vertrauen".

ÖVP fordert rasche Neustrukturierung

Die ÖVP hat am Donnerstag eine rasche Neustrukturierung des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) gefordert. Innenministerin und ÖAAB-Chefin Johanna Mikl-Leitner erklärte am Rande einer Veranstaltung gegenüber der APA: "Nach den vielen Pannen in den vergangen Wochen ist es jetzt wichtig, über die Neuordnung des Bifie zu diskutieren."

Mikl-Leitner verwies auch auf die Koordinierungsrolle von SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Zeitlich solle die Restrukturierung bis Ende des Jahres erfolgen, so die Spiegelministerin Heinisch-Hoseks in Bildungsfragen.

Auch Vizekanzler und ÖVP-Obmann Michael Spindelegger erklärte nach seiner heutigen "Österreich-Rede" gegenüber der APA, bei der Koordinierung des Ausschreibungsprozesses sei nun die zuständige Bildungsministerin gefragt. "Wir brauchen rasch eine gute Struktur, um Leistung wieder überprüfbar zu machen", so Spindelegger. Auf einen Zeitplan bei der Neustrukturierung wollte er sich nicht festlegen.

 

 

"Der Standard" vom 16.05.2014                                Seite: 1

Ressort: SEITE 1

 

Bundesland, Bundesland Abend, Niederösterreich

 

Heinisch-Hosek will Bifie erhalten, aber umstrukturieren

 

   Wien – Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) zieht – wie vom Standard in einem Teil seiner Donnerstagausgabe bereits berichtet – die beiden Direktoren des Bildungsforschungsinstituts Bifie ab und stellt dessen Zuständigkeit für die heuer so pannenreiche Zentralmatura infrage. Die Einrichtung soll umstrukturiert und neu ausgerichtet werden. Heinisch-Hosek: „Das Bifie bleibt, aber in einer anderen Form." (red) Seite 7

 

    Kommentar Seite 32

 

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Der Standard – 16. Mai 2014

 

"Der Standard" vom 16.05.2014                                Seite: 7

Ressort: Inland

 

Marie-Theres Egyed Lisa Nimmervoll

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Die Direktoren müssen gehen, das Bifie darf bleiben

 

   Nach diversen Pannen beim Zentralmatura-Testlauf zieht Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek einen Schlussstrich und will das Bildungsforschungsinstitut Bifie neu ausrichten. Das Direktorenduo muss gehen. Wer künftig die Zentralmatura organisiert, ist offen.

 

   Wien – Was schon in der Nacht durchgesickert ist – der Standard berichtete in einem Teil seiner Ausgabe –, verkündete Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) am Donnerstag offiziell: Die zwei Direktoren des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie), Martin Netzer und Christian Wiesner, verlassen bis Ende Juli die Einrichtung. Mit der einvernehmlichen Trennung von den beiden Führungskräften solle weiterer Schaden und Imageverlust abgewendet werden, sagte die Ministerin und gab zugleich eine Entwarnung: „Das Bifie bleibt, aber in einer anderen Form."

 

   Die „gravierenden Fehler" bei der Generalprobe für die Zentralmatura gelte es „jetzt zu analysieren und im nächsten Jahr zu minimieren oder noch besser, gar nicht passieren zu lassen". Die ab 2015 an den AHS und ab 2016 an den BHS anstehende flächendeckende Umsetzung der Zentralmatura steht für Heinisch-Hosek außer Frage. Ob das Bifie dann noch dafür verantwortlich sein wird, ist hingegen völlig offen. Jetzt soll eine ministeriumsinterne Taskforce binnen Monatsfrist prüfen, welche Fehler passiert sind. Der TÜV Austria, der bereits die Datensicherheit am Bifie prüft, wird dabei helfen.

 

   Beide Bald-Ex-Bifie-Direktoren haben übrigens Rückkehrrechte in ihre früheren Arbeitsstätten: Netzer mit ÖVP-Ticket ins Unterrichtsministerium, Wiesner, der SPÖ zugerechnet, könnte wieder am Bifie-Standort Salzburg arbeiten, wo er bereits vor seiner Direktorenfunktion leitend tätig war.

 

   „Mehr Bodenhaftung"

 

   Heinisch-Hosek kündigte „eine Neuausrichtung des Bifie" an. Die Organisation des Instituts soll reformiert werden. Wie, das soll ab Sommer gemeinsam mit dem Bifie-Aufsichtsrat, der vor „Schnellschüssen" warnte, den Schulpartnern und Experten, vor allem aus dem Inland, aber auch aus dem Ausland, diskutiert werden: „Wir müssen analysieren, wie es mit der Bildungsforschung in Österreich überhaupt weitergeht", sagte die Ministerin. Diese brauche „mehr Bodenhaftung".

