Donnerstag, 7. August 2014

Bildungs-Newsletter 7. August 2014

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APA0358 II, XI 07.08.2014 13:36:46

 

Sonderschule soll bis 2020 zur Ausnahme werden

 

Utl.: Erste Modellregion ab 2015 in der Steiermark - Für bestimmte Formen der Behinderung könnte es aber weiter Spezialangebote in nicht-aussonderndem Setting geben

 

Das Modell der Sonderschule, in der behinderte oder verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche separat unterrichtet werden, soll bis 2020 in Österreich zur Ausnahme werden. Stattdessen soll es flächendeckend inklusive Modellregionen geben, in denen Schüler mit und ohne besondere Bedürfnisse gemeinsam lernen. Ein Pilotprojekt dazu startet laut Bildungsministerium ab 2015 in der Steiermark.

 

Hintergrund dieser Reformpläne ist der Nationale Aktionsplan zur Umsetzung UN-Menschenrechtskonvention, die Österreich schon 2008 ratifiziert hat. Vorgesehen ist darin der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Beeinträchtigung unter einem pädagogischen Dach, heißt es aus dem Bildungsministerium zur APA. Immerhin würden nicht nur Kinder mit Beeinträchtigung vom gemeinsamen Aufwachsen profitieren, sondern auch die anderen Schüler durch den Erwerb von mehr Konfliktfähigkeit und sozialen Kompetenzen.

 

In der Praxis soll der inklusive Unterricht funktionieren, indem bei den Modellversuchen, an denen alle Schulformen von Volksschule bis AHS und BMHS teilnehmen müssen, die Bildungsziele individuell festgelegt sind: Werden die einen Schüler im Gymnasium auf die Matura vorbereitet, sollen die anderen dort an ein autonomeres Leben mit weniger Abhängigkeit von Eltern und Betreuungspersonen herangeführt werden. Dafür sollen Kinder mit speziellem Förderbedarf zeitweise auch aus der Großgruppe herausgenommen werden: "Inklusion heißt nicht, dass alle Kinder immer zusammen sein müssen, sondern dass sie auch temporär in speziellen Gruppen oder Einzelbetreuung sein können." Klar sei jedenfalls, dass in diesem neuen Setting alle Lehrer für inklusives Unterrichten von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung ausgebildet sein müssen. Das sei auch in der neuen Lehrerausbildung verankert.

 

Bis 2020 soll es die inklusiven Modellregionen in ganz Österreich geben. Die Vision ist, dass dann auch keine Sonderschulen mehr notwendig sein werden: Wenn die pädagogische Qualität in der Inklusion so überzeugend sei, würden Eltern sich noch stärker als jetzt für Integration anstelle von Sonderschule entscheiden. Aber auch dann könne es noch immer sein, dass es für bestimmte Formen der Behinderung weiter Spezialangebote geben wird, die aber in einem Verbund oder in einem Campusmodell in einer nicht-aussondernden Weise angeboten werden. Allerdings sollen auch diese Kinder vom "Sozialen Miteinander" profitieren können.

 

Im vergangenen Schuljahr gab es bundesweit mehr als 30.500 Kinder und Jugendliche mit Sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF), die wegen körperlicher oder psychischer Einschränkung spezielle Unterstützung im Unterricht benötigen. 61 Prozent der Schüler mit SPF wurden dabei integrativ und nicht in einer eigenen Sonderschule (Sonderpädagogisches Zentrum/SPZ) oder Sonderschulklassen unterrichtet. Der Anteil variiert allerdings je nach Bundesland stark: So werden in Tirol nur knapp 47 Prozent inklusiv unterrichtet, während es in der Steiermark 85 Prozent sind.

 

Der bereits hohe Grad an Inklusion ist auch der Grund, wieso die Region Graz und Umgebung samt Voitsberg als erste inklusive Modellregion ausgewählt wurde. Nur besonders betreuungsintensive Kinder und Jugendliche werden hier derzeit noch separat unterrichtet. Ein Konsortium mit Akteuren aus dem Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich, Jugendwohlfahrt und Fahrtendiensten etc. erarbeitet nun ein Modell, wie bei einer Reduktion der Sonderschulen das Therapieangebot andernorts zur Verfügung gestellt werden kann.

