Sonntag, 14. September 2014

2014.09.15 + 13./14.: Newsletter Bildung

"profil" Nr. 38/2014 vom 15.09.2014                       Seite: 13

Ressort: Meinungen

 

Eva Linsinger

 

Leitartikel

 

Auf der Eselsbank

 

   Das Bildungssystem verschleudert systematisch Talente. Das ist dumm, teuer - und gefährlich.

 

   Die USA und ihr Musterschüler Großbritannien gelten als Horte des Turbokapitalismus, auch in der Bildung: Eliteuniversitäten, mit oder ohne noble Ruderklubs, sicher aber mit sündteuren Studiengebühren - und am anderen Ende der Wohlstandsskala abgesandelte Schulen mit Waffenkontrollen vor dem Eingang. Österreich hingegen gilt als Sozialstaat, in dem Bildungstüren allen offenstehen, die sich genügend anstrengen.

 

   Soweit das Klischee.

 

   Die Realität ist in der jüngsten Studie der OECD nachzulesen: Selbst im Harvard-Land USA und im Oxford-Staat Großbritannien sind die Chancen auf Bildungsaufstieg höher als in Österreich. Hierzulande schafft kaum ein Kind einen höheren Bildungsgrad als seine Eltern; damit landet Österreich unter 26 OECD-Staaten auf dem beschämenden 23. Platz - quasi auf der Eselsbank. Im Grunde wird das von Maria Theresia eingeführte, reichlich verstaubte ständische Schulwesen praktiziert. Kinder von Akademikern oder Wohlsituierten frequentieren Gymnasium und Uni - und treffen dort so gut wie nie auf Kinder von Arbeitern oder Migranten. Diese tummeln sich in Haupt- und Sonderschulen. Das ist, ökonomisch argumentiert, gnadenlos stupide. Die Wirtschaft klagt seit Jahren über Fachkräftemangel. In einer kleinen Volkswirtschaft ohne größere Erdölvorkommen sind Humanressourcen der wichtigste Rohstoff - aber das Bildungssystem verschleudert serienweise Talente.

 

   Besonders Zuwandererkinder werden überproportional oft in die Sackgasse Sonderschule gesteckt. Nur verbohrte Rassentheoretiker können annehmen, dass Begabung bei Migrantenkindern seltener anzutreffen sei - damit bleibt als Erklärung ein vernichtendes Zeugnis für das Schulsystem. Es nimmt, mit überaus flacher Lernkurve, nicht zur Kenntnis, dass Österreich ein Einwanderungsland ist. Die Hälfte der Kinder an Wiens Volksschulen hat eine andere Muttersprache als Deutsch, doch in der Lehrerausbildung wird das weitgehend ignoriert. Man kann in Altgriechisch oder Französisch maturieren, aber nicht in Türkisch. In Deutschland ist das Usus, dort wird Mehrsprachigkeit als Chance begriffen, nicht nur als Bedrohung. Hierzulande nicht. Das kann man Realitätsverweigerung nennen. Oder blanke Dummheit.

 

   Die perfekt zur Starrheit des Bildungssystems passt. Längst ist als Binsenweisheit etabliert, dass Kindergärten die wichtigsten Bildungseinrichtungen sind, weil sie spielerisch Startnachteile ausgleichen. Trotzdem bleibt die Elementarpädagogik vernachlässigtes Stiefkind. Als einziger OECD-Staat (neben der Slowakei) bildet Österreich Kindergartenpädagogen nicht akademisch aus - mit dem hanebüchenen Argument, dass dann deren (erbärmlich niedrige) Löhne steigen würden. Nach derselben kruden Kosten-Nutzen-Rechnung wird der Ausbau von Ganztagsschulen gebremst: zu teuer.

 

   So kurzsichtig kann nur agieren, wer entweder unter ausgeprägter Mathematikschwäche leidet oder weiter achselzuckend zur Kenntnis nehmen will, dass ein Viertel der Jugendlichen die Schulen als Analphabeten verlässt. So viele Hilfsarbeiter, wie das Bildungswesen produziert, braucht die Wirtschaft längst nicht mehr; der jüngste Befund der EU-Kommission spricht eine deutliche Sprache: Österreich sackt in der Wettbewerbsfähigkeit ab, vor allem wegen massiver Bildungsdefizite. Wieder ein "Nicht Genügend“ für das Schulsystem.

 

   Die Regierung ignoriert das genauso hartnäckig wie alle katastrophalen Belege für ihr Schulversagen. Sie widmet sich lieber mit Verve dem Kulturkampf ums Gymnasium, darin haben SPÖ und ÖVP reichlich Routine: Im Jahr 1922 (kein Tippfehler!) starteten die erste Gesamtschulversuche, seither werden in Endlosschleife dieselben Argumente ausgetauscht - und das Bildungssystem bleibt, wird nur von Jahr zu Jahr unzeitgemäßer. Ex-Bildungsministerin Claudia Schmied versuchte, den Stellungskrieg durch die Erfindung der "Neuen Mittelschule“ zu beenden. Ein ehrgeiziges Projekt, das kläglich scheiterte.

 

   Es bietet nur Politikern mehr Optionen, Reformbereitschaft zu simulieren, wie das Beispiel Tirol zeigt: Die schwarz-grüne Landesregierung verkündete dort mit großem Brimborium ihren "Modellversuch“ zur Gesamtschule. Dieser besteht - allen Ernstes - darin, dass sieben Hauptschulen im Zillertal in "Neue Mittelschulen“ umbenannt werden. Ein Gymnasium ist nicht dabei. Das ist blanke Augenauswischerei und vom ernst gemeinten Test für die Gesamtschule so weit entfernt wie Tirolerisch von Piefkinesisch.

