Dienstag, 9. September 2014

2014.09.09: Newsletter Bildung

Morgenjournal, 9. September 2014

 

Bildungsgerechtigkeit: Frauen gegenüber Männern benachteiligt

Marlene Nowotny

Passend zum Beginn des neues Schuljahres präsentiert die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, heute eine neue Studie: "Bildung auf einen Blick 2014". Zu einem der wichtigsten Themen der Studie zählt seit Jahren die mangelnde Bildungsgerechtigkeit in Österreich.

Qualifikation abhängig vom familiären Hintergrund

Die jährlich wiederkehrenden Kritikpunkte der OECD sind keine Unbekannten, bestätigen Experten: Eine unterdurchschnittliche Akademikerquote, zu niedrige Schreib- und Lesekompetenzen bei Erwachsenen und überdurchschnittliche Lehrer-Gehälter bei geringer Unterrichtsverpflichtung. Auch in der aktuellen Ausgabe von "Bildung auf einen Blick", in der das Jahr 2012 untersucht wurde, ist nicht mit großen Veränderungen zu rechnen. Denn maßgebliche Bildungsreformen hat es in den letzten Jahren in Österreich keine gegeben. Und so wird auch in diesem Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit das Thema der mangelnden Bildungsgerechtigkeit zu den Kritikpunkten der OECD an Österreich zählen. Ein Thema, das auch von hiesigen Bildungsexpertinnen, wie der Vorsitzenden der Initiative "Bildung grenzenlos", Heidi Schrodt, als eines der dringlichsten Probleme gesehen wird. Ob Jugendliche, vor allem Mädchen, eine hohe Qualifikation erreichen oder nicht, hängt stark vom familiären Hintergrund ab. Laut Schrodt sei der Zusammenhang zwischen Qualifikationsniveau und familiärem Hintergund - außer in Deutschland - fast nirgends so groß wie in Österreich.

Höhere Bildungsinvestitionen kämen Staat billiger

Kinder, die aus einem sozioökonomisch schwachen und bildungsfernen Haushalt kommen und noch dazu eine andere Erstsprache als Deutsch haben, haben die geringsten Chancen auf Bildungserfolg. Ein Umstand, der den österreichischen Staat mehr Geld kostet, als Investitionen in die Ausbildung von Jugendlichen, ist Heidi Schrodt überzeugt. Denn Jugendliche, die im Sinn von Grundkompetenzen am Ende ihrer Schulpflicht nur schlecht oder gar nicht ausgebildet seien, kosten den Staat mehr Geld. Das Schulsystem müsse dafür sorgen, dass möglichst viele gut ausgebildet herauskommen, so die Bildungsexpertin.

Zwar liegt Österreich bei den Maturazahlen und Lehrabschlüssen traditionell über dem OECD-Schnitt, doch nur wenigen jungen Menschen gelingt es, einen höheren Schulabschluss als die eigenen Eltern zu erlangen. Ein Problem, von dem vor allem Frauen in Österreich betroffen sein dürften.

Die genauen Ergebnisse der Studie werden heute um 11.00 Uhr in Paris präsentiert.

 

 

Die Presse – 9. September 2014

 

Wien: Häupl blockiert FPÖ-Stadtschulrat

Die FPÖ kündigt zahlreiche Klagen an, nachdem Häupl die Ernennung des schlagenden Burschenschafters Maximilian Krauss zum Stadtschulratsvizepräsidenten verweigert hat.

Wien. Bürgermeister Michael Häupl hat entschieden. Und zwar so, wie es erwartet wurde: Maximilian Krauss (FPÖ) wird nicht Vizepräsident des Stadtschulrates. Häupl, der als Landeshauptmann gleichzeitig Präsident des Stadtschulrates ist, ernennt den 21-jährigen, schlagenden Burschenschafter nicht, der in der Vergangenheit mit seinen Aussagen für Aufsehen gesorgt hat.

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Nachdem es vor wenigen Tagen ein Vieraugengespräch zwischen Häupl und Krauss gab (Häupl begründete dieses Gespräch damit, dass er sich persönlich ein Bild von dem 21-Jährigen machen wolle), traf der Wiener Bürgermeister am Montag Wiens FP-Klubchef Johann Gudenus. In diesem Gespräch teilte Häupl dem FPÖ-Politiker mit, dass er Krauss nicht ernennen werde – die FPÖ solle einen anderen Kandidaten vorschlagen. Das verweigert die FPÖ allerdings.

Der Hintergrund: Der zweitstärksten Partei steht der Posten des Stadtschulratsvizepräsidenten zu, der völlig machtlos, aber mit 4500 Euro sehr gut bezahlt ist (siehe Infobox). Häupl muss den FPÖ-Kandidaten aber ernennen und den Rücktritt des amtierenden Vizepräsidenten Helmut Günther (FPÖ) annehmen. Beides verweigert Häupl. Heute, Dienstag, will Häupl die Gründe für seine Entscheidung öffentlich erklären.

Nun zeichnet sich ein Rechtsstreit ab. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache trat nur wenige Stunden nach Häupls Entscheidung mit Gudenus und Krauss vor die Medien und kündigte zahlreiche Klagen „gegen diese undemokratische, diskriminierende und willkürliche Vorgangsweise" an: „Für diesen Bruch der Stadtverfassung werden wir Häupl mit Klagen eindecken." Sobald der entsprechende Bescheid ausgestellt sei, würden mehrere rechtliche Schritte eingeleitet, so Strache. Er werde bei der Staatsanwaltschaft eine Anzeige gegen Häupl wegen Amtsmissbrauchs einreichen – weil sich der Bürgermeister weigert, den bisherigen Vizepräsidenten Helmut Günther trotz Rücktrittsschreibens abzuberufen, womit die Ernennung von Krauss blockiert sei, erklärte Strache. „Das ist Amtsmissbrauch. Man kann doch niemanden, der nicht mehr will, zwangsweise an eine Funktion fesseln." Helmut Günther werde deshalb zusätzlich das Arbeits- und Sozialgericht anrufen, um seine Ablöse durchzusetzen, so Strache.

Klage bei Antidiskriminierungsstelle

Gleichzeitig kündigte die FPÖ den Gang zum Verfassungsgerichtshof an, um die Ernennung von Krauss durchzusetzen. Die Rechtsmeinung der FPÖ: Häupl dürfe Krauss laut Gesetz nicht ablehnen, der Bürgermeister sei vielmehr verpflichtet, die FPÖ-Nominierung zu vollziehen. Wobei das der Verfassungsdienst der Stadt Wien völlig anders sieht, es unter Verfassungsrechtlern aber unterschiedliche Meinungen gibt. Und falls die FPÖ keinen Bescheid bekomme, um diesen anzufechten, dann komme die nächste Anzeige wegen Amtsmissbrauchs gegen Häupl, kündigte Strache an.