 

Man werde nicht überall für alle Gruppen (z.B. sehbehinderte Schüler) Angebote machen können, schränkt das Bildungsministerium ein. Es soll allerdings in jedem Bezirk einen Standort mit spezieller Ausstattung und einer Kernkompetenz etwa für blindengerechten Unterricht geben. Ziel sei zusätzlich, durch bessere Vorbereitung etwa durch bessere Absprache mit den Kindergärten schon den Bedarf künftiger Schüler kennt und der Standort sich damit besser auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes einstellen kann.

 

Eine sehr große Gruppe der Schüler mit SPF sind allerdings ohnehin nicht jene mit körperlicher Behinderung, sondern jene mit teils schweren Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen. Hier müsse man Konzepte entwickeln, bei denen die Schüler in manchen Phasen in ganz kleinen Gruppen oder eins zu eins beschult werden, in anderen aber in einer größeren Gruppe mitlernen. "Damit gibt es in der Integration bereits sehr gute Erfahrungen." Klar sei aber auch, dass dafür nicht nur entsprechend ausgebildete Lehrer notwendig sind, sondern auch Unterstützungspersonal nicht nur aus dem Bildungs-, sondern auch Sozialbereich.

 

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APA0350 II, XI 07.08.2014 13:23:30

 

Behindertenanwalt fordert Aus für "Sonderpädagogischen Förderbedarf"

 

Utl.: Buchinger will stattdessen Reform des Fördermodells für Schüler mit besonderen Bedürfnissen - Ministerium: Keine Abschaffung

 

Behindertenanwalt Erwin Buchinger fordert im "Standard" (Donnerstagausgabe) die Abschaffung des Kriteriums "Sonderpädagogischer Förderbedarf" (SPF) für Schüler mit speziellen Bedürfnissen. Bekomme man einmal SPF zugesprochen, werde man diese Punzierung schwer wieder los. Stattdessen will er eine Reform des Fördermodells.

 

Sonderbudgets zur Förderung von Schülern mit körperlicher oder intellektueller Beeinträchtigung dürften nicht mehr von einzelnen SPF-Schülern abhängig gemacht werden, so Buchingers Forderung. Im Ö1-"Mittagsjournal" vermutet Buchinger außerdem, dass es bei der Vergabe des SPF oft ums Geld geht: Schulen hätten ein Interesse, zusätzliche Lehrerstellen zu erhalten und Schüler mit SPF seien eine Möglichkeit dafür. Vor allem Schulen mit vielen Migranten wurden Kindern und Jugendlichen diesen Status oft zuerkennen. Eine Reform solle im Zuge der Finanzausgleichsverhandlungen angegangen werden. Kurzfristig wünscht sich der frühere SPÖ-Sozialminister außerdem, dass der "mächtige Stempel SPF" nicht in Zeugnissen ersichtlich ist und fordert von der Politik einen "Fahrplan" zur Schließung der Sonderschulen.

 

Die Zahl der Schüler mit SPF ist in den vergangenen Jahren angewachsen: Laut Statistik Austria ist die Zahl der Sonderschüler zwischen 2006/07 und 2012/13 von 27.488 auf knapp 30.000 bzw. deren Anteil von 4,3 auf 5,2 Prozent der Schüler gestiegen. Im vergangenen Schuljahr gab es laut Daten des Bildungsministeriums bundesweit mehr als 30.500 Kinder und Jugendliche mit SPF, die wegen körperlicher oder psychischer Einschränkung spezielle Unterstützung im Unterricht benötigen. Allerdings bemängeln Kritiker eine gewisse Willkür bei der Einstufung - so werde vor allem Kindern mit Migrationshintergrund oder aus niedrigen sozialen Schichten SPF attestiert.

 

Der Anteil an Kindern mit SPF variiert zwischen den Bundesländern deutlich: So sind es in Tirol 3,8 Prozent der Pflichtschüler, in Wien 6,7 Prozent. Der Bund vergibt allerdings unabhängig vom tatsächlichen Bedarf Förderung für 2,7 Prozent der Pflichtschüler, die Summe wird dann von den Ländern pro Schüler verteilt.

 

Seit 1993 können Eltern wählen, ob Kinder mit SPF in einer eigenen Sonderschule (Sonderpädagogisches Zentrum/SPZ) oder Sonderschulklasse oder aber gemeinsam mit Schülern ohne spezielle Bedürfnisse beschult werden. 2013/14 wurden 61 Prozent der Schüler mit SPF integrativ unterrichtet.