 

   Bildung bringt gewaltige Rendite, jedes zusätzliche Jahr an Ausbildung schlägt sich hierzulande in sieben Prozent mehr Nettostundenlohn nieder. Je ungleicher Bildungschancen verteilt sind, desto größer wird die Kluft zwischen dem Klub der Gebildeten und den Abgehängten. Man muss beileibe kein Sozialromantiker sein, um solche Unterschiede für gefährlich zu halten: Sogar beim Weltwirtschaftsforum, dem Treffen der Managerelite in Davos, wurde die global steigende Ungleichheit als größte Gefahr für die Wirtschaft bezeichnet. Die OECD, ebenfalls kein Klub von Kapitalismuskritikern, argumentiert genau so und warnt davor, dass der wachsende Bildungsgraben "die Gesellschaft bedroht“.

 

   Wie viele derartige Weckrufe braucht die Regierung noch?

 

   eva.linsinger@profil.at

 

   http://blog.profil.at/linsingereva/

 

 

 

Die Presse – 15. September 2014

 

 

Coach-Ausbildung für Lehrer steuerlich abzugsfähig

VwGH hält psychologische Kenntnisse im Lehrerberuf für wichtig.

Wien. Lehrer, die für berufliche Zwecke eine Coaching-Ausbildung absolvieren, können die Ausgaben dafür als Werbungskosten geltend machen. Das hat der Verwaltungsgerichtshof (VwGH) entgegen der Beschwerde eines oberösterreichischen Finanzamts entschieden. Der Gerichtshof respektiert, dass diese Ausbildung berufsspezifische Fertigkeiten vermittelt; außerdem seien einschlägige psychologische Kenntnisse für Lehrer unzweifelhaft sinnvoll, selbst wenn sie zugleich auch der eigenen Persönlichkeitsentwicklung dienten.

Bis der betroffene Lehrer für „elektronische Fächer“ und Informatik so weit war, musste er mehrmals bangen. Neben Einkünften aus unselbstständiger Arbeit bezieht er durch Vorträge auch welche als Selbstständiger. In der Veranlagung 2006 wurden die Ausgaben für die Coaching-Ausbildung beim Wifi – Seminargebühr und Reisekosten – als (erhöhte) Werbungskosten akzeptiert. Einige Monate später der erste Rückschlag: Das Finanzamt Freistadt Rohrbach Urfahr hob den Bescheid auf und ersetzte ihn durch einen neuen, in dem die Kosten nicht als einkommensmindernd anerkannt wurden. Dagegen wandte sich der Lehrer an den Unabhängigen Finanzsenat, der ihm wieder Recht gab; daraufhin beschwerte sich das Finanzamt, ehe der VwGH zu Gunsten des Lehrers entschied.

Warum das Hin und Her? Nach dem Gesetz zählen Aufwendungen für Aus- und Fortbildungsmaßnahmen dann zu den Werbungskosten, wenn sie im Zusammenhang mit der vom Steuerpflichtigen ausgeübten oder einer damit verwandten beruflichen Tätigkeit stehen. Sie müssen laut VwGH „in einem wesentlichen Umfang“ für diese Tätigkeiten verwendet werden; tun sie es nicht, kippen sie in den steuerlich nicht relevanten Bereich der privaten Lebensführung.

Vorrang für Arbeit mit Dritten

Grenzwertig sind deshalb Ausgaben für die Persönlichkeitsentwicklung. Im Kursprogramm des Wifi wurde das Coaching unter anderem für Lehrer angeboten. Die Ausbildung sei in erster Linie auf eine Arbeit mit Dritten und deren Begleitung zur Erweiterung von deren persönlichen Kompetenzen ausgerichtet. Nur vereinzelt fanden sich Themen, die auch auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kursteilnehmers selbst hindeuteten. Gegenüber der Vermittlung berufsspezifischer Fertigkeiten traten die persönlichkeitsbildenden Elemente beim Kursteilnehmer selbst aber in den Hintergrund.

Persönlichkeitsbildung bei Schülern gehört indes, neben reiner Wissensvermittlung, für den VwGH eindeutig zum Berufsbild des Lehrers. „Um den darin und allgemein im Lehrberuf gelegenen Anforderungen zu genügen und auch um einer erfolgreichen Wissensvermittlung gerecht zu werden, sind einschlägige psychologische Kenntnisse unzweifelhaft sinnvoll“, so der VwGH (2011/15/0068).

Sogar das Finanzamt räumte ein, dass verschiedene erlernte Methoden wie Problemlösungsmodelle, Prozessumsetzung, Gruppenführung in den Unterricht eingebaut werden könnten und „im schulischen Kontext von Relevanz seien“. Der Lehrer selbst widmete seine Abschlussarbeit im Kurs sogar genau der Frage, wie Coaching an der Schule sinnvoll eingesetzt werden kann. Um zur Antwort zu kommen, dass es unter anderem helfen könne, im Klassenzimmer eine konstruktive Atmosphäre zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund billigte der VwGH die Entscheidung des Finanzsenats (jetzt: Bundesfinanzgericht), wonach der Kurs ganz überwiegend der Vermittlung berufsspezifischer Fertigkeiten diente.

 

 

Die Presse – 15. September 2014

 

 

Es geht um das Wohl der Kinder Richtig erkannt, Herr Vizekanzler!

Bei der Diskussion um Ganztagsschule und Ausbau der Kinderbetreuung für Kleinkinder wird auf individuelle Bedürfnisse der Kinder keine Rücksicht genommen.

