Montag, 29. September 2014

2014.09.29.: Newsletter Bildung

Österreich – 29. September 2014

 

Im 1. und 2. Jahr - Schulen dürfen 50-Minuten-Stunde kippen

Deutschkurse in Volksschulen

 

Alle Kinder sollen gleich zu Beginn ihrer Schullaufbahn gut Deutsch lernen.

 

Wien. In Schladming wurde ein Paket beschlossen, das laut Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) u. a. Intensivsprachkurse in den Volksschulen vorsieht. Die wichtigsten drei Punkte des Pakets:

 

Kindergärten &Volksschulen: Im letzten Kindergartenund in den ersten beiden Schuljahren wird der Schwerpunkt auf Deutsch gelegt, bei Kindern mit Sprachproblemen sollen Intensivkurse starten. ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer: "Das stellt sicher, dass die Kinder entsprechende Deutschkenntnisse vor Schuleintritt haben."

 

Autonomie: Schulen können mit 2/3-Mehrheit das 50-Minuten-Schema über den Haufen werfen. Direktoren haben mehr Einfluss auf die Personalwahl.

 

Tägliche Turnstunde. Ab dem Schuljahr 2015/16 soll sie in Ganztagsschulen kommen, so Heinsch-Hosek. (gü)

 

 

 

 

Salzburger Nachrichten – 29. September 2014

 

Für Bildung wird Reformkommission eingerichtet

 

   Schladming. Die Bundesregierung hat bei der Klausur am Samstag ein sechs Punkte umfassendes Bildungsprogramm beschlossen. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) gaben auch die Gründung einer Bildungsreformkommission bekannt. Diese soll rasch ihre Arbeit aufnehmen und strategische Bildungsziele erarbeiten. Die Punkte aus dem Bildungspapier sind großteils bekannt und betreffen unter dem Schlagwort „Schulstart neu“ etwa die Übergangsphase vom Kindergarten in die Volksschule. Laut Heinisch-Hosek sollen Kinder von fünf bis sieben Jahren besser vom Kindergarten in die Schule begleitet werden. Gestärkt werden soll die Schulautonomie, die tägliche Bewegungseinheit oder Turnstunde ist ebenfalls im Papier genannt und soll an jeder ganztägigen Schule Realität werden.

 

 

 

 

Die Presse – 29. September 2014

 

Philosoph Liessmann: "Permanente Reformiererei ist irritierend"

Philosoph Liessmann kritisiert, dass Lehrer mit Reformideen zugeschüttet werden und es der Bankrott der Bildungspolitik sei, die Wissensvermittlung hintanzustellen.

 

Die Presse: Sie greifen in Ihrem Buch sogenannte Bildungsexperten scharf an. Ist da ein kleines bisschen Selbsterkenntnis dabei? Immerhin melden Sie sich auch ganz gern zu Wort, wenn es um Bildung geht.

Konrad Paul Liessmann: Selbsterkenntnis ist ja immer eine Tugend des Philosophen, seit der Antike. Und ein bisschen Selbstironie ist natürlich auch dabei. Aber diese Experten melden sich mit überzogenen, realitätsfernen Ideen zu Wort, mit wohltönenden, aber hohlen Phrasen. Und sie richten mehr Schaden an, als sie Nutzen bringen.

 

Verstehen Sie sich selbst eigentlich auch als Experte?

Überhaupt nicht. Als Philosoph ist man ja per Definition kein Experte, sondern „Spezialist für das Allgemeine“. Ich verstehe mich einfach als kritischer Bürger, der aufgrund einer langjährigen Tätigkeit im Bildungssystem den einen oder anderen Einblick gewonnen hat.

 

Man gewinnt in Ihrem Buch den Eindruck, im Schulsystem könnte alles wunderbar sein – hätte man nicht angefangen, es zu reformieren. Haben Sie da ein verklärtes Bild der Vergangenheit?

Ich habe überhaupt kein verklärtes Bild der Vergangenheit und will auch nicht zurück. Die permanente Reformiererei ist aber irritierend und verunsichernd und oft schlicht kontraproduktiv. Wir brauchen eine Beruhigung. Es ist erschreckend, wie sehr modische Diskurse bestimmen, wie Unterricht gestaltet wird.

 

Manche würden jetzt sagen: „Was ist denn schlecht an ein bisschen Projektunterricht?“

Gar nichts: Ein bisschen wäre wunderbar. Aber es gibt den weisen Satz des alten Aristoteles: Auch das Gute wird zu einem Übel, wenn es im Übermaß passiert. Ich kritisiere, dass ideologisiert und verabsolutiert wird.

 

Genau das tun Sie also nicht.

Ich habe keine pädagogische Heilslehre zu verkünden. Mir geht es nicht um ein Entweder-oder, z.B. Projektunterricht oder Frontalunterricht. Darum geht es den anderen. Ein sinnvolles Wechselspiel: Darauf käme es an. Ähnliches gilt für die Kompetenzorientierung: Diese würde ich sofort zurückfahren und auf ein erträgliches Maß reduzieren.

 

Sie ist Ihnen ja ein besonderer Dorn im Auge. Dass man Wissen ohnehin nachlesen kann, findet nicht Ihre Zustimmung, oder?

Nein. Wer will, dass die Menschen dumm bleiben, suggeriert ihnen, dass sie ohnehin alles wissen können. Wissen hat immer mit Verstehen zu tun. Es ist nach wie vor eine zentrale Aufgabe von Schule, Wissen in diesem Sinn zu vermitteln. Es ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung, wenn man sich davor drückt.

 

Wenn jeder vierte 15-Jährige nicht sinnerfassend lesen kann, ist Wissensvermittlung schwierig. Sehen Sie das nicht so?

Natürlich. Aber für dieses Problem gibt es nicht die eine Ursache. Manches wird gern ausgeblendet. Etwa die Bedeutung der Neuen Medien. Oder die Lese- und Schreibdidaktik. Diese ganzen Moden, die die armen Volksschullehrer mitmachen müssen! Dabei weiß man seit der Antike, wie man lesen lernt. Das muss man nicht ständig neu erfinden.

 

Viele Lehrer werden sich jetzt wohl bestätigt fühlen.

Sie sind sicher froh, dass sie einmal nicht mit noch einer Reformidee, noch einem Erlass, noch einer Handreichung zur Kompetenzorientierung, noch einem Fragebogen zugeschüttet werden, sondern in ihrer Tätigkeit ernst genommen werden.

 

Sie kritisieren auch die überhöhten Ansprüche vieler Experten. Was ist schlimm an Ansprüchen?

Mir geht es um diese dumme Superlativrhetorik. „Die weltbeste Schule“: Da stellt es mir alle Haare auf. Aber gerade ich beklage den inhaltlichen Anspruchsverlust in der Schule. Ich beklage zB., dass Maturanten in Deutsch keine Ahnung mehr von Literatur haben müssen, sondern drittklassige Texte „bearbeiten“ sollen, nur weil da irgendetwas von Mensch und Natur drinnensteht und sie damit irgendeine Kompetenz unter Beweis stellen sollen. Grauenhaft!

 

ZUR PERSON

 

Konrad Paul Liessmann (61) ist ein österreichischer Philosoph, der an der Universität Wien lehrt. Einer seiner Schwerpunkte ist Bildungsphilosophie und Bildungstheorie. Liessmann wurde in Villach geboren und studierte an der Uni Wien Germanistik, Geschichte und Philosophie. Liessmann wurde für das Jahr 2006 mit dem Titel Wissenschaftler des Jahres ausgezeichnet. Heute, Montag, erscheint sein aktuelles Buch, „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift“. Zsolnay-Verlag, 190 Seiten, 18,40 Euro.

 

 

 

 

Die Presse – 28. September 2014

 

Ein Bildungspaket zur Ablenkung

 

Das bildungspolitische Dauerthema Gesamtschule sollte die Klausur nicht überschatten. Die Regierung präsentierte deshalb die Einigung auf ein Sechs-Punkte-Programm im Bildungsbereich.

