Montag, 8. September 2014

2014.09.08 - 01: Newsletter Bildung

"Der Standard" vom 08.09.2014                                Seite: 1

Ressort: SEITE 1

 

Niederösterreich

 

Pröll warnt Kanzler, Zwietracht in der Koalition zu säen

 

Klares Nein der VP zu Vermögenssteuern Landeshauptmann: Gymnasium bleibt

 

   Wien – Der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) deponiert im Standard-Interview sein dezidiertes Nein zu Vermögenssteuern und warnt in scharfen Worten Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) davor, Zwietracht in der Koalition zu säen. Pröll verweist darauf, dass es innerhalb der Volkspartei eine klare Festlegung darauf gebe, dass keine Vermögenssteuern eingeführt werden, „da gibt es de facto Einhelligkeit in der Partei“.

 

   Die SPÖ dürfe den Koalitionspartner in dieser Frage nicht überfordern, betont Pröll. „Dieses Wort richte ich an den Bundeskanzler. Denn führen heißt zusammenführen und nicht Zwietracht säen. Das muss auch der Hauptverantwortliche in der Regierung wissen.“ Die gemeinsame Pflicht des Regierens gelte auch vor Parteitagen, sagt Pröll in Hinsicht auf den SPÖ-Parteitag im November, bei dem sich Faymann seiner Wiederwahl als SPÖ-Chef stellen muss. Pröll erinnert den Kanzler daran, dass er auf die Verfassung der Republik und nicht auf sein Parteistatut vereidigt sei.

 

   Im Interview trifft Pröll auch eine andere Festlegung für seine Partei. Er begrüßt zwar die Bewegung in der Schuldiskussion und fordert einen Ausbau der Nachmittagsbetreuung, stellt aber fest: „Das Gymnasium muss bleiben.“

 

   Pröll, dem nachgesagt wird, weder mit dem neuen ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner noch mit Hans Jörg Schelling als Finanzminister ganz glücklich zu sein, betont: „Auch Mitterlehner ist mein Mann.“ Schelling, mit dem er in der Vergangenheit „sachliche Auseinandersetzungen“ hatte, sei jedenfalls ein „exzellenter Mann“. Personalentscheidungen wie diese seien „keine Brautschau, wo Emotionen den Ausschlag geben“.

 

   ÖVP-Obmann Mitterlehner wiederum betonte am Sonntag beim Erntedankfest des Bauernbundes auf dem Wiener Heldenplatz, dass die neu aufgestellte Regierung Vorhaben wie etwa die Steuerreform nicht „von heute auf morgen erledigen“ könne. Nun müsse die Politik aber zeigen: „Sie ist für den Bürger da – und nicht für irgendetwas.“ (red)

 

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"Der Standard" vom 08.09.2014                                Seite: 7

Ressort: Inland

 

Erwin Pröll (67) ist seit 1992 Landeshauptmann in Niederösterreich. Damit ist er der am längsten amtierende Landeshauptmann in Österreich. Bei der Landtagswahl 2013 erreichte er erneut die absolute Mehrheit (50,8 Prozent). Pröll wohnt in Radlbrunn, er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

„Mitterlehner ist mein Mann“

 

   Der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) richtet eine klare Warnung an Kanzler Werner Faymann: Dieser dürfe die ÖVP mit der Steuerreform nicht überfordern. Das Gespräch führte Michael Völker.„“„“

 

   Standard: Sie gelten als das böse Krokodil der heimischen Innenpolitik: gefürchtet, sehr einflussreich, der Strippenzieher im Hintergrund. Schmeichelt Ihnen diese Einordnung, oder ärgert Sie das?

 

   Pröll: Weder das eine noch das andere. Die Bilder, die es von mir gibt, zeichnen andere. Es ist doch bekannt, wie ich arbeite, warum ich so arbeite, ich mache meine Arbeit aus Überzeugung.

 

   Standard: Wie weit reicht Ihr Einfluss tatsächlich?

 

   Pröll: Nicht weiter und nicht weniger weit als der Einfluss anderer Landeshauptleute und jener, die regieren, auch. Ich trage Verantwortung. Vielleicht bin ich im Formulieren pointierter als andere. Ich bin einer, der die Dinge beim Namen nennt und nicht lange herumredet.

 

   Standard: Bei der jüngsten Regierungsumbildung haben wieder alle nach St. Pölten geschielt: Was wird Erwin Pröll sagen? Man hatte den Eindruck, dass Sie mit der Bestellung von Hans Jörg Schelling zum Finanzminister nicht glücklich waren, dass sich der neue ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner über Sie hinweggesetzt hat. Schelling war nicht Ihr Favorit, oder?

 

   Pröll: Das ist eine Fehlinterpretation. Es gibt die einen, die sagen, ich hätte Einfluss verloren, andere meinen, es ist alles am Wort in St. Pölten dingfest gemacht worden. Bleiben wir bei den Fakten: Ich war natürlich – wie es einem Landeshauptmann von Niederösterreich zusteht – eingebunden, zwar nicht vor Ort, aber telefonisch. Es hat auch ein zweistündiges Vieraugengespräch zwischen dem neuen Parteiobmann und mir gegeben, als ich zurückgekommen bin. Das war in der Analyse und in den Überlegungen hinsichtlich der weiteren Vorgangsweise sehr konsequent und harmonisch. Ich habe auch mit dem neuen Finanzminister gesprochen, ich kenne Schelling schon aus seiner Zeit in der niederösterreichischen Privatwirtschaft.

 

   Standard: Das war nicht immer ganz friktionsfrei, oder?

 

   Pröll: Wir hatten einmal eine sachliche Auseinandersetzung, das stimmt. Aber das tut nichts zur Sache. Eine Personalentscheidung wie diese, das ist ja keine Brautschau, wo Emotionen den Ausschlag geben. Das ist eine sehr sachbezogene und nüchterne Angelegenheit. Der Beste ist gerade gut genug. Dass Schelling ein exzellenter Mann ist, hat er in der Vergangenheit schon gezeigt. Es hat aber auch alternative Überlegungen gegeben, gar nicht so sehr von mir, sondern vom Parteiobmann selber. Das ist auch legitim.

 

   Standard: Die schwarzen Landeshauptleute hatten in den letzten Wochen und Monaten konsequent am Stuhl von Parteichef Michael Spindelegger gesägt. Als dieser dann zurückgetreten ist, waren alle überrascht. Hat die ÖVP als Ganzes überhaupt noch einen Plan und eine Idee, oder fahren neun Länder und sechs Bünde ihre eigene Linie?

 

   Pröll: Die Performance der Bundespartei hat in den Bundesländern, die unmittelbar vor Wahlen stehen, nicht Anlass zu großer Freude gegeben, das ist überhaupt keine Frage. Das ist dort und da formuliert worden, allerdings nicht erst in den letzten Wochen, sondern schon seit längerer Zeit. Die Dinge beim Namen zu nennen ist eine wesentliche Aufgabe in der Politik. Gerade diese Regierungsumbildung hat aber gezeigt, dass weder der bündische noch der regionale Einfluss die Entscheidungen diktiert. Der Parteiobmann, das wurde ihm zugestanden, kann sein Team selber gestalten. Personalangelegenheiten sind Chefsache. Das, was ich für mich in Anspruch nehme, muss ich auch einem anderen zubilligen. Zur Partei: Die Volkspartei hat einen Plan. Als föderale Partei mit entsprechenden Strukturen hat die ÖVP auch gelernt, miteinander zu diskutieren. Das Einzige, wo es bei uns tatsächlich ein wenig eckt: Es wird viel zu früh mit den Diskussionen nach außen gegangen, bevor das intern angesprochen wurde.

 

   Standard: Michael Spindelegger galt als Pröll-Mann. Mitterlehner ist das nicht.

 

   Pröll: Das sind doch Klischees. Spindelegger kenne ich länger, das stimmt, aber das ist kein Wunder, er ist ein Niederösterreicher. Für mich ist Mitterlehner genauso ein zu unterstützender Parteiobmann, wie Spindelegger das war. Wenn Sie meinen, dass Spindelegger mein Mann war, dann sag ich Ihnen gleich: Auch Mitterlehner ist mein Mann.

 

   Standard: Für welche Werte steht denn die Volkspartei noch?

 

   Pröll: Die Volkspartei steht auf alle Fälle für Leistung, für Familie und für christlich-soziale Werte. Das spreche ich bewusst an. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass diejenigen, die meinen, christlich-soziale Parteien seien ein Auslaufmodell, sich irren. Schauen Sie die Christdemokraten unter Merkel in Deutschland an, in Bayern, in Niederösterreich. Das ist nicht gottgewollt, dass christlich-soziale Parteien von der Landkarte verschwinden. Es kommt darauf an, in welcher Art und Weise die Verantwortungsträger in dieser Gesinnungsgemeinschaft arbeiten. Da gibt es ein paar Grundregeln: hart arbeiten, klar in der Linie, nah am Bürger.

 

   Standard: Das spricht nicht unbedingt für Ihre Bundespartei. In Niederösterreich haben Sie zuletzt 50 Prozent gemacht, auf Bundesebene waren es nur 24 Prozent, in Umfragen waren es 20 Prozent. Werden Ihre Regeln auf Bundesebene nicht eingehalten?

 

   Pröll: Ich würde doch darum bitten, dass wir der ÖVP auf Bundesebene nicht die Zukunft absprechen. Sie werden merken, dass sich durch die neue personelle Konstellation schon einiges geändert hat. Die ÖVP hat auf Bundesebene alle Chancen, den Weg nach vorne zu finden. Es wird jetzt wieder mehr Offensive spürbar, es gibt diesen Erfolgswillen, der nicht aus der Defensive heraus konstruiert wird, sondern gelebt wird.

 

   Standard: Die ÖVP hat ihren „Evolutionsprozess“ neu aufgesetzt, es soll ein neues Parteiprogramm her. Was muss denn die ÖVP tun, um mehr Profil zu entwickeln?

 

   Pröll: Wir müssen schauen, wo es die Notwendigkeit gibt, an die gesellschaftlichen Grundbedürfnisse von heute und morgen heranzukommen, ohne die wesentlichen Grundsätze des Christdemokratischen zu verletzten. Ich weiß, das klingt sehr allgemein, aber das ist jetzt die Aufgabe dieses Evolutionsprozesses. Wir müssen uns verändern, ohne die Grundangeln der Partei auszuhebeln.

 

   Standard: Der neue Parteichef hat bereits ein paar Themen angesprochen. In das Thema Steuerreform scheint Bewegung zu kommen, Mitterlehner hat Bereitschaft signalisiert, auch über eine Gegenfinanzierung zur Senkung der Lohnsteuern zu reden. Ist die Reichensteuer in der ÖVP jetzt kein Tabuthema mehr?

 

   Pröll: Mit diesem Ausdruck setz ich mich gar nicht auseinander, weil jeder etwas anderes darunter versteht. Das ist auch gar nicht der Punkt. Der neue Finanzminister hat bereits gesagt, dass der Eingangssteuersatz gesenkt werden soll ...

 

   Standard: ... worüber sich die Koalitionsparteien bereits einig sind.

 

   Pröll: Das ist ja schon etwas. Ich bin sehr froh darüber, dass sich Mitterlehner und Schelling nicht auf irgendwelche Platitüden reduzieren. Es geht in erster Linie darum, eine Steuerreform auf den Boden zu bringen, die eine Entlastung bringt und auch den Wirtschaftsstandort Österreich wieder kalkulierbar macht. Diese Art der Steuerdiskussion, wie sie zuletzt geführt wurde, hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Unsicherheit in der Unternehmerschaft größer geworden ist. Das hat auch Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Diese Diskussion hat Österreich mit Sicherheit geschadet.

 

   Standard: Man kann sich aber leicht ausrechnen, dass es ganz ohne Gegenfinanzierung nicht gehen wird. Was ist Ihre Position zu einer Vermögenssteuer?

 

   Pröll: Das ist ganz einfach: Es wird sie nicht geben. Das ist eine klare Festlegung, da gibt es de facto Einhelligkeit in der Partei: Vermögensbezogene Steuern wird es nicht geben. Ich warne davor, die Reform ständig an solchen Reizworten dingfest machen zu wollen. Es ist wichtig in einer Koalition, dass ein Partner den anderen nicht überfordert. Dieses Wort richte ich an den Herrn Bundeskanzler. Denn führen heißt zusammenführen und nicht Zwietracht säen. Das muss auch der Hauptverantwortliche in der Regierung, der Bundeskanzler, wissen. Es ist wichtig, dass man auch auf den Regierungspartner entsprechend eingeht. In einer Regierungskonstellation muss die gemeinsame Pflicht die Oberhand haben. Diese gemeinsame Pflicht des Regierens gilt auch vor Parteitagen. Ich weiß schon, die reinen Parteiinteressen können unter Umständen mit den Staatsinteressen kollidieren. Wer aber Regierungsverantwortung trägt, muss wissen, er ist auf die Verfassung der Republik vereidigt und nicht auf sein Parteistatut.

 

   Standard: Die ÖVP signalisiert jetzt auch im Bildungsbereich Bereitschaft zur Bewegung. Kann das eine Abkehr vom Spindelegger-Kurs, das Gymnasium müsse bleiben, bedeuten?

 

   Pröll: Lösen wir uns in der Diskussion von den extremen Positionen. Für mich ist das Wichtigste die Entbürokratisierung des Schulwesens. Die Pädagogen brauchen wieder mehr zeitlichen Raum, um sich tatsächlich um die Kinder zu kümmern. Da sind auch Rationalisierungseffekte vom Finanziellen her drinnen. Ansätze hat es genug gegeben, die sind leider aufgrund der vorangegangenen Unterrichtsministerin im Sand verlaufen. Wir müssen einen pragmatischen Weg gehen, das ist überhaupt keine Frage. Das Gesellschaftsbild hat sich geändert, auch das Bild der Familie, dem muss im Bildungswesen Rechnung getragen werden. Die Nachmittagsbetreuung ist eine wichtige Facette, da muss man den Bedürfnissen der Eltern entgegenkommen. Die öffentliche Hand darf nicht der Diktator sein, sie muss der Partner der Familien sein. Sie muss auch organisatorische Möglichkeiten anbieten, um dieser Partner sein zu können. Wenn dieser Grundsatz bei der Weiterentwicklung des Schulwesens hochgehalten wird, sehe ich keine allzu großen Probleme. Eines ist aber sicher: Das Gymnasium muss bleiben.

 

   Es wird jetzt wieder mehr Offensive spürbar, es gibt diesen Erfolgswillen, der nicht aus der Defensive heraus konstruiert wird.

 

   Wer Regierungs-verantwortung trägt, muss wissen, er ist auf die Verfassung der Republik vereidigt und nicht auf sein Parteistatut.

 

 

"Kurier" vom 08.09.2014                                   Seite: 20

Ressort: Leben

 

Wi, Abend

 

Leben in zwei Sprachwelten

 

Volksschule Dietmayrgasse.Indem Schüler ihren eigenen Film drehen, trainieren sie Deutsch - und das nebenbei

 

   von ute Brühl Lesen macht plötzlich Spaß. Schließlich ist es eine von ihnen erfundene Geschichte, die die Schüler der 4 C Dietmayrgasse Wien-Brigittenau laut vorlesen. Jetzt sitzen sie im Tonstudio des Kindermuseums Zoom und vertonen ihren Film: "Protheus. Die letzte Hoffnung der Menschheit" lautet der Titel.

 

   In drei Sprachen haben die Buben und Mädchen die Geschichte synchronisiert: Deutsch, Türkisch und BKS (Bosnisch, Kroatisch und Serbisch, Anm.) Die Idee zu dem "Projekt Film" kam von Ulrich Gladt, Klassenlehrer der 4 C. "In unserer Schule haben die meisten Kinder nicht Deutsch als Muttersprache. Deshalb lernen sie ab der ersten Klasse auch in Türkisch und BKS zu lesen und zu schreiben."

 

   Eigentlich geht diese zweisprachige Alphabetisierung nur bis zum Ende der 2. Klasse. "Mir war das zu kurz. Ich wollte das fortsetzen", erzählt er. Und kam dabei auf die Idee mit dem Film: "Ich schlug vor, ein Science-Ficton-Drehbuch zu schreiben. Das begeisterte die Kinder, und es ermöglichte uns, dass mehrere Sprachen benötigt werden." Die Kinder waren mit Feuereifer dabei und haben die von ihnen ersonnenen Figuren selbst aus Fimo - einer Knetmasse - gebastelt.

 

   Dolmetscher. Die Geschichte des Films ist schnell erzählt: Auf der Erde herrscht Hungersnot. Ein Expertenteam reist deshalb auf den Nachbarplaneten, um dort neue Nahrungsquellen zu erschließen. Auf dem Planeten werden andere Sprachen gesprochen - Türkisch und BKS. Zum Glück gibt es auf der Erde Menschen, die diese Sprachen beherrschen. Die werden als Dolmetscher mit auf die Reise genommen.

 

   Lehrer Gladt beobachtete seine Schüler dabei sehr genau: "Bei der Vertonung des Films mussten die Kinder zwischen den Sprachen switchen. Sie hörten sofort, was sie sprachen. Das war lehrreich, weil sie auf Anhieb merkten, wenn sie ein Wort falsch betonten." Das entfachte sofort den Ehrgeiz bei den Kindern: "Sie bemühten sich, korrekt zu sprechen."

 

   Die Schüler haben dabei nicht nur ein besseres Gefühl für Deutsch und ihre Muttersprache bekommen: "Sie entdeckten, dass es kein Makel, sondern ein Vorteil ist, zwei Sprachen zu beherrschen", sagt Gladt. Angenehmer Nebeneffekt des Projekts: Das Klassenklima und der Umgang unter den Schülern hat sich verbessert: "Heute kennen die Kinder z. B. die türkischen Schimpfwörter. Wenn sie die anderen reden hören, haben sie nicht mehr das Gefühl, dass sie schlecht über ihre Mitschüler reden", sagt Vanja Glisic, die BKS-Muttersprachenlehrerin.

 

   Ob sich die Mühe auszahlt, die sich Gladt und seine Kolleginnen gemacht haben? "Das wird die Zukunft weisen", sagt der Lehrer. "Laut Forscher macht sich die zweisprachige Alphabetisierung erst im Alter von 12, 13 Jahren bemerkbar. Dann unterrichte ich die Kinder nicht mehr." In einer Hinsicht hat sich's jedenfalls ausgezahlt: Der Film wurde im Kino gezeigt. Da waren die Kinder sehr stolz.

 

   Das Engagement der Lehrer ist sicher groß. "Doch an einem halben Tag können wir keine Wunder bewirken", sagt eine Lehrerin. "Wir bräuchten für unsere Kinder eine gute Ganztagsschule mit Angeboten, die sie zu Hause nicht haben: Sport oder eine Lernbetreuung etwa." KURIER.atMorgen: Die PTS Schopenhauerstraße macht fit für den Beruf

 

 

"Kronen Zeitung" vom 08.09.2014                           Seite: 18,19

 

Wi, Abend, Bgld, Wi, N.Ö., O.Ö., Vbg, Wi, Sbg, Stmk, Ti, Ktn, Morgen

 

Schulbeginn im Westen Österreichs Halbzeitbilanz der "Krone"-Serie Erstmals reden Schüler und Eltern Drei Forderungen an die Politik "Krone" hat Reizthemen abgefragt Von Lehrerbashing bis Handyverbot

 

Teil 8

 

Smarte Regeln für Handys

 

   Handys sind für Kinder wichtige Begleiter. Im Unterricht können sie sowohl ein geniales

 

   Arbeitstool als auch ein massiver Störfaktor sein.

 

   Heute starten auch 649.000 Kinder und Jugendliche in den westlichen Bundesländern ins neue Schuljahr. Acht Tage lang macht die "Krone" mit ihrer großen Serie, mit Plakaten in ganz Österreich, mit einer Gratis-Schul-App und der ersten österreichweiten Befragung von Schülern und Eltern nun schon Schule.

 

   Die Halbzeit-Bilanz (unser Schulschwerpunkt dauert noch bis kommenden Sonntag) ist beeindruckend. In den Mails an die Redaktion, den Beiträgen auf der "Krone"-Schul-App und den Diskussions-Foren auf krone.at zeichnen sich vor allem drei Forderungen an die Politik ab.

 

   1. Bessere Lehrer. An oberster Stelle steht der Wunsch nach besser qualifizierten Lehrern. "Es ist nicht besonders hilfreich, dass jeder x-Beliebige Lehrer werden kann. Ich weiß, ich mach mich damit unbeliebt: Es sollte ein besseres Aufnahmeverfahren geben", schreibt der User verybritish. "Arbeitsverträge der Lehrer auf Angestelltenverträge ändern! Kein Beamtentum mehr. Eine Aufnahmeprüfung für angehende Lehrer", bringt der User moncherie1 auf den Punkt, was uns ganz viele geschrieben haben.

 

   2. Konsequenzen für Eltern. Ein großes Thema ist die Ignoranz vieler Eltern. So sollte es nach Ansicht der "Krone"-Leser bei Schulschwänzen und Zuspätkommen auch für Eltern Konsequenzen geben. Das geht bis zur Forderung, bei wiederholten Verstößen eine Kürzung der Familienbeihilfe in Betracht zu ziehen. "Solange Eltern ihrem Erziehungsauftrag nicht nachkommen und alles an die Lehrer delegieren, so lange wird sich an unseren Schulen nichts ändern."

 

   3. Kürzere Schulferien. Die neun Wochen, in denen Eltern ihre Kinder im Sommer betreuen müssen, halten viele für zu lange. "Als Mutter von vier Kindern finde ich die Sommerferien viel zu lange. Ich wäre für eine Verkürzung der Sommerferien und zum Ausgleich für eine Verlängerung der Weihnachts- oder Semesterferien", schreibt Userin marchfelderin. Schulungen und Seminare von Lehrern (auch Kuren) sollten in deren Ferien stattfinden und nicht unter dem Schuljahr.

 

   Mails an Lehrer - das ist ein großer Wunsch

 

   Erstmals hat Unique Research im Auftrag der "Krone" 300 Schüler und 300 Lehrer zu allen relevanten Themen des Schulalltags befragt. Dem vieldiskutierten Handyverbot können Schüler auf einer Skala von 1 ("stimme sehr zu") bis 5 ("stimme gar nicht zu") mit einem Mittelwert von 3,4 nicht viel abgewinnen. Eltern schon eher - hier beträgt der Zustimmungswert 1,8. Eines zeigt die Umfrage ganz deutlich: Schüler möchten gerne mit Neuen Medien arbeiten und auch kommunizieren. Viele wünschen sich, dass sie mit ihren Lehrern auch per E-Mail in Kontakt treten können. Und: Neue Techniken sollen in den Unterricht einfließen - siehe Grafik links.

 

   Obwohl es zum Beispiel in Wien bereits an jeder zweiten Schule ein Handyverbot gibt, gehen einige Schulen bereits dazu über, die digitalen Begleiter im Unterricht zu nutzen. Dass Schüler weder telefonieren noch SMS schreiben dürfen, versteht sich von selbst - stören sie damit den Unterricht, darf die Lehrkraft das Gerät bis nach der Schulstunde sogar abnehmen. Die Schule bzw. der Lehrer kann jedoch Handys auch als Arbeitstool erlauben - zum Beispiel zur Recherche.

 

   Gefragt sind smarte Regeln. Die EU-Initiative Saferinternet.at empfiehlt, die kreative Handy-Nutzung im Unterricht in ein medienpädagogisches Konzept zu integrieren. Lehrer, Schüler, Eltern und Schuldirektion erarbeiten Verhaltensvereinbarungen zum Umgang mit den Smartphones. Viele österreichische Schulen haben schon solche Regeln.

 

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"Kronen Zeitung" vom 08.09.2014                           Seite: 19

 

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Integration

 

   Der rasante Fortschritt von Wissenschaften, Technik und Wirtschaft bestimmt immer mehr unsere gesellschaftliche Realität und erhöht die Anforderungen an die in diesem System Tätigen. Umso unverständlicher ist, dass die schulischen Anforderungen ständig zurückgeschraubt werden und Auslese immer mehr tabuisiert wird.

 

   Diese Entwicklung wird als besonders sozial ("Chancengleichheit") angepriesen - ist sie es wirklich?

 

   Zwei Beispiele: Wir haben mittlerweile 80 Prozent Studienabbrecher, was eine Belastung sowohl für die Steuerzahler als auch für die jungen Menschen darstellt, die viel zu spät merken, dass sie einen falschen Bildungsweg eingeschlagen haben und damit bis zu zehn Lebensjahre (und so auch Jahre der Pensionsberechtigung) verlieren.

 

   Ferner: Hilft man geistig gehandicapten Menschen wirklich durch Integration in das Regelschulwesen? In den früheren Sonderschulen konnten sie durch speziell dafür ausgebildete Lehrer auch speziell gefördert werden - jetzt ist oft das Einzige, was sie in Regelschulklassen verstehen, dass sie nichts verstehen. Auch die soziale Integration gelingt in der Praxis meist nur kurz - dann entwickeln die "normalen" Schüler erhebliche Ressentiments gegen die Schüler mit besonderem Betreuungsbedarf.

 

   All diese pädagogischen Neuerungen scheinen eher ideologischen als pädagogischen Interessen zu entsprechen.

 

   Mag. theol. Dr. phil. Elisabeth Deifel, ehemalige Professorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien-Strebersdorf, 24 Jahre in der Lehrerausbildung tätig

 

 

 

"Kronen Zeitung" vom 07.09.2014                           Seite: 34,35

Ressort: Reportage

 

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Ideologische Grabenkämpfe zwischen links und rechts verhindern seit Jahrzehnten eine echte Schulreform.

 

Teil 7

 

Auf dem Rücken der Kinder

 

   Nach jedem PISA-Debakel - und das kam bisher noch bei jedem der internationalen Tests - gibt es einen lauten Aufschrei, gefolgt von der Beteuerung, dass nun endlich etwas passieren müsse und wir die besten Schulen für unsere Kinder brauchen. Doch es bleibt bei Lippenbekenntnissen, seit Jahren schon stocken die groß angekündigten Reformen.

 

   Leistungsprinzip oder Gerechtigkeit?

 

   Bei allen umstrittenen Themen wie Gesamtschule, Ganztagesschule, Noten und die Abschaffung des Sitzenbleibens gehen die ideologischen Grabenkämpfe zwischen SPÖ und ÖVP unvermindert weiter. Auf dem Rücken der Kinder. Doch wer will genau was und warum?

 

   "Verkürzt gesagt geht es der ÖVP um die Förderung von Leistung, der SPÖ um Chancengleichheit", erklärt der Politikwissenschafter Peter Filzmaier. "Diese Debatte hat mittlerweile eine solche Eigendynamik bekommen, dass nichts mehr geht." Echte Veränderungen im Bildungssystem werden verhindert, dringend notwendige Reformen werden stets so sehr beschnitten, bis so gut wie nichts mehr übrig bleibt. Dazu kommt noch die mächtige und streitbare Lehrer-Gewerkschaft, die generell nur darauf bedacht ist, den Status quo zu erhalten. Gegen deren Willen ist kaum etwas durchzusetzen. Und weil sich jeder noch sehr gut an die eigene Schulzeit erinnern kann - meist mit mehr negativen als positiven Gedanken -, Kinder oder Enkel, die sich in der Schule plagen, und Lehrer in seinem engeren Umfeld hat, redet auch so gut wie jeder bei der hoch emotionalen Diskussion mit. Fast könnte man meinen, Österreich hat einige Millionen Bildungsminister.

 

   Die tatsächlichen Minister der jüngeren Vergangenheit haben sich allesamt nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Elisabeth Gehrer (ÖVP) galt jahrelang als beinharte Blockiererin sämtlicher Reformen, auch die Umfragewerte ihrer Nachfolgerin Claudia Schmied (SPÖ) sanken zusehends, sie scheiterte am Aufstand der Gewerkschaft, wurde von der eigenen Partei im Regen stehen gelassen und warf schließlich nach der Nationalratswahl im vergangenen Jahr das Handtuch. Danach übernahm Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) das

 

   Amt - und legte gleich einmal einen gehörigen Fehlstart hin. Die Pannen, vom Datenleck beim Bildungsinstitut BIFIE über die PISA-Ab-und dann doch wieder Zusage bis zu ihren umstrittenen und dann wieder zurückgenommenen Sparplänen, häuften sich.

 

   "Der Job als Unterrichtsminister ist sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig", erklärt Peter Filzmaier. Für das Scheitern und das schlechte Image der Bildungspolitik sieht der Experte sowohl emotionale als auch strukturelle Gründe. "Zuerst einmal muss man sagen, dass die Kompetenzen der Bildungsministerin schwächer sind als geglaubt. Bei dem Budget in der Höhe von acht Milliarden Euro sind 92 Prozent fix gebunden, für Lehrergehälter und Gebäude", betont Filzmaier. Und wenn dann von dem noch verbleibenden Rest heuer 57 Millionen Euro und kommendes Jahr 60 Millionen eingespart werden müssen, sei der Gestaltungsspielraum eben sehr beschränkt. Filzmaier spricht auch die bürokratischen Strukturen, Bundes- und Landeslehrer, Landesschulräte und die starke "strukturkonservative" Gewerkschaft an, die "farbunabhängig" agiere. Die immer wiederkehrende Versicherung der Politik, die ideologischen Scheuklappen abzulegen, sei nur halbehrlich gemeint, analysiert Filzmaier. "Dabei wäre es sehr wohl möglich, dass sich links und rechts in Sachen Schule annähern. Schließlich geht es jeder Seite auch um die Position des politischen Gegners, so fair muss man schon sein, ihnen das zuzugestehen."

 

   Der deutsche Bildungsökonom Ludger Wößmann bringt es auf den Punkt: "Es geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen am linken Rand der Bevölkerung das Bewusstsein für die enorme Wichtigkeit guter Bildungsergebnisse schaffen. Und im rechten Spektrum klar machen, dass die frühe Teilung der Kinder sehr hohe Kosten schafft, aber keinem etwas bringt. Wir müssen vermitteln, dass wir ein gerechteres System haben können, das gleichzeitig auch bessere Leistungen bringt. So kann man auf Mehrheiten hoffen."

 

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"Kronen Zeitung" vom 07.09.2014                           Seite: 34

Ressort: Reportage

 

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Umdenkprozess

 

   Im Laufe von vierzig Dienstjahren in allen Sparten der Pflichtschule durchlebte ich die Höhen und Tiefen des Lehrberufes sowie eine Reihe wechselnder Unterrichtsminister/-innen. Ebenfalls mit ihren Höhen und Tiefen. Ich habe meine Berufswahl nie bereut, obwohl in dieser Sparte Beschäftigte gerne von Außenstehenden als "Halbtags-Jobber" angesehen und abqualifiziert werden.

 

   Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche bringt nicht der "Storch"! Sie spiegeln als ein Teil der Gesellschaft deren Probleme wider:

 

   Widrige Lebensumstände, familiäre Fehlerziehung, Entwicklungs- und Beziehungsstörungen, traumatische Trennungs- und Verlusterlebnisse haben sie zu Symptomträgern gemacht.

 

   Im Lebensraum Schule schaffen zusätzliche Anforderungen Probleme, die nur mit einem neu definierten Lehrer-Schüler-Verhältnis sowie die Lehrerschaft unterstützenden Rahmenbedingungen gelöst werden können.

 

   Die "gesunde Boden-Haftung" im familiären wie schulischen Erziehungs- und Bildungsgeschehen darf dabei dennoch nicht verloren gehen. Das Bildungssystem Schule analog einer Kfz-Werkstatt als Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Probleme zu instrumentalisieren geht an ihrer Aufgabe vorbei.

 

   Jahrelang wird von allen Seiten bewusst und systematisch am Lehr-Image gesägt. Im Umkehrschluss soll die Erziehungs- und Lehr-Autorität einer vor der Klasse stehenden Lehr-Person von Schülern und in der Öffentlichkeit ihre Anerkennung und Respektierung finden… - Das kann nicht funktionieren! Hier ist ein Um-Denk-Prozess unerlässlich.

 

   Friedrich Lawitzka, Landesobmann der Christlichen Lehrer und Erzieher NÖ

 

 

"Kronen Zeitung" vom 06.09.2014                           Seite: 26,27

Ressort: Reportage

 

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Werden fünf Ziffern den Leistungen der Kinder gerecht? Unser klassisches Notensystem ist umstritten. Viele Schulen arbeiten an Alternativen.

 

Teil 6

 

Schule ohne Noten? Nein, danke!

 

   Ein "Pensenbuch" gibt den Eltern einen besseren Überblick über Stärken und Schwächen des Kindes.

 

   Ein schlechtes Zeugnis bringt Kinder oft zur Verzweiflung: Aber Noten können mehr sein als nur ein notwendiges Übel.

 

   Zwischen den Zahlen 1 und 5 spiegelt sich die gesamte Lernzeit eines Schülers. "Sehr gut" oder "Nicht genügend" können über Auf-oder Abstieg, Sommerferien oder Nachhilfe-Camp, akademische Laufbahn oder Schulabbruch entscheiden. Denn die klassische Benotung ist so tief in unserem Schulsystem verankert wie das Läuten der Schulglocke nach 50 Minuten Unterricht Das zeigen auch die Ergebnisse unserer großen "Krone"-Umfrage (Unique Research interviewte 300 Schüler und 300 Eltern): Sowohl Schüler als auch Eltern sind mehrheitlich dafür, dass Noten beibehalten werden (siehe Grafik rechts). Etwas mehr Zuspruch gibt es für den Vorschlag, das Durchfallen aus dem Schulsystem zu verbannen. Doch auch hier überwiegt die Meinung, dass Klassen bei mangelhaftem Notenschnitt zu wiederholen sind. Gleichzeitig steht "fairere Notenvergabe" ganz oben auf der Wunschliste der Eltern.

 

   Doch taugen nüchterne Noten dazu, die Leistung eines Schülers tatsächlich abzubilden? Oder ignorieren sie gar versteckte Potentiale, die in so gut wie jedem von uns schlummern? Dies führt zu hitzigen Debatten zwischen Pädagogen, Eltern und Schülern - ohne dass jedoch ernsthaft an das Abschaffen des Notensystems gedacht wird.

 

   Mängel bei Benotung

 

   Unbestritten ist, dass jedes Notensystem fehlerhaft ist: Verschiedene Lehrer benoten gleiche Leistung unterschiedlich streng, dies wurde in mehreren Studien belegt. Auch der Klassenschnitt entscheidet oftmals über das Abschneiden der Jugendlichen: In einer sehr guten Klasse werden an durchschnittliche Schüler oft schlechtere Noten vergeben.

 

   Smiley in Mathe

 

   Dazu kommt die Angst vor dem "Fleck": Kinder- und Jugendtelefone verzeichnen rund um die Zeugniszeit deutlich mehr Anrufe als unter dem Jahr, es gibt eine eigene Beratungsseite für Schüler mit Notenangst (rataufdraht.orf.at).

 

   Zahlreiche Volksschulen haben daher für die ersten Schulstufen neue, alternative Benotungssysteme entwickelt. Etwa die Volksschule Maria Enzersdorf-Altort: Dort wurden mit Zustimmung der Eltern "Pensenbücher" anstelle von regulären Noten eingeführt: Schüler der ersten und zweiten Klasse bekommen dabei nicht eine einzige Note im Fach Mathematik, sondern werden in verschiedensten Kategorien - Addieren, Subtrahieren, Zahlen richtig zuordnen - mit Smileys beurteilt. Und zwar sowohl von den Lehrern als auch von den Schülern selbst. "Was dabei auffällt, ist, dass sich die Schüler meist kritischer einschätzen als die Lehrer", erzählt der Vater eines 8-jährigen Schülers. Für die Eltern ist dieses System eine große Hilfe, Schwächen zu orten. "Ein sachlich hingeschriebenes ,Nicht genügend‘ ist zwar eine Beurteilung - aber letztendlich für die Eltern nicht aussagekräftig genug", schreibt eine Mutter im krone.at-Forum.

 

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"Kronen Zeitung" vom 06.09.2014                           Seite: 27

Ressort: Reportage

 

Wi, Abend, Ktn, Sbg, Bgld, Wi, N.Ö., Stmk, Vbg, Wi, Ti, O.Ö., Morgen

 

Talente fördern

 

   In der Bildungsdebatte wird oft über Themen diskutiert, die längst Geschichte sein sollten. Es muss unser Ziel sein, eine Schule zu schaffen, die Kinder auf eine Zukunft mit neuen Anforderungen vorbereitet. Bildung ist die zentrale Grundlage für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

 

   Nicht nur die Schwächen, sondern vor allem die Interessen und Talente unserer Schüler sollten gefördert werden, um kognitive Entwicklung zu unterstützen. Lernen funktioniert nur, wenn Kinder mit Freude an der Sache sind!

 

   Elementare Kulturtechniken, sprachliche Kompetenz, mathematisch-logisches Denkvermögen, Urteilsfähigkeit, Ehrfurcht vor Leben und Natur, Teamfähigkeit und Respekt vor der Individualität jedes Menschen sollten einen wichtigen Stellenwert in der täglichen Erziehungsarbeit einnehmen. Werteorientierter Unterricht wirkt zuerst positiv auf die Schulgemeinschaft und in Folge auf unsere Gesellschaft.

 

   Neben der intellektuellen Förderung ist es wichtig, Kindern zu einem sicheren Auftreten und gestärktem Selbstwertgefühl zu verhelfen. Training der freien Rede, Diskussion, die Anwendung theaterpädagogischer Methoden und regelmäßige Präsentationen im Rahmen des Unterrichts müssen selbstverständlich sein.

 

   Um der zunehmenden Globalisierung gerecht zu werden, muss der Unterricht fächerübergreifend und projektorientiert ausgerichtet sein und über die inhaltliche Ebene hinausgehen.

 

   Dr. Sigrid Schauberger, Director Vienna Elementary School

 

 

"Kronen Zeitung" vom 05.09.2014                           Seite: 36,37

Ressort: Reportage

 

O.Ö., Morgen

 

Das System der einzelnen Klassen hat ausgedient. Ein Neubau soll im Mühlviertel den Volksschülern nun helfen, alters- und klassenübergreifend alles zu lernen

 

Teil 5

 

Gibt es die perfekte Schule?

 

   Die schönste neue Schule und die besten Lehrmittel helfen nichts, wenn die Freude am Lernen nicht vermittelt wird. Am Schluss hängt also alles an den Lehrern, ob die Schüler lachen oder frustriert sind.

 

   Am Montag begrüßt Direktorin Brigitte Rechberger die Schüler

 

   Volksschuldirektorin Brigitte Rechberger

 

   "Wir müssen auch lernen, mit dem neuen System umzugehen" - der Abriss der 86 Jahre alten Volksschule in Feldkirchen an der Donau hat mit dem innovativen Neubau im Mühlviertel auch einem neuen pädagogischen Konzept Platz gemacht: "Cluster" heißt das Zauberwort in der Volksschule, die ab Montag etwa 170 Schüler besuchen. Direktorin Brigitte Rechberger und ihr 15-köpfiges Team sind sicher, dass sie damit am richtigen Weg sind: "Die Schüler werden zwar ihre Stammklassen haben, aber viel wird sich außerhalb der eigentlichen Schulklasse abspielen." Es lassen sich mit flexiblen Möbeln in den großzügigen Räumen zwischen den Klassenzimmern rasch "Lernlandschaften" aufbauen. Dort sollen sich die Kinder so oft es geht frei bewegen und ihren Fähigkeiten entsprechend lernen.

 

   "Wenn ein Erstklassler schon sehr gut lesen kann, dann kann er sich auch Bücher der zweiten Klasse holen. Schafft ein Schüler beim Rechnen die Zehnerhürde noch nicht, dann kann er üben, während die anderen schon etwas weiter sind. Und die Kinder sollen sich gegenseitig helfen", erklärt die Direktorin einen Teil des Konzepts.

 

   Und die Klassenzimmer sind von Glas umgeben - das gesamte Gebäude ist sehr "durchsichtig". "Daran müssen wir uns sicher gewöhnen", sagt etwa Gertraud Lumpelegger, die seit 37 Jahren an der Schule unterrichtet und am Donnerstag die Lernmaterialien für ihre 1. Klasse einräumte. Obwohl Multimedia-Tafeln und frei zugängliche Computer mit - kontrolliertem - Internet-Zugang auch in die Volksschule eingezogen sind, gibt's noch immer Rollen mit Buchstaben und ähnliche über Jahrzehnte bewährte Lernutensilien. Dazu gehören auch die guten alten grünen Tafeln, die im Gebäude und auch in Außenbereichen hängen: "Die Kinder brauchen den Widerstand der Kreide beim Schreiben."

 

   Mit der neuen Schule ist der größte Wunsch von Schülern - schöne Schulgebäude - schon erfüllt. Denn dies nannten sie in einer österreichweiten Umfrage am häufigsten, wenn es darum ging, wie die Schule besser werden soll - siehe Grafik. Den späteren Schulbeginn wird's nicht spielen. Dafür werden sich die Eltern freuen, dass der individuellen Förderung und auch die Nachhilfe in der neuen Schule Rechnung getragen wird. Es wird eine Nachmittagsbetreuung durch Lehrer bis 16 Uhr angeboten. "Danach sollten die Schüler mit den Hausübungen fertig sein. Aber die Eltern sind nicht aus der Pflicht entlassen, mit den Kindern zu üben", sagt Direktorin Rechberger.

 

   Einen großen Wunsch hätte sie aber: "Mehr Personalressourcen." Denn gerade die offene Form des Unterrichts ist eine große Herausforderung - nämlich die Kinder im Griff zu behalten: "Es gilt auch, die Lernziele am Jahresende zu erreichen. Daran hat sich nichts geändert."

 

   Ob der "Campus" aus der neu gebauten Volksschule, die angeschlossene renovierte Neue Mittelschule, Musikschule und Sportgelände die perfekte Schule ist? Das wird vor allem auf die Lehrer ankommen, schlussendlich liegt es an ihnen, ein schönes neues Gebäude und ein tolles Lernkonzept mit Leben und Wissen zu erfüllen.

 

   Wir haben noch viel vor, können und wollen aber nicht

 

   alles auf einmal umsetzen.

 

   Das braucht Zeit.

 

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"Kronen Zeitung" vom 05.09.2014                           Seite: 36

Ressort: Reportage

 

Wi, Abend, Ti, Ktn, Stmk, O.Ö., Sbg, Bgld, Wi Mitte, Wi Nord, Wi Süd, Wi West, N.Ö., Vbg, Wi, Morgen

 

Das Schulfiasko

 

   Die Gründe für das Versagen der Schule? Die von der Politik getriebene Schule übernimmt immer mehr familiäre Bereiche. Verkehrs-, Gesundheits- und Sexualerziehung, auch Tennis, Briefmarkensammeln und Zimmergewehrschießen werden "schulisch", gemeinsame Familienfreizeit schwindet. Die "Schulprojektitis" verhindert die nötige Regelmäßigkeit des Lernens. Das Lesen, Schreiben und Rechnen kommen unter die Räder, die Schule, speziell die halbtägige, überfordert sich!

 

   Die Notendumping verursachende "schulische Kuschelkultur" entsteht und verhindert, dass unangenehme Fakten klar ausgesprochen und zutage tretende Defizite behoben werden.

 

   Viele Direktoren und Inspektoren - die meisten sind vom Unterricht freigestellt - widmen sich bezahlten Politjobs, statt Lehrern dienstpflichtgemäß Feedbacks und Hilfestellungen zu geben. Die traurige Folge? Viele allein gelassene Lehrer scheitern, da sie mit der extremen Vielfalt der Schüler nicht klarkommen - die Lehrerausbildung verharrt im 19. Jahrhundert!

 

   Hoffnungsschimmer? Ja! Jene Lehrer, die kein Burn-out haben, die stolz auf ihre vielsprachigen und dennoch erfolgreichen Klassen sind, die keine unterrichtsbefreite Direktorenstelle oder die Frühpension anstreben, die berufszufrieden sind! Holen wir sie vor den Vorhang, beobachten wir ihren erfolgreichen Unterricht, nutzen wir sie als Tankstellen für Ideen, Energie, Unterrichtsphantasie und Schulfreude, lernen wir von ihnen - zum Nutzen der Schüler!

 

   Prof. Ernst Smole, ehrenamtlicher Bildungsberater

 

 

"Kronen Zeitung" vom 04.09.2014                           Seite: 26

Ressort: Reportage

 

Wi, Abend, Ti, Bgld, Ktn, Wi, N.Ö., Vbg, Wi, O.Ö., Sbg, Stmk, Morgen

 

8 Milliarden gibt Österreich jährlich für den Unterricht aus. 6,8 Milliarden davon gehen an die Lehrer - mehr als in vielen anderen OECD-Ländern.

 

Teil 4

 

Wo versickern die Millionen?

 

   Bildungskritiker Andreas Salcher hat es auf den Punkt gebracht: "Glauben wir wirklich, dass es sich die Regierungen angesichts immer knapperer Budgets noch lange leisten werden können, mit aufgeblähten Schulverwaltungen ein System zu erhalten, das für immer weniger Schüler immer mehr Lehrer benötigt und trotzdem die Kosten für Nachhilfestunden explodieren lässt?"

 

   Lehrergehälter deutlich über OECD-Durchschnitt

 

   8 Milliarden Euro gibt Österreich jährlich für den Unterricht aus (die gesamten staatlichen Bildungsausgaben inklusive Hochschulen betragen laut Statistik Austria 2012 sogar 17 Milliarden). Mehr als 60 Prozent, nämlich 6,8 Milliarden Euro, gehen an die Lehrer. Damit liegen die Lehrergehälter in Österreich deutlich über dem OECD-Durchschnitt. In allen Schultypen sind Lehrer hierzulande finanziell besser gestellt.

 

   Das liegt vor allem am noch immer geltenden Lehrerdienstrecht, nachdem ein Lehrer am Ende seiner Laufbahn mehr als doppelt so viel verdient wie ein Junglehrer - ein neues Gehaltsschema ist zwar beschlossen, es wird jedoch lange dauern, bis es sich auf die Kosten auswirkt. Momentan weist Österreich auch eine der ältesten Lehrerschaften unter den OECD-Ländern auf.

 

   So kommt es, dass Österreich pro Jahr und Schüler umgerechnet 8324 Euro investieren muss. Das ist mehr als die PISA-Vorzeigeländer Finnland, Japan und Korea. Finnland investiert pro Jahr und Schüler umgerechnet 7132 Euro, Japan 6192 Euro, Korea sogar nur halb so viel wie Österreich, nämlich 4602 Euro. Auch unabhängig von der Schulstufe gibt Österreich im Vergleich mit den anderen OECD-Ländern deutlich mehr Geld aus: Umgerechnet 6739 Euro pro Kindergarten-Kind und Jahr (OECD-Durchschnitt: 5124 Euro), für ein Volksschul-Kind 7763 Euro pro Jahr (OECD-Durchschnitt: 6043 Euro) und pro Schüler in der Unterstufe 9511 Euro pro Jahr (OECD-Durchschnitt: 6830 Euro).

 

   Trotzdem schafft es Österreich nicht an die Bildungsspitze, sondern bleibt seit vielen Jahren im Mittelfeld stecken. Lediglich 2012 sorgten unsere Schüler in Mathematik für eine Überraschung: Die PISA-Teilnehmer konnten zehn Punkte zulegen und liegen mit 506 Punkten erstmals deutlich über dem OECD-Schnitt, der 494 Punkte beträgt. Allerdings: Finnland (516 Punkte), Japan (536) und Korea (554) sind uns trotz geringerer Bildungsausgaben weit voraus.

 

   Auch in den Naturwissenschaften hängen uns die anderen Ländern ab: Österreich schafft es mit 506 Punkten gerade einmal ins Mittelfeld, klar unter dem Durchschnitt liegt Österreich beim Lesen - hier haben unsere Schüler nur 490 Punkte erreicht. Obwohl die Risikogruppe kleiner geworden ist, kann jeder fünfte Schüler zwischen 15 und 16 Jahren nicht sinnerfassend lesen. Finnland (524 Punkte), Korea (536) und Japan (538) hingegen sind Lese-"Weltmeister".

 

   Aufgeblähter Apparat kommt uns teuer

 

   Viele Millionen unseres Bildungsbudgets fließen auch in die Verwaltung. Ministerium, Landes- und Bezirksschulräte und ein Kompetenz-Wirrwarr verschlingen 183 Millionen pro Jahr. So verdient zum Beispiel ein Vize-Landesschulrat 4400 Euro brutto pro Monat…

 

   Ob sich die Ausgaben wenigstens akademisch ausgezahlt haben, werden nächste Woche die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie zeigen.

 

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"Kronen Zeitung" vom 04.09.2014                           Seite: 24

Ressort: Reportage

 

Ti, Bgld, Ktn, Wi, N.Ö., Vbg, Wi, O.Ö., Sbg, Stmk, Morgen

 

Das braucht unsere Schule

 

   Seit Jahrzehnten schlagen manche Politiker und "Bildungsexperten" Lösungen für die schulischen Herausforderungen vor, die bei genauerer Betrachtung - frei nach Karl Kraus - die Krankheit sind, für deren Therapie sie sich halten.

 

   Ein gutes Bildungssystem benötigt …

 

   Vielfalt: Jedes Kind ist eine eigene Persönlichkeit mit unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten. Diese gilt es zur vollen Entfaltung zu bringen, was nur durch möglichst vielfältige schulische Angebote gelingen kann. Oder glaubt jemand ernsthaft, David Alaba und ich würden beide davon profitieren, wenn wir gemeinsam Fußball trainieren?

 

   Wertschätzung: Pädagogische Arbeit kann wunderschön, aber auch extrem belastend sein. Hören wir endlich mit dem permanenten Lehrer-Bashing auf!

 

  Unterstützung: Ich fordere in aller Bescheidenheit zumindest türkische Rahmenbedingungen. Denn unseren Schulen steht so wenig Unterstützungspersonal zur Verfügung wie nirgendwo sonst in der OECD. Österreich liegt weit abgeschlagen hinter der Türkei an letzter Stelle.

 

   Vertrauen: "Meine" Lehrer sind hervorragend ausgebildet. Sie sind Fachleute der Praxis - die Einzigen, die die Bezeichnung "Experten" wirklich verdienen. Lassen wir sie in Ruhe arbeiten, und vertrauen wir ihrer Expertise! Oder käme jemand auf die Idee, dem Chirurgen vor dem Eingriff zu erklären, was er zu tun hat?

 

   HR.Mag. Hans ADAM, Direktor eines Bundesoberstufenrealgymnasiums in Graz

 

 

"Kronen Zeitung" vom 03.09.2014                           Seite: 30/31

Ressort: Reportage

 

Wi, Abend, Sbg, Ti, Ktn, O.Ö., Stmk, Bgld, Wi Mitte, Wi Nord, Wi Süd, Wi West, N.Ö., Vbg, Wi, Morgen

 

Gewalt und Mobbing sind Alltag an vielen Schulen. Brauchen wir mehr Disziplin? Eine Pflichtschullehrerin, die sich Auszeit genommen hat, erzählt aus ihrem Alltag.

 

Teil 3

 

"Du brauchst Nerven wie Drahtseile"

 

   Andrea Sikorski war 26 Jahre lang Lehrerin in der Wiener Großfeldsiedlung. Sie hat alles erlebt

 

   Schwierige, pubertierende Kinder, verzweifelte und verärgerte Eltern, Raufereien, wo sie dazwischengehen musste - Andrea Sikorski (54) war mehr als zwei Jahrzehnte lang Pflichtschullehrerin in der Wiener Großfeldsiedlung. Jetzt hat sie sich eine unbezahlte Auszeit genommen. "Du brauchst Nerven wie Drahtseile", sagt sie über ihren Job.

 

   In den letzten beiden Schuljahren hat Sikorski sechs Nationen unterrichtet, einige sprachen noch schlecht Deutsch, ein guter Teil der Kinder war "verhaltensoriginell". Was das genau bedeutet? Sikorski sagt es diplomatisch: "Jedes Kind bringt seine Geschichte mit. Bis es zur Wissensvermittlung kommen kann, braucht es eine sehr lange soziale Arbeitsphase. Da bist du als Lehrerin Zuhörende, Beratende, eine, die neue Blickwinkel in die Kinderköpfe zaubern muss" Da treffen Kinder, die kaum Deutsch sprechen, auf Kinder, die unterfordert sind. "In erster Linie müssen sie lernen, gemeinsam auszukommen", so die Pädagogin. "Kinder, die verlacht und gehänselt werden, brauchen den Lehrer als kompetenten Vermittler."

 

   Gewalt und Mobbing nehmen zu - laut Studien erlebt jeder Vierte Gewalt in der Schule. Manchmal richtet sich diese Gewalt sogar gegen Lehrer. "Im Vergleich zu anderen Ländern jedoch nur selten", sagt Sikorski. "Mir ist in all den Jahren nichts passiert. Nur einmal hat mir ein Schüler nach dem Schwimmunterricht meinen Fahrradreifen aufgestochen."

 

   Wie sie die Probleme an den Schulen lösen würde? Die Antwort ist ehrlich, wenn auch subjektiv aus der Sicht einer Hauptschullehrerin: "Ich würde die ,Zügel‘ anziehen. Viel mehr Wert auf Pünktlichkeit, Höflichkeit, Ausdrucksweise und Umgangsformen legen, den Willen zur Leistungsbereitschaft mit aller Konsequenz einfordern. Die Wochenstundenanzahl würde ich zugunsten Sport, Werken, Kochen und Musizieren erhöhen. Das Sitzenbleiben würde ich abschaffen, außer es gibt gesundheitliche Gründe dafür. Das Kind bekommt eine neue Chance und spürt gleichzeitig, dass "lernen dürfen" ein Gut ist, das auf dieser Welt nicht selbstverständlich ist."

 

   Hofrat Dr. Ewald Moser war 38 Jahre lang Schulpsychologe in der Stadt Salzburg - seit Allerheiligen 2013 ist er in Pension. "Gewalt und Mobbing sind heute an Schulen eigentlich normal. Die Frage ist, wie man damit umgeht." Angemessen und rechtzeitig zu reagieren sei unumgänglich. "Sobald Gewalt auftritt, muss die Schule handeln."

 

   Woher kommt die Gewalt? "Aggressionen gehen oft mit Angst einher", so der Experte, "so wie hinter Gewalt oft Trauer steckt. Es sieht so aus, als seien die Probleme ein Ausdruck des Zustandes der gesamten Gesellschaft. Der Druck auf alle wird immer grö-

 

   ßer Gerade depressive, verstimmte und ängstliche Kinder reagieren oft mit Gewalt." Mosers jüngste "Patientin" war gerade einmal 6 Jahre alt. Und: Die meisten der gewalttätigen Kinder und Jugendlichen erleben selbst Gewalt.

 

   Das Zauberwort heißt für den langgedienten Schulpsychologen "Respekt". "Der muss aber von allen gelebt werden" - oder wie ein User auf krone.at/schule schreibt: "Niemand braucht sich Beleidigungen oder Beschimpfungen gefallen lassen. Weder der Lehrer noch der Schüler."

 

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"Kronen Zeitung" vom 03.09.2014                           Seite: 30

Ressort: Reportage

 

Wi, Abend, Sbg, Ti, Ktn, O.Ö., Stmk, Bgld, Wi Mitte, Wi Nord, Wi Süd, Wi West, N.Ö., Vbg, Wi, Morgen

 

Mut zur Leistung

 

   Wer das Leistungsprinzip in der Schule untergräbt, setzt eines der wichtigsten demokratischen Prinzipien außer Kraft: In unfreien Gesellschaften entscheiden Abstammung, Gesinnung, Geschlecht etc. über den Platz auf der sozialen Leiter. Freie Gesellschaften haben an ihre Stelle das Kriterium Leistung gesetzt - einer der revolutionärsten Fortschritte der Aufklärung und zugleich die größte Chance zur Emanzipation für jeden Einzelnen.

 

   Fast 30 Prozent der Staatseinnahmen entstammen der Lohnsteuer unselbständig Erwerbstätiger. Mehr als 40 Prozent von ihnen bezogen 2012 brutto weniger als 20.000 Euro. Die meisten dieser Personen mussten daher keinerlei Lohnsteuer bezahlen. Die Besserverdienenden finanzieren die Sozialleistungen, auf die in Not geratene Menschen angewiesen sind. Das Leistungsprinzip ist kein Ersatz für das ethisch gebotene Sozialprinzip, sondern dessen auf Dauer unverzichtbare Basis.

 

   Ich setze mich für eine Bildungspolitik ein, die die Unterschiedlichkeit der Menschen akzeptiert, die einsieht, dass Unterschiede und Vielfalt Bereicherung bedeuten.

 

   Nur eine Bildungspolitik, die sich am Leistungsprinzip orientiert, gibt der Jugend - unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund - bestmögliche Chancen auf den Lebensweg mit. Wer es aber jungen Menschen allzu leicht macht, sich Mühen und Anstrengungen zu entziehen, lässt sie morgen schlecht gerüstet in den globalen Wettbewerb ziehen.

 

   Eckehard Quin, Vorsitzender der AHS-Gewerkschaft

 

 

"Kronen Zeitung" vom 02.09.2014                           Seite: 30,31

Ressort: Reportage

 

Sbg, Stmk, O.Ö., Ti, Bgld, Ktn, Wi, N.Ö., Wi, Morgen

 

Lehrern vertrauen wir das Wichtigste an, das es gibt:unsere Kinder. Was sie und die Eltern sich vonden Pädagogen wünschen, hat die "Krone" abgefragt.

 

Teil 2

 

Der wichtigste Job der Welt

 

   Ich bin Wissensvermittlerin, Erzieherin, Feindbild, Freundin, Elternersatz, Psychologin, Streitschlichterin, Organisationstalent, Ansprechperson für Eltern und sogar Buchhalterin." So beschreibt die 31-jährige Ulla Mastny die vielen Rollen, in die sie als Pädagogin täglich schlüpft. Die Biologie- und Sportlehrerin am Wiener Gymnasium Billrothstraße ist eine von rund 124.000 Lehrkräften, die in Österreich den "wichtigsten Job der Welt" machen - sie begleiten unsere Kinder ein Stück weit ins Leben. Ihr Motto für den Schulalltag: "Wenn ich einmal pro Stunde gelacht habe, dann war mein Unterricht erfolgreich."

 

   Doch Wissensvermittlung ist nur eine von ganz vielen Anforderungen, die heute an die Lehrer gestellt werden. Immer mehr Eltern delegieren Erziehungsarbeit an die Schulen. Und hängen den Lehrern damit die Probleme um. Im Sportunterricht, erzählt Ulla Mastny, falle ihr schon sehr früh - vielleicht noch vor den Eltern - auf, wenn mit Kindern etwas nicht in Ordnung sei. "Wenn ein Mädchen plötzlich dünn geworden ist, wenn Kinder sich anders verhalten oder blaue Flecken haben, dann schlage ich Alarm." Dann spricht die engagierte Pädagogin das Kind darauf an und sucht den Kontakt mit den Eltern. "Man ist so vieles in einem", meint sie. 1800 Euro verdient Ulla Mastny netto; 100 Euro Zulage für den Klassenvorstand. 20 "Werteinheiten" verbringt sie pro Woche an der Schule.

 

   An diesen 50-Minuten-Takt ist in Österreich noch immer das Lehrergehalt gekoppelt. Anwesenheit von 8 bis 16 Uhr, wie von vielen Bildungsexperten seit Jahren gefordert, wäre für Ulla Mastny okay. "Aber dann hätte ich gerne auch einen Arbeitsplatz." Ihr jetziges "Büro" ist 50 mal 50 Centimeter groß - ein Fleckerl Tischfläche im Konferenzzimmer… Von einem Computer kann sie nur träumen.

 

   Motivation zahlt sich für die Lehrer nicht aus

 

   Wie viel ist dem Staat der Lehrerberuf wert? Volksschullehrer starten mit 2068 Euro, Pädagogen an höheren Schulen mit 2268 Euro brutto - je nach Schulgröße und Dienstalter gibt's Zulagen. Ein neues Gehaltsschema mit höheren Anfangs- und niedrigeren Endbezügen ist laut "Dienst- und Besoldungsrecht für neu eintretende Lehrerinnnen" aber beschlossen. Netto bleiben da 1500 Euro (plus Zulagen).

 

   Dafür darf in Österreich jeder Lehrer werden - erst ab dem Wintersemester gibt es ein verpflichtendes Aufnahmeverfahren für das Lehramtsstudium. Und: Das Gehaltssystem ist nicht leistungsorientiert. Motivation zahlt sich für Pädagogen also nicht aus. Lehrer können auch - egal, wie schlecht oder ausgebrannt sie sein mögen - in Österreich nur sehr schwer versetzt, geschweige denn gekündigt werden.

 

   Ein erster Schritt Richtung Schulautonomie ist der Politik jetzt immerhin gelungen: "get your teacher" heißt ein Online-Tool, mit dem Schuldirektoren Einblick in die Bewerbungen von jungen Lehrern und somit ein gewisses Mitspracherecht bei der Frage bekommen, wer an ihrer Schule unterrichten soll.

 

   Und wie wünschen sich Kinder und Eltern ihre Lehrer? Die "Krone" hat in einer österreichweiten Umfrage 300 Schüler und 300 Eltern interviewt (siehe Grafik links unten). Schülern ist demnach die fachliche Kompetenz, also wie gut Lehrer Wissen und Stoff vermitteln können, am wichtigsten. Abweichend die Meinung der Eltern: Sie sehen Empathie als Haupteigenschaft eines guten Pädagogen. Schon an zweiter Stelle steht (für 26 Prozent der befragten Schüler) der Kernsatz: "Der Lehrer soll die Kinder mögen!" Ulla Mastny, die am Montag in ihr siebtes Schuljahr startete, hört das gern. Auf die Frage, was eine gute Lehrerin ausmacht, nennt sie als erstes: "Liebe zu den jungen Menschen, Verständnis, Geduld und eine große Portion Gelassenheit. Ich sag oft zu meinen Schülern: Ich seh euch öfter als meine Freunde… Man baut eine Beziehung auf."

 

   Sie sei sich immer mehr bewusst, welche Verantwortung sie habe, welchen Einfluss Lehrer auf den Lebensweg ihrer Schüler haben können. "Auch ich lerne in der Schule sehr viel, jeden Tag."

 

   Mehr Bezug zur Praxis hätte sie sich bei ihrer Ausbildung gewünscht, zum Beispiel, was Gruppendynamik oder Konfliktmanagement betrifft. Denn ohne Disziplin und Regeln kann Unterricht nicht gelingen. Ulla Mastny: "Mir ist es wichtig, auch Grenzen zu setzen und konsequent zu sein. Aber man soll versöhnlich bleiben, dem Kind nicht das Gefühl geben, dass man es nicht mehr mag. Wie sehr man sich auch ärgert."

 

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"Kronen Zeitung" vom 02.09.2014                           Seite: 30

Ressort: Reportage

 

Wi, Abend, Sbg, Stmk, O.Ö., Ti, Bgld, Ktn, Wi, N.Ö., Vbg, Wi, Morgen

 

Die wahren Versager

 

   Die Schule ist Spielball der Politik. Ständig wird versucht, das Rad neu zu erfinden (Neue Grundschule, Neue Mittelschule, Projektunterricht), um im nächsten Wahlkampf etwas vorweisen zu können. Funktioniert die Sache nicht, sind die Lehrer schuld. Dabei wäre langfristige Planungssicherheit wichtig und nicht Ratschläge selbst ernannter Bildungsexperten. Von Medien (ORF) und Politik wird immer wieder eine Hetzkampagne gestartet. Die wahren Versager sind die Politiker, und sie tun alles, um die Schuld von sich zu weisen - also müssen die Lehrer herhalten.

 

   Vom täglichen Kampf gegen lernunwillige Kinder und politisch fanatische Direktoren, die Parteilinie fahren, koste es, was es wolle, ahnt kaum jemand etwas. Ein Mindestmaß an Zivilisiertheit der Kinder wird als Mitgift des Elternhauses nicht mehr erwartet. Das Verhalten der Kinder erklärt sich allein aus dem Unterricht der Lehrpersonen. Viele Kinder leiden aber an Erziehungsdefiziten, Konzentrationsschwächen und Verhaltensauffälligkeiten. Psychologen, Soziologen, Familientherapeuten fehlen.

 

   Politische Ziele müssen durchgepresst werden, und so wird in Wien die Ganztagsschule trotz Platz- und Personalmangel durchgezogen, egal, wie es den Kindern geht, die 8 Stunden in engen Räumen verbringen. Nein, um die Kinder geht es nicht, sondern darum, im Wahlkampf zu punkten - mit der Bildung natürlich! Wo sonst?

 

   Elisabeth Rubig,

 

   Volksschullehrerin

 

 

"Kronen Zeitung" vom 01.09.2014                           Seite: 18,19

Ressort: Lokal

 

Wi, Abend, Bgld, Wi, N.Ö., Sbg, Ti, Vbg, Wi, O.Ö., Stmk, Ktn, Morgen

 

460.000 Kinder im Osten des Landes starten heute voll Erwartung in die Schule. Doch was passiert danach? Werden Talente Opfer des Systems?

 

Teil 1

 

Jedes Kind verdient einen Einser

 

   Erster Schultag, irgendwo in Wien, Niederösterreich oder im Burgenland. 30 Kinder betreten die Klasse. Auf ihren Plätzen liegen weiße Blätter, darauf steht jeweils nur eine Ziffer. Ein großer, roter Einser. Das ist die Note, die sie von ihrem Lehrer bekommen, noch bevor sie überhaupt etwas getan haben. Verrückt?

 

   Nein, ein Experiment, das am Forschungszentrum der Royal Society in London (RSA) erarbeitet wurde, umgelegt auf Österreich. Motto: Jedes Kind verdient einen Einser. Aber es soll in der Schule alles dafür tun, um die Bestnote auch behalten zu können."

 

   "Schüler richtig motivieren", lautete der Titel der Studie, die neue Unterrichtsmethoden für Lehrer entwickelt hat. Das Experiment mit dem Einser ist nur eine davon. Fazit: Lehrer, die den Fokus auf die Stärken der Kinder legen, ernten Begeisterung, Freude und Leistung. Lehrer, die den Fokus auf die Schwächen richten, demotivieren die Kinder. Diese schöpfen in der Folge ihr Potential vielleicht nie mehr aus.

 

   "Kinder sind von Natur her neugierig, leistungs- und lernbereit", erklärt der Lehrer Daniel Landau - er ist Sprecher der ersten österreichischen Bildungs-Bewegung "jedesK!ND", die Ende September vorgestellt wird. "Jedes einzelne Kind hat ein ganzes Bündel an Talenten und Stärken und das Recht, diese zu entwickeln. Darauf sollte sich unser Bildungssystem konzentrieren und nicht auf das Aufdecken von Defiziten." Landaus Vision: "Ein Schulsystem, das diese Genialitäten der Natur für jedes Kind erhalten kann, das wär's!"

 

   Auch Hannes Androsch, Initiator des Bildungsvolksbegehrens, sagt: "Talente sind unser wichtigster Rohstoff." Der Genetiker und Buchautor Markus Hengstschläger ("Die Durchschnittsfalle") weist auf die große Verantwortung hin, die Lehrern gerade bei Volksschulkindern zukommt: "Ein früh entdecktes Talent hat die Chance, genügend Zeit zu haben zu üben, üben, üben, um daraus eine Spitzenleistung zu machen."

 

   Warum kommt Freude und Leistung in unserem Schulsystem dann systematisch zu kurz? Ein Hauptgrund: Die Lehrer von heute sind mit zum Teil unmenschlichen Anforderungen konfrontiert. Neben ihrem akademischen Auftrag gleichen sie Erziehungsdefizite aus, müssen mit Mobbing und Gewalt im Klassenzimmer zurechtkommen. Aufgaben, für die sie ungenügend vorbereitet werden.

 

   MORGEN LESEN SIE: Der

 

   wichtigste Job der Welt und wie eine Volksschullehrerin die Bildungspolitik beurteilt

 

 

APA0350 5 CI 0181 XI                                  Mi, 03.Sep 2014

 

Schule/Sachbücher/Österreich

 

Schulbücher werden mit diesem Schuljahr individualisierbar

 

Utl.: Lehrer können (Teil-)Kapitel ausblenden oder hinzufügen - Ab

      15 Stück pro Klasse bestellbar - Projekt von Canon, Morawa,

      Bildungsverlag Lemberger und Österreichischem Bildungsverlag =

 

   Wien (APA) - Lehrer können mit diesem Schuljahr bei Schulbüchern (Teil-)Kapitel ausblenden oder eigene Inhalte hinzufügen und damit die Schülerunterlagen individualisieren. Das Projekt von Morawa, Canon, dem Bildungsverlag Lemberger und dem Österreichischen Bildungsverlag (ÖBV) wurde am Mittwoch in Wien vorgestellt.

 

   Der Bedarf ist laut einer vom ÖBV in Auftrag gegebenen Befragung unter rund 2.000 Lehrerinnen und Lehrern da: Demnach verwenden 92 Prozent der Lehrer zusätzlich zu Schulbüchern noch eigene Materialien und mehr als acht von zehn Lehrern wollen mehr in die Schulbucherstellung eingreifen.

 

   Im individuellen Schulbuch können zusätzliche Seiten, die auf dem gültigen Lehrplan basieren, eingefügt werden und so das Niveau von leicht bis schwierig differenziert werden. Weiterer Vorteil laut Michael Lemberger, CEO des gleichnamigen Verlags: Das Kopieren von Extrablättern, die meist früher oder später von den Schülern verlegt werden, falle weg. Ab 15 Exemplaren pro Klasse können die individualisierten Bücher über die Homepage der Verlage bei myMorawa bestellt werden, die Lieferzeit soll zwei bis drei Tage betragen.

 

(Schluss) jle/hai

 

APA0350    2014-09-03/14:05

 

031405 Sep 14

 

 

"Die Presse" vom 03.09.2014                               Seite: 10

Ressort: Chronik

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Lehrer machen Imagewerbung auf Kopierpapier

 

   Eine Million Blatt Papier ging an heimische Gymnasien.

 

   Wien. "In Österreich warten wir LehrerInnen vergeblich auf gebührende Anerkennung unserer Arbeit durch den Dienstgeber. Wir müssen daher die Imagewerbung selbst in die Hand nehmen." Diese Worte richtet AHS-Lehrergewerkschafter Eckehard Quin in einem Rundschreiben an die Lehrer und kündigt zugleich eine neue Aktion an.

 

   In den vergangen Tagen und Wochen wurde österreichweit insgesamt eine Million Blatt Kopierpapier an die heimischen Gymnasien verschickt, rund fünf Blatt Papier pro Schüler. Es handelt sich dabei aber nicht um normales, weißes Papier, sondern eigentlich um Werbung.

 

   Beliebter als Politiker

 

   Denn auf der Rückseite des Papiers ist ein bunter Aufdruck (siehe Bild unten). Darauf sind eine Lehrerin und der Rücken einer Schülerin zu sehen, dazu der Slogan: "Begabungen erkennen, Begeisterung wecken. Wir nehmen uns Zeit dafür." Die Idee der Gewerkschaft: Die Lehrer sollten das Kopierpapier für Informationsschreiben an die Eltern verwenden. Auf den unbedruckten Seiten könnten etwa Terminlisten oder Sprechstundenlisten abgedruckt werden, so der Hinweis der Lehrervertreter.

 

   Ziel dieser Aktion ist, das Lehrerimage zu verbessern. Wobei die Lehrergewerkschafter in ihrem Rundschreiben darauf hinweisen, dass die Pädagogen ohnehin schon bisher deutlich beliebter seien als Politiker.

 

   ( GÖD ) (j. n.)

 

 

"Die Presse" vom 03.09.2014                               Seite: 10

Ressort: Chronik

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Neue Schulfächer: Glück statt Latein?

 

   Fächerkanon. Zu Schulstart werden die Rufe nach neuen Gegenständen wieder lauter, von Glück bis Ernährung. Was in der Schule unterrichtet werden soll und worauf man verzichten könnte.

 

   von Rosa schmidt-Vierthaler und Bernadette Bayrhammer

 

   Glück, Ernährung, Ethik und immer wieder Wirtschaftsunterricht für alle: Gegen Schulstart tauchen Forderungen nach neuen Schulfächern wieder gehäuft auf. Und die Liste der Gegenstände, die (nach Meinung von Experten, Betroffenen oder Interessensvertretern) unbedingt in den Lehrplan gehören, ist lang.

 

   Gleichzeitig ist der zumindest in den Gymnasien in den Grundzügen seit der Zeit Maria Theresias bestehende "ausufernde" Fächerkanon vielen schon jetzt ein Dorn im Auge. Er gehöre entrümpelt, gestrafft, überarbeitet. Bleibt die Frage: Welche Gegenstände sollten in der Schule mehr Platz bekommen? Welche wackeln? Und welche haben Chancen, tatsächlich unterrichtet zu werden? "Die Presse" hat sich die Debatten angesehen.

 

   1 Die Herausforderer: Von Wirtschaft über Politik und Ethik bis Glück

 

   Wirtschaft steht an erster Stelle jener Fächer, für deren Einführung immer wieder geworben wird. Für Experten ist die Kombination mit Geografie an den Gymnasien eine Fehlkonstruktion. In vielen anderen Ländern sei ein eigenes Fach Standard. Unterton: kein Wunder, dass heimische Schüler wenig Ahnung von Wirtschaft und Finanzen hätten. Ebenso vorne dabei: Politische Bildung. Auch das ist derzeit an den meisten Schulen mit anderen Unterrichtsgegenständen gepaart. Nicht nur die Schüler drängen auf eine Reform: Auch im Unterrichtsausschuss war das bereits Thema. Berufsorientierung als eigenes Fach fordert die Wirtschaft, Studienorientierung forderten vor einiger Zeit die Studentenvertreter.

 

   Bei der Frage des Kanons wollen jedenfalls viele mitreden: Immer wieder Thema ist Ernährung, wie von Medizinern gerade gefordert wurde. "Internet" als eigenes Fach forderten EU-Experten im Frühjahr. Über Ethik als Pflichtfach - wie es sich die SPÖ wünscht - wird seit Langem heftig diskutiert. Derzeit ist Ethik an rund 200 Standorten als Ersatzpflichtgegenstand für Schüler verankert, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben. Und das Fach Glück ist schon an mehr als 100 Schulen Realität.

 

   2 Auf der Überholspur: Turnen und Naturwissenschaften

 

   Der Turnunterricht hat spätestens seit den Olympischen Spielen und der davon angestoßenen Debatte an Rückenwind gewonnen. Rund 150.000 Menschen unterschrieben für die sogenannte tägliche Turnstunde, die Idee ist sogar im Regierungsprogramm verankert: als tägliche Bewegungseinheit. Denn eine eigene tägliche Unterrichtsstunde muss es auch nach Ansicht des Unterrichtsressorts nicht unbedingt sein: Die Bewegungseinheit könne auch in der Pause stattfinden.

 

   Auch ein Dauerbrenner, besonders wenn es um die zukünftigen Jobaussichten geht: die Naturwissenschaften. Hier geht es nicht alleine um mehr Stunden, sondern auch um die Neugestaltung - etwa die Zusammenlegung von Biologie, Chemie und Physik zu "Science".

 

   3 Die Wackelkandidaten: Latein, Französisch?

 

   Direkt die Abschaffung einzelner Fächer zu fordern, traut sich kaum jemand. Dennoch kommt rasch Latein ins Spiel, wenn es um eine Reform des Fächerkanons geht. Seit den 1960ern wurde die Sprache immer wieder in Frage gestellt. Dass Latein trotzdem seinen Platz hat, ist dem Bildungsbürgertum zu verdanken, das den praktischen Nutzen nicht als wichtigstes Kriterium für seinen Wert sehen will. Inzwischen gibt es auch wieder einen Anstieg: Während 2001 nur 53.000 Schüler Latein belegten, waren es zehn Jahre später 63.000.

 

   Bei Französisch geht die Debatte in eine ähnliche Richtung. Laut einer Umfrage aus 2011 räumen die Österreicher neben Englisch Russisch einen hohen Stellenwert ein. Französisch folgt erst weiter hinten (44 Prozent). Besonders in berufsbildenden Schulen lernen immer weniger Jugendliche Französisch.

 

   Der Religionsunterricht wiederum steht zwar faktisch nicht infrage. Doch zumindest indirekt gerät Religion durch die Forderungen nach einem verpflichtenden Ethikunterricht unter Druck: Den Befürwortern wird vorgeworfen, eigentlich ein Aus für das Fach anzustreben. Erst gestern warb der Grazer Bischof Egon Kapellari übrigens für den Religionsunterricht: Er fördere ein konfliktfreies Miteinander.

 

 

"Die Presse" vom 04.09.2014                                Seite: 6

Ressort: Inland

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Rechnungshof fordert weitere Schließungen von Kleinschulen

 

   Reform. Mehr als 300 Volksschulen in Oberösterreich und in der Steiermark haben weniger als vier Klassen. Der Rechnungshof sieht dringenden Handlungsbedarf.

 

   Wien. In Oberösterreich und der Steiermark gibt es nach wie vor zu viele Kleinschulen. Das kritisiert der Rechnungshof in einem aktuellen Bericht, für den er die beiden Bundesländer untersuchte. Im Schuljahr 2012/13 hatten 39 Prozent der steirischen Volksschulen weniger als vier Klassen, das sind 182 Schulen. In Oberösterreich waren es 29 Prozent (155 Schulen). Im Bereich der Volksschulen sei daher "dringender Handlungsbedarf gegeben", so der Rechnungshof.

 

   In 43 steirischen Volksschulen gab es weniger als 25 Schüler, in elf davon weniger als 15 und davon wiederum in vier Schulen weniger als zehn Kinder. In Oberösterreich wurden 22 Volksschulen von weniger als 25 Kindern besucht und vier von weniger als 15 Schülern. Das Problem an der kleinteiligen Struktur bei den Schulen ist auch ein finanzielles: Es braucht dafür nämlich vergleichsweise mehr Lehrer.

 

   Zwar wurden in den vergangenen sieben Jahren in der Steiermark bereits 61 Pflichtschulstandorte geschlossen - das sind neben Volksschulen auch Haupt- und Neue Mittelschulen, Sonderschulen und Polytechnische Schulen -, in Oberösterreich 24. Der Rechnungshof kritisiert aber, dass neben bestehenden Überlegungen zur Optimierung der Standorte ein konkreter Zeitplan fehle.

 

   Pflicht zur Auflassung kleiner Schulen

 

   Ein Problem ist hier nicht nur, dass das Zusperren von Schulen für die Bevölkerung ein sensibler Punkt ist. Es müssen auch alle möglichen Ebenen einbezogen werden, die jeweils unterschiedliche Interessen verfolgen, wie der Rechnungshof kritisiert: Es braucht eine Entscheidung der Gemeinde, eine Anhörung des Landesschulrats, die Bewilligung der Landesregierung: Alles in allem sei das einmal mehr ein Beleg für "den dringenden Reformbedarf der österreichischen Schulverwaltung".

 

   Der Rechnungshof fordert daher, dass Schulen in Zukunft fix aufgelassen werden müssen, wenn sie eine gewisse Schülerzahl unterschreiten. Die betreffende Anzahl sei nach einer Evaluierung festzulegen. Derzeit gibt es zwar Mindestschülerzahlen - oft hat das aber keine Konsequenzen. So gab es zum Zeitpunkt der Prüfung in Oberösterreich 313 Volksschulen sowie 34 Haupt- oder Neue Mittelschulen, die weniger als die Mindestzahl von 100 bzw. 120 Schülern hatten. In der Steiermark, wo andere Mindestschülerzahlen gelten (30 bzw. 200 Schüler), hatten 62 Volksschulen sowie 115 Haupt-und Neue Mittelschulen eigentlich zu wenige Kinder.

 

   Sprengel sollten überdacht werden

 

   Verbesserungsbedarf orten die Prüfer auch bei den Schulsprengeln: So könnten Kinder Schulen eines anderen Sprengels erst nach einem aufwändigen Verfahren unter Einbeziehung von beiden Schulen, Bürgermeister und Bezirksschulverwaltung besuchen. Zusätzlich muss die Heimatgemeinde der anderen einen "Gastschulbeitrag" zahlen. Die Folge: Viele Gemeinden stehen einem Wechsel ihrer Schüler in einen anderen Sprengel "reserviert gegenüber".

 

   In der Steiermark besuchen sechs Prozent der Schüler eine sprengelfremde Schule, in Oberösterreich wird keine Statistik darüber geführt. Vom Bildungsministerium fordert der Rechnungshof jedenfalls, die Vor- und Nachteile von Schulsprengeln zu erheben und gegebenenfalls einen Reformprozess in die Wege zu leiten. (red./APA)

 

 

"Österreich" vom 05.09.2014                                   Seite 4

Ressort: Politik

 

Wien, Niederösterreich, Burgenland

 

»Schul-Papst« Andreas Salcher

 

Neue Bildungs-Task-Force kommt

 

Verfechter von Ganztags-Schule wird ÖVP-Berater

 

Seine Bestellung ist ein erster Tabubruch. Salcher wird Berater von VP-Chef Mitterlehner.

 

Wien. In Bildungsfragen trennten Andreas Salcher bisher Welten von der ÖVP. Doch jetzt wird der Anhänger der Ganztagsschule und Gegner früher Selektion Bildungsberater des neuen ÖVP-Chefs Reinhold Mitterlehner. Das kündigte dieser im ÖSTERREICH-Interview an. Mitterlehner will eine richtige Bildungs-Task-Force um sich scharen. So wäre auch Genetiker Markus Hengstschläger bereit, mitzuarbeiten. Damit stehen die Zeichen auf Reform. Schon bei der Regierungsklausur am 26. und 27. September sollen erste Ergebnisse präsentiert werden.

 

An diesen Bildungstabus der ÖVP rüttelt Mitterlehner-Berater Salcher:

 

1. Ganztagsschule ohne Hausübung muss kommen

 

Für Salcher muss die ganztägige Schulform f lächendeckend kommen. Seine Vorstellung ist ein Wechsel von Lern-und Erholungsphasen mit genug Bewegung für die Schüler. Um 16 Uhr ist Schluss, Hausübung gibt es keine.

 

2. Abschaffung der 50-Minuten-Stunde

 

Die Schulstunde von 50 Minuten stehe im "Widerspruch zur individuellen Talente-Förderung". Daher soll sie abgeschafft werden.

 

3. Lehrer sollen entlassen werden können

 

Salcher tritt für eine echte Schulautonomie ein. Direktoren sollen sich Lehrer aussuchen können. Wenn etwas nicht funktioniert, sollen sie auch entlassen werden können. Für die VP-Lehrergewerkschaft ein rotes Tuch.

 

4. Keine Selektion der Schüler mit zehn Jahren

 

Das Thema Gesamtschule reißt die größten Ideologiegräben zwischen SPÖ und ÖVP auf. Deswegen hat es für Salcher auch "nicht erste Prioriät". Aber die frühe Trennung in AHS-und NMS-Schüler sei "falsch". (knd)

 

 

Salcher für Ganztagsschule.

 

Bildungsministerin Heinisch.

 

Andreas Salcher der Bildungsexperte berät Mitterlehner.

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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