Sonntag, 5. Oktober 2014

2014.10.06: Newsletter Bildung

Kurier – 6. Oktober 2014

 

Schulreform: "Haben keine magischen Bankomaten" .

Gabriele Heinisch-Hosek vs. Harald Mahrer: Die rote Bildungsministerin und der schwarze Staatssekretär diskutieren ihre Reformpläne.

 

 

 

Wie soll die Bildungsreform weitergehen? Im KURIER-Gespräch zeigen sich SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Staatssekretär Harald Mahrer, der für die ÖVP die Koordination der Bildungsstrategie übernommen hat, betont harmonisch.

KURIER: Frau Bundesministerin, Herr Staatssekretär, was soll später einmal vom Reformduo Heinisch-Hosek und Mahrer in Erinnerung bleiben?

Gabriele Heinisch-Hosek: Nachhaltige Maßnahmen. Die Quote der Kinder, die jetzt über keinen Pflichtschulabschluss verfügen, müssen wir senken. Ich möchte einen Pflichtschulabschluss für alle gewährleisten. Das muss möglich sein.

Harald Mahrer: Die beste Bildung für jedes Kind, kein Prekariat mehr. Dafür brauchen wir die besten Kindergärten, die besten Schulen. Das muss unser aller Ziel sein.

Was soll sich denn konkret ändern, was würden sie künftigen Eltern sagen?

Heinisch: Dass sie in fünf Jahren einen Rechtsanspruch für einen Kindergartenplatz ab dem ersten Lebensjahr haben. Das haben wir derzeit nicht. Aber mit den 300 Millionen Euro für die nächsten vier Jahre wird das möglich sein. Außerdem würde ich sagen: Euer Kind soll sich so wohlfühlen, dass der Übergang vom Kindergarten in die Volksschule reibungslos ist.

Mahrer: Ich würde mir eine ähnliche Idee wie die des Familien-Kind-Passes für die Bildung von Markus Hengstschläger wünschen. Damit könnten wir früh überprüfen, wie die Fertigkeiten sind. Und dann gezielt Kinder fördern, damit beim Eintritt in die Schule Chancengerechtigkeit besteht. Das heißt zum Beispiel Deutsch vor Schuleintritt.

Von Hengstschläger war die Idee, diesen Pass an die Auszahlung von Familienförderungen zu koppeln, damit Eltern mehr auf ihre Kinder schauen.

Mahrer: Es soll ein Mechanismus gefunden werden, damit niemand aus dem System rausrutscht. Ich habe noch keine Lösung parat, aber wir sollten schauen, dass möglichst viele, möglichst schnell auf einen gemeinsamen Stand kommen. Wir müssen wohl unterschiedliche Instrumente dafür anbieten, da bin ich bei der Ministerin – nur Freiwilligkeit bringt nicht immer die Ergebnisse. Wenn Kinder dem Unterricht nicht folgen können, tun wir niemandem etwas Gutes.

Heinisch: Ich bin keine Freundin von Maßnahmen, die an Bestrafungen gekoppelt sind. Ich würde lieber die Eltern begleiten, mit ihnen sprechen. Sie sollen ihre Scheu vor Bildungseinrichtungen verlieren. Jeder Österreicher hat seine eigene Geschichte mit der Schule und soll sich einbringen können.

Aber Sie, Herr Staatssekretär, können sich Sanktionen schon vorstellen?

Mahrer: Ja, und wir sollten sie auch diskutieren. Ich bin für einen evidenzbasierten Zugang: Lassen wir Fakten sprechen. Wenn es ein funktionierendes Modell ist, warum nicht. Und wenn es Menschen gibt, die nicht mitmachen wollen und damit allen schaden, dann ist es total legitim, über Maßnahmen nachzudenken.

Heinisch: Ich befürworte unser Modell, das wir bei der Regierungsklausur vereinbart haben. Mit Frühförderung und einem sanften Übergang in die Schule muss es möglich sein, Defiziten entgegenzuwirken. Aber wo wir uns einig sind: Je früher wir darauf schauen, dass Kinder das lernen, was sie nicht so gut können, desto besser. Wo Eltern nicht einschreiten, müssen das eben die Bildungseinrichtungen tun.

Die Daten, welche Schule wie gut im Vergleich abschneidet, sind nur dem Ministerium und den Schulräten bekannt. Haben die Eltern kein Recht auf diese Daten und mehr Transparenz?