 

Wir agieren nicht aus der Sicht der Lehrer, sondern aus der Sicht der Kinder!“ So postulierte der neue Vizekanzler, Reinhold Mitterlehner, im ORF-„Sommergespräch“. Würde er dies ernst meinen, so müsste er die Idee der Ganztagsschule rigoros ablehnen. Er müsste dieses Postulat ebenso auf die Themenbereiche Arbeitswelt und Familie ausdehnen. Beides sind seine Kernbereiche als aktueller Wirtschafts- und ehemaliger Familienminister.

Doch die reale Politik sieht völlig anders aus. Hier werden die Anforderungen der Arbeitswelt, die kaum zu Flexibilität und Entgegenkommen bei Mitarbeitern mit Betreuungspflichten bereit ist, als Leitlinie genommen und auf das Kindeswohl völlig vergessen. Da ist einmal die Ganztagsschule: SP-Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek fordert diese, weil sie meint, Kinder aus sozial schwachen Familien seien dort besser aufgehoben als zu Hause. Warum dann alle dorthin gehen sollen, ist unklar. Außerdem sollen nach dem SP-Modell selbst Mütter und Väter von Kleinkindern möglichst Vollzeit arbeiten.

Es ist heftig zu bezweifeln, dass allen Kindern der ganztägige Aufenthalt im Klassenverband guttut. Eine Studie der steirischen Arbeiterkammer ergab, dass jeder fünfte Volksschüler(!) Opfer von Mobbing ist, in mehr als der Hälfte der Klassen wird gemobbt. Dies kann zu massiven gesundheitlichen Schäden führen, warnen Psychologen. Für einen ganztägigen Schulbetrieb sind unsere Schulgebäude mehrheitlich ungeeignet, für den nötigen Ausbau fehlt es an Geld.

Zusätzlich würden außerschulische Angebote, die den Kindern Freude machen und ihre Begabungen fördern, wegfallen, etwa Musikschule oder Sport. Für Kinder berufstätiger Eltern gibt es ja jetzt schon den Hort.

Ein weiteres Feld, bei dem das Kindeswohl keine Rolle zu spielen scheint, ist die außerfamiliäre Betreuung von Kleinstkindern: Das unsägliche „Bologna-Ziel“ der EU, wonach für ein Drittel der Kinder unter drei Jahren Krippenplätze zu schaffen seien, hat das Augenmerk von Qualität auf Quantität verlagert. Österreich erfüllt nämlich die Qualitätskriterien, die von Experten empfohlen werden, bei Weitem nicht. Kleinstkinder brauchen viel Zuwendung, daher sollte eine Betreuungsperson maximal drei Kinder betreuen. Sonst drohen psychische und physische Schäden. In der Realität sind es im Schnitt sieben Kinder, Krankenstände und Personalengpässe noch nicht eingerechnet. Das führt dazu, dass eine einzige Betreuerin bis zu 15 Kleinstkinder wickeln, füttern, beaufsichtigen und mit ihnen spielen soll!

Dies bedeutet nicht, dass manche Kinder mit einer solchen Situation gut zurechtkommen. Dass aber gesetzlich Gruppengrößen von acht und mehr Kindern vorgegeben sind, ist nicht zu rechtfertigen. Bevor man also an den Ausbau der Krippenplätze denkt, sollte man sich mit deren Qualität beschäftigen. Wenn dem Vizekanzler und Wirtschaftsminister das Kindeswohl wirklich ein Anliegen ist, dann sollte er in seinem Metier sofort aktiv werden. Er könnte etwa Anreize schaffen, dass Betriebe mehr auf Eltern und deren Verpflichtungen Rücksicht nehmen.

Die Zahl der bezahlten Pflegeurlaubstage sollte erhöht und je nach Kindesalter gestaffelt werden, denn Dreijährige werden nun einmal öfter krank als Vierzehnjährige. Betriebskindergärten sollten zum Standard größerer Firmen gehören. Kinderkarenz sollte so wie Bildungskarenz sowohl bei Müttern als auch bei Vätern als wichtige Lernerfahrung anerkannt werden und darf kein Karrierenachteil mehr sein, der bis zum Arbeitsplatzverlust führen kann. Insgesamt sollte dafür geworben werden, dass Vorgesetzte positiv auf Elternschaft reagieren und mehr Flexibilität zulassen.

Es muss sich endlich der Fokus ändern: Die Erwachsenen und die Arbeitswelt müssen auf die Kleinsten Rücksicht nehmen. Denn die Kinder dürfen nicht zu Opfern eines erstarrten und veralteten Arbeitsmodells werden!

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula Walterskirchen ist Historikerin und Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse“, ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

 

 

Die Presse – 15. September 2014

 

 

Ein junger Faymann ist neuer Bundesschulsprecher

Mit dem Kanzler ist der 17-jährige Lukas Faymann weder verwandt, noch gehört er dessen Partei an.

Der 17-jährige Burgenländer Lukas Faymann von der ÖVP-nahen Schülerunion ist am Sonntag in Strobl am Wolfgangsee zum neuen Bundesschulsprecher gewählt worden, teilte die Schülerunion in einer Aussendung mit. Am morgigen Montag wird Faymann seine Forderungen bei einer Pressekonferenz in Wien präsentieren.

Die SPÖ-nahe Aktion kritischer Schüler_innen (AKS) kritisierte in einer Aussendung das Wahlsystem der Bundesschülervertretung als undemokratisch. Der Namenskollege des neuen Bundesschulsprechers, Bundeskanzler und SPÖ-Chef Werner Faymann, war übrigens auch einmal Schulsprecher.

 

 

 

 

Die Presse – 13. September 2014

 

 

Schule: Heinisch-Hosek will 50-Minuten-Einheiten abschaffen

Die Bildungsministerin kündigt Reform an. Die Lehrer zweifeln.