Aufhorchen ließ Strache mit einem weiteren Punkt: Die FPÖ bzw. Krauss wird die Antidiskriminierungsstelle einschalten und wegen Verstoßes gegen das Antidiskriminierungsgesetz klagen. Denn es könne nicht sein, dass Krauss wegen seiner Meinung und FPÖ-Zugehörigkeit nicht ernannt werde, so Strache, der auch ein Machtwort von Bildungministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) forderte. Krauss selbst zeigte sich betroffen, gab die Hoffnungen auf diesen Job allerdings noch nicht auf. Damit bleibt Helmut Günther trotz seines Rücktrittsansuchens im Amt, bis die strittigen Fragen von den Gerichten geklärt sind. Oder bis die FPÖ einen anderen Kandidaten ernennt, was dort aber ausgeschlossen wird. Damit ändert sich vorerst nichts, weil Häupl auf einem anderen FPÖ-Kandidaten besteht (in der SPÖ gibt es massiven Unmut über die FPÖ-Nominierung), die Grünen fordern nun sogar die Abschaffung des machtlosen Postens.

Hintergrund dieser Diskussion sind Aussagen von Krauss in dessen Vergangenheit. Er forderte die Kastration von Kinderschändern, was Häupl als „Wahnsinn, wir sind ja nicht mehr im Mittelalter" bezeichnet hatte. Auch wollte Krauss Schulklassen nur für Ausländer und forderte: „Türkisches Blut zurück in die Türkei".

AUF EINEN BLICK

Ein machtloses Amt. Der Vizepräsident des Stadtschulrates ist völlig machtlos, dafür exzellent bezahlt. Er vertritt nämlich nicht (wie der Name suggeriert) die amtsführende Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl. Er trifft keine Entscheidungen, hat bei Sitzungen kein Stimmrecht, darf nicht einmal repräsentative Aufgaben übernehmen. Er hat bei manchen Causen nur Akteneinsicht, also eine Kontrollfunktion, deren Wirkungskreis beschränkt ist. Der Vizepräsident des Stadtschulrates hat in der Praxis also einen eher entspannten Job, der mit rund 4500 Euro brutto im Monat entlohnt wird. Die Nominierung steht der zweitstärksten Fraktion im Gemeinderat zu, also der FPÖ. Falls der Vizepräsident ein zweites Einkommen bezieht, wird dessen Gehalt auf rund 3800 Euro brutto gekürzt.

 

Die Presse – 9. September 2014

 

Nicht genügend, setzen! Wie ein Kleinformat das Schuljahr sieht

Das Wehklagen von Journalisten über und ihre Kritik an der Schule ist gerade derzeit wieder endlos. Aber nicht immer sind die Lehrerinnen und Lehrer schuld.

Rechtzeitig zum Schulbeginn war die schlechte Nachricht da. Lauthals warnten kleinformatige Postillen vor einer besonderen Tücke, die das neue Schuljahr berge. Nein, nicht nur ein Engpass an Lehrerinnen und Lehrern, nicht mangelnde Deutschkenntnisse, nicht Lese- und Rechtschreibschwächen stünden uns bevor. Es drohe Schlimmeres, eine wahre Durststrecke für Kinder und Eltern tue sich auf. Die Hiobsbotschaft: Heuer fielen besonders viele Feiertage auf Sonntage! Das neue Schuljahr werde endlos lang. Schuld ist der Kalender.

Nun könnte man solche Meldungen als journalistische Belanglosigkeiten abtun. In Wirklichkeit aber enthüllen sie ein Bild von den verlotterten medialen Sitten unserer Bildungsdiskussion. Schlaglichtartig wird klar, vor welcher Quadratur des Kreises engagierte Pädagoginnen und Pädagogen stehen. Einerseits sollen sie mehr und Besseres leisten: die Studierfähigkeit erhöhen, gutes Benehmen üben und täglich turnen.

Darüber hinaus sollen sie in der Schule soziale Ungleichheiten unter den Kindern, die durch die Lage der Familien, den Arbeitsmarkt, die Migrationsbewegungen und die Wohnsituation entstanden sind, ausgleichen. Dafür aber sollen sie nicht mehr, sondern weniger Zeit brauchen. Ein Schuljahr ist ja nur dann fein, wenn es möglichst kurz ist. So viel zum Leistungsdenken mancher Journalisten, wenn es um Bildung geht.

Können wir uns vorstellen, dass dieselben Kleinformate in Wehklagen ausbrechen, weil in der neuen Bundesligasaison so viele Runden zu spielen sind? (Nebenbei: Ich halte eine gute Schule für allemal spannender als die österreichische Fußballmeisterschaft.) Können unsere Adler jammern, dass die Skisprungsaison bis ins Frühjahr dauert?

Vergießen die Sportreporter Krokodilstränen, weil die Tennisspieler so viele Turniere spielen müssen? In allen Sportarten wird mehr und intensiver trainiert. Das Schulwesen aber ist medial nur dann in Ordnung, wenn möglichst viele Unterrichtsstunden entfallen. Nicht Leistungsdenken macht sich hier breit, sondern eine kleingeistige Schlawinermentalität. Mit ihr wollen wir zur Weltspitze aufschließen.

Dabei könnte man von den Schülerinnen und Schülern so viel lernen. Viele von ihnen freuen sich auf die Schule: Sie sehen ihre Freundinnen und Freunde wieder, erwarten Projektwochen, Exkursionen und hoffentlich anregenden Unterricht. Für sie ist die Schule ein wertvoller sozialer Raum. Sie lernen, Konflikte zu bestehen, Kompromisse zu schließen (auch mit sich selbst) und Gemeinschaftsfähigkeit. Dort, wo sie auf Spaß und Freizeit verzichten müssen, öffnet sich auch die Chance auf sozialen Aufstieg durch Bildung. Alles das ist Schule, aber sie soll halt nur nicht zu lange dauern. Denn gut ist ein Schuljahr nur dann, wenn es möglichst kurz ist.

Seit Jahrzehnten wächst die Zahl der Pädagoginnen und Pädagogen, die nicht nur ihre Fächer unterrichten, sondern bereit sind, sich vielen kompensatorischen Aufgaben zu widmen. Sie sind Berufsberaterinnen und -berater, psychologisch ausgebildete Helferinnen, bringen Jugendliche von der Straße weg in ein erzieherisches Umfeld.