Heinisch: Ich möchte nicht, dass Schule A mit Schulen B und C so verglichen wird, dass einige dann in Bedrängnis kommen. Wir haben ja Feedback-Instrumente.

Mahrer: Ein Schul-Bashing darf keinesfalls die Konsequenz sein.

Was wird Ihr nächster Reformschritt?

Heinisch: Da gibt es vieles. Wir wollen die Schnittstelle der Schule der 14-/15-Jährigen angehen, die berufsbildenden Schulen aufwerten, denn diese sind teils besser als ihr Ruf. Und wir wollen versuchen, dass wir Jugendliche nicht mehr auf ihrem Bildungsweg verlieren.

Mahrer: Oder die duale Ausbildung attraktiver machen, die Industrie zeigt uns, dass das nötig wäre.

Ist das langsame Ende der 50-Minuten Einheiten schon alles, oder kommt in Sachen Schulautonomie noch mehr?

Heinisch: Wir haben drei Punkte am Tisch, die noch verhandelt werden müssen: Zeitautonomie, Pädagogische Autonomie und Personalautonomie. Bei der Personalautonomie sollen Schulen mehr Mitsprache bekommen, wie das konkret aussieht, ist noch zu verhandeln. Und bei der Zeitautonomie planen wir Änderungen, das ist noch eine legistische Herausforderung, weil wir ja derzeit Lehrer nach den 50-Minuten-Einheiten bezahlen.

Mahrer: Für mich heißt Autonomie Gestaltungsmöglichkeiten und Freiräume. Die Schulleitungen wissen am besten, wie sie Lehrer-, Eltern-, und Schüler-nah gestalten. Das muss das Ziel sein.

Heinisch: Eine Idee soll nicht sieben Schreibtische passieren müssen, bevor sie dort landet, wo sie hingehört.

Mahrer: Autonomie ist schön, aber es braucht auch die finanziellen Mittel. Es gibt ja keine magischen Bankomaten in diesem Land ...

Das nicht, aber glauben Sie nicht, dass bei der Länder-Schulverwaltung eingespart werden kann?

Heinisch: Ja, es fehlt ein ordentliches Controlling und Einblick. Das wird im Zuge der Finanzausgleichsverhandlungen mit den Ländern zu diskutieren sein, keine Frage.

Mahrer: Ich bin skeptisch bei den Zahlen, was die Verwaltung nicht angeblich kosten soll. Aber bessere Fakten und Daten würden uns sicher helfen.

Heinisch: Und es gibt ja längst eine achtköpfige Bund-Länder-Expertengruppe, die tabulos dazu arbeitet. Ergebnis soll es Anfang 2015 geben.

Sie hören sich so harmonisch an, gibt es gar keine Reibungspunkte?

Heinisch: Dafür gibt es uns wohl in dieser Konstellation noch nicht lange genug (beide lachen).

Mahrer: Wir wollen ja das Beste für jedes Kind.


Hintergrund

Zwei Expertengruppen zur Bildungsreform

Regierungskommission und internes ÖVP-Team suchen neue Wege.

Vor zehn Tagen wurde bei der Regierungsklausur in Schladming ein Sechs-Punkte-Bildungsprogramm beschlossen. Die Maßnahmen betreffen unter anderem den "Schulstart neu" , der die Übergangsphase vom Kindergarten in die Volksschule verbessern soll. Gestärkt werden soll die Schulautonomie, was den Einrichtungen dann ein eigenes Profil, und mehr personelle und zeitliche Autonomie ermöglichen soll.

Zudem wurde erklärt, dass eine Bildungsreformkommission der Regierung rasch ihre Arbeit aufnehmen und strategische Bildungsziele erarbeiten soll. Je vier Vertreter des Bundes und der Bundesländer werden vertreten sein. Wer der Kommission angehören wird, wollen Kanzler und Vizekanzler demnächst bekannt geben.

Diese Gruppe soll laut Bildungsministerin Heinisch-Hosek "tabulos" auch die Schulverwaltung durchforsten und Reformvorschläge erarbeiten. Besonders Doppelgleisigkeiten im System sollen beseitigt werden, in der Hoffnung effizienter und damit auch billiger arbeiten zu können. Derzeit herrscht teilweise ein Kompetenz-Wildwuchs zwischen Bund, Ländern und Gemeinden.

