Donnerstag, 14. August 2014

Bildungs-Newsletter 14. August 2014

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Die Presse Online 12.08.2014

Bernadette Bayrhammer 

 

Migration und Schule: Von verschenkten Noten und Versagen

„Wer behauptet, der Migrationshintergrund per se führe zu Benachteiligung, irrt. Wer meint, diese Kinder hätten keine Probleme, irrt ebenfalls“, sagt Heidi Schrodt.

 

Heidi Schrodt hat ein Buch vorgelegt, das es eigentlich gar nicht geben sollte. Das viele Baustellen anführt. Aber immerhin auch zeigt, was gelingen kann.

 

Fast eindringlicher als Zahlen über fehlende Chancen und benachteiligte Kinder zeigt das Fünferverbot die Kapitulation des Schulsystems. Marissa N., Lehrerin an einer Neuen Mittelschule in Wien: „Meine Direktorin ist zu mir gekommen und hat gesagt: ,Es fällt keiner durch.‘“ Thomas O.: „Ich gebe kein Nicht genügend mehr. An meiner Schule macht das fast niemand mehr.“ Alexandra P.: „Es wird argumentiert: Das ist im Sinne der Kinder.“

 

Einzelfälle? Mitnichten, wie die Bildungsexpertin Heidi Schrodt in ihrem Buch „Sehr gut oder Nicht genügend – Migration und Schule in Österreich“ schreibt. „Eine Hilflosigkeit gegenüber dem versagenden System kommt hier ebenso zum Ausdruck wie Resignation [. . .]. Man glaubt, im Interesse der Kinder zu handeln, trägt aber dazu bei, das System in der derzeitigen Form am Leben zu erhalten.“

 

Ein System, das eines bekanntlich besonders schlecht kann: allen gleiche Voraussetzungen zu bieten, egal, woher sie kommen, ob die Eltern arm oder reich, gebildet oder ungebildet sind. In dem die Hauptschulen und Neuen Mittelschulen in den Städten zu „Restschulen“ verkommen. Und das mitunter so überfordert ist, dass Jugendliche ein positives Zeugnis bekommen – ohne ordentlich lesen, schreiben, rechnen zu können.

 

Heidi Schrodt, ehemalige AHS-Direktorin und umtriebige Bildungsexpertin, hat sich in ihrem Buch auf Spurensuche gemacht. Sie rezipiert Studien und Statistiken von PISA abwärts, sie spricht mit Forschern, Pädagogen und Schülern, besucht Kindergärten und Schulen. Um vor allem eines herauszufinden: Warum die Schule es derart schlecht schafft, mit Kindern mit Migrationshintergrund umzugehen.

 

Der Fokus auf die Migranten hebt das Buch einerseits ab von der Menge an kritischen Büchern, die zuletzt zum Thema Schule erschienen sind – von Andreas Salcher bis Bernd Schilcher. Doch er bringt auch eine gewisse Unschärfe mit sich: Immerhin treffen viele der geschilderten Problematiken nicht nur auf Migrantenkinder zu – oder besser gesagt: nur dann, wenn diese aus sozial schwachen oder bildungsfernen Familien kommen. Schrodt thematisiert das selbst wiederholt. „Wer behauptet, der Migrationshintergrund per se führe zu Benachteiligung, irrt nachweislich. Wer aber meint, Kinder mit anderen Erstsprachen als Deutsch hätten in unseren Schulen keine Probleme, irrt ebenfalls.“

 

„Lost in Transition“

 

Der Befund, den Schrodt dem System ausstellt, ist jedenfalls so treffend wie trist: Dass die Politik bestenfalls halbherzig auf Herausforderungen reagiert hat, die längst nicht mehr neu sind. („Angesichts der enormen demografischen Umwälzungen der letzten Jahre sollte man meinen, dass sich in der Folge des Schulsystem entsprechend gewandelt hat. Davon kann keine Rede sein.“). Und so führt sie über mehrere Kapitel Baustellen auf – vom Kindergarten über Hauptschulen in der Stadt, Schnittstellen („Lost in Transition“), (fehlende) Notenwahrheit bis hin zu Mängeln bei der Sprachförderung.

Sie zeigt aber auch, was gelingen kann: anhand eines Kindergartens in Ottakring, der erfolgreich mit Vielfalt umgeht. Einer Neuen Mittelschule in Währing, in der die Lehrer trotz schwierigster Bedingungen motiviert sind. Oder eines Gymnasiums, das zwar nicht mit einem Vorzeigeprogramm aufwartet, aber mit vielen Schülern mit Migrationshintergrund schlicht gut arbeitet. Ein Blick in den Norden, nach Schweden, rundet das Buch ab.

 

Für die österreichische Schule hinterlässt Schrodt einen Katalog an Forderungen: von einem zweiten Kindergartenjahr und mehr Sprachförderkräften über die Auflösung der Trennung mit zehn Jahren bis hin zu mehr Geld für Schulen in schwierigen Lagen und Türkisch als Maturafach. Reformvorschläge, die ein solches Buch zumindest in Zukunft obsolet machen könnten. Denn eigentlich, so Schrodt, sollte es dieses Buch gar nicht geben. Eigentlich sollten alle Kinder gleiche Chancen haben.