 

Im Bildungsministerium hieß es zur APA, dass die Qualitätssicherung der Gutachten zum SPF in einem Rundschreiben verankert worden sei und es hier regelmäßig Schulungen für Gutachter gebe. Eine von Buchinger geforderte Abschaffung des SPF wird es nicht geben: Im Ministerium verweist man auf das Regierungsprogramm, in dem vorgesehen ist, dass die Höhe der SPF-Quote sich künftig am tatsächlichen Bedarf orientieren soll. Ziel sei außerdem der Ausbau der Integrationsklassen und die Weiterentwicklung der inklusiven Bildung.

 

Mit der Ratifizierung der UN-Menschenrechtskonvention hat Österreich sich 2008 zum gemeinsamen Unterrichten von Schülern mit und ohne Behinderungen verpflichtet, im Regierungsprogramm ist die Einrichtung von Modellregionen vereinbart. Bis 2020 soll die Sonderschule zur Ausnahme werden.

 

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Ö 1 Mittagsjournal, 7.8.2014

 

Regina Pöll

 

Behindertenanwalt gegen "Sonderpädagogik"

 

Immer mehr Schüler und Schülerinnen in Österreich werden als "sonderpädagogisch förderungswürdig" eingestuft, berichtet heute "Der Standard". Behindertenanwalt Erwin Buchinger vermutet dahinter auch finanzielle Interessen der Schulen und fordert eine Trendumkehr.

 

Förderbedarf als Ressourcenquelle

 

Im Schuljahr 2000/2001 waren es noch 27.000 Schüler, die speziell gefördert wurden, zwölf Jahre später schon knapp 30.000. An den Polytechnischen Schulen hat sich die Zahl sogar auf fast 1.000 verdreifacht. Spitzenreiter ist Wien, hier wurden zuletzt knapp sieben Prozent aller Schüler und Schülerinnen als förderungswürdig eingestuft, den geringsten Förderbedarf gab es in Tirol mit rund vier Prozent.

 

Behindertenanwalt Erwin Buchinger glaubt, dass es den Bezirksschulräten und Direktoren beim sonderpädagogischen Förderbedarf (kurz SPF) auch oft ums Geld geht: "Schulen haben Interessen, Ressourcen zu bekommen, Dienststellen und Dienstplanstellen, und nützen die Möglichkeiten dazu. Und SPF ist eine Möglichkeit." Das könnte erklären, warum zum Beispiel Schulen mit vielen Migrantenkindern, so wie in Wien oder Vorarlberg, besonders oft Förderbedarf zuerkennen - und ihn auch nicht mehr aberkennen, sagt Buchinger.

 

Weg mit den Sonderschulen

 

Buchinger, früher SPÖ-Sozialminister, warnt aber, dass dieses Etikett ein Stigma für den betroffenen Schüler, die betroffene Schülerin bedeute - auch später bei der Jobsuche. Immerhin scheint die Einstufung auch in Zeugnissen auf. Und Zeugnisse aus Schulen mit sonderpädagogischem Förderbedarf seien bei Bewerbungen abgesehen von Zeugnissen aus Sonderschulen am schlechtesten, das sei durch Untersuchungen belegt.

 

Von den 30.000 Kindern mit speziellen Bedürfnissen besuchten zuletzt knapp die Hälfte eine Sonderschule - Tendenz steigend. Für Buchinger ist das der falsche Weg: Diese mehr als 300 Schulen müssten abgeschafft werden - entsprechend internationalen Verpflichtungen: "Alle Kinder mit Behinderungen sollten in den Regelschulen unterrichtet werden. Dazu hat sich Österreich auch mit der Ratifizierung der Behindertenkonvention bekannt." Innerhalb von zehn Jahren, so Buchinger, solle es keine Sonderschule mehr in Österreich geben.

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APA0235 II, CI 07.08.2014 11:31:27

 

Einstellung Behinderter in Ministerien wieder leicht rückläufig

 

Utl.: Grüne fordern: Bund soll als Vorbild wirken

 

Die Zahl der Bediensteten mit Behinderung in Ministerien ist wieder leicht gesunken. Per Stichtag 31. Dezember 2013 arbeiteten 4.208 Personen mit Handicap im öffentlichen Dienst, im Jahr davor waren es noch 4.270. Das ist ein Minus von 62 Mitarbeitern oder 1,45 Prozent, geht aus der Beantwortung einer Grünen-Anfrage durch Beamtenminister Josef Ostermayer (SPÖ) hervor.