 

   Für Änderungen des Bifie-Gesetzes, die Heinisch-Hosek für 2015 anstrebt, braucht sie die ÖVP, die eine rasche Neustrukturierung forderte. Generalsekretär Gernot Blümel verlangte von der SPÖ-Ministerin Verantwortungsübernahme. Es wäre „schäbig", sich „von jeglicher Verantwortung freizusprechen" und alles auf die Exdirektoren zu schieben.

 

   Der Wiener Stadtschulrat verkündete wegen Vertrauensverlusts das Ende der Zusammenarbeit mit dem Bifie beim Wiener Lesetest.

 

   Die Grünen, die das Bifie-Gesetz 2008 mit SPÖ und ÖVP beschlossen haben, wollen einen „behutsamen Neuaufbau" und nur noch einen Standort in Salzburg. FPÖ und Team Stronach fühlen sich in ihrer Kritik an der parteipolitischen Besetzung bestätigt und fordern ein Ende des Proporzes, und die Industriellenvereinigung will eine Neuverteilung der Aufgaben zwischen Ministerium und Bifie. Kommentar Seite 32

 

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Im ministeriellen Einflussbereich

 

   Das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (Bifie) ist ein 2008 gegründetes Institut mit Departments in Wien, Salzburg, Graz und Klagenfurt. Es ist unter anderem für die Zentralmatura, die Bildungsstandardtestungen sowie die Abwicklung internationaler Bildungsstudien wie Pisa zuständig und erstellt den alle drei Jahre erscheinenden nationalen Bildungsbericht.

 

   Hervorgegangen ist es aus mehreren dem Unterrichtsministerium unterstehenden Forschungsinstituten, und es steht im Einflussbereich des Ressorts: Laut Bifie-Gesetz werden die zwei Direktoren, die Mehrzahl des Aufsichtsrats und der wissenschaftliche Beirat vom jeweiligen Unterrichtsminister bestellt.

 

   Der Rechnungshof hat die Ausgliederung des Bifie im Jahr 2008 kritisiert: zu viel Budget, zu viel Personal, zu wenig Kontrolle und zu wenig Effizienz. (APA, nim)

 

   WISSEN

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"Der Standard" vom 16.05.2014                               Seite: 32

Ressort: Kommentar

 

Lisa Nimmervoll

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Land der vorletzten Verantwortung

 

Bifie: Wem SPÖ und ÖVP gemeinsam geben, dem nehmen sie auch gemeinsam

 

   Na, das ist doch mal eine tatkräftige Lösung eines politischen Problems! Die zwei Direktoren des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (Bifie) werden aus ihrem Amt entfernt. Die Regierung, allen voran die im Fahrwasser der Zentralmatura weiter unter Druck geratene Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), atmet auf. Problem erkannt, Problem gelöst, weiter im Programm.

 

   Es ist ein sehr österreichisches Drama, das sich am und mit dem Bifie abspielt. Es zeigt vor allem, wie hier regiert und Verantwortung getragen wird. Man lässt sie tragen im Land der rhetorischen „Letztverantwortung", die die Politikerinnen und Politiker „natürlich" eh selbst tragen.

 

   Schön für sie, schön blöd für alle anderen im Staat.

 

   Schon die Konstruktion des Instituts zeigt, welchen Geist das Bifie-Gesetz von 2008 atmet: Man wollte offenkundig ein paar willfährige Schoßhündchen als Begleitschutz für die Bildungspolitik – und keine unabhängigen Wachhunde, die mittels wissenschaftlicher Studien auch unliebsame Informationen über den Zustand des Bildungssystems liefern.

 

   Die unglückselige, aber natürlich vorsätzlich kurze Leine zwischen Ministerium und Bifie ist eines der größten Hindernisse für die Arbeit dieses Instituts, an dem unbestritten einige der besten Bildungsforscher Österreichs – selbst von scharfen Kritikern anerkannt – tätig sind. Warum? Das wissen wir dank Günter Haider, der das Bifie fünf Jahre leiten durfte, zu frech, sprich unabhängig war und dann gehen musste. Er hat das politische Schweigekartell in Sachen Bifie gesprengt und erzählt, wie Studien auf ministerielle Anweisung nicht veröffentlicht werden durften, weil Kanzler Werner Faymann (SPÖ) im Wahljahr „keine Brösel" wollte.

 

   Na dann. Sitz! Platz! Brav.

 

   Das ist abartig im Zusammenhang mit Wissenschaft, die diesen Namen verdienen soll, und es zeigt, wie wenig diese Politikergarde mit dem Wort „Forschung" anfangen kann.