Sie verzichten auf manche Privilegien früherer Zeiten, sind bereit, Kinder auch an Nachmittagen zu betreuen. Der mediale Dank dafür sieht so aus, dass man in ihnen gleichsam die Schließ- und Kerkermeister von „Zwangstagsschulen" sieht. Denn: Kurz muss die Schule sein. Dürfen wir uns wundern, dass die Schulreformen nicht weiterkommen? Vor vielen Jahren charakterisierte der liberale französische Historiker Tocqueville den Stillstand seiner Zeit so: „Ich befürchte, dass die Menschen einen Punkt erreichen, wo sie jede neue Theorie als Gefahr ansehen, jede Neuerung als ärgerliche Anstrengung, jeden sozialen Fortschritt als ersten Schritt zur Revolution und dass sie sich vielleicht überhaupt nicht mehr bewegen wollen."

Das könnte auch eine Beschreibung der Bildungsdiskussion unserer Zeit sein.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang 2011 ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

 

 

KLZ – 9. September 2014

 

FPÖ droht mit Klage

Die Wiener FPÖ wird - nach der Ablehnung ihres Kandidaten Maximilian Krauss durch Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) - keinen neuen Vorschlag für das Amt des Stadtschulrats-Vizepräsidenten unterbreiten, sondern klagen. Parteichef Strache kritisiert die "eklatant undemokratische Vorgangsweise".

Die Frage, wer der nächste Vizepräsident im Wiener Stadtschulrat wird, wird die Kommunalpolitik noch länger beschäftigen: Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) hat am Montag der FPÖ erklärt, dass er ihren Kandidaten Maximilian Krauss nicht angeloben wird und um einen neuen Vorschlag ersucht. Den werden die Freiheitlichen aber nicht machen. Sie beharren auf Krauss und kündigten rechtliche Schritte an.

Dass Häupl den 21-jährigen schlagenden Burschenschafter, der bereits mit umstrittenen Aussagen für Aufmerksamkeit gesorgt hat, nicht ernennen wird, hat sich bereits in den vergangenen Wochen abgezeichnet. Heute erfolgte die Bestätigung: Nach einem Gespräch mit dem Wiener FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus gab das Häupl-Büro bekannt, dass der Kandidat definitiv abgelehnt wird.

Die FPÖ hat als zweitstärkste Fraktion im Gemeinderat zwar das Recht auf die Nominierung, die tatsächliche Berufung erfolgt jedoch durch den Bürgermeister bzw. Landeshauptmann. Häupl ersuchte die FPÖ, einen neuen Namen zu präsentieren. Bis dahin bleibt der amtierende FP-Stadtschulrats-Vize Helmut Günther auf seinem Posten - obwohl er bereits sein Rücktrittsgesuch eingereicht hat. Doch auch die Demissionierung muss von Häupl abgesegnet werden.

Krauss "durchaus betroffen"

Krauss gestand in einer eilig einberufenen Pressekonferenz, dass er von den Angriffen auf seine Person durchaus betroffen gewesen sei. Aufgeben will er jedoch nicht. Er hoffe, dass ihn Häupl angelobe. Die Freiheitlichen wollen dies mit einer Reihe von rechtlichen Maßnahmen erreichen.

FPÖ-Chef Heinz Christian Strache, der von einer "eklatant undemokratischen Vorgangsweise" des Bürgermeisters sprach, kündigte gleich mehrere Schritte an. Die FPÖ wartet nun laut eigenen Angaben vor allem auf einen Ablehnungsbescheid. Komme dieser nicht, begeht Häupl laut FPÖ Amtsmissbrauch - was die FPÖ zur Anzeige bringen will. Günther will zudem das Arbeits- und Sozialgericht anrufen. Außerdem wollen sich die Freiheitlichen an die Anti-Diskriminierungsstelle wenden, da Krauss wegen seiner freiheitlichen Weltanschauung abgelehnt worden sei, wie es hieß.

Eingeklagt wird auch Schadenersatz, eine Individualbeschwerde an den Verfassungsgerichtshof ist ebenfalls in Vorbereitung. Zudem hoffen die Freiheitlichen, dass sich das Bildungsministerium in der Causa zu Wort meldet.

Begrüßt wurde die Ablehnung von SOS Mitmensch sowie jenen Schülervertretern, die eine Demonstration gegen Krauss geplant hatten. Grüne und ÖVP regten unterdessen an, die Verwaltung zu verschlanken und die Position der Vizepräsidenten in den Landes- bzw. Stadtschulräten abzuschaffen. Sogar FP-Chef Strache hat laut eigenen Angaben wenig Einwände dagegen, diese einzusparen. Dafür sei jedoch ein bundesweiter Wurf nötig: "Man soll aber nicht dort anfangen, wo die Opposition betroffen ist."

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 208 vom 09.09.2014              Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

Wem die vielen Bildungsstudien eigentlich nützen

 

   Heute, Dienstag, präsentiert die OECD den internationalen Bildungsvergleich „Bildung auf einen Blick 2013".

 

   ALexandra Parragh Wien. Schon in den ersten Ausgaben des internationalen Bildungsvergleichs „Bildung auf einen Blick" in den 1990er-Jahren hat die OECD festgestellt, dass Österreich überdurchschnittlich viel Geld für sein Bildungssystem ausgibt, es aber nicht bei den Schülern ankommt. Und dass Lehrer in Österreich vergleichsweise viel verdienen, obwohl sie weniger Zeit in den Klassen stehen müssen. Ähnliche Kritik ist auch heute, Dienstag, zu erwarten, wenn die OECD die aktuellen Zahlen für das Jahr 2013 präsentiert.

 

   Franz Hofmann, Leiter der Abteilung Bildungswissenschaft, Schulforschung und Schulpraxis an der Universität Salzburg, ist wenig glücklich darüber. „Das Schuljahr hat eben erst begonnen. Schon bekommen die Lehrer wieder Kritik zu hören, wie wenig sie leisten und wie schlecht unser Schulsystem funktioniert", kritisiert er im SN-Gespräch. Bei all diesen Studien, wie auch dem PISA-Test oder den nationalen Bildungsstandards, werde übersehen, wer ihr Adressat sei: nicht die Lehrer, schon gar nicht die Schüler, sondern die Bildungspolitik. „Das sind Rückmeldungen an das Ministerium, damit es weiß, wo im Bildungssystem etwas getan werden muss", meint Hofmann.

 

   Er bezweifelt jedoch, dass Schulreformen, die von oben verordnet werden – wie etwa die Umwandlung der Hauptschulen in Neue Mittelschulen –, wirklich nachhaltig etwas verbessern können. Er verweist auf das Schulmodell in den Niederlanden, wo die Schulen sich selbst Leistungsziele setzen und ihr Personal und ihr Budget selbst verwalten. Dort bekomme auch nicht jede Schule gleich viel Budget und die Schule könnte selbst bestimmen, wann frontal, im Team oder individuell unterrichtet werde. „Das führt zu einer höheren Identifikation der Schüler und auch der Lehrer", so Hofmann.

 

   Die ewige Debatte über die Gesamtschule hält er für eine Themenverfehlung. „Viel wichtiger ist es, im Kindergarten anzusetzen", meint Hofmann, der die geplante Schuleingangsphase befürwortet.

 

   Hofmann gibt aber auch zu, dass nicht einmal er, der Bildungsforscher, den „Stein der Weisen", wie das heimische Bildungssystem am besten reformiert werden könne, bereits gefunden habe.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 208 vom 09.09.2014              Seite: 1

Ressort: Seite 1

 

Österreich

 

Sitzenbleiben wird abgelehnt und kostet viel

 

   Erste Schritte zur Abschaffung sind gesetzt. Doch Bildungsexperten ist das noch zu wenig.

 

   Wien. Die Mehrheit der Österreicher hält nicht mehr viel vom Sitzenbleiben. Der Salzburger Zukunftsforscher Reinhold Popp belegt das mit Umfragedaten des Instituts für Grundlagenforschung: Demnach erwarten 59 Prozent der Bevölkerung, dass spätestens 2033 kein Schulkind mehr eine Klasse wiederholen muss.

 

   Einen ersten Schritt in diese Richtung hat die Regierung mit der schrittweisen Einführung der sogenannten modularen Oberstufe bis zum Schuljahr 2017/18 schon gesetzt. An 70 Standorten ist bereits heute Realität, dass Schüler, die ein Fach nicht geschafft haben, nur dieses und nicht das ganze Schuljahr wiederholen müssen.

 

   Mario Steiner, Bildungsexperte vom Institut für Höhere Studien (IHS), stört aber, dass dieses Kurssystem erst ab der 10. Schulstufe greift. Sitzenbleiben ist für Steiner „überhaupt nicht mehr zeitgemäß und auch pädagogisch fragwürdig, wenn ein Schüler, der in einem Fach Schwächen hat, aus seinem Klassenverband herausgerissen wird".

 

   Nach aktuellen Schätzungen auf Basis der Daten in der Statistik Austria zahlt der Staat für die rund 34.000 Schüler, die eine Klasse wiederholen, mehr als 250 Mill. Euro jährlich. Zu ähnlichen Zahlen kam die Arbeiterkammer bereits 2009. Dabei rechnete man mit rund 300 Mill. Euro zusätzlichen Kosten für die Staatskasse pro Jahr. Darüber hinaus wurden die Mehrkosten für die Haushalte der Familien mit rund 600 Mill. Euro beziffert. Seite 10

 

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"Salzburger Nachrichten" Nr. 208 vom 09.09.2014             Seite: 10

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

Sitzenbleiben ist sehr teuer

 

   Klassenwiederholungen: 59 Prozent der Österreicher erwarten Abschaffung.

 

   In Österreich müssen in jedem Schuljahr rund 34.000 Kinder und Jugendliche eine Klasse wiederholen. Viele Studien belegen, dass das sogenannte Sitzenbleiben, also das Wiederholen eines ganzen Schuljahres wegen einiger negativ beurteilter Fächer, keineswegs sinn- und wirkungsvoll ist. Nur selten verbessern sich die Leistungsmotivation und die Lernleistungen nachhaltig. Meist führen Stress und Minderwertigkeitsgefühle zu einer lebenslang anhaltenden Angst vor der Teilnahme an Bildungsangeboten. Diese emotionale Bildungsblockade kann die berufliche Entwicklung hemmen. Denn zukünftig wird lebensbegleitendes Lernen immer wichtiger. Das Sitzenbleiben ist aber nicht nur pädagogisch fragwürdig, sondern auch viel zu teuer. Denn laut seriösen Schätzungen von Finanzexperten belastet der längere Verbleib in der Schule die Haushaltsbudgets der betroffenen Eltern mit rund 600 Millionen Euro pro Jahr. Dazu kommen noch mindestens 300 Millionen Euro pro Jahr, die die öffentliche Hand für Schulbücher, Schülerfreifahrt sowie für die Verlängerung der Familienbeihilfe und diverser Absetzbeträge investieren muss. Schwer berechenbar, aber dennoch vorhanden ist der durch einen verspäteten Einstieg in das Berufsleben verursachte Verdienstentgang. Klassenwiederholungen führen übrigens überdurchschnittlich häufig zum Schulabbruch, der wiederum ein besonders häufiger Grund für Arbeitslosigkeit im Jugendalter ist. Kein Wunder, dass sechs von zehn Österreicherinnen und Österreichern (59 Prozent) bis spätestens 2033 die Abschaffung des Sitzenbleibens erwarten. Die Bildungspolitik könnte also bei einer klugen Entscheidung in dieser pädagogisch und ökonomisch problematischen Frage mit dem Beifall einer großen Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger rechnen. Dennoch ist vorerst leider keine Lösung in Sicht.

 

Österreich – 9. September 2014

 

Stadtschulrat: Strache will Häupl klagen

Strache: "Undemokratisch." - Die FPÖ kündigte rechtliche Schritte an.

Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) wird den von der FPÖ für die Position des Vizepräsidenten im Stadtschulrat nominierten 21-jährigen Burschenschafter Maximilian Krauss nicht in die Funktion berufen. Dies teilte ein Sprecher des Bürgermeisters am Montag mit.

Strache will klagen
Die Wiener FPÖ wird nach der Ablehnung ihres Kandidaten keinen neuen Vorschlag für das Amt des Stadtschulrats-Vizepräsidenten unterbreiten. Das hat FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache am Montag in einer spontan einberufenen Pressekonferenz betont.

"Wir nennen selbstverständlich keinen neuen Kandidaten", versicherte der Parteichef. Stattdessen will die FPÖ eine Reihe von rechtlichen Schritten setzen, wie Strache ausführte.

Strache sprach von einem "Skandal der Sonderklasse": "Es handelt sich um eine eklatant undemokratische Vorgangsweise des Bürgermeisters. Das ist absolutistisch." Häupl wolle sich Opposition und Kontrolle offenbar selber aussuchen. Da die FPÖ das Recht auf Nominierung habe, habe der Bürgermeister die Stadtverfassung gebrochen.

Die FPÖ wartet nun laut eigenen Angaben vor allem auf einen Ablehnungsbescheid. Komme dieser nicht, begehe Häupl Amtsmissbrauch - was die FPÖ zur Anzeige bringen werde.