Wien. Via Tageszeitung „Kurier“ kündigte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) am Freitag an, sowohl die Schulglocke als auch die 50-Minuten-Einheiten abschaffen zu wollen. Von der Lehrergewerkschaft bekommt sie dafür postwendend eine Abfuhr. Diesmal aber nicht, weil man inhaltlich anderer Meinung ist.

„Wenn die Ministerin öffentlichkeitswirksam fordert, dass die Glocke abgeschafft wird, dann muss ich ihr sagen: Sie gibt es an vielen Schulen ohnehin nicht mehr“, sagt Pflichtschullehrervertreter Paul Kimberger zur „Presse“. Die Abschaffung der 50-Minuten-Einheiten hält er zwar für positiv, die Ankündigung der Abschaffung allein sei aber zu wenig. Es brauche ein alternatives pädagogisches und organisatorisches Konzept. Das Lehrerdienstrecht müsse ebenso wie die Stundentafel adaptiert werden. „Die Abschaffung der 50-Minuten-Einheiten als große Autonomiereform zu verkaufen ist lächerlich“, so Kimberger. Er glaube nicht, dass es Zufall sei, dass Heinisch-Hosek ihr Reformvorhaben kurz vor dem SPÖ-Parteitag verkündet. (j.n.)

 

 

"Kronen Zeitung" vom 14.09.2014                           Seite: 38,39

Ressort: Reportage

 

Wi, Abend, Bgld, Ktn, Wi, N.Ö., O.Ö., Stmk, Vbg, Wi, Ti, Sbg, Morgen

 

Er ist der einflussreichste Bildungsforscher der Welt: Professor John Hattie aus Neuseeland. Im Interview gibt er Österreich Tipps für den Weg an die Spitze.

 

"Setzt vollauf eure guten Lehrer!"

 

   John Hattie (60) bei einem seiner Vorträge in Europa: Er hat den "Hattie-Faktor" und das "Hattie-Ranking" in die Schuldebatten auf der ganzen Welt gebracht.

 

   Professor Hattie, was wissen Sie über das Bildungssystem in einem kleinen europäischen Land, 18.000 Kilometer westlich von Neuseeland, namens Österreich?

 

   Ich habe die PISA-Studie gerade auf meinem Apple aufgerufen. Österreichs Ergebnisse schwanken sehr. Aber obwohl die Werte schlechter geworden sind, gibt es immer noch 140 Länder, die hinter Österreich liegen. Also solltet ihr nicht den Fehler machen, über die Dinge zu diskutieren, die schlecht laufen.

 

   Sondern?

 

   Über die Qualität der Lehrer. Ich weiß, dass ihr eines der teuersten Schulsysteme der Welt habt, und ich habe kein Problem damit, wenn viel Geld in Schulgebäude und Lehrergehälter fließt. Aber natürlich möchte man dann auch gute Ergebnisse sehen. Deshalb ist mein Rat: Setzt voll auf eure guten Lehrer! Ich bin sicher, dass 50 Prozent eurer Lehrer einen hervorragenden Job machen. Diese Rate sollte Österreich durch bessere Ausbildung, durch klare Leistungsdefinition und entsprechende Wertschätzung erhöhen.

 

   Was zeichnet gute Lehrer aus?

 

   Das sind jene Lehrer, die sich - unabhängig von ihrem Alter - ihrer eigenen Wirkung sehr bewusst sind, die sich ständig hinterfragen und überprüfen, die sich dafür verantwortlich fühlen, dass alle Kinder in ihrer Klasse etwas lernen. Die eine Haltung mitbringen, die zum Lernen ermutigt und Fehler zulässt. Dafür sollten Lehrer bezahlt werden. Das ist auch der Unterschied zwischen durchschnittlichen und exzellenten Lehrern.

 

   Sind Sie demnach für ein leistungsorientiertes Gehaltssystem?

 

   Nun, das ist eine großartige Idee, aber von allen 60 leistungsorientierten Systemen, die ich weltweit überprüft habe, funktioniert kein einziges. Besser ist es, wenn Direktoren an ihren Schulen einen Leistungsnachweis erbringen müssen und dafür mehr finanzielle Mittel bekommen.

 

   Wie sollte man mit Migration an den Schulen umgehen?

 

   Sicher muss man verlangen, dass Eltern - und eben auch Kinder -, die in ein Land kommen, als Erstes die Sprache lernen müssen. Das kann in eigenen Sprachklassen passieren, aber auch in gemischten Klassen, wo die einen von den anderen lernen. Im Einzelfall sollte man das der Expertise der Lehrer überlassen.

 

   Wie sehen Sie die Diskussion über die Gesamtschule?

 

   Dass Östereich überhaupt noch darüber diskutiert, ist bemerkenswert. Kinder mit 10 Jahren zu selektieren ist eine Sünde. Man nimmt ihnen die Chance, sich zum Besseren zu entwickeln.

 

   Kommt die Leistungsförderung nicht zu kurz, wenn man alle Kinder in der gleichen Schule unterrichtet?

 

   Es gibt keinerlei Untersuchungen weltweit, die das bestätigen. Ich weiß, dass Lehrer es leichter finden, Kinder zu unterrichten, die einander, was ihre Leistungen betrifft, sehr ähnlich sind. Aber es geht hier nicht um die Lehrer,

 

   es geht um das Wohl und

 

   die Entwicklung unserer Kinder.

 

   Wie oft wurden Sie eingeladen, in die Politik zu gehen?

 

   Ich war schon Berater sehr vieler Bildungsminister. Ich spiele also eine gewisse Rolle in der Politik. Aber als Forscher war es mir immer wichtig, unabhängig zu bleiben. Nur so kann ich erfolgreich sein.

 

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Seine Arbeit

 

   Der neuseeländische Bildungsforscher und Professor an der University of Melbourne John Hattie hat in einer Studie mit mehr als 800 Analysen, die wiederum 50.000 Einzelstudien zusammenfassen, untersucht, was guten Unterricht ausmacht. 250 Millionen Schüler weltweit waren an seinen Untersuchungen beteiliegt. Sein Buch "Visible Learning" (seit 2013 auch auf deutsch erhältlich) liefert die umfangreichste Darstellung der weltweiten Unterrichtsforschung und machte Hattie zu einer internationalen Größe. Insgesamt bewertet er 136 Faktoren, die das Lernen fördern oder hemmen. Seine Erkenntnisse stehen im Gegensatz zu allen bildungspolitischen Diskussionen - auch in Österreich. Denn Hattie geht es nur um das Lehren und Lernen.

 

 

 

"Kronen Zeitung" vom 14.09.2014                            Seite: 2,3

Ressort: Politik

 

Wi, Abend, Bgld, Ktn, Wi, N.Ö., O.Ö., Sbg, Stmk, Ti, Ti, Vbg, Wi, Morgen

 

"Krone"-Serie bringt Bewegung in die stockende Debatte

 

Schule: Lehrer erstmals offen für Reform

 

   VON DORIS VETTERMANN

 

Wien. - In die Schuldebatte ist nun frischer Wind gekommen. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek will die starren 50-Minuten-Einheiten auflösen sowie die Autonomie der Schulen stärken. Und erstmals signalisiert auch die mächtige Lehrergewerkschaft Zustimmung zu diesen Reformen.

 

   Bei der Regierungsklausur Ende September in Schladming will die Unterrichtsministerin ihr Schulautonomie-Paket vorlegen. Bis dahin tagt die Bund-Länder-Arbeitsgruppe, und auch Gespräche mit den Sozialpartnern sind geplant. Das Ziel von Gabriele Heinisch-Hosek: die starren 50-Minuten-Einheiten abschaffen und statt dessen längere und auch fächerübergreifende Projektarbeiten.

 

   Die Forderung ist nicht neu. Immer wieder betonen Experten, dass die Schule mehr Autonomie und mehr

 

   Flexibilität brauche. Dass es nicht sinnvoll sei, wenn die Kinder aus dem Rhythmus gerissen werden und sich gleich dem nächsten Fach widmen müssen. Und dass die fixe Zeiteinteilung eine Vertiefung des Stoffes verhindere.

 

   Die ÖVP zeigt sich dem Vorstoß der Ministerin gegenüber offen, und auch die sonst so sture Lehrergewerkschaft signalisiert Zustimmung. "Ich bin grundsätzlich dafür", so Pädagogen-Vertreter Paul Kimberger im Gespräch mit der "Krone". Einen Seitenhieb auf Heinisch-Hosek kann er sich dennoch nicht verkneifen: "Was die Abschaffung des 50-Minuten-Unterrichts betrifft, sind viele Schulen schon viel weiter, als die Ministerin meint."

 

   Kimberger stellt auch klar, dass dies nicht der einzige Punkt einer Reform sein könne. Es müssten mehr Entscheidungen direkt an den Schulstandorten gefällt werden.

 

   Lesen Sie auch den letzten Teil der "Krone"-Schulserie, ein Interview mit dem einflussreichen Bildungsforscher John Hattie (S. 38/39).

 

 

"Österreich" vom 14.09.2014                                  Seite 14

Ressort: Politik

 

Sonntag

 

5 Forderungen von Andreas Salcher

 

Schule:So werden wir Weltspitze

 

Bildungsreform. Schulexperte Andreas Salcher ist nun Berater des Vizekanzlers. Seine Tipps.

 

Seit Jahren tritt Bestsellerautor Andreas Salcher für eine Reform der Bildung ein. Jetzt kann er seine Ideen aktiv in die Politik einbringen.

 

Offenheit. Durch sein Engagement soll Bewegung reinkommen: Andreas Salcher (53) ist einer der führenden Bildungsexperten im Land. Seit Jahren gilt der Bestsellerautor als Kritiker des heimischen Bildungssystems. Jetzt hat er eine vollkommen neue Rolle: Er berät den neuen ÖVP-Chef und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner in Sachen Bildung. Salcher im Interview mit ÖSTERREICH am SONN-TAG: "Ich berate den Vizekanzler pro bono in meiner staatsbürgerschaftlichen Verantwortung in der Hoffnung, dass sich in der Bildungsfrage endlich etwas tut. Die ÖVP muss sich als Partei der offenen Gesellschaft und der offenen Schulen präsentieren. In den vergangenen drei Jahren gab es hier Stillstand."

 

Geld. Für ÖSTERREICH am SONNTAG präzisiert Salcher in fünf Punkten (siehe Kasten rechts) die wichtigsten bildungspolitischen Notwendigkeiten, um Österreichs Schüler wieder an die Spitze zu bringen. Salcher: "Ich richte mich mit meinen Forderungen an die gesamte Bundesregierung. Zur Umsetzung der fünf Punkte braucht man auch nicht viel Geld. Wir haben das zweitteuerste Schulsystem in der Europäischen Union. Das Geld ist also da, man muss es nur richtig einsetzen. Ich wünsche mir für unsere Kinder, dass wir uns in Sachen Bildung mehr zutrauen! Das öffentliche Bewusstsein ist jedenfalls mehr als bereit für eine große Bildungsreform."

 

Experte Salcher fordert: »Müssen uns bei der Bildung mehr zutrauen!«

 

n Forderung 1: Wir brauchen die besten Kindergärten und Volksschulen der Welt. Es ist die zentrale Forderung von Bildungsexperten Andreas Salcher: "In den Kindergärten und Volksschulen wird die Lernfreude der Kinder angeregt, sie lernen am schnellsten. Wir brauchen einen nationalen Konsens für die Aufwertung von Kindergärten und Volksschulen. Kindergartenpädagogen sollten die bestmögliche, d. h. auch eine universitäre Ausbildung erhalten."

 

n Forderung 2: Soziale und kognitive Kompetenzen gleich stark fördern. Salcher erklärt: "Die Talente von Schülern sollten vom Schuleintritt an regelmäßig erfasst und weiterentwickelt werden. Wir müssen Kinder auf allen Ebenen so gut wie möglich fördern."

 

n Forderung 3: Den Weg für ein modernes Lehrerbild ebnen. Das Lehrerdienstrecht müsse vollkommen reformiert werden, so Salcher. Er betont: "Wir müssen weg von den 50-Minuten-Einheiten, hin zu mehr Flexibilität und einem fairen Jahreszeitarbeitsmodell. Lehrer sollten mehr in Teams arbeiten, auch die engen Grenzen zwischen Fächern entsprechen nicht mehr unserer Zeit. Lehrer sollen in Zukunft acht Stunden am Tag in der Schule arbeiten, die Schule kann aber autonom entscheiden, wie die Zeitaufteilung zwischen Unterricht, Coaching, Elternarbeit oder auch Betreuung von Projekten stattfindet."

 

n Forderung 4: Volle pädagogische Autonomie für Schulen. "Direktoren sollen gestärkt werden. Sie sollen politisch unabhängig von einer Schulkommission auf Zeit bestellt werden", so Salcher. Ziel: "Jeder Direktor soll seine Schule wirklich führen. Wir können das den Direktoren zutrauen - so wie wir uns insgesamt bei der Bildung mehr zutrauen müssen."

 

n Forderung 5: Ja zur echten Ganztagsschule. Gegen die echte Ganztagsschule gebe es Vorbehalte, so Salcher. Doch: "Fast niemand weiß, wie sie wirklich aussieht. Vorteile der echten Ganztagsschule sind: Das Lehrerteam kann autonom festlegen, wie die Zeiteinteilung zwischen Lehrervortrag, Projektunterricht oder Erholungszeit aussieht. Zwischen 16 und 17 Uhr endet die Schule und die Abende sind frei -auch für die Eltern."

 

 

"Österreich" vom 14.09.2014                                  Seite 10

Ressort: Politik

 

Wien

 

Grund sei ein höherer Personalbedarf

 

Schulautonomie: Lehrer fordern jetzt mehr Geld

 

Die Pädagogen bremsen bei der Idee den 50-Minuten-Einheiten abzuschaffen.

 

Wien. Am Freitag ließ Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) aufhorchen -mit einer Schulautonomie sollen die starren 50-Minuten-Einheiten des Unterrichts praktisch abgeschafft werden. Doch die Ministerin hat nicht mit der Reaktion der mächtigen Lehrergewerkschafter gerechnet. Chef-Verhandler Paul Kimberger fordert im Gegenzug für f lexiblere Unterrichtszeiten nämlich mehr Geld für die Pädagogen.

 

Bedarf. Er argumentiert, dass mehr Lehrer und Unterstützungspersonal für das angedachte System notwendig wären. Zwar betont Kimberger, dass die Lehrer grundsätzlich gesprächsbereit wären, so ganz will er der Ministerin aber auch inhaltlich nicht entgegenkommen: "Man kann sicher nicht jegliche zeitliche Regelung abschaffen. Da hängt alles vom Gesamtkonzept ab."

 

Ankündigung. Heinisch-Hosek will jetzt verhandeln. Bei der Regierungsklausur Ende September soll dann ein Autonomie-Paket vorliegen.

 

 

"Die Presse" vom 13.09.2014                                Seite: 7

Ressort: Inland

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Schule: Ende für 50-Minuten-Takt

 

   Die Bildungsministerin kündigt Reform an. Die Lehrer zweifeln.

 

   Wien. Via Tageszeitung "Kurier" kündigte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) am Freitag an, sowohl die Schulglocke als auch die 50-Minuten-Einheiten abschaffen zu wollen. Von der Lehrergewerkschaft bekommt sie dafür postwendend eine Abfuhr. Diesmal aber nicht, weil man inhaltlich anderer Meinung ist.

 

   "Wenn die Ministerin öffentlichkeitswirksam fordert, dass die Glocke abgeschafft wird, dann muss ich ihr sagen: Sie gibt es an vielen Schulen ohnehin nicht mehr", sagt Pflichtschullehrervertreter Paul Kimberger zur "Presse". Die Abschaffung der 50-Minuten-Einheiten hält er zwar für positiv, die Ankündigung der Abschaffung allein sei aber zu wenig. Es brauche ein alternatives pädagogisches und organisatorisches Konzept. Das Lehrerdienstrecht müsse ebenso wie die Stundentafel adaptiert werden. "Die Abschaffung der 50-Minuten-Einheiten als große Autonomiereform zu verkaufen ist lächerlich", so Kimberger. Er glaube nicht, dass es Zufall sei, dass Heinisch-Hosek ihr Reformvorhaben kurz vor dem SPÖ-Parteitag verkündet. (j. n.)

 

 

"Kurier" vom 13.09.2014                                   Seite: 24

Ressort: Leben

 

Wi, Abend, Länder, Morgen

 

Stärken stärken: Ein flexibler Stundenplan macht's möglich

 

   Drehtürmodell.Auch talentierte Schüler in den Regelklassen werden in der Keimgasse besonders gefördert. "Voraussetzung dafür ist vor allem Flexibilität der Lehrer", sagt Martin Seitz, Koordinator der Begabungsförderung.

 

   15 bis 20 Prozent der Schüler nützen sogenannte Drehtür-Modelle: Schüler lernen während ihres Unterrichts in einer anderen Klasse mit. "Manche besuchen das gleiche Fach in einer höheren Klasse. Oder sie lernen ein Fach dazu, das in ihrem Curriculum nicht enthalten ist, z. B. eine weitere Fremdsprache. Oder sie bereiten sich in einer Gruppe auf einen Wettbewerb wie die Mathe-Olympiade vor." Natürlich müssen sie den Stoff ebenso beherrschen wie die anderen Schüler ihrer Stammklasse. Das müssen sie sich aber selbst organisieren."

 

   Meist würden die Schüler von ihrem Lehrer für den Zusatzunterricht vorgeschlagen, manche interessieren sich aber auch von selbst für ein bestimmtes Thema. "Im Trend liegt gerade, gemeinsam ein Buch zu schreiben."

 

Manche Schüler nutzen externe Angebote. "Wir senden Schüler etwa zur Kursen der NÖ Begabtenakademie." Seitz fragt dann seine Kollegen: "Es gibt einen Kurs zur Chaostheorie. Wollt ihr jemanden vorschlagen?"

 

 

"Kronen Zeitung" vom 13.09.2014                           Seite: 28,29

Ressort: Lokal

 

Stmk, Ktn, Ti, Bgld, Wi, N.Ö., Sbg, Vbg, Wi, O.Ö., Morgen

 

Was an unseren Schulen falsch läuft: Unter diesem Motto haben uns Schüler, Eltern und Lehrer Kritik, Lob und Ideen geschickt. 10 Forderungen stellen siean die Politik. Wir haben sie der Ministerin übergeben.

 

Die Gebote unserer Leser

 

   Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek mit dem Zehn-Punkte-Programm der "Krone" (li.), im Gespräch mit Isabella Kubicek

 

   (o. M.) und Conny Bischofberger.

 

   Eine Stunde lang nimmt sich Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek Zeit, die "10 Gebote" unserer Leserinnen und Leser mit uns zu diskutieren - dann trifft sie Vizekanzler Mitterlehner; es geht um ihr Schulautonomie-Paket. So soll die starre 50-Minuten-Unterrichtseinheit bald der Vergangenheit angehören.

 

   "Ich habe natürlich jede Folge der ,Krone‘-Serie gelesen", sagt die Ministerin, "da wurde nach einer eher negativen Einstiegssequenz das Bild der Pädagoginnen und Pädagogen sehr echt gezeichnet. Gemeinsam mit Kommentaren von Experten und Menschen, die im Schulberuf tätig sind, war das eine spannende Mischung."

 

   Neun Punkte wünscht sie sich für Österreich

 

   Das grüne Plakat mit den zehn Forderungen, die sich aus der "Krone"-Schul-App, aus den Schul-Foren auf krone.at, aus Leserbriefen und Meinungen zur Serie "Ein Land macht Schule" herauskristallisiert haben, liegt auf dem Besprechungstisch vor ihr. Punkt 10 - "Wir sind kein Spielball der Politik!" - sticht ihr sofort ins Auge. "Wenn dieser Eindruck entsteht, dann müssen wir Politiker sofort dran arbeiten. Ich glaube, dass wir da durch die Neuausrichtung der ÖVP künftig ein besseres Bild abgeben können. Mit dem neuen Vizekanzler wollen wir bei der Bildungspolitik Tabus brechen und neue Wege gehen." Die neun anderen Punkte seien ihr geläufig. "Das sind alles Dinge, die ich mir für unser Bildungssystem in Österreich wünsche", sagt Heinisch-Hosek.

 

   Wir greifen zwei heikle Punkte aus dem Ranking heraus. Punkt 4: Klassen durchmischen. Werden Schulklassen mit 84 Prozent Kindern, die nicht oder nicht genügend Deutsch sprechen, wie zum Beispiel an der Wiener Neustädter Otto-Glöckel-Schule, in Zukunft zu verhindern sein? "Ich glaube, man kann mit einer Sprachenvielfalt guten Unterricht machen. Aber das Ziel muss sein, mit wenig Sprachdefiziten in die Schule einzusteigen." Punkt 7: Eltern einbinden. Da fordern viele Leser, dass auch Eltern von Schulkindern Pflichten haben. Kommen sie diesen - zum Beispiel dem Erlernen der deutschen Sprache oder der Schulpflicht - nicht nach, sollte man eine Kürzung der Sozialleistungen diskutieren. "Selbstverständlich muss man Eltern an ihre Pflichten erinnern und mit denen Tacheles reden", stimmt Heinisch-Hosek zu, "aber bevor man diesen allerletzten Schritt gehen würde, sollte man Gespräche führen."

 

   Wir fragen die Bildungsministerin, warum nicht sie den Bildungsexperten Andreas Salcher in ihr Team geholt hat, sondern ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner. "Andreas Salcher ist hier gesessen, wo Sie jetzt sitzen, wir sind in vielen Bereichen auf einer Wellenlänge. Ich freue mich, dass er die ÖVP berät, denn das gibt mir eine bessere Gesprächsbasis mit dem Koalitionspartner."

 

   "Beste Lehrer" steht bei den Anliegen der "Krone"-Leser an oberster Stelle - bestens ausgebildete Pädagogen mit Arbeitszeiten von 8 bis 16 Uhr, aber auch mit eigenen Arbeitsplätzen. Wird das umsetzbar sein mit dem starren Lehrerdienstrecht? "Das haben wir gerade neu verhandelt, auch die Ausbildung aller Lehrerinnen und Lehrer schließt da an, dieses große Konstrukt wächst jetzt zusammen." Zum viertteuersten Schulsystem der Welt sagt die Ministerin: "Man kann nicht von heute auf morgen alles wegrationalisieren, aber die Bezirksschulräte haben wir schon abgeschafft."

 

   Warum scheitert dann jede Reform (und fast jeder Minister) letztendlich immer an ideologischen Grabenkämpfen zwischen links ("Chancengerechtigkeit") und rechts ("Leistungsförderung")? "Das eine schließt das andere nicht aus", so Heinisch-Hosek. "Die Schwächeren orientieren sich an den Guten, und die Guten können Schwächere unterstützen."

 

   MORGEN LESEN SIE: Der einflussreichste Schulforscher der Welt im Interview

 

Morgenjournal, 13.9.2014

50 Minuten: Lehrer wollen mehr Personal

Regina Pöll

Die Schulautonomie stärken und die starren 50-Minuten-Einheiten an den Schulen auflösen: Diesen neuerlichen Vorstoß von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, SPÖ, lehnt die Lehrergewerkschaft nicht grundsätzlich ab, sie nennt aber bestimmte Voraussetzungen.

Ruf nach mehr Lehrern

Längere Projektarbeiten an den Schulen statt fixer 50-Minuten-Einheiten. Diesem Vorschlag von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, SPÖ, kann Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Paul Kimberger grundsätzlich etwas abgewinnen, aber: die Abschaffung der 50-Minuten-Einehiten sei zu wenig. Es bedürfe eines pädagogischen Konzepts.

Und deshalb brauche es vor allem mehr Lehrerinnen und Lehrer und auch mehr Unterstützungspersonal, sagt Kimberger. Nur dann könne man Schüler und Schülerinnen etwa bei stundenlangen Projekten jenseits der typischen Schulstunden besser fördern.

Einen zusätzlichen Bedarf an Geld, vor allem für Personal, sieht auch der ebenfalls ÖVP-nahe AHS-Lehrervertreter Eckehard Quin. Er zögert beim Vorschlag der Ministerin aber vor allem aus pädagogischen Gründen. Zu lange Unterrichtseinheiten könnten Schülerinnen und Schüler überfordern.

Und auch aus organisatorischen Gründen warnt Quin vor Projekttagen, die von der üblichen Unterrichtszeit abweichen. Das könnte vor allem auf dem Land Schwierigkeiten bringen, beginnend mit der An- und Abreise.

Beide Gewerkschafter betonen, dass eine Auflösung der 50-Minuten-Einheiten an den Schulen nur im Rahmen eines ganzen Schulautonomie-Pakets kommen dürfe - etwa mit mehr Freiheit bei der inhaltlichen Schwerpunktsetzung an den Schulen, aber auch bei Verhaltenskodizes oder bei der Begabtenförderung.

 

Morgenjournal, 13.9.2014

Lehrlingscoaching wird ausgeweitet

Katja Arthofer

Jeder zwölfte Jugendliche bricht seine Ausbildung vorzeitig ab. Das sogenannte Lehrlingscoaching soll helfen: Lehrlinge, die ihren Ausbildungsplatz zu verlieren drohen, werden beraten - ebenso die betroffenen Unternehmen. Das Pilotprojekt in derzeit vier Bundesländern soll auf Grund der bisherigen Erfolge ausgeweitet werden. Wirtschaftsminister Mitterlehner will bis zu fünf Millionen Euro im Jahr zur Verfügung stellen.

 

Heute – 15. September 2014

 

Schulautonomie

Lehrer: Für Hosek-Plan sind mehr Kollegen nötig

Gesprächsbereit, aber mit Forderungen reagiert die Lehrergewerkschaft auf den Plan von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Die Sozialdemokratin hat vorgeschlagen, dass Schulen künftig über Dauer bzw. Verteilung der Unterrichtseinheiten selbst entscheiden sollen, also die derzeitigen 50-Minuten-Einheiten flexibler gestalten können.

 

Was halten Sie von einem Aus der 50-Minuten-Stunde?

Ich bin dagegen. Eine Abschaffung der 50-Minuten-Unterrichtseinheiten würde nur Chaos bringen.

Ich bin dagegen. Ich glaube nicht, dass ein Ende dieser Einheiten irgend etwas bringen würde.

Ich bin dafür. Die Schulqualität ist nicht besonders. Wieso also nicht eine Änderung ausprobieren.

Ìch bin dafür. Warum werden sonst Bildungsexperten befragt, wenn man erst nicht macht, was sie sagen.

 

"Man kann sicher nicht jegliche zeitliche Regelung abschaffen. Das hängt alles vom Gesamtkonzept ab", sagt Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Paul Kimberger (von der FCG) im "Kurier". Es brauche ein alternatives pädagogisches und organisatorisches Konzept, fordert er auch in der "Presse".

Mehr Personal
Konkret denkt Kimberger da an mehr Lehrer und mehr Unterstützungspersonal. Zusätzlichen Geldbedarf vor allem für Personal sieht auch AHS-Lehrervertreter Eckehard Quin (FCG). Gegenüber Ö1 äußert er auch seine Bedenken: Zu lange Unterrichtseinheiten könnten Schüler überfordern und Projekttage, die von der üblichen Unterrichtszeit abweichen, könnten am Land zu organisatorischen Problemen bei der An- und Abreise führen.

Inhaltliche Schwerpunkte
Beide Gewerkschafter betonen, dass es ein ganzes Schulautonomie-Paket brauche, etwa auch mit mehr Freiheit bei der inhaltlichen Schwerpunktsetzung an den Schulen. Heinisch-Hosek hatte angekündigt, bei der Regierungsklausur Ende September ein Schulautonomie-Paket vorlegen zu wollen. Die ÖVP hat sich bisher bedeckt gehalten.

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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