 

   Das Bifie-Gesetz gehört schleunigst entpolitisiert. Es wäre ein souveräner Akt, wenn Heinisch-Hosek mit der ÖVP die politischen Durchgriffsrechte auf das Bifie kappen ließe, die systemwidrig ins Bifie verschobenen Hoheitsaufgaben wie die Zentralmatura, bei der es um ein staatliches Zertifikat geht, das demokratisch legitimiert sein muss, in den Verantwortungsbereich des Ministeriums verschieben und die Bifie-Leitung in unabhängige Wissenschafterhände legen würde.

 

   Nur eine Frage bleibt noch: Warum müssen eigentlich beide Direktoren, auch jener, der nicht für die Zentralmatura zuständig war, gehen? Ach ja! Da war doch was. Proporz! Wem SPÖ und ÖVP gemeinsam geben, dem nehmen sie auch gemeinsam. Wenn „unserer" wegsoll, dann muss „eurer" auch raus. Das nennt sich „Koalition" – oder institutionalisierte Raubritterschaft auf Kosten eines ganzen Landes.

 

   Und so bleibt Österreich, was es ist: das Land der vorletzten Verantwortungsträger. Man mag sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn wirklich einmal etwas Großes passieren würde und tatsächlich die „letzte Verantwortung" schlagend würde. Dann müsste ja das oberste Regierungsduo in trauter Proporzeintracht zurücktreten. Nicht auszudenken.

 

   Nicht? Doch. Es wäre ein befreiender Kulturbruch für dieses Land, das unter dem rot-schwarzen Filz langsam zu kollabieren droht.

 

 

"Kronen Zeitung" vom 16.05.2014                            Seite: 2/3

Ressort: Politik

 

Wi, Abend, Bgld, Ktn, Wi Mitte, Wi Nord, Wi Süd, Wi West, N.Ö., O.Ö., Sbg, Stmk, Ti, Vbg, Wi, Morgen

 

Bildungsministerin Heinisch-Hosek zieht die Konsequenzen aus

 

Nach Köpferollen kommt Reform

 

Wien. - "Es sind gravierende Fehler passiert", erklärte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek am Donnerstag zu der Pannenserie des Bifie bei der Generalprobe für die neue Zentralmatura. Nach dem Köpferollen an der Spitze des Bildungsinstituts verspricht die Ministerin eine Reform und mehr Praxistauglichkeit.

 

   Bildungsministerin Heinisch-Hosek zieht jetzt die Notbremse.

 

   Die beiden nach großkoalitionärem Proporz besetzten Direktoren des Bildungsinstituts Bifie nehmen - wie berichtet - den Hut. Damit wäre der Weg frei, um das 2008 von Unterrichtsministerin Claudia Schmied gegründete und von Beginn an umstrittene Institut zu verschlanken.

 

   Allerdings könnte das Bifie schon vorher zerbröseln. Der Stadtschulrat in Wien hat jedenfalls erklärt, die Zusammenarbeit mit dem Bildungsinstitut zu beenden. "Ich kann nicht mehr sagen, dass ich dem Bifie vertraue. Da ist einfach zu viel passiert", sagte Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl.

 

   Heinisch-Hosek lehnt derzeit aber eine völlige Schließung des Bifie ab. Es solle bleiben, aber in einer anderen Form. "Man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten", erklärte die Bildungsministerin. Sie erwarte in Zukunft jedoch, "weniger Elfenbeinturm und mehr Praxistauglichkeit".

 

   Auch die Opposition erwartet eine Neuausrichtung des Bifie. Freiheitliche und Grüne kritisieren, dass die Direktorenposten des Bifie nach rot-schwarzen Proporzkriterien besetzt werden. Die FPÖ will vor allem durchleuchten, ob die Bifie-Direktoren, die nun den Hut nehmen, eine Abfertigung erhalten werden.

 

 

Kurier – 16. Mai 2014

 

 

Zukunft des bifie-Instituts bleibt offen.

Die Ministerin will Probleme evaluieren und dann im Herbst Reformpläne bekannt geben.

 

 

 

Sie zog die Reißleine, wenn auch reichlich spät: Am Donnerstag gab Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) bekannt, dass die beiden Direktoren des Bildungsinstituts bifie bis Juni ihren Hut nehmen müssen. Und sie kündigte an, das Institut umfassend reformieren zu wollen. Wie, ist offen.

Anlass für die Rauswürfe ist die jüngste bifie-Pannenserie: Zuerst gab es ein EDV-Datenleck, das die Ministerin veranlasste, den internationalen Bildungsvergleichstest PISA abzusagen. Dann gab es Fehler bei der Generalprobe zur Zentralmatura: Der Notenschlüssel in den Fremdsprachen wurde nach oben gesetzt. Der größte Skandal war wohl die Deutsch-Matura, wo der Text eines NS-anrüchigen Autors zur Interpretation vorgelegt wurde – ohne auf dessen Vita zu verweisen.

Martin Netzer, der auf einem ÖVP-Ticket im Bildungsinstitut sitzt, und Christian Wiesner, der als SPÖ-Mann gilt, ereilt jetzt das gleiche Schicksal wie 2013 Langzeit-bifie-Chef Günter Haider und schon vorher dessen Co-Direktor Josef Lucyshyn. Letzterer wurde wegen "wesentlicher Schwächen im Kontrollsystem" gefeuert.

Auch die Nachfolger hatten offenbar Probleme bei der Kontrolle des bifie . Bis Herbst lässt sich die Ministerin Zeit, eine neue Spitze zu suchen.

Doch ein einziger Experte wird die Führung im "Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des Bildungswesens" garantiert nicht übernehmen. Denn: Rot und Schwarz bringen zwar wenig weiter – den Parteienproporz in Gesetze zu gießen, schaffen sie aber allemal: § 9 des bifie-Gesetzes verlangt zwei Direktoren.

Neuordnung

Die Ministerin will nun evaluieren lassen und dann "das bifie neu ordnen". Die Industriellenvereinigung fordert, dass überlegt werden müsse, welche Aufgaben künftig das Institut und welche das Ministerium habe. Die Grünen wollen, dass zwei der drei bifie-Standorte geschlossen werden und die Zentralmatura vom Ministerium formuliert wird. Die ÖVP lässt durch Generalsekretär Gernot Blümel ausrichten, dass nicht nur das bifie, sondern das gesamte Bildungssystem reformiert werden muss. Heißt: Wer welche Aufgaben zu erledigen hat. Da muss er aber wohl auch viele seiner Parteifreunde überzeugen.

 

 

Kurier - 16. Mai 2014

 

Zwei Rauswürfe sind noch keine Reform

Bildungsministerin Heinisch-Hosek feuert die bifie-Chefs. Das ist bestenfalls Schadensbegrenzung.

Der Rauswurf des roten und des schwarzen Direktors des Bildungsinstituts des Bundes (bifie) ist mit Sicherheit ein notwendiger Schritt. Gelöst ist damit im Bildungsbereich aber nichts. Das weiß wohl auch Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Sie ist seit knapp fünf Monaten im Amt, und hat bereits eine Pannenserie vorzuweisen, die eigentlich für fünf Jahre reichen würde.

Allem voran der Skandal rund um die Deutsch-Matura. Keinem der Verantwortlichen im Bildungsinstitut ist aufgefallen, dass den Schülern ein schwülstiger Text eines Ex-Mitarbeiters von Joseph Goebbels Propagandazeitschrift Das Reich vorgelegt wird. Jeder Maturant hätte das in weniger als zehn Sekunden mit seinem Smartphone herausfinden können. Und das war nicht der einzige schwere Fehler bei der ersten Zentralmatura.

Aber wie geht es weiter? Wie will Heinisch die Neue Mittelschule so reformieren, dass die hohen Kosten auch sinnvoll erscheinen? Wann bekommen die Schulen die notwendige Autonomie, damit sie selbstständig gute Lehrer anwerben und schlechte feuern können? Und wie lange müssen wir uns noch mit den vielen kleinen und großen Pannen vom ominösen Datenleck bis zur Zentralmatura herumschlagen, statt die großen Ziele der Bildungspolitik in Angriff nehmen zu können?

Fragen über Fragen. Eine davon: Wie lange kann sich Kanzler Werner Faymann die "Pleiten, Pech und Pannen"-Ministerin noch leisten? Die Bildungspolitik ist eines der Kernthemen der Sozialdemokraten. Bisher konnten sich die Roten auf die ÖVP ausreden, dass in der Bildungspolitik Reformen blockiert werden. Jetzt liegt das Problem bei der amtsführenden Ministerin.

 

 

"Kurier" vom 16.05.2014                                    Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Länder, Länder, Morgen

 

Nächster Fehler in Mathe- Zentralmatura entdeckt

 

   Falsche Angabe. Karl Svozil ist Professor am Institut für Theoretische Physik an der Technischen Universität in Wien. "Als Vortragender habe ich großes Interesse am Kenntnisstand der angehenden Studenten in Mathematik", erklärt er in einem Mail an die Schülerunion, die dem KURIER vorliegt.

 

   Der Professor hatte mit großer Freude die aktuelle Mathe-Matura durchgerechnet. Doch bereits das zweite Beispiel der AHS-Matura habe ihn, wie er berichtet, "in einige Verwirrung gestürzt, da die Angabe falsch ist. Als Maturant hätte mich das aus dem Konzept gebracht".