Außerdem wollen sich die Freiheitlichen an die Anti-Diskriminierungsstelle wenden. Denn Krauss sei wegen seiner freiheitlichen Weltanschauung abgelehnt worden. "Auch Schadenersatz werden wir einklagen", versicherte der FP-Chef. Zudem werde eine Individualbeschwerde an den Verfassungsgerichtshof vorbereitet.

Häupl hatte zuletzt wiederholt Aussagen von Krauss kritisiert. Dass dieser etwa die chemische Kastration von Kinderschändern gefordert habe, sei "ein Wahnsinn", so der Bürgermeister. Krauss wiederum hatte Häupl als "Türken-Bürgermeister" bezeichnet. Gegen die Kandidatur von Krauss waren zuletzt auch Schüler-Organisationen aufgetreten.

 

"Österreich" vom 09.09.2014                                   Seite 5

Ressort: Politik

 

Wien

 

OECD-Studie wird präsentiert

 

Bildungssystem bei uns zu teuer

 

Heute stellt die OECD ihre alljährliche Studie "Bildung auf einen Blick" vor.

 

Wien. Mit Spannung erwartet wird heute die OECD-Bildungsstudie "Education at a glance"(Bildung auf einen Blick). Die OECD vergleicht dabei die Effizienz der Bildungssysteme in ihren Mitgliedsstaaten.

 

In den vergangenen Jahren wurde Österreich attestiert, dass das Bildungssystem im Verhältnis zum Output zu teuer ist. Die Akademikerquote ist niedrig, die Lehrer unterrichten weniger und verdienen mehr als im OECD-Schnitt. Für Ministerin Heinisch-Hosek ist es die erste Studie.

 

 

"Der Standard" vom 09.09.2014                                Seite: 7

Ressort: Inland

 

Elisabeth Kleinlercher Michael Völker

 

Bundesland, Bundesland Abend, Wien

 

ÖVP sucht das bessere Modell für die Schule

 

   „Niemand rüttelt am Gymnasium", sagt ÖVP-Bildungssprecherin Brigitte Jank, die sich aber auch vorstellen kann, auf das Gymnasium zu verzichten. Die ÖVP lässt sich alles offen, will aber nicht ewig diskutieren.

 

   Wien – In der ÖVP tut man sich mit diesem Zuruf aus Sankt Pölten schwer. „Das Gymnasium muss bleiben", hatte Landeshauptmann Erwin Pröll im Standard-Interview festgelegt. Pröll setzt damit jenen Kurs fest, den der zurückgetretene Parteichef Michael Spindelegger so unbeirrt eingeschlagen hatte – nicht zur Freude aller in der Volkspartei, die das Schulthema gerne für eine breitere Diskussion geöffnet hätten. Der neue Parteichef Reinhold Mitterlehner will sich derzeit noch nicht festlegen lassen. „Wie die Bildungspolitik der ÖVP künftig ausschauen wird, ist derzeit noch offen. Wir holen uns aktuell von einzelnen Experten Meinungen ein, wie man das Bildungssystem verbessern könnte. Die Vorschläge dieses Kompetenzteams werden dann in der Partei diskutiert", sagt Mitterlehner zum Standard.

 

   Die Bildungssprecherin der ÖVP, Brigitte Jank, verweist darauf, dass das Modell der Neuen Mittelschule derzeit evaluiert werde. „Da wurde viel Geld eingesetzt", sagt Jank, „wenn es richtig eingesetzt wird, hat die Neue Mittelschule die Chance, auf das Niveau des Gymnasiums hinaufzukommen oder sogar noch besser zu werden, dann hört sich auch diese Diskussion auf". Jank: „Niemand rüttelt am Gymnasium. Aber wenn es ein besseres Modell gibt, das zu keiner Diskriminierung führt und die Talente aller Schüler fördert, dann sollten wir da offen sein."

 

   Jank will jedenfalls nicht „ewig diskutieren". Man werde jetzt die Vorschläge der Experten einsammeln und diese dann parteiintern diskutieren. Binnen eines Jahres sollte sich die ÖVP dann festgelegt haben, wie sie sich das Schulsystem der Zukunft vorstellt – mit oder ohne Gymnasium.

 

   Falsche Lehrerauswahl

 

   Einer dieser Experten im „Kompetenzteam" der ÖVP ist Andreas Salcher. Zur Diskussion Gesamtschule versus Gymnasium sagt er: „Die Einführung der Gesamtschule in Österreich wäre mit Sicherheit nicht der Zusammenbruch des christlichen Abendlandes, wie das einige befürchten. Genauso ist es eine Illusion, zu glauben, dass die Einführung der Gesamtschule die tatsächlichen, unübersehbaren Probleme unseres Schulsystems wie falsche Lehrerauswahl, unzureichende Lehrerfortbildung und individuelle Begabungsfeindlichkeit lösen würde. All diese Probleme betreffen die AHS genauso wie die Neue Mittelschule. Es wäre naiv, zu glauben, dass sich die Qualität des Unterrichts dramatisch verbessert, nur weil wir die Struktur ändern, ohne eine Kultur der Wertschätzung in den Schulen und Klassenzimmern zu erreichen."

 

   Salcher glaubt, dass es in der ÖVP eine breite Mehrheit für eine Bildungsreform gibt. „Das ist auch bei der SPÖ, den Grünen und den Neos so. Der Boden ist also aufbereitet. Ich glaube, dass der Vizekanzler nun stark genug ist, um auch parteiintern klarzumachen, dass eine Reform der Bildungslandschaft oberste Priorität hat." Salcher verweist darauf, dass auch vonseiten der Länder kritisiert wurde, dass keine offensive Bildungspolitik gemacht werde. Mitterlehner werde daher auch aus dieser Richtung Rückenwind bekommen. „Die Probleme liegen in der Umsetzung und im Detail. Hier wird man sehen, ob es bei Ankündigungen bleiben wird oder man wirklich etwas verändern will." Die ÖVP sei jedenfalls gut beraten, sich als Bildungspartei zu positionieren, sagt Salcher. „Wenn sie keine Bildungspartei ist, was ist sie dann?"

 

   In Tirol startete in der Modellregion Zillertal mit diesem Schuljahr die gemeinsame Schule. Das Zillertal sei somit Österreichs erste und einzige Region, in der die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen umgesetzt werde. Tirol wolle zeigen, dass die gemeinsame Schule ein Erfolgsmodell sei, erklärte Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). In der gemeinsamen Schule stehe „Kooperation statt Konkurrenz" im Vordergrund, betonte seine Stellvertreterin, die Grüne Ingrid Felipe.