Aber auch in der ÖVP hat Parteichef Reinhold Mitterlehner ein eigenes Kompetenzteam ins Leben gerufen. Unter anderem werden der ehemalige KURIER-Schüleranwalt Andreas Salcher und Lehrer-Gewerkschaftschef Paul Kimberger versuchen, Reformideen zuerst innerhalb der Partei zu entwickeln, um sie danach in der Koalition diskutieren zu können.

 

 

Die Presse – 6. Oktober 2014

 

 

EU: Mehr IT-Förderung für Kinder

In einigen europäischen Ländern ist Programmieren in der Schule bereits ein Pflichtfach. Die Wirtschaft hätte es auch hierzulande bitter nötig, denn IT-Fachkräfte fehlen.

von Sara Grasel  

Wien. Bis 2015 fehlen in der EU 900.000 IT-Fachkräfte. Mit dieser Zahl wirbt die EU-Kommission für mehr Engagement bei Aus- und Weiterbildung in den Mitgliedstaaten. Die Angst: Europa könnte in der digitalen Wertschöpfung komplett ins Hintertreffen geraten und stärker in die Abhängigkeit ausländischer, vornehmlich amerikanischer, Konzerne geraten. IT-Fachkräfte werden nicht nur in der klassischen IT-Branche gesucht. In fast allen Unternehmen sind in den kommenden Jahren Mitarbeiter mit solider Digitalkompetenz gefragt. In der Ausbildung kann man nicht früh genug diese Kompetenz vermitteln. „Möglichst schon im Kindergarten“, meint die Wiener Gemeinderätin Barbara Novak im Vorfeld der „Codeweek“, einer EU-Initiative, die diese Woche auch in Österreich startet.

ITler wandern oft ab

Novak gehört zu dem Expertenteam, das EU-Digital-Ambassadorin Meral Akin-Hecke für die Codeweek in Österreich zusammengestellt hat. Ab 11. Oktober gibt es in Wien und Umgebung zahlreiche Veranstaltungen, die Kinder und Erwachsene an das Programmieren heranführen sollen. „In Österreich sind wir laut einer OECD-Studie bereits bei den IT-Grundkenntnissen nicht sehr weit vorne“, sagt Akin-Hecke im Gespräch mit der „Presse“. „Die Knappheit an IT-Fachkräften wird uns in Europa in den nächsten Jahren treffen.“

Österreichische Firmen teilen diese Sorge. „Es gibt zu wenige Uni-Absolventen, und viele gute ITler wandern ab“, sagt Anton Bayer vom Software-Unternehmen Catalysts. Der IT-Sektor mache in Österreich bereits viermal so viel Umsatz wie etwa der Tourismus. In Wien sei jeder fünfte Arbeitsplatz ein IT-Job. Die Wirtschaft könne sich hier nicht auf die Bildungseinrichtungen verlassen und nehme das Problem selbst in die Hand, so Bayer. Um mehr Jugendliche für IT-Berufe zu begeistern, veranstaltet Catalysts einen der größten Programmierwettbewerbe Europas. Die Einstiegsschwelle ist niedrig. Die Aufgabe lautet etwa, einen Roboter so zu programmieren, dass er selbstständig von A nach B findet. Dazu werden die Teilnehmer Schritt für Schritt angeleitet, sagt Catalysts-Geschäftsführer Christoph Steindl. Gewinner ist, wer die Aufgabe am schnellsten löst.

In Zukunft wünschen sich Unternehmen wie Catalysts auch eine stärkere Unterstützung durch Bildung und Forschung. Das leuchtende Vorbild ist der Österreichische Skiverband. Dort sei es bestens gelungen, mit Skischulen und Skiakademien Talente gezielt zu fördern. In Österreich ist das Schulsystem allerdings noch weit von diesem Ziel entfernt. Während in Estland Programmieren ein festes Schulfach ist und Finnland spätestens 2016 nachzieht, sind in Österreich noch viele Hürden zu nehmen. Am schwersten wiegt, dass die meisten Schulen schlicht nicht über eine geeignete IT-Infrastruktur verfügen. Vor allem kleinen Gemeinden müsste man hier unter die Arme greifen. Die zweite große Baustelle ist die Lehrerausbildung.