 

   Konkret geht es darum, dass ein "Betrag F" durch eine Gleichung beschrieben wird, dabei wurde aber in der Aufgabenstellung das Zeichen für die Betragsfunktion |x| vergessen. "Man kann das Beispiel zwar rechnen, aber die Angabe ist nicht richtig. Dafür, dass die Aufgaben sonst so pedantisch gestellt werden, ist dieser Fehler einfach peinlich. Das Beispiel ist einfach inkongruent", erklärt der Professor.

 

 

Wiener Zeitung – 16. Mai 2014

 

Bifie

Bauernopfer für die Bildung

 

 

 

 

 

 

 

 

·         Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek hinterfragt die Vielzahl an Tests und stellt das Forschungsinstitut auf neue Beine.

 

 

Wien. (pech) Das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie), das in den vergangenen Monaten durch eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen aufgefallen ist, wird restrukturiert. Genaue Pläne dafür gibt es aber noch nicht. Gabriele Heinisch-Hosek, die als Unterrichtsministerin für das Bifie politisch verantwortlich ist, hat nach einem Gespräch mit den beiden Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner am Donnerstag bestätigt, dass deren Verträge mit Ende Juli aufgelöst werden. Anschließend werde aus dem Ministerium eine interimistische Führung bestellt. Netzer habe ein Rückkehrrecht ins Ministerium, wo er einst Büroleiter von ÖVP-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer war, Wiesner - er wird der roten Reichshälfte zugeordnet - an die Universität Salzburg.

Vor allem Netzer stand in der Kritik von Lehrern und Elternvertretern, da in seinen Zuständigkeitsbereich am Bifie die Zentralmatura fällt. Die heurige Zentralmatura galt als Probelauf, da diese im kommenden Jahr verpflichtend an allen AHS eingeführt wird, an den BHS erst ein Schuljahr später. Ob die Abwicklung künftig in das Ministerium wandert, konnte Heinisch-Hosek noch nicht sagen. Bildungsforscher Stefan Hopmann befindet im Interview (siehe unten), dass die Zentralmatura in einem Forschungsinstitut nichts verloren habe und ureigenste Aufgabe des Ministeriums sei und er bewertet den Rausschmiss der Direktoren als "Bauernopfer".

Pannen bei der Zentralmatura
Die Pannen bei der Zentralmatura: Statt 60 Prozent wie bei den bisherigen Probeläufen mussten in Englisch für eine positive Note 63 Prozent der Punkte erreicht werden, in Französisch mehr als 62 Prozent. In Mathematik musste die Matura an fünf Wiener AHS wegen fehlender Beispiele unterbrochen werden. Bei der Deutsch-Matura stand ein Text zur Auswahl, der nationalsozialistisches Gedankengut vertritt.

Heinisch-Hosek will nicht nur klären, von wem die Zentralmatura künftig betreut wird, sondern insgesamt eine Neuausrichtung des Bifie überlegen. Dieser Prozess werde im Sommer gemeinsam mit dem Bifie-Aufsichtsrat, den Schulpartnern sowie Experten gestartet. "Wir müssen analysieren, wie es mit der Bildungsforschung in Österreich überhaupt weitergeht." Viele hätten den Eindruck, es werde nur mehr getestet und kontrolliert.

Die von ihr zuletzt angekündigte Redimensionierung des Bifie ist dabei noch nicht fix. Auch die Frage, ob künftig nur noch ein Direktor an der Spitze des Bifie stehen soll, will die Ministerin mit dem Regierungspartner beraten. Eines sei aber klar: Eine komplette Reintegration des Bifie ins Ministerium werde es nicht geben.

Die Entscheidung des Wiener Stadtschulrats, die Zusammenarbeit mit dem Bifie komplett aufzukündigen, falle in dessen Kompetenz, meinte die Ministerin. Kritik sei natürlich angebracht - "aber man kann einem Bildungsforschungsinstitut vertrauen".

In der Opposition sieht man eine Mitverantwortung von Heinisch-Hosek. Der grüne Bildungssprecher Harald Walser macht sogar die Ministerin selbst als "Auslöser" fest: "Sie konstruierte eine Datenleck-Affäre, die es nicht gab. Am Bifie waren die Daten zu jeder Zeit sicher. Sie hat vorschnell einen Testungsstopp befohlen und die Vorbereitungen für die Zentralmatura wochenlang ausgesetzt. Der dadurch entstandene Zeitdruck für die schriftliche Matura (. . .) hat zu einem Versagen der Kontrollen wegen Überlastung des Personals geführt."

Wissen

Das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (Bifie) ist ein 2008 gegründetes Institut mit Departments in Wien, Salzburg und Graz. Es ist unter anderem für Zentralmatura, Bildungsstandard-Testungen und die Abwicklung internationaler Bildungsstudien wie Pisa zuständig und erstellt den alle drei Jahre erscheinenden Bildungsbericht.

Das Bifie ist aus mehreren dem Unterrichtsministerium unterstehenden Forschungsinstituten hervorgegangen und steht im Einflussbereich des Ressorts: Laut Bifie-Gesetz werden sowohl die beiden Bifie-Direktoren als auch die Mehrzahl des Aufsichtsrats und der wissenschaftliche Beirat vom Unterrichtsminister bestellt. Die Ausgliederung 2008 hat der Rechnungshof kritisiert: Es gebe dort zu viel Budget, zu viel Personal, zu wenig Kontrolle und zu wenig Effizienz.

Die einzelnen Departments widmen sich "Bildungsstandards und Internationalen Assessments", der "Standardisierten kompetenzorientierten Reife- und Diplomprüfung" und der "Evaluation, Bildungsforschung und Berichterstattung". Dazu kommt noch ein Department für Zentrales Management und Services.

 

Wiener Zeitung – 16. Mai 2014

 

Stefan Hopmann

"Ein Konstruktionsfehler"

 

 

 

 

 

 

 

Von Brigitte Pechar

 

 

"Wiener Zeitung":Herr Professor, was ist am Bifie falsch gelaufen?

Stefan Hopmann: Das Bifie hatte von Beginn an einen Konstruktionsfehler. Man darf Wissenschaft und Schulaufsicht nicht vermischen, was aber hier getan wurde. Diese Vermischung führte zu der Serie von Pleiten, Pech und Pannen. Ex-Bifie Direktor Günter Haider hatte mit seiner Persönlichkeit vieles überdeckt, man hat immer mehr Geld hineingepumpt, wodurch ein Wasserkopf entstanden ist, der nicht funktioniert hat. Dafür können die beiden Direktoren nichts, die sind Bauernopfer.

Braucht es ein Bildungsforschungsinstitut überhaupt, oder müssen bestimmte Aufgaben im Ministerium angesiedelt sein?

Es ist eine wissenschaftliche Aufgabe, Monitoring zu machen, Forschung zu machen und Ähnliches. Und es ist eine politische Aufgabe, Schulinhalte und Prüfungsinhalte festzulegen. Das eine gehört an ein Institut, das nicht unter politischer Kontrolle steht, das andere muss in Demokratien unter politischer Kontrolle sein. Diese Aufgaben muss man trennen.

Was heißt das am Beispiel der Zentralmatura?

Die Aufgabenfestlegung ist eine Aufgabe des Ministeriums, das Bifie sollte mit der Durchführung überhaupt nichts zu tun haben.

Haben wir zu viele Testungen?

Nein, aber man muss sie nur auseinanderhalten. Ein Monitoringtest taugt nicht zur individuellen Leistungsfeststellung. Das Bifie will aber alles gleichzeitig machen.

 

 

TT – 16. Mai 2014

 

 

Köpferollen beim Bifie und Reformversprechen der Ministerin

Nach der Pannenserie beim Zentralmatura-Testlauf müssen die Bifie-Direktoren gehen. Bildungsministerin Heinisch-Hosek gesteht „gravierende Fehler" ein und verspricht eine „Neuausrichtung" der Bildungsforschung in Österreich.

Wien – Wien - Eine komplette Schließung des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) ist für Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) kein Thema. „Das Bifie bleibt, aber in einer anderen Form", so Heinisch-Hosek bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Ob das Institut auch künftig die Zentralmatura durchführen wird, steht aber noch nicht fest. Fix ist, dass die Bifie-Direktoren das Feld räumen.

Die ab 2015 an den AHS und ab 2016 an den berufsbildenden höheren Schulen (BHS) anstehende flächendeckende Umsetzung der neuen Reifeprüfung steht für die Ministerin außer Frage. „Man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten." Es sei klar, dass bei der heurigen Generalprobe „gravierende Fehler" passiert seien: „Die gilt es jetzt zu analysieren und im nächsten Jahr zu minimieren oder noch besser gar nicht passieren zu lassen."

Eine interne Expertengruppe des Ministerium werde nun prüfen, welche Fehler passiert seien. Diese Taskforce soll in einem Monat einen Abschlussbericht vorlegen, so Heinisch-Hosek. Dafür werde wieder der TÜV Austria herangezogen, der bereits die Datensicherheit beim Bifie prüft.

Heinisch-Hosek verspricht „mehr Bodenhaftung"

Der Vertrag mit den beiden Bifie-Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner werde einvernehmlich mit Ende Juli beendet, bekräftigte Heinisch-Hosek. Damit solle das Bifie vor weiterem Schaden und Imageverlust bewahrt werden. Anschließend werde aus dem Ministerium eine interimistische Führung bestellt. Netzer habe ein Rückkehrrecht ins Ministerium, Wiesner in sein Institut. Details der Vertragsauflösung habe man noch nicht besprochen.

Wir müssen analysieren, wie es mit der Bildungsforschung in Österreich überhaupt weitergeht.

Gabriele Heinisch-Hosek

„Es wird aber auch eine Neuausrichtung des Bifie geben", kündigte die Ministerin eine Organisationsreform des Instituts an. Dieser Prozess werde im Sommer gemeinsam mit dem Bifie-Aufsichtsrat, den Schulpartnern sowie Experten vor allem aus dem Inland, zum Teil aber auch aus dem Ausland gestartet.

„Wir müssen analysieren, wie es mit der Bildungsforschung in Österreich überhaupt weitergeht." Viele hätten den Eindruck, es werde nur mehr getestet und kontrolliert. „Die Bildungsforschung braucht mehr Bodenhaftung in Österreich." Sie wolle „weniger Elfenbeinturm und mehr Praxistauglichkeit". Bis Herbst soll dann eine Stärken-Schwächen-Anaylse stehen.

Bifie-Redimensionierung noch nicht fix

Die von ihr zuletzt angekündigte Redimensionierung des Bifie ist dabei noch nicht fix, so Heinisch-Hosek: „Ich habe das angedacht, das wird aber nicht von mir alleine entschieden." Eine Verschlankung sei möglich, werde aber gemeinsam mit den Stakeholdern entschieden.

Ein neues Bifie-Gesetz könne sie außerdem nicht alleine beschließen, so die Ministerin. Dieser Prozess werde heuer vorbereitet und vermutlich 2015 abgeschlossen. Durchaus vorstellen kann sie sich dabei, dass künftig nur mehr ein Direktor das Institut leiten wird. Eines sei aber klar: Eine komplette Reintegration des Bifie ins Ministerium werde es nicht geben. „Ich stehe dazu, dass Bildungsforschung von einem eigenen Institut durchgeführt wird." Welche Aufgaben künftig vom Ministerium durchgeführt werden und welche vom Bifie, werde von dem Lenkungsausschuss geklärt: „Es kommen aber sicher nicht alle Agenden ins Ministerium."

Die Entscheidung des Wiener Stadtschulrats, die Zusammenarbeit mit dem Bifie komplett aufzukündigen, falle in dessen Kompetenz, meinte die Ministerin: „Ich habe Vertrauen ins Bifie." Kritik sei natürlich angebracht - „aber man kann einem Bildungsforschungsinstitut vertrauen".

Gleich drei Pannen bei Testlauf

Der Testlauf zur Zentralmatura war von gleich drei Pannen begleitet worden. Den Anfang nahmen die Probleme damit, dass der Notenschlüssel bei der Englisch-Matura nach oben korrigiert wurde, konkret 63 Prozent statt der von Schülern erwarteten 60 Prozent korrekt absolviert werden mussten.

Weiter ging es bei der Mathematik-Reifeprüfung, als die Schüler an fünf Wiener AHS in ihren Mathe-Testheften nur acht statt 24 Aufgaben vorfanden. Schließlich kam auch noch die Deutsch-Matura in die Kritik, da nach Ansicht von Germanisten der ausgewählte Text „Die Schnecke" des Autors Manfred Hausmann als Pardonierung für Naziterror und Holocaust verstanden werden könnte.

Schon vor der Zentralmatura hatte das Bifie wegen eines vermeintlichen Datenlecks für Aufsehen gesorgt, in dessen Folge Heinisch-Hosek Österreichs Teilnahme am nächsten PISA-Bildungsvergleichstest absagte.

 

 

Heute – 16. Mai 2014

 

Bekommen alte Jobs wieder

Poker um Abfertigung der Bifie-Direktoren

 

Das Bifie bleibt, wird aber umstrukturiert. Ob es nach der Pannen-Serie die ab 2015 verpflichtende Zentralmatura abhält, ist unklar. Die beiden Bifie-Chefs gehen mit Ende Juli. Details werden verhandelt.

Die beiden Bifie-Direktoren Martin Netzer und Christian Wiesner gehen, "um das Bifie vor weiterem Schaden und Imageverlust zu bewahren", wie Ministerin Heinisch-Hosek es begründete. Beide haben ein Rückkehrrecht in ihre vorherigen Jobs - Netzer war im Ministerium, Wiesner Zentrumsleiter am Bifie.

Beide gehen laut der "einvernehmlichen Lösung" Ende Juli nach nur 16 Monaten im Amt, obwohl sie für fünf Jahre geholt wurden. Welche Ansprüche die beiden haben, sagt das Ministerium noch nicht. "Die Details werden in den kommenden Tagen besprochen."

Vorgänger verdienten im Monat 11.300 Euro brutto
Aber: Schon 2012 lag das Jahresgehalt (der Vorgänger) laut Rechnungshof bei 158.100 Euro im Jahr, also knapp 11.300 Euro brutto, 14 Mal. Aus diesen Zahlen würde sich ein theoretischer Anspruch von mehr als einer halben Million Euro für die restlichen 44 Monate des Vertrages ergeben.

Der Rechnungshof kritisierte 2012 zudem, dass bei den damaligen Bifie-Chefs Einmalzahlungen (17.400 Euro bzw. 79.200 Euro) nach Beendigung des Dienstverhältnisses vorgesehen waren, die verminderte Pensionsansprüche gegenüber ihrer Beamtenpension ausgleichen sollten.

Harte ÖVP-Kritik: "Schäbig"
Heinisch-Hoseks Konsequenzen aus der Pannen-Serie beim Bifie sorgen für Krach in der Koalition. Die ÖVP kritisiert die SP-Ministerin ungewöhnlich scharf. Es wäre "wohl schäbig und einer Ministerin mit Führungsverantwortung unwürdig, sich selbst von jeglicher Verantwortung freizusprechen", sagte ÖVP-Generalsekretär Blümel.

Reaktion der SP: Die ÖVP solle das "Anpatzen" der Ministerin einstellen. Die FPÖ hat angekündigt, die möglichen "Golden Handshakes" für die Direktoren zu "durchleuchten".

 

Morgenjournal, 16.5.2014

Experten: Zentralmatura nicht "zentral" genug

Regina Pöll

Die Aufregung um die Zentralmatura hält auch nach der Absetzung der BIFIE-Chefs an. Denn jetzt geht es um die Benotung jener Englisch-Matura, bei der es Unklarheiten über den Benotungsschlüssel gab. Und weil hier das Gesetz den Lehrern die Entscheidung überlässt, fragen sich nun Experten, ob damit nicht die Zentralmatura an sich ad absurdum geführt wird.

"Unfairness" bleibt

Die Zentralmatura soll gleiche Regeln für alle bringen - auch bei der Benotung. Da passe es nicht dazu, dass eine Verordnung aus den 1970er-Jahren den Lehrern weiterhin das letzte Wort lässt, ob ein Schüler nun durchkommt oder nicht, sagt Bildungswissenschaftlerin Christiane Spiel: "Das ist zweifellos nicht sinnvoll, denn wenn es eine Zentralmatura gibt, dann sollte natürlich auch der Bewertungsschlüssel wirklich eingehalten werden." So aber könnten manche Schüler je nach Strenge beziehungsweise Milde des Lehrers doch noch einen Vierer bekommen, andere aber nicht, obwohl sie den gleichen Prozentsatz erreicht haben, sagt Spiel. Das wäre aber unfair, wenn das unterschiedlich gehandhabt wird. Und es sei genau das Ziel der Zentralmatura gewesen, von dieser "Unfairness" wegzukommen.

Bewertung von außen?

Widersprüche ortet auch der ÖVP-nahe Lehrergewerkschafter Eckehard Quin, der die Zentralmatura von Anfang an kritisiert hat: Denn die Experten, die die Matura zusammenstellen, hätten immer behauptet, dass das ein Dogma sei, von dem man nicht abweichen dürfe, sonst leide die Vergleichbarkeit, hebt Quin hervor.

Auf echte Vergleichbarkeit pocht auch Lehrervertreter Jürgen Rainer von den berufsbildenden Schulen. Er erneuert seinen Vorschlag, dass Maturanten und Maturantinnen nicht von den eigenen Lehrern und Lehrerinnen beurteilt werden. Das sollten besser eigens geschulte Experten von außen machen. Das sei ja auch der Grund für die Multiple-Choice-Aufgaben, damit das Ergebnis stärker objektiviert und mit Prozentwerten versehen werden kann.

Druck von Schülern nehmen

Einer Benotung durch externe Prüfer kann auch Bildungsforscherin Spiel etwas abgewinnen. In die Abschlussnote der Schüler einfließen sollten dann aber nicht nur die Leistungen bei der Matura selbst, sinnvoll wäre "eine Mischung aus einer punktuellen Bewertung - das wäre eben eine Zentralmatura, plus einer Bewertung oder Leistung, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt." Zum Beispiel die letzten beiden Schuljahre, so Spiel. Dann wäre der Druck für die Schülerinnen und Schüler am Tag der Matura nicht mehr ganz so groß.

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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