 

   p derStandard.at/Bildung

 

 

"Der Standard" vom 09.09.2014                                Seite: 7

Ressort: Inland

 

Wien

 

Junge ÖVP fordert Politische Bildung

  

 KURZ GEMELDET

 

   Wien – Anlässlich des Schulbeginns im Westen und Süden fordert die ÖVP-Jugend, dass Politische Bildung ab der 5. Schulstufe ein Pflichtfach wird. Im Regierungsprogramm ist nur ein Modul dafür vorgesehen.

 

 

"Kronen Zeitung" vom 09.09.2014                           Seite: 28,29

Ressort: Reportage

 

Wi, Abend, Sbg, Stmk, Bgld, Wi, N.Ö., Ti, Vbg, Wi, Ktn, O.Ö., Morgen

 

Schon 20,2 Prozent aller Schüler haben nicht Deutsch als Muttersprache. In Wien sind es fast 50 Prozent. Klagen von Eltern werden oft wegargumentiert.

 

Teil 9

 

"Dieses Thema darf kein Tabusein"

 

   Knackpunkt Sprache: Je mehr Kinder mt schlechten Deutschkenntnissen in einer Klasse sitzen, desto schwieriger ist Wissensvermittlung. Migration ist an Schulen die Herausforderung Nummer eins.

 

   Vorurteile gegenüber "Ausländern" sind für viele Eltern nicht das Hauptmotiv, wenn sie ihre Kinder in teure Privatschulen statt in öffentliche Schulen mit hohem Migrationsanteil geben. Sondern schlicht die Angst vor schlechteren Startchancen für ihr Kind.

 

   An der Otto-Glöckel-Volksschule in Wiener Neustadt beträgt der Anteil jener Kinder, die Migrationshintergrund haben, fast 90 Prozent. "Wir haben Klassen, in denen fast nur türkische Kinder sitzen", sagt Direktorin Ariane Schwarz, "und sogar reine Migrationsklassen. Das ist dann schon sehr problematisch." Die 48-Jährige zieht im Unterricht eine harte Regel durch: Es wird ausschließlich Deutsch gesprochen, nur in den Pausen dürfen sich Kinder auch in ihrer Muttersprache unterhalten. "Das Hauptmotiv für Tafelklassler, Deutsch zu lernen, ist der Wunsch, sich mit ihren Freunden unterhalten zu können. Je gemischter also eine Klasse ist, desto rascher lernen die Kinder Deutsch."

 

   Gerade diese Durchmischung vermissen aber Eltern an vielen Kindergärten und Schulen. "Achtet bei den Schul-Einschreibungen jemand auf die Nationalität der Kinder und das kulturelle Gleichgewicht in den Schulklassen? Inländer und Ausländer sollten sich zumindest gegenseitig die Waage halten", schreibt User Kuckuck17 im Schul-Forum auf krone.at. Die Befürchtung vieler Eltern ist, dass österreichische Kinder an manchen Schulen mehr Türkisch hören als Deutsch und dass der akademische Erfolg auf der Strecke bleibt. "Das einfache Volk wurde von der Politik in Wien brutal in Stich gelassen", bringt es User

 

   Soistes1949 auf den Punkt.

 

   Knackpunkt Sprache: Je mehr Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen in einer Klasse sitzen, desto schwieriger ist Unterricht. Migration ist an den Schulen die Herausforderung Nummer eins.

 

   Österreichische Kinder oft in der Minderheit

 

   Schon 20,2 Prozent aller Schüler haben nicht Deutsch als Muttersprache, sondern Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch (63.300 Schüler), Türkisch (57.600 Schüler), gefolgt von Albanisch, Rumänisch, Arabisch, Polnisch, Englisch und Tschetschenisch. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist übrigens nach Wien mit 45,1 Prozent im westlichsten Bundesland Vorarlberg am höchsten (siehe Grafik links).

 

   Die Probleme, die sich daraus im Schulalltag ergeben, stoßen nicht immer auf Verständnis. "Alle Kinder in der Klasse sind wissbegierig, nur ein Bub macht, was er will, weil er sich von einer Frau nichts sagen lässt", schreibt Userin floh100 über ein türkisches Volksschulkind. "Ein Problem ist es, wenn die Schüler ohne Migrationshintergund in der Minderzahl sind und gemobbt werden", meint Userin Dannyrose, "das mag für manche nicht dramatisch klingen, aber ein Teenager in dieser Situation findet das sehr bedrohlich. Täglich…" Klagen von Eltern, auch darüber, dass türkische Eltern ihre Töchter für den - verpflichtenden - Schwimmunterricht regelmäßig entschuldigen, werden gerne wegargumentiert. "Die Bevölkerung wird mit jeder Menge Statistiken und Studien gefüttert, wie großartig alles ist", so ein User. "Auch bei uns gab es solche Ansätze, aber die haben wir rasch unterbunden", erklärt Ariane Schwarz. "Türkische Mädchen können beim Schwimmen den Burkini oder Leggings mit T-Shirt tragen." All diese Themen seien an der Otto-Glöckel-Schule kein Tabu. "Das darf auch kein Tabu sein", sagt die Direktorin. In der Praxis hat sie damit - auch durch intensiven Elternkontakt - keine Probleme.

 

   Der Erfolg gibt ihr recht: "Die Anzahl der Schüler, die den Sprung in die AHS schaffen, ist bei uns trotz hohem Migrationsanteil nicht gesunken."

 

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"Kronen Zeitung" vom 09.09.2014                           Seite: 28

Ressort: Reportage

 

Wi, Abend, Sbg, Stmk, Bgld, Wi, N.Ö., Ti, Vbg, Wi, Ktn, O.Ö., Morgen

 

Die Bildungskrise ist hausgemacht

 

   Die Alarmglocken schrillen immer lauter. Inkompetente Maturanten, die nicht einmal primitivste Grundlagenkompetenzen vorweisen können; das verzweifelte Suchen vieler Firmen nach Leuten, die zumindest halbwegs bildungsfähig sind; der fast schon absurd anmutende Wunsch, vielleicht auch noch junge Leute zu finden, die sich auch zu benehmen wissen. Was sind nun die Probleme?

 

   Die typisch österreichische "Durchkommen mit 4"-Mentalität. Und wer wirklich gerne etwas leistet und lernt, wird dann oft als Streber verhöhnt und rasch ausgegrenzt.

 

   Absurdes Entlohnungsschema - jene, deren Bedeutung für die Zukunft unserer Kinder am größten ist - die KindergartenpädagogInnen - werden am schlechtesten bezahlt.

 

   Sturheit, die nachhaltigen Schaden anrichtet - die Probleme, die Zehntausende Kinder pro Jahrgang beim sinnerfassenden Lesen haben, sind großteils durch einen Systemfehler verursacht.

 

   Mangelnde Differenzierung - viele Kinder erfahren schon in den ersten Schulwochen, dass ihre Neugierde, ihre vor der Schule erworbenen Kompetenzen in der Schule unerwünscht sind, weil viele Lehrer alle Kinder auf dasselbe (niedrige) Niveau bringen möchten.

 

   Die Probleme sind lösbar; Österreich kann rasch wieder zu neuer Bildungsstärke finden. Grundlage dafür kann aber nur die kollektive Anstrengung in vielen Bereichen sein.

 

   Dr. Michael Lemberger; Lehrer, Autor, Unternehmer und Entwickler eines Bildungsmodells (Kompetenz Lernen®).

 

 

"Kurier" vom 09.09.2014                                    Seite: 1

Ressort: Seite 1

 

Wi, Abend, Bgld, Bgld, Länder, N.Ö., Wi, Morgen

 

Expertengruppe

 

Mitterlehner will neuen Kurs in der Schulpolitik

 

Reform. Der ÖVP-Chef sammelt Ideen der Fachleute - von Schulautonomie bis Frühförderung im Kindergarten

 

   Der neue VP-Chef Reinhold Mitterlehner will den Schwung des Neustarts in der Regierungskoalition nutzen und sammelt Vorschläge von Experten für eine Schulreform. Ziel sei es, bei der Schule "rasch Meter zu machen", wie es etwa Andreas Salcher ausdrückt. Eingebunden ist auch Paul Kimberger, Chef der Lehrergewerkschaft. Bei der Notwendigkeit der Frühkindförderung sind sich die Fachleute einig. Auf der Bremse steht der Gewerkschafter beim Thema Personalhoheit des Direktors über Lehrer ("Schulautonomie").

 

   POLITIK3

 

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Kurier – 9. September 2014

 

 

Mitterlehner will neuen Kurs in der Schulpolitik.

Der ÖVP-Chef sammelt Ideen der Fachleute – von Schulautonomie bis Frühförderung im Kindergarten.

 

 

 

ÖVP-Landeshauptmann Günther Platter und seine Koalitionspartnerin, Grünen-Chefin Ingrid Felipe, präsentierten am Montag das schulische "Erfolgsmodell" Tirol. Platter freute sich bei dieser Gelegenheit über den frischen Schwung in seiner Partei unter Reinhold Mitterlehner. Er ortet Bewegung in der Schul-Debatte und gibt sich "guter Hoffnung".

In der Tat, Mitterlehner zeigt im Bildungsbereich Reformeifer. Er hat nun ein Team zusammengestellt, dem neben anderen der streitbare Bildungsexperte Andreas Salcher, der Genetiker Markus Hengstschläger und Paul Kimberger, der Chef der Lehrergewerkschaft, angehören.

Worum geht es: Mitterlehner sammelt die Vorschläge und Ideen dieser Experten, will sie ÖVP-intern diskutieren und dann mit dem Koalitionspartner SPÖ vereinbaren, was davon möglichst bald umgesetzt werden kann. "Auch in der ÖVP und in breiten bürgerlichen Kreisen gibt es eine große Mehrheit für eine grundlegende Schulreform", ist sich Andreas Salcher im KURIER-Gespräch sicher.

Frühförderung

Er skizziert, welche Reformen aus seiner Sicht rasch umsetzbar wären, und "wo wir sehr schnell Meter machen könnten".

Am "allerwichtigsten" sei eine bessere Frühförderung der Kinder. "Dort kann man sozialer Diskriminierung am schnellsten begegnen. Wir sind das einzige Land der EU, wo die Kindergärtner nicht einmal einen akademischen Abschluss haben", erklärt er sein oberstes Reformziel. "Einigen wir uns in einem breiten nationalen Konsens, dass wir die besten Kindergärten und Volksschulen der Welt bekommen." Soziale Diskriminierung und Sprachprobleme würden so schneller gelöst, und dazu noch die Lernfreude und Lernlust der Kinder massiv gesteigert.

Schulautonomie

Zudem würde eine "echte Autonomie" an den Schulen viel frischen Wind ermöglichen, glaubt der Experte. Ihm geht es dabei nicht nur um Personalhoheit des Direktors über seine Lehrer, sondern auch um inhaltliche Schwerpunktsetzungen, eine Ende der starren 50-Minuten-Unterrichtsstunde ("ein entscheidender Faktor"), und stattdessen ein Jahresarbeitszeitmodell für Lehrer: "Weil jetzt schon zu viel unterrichtet wird, und zu wenig Beziehungsarbeit mit den Kindern passiert."

Und nicht zuletzt sagt Salcher: "Ich bin ein Fan der echten Ganztagsschule. Es kann dann einen Sporttag geben. Oder einen Kunsttag. Oder einen Wissenschaftstag. Und weil dann der ganze Schulalltag mit den 50-Minuten-Einheiten entkrampft wird."

Markus Hengstschläger war für den KURIER am Montag nicht erreichbar, aber der Professor war bereits Teil der von Ex-VP-Chef Michael Spindelegger initiierten Expertengruppe anno 2012. Und da hat er für seine Reformideen breit geworben. Was auffällt: Hengstschläger machte sich schon damals für die gleichen Themen wie Salcher stark: Akademisierung der Kindergärtner; massive Frühförderung (in Form eines Eltern-Kind-Passes, wo Bildungsziele an Familienförderungen gekoppelt sind); und eine verpflichtende Ganztagsschule "mit Nachmittagsbetreuung durch Experten – aber ohne Hausübungen". 

 

Kurier – 9. September 2014

 

Gewerkschaft

"Keine Personalhoheit"

Kimberger bremst bei Autonomie.

"Ich kann bestätigen, dass ich ein längeres Gespräch mit Vizekanzler Mitterlehner hatte. Er will auch die Expertise der Gewerkschaft haben", erklärt Paul Kimberger, Chef der (ÖVP-dominierten) Lehrergewerkschaft, dem KURIER. "Weil er der Meinung ist, dass eine Neupositionierung innerhalb der ÖVP notwendig ist", sagt der Gewerkschafter. Kimberger ist zwar mit den meisten Reformpunkten der Experten Salcher & Co durchaus zufrieden, aber nicht mit allen.

Zentraler Punkt auch bei ihm: "Die Frühkindpädagogik ist in Österreich völlig unterrepräsentiert und unterschätzt. Dabei wird dort die Basis der Bildung gelegt. Vor dem Volksschulalter muss angesetzt werden."

Problematischer ist für ihn die Sache mit der Ganztagsschule: "In den Ballungsräumen benötigen wir mehr davon, aber nicht flächendeckend, und nicht verpflichtend. Sondern nur dort, wo der Bedarf auch wirklich gegeben ist."

Eine Autonomie der Direktoren bei der Personalauswahl lehnt der Gewerkschafter Kimberger ab. "Das gäbe nur ein Chaos am Schulstandort, das funktioniert nicht."

 

Kurier – 9. September 2014

 

Leitartikel

Gesamtschule? Es gibt noch Wichtigeres

Spindelegger-Nachfolger Mitterlehner lässt sich von Experten in Sachen Schulreform beraten.

Legt die ÖVP ihre "schulpolitischen Scheuklappen" ab, wie die SPÖ in einer Presseaussendung frohlockt? Sprich: Ist der Weg für die Gesamtschule frei? ÖVP-Chef Mitterlehner gab sich immer schon liberaler als sein Vorgänger und hat der Partei nun einen Diskussionsprozess mit Experten verordnet. Schulpolitik ist besonders vermintes Gebiet für die Schwarzen. Denn der Kanzlerpartei ist es gelungen, den Koalitionspartner ins reaktionäre Blockierer-Eck zu drängen. Damit rückt in den Hintergrund, dass es die SPÖ ist, die das Ressort seit auch schon wieder acht Jahren mit eher untermittelprächtigem Erfolg führt.

Der neue ÖVP-Boss ist taktisch gewieft genug, das Thema Gesamtschule vorerst einmal beiseitezulassen. Jedem, der sie einführt, muss nämlich klar sein, was sie – auch – bedeutet: einerseits eine Vergrößerung des Privatschul-Sektors wie in anderen Gesamtschulsystemen auch. Andererseits eine neue Notenwahrheit – also deutlich verschärfte Prüfungen am Ende, um weiterführende Schulen oder Unis besuchen zu können.

Aber es gibt ohnehin noch genügend anderes zu tun: 50-Minuten-Einheiten sind kein Konzept mehr für das 21. Jahrhundert, und Schulen brauchen viel mehr unbürokratischen Entscheidungsspielraum. Problemschulen müssen anders budgetiert werden, aber die AHS aus ideologischen Gründen auszuhungern, wie dies Ex-Ministerin Claudia Schmied begonnen hat, ist wohl auch kein Programm. Ob eine Akademisierung des Kindergartenberufs der Weisheit letzter Schluss ist (Vorschlag Andreas Salcher), darf ebenfalls bezweifelt werden. Seltsam wiederum ist, dass noch niemand ein großes Schulneubauprogramm gefordert hat. Denn in einem Gebäude aus der Monarchie kann das überparteiliche Ziel nicht gelingen: eine moderne ganztägige Schule.

 

 

"Kurier" vom 09.09.2014                                   Seite: 20

Ressort: Leben

 

Länder, Morgen

 

Lehrer als einfühlsame Berufsberater

 

Polytechnische Schule.In Wien-Währing werden junge Menschen professionell auf den Beruf vorbereitet

 

   von ute Brühl. Immer wenn Franz Burda diese Geschichte erzählt, leuchten seine Augen. Der Direktor der Polytechnischen Schule Schopenhauerstraße Wien-Währing berichtet: "Eine Verabschiedung von einem Schüler ist mir in Erinnerung geblieben. Mit dem Buben, der viel Streit mit seinem Vater hatte, habe ich manche Sträuße ausgefochten. Am letzten Tag gab er mir die Hand und meinte: ,Herr Burda, Sie sind ein klasser Bursch. Darf ich zu Ihnen kommen, wenn's zu Hause mal wieder Ärger gibt?'" Emotionale Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern machen den Erfolg einer Schule aus.

 

   Es führt zu mehr Nähe

 

   - die braucht es, um gemeinsam mit den jungen Menschen ihre Stärken auszuloten. Damit diese am Ende des Jahres wissen, wie es weitergeht. Ob sie eine Lehre beginnen - und falls ja, welche. Oder ob sie auf eine weiterführende Schule gehen. Schüler haben insgesamt neun Fachbereiche als Schwerpunkt zur Wahl. (siehe Kasten). Die Praxis in den Werkstätten und in Firmen hilft bei der Entscheidungsfindung. Sie ist nicht immer einfach, wie die 14-jährige Jennifer weiß: "Ich schwanke zwischen Kindergärtnerin und Krankenschwester." Marcel hat hingegen einen konkreten Berufswunsch: "Fotograf." Auch die 15-jährige Tamara weiß, was sie will: "Ich bereite mich auf die höhere Schule vor. Später will ich Journalistin werden." Sie ist vor zwei Monaten von Bosnien nach Wien gekommen. Ihr Deutsch ist schon fast perfekt: "Ich habe viele deutsche Spielfilme geschaut - so habe ich die Sprache gelernt." Wer noch keine Ahnung hat, in welche Richtung es geht, besucht die Fachmittelschule und schnuppert in vier Fachbereiche.

 

   Lehre statt Matura Wenn es um die konkrete Lehrstellensuche geht, bekommen einige Schüler keine Unterstützung von zu Hause - da springen oft die Lehrer ein. Andere Eltern haben konkrete Vorstellungen, was ihr Kind einmal werden soll. "Da viele nicht aus Österreich kommen, kennen sie das System der dualen Ausbildung nicht. Sie wollen lieber, dass ihr Kind Matura macht", berichtet Lehrer Ahmet Dogan . "Wir erläutern ihnen die Vorteile einer Lehre. Besonders wenn wir sehen, dass der Schüler eine Matura nicht schaffen wird."

 

   Direktor Burda sieht bei der Wahl der richtigen Schule auch eine Verantwortung der Volks- und Hauptschulen: "Dort würde ich mir mehr Notenwahrheit wünschen, weil diese zu einem realistischeren Blick der Eltern auf ihre Kinder führt." Das gilt vor allem für die Übergänge nach der achten Schulstufe: "In Ballungszentren drängen viele Schüler mit aller Macht in die berufsbildenden mittleren und höheren Schulen. Egal ob es passt oder nicht. Einige Schüler landen nach kurzer Zeit mit dem Stigma des Versagens bei mir." Dabei ist "das Poly" keine Sackgasse. Vieles, was die Schüler hier lernen, können sie immer brauchen: "Richtig telefonieren, grüßen und pünktlich sein." Auf solche soziale Kompetenzen legt Burda großen Wert. Erfolgreich ist er aber nicht bei allen: "5 Prozent schaffen die Schule nicht. Das tut dann immer weh."

 

   Lesen Sie auf Seite 3: Schulreform soll rasch gestartet werdenKURIER.at/Familie

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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