 

Auf einen Blick

 

Heidi Schrodt (* 1950) ist pensionierte AHS-Direktorin und Vorsitzende der Initiative BildungGrenzenlos. Ihr Buch „Sehr gut oder Nicht genügend – Schule und Migration in Österreich“ erscheint am 1. September 2014 im Styria Verlag. Vorbestellungen auf styriabooks.com.

 

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Der Standard Online 13. August 2014

Kommentar der anderen | Karl Heinz Gruber

 

Migrantenkinder: Deutsch ohne Tränen

 

Was ist daran auszusetzen, wenn Einwanderereltern dazu ermuntert werden, mit ihren Kindern Deutsch zu sprechen? Nichts. Die Furcht vor Attentaten auf die Mehrsprachigkeit im Lande ist unbegründet. Eine Replik auf die Replik

 

Einige der Reaktionen auf meinen Kommentar über das frühkindlichen Lernen von Deutsch in Migrantenfamilien erinnern mich an die Szene mit dem Ehepaar, das im Auto an einer roten Ampel hält. Sie sitzt am Steuer. Die Ampel wird grün. Er sagt: "Wir haben grün". Sie hört: "Du kannst noch immer nicht Auto fahren." (Okay, der Mann mag schon früher einmal etwas über den Fahrstil seiner Frau gesagt haben.) In meinem Falle haben manche Sprachwissenschaftler und Integrationsexpertinnen aus meinem Text Aussagen herausgelesen bzw. Vermutungen hineininterpretiert, die mir nicht im Traum einfallen würden. Da wird "Druck auf die Mütter, Deutsch zu reden" befürchtet oder gar die "Vernachlässigung der Familiensprache" . Davon kann keine Rede sein.

 

Meine "Vision" der sprachlichen Integration von Migrantenkindern ist "echte Zweisprachigkeit", die darin besteht, dass Kinder die identitätsstiftende Geborgenheit der Mutter/Familiensprache erfahren, zugleich aber und von frühester Kindheit an (also nicht erst vom Kindergarten an) AUCH Deutsch erlernen, spielerisch und ohne Zwang, gemeinsam mit ihren Müttern/Eltern, die dazu stärker als bisher ermächtigt und ermuntert werden sollen und denen eindringlicher als bisher klar gemacht wird, dass mangelhafte Deutschkenntnisse die Bildungs- und Berufschancen ihrer Kinder beeinträchtigen.

 

Diese Position erscheint mir nicht meilenweit entfernt von den Optionen, die Frau Herzog-Punzenberger in ihrem Beitrag im Nationalen Österreichischen Bildungsbericht 2012 präsentiert, nämlich die frühkindliche Sprachförderung von Migrantenkindern zu einer politischen Priorität zu erklären und wie in Deutschland jedem Migrantenkind ab dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz zu gewähren. Und ihre Idee eines "Portfoliosystems, in dem das Wissen über Entwicklungsstand und Förderung des Kindes gesammelt wird ... und dadurch der Sichtbarmachung und Wertschätzung individueller Mehrsprachigkeit (dient)", ist von meiner Anregung zur einschlägigen Nutzung des Mutter-Kind-Passes mit freiem Auge kaum zu unterscheiden.

 

Auch deutsche Reime

 

Ist es tatsächlich eine Zumutung, junge Migranteneltern zu ermuntern, gemeinsam mit ihren Kleinkindern nicht bloß türkische oder serbische, sondern AUCH deutsche Reime, Kinderlieder und Geschichtchen zu erlernen? Ich halte das für möglich - ohne Krampf, ohne Zwang und ohne Peinlichkeit. Frau Herzog-Punzenberger meint, sie wäre in Kanada nie auf die Idee gekommen, mit ihrer Tochter Englisch zu sprechen. Ohne persönlich zu werden: Für sie als temporäre Ausländerin war das kein "big deal". Jedoch für eine ukrainische oder syrische Immigrantin "für immer", die gerade einen "Leben in Österreich" Integrationssprachkurs macht, erscheint es mir nicht außerirdisch, das Kind am soeben Gelernten kindgemäß (!) teilhaben zu lassen.

 

Hans-Jürgen Krumm und Barbara Herzog-Punzenberger (der Standard vom 11. August 2014) scheinen aus meinem Text ein Plädoyer für ein "monolinguales Anpassungsmodell" herauszuhören. Big mistake. Ich betrachte nicht bloß Mehrsprachigkeit als eine kostbare persönliche wie gesellschaftliche Ressource, sondern auch die Beibehaltung regionaler Dialekte. Ich habe zeit meines Lebens mit großem Vergnügen meinen oberösterreichischen Dialekt beibehalten und bringe gerade meinem Wiener Enkel bei, was ein "Oadaxl" (eine Eidechse, Anm.) und eine "Mülipitschn" (eine Milchkanne, Anm.) ist und warum ich als Kind im Winter im Salzkammergut auf der Straße "Füzpotschn" getragen habe. (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, 14.8.2014)

 

Karl Heinz Gruber (Jahrgang 1942) lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien und ist Research Fellow an der Universität Oxford.

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APA0231 II, XI 14.08.2014 12:08:55

 

NEOS wollen überparteiliche "Bildungswende von unten" initiieren

 

Utl.: Suche nach Mehrheiten für mehr Schulautonomie - Standorte sollen finanzielle, pädagogische und Personalautonomie erhalten - "Buntbuch" für Mai, Gesetzesentwurf für Herbst 2015 angekündigt

 

Unter dem Motto "Talente blühen!" wollen die NEOS eine überparteiliche "Bildungswende von unten" initiieren. Dafür hat Parteichef Matthias Strolz die "Nationale Initiative: Autonome Schule" ins Leben gerufen, wie er am Donnerstag bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben hat. Derzeit wird sie stark von den NEOS finanziert und getragen, man wolle aber "stärker in die Überparteilichkeit kommen".

 

Ziel der Initiative sei eine Befreiung der Schulen vom "Bürokratie- und Regulierungswahn", von Misstrauens- und Weisungskultur. Zwei Drittel aller Erlässe im Schulbereich gehörten in den Schredder, so Strolz. Vorbild für die Reform sind dabei die Niederlande. Dort werden schon jetzt 86 Prozent der Entscheidungen an den Schulen getroffen. Zum Vergleich: In Österreich sind es 31 Prozent.

 

Geht es nach Strolz, sollen die Schulen künftig pädagogische, finanzielle und Personalautonomie erhalten, denn: "Eine echte Schulreform wird von unten kommen müssen, die Politik hat die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen." Deshalb will Strolz auch, dass die Schulen sich freiwillig für das neue Modell entscheiden müssen. Die anderen Parlamentsparteien sieht er prinzipiell auf seiner Seite: Auch dort sehe man Schulautonomie als Hebel für mehr Qualität, offen sei nur die Ausgestaltung.

 

Mehr Schulautonomie nach dem Modell der Initiative würde bedeuten, dass die Schulen selbst über die Verwendung der Mittel entscheiden und diese je nach Bedarf einsetzen. Dazu sollen Schulleiter entsprechend ausgebildete Führungskräfte werden. Direktoren sollen auch ihre Lehrer aussuchen und bei Problemen entlassen können, die Schule solle künftig "keine geschützte Werkstatt" mehr sein. Im Gegenzug sollen besonders engagierte Lehrer aber auch Aufstiegschancen erhalten. Über die pädagogische Ausrichtung des Standorts sollen Schüler, Eltern und Lehrer selbst bestimmen können. Die Qualitätssicherung erfolgt in dem Modell über die Mittlere Reife, bei der alle 15-Jährigen bei einem externen Test ihre Kompetenzen in den Hauptfächern, aber auch soziale Kompetenzen nachweisen sollen.

 

Die Finanzierung der Schulen soll künftig über einen Pauschalbetrag für jeden schulgeldfreien Schulplatz erfolgen, damit würden künftig auch konfessionelle und freie Privatschulen wie Montessorischulen finanziell gleichgestellt. Extramittel soll es geben, wenn es an einer Schule viele Kinder mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Elternhäusern gibt oder die Schule in der Peripherie liegt und schwer Lehrer findet. Anstelle der Schulbehörden soll außerdem ein Schulservice die Schulen bei Qualitätsentwicklung und -sicherung unterstützen.

 

Eine Bildungsreform sei nur mit einem nationalen Konsens umsetzbar, begründet Strolz die Suche nach Mehrheiten für ein Modell für Schulautonomie. Er will daher die Initiative mit dem Motto "Talente blühen!" am liebsten mit mehreren Parteien, Sozialpartnern und NGOs umsetzen und auch die Gewerkschaft ins Boot holen, außerdem sei man in Kontakt mit Bildungsexperten. Ab 9. September soll das Schulautonomie-Konzept österreichweit in mehreren Bildungsforen diskutiert werden. Bis Mai will Strolz dann ein "Buntbuch Schulautonomie" vorlegen, bis September ist ein konkreter Gesetzesvorschlag, der ähnlich schlank wie das Fachhochschulgesetz gehalten sein soll, geplant.

 

Eine mögliche Umsetzung würde dann allerdings noch gut 15 Jahre dauern, räumt Strolz ein. In der laufenden Legislaturperiode könne man nur eine Reform vorbereiten, erst ab 2018 wäre eine schrittweise Realisierung möglich. Aber: "Entweder man will eine grundsätzliche Reform, dann braucht man Zeit. Oder es wird nicht stattfinden."

 

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Mit freundschaftlichen Grüßen

 

Kurt Schober

Klubsekretär

SPÖ-Parlamentsklub

01/40110-3569

0664 / 44 45 005

kurt.schober@spoe.at

 

 

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