Weiterbildung nötig

In den pädagogischen Hochschulen können nur Grundkenntnisse vermittelt werden. Die Schwierigkeit liegt an der raschen Weiterentwicklung am Digitalsektor. Es sei sehr schwer, da mit Fortbildungen am Ball zu bleiben. Novak wünscht sich hier eine engere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Große Konzerne wie Microsoft oder Catalysts hätten bereits bestens ausgebildete Trainer, die nach einer kleinen pädagogischen Einweisung Teile des EDV-Unterrichts übernehmen könnten.

Derzeit arbeitet man in Wiener Mittelschulen daran, in allen Fächern Digitalkompetenz zu vermitteln und die Lehrer dementsprechend zu schulen. Das Projekt basiere jedoch auf Freiwilligkeit, kritisiert Akin-Hecke. Programmieren als eigenes Schulfach ist in Österreich noch lange kein Thema.

AUF EINEN BLICK

Programmieren. Im Rahmen der „Codeweek“ können Kinder, Jugendliche und Erwachsene von 11. bis 17. Oktober in Wien und Umgebung in verschiedene Themen rund um Programmieren, Internet und Computerspiele schnuppern. Das genaue Programm findet sich unter codeweek.at. Programmieren als eigenes Schulfach oder als zweite Fremdsprache ist in Österreich noch lange kein Thema– derzeit gibt es nicht einmal verpflichtenden EDV-Unterricht.

 

 

Die Presse – 6. Oktober 2014

 

 

Studie: Störende Schüler treiben Lehrer ins Burnout

Lehrer fühlen sich im Vergleich zu anderen Berufsgruppen häufiger belastet. Sie wünschen sich Timeout-Klassen, um störende Schüler in den Griff zu bekommen.

Die Störung des Unterrichts durch Schüler belastet Pflichtschullehrer in ihrem Beruf am meisten. Das ist das Ergebnis einer von der Lehrergewerkschaft beauftragten und am Freitag präsentierten Studie der ARGE Burnout. Demnach haben zehn Prozent der Pädagogen ein erhebliches Burnout-Risiko. 15 Prozent fühlen sich überlastet, 32 Prozent belastet und 43 Prozent unbelastet.

An dem im Mai und Juni durchgeführte Online-Test haben rund 6200 der etwa 70.000 Pflichtschullehrer teilgenommen. Absolviert wurde dabei unter anderem ein von der Uni Hamburg entwickelter Burnout-Stresstest sowie eine offene Befragung über die häufigsten Probleme.

Im Vergleich mit anderen getesteten Berufsgruppen (Ärzte, Richter und Angestellte) fühlen sich verhältnismäßig wenige Lehrer unbelastet (43 Prozent; Ärzte: 46 Prozent, Richter: 58 Prozent, Angestellte: 52 Prozent). In der Burnout-Risikogruppe und der Gruppe der Überlasteten befinden sich Lehrer dagegen in etwa im Schnitt, eine deutliche Spitzenposition haben sie bei den Belasteten. Am höchsten ist der Stress für Lehrer über 55 Jahre in städtischen Neuen Mittelschulen.

Timeout-Klassen gefordert

Als häufigste Ursache für hohe Belastung nannten die Pädagogen die Störung des Unterrichts durch Schüler: 55 Prozent gaben an, dass dieser häufig, sehr häufig oder ständig gestört werde. Nur 21 Prozent antworteten mit "selten", "sehr selten" oder "nie". Zur Eindämmung wünschen sich die meisten zusätzliche Lehrer, die Möglichkeit der Einrichtung von Timeout-Klassen sowie Unterstützungspersonal wie Psychologen, Sozialarbeiter und Psychagogen. In Timeout-Klassen würden Schüler, deren Teilnahme am Unterricht etwa wegen ständigen Störens nicht mehr tragbar sei, temporär von Lehrern bzw. Unterstützungspersonal gefördert - "so lange es nötig ist, um sie wieder in die Klasse zu integrieren", so der Vorsitzende der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft, Paul Kimberger (FCG), bei einer Pressekonferenz. Das funktioniere in Skandinavien hervorragend - vor allem wegen des dort vorhandenen Unterstützungspersonals.

"Wir brauchen mehr finanzielle und personelle Ressourcen", meinte Kimberger. "Wir haben kein vergleichbares Supportsystem, da sind fast alle OECD-Länder besser aufgestellt." Um auf den OECD-Schnitt zu kommen, benötige man rund 14.000 Personen. Diese schon oft geforderten Kräfte seien zwar bei den Dienstrechtsverhandlungen besprochen worden: "Bisher ist aber noch kein einziger an den Schulen angekommen."