 

   Reinhold Mitterlehner ist dort angelangt, wo er sein will. Na ja, fast zumindest. Das "Vize" könnte bei seiner Jobbeschreibung aus seiner Sicht vielleicht noch verschwinden. Aber sonst genoss er bei seiner ersten Klausur als Vizekanzler und ÖVP-Chef sichtlich die Aufmerksamkeit. Bei der Abschlusspressekonferenz am Samstag in Schladming wurde gescherzt und gelacht - vor allem von Mitterlehner selbst. Die gute Laune färbte aber auch auf den Kanzler ab. Werner Faymann wurde nicht müde zu betonen, wie gut die Zusammenarbeit zwischen den beiden sei: "Man hat das Gefühl, es ist ein Team, nicht zwei oder drei, die zusammenarbeiten", sagte er.

 

   Auch inhaltlich machte sich der schwarze Obmannwechsel bemerkbar - zumindest in Sachen Bildung. "Wir gehen entspannt an das Thema Gesamtschule heran", sagte Mitterlehner. Nun wolle er zuerst die Evaluierung der Neuen Mittelschule (NMS) abwarten, die im Jänner 2015 abgeschlossen sein sollte, und dann könne man darüber reden, ob man weitere Modellregionen zur Gesamtschule schaffe. Eine Äußerung, die man von Ex-ÖVP-Obmann Michael Spindelegger so keinesfalls gehört hätte. Im Gegenteil: Ihm missfiel es einst gewaltig, dass das schwarze Bundesland Tirol ankündigte, im Zillertal eine Modellregion zur Gesamtschule zu starten. Da spielte es auch keine Rolle, dass es im Zillertal bisher ohnehin nur Haupt- und Neue Mittelschulen gab und damit kein Gymnasium betroffen war. Es ging eben um die Symbolik.

 

   Doch auch Mitterlehner wollte das ideologisch geprägte Thema nicht überstrapazieren. Immerhin sollte bei der Klausur gezeigt werden, dass man die Diskussion im Bildungsbereich von einzelnen Begriffen, wie der Gesamtschule, gelöst habe. Selbst Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), erklärter Fan der Gesamtschule, vermied es augenscheinlich, über das Thema zu reden. Wie könnte eine Ablenkung vom Dauerthema Gesamtschule besser gelingen als mit der Präsentation eines großen Bildungspakets?

 

   Programmpunkte. Die Regierungsspitze präsentierte dementsprechend gemeinsam mit der Bildungsministerin ein Sechs-Punkte-Programm. Auf dieses konnten sich SPÖ und ÖVP vor allem deshalb ohne größere Reibereien einigen, da die Punkte großteils bereits lange vor der Klausur bekannt waren. Einige davon finden sich sogar im Regierungsprogramm. So etwa der erste Punkt, der sogenannte Schulstart neu. Die Regierung will die Übergangsphase vom Kindergarten in die Volksschule reformieren. Volksschullehrer sollten die Kindergärten besuchen - und umgekehrt. Das Ziel: eine bessere Abstimmung. Ganz neu ist das nicht. Schon jetzt läuft an 35 Standorten ein solcher Versuch. Bis 2016/17 soll das Modell flächendeckend umgesetzt sein.

 

   Einen eigenen Reformpunkt und damit Punkt zwei im Konzept widmen die Regierungspartner der Sprachförderung. Doch auch hier war schon vorab bekannt, dass in diese künftig 45 Millionen Euro pro Jahr investiert werden sollen. Der dritte Punkt ist der Bildungsministerin ein besonderes Anliegen: der Ausbau der Schulautonomie. Die einzelnen Standorte sollen sowohl in pädagogischer als auch personeller Hinsicht mehr Gestaltungsspielraum erhalten. Und: Was plakativ als Abschaffung der 50-Minuten-Einheit propagiert wird, ist in Wahrheit ein Abbau von Bürokratie, was die zeitliche Autonomie der Schulen betrifft. Auch jetzt können Stunden geblockt werden, um Projektarbeiten durchzuführen. Künftig sollte das aber organisatorisch einfacher werden.

 

   Angekündigt wurde auch eine Qualitätsoffensive bei den Ganztagsschulen. Geplant sind Betreuungspläne, in denen Kriterien für die Qualität der Freizeit sowie der Lernzeit festgeschrieben werden. Außerdem wünscht sich die Regierung eine Qualitätskontrolle durch die Schulaufsicht. Auch das Dauerthema "Tägliche Turnstunde" durfte im Konzept nicht fehlen. Künftig solle diese in jeder ganztägigen Schule Realität werden. Ein Vorhaben, das die damalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) schon im April 2013 ankündigte. Und zu guter Letzt widmete sich die Regierung in ihrem Papier der Erwachsenenbildung. Hier wurde festgelegt, dass das Nachholen von Pflichtschulabschlüssen in den kommenden drei Jahren kostenlos bleiben soll. Die Details des Sechs-Punkte-Programms soll nun eine achtköpfige Arbeitsgruppe - pro Partei zwei Vertreter vom Bund, zwei von den Ländern - klären.

 

   Die wenigen Neuigkeiten versuchte die Regierung jedenfalls mit dem neuen Zusammenhalt zu kompensieren. Etwa beim gemeinsamen Abendessen auf der Schafalm: Da sangen die Minister Andrä Rupprechter und Johanna Mikl-Leitner (beide ÖVP) gemeinsam Volkslieder, auch Sabine Oberhauser (SPÖ) gesellte sich dazu. Sogar ein gemeinsames Morgenprogramm gab es: Die beiden Klubobleute, Andreas Schieder (SPÖ) und Reinhold Lopatka (ÖVP), trafen sich morgens zum Laufen.

 

 

 

 

Kurier – 27. September 2014

 

"Liebevolle Lehrer sind wichtiger als die Ganztagsschule"

 

   Welche Reform braucht die Schule? Lehrer wollen bessere Räume, Eltern Qualität. Das Gymnasium und die Neue Mittelschule bleiben. Das stellte SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek gleich zu Beginn des KURIER-Gesprächs fest. Titel: "Achtung Schule."

 

   Lehrer und KURIER-Kolumnist Niki Glattauer findet es "schade, dass wir nicht über Gesamtschule reden. Sicher ist es gut, Kindergarten und Volksschule aufzuwerten, wie jetzt geplant. Doch wir brauchen im großstädtischen Bereich mehr Durchmischung. Nur so erfahren Kinder, die zu Hause keine Bildung erleben, diese wenigstens bei anderen."

 

   Ein Systemproblem ortet Glattauer darin, dass es die Ganztagsschule in Wien nicht flächendeckend gibt. Das sei schon wegen der Räume nicht möglich. Die Ministerin verweist darauf, dass man 800 Mio. Euro für Ganztagsschulen ausgegeben hat: "Schon jetzt können verschränkte Ganztagsklassen eingeführt werden, sobald 15 Eltern das wollen. Damit die Klassen voll werden, müssen wir zukünftig bei den Sprengeln flexibler sein." Eva Mersits, AHS-Direktorin, wendet ein: "Ich bin zwar von der Idee der Ganztagsklassen überzeugt. Doch die Eltern nehmen sie nicht an. Die wollen Flexibilität und die Kinder auch einmal früh abholen."

 

   Andere Sorgen hat eine Mutter : "Dass Kinder von den Lehrern geliebt werden, ist wichtiger als eine Ganztagsschule. Leider habe ich erlebt, was das für ein Kind heißt, wenn es von der Pädagogin abgelehnt wird."

 

   Kein Gespür für KinderDie Mutter Alice Pitzinger-Ryba ortet da auch ein Problem: "Viele Junglehrer haben ein emotionales Defizit. Sie wollen den Kindern nichts beibringen, sondern ihnen zeigen, dass sie es besser können." Dabei sind sie oft fachlich schlecht. "Wie kann es sein, dass ein Englisch-Lehrer nie in einem englischsprachigen Land sein musste?"

 

   Über Defizite der Schüler beschwerte sich Michael Scheed, der junge Menschen als Schreibhilfe für seine Kanzlei sucht: "Nur fünf Prozent der Bewerber sind geeignet." Hier herrsche Reformbedarf. Allerdings nicht in jeder Schulform, ist Britta Nahrgang überzeugt: "Die Volksschule hat sich am meisten entwickelt. Daran können sich andere ein Beispiel nehmen."

 

   Es krankt aber nicht nur an der Pädagogik. Die Schulen werden von bürokratischen Vorgaben erstickt. Ein Lehrer berichtet, dass in NÖ noch das Raumprogramm von 1969 gilt. "Schulbauten, wie sie für eine moderne Pädagogik nötig sind, werden nicht gefördert."

 

 

 

 

Ö1-Morgenjournal – 29. September 2014

 

Ö1 Morgenjournal 07:00 (07:00) - Bildungsreform - Interview mit Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ)

 

Williwald Christian (ORF)

   Ein anderes Thema, das sich SPÖ und ÖVP in Schladming vorgenommen haben war die Schule und dazu begrüße ich jetzt Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek im Studio! Guten Morgen!

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Schönen guten Morgen!

 

Williwald Christian (ORF)

   Bevor wir über die Schule reden aber noch kurz zum Thema Steuern: Sie waren in Schladming dabei, aber kennen Sie sich aus was da jetzt herausgekommen ist in Sachen Steuerreform? Also wann kommt wie viel?

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Wir haben uns geeinigt auf ein Entlastungsvolumen von fünf Milliarden plus - Klammer auf, Klammer zu - es kann auch mehr sein. Und wir haben uns auf einen Fahrplan geeinigt. Das ist ganz klar, dass wir bis März/April nächsten Jahres fix feststellen wollen wie das Volumen aussieht, wie die Steuerreform aussehen kann, bis zum Sommer beschließen und dann soll sie, kann sie auch 2015 schon wirken.

 

Williwald Christian (ORF)

   Aber wozu dann das Ganze, wenn es hinterher wieder jeder auf seine Art interpretiert? Die Worte des Finanzministers haben da ganz anders geklungen.

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Wenn wir bedenken, dass vor etlichen Wochen es absolut undenkbar war mit der ÖVP unter anderer Führung an Steuerentlastung zu denken, dann sehe ich durchaus Fortschritte jetzt und wie wir dazu kommen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu entlasten, diesen Weg, das wird sich die Steuerreformkommission anschauen. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass es auch über Vermögensbesteuerung gehen müsste.

 

Williwald Christian (ORF)

   Gut. Dann schauen wir uns jetzt an, ob es in Sachen Bildung konkreter war in Schladming. Sechs Punkte haben Sie da zusammengeschrieben und gemeinsam mit ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner vorgestellt und Barbara Gansfuß hat diese Punkte zusammengefasst. Hören wir uns das kurz an:

 

Gansfuß-Kojetinsky Barbara (ORF)

   Knapp sechs Seiten ist das Sechs-Punkte-Programm lang. Erstes Kapitel: Schulstart Neu. Bildung beginnt bei den Kleinsten. Im letzten Kindergartenjahr und den ersten beiden Schuljahren sollen Kindergartenpädagoginnen und Volksschullehrerinnen eng zusammenarbeiten. Besonderer Schwerpunkt: Die Sprachförderung. Zuerst soll diese Phase an 35 Standorten erprobt, ab 2016/17 flächendeckend umgesetzt werden. Die Ganztagsschule wird ausgebaut, begleitet von einer Qualitätsoffensive. Unter anderem soll festgelegt werden, was ist Lern- und was ist Freizeit? Beschlossen wurde auch eine Bildungsreformkommission. Sie soll strategische Bildungsziele ausarbeiten und aus je vier Vertreten von Bund und Ländern bestehen. Wer das sein soll ist noch nicht bekannt. Scharfe Kritik an diesen Plänen kommt von den Grünen. Bildungssprecher Harald Walser spricht von einem Aufguss des Regierungsprogramms und von einer Bankrotterklärung sozialdemokratischer Bildungspolitik. Offenbar habe Ministerin Heinisch-Hosek die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen aufgegeben. Und auch für die Freiheitlichen sind das alte Hüte mit mehr Fragen als Antworten. Wie geht es also mit der gemeinsamen Schule weiter? Neue Mittelschule soll bis zum kommenden Jänner evaluiert werden. Das will Vizekanzler Reinhold Mitterlehner von der ÖVP abwarten, wie er sagt. Mitterlehner bezeichnete die Bildungsdiskussion nach der Klausur jedenfalls als entkrampft. Es gehe nicht allein um die Frage Gesamtschule. Im Unterschied zu früher gehe man nun systematisch vor.

 

Williwald Christian (ORF)

   Ja, Frau Minister Heinisch-Hosek. Das Wort Gesamtschule traut sich ja schon länger kaum jemand aussprechen, auch die Umschreibung, die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen kommt in dem Programm nicht vor. Warum geben Sie das auf?

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Wie man so schön sagt: Aufgeben tut man einen Brief. Wer weiß, dass die SPÖ immer schon diese gemeinsame Phase, diese gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen befürwortet hat, der kennt sich nicht aus, wenn er jetzt gegenteiliges behauptet. Sechs Punkte in diesem Programm, auf dieser Klausur ebnen den Weg zur besten Bildung. Das wollen wir. Wir wollen bei den Kleinen beginnen, wir wollen Schritt für Schritt Dinge zusammen führen, die bisher nicht zusammen waren. Sprich Kindergartenpädagoginnen und Volksschulpädagoginnen, nämlich im Sinne der Kinder, drei Jahre gemeinsam zu betrachten. Das letzte Kindergartenjahr, die ersten beiden Volksschuljahre und so soll sich der Bildungsweg eines jeden Kindes ohne Nachteile chancengerecht für alle Kinder fortsetzen. Und irgendwann werden wir auch über die 10- bis 14-Jährigen wieder reden. Da bin ich sicher.

 

Williwald Christian (ORF)

   Zu diesen einzelnen Punkten kommen wir gleich, aber ist das nach wie vor ein Ziel? Die gemeinsame Schule?

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Ein Ziel der Sozialdemokratie ist es -

 

Williwald Christian (ORF)

   Das Sie jetzt verfolgen?

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Das machen uns andere Länder vor, dass die gemeinsame Phase, die gemeinsame Zeit der 10- bis 14-Jährigen mit individueller auch Förderung einfach ein besseres Modell ist, weil uns das andere vorzeigen.

 

Williwald Christian (ORF)

   Man hat ja gedacht mit der neuen ÖVP-Führung wird es leichter mit einer Schulreform. Wo sind denn jetzt die großen Fortschritte?

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Es ist insofern ein großer Fortschritt gewesen als wir in der ganztägigen Schule die tägliche Turnstunde verwirklichen wollen. Wir wollen den Schulen selber, die am besten wissen welche Schwerpunkte sie setzen möchten, viel mehr Autonomie einräumen. Das heißt, sie können Zeit flexibel gestalten, sie können die Stunden wie sie jetzt sind auflösen, neugestalten, Schwerpunkte setzen, die Phase für die Kleinen habe ich schon beschrieben. Wir wollen ein großes Augenmerk auf Sprachförderung legen. Das heißt Kinder sollen am Ende der zweiten Klasse wirklich unsere Bildungssprache Deutsch so gut beherrschen, dass vielleicht in der dritten/vierten Klasse für Englisch mehr Platz ist. Auch das kann die Autonomie bieten zum Beispiel. Und wir wollen auch für die Erwachsenen wieder etwas tun, denn leider leider gibt es viele viele Erwachsene, die noch nicht über einen Pflichtschulabschluss verfügen.

 

Williwald Christian (ORF)

   Schauen wir uns diese Eingangsphase ein bisschen näher an. Kindergärten und Volksschulen sollen da enger zusammenarbeiten, sollen in eine gemeinsame dreijährige Schuleingangsphase kommen. Wie darf man sich das in der Praxis vorstellen?

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Das kann man sich so vorstellen, dass beispielsweise Volksschulkinder und Kindergartenkinder Patenschaften bilden, dass die Pädagoginnen einander während eines Jahres, wo die Kinder noch im Kindergarten sind besuchen - samt den Volksschulkindern. Dass hier die Kleinen einfach die Scheu verlieren oder wissen wie es sein wird in der Volksschule und das kann man trainieren, das kann man üben, das kann man spielerisch ein ganzes Jahr lang gemeinsam machen. Man kann Schuleinschreib-Feste gestalten, man kann in dieser Zeit schon Gespräche mit den Eltern forcieren. Das heißt, dass dieser Übergang zwischen dem fünften und dem siebten Lebensjahr so wie es jedes Kind individuell von seinem Tempo her anders vielleicht sieht, dass diese Übergänge gut geschafft werden.

 

Williwald Christian (ORF)

   Anderer Punkt, der zuletzt in Diskussion war: Das Abschaffen wurde es genannt der 50-Minuten-Schulstunde. Da sollte man mehr Flexibilität schaffen. Ist das jetzt vorgesehen oder ist das wieder nur ein ... ein ganz kleiner Schritt, dass man halt Einheiten blocken kann?

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Selbstverständlich ist es vorgesehen, dass man auch eine 50-Minuten-Stunde anders gestalten kann. 30 und 70 wenn man zwei Blöcke zusammen legt. Das wären auch einmal zweimal 50. Oder in 45-Minuten-Einheiten. Sicher gestellt muss jedenfalls sein, dass die Schwerpunkte durchgeführt werden können wie der Schulgemeinschaftsausschuss oder das Klassen- oder Schulforum das beschließen. Sicher muss aber auch gestellt sein, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht über diese Zeit hinaus arbeiten müssen, aber nicht unter dieser Zeit arbeiten sollen. Also hier müssen wir dienstrechtlich alle gemeinsam darauf achten, dass das passt.

 

Williwald Christian (ORF)

   Abschließend: Von dem großen Wurf in der Schulreform traut man sich ja schon fast nicht mehr sprechen, aber aus Ihrer Sicht: Ist das jetzt ein solcher oder wieder nur ein kleiner Schritt?

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Ich sehe das als sechs große Schritte in Richtung Bildungsziele, die wir auch uns selber formulieren wollen in einer Bildungsreformkommission. Wo wollen wir in fünf, in zehn, in fünfzehn Jahren sein und wir beginnen diesmal bei den Kleinen - da freue ich mich über diesen Schwerpunkt - bis hin zu den Erwachsenen. Und ich finde das gut so.

 

Williwald Christian (ORF)

   Frau Minister Heinisch-Hosek, danke für den Besuch im Studio!

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Danke schön!

 

 

 

 

Ö1-Morgenjournal – 28. September 2014

 

Ö1 Morgenjournal 08:00 (08:00) - Regierungsklausur: Sechs-Punkte-Programm für Bildung

 

Kraker Paul (ORF)

   Bei ihrer Klausur in Schladming hat die Regierung ein Sechs-Punkte-Programm für Bildung beschlossen. Bis zum Jänner wird die Neue Mittelschule bewertet dann über eine Modell-Region zur Gesamtschule entschieden. Darüber hinaus wird die Schul-Autonomie ausgebaut. Schulen sollen künftig deutlich mehr selbst entscheiden dürfen. Aus Schladming: Katja Arthofer.

 

Arthofer Katja (ORF)

   Mehr Autonomie und zwar zeitlich und inhaltlich: Die Schulen sollen künftig die Möglichkeit haben Stunden zu blocken, die Pausen flexibel zu gestalten, um damit nicht nur von den starren 50 Minuten-Unterrichtseinheiten abzugehen, sondern auch ganz eigene, neue Gegenstände einzuführen, sagt Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek von der SPÖ.

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Zeit-Autonomie ganz wichtig, also nicht nur die 50 Minuten-Einheit, sondern kann ich einen eigenen Gegenstand mir ansparen in einem Bereich, wo ich glaube, dass das sehr wichtig ist.

 

Arthofer Katja (ORF)

   Verändert wird auch der Schul-Start. Im letzten Kindergartenjahr und den ersten beiden Schuljahren soll es eine enge Abstimmung zwischen den KindergartenpädagogInnen und LehrerInnen geben. Dabei wird vor allem auch auf die Sprachförderung geachtet. Diese Schul-Eingangsphase wird jetzt getestet. 2016/17 soll sie flächendeckend eingeführt werden. Und der bereits beschlossene Ausbau der Ganztagsschulen wird um Qualitätskriterien ergänzt.

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Sodass nicht nur Freizeit gemacht wird, sondern gezielt Freizeit gemacht wird, gezielt die Lernstunde abgehalten wird und wir wollen auch, dass die Schulaufsicht nicht nur ein Auge darauf hat, sondern auch verpflichtet wird zu schauen, was passiert am Nachmittag in unseren Schulen, denn wir wollen, dass das möglichst qualitätsvoll auch passieren kann.

 

Arthofer Katja (ORF)

   Und die Schulen werden am Nachmittag für Trainerinnen und Trainer aus Sportvereinen geöffnet, diese in die Freizeit-Betreuung der Kinder künftig einbezogen.

 

 

 

 

 

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