 

In neun Ministerien sowie bei den Obersten Organen ist die Zahl zurückgegangen, ein leichter Anstieg war im Bundeskanzleramt (+4), im Innenministerium (+3) und im Justizressort (+5) zu verzeichnen. Den größten Rückgang weisen die Ministerien für Finanzen und Unterricht (je -18) sowie Verteidigung (-13) auf. Keine Veränderung gab es im Wissenschaftsressort.

 

Die für einzelne Ressorts angeführte Pflichtzahl ist laut Anfragebeantwortung als "fiktiv" anzusehen, da für die Berechnung der Bund als Dienstgeber gesamt gesehen wird. Gemäß des Behinderteneinstellungsgesetzes komme der Bund seiner Verpflichtung seit 2007 nach. Aufgeschlüsselt nach dieser Pflichtzahl erfüllen lediglich die Ressorts Unterricht (-1.447), Inneres (-454), Wissenschaft (-49) und Äußeres (-4) nicht die Vorgabe.

 

Zum Stichtag 31. Dezember 2013 waren in den Ministerien 4.208 Menschen mit Behinderung beschäftigt, im Jahr davor waren es 4.270. Schon diese Zahl war geringer als jene zum Stichtag 2011, als es 4.336 Beschäftigte mit Handicap waren.

 

Für die Grünen zeigen die Zahlen, dass auch der öffentliche Bereich die Einstellungspflicht nicht zur Gänze erfüllt und sich große Institutionen "lieber freikaufen, als eine Vorbildwirkung zu erfüllen". Behindertensprecherin Helene Jarmer erklärte in einer Stellungnahme gegenüber der APA: "Für uns Grüne ist eine deutliche Erhöhung der Ausgleichstaxe auf ein branchenübliches Durchschnittsgehalt, verbunden mit einer Öffentlichkeitskampagne und Information über Förderungen, der einzige Weg, Betriebe zum Umdenken zu bewegen." Für den öffentlichen Bereich sollte es überhaupt keine "Freikaufsmöglichkeit" geben, fordern die Grünen.

 

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derStandard Online 6.8.2014

 

Katrin Burgstaller

 

Das Comeback der Sonderschule in Österreich

 

Die Zahl der Schüler mit "sonderpädagogischem Förderbedarf" steigt kontinuierlich. Behindertenanwalt Buchinger sieht dahinter finanzielle Interessen der Schulen und fordert "rasches" Handeln seitens der Politik

 

Die Zahl der Schüler mit "sonderpädagogischem Förderbedarf", kurz SPF, steigt in Österreich sowohl an den Sonderschulen als auch an allgemeinen Schulen kontinuierlich. Besonders eindeutig zeichnet sich diese Entwicklung an den polytechnischen Schulen ab. Im Schuljahr 2000/01 wurden an den "Polys" noch 275 Schüler für sonderpädagogisch förderungswürdig befunden. 2010/11 waren es 676, im Jahr 2012/13 bereits 927. Innerhalb von zwölf Jahren hat sich die Zahl der SPF-Schüler an den Polys somit mehr als verdreifacht.

 

Zahl der SPF-Schüler steigt

 

Österreichweit galten im Schuljahr 2000/01 insgesamt 26.972 Schüler als sonderpädagogisch förderungswürdig, 2012/13 waren es schon 29.793. Fast die Hälfte von ihnen, 13.809, lernten an Sonderschulen – Tendenz steigend. Im Schuljahr 2010/11 wurden mit 13.198 Schülern noch deutlich weniger Schüler an Sonderschulen unterrichtet.

 

Burschen sind mit einem Anteil von 65 Prozent an Sonderschulen übrigens ebenso überrepräsentiert wie Kinder mit Migrationshintergrund. Das zeigt ein Bericht der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation. Das Comeback der Sonderschulen läuft der UN-Behindertenrechtskonvention zuwider, zu der sich auch Österreich bekennt. Im Artikel 24 heißt es, es sei innerhalb des allgemeinen Bildungssystems sicherzustellen, dass Menschen nicht aufgrund einer Behinderung davon ausgeschlossen werden.

 

Krasse Unterschiede zwischen Bundesländern

 

Ein Blick auf die Schulen im allgemeinen Bildungssystem zeigt, dass der Anteil der Schüler mit SPF von Bundesland zu Bundesland stark variiert. Im Schuljahr 2012/13 wurden in Wien 6,7 Prozent aller Schüler für sonderpädagogisch förderungswürdig befunden, gefolgt von Vorarlberg (6,1 Prozent) und Kärnten (6 Prozent). Mit 3,8 Prozent haben Tirols Schüler den geringsten SPF-Bedarf. Das Risiko, den Befund SPF zu erhalten, ist also in Wien und Vorarlberg bedeutend größer als in Tirol.

 

Österreichweit betrachtet sind zwei Prozent der Volksschüler, 3,7 Prozent der Hauptschüler, 4,6 Prozent der Neuen Mittelschüler sowie 5,5 Prozent der Schüler an polytechnischen Schulen sonderpädagogisch förderungswürdig.

 

Kritik an Diagnoseverfahren

 

Die Feststellung von SPF ist umstritten, da das entsprechende Verfahren nicht standardisiert ist. Außerdem, so der Vorwurf vieler Behindertenorganisationen, werde SPF im Lauf der Pflichtschulzeit oft auch ungerechtfertigt zugesprochen. "SPF wird im Unterschied zur ursprünglichen Absicht des Gesetzgebers nicht nur für Kinder mit diagnostizierten intellektuellen und psychischen Beeinträchtigungen vergeben, sondern - genau genommen gesetzeswidrig - auch für Kinder mit sprachlich-kulturellen Anpassungsschwierigkeiten und für emotional-sozial benachteiligte Kinder", sagt Bernhard Schmid, Generalsekretär der Lebenshilfe Wien. Schüler mit SPF bedeuten auch mehr Geld für die Klasse. Sie ermöglichen außerdem kleinere Klassengrößen und zusätzliche Personalressourcen.

 

Mehr Geld für SPF-Schüler

 

Diesen Systemfehler ortet auch Tobias Buchner vom Wiener Institut für Bildungswissenschaft. Schulen würden SPF-Diagnosen brauchen, um mehr Ressourcen zu bekommen. Studien zeigten ein "gewisses Maß an Willkür bei der Diagnose", sagt Buchner. Betroffen seien davon vor allem Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwachen Schichten. "Wir bezeichnen dieses Phänomen als institutionelle Diskriminierung", sagt Buchner zu derStandard.at.

 

Die Diagnose SPF sei vielfach nicht hilfreich, sondern würde im Gegenteil aus Sicht der Betroffenen eine Barriere darstellen. Der Stempel "SPF" wirke sich häufig auch im sozialen Miteinander problematisch aus, erklärt Buchner.

 

Buchinger ortet "raschen Handlungsbedarf"

 

Behindertenanwalt Erwin Buchinger will das Stigma "SPF" am liebsten gänzlich aus den Schulklassen verbannen. Es sei diskriminierend, und wer einmal SPF zugesprochen bekomme, werde diese Punzierung sehr schwer wieder los, sagt Buchinger zu derStandard.at. Auch er hegt den Verdacht, dass Kinder von Migranten besonders rasch SPF zugeschrieben bekommen.

 

Dass manche Schulen aus budgetären Gründen ein Interesse hätten, SPF-Befundungen zu erwirken, führt auch Buchinger ins Treffen. Aus seiner Sicht herrscht daher "rascher Handlungsbedarf" für die Schulverwaltung.

 

"Stempel SPF" aus Zeugnissen verbannen

 

Das Fördermodell müsse reformiert werden, das Sonderbudget dürfe nicht mehr von einzelnen SPF-Schülern abhängig gemacht werden, sagt der Behindertenanwalt. Eine entsprechende Reform des Systems solle in den Finanzausgleichsverhandlungen aufgenommen werden.

 

Geht es nach Buchinger, könnten Fördergelder künftig etwa nach soziodemografischen Merkmalen in einzelnen Regionen vergeben werden. Kurzfristig wünscht er sich, dass der "mächtige Stempel SPF" nicht länger in den Zeugnissen ersichtlich ist. Darüber hinaus fordert er von der Politik einen Fahrplan zur Schließung der Sonderschulen.

 

Schaffraneck: Leistungsdruck extrem hoch

 

Walter Schaffraneck, Geschäftsführer von Jugend am Werk, führt den Anstieg an sonderpädagogisch förderungswürdigen Schüler auf die gestiegenen Anforderungen an Jugendliche "insbesondere am Arbeitsmarkt" zurück. "Der Leistungsdruck ist schon in jungen Jahren extrem hoch, und immer komplexere Arbeitsabläufe erfordern ein immer höheres Maß an Wissen, Fertigkeiten und Schnelligkeit. Immer mehr Jugendliche kommen da einfach nicht mehr mit", sagt Schaffraneck.

 

Dass es Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer haben, zeigt ebenfalls die Statistik. Während im Jahr 2013 durchschnittlich 7,6 Prozent der Bevölkerung arbeitslos waren, traf die Arbeitslosigkeit 16,5 Prozent der Menschen mit Behinderung.

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DER STANDARD Online, 7.8.2014

Lisa Nimmervoll

 

Wir sind die Anderen

 

Bildung ist ein Menschenrecht: Die Sonderschule gehört abgeschafft

 

Am 26. Oktober 2014 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Österreich sechs Jahre in Kraft. Am Papier. Hehre Worte, aber ihr Geist, dass "behinderte Menschen nicht aufgrund einer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden", weht hierzulande noch nicht. Denn der Normalfall sollte sein, dass behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen. Aber Österreich ist seiner völkerrechtlichen Verpflichtung, ein inklusives, also einbeziehendes Bildungssystem auf allen Ebenen zu schaffen, bis jetzt nicht nachgekommen.

 

Es gibt sogar bedenkliche Gegentrends zur Inklusionsforderung zu beobachten: Immer mehr Kinder und Jugendliche - vor allem Buben und Schüler mit Migrationshintergrund - werden in Sonderschulen gesteckt, die der Konvention explizit widersprechen, oder bekommen das stigmatisierende Etikett "sonderpädagogischer Förderbedarf" verpasst, oft mit fadenscheinigen Begründungen, die vor allem Defizite im Schulsystem überdecken sollen. Jeder SPF-Schüler bringt nämlich Geld. Den Preis für dieses "Sonder"-Stigma müssen diese Kinder ihr Leben lang abzahlen.

 

Das ist beschämend, pädagogisch kontraproduktiv und asozial. Denn die Sonderschulen sind ein bequemer Problemlöser für ein Schulsystem, das Kinder, die "nicht passen", die "anders" sind, die Probleme machen, abschieben kann.

 

Dabei sind die Ängste der Eltern jener Kinder, die in irgendeiner Form nicht zum "Regelfall" in der "Regelschule" gehören, ernst zu nehmen. Viele berichten von schlimmsten Mobbing-Attacken auf die Schwächeren in der Klasse und sähen ihre Kinder lieber beschützt. Aber ist das ein Argument gegen gemeinsames Lernen? Darf es das sein? Den jungen Mobbern und ihren oft mithetzenden Eltern freie Bahn zu lassen und potenzielle "Opfer" sicherheitshalber in Bildungsreservate zu setzen? Den Gehässigen die Konfrontation zu ersparen?

 

Nein. Die haben viel zu lernen. Und Bildung ist ein Menschenrecht, für alle. Schule muss neben der intellektuellen Dimension auch ein von Empathie bestimmtes Menschenbild vermitteln. Nicht asoziales Sein, sondern soziales Miteinander lehren und lernen. Und da wird's happig: Inklusion geht nicht nur die Schule an, und es gibt sie schon gar nicht zum Nulltarif. Sie setzt ein gesellschaftspolitisches Bekenntnis voraus und braucht Geld, viel Personal und ein pädagogisches Programm, sonst wird sie scheitern.

 

Inklusion geht nicht wie das Integrationskonzept von einem "Wir" und den "Anderen" aus, die es zu integrieren gilt, sondern sie betont die Würde der Unterschiedlichkeit aller Menschen. Denn ob wir als "behindert" gelten, hängt von der definitionsmächtigen "Mehrheit" ab, die sich für "normal" hält, und bestimmen kann, wer dazugehört und wer abgesondert lernen muss. Dabei reicht ein schicksalhafter Moment, ein unglücklicher Zufall, um plötzlich selbst in die Kategorie der Anderen katapultiert zu werden, zu den "Behinderten".

 

Die Sonderschule gehört abgeschafft. 26. Oktober ist Nationalfeiertag, der Neutralität gewidmet. Inklusion ist nichts für neutrales Sich-Raushalten. Es wäre ein schöner Anlass, wenn die feiernde Nation ein Zeichen setzen würde, dass in diesem Land alle Menschen, egal, ob "behindert" oder nicht, reich oder arm, seit Generationen "hiesig" oder immigriert, Platz und die gleichen Rechte und Chancen haben. Wir sind alle anders.

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Mit freundschaftlichen Grüßen

 

Kurt Schober
Klubsekretär

SPÖ-Parlamentsklub
01/40110-3569

0664 / 44 45 005
kurt.schober@spoe.at

 

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