Lehrer leidern an "Reformitis und Testitis"

Insgesamt fühlen sich die Lehrer zu wenig wertgeschätzt: "Jedes gesellschaftliche Problem wird den Schulen übertragen. Und wenn etwas nicht funktioniert, werden die Lehrer dafür verantwortlich gemacht", so Kimbergers Vize Martin Höflehner (FCG). Darüber hinaus litten die Lehrer an ständiger "Reformitis und Testitis". Auch die Gesellschaft habe sich verändert, beklagte Kimberger: "In meiner Kindheit waren Eltern die Anwälte der Lehrer, heute sind sie die Anwälte ihrer Kinder."

Die FCG startet daher eine Kampagne unter dem Motto " Wir lassen uns unsere Lehrer/innen nicht schlecht machen".

 

 

Der Standard – 6. Oktober 2014

 

 

Ohne Wertschätzung keine Bildungsdiskussion

Kommentar der anderen | Georg Cavallar

Wie viel Bildung brauchen eigentlich Kritiker der (humanistischen) Bildung? Auch Bernd Schilcher, der "selbsternannte Bildungsexperte" (Konrad Paul Liessmann), bringt zu viel Polemik in eine zu wichtige Debatte. Eine Entgegnung.

Gerne gebe ich zu, dass ich voreingenommen bin: Wenn ich bei Konrad Paul Liessmann lese, dass auch einmal den Lehrerinnen und Lehrern zugehört werden sollte, weil sie "täglich mit Fragen der Erziehung und Bildung befasst sind", dann freut mich das als jemand, der diese Profession ausübt. Voreingenommenheiten können aber auch hinterfragt und selbstkritisch geprüft werden, und ich schätze Liessmann nicht wegen einer isolierten Bemerkung, sondern wegen seines Einsatzes für Bildung und eine Schule, die den Namen "Bildungseinrichtung" auch verdient.

Leider verabsäumt es Bernd Schilcher, in seiner Replik auf Liessmann (DER STANDARD vom 22. 9. 2014) zu präzisieren, was er selbst unter Bildung versteht (Liessmann hat das ausführlich in seiner "Theorie der Unbildung" getan). Er stellt vor allem klar, was er ablehnt, nämlich den Bildungsbegriff des Neuhumanismus und des deutschen Idealismus. Schilchers Text enthält jedoch implizit einige Annahmen über Bildung. Es lohnt sich, diese explizit zu machen.

Da wäre zunächst einmal das Postulat von Mündigkeit als Fähigkeit, selbst zu denken. Wenn Schilcher beklagt, dass Liessmann Thesen der AHS-Gewerkschaft "kritiklos" nachbete, dann zeichnet sich der mündige Mensch durch Selbstdenken und kritisches Hinterfragen auch der eigenen Position aus. Wenn Schilcher Liessmann als "bipolaren Denker" bezeichnet, der in simplen Gegensätzen wie "gut und böse", gut und schlecht verhaftet bleibe, dann ist damit implizit ein positives Ideal formuliert, nämlich die Fähigkeit, differenziert jenseits binärer Oppositionen zu denken.

Schilchers Vorwurf ist jedoch nicht gerechtfertigt. An einer Stelle gibt Liessmann zu, dass das exemplarische Lernen "hin und wieder" durchaus "sinnvoll" sein kann und entdeckendes Lernen auch seine - begrenzte - Berechtigung habe. Das sind Zugeständnisse an die gegenwärtig vorherrschende Didaktik. Wenn Schilcher diese übersieht, dann könnte das damit zu tun haben, dass er das differenzierte Denken, welches er von Liessmann fordert, selbst nicht praktiziert.

Diese Vermutung legt auch der polemische Ton von Schilchers Text nahe. Hier wieder ein offensichtlicher Selbstwiderspruch: Liessmann wird eine "billige, noch dazu abgekupferte Polemik" vorgeworfen, während Schilcher selbst Liessmann ein "Vernunftproblem" unterstellt und als kritiklosen Nachbeter, bei dem manchmal "auch seine Vernunft" aussetze und als "Bipolaren" bezeichnet bzw. beschimpft (die semantische Nähe zur "bipolaren Störung" ist vielleicht gewollt). All das soll keine Polemik sein? Zeugt das von der vielbemühten sozialen Kompetenz - Stichwort Wertschätzung -, wenn Schilcher auf die Kritik Liessmanns, die sicher oft ironisch überzeichnet, mit Polemik antwortet?

Das Gegenteil von Polemik ist Sachlichkeit, das redliche Bemühen, die Gedanken und Argumente Andersdenkender zu verstehen. Ich hätte mir mehr von diesem Verstehen bei Schilcher gewünscht. Liessmann behauptet etwa nicht, wie Schilcher meint, Bildung sei aus Österreich "schlicht verschwunden". Die entsprechende Passage in der Theorie der Unbildung definiert mit dieser Formulierung das Konzept der "Unbildung" im Gegensatz zur "Halbbildung", wo der Idee der Bildung noch eine regulative Funktion zukommt (S. 70). Eine Bestandsaufnahme über das österreichische Bildungssystem oder "Bildung in Österreich" ist damit nicht vorgenommen. Ähnlich oberflächlich argumentiert Schilcher, wenn er Liessmann unterstellt, er habe von Adornos Feststellung, Halbbildung sei der "Todfeind" der Bildung, darauf geschlossen, höhere Bildung solle bei den "höheren Schichten" bleiben. Diese Conclusio ist weder in Liessmanns Essay noch in der relevanten Passage der Theorie der Unbildung (S. 69) zu finden. Es handelt sich um eine klare Fehlinterpretation.

Wie immer Bildung definiert wird, ohne "Kompetenzen" wie Reflexionsfähigkeit, Verstehen, sachliches Argumentieren, Wertschätzung des Andersdenkenden und selbstständiges Denken, ist eine kultivierte Diskussion, auch und vor allem über das Thema Bildung, nicht möglich. Kognitive Aspekte sind zentral, auch wenn Bildung nicht auf diese reduziert werden muss oder soll. Fundierte Kritik an der Bildungsidee des Neuhumanismus setzt einen gebildeten Kritiker voraus: genau das ist das stärkste Argument zugunsten des Bildungsbegriffs, den Liessmann bewahren möchte.

Kein Interesse

Martha Nussbaum hat in ihrem wenig rezipierten Buch Not for Profit gemeint, dass mündige, humanistisch gebildete Staatsbürger aus demokratiepolitischen Gründen unverzichtbar seien, da ansonsten der demokratische Rechtsstaat "von innen" gefährdet werde. Müssen wir unseren Politikerinnen und Politikern unterstellen, dass sie an dieser Bildung nicht interessiert sind?

Georg Cavallar (Jg. 1962) ist Privatdozent, AHS-Lehrer und Lehrbeauftragter an der Universität Wien.

 

Debattentipp: "Sanieren oder ruininieren Experten die Schule?"
Darüber diskutieren Bernd Schilcher und Konrad Paul Liessmann am Montag, 13. 10., im Café Sperl in Wien.
Moderation: Gerfried Sperl
Beginn: 20.00 Uhr
Café Sperl
6., Gumpendorfer Straße 11

 

 

"Österreich" vom 05.10.2014                                   Seite 8

 

Sonntag

 

»Jedermann« zu Heinisch-Hosek:

 

»Mehr Tempo, Frau Minister!«

 

Streitgespräch. Was "Jedermann" Cornelius Obonya von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek fordert.

 

Die Ministerin und der künstler im hochkarätigen Talk für ÖSTER-REICH am SonnTaG.

 

Bewegung. Jetzt kommt Bewegung rein: Cornelius Obonya (45) ist sich sicher. Der "Jedermann"-Darsteller setzt seine berühmte Stimme seit dieser Woche verstärkt dafür ein, dass in Sachen Bildung "rasch etwas geschieht". Er hat sich der Initiative "jedesK!ND" des Lehrers Daniel Landau angeschlossen, um den Druck in Sachen Bildungspolitik zu erhöhen. Obonya ist selbst Vater eines 8-jährigen Sohnes. Was er sich für ihn wünscht, hat er für ÖSTER-REICH am SONNTAG an Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (52) herangetragen.

 

Das Interview

 

ÖSTERREICH: Herr Obonya, die Regierung hat sich bei der Klausur letzte Woche das Bildungsthema als zentralen Punkt auf die Fahnen geheftet. Bemerken Sie davon etwas?

 

CoRnElIuS oBonya: Es gibt jetzt Ansätze, miteinander zu reden und zwar in beiden Lagern. Gott sei Dank wächst außerdem der Druck von der Bevölkerung ausgehend. Denn viel zu viele Kinder fallen aus dem System und werden ihrer Chancen beraubt. Das ewige Auseinanderdividieren muss ein Ende haben, damit sich etwas ändert.

 

GaBRIElE HEInISCH-HoSEk: Stimmt, zum ersten Mal spüre ich auch, dass beim Koalitionspartner ÖVP im Bildungsbereich Bewegung hineinkommt. Meine Bemühungen für die Kleinen stoßen auf fruchtbaren Boden. Wir wollen gemeinsam den Schulstart neu organisieren und vom Kindergarten in die Volksschule bis 2016/2017 sanfte Übergänge schaffen.

 

ÖSTERREICH: Ist das für Sie ein wichtiges Ziel? Was möchten Sie erreichen?

 

oBonya: Es ist ein guter Ansatz. Die Aufwertung der Kindergartenpädagogen wäre zumindest ein Schritt. In einem zweiten Schritt müssen die Lehrpläne entrümpelt werden und besonders wichtig finde ich, dass Talente von Kindern so früh wie möglich erkannt werden. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich war in Mathematik verloren, hatte drei Jahre hintereinander Nachprüfungen und habe mich von einem Jahr ins nächste hinübergerettet. Es war mühevoll. Ich glaube, es ist sinnvoller, Kinder nach ihren Talenten zu unterrichten und nicht allen alles beizubringen. 90 Prozent von uns werden keine Atomphysiker! Bei all dem gilt es jetzt, schnell voranzukommen, denn es wurde viel zu lange nur geredet. Wir brauchen mehr Tempo, Frau Minister.

 

HEInISCH-HoSEk: Wir bewegen uns noch zu langsam, das stimmt. Aber es wurden ja schon viele Grundsteine gelegt. Erfolge im Bildungsbereich sind eben nicht von einem Jahr aufs andere messbar.

 

ÖSTERREICH: In Österreich fühlen sich 8 Millionen Menschen als beste Fußballtrainer und ebenso viele als beste Bildungsexperten. Wir gehen Sie damit um, dass jetzt Künstler mitreden?

 

HEInISCH-HoSEk: Es ist nun mal so, dass jeder in der Schule war und viele Kinder oder Enkelkinder haben, die in der Schule sind. Ich versuche, so viele Menschen wie möglich zu hören und bin dabei, mit neun Bundesländern einen Weg zu finden. Denen muss man nahebringen, dass sich Geld nicht einfach vermehrt. Es ist immer leicht zu sagen, dass man mehr Geld braucht. Ich muss dann immer sagen: Ich habe es aber nicht. Ich bin sozusagen für alles verantwortlich, das ist nun einmal so als Bildungsministerin. Aber ich bin dabei, alle Interessen zu vereinen. Das Wichtigste ist, dass die Kinder dabei im Mittelpunkt stehen und nicht auf der Strecke bleiben.

 

oBonya: Es gibt auch acht Millionen Österreicher, die wissen, wie man den "Jedermann" am besten spielt!

 

ÖSTERREICH: Geteiltes Leid ist halbes Leid?

 

oBonya: Ja, aber es zeigt auch etwas Schönes: Dass sich die Menschen mit dem Thema auseinandersetzen. Wichtig ist, dass dabei nicht jeder gegen jeden ist, sondern dass wir endlich Gemeinsamkeiten erzeugen. Als wählende Bevölkerung dürfen wir das einfordern. Endlich sehe ich hier einen Fortschritt.

 

 

"Kronen Zeitung" vom 05.10.2014                           Seite: 18

Ressort: Krone-Bunt

 

Von Susanne Zita (Text) und Christof Birbaumer (Foto)

 

Bunt, Abend, Bunt, Morgen

 

PISA, Panik &Pädagogen

 

In der aktuellen Bildungsdiskussion meldet sich nun der bekannte Philosoph Konrad Paul Liessmann mit einem neuen Buch kritisch zu Wort.

 

   schulkritik:

 

   Ein Land macht Schule - die "Krone"-Serie machte das Bildungssystem zum Dauerbrenner. Konrad Paul Liessmann (gr. Bi.) hat neue Gefechtspartner - die Bildungsexperten.

 

   "Stopp der Reformiererei:

 

   Sie ist irritierend, verunsichernd und kontraproduktiv."

 

   "Stärkere Konzentration auf Inhalte, weg von endlosen Struktur-und Organisations-

 

   Debatten."

 

   Die permanente Reformiererei ist irritierend, verunsichernd und kontraproduktiv", kritisiert Philosoph Konrad Paul Liessmann, der an der Universität Wien lehrt, Schwerpunkt Bildungsphilosophie und Bildungstheorie.

 

   "Die Reform der Lehrerausbildung, die vergangenes Jahr mit großem Getöse über die Bühne ging, ist ein Irrweg." Im Zuge der Debatte hat der 61-Jährige zahlreiche Zuschriften auch von Lehrpersonal erhalten. "Man müsste vielmehr zuhören, wie es den Lehrern wirklich geht. Welcher Lehrer traut sich noch zu sagen, wie sehr er unter den ständigen Veränderungen, Reformen und Erlässen leidet", erklärt der Philosoph, der sich in seinem neuesten Buch "Geisterstunde" kritisch zu den "fortwährenden Bildungsirrwegen" äußert.

 

   Allein das neue dreistufige Eignungsverfahren an der Uni sei eine "Farce", viel zu leicht und nicht sinnvoll. "Wie will ich einen 18-Jährigen testen und herausfinden, ob er tatsächlich Jahre später ein guter Lehrer sein wird?", betont er im Gespräch mit der "Krone". "Viele kommen im Laufe des Studiums darauf, es ist doch nicht das Richtige für sie. Aber ihre ganze Ausbildung ist nur auf Lehrberuf getrimmt, dass sie kaum Chancen haben, woanders unterzukommen", so der Universitätsprofessor.

 

   Das Sechs-Punkte-Programm, Ergebnis der Regierungsklausur, bleibt Liessmann zufolge an der Oberfläche und bringt wenig Neues. Manches ließe sich auch kritisch hinterfragen: Ist der anvisierte gleitende Übergang zwischen Kindergarten und Volksschule wirklich nur positiv zu sehen? Gehören Zäsuren, das Wissen und Erfahrung, dass eine Lebensphase zu Ende geht und etwas Neues beginnt, nicht auch zum Bildungsprozess eines Kindes?

 

   Der Ausbau von Ganztagsschulen und das Nachdenken darüber, was diese leisten sollen, ist ihm zufolge durchaus zu begrüßen, ebenso die Ansätze zu mehr gestalterischer Schulautonomie. "Doch ist es sinnvoll, Aktivitäten von Sportvereinen und Musikschulen an die Schulen zu holen? Oder ist die Erfahrung, dass es auch außerhalb der Schule Bildungsmöglichkeiten gibt, nicht auch wichtig?", fügt er hinzu.

 

   "Ob der anvisierte ,österreichische Leseplan‘ wirklich etwas verbessert, muss abgewartet werden", so der Philosoph, "ein offensives Bekenntnis zur Literatur und ein davon inspiriertes lustvolles und anspruchsvolles Lesen ist daraus jedenfalls nicht abzuleiten. Es geht wieder einmal nur darum, bei PISA besser abzuschneiden."

 

   Das Stichwort PISA löst bei ihm ohnehin nur noch Kopfschütteln aus. Was bei dem bekanntesten aller Bildungstests abgefragt wird, diene lediglich dem internationalen Ländervergleich. "Ich halte es für problematisch, den ganzen Unterricht dahin zu orientieren, dass die Schüler PISA-

 

   tauglicher werden. Ich plädiere für mehr Gelassenheit", so der gebürtige Kärntner. Hin zu "selbstbewusst formulierten Bildungszielen", die nicht nur die PISA-Dimensionen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften berücksichtigen, sondern gleichermaßen auch fremdsprachliche, geographische und historische Kenntnisse, die musischen Fächer und Literatur.

 

   "Es gelingt offensichtlich nicht, jene Freude am Lesen zu vermitteln, die meines Erachtens notwendig wäre", ist seine These, weshalb jeder fünfte 15-Jährige nicht sinnerfassend lesen kann. Moderne Lesedidaktiken seien nicht zielführend. Gemeint sind Versuche, auf möglichst einfache Art und Weise Schülern das Lesen beizubringen. "Bei denen Kinder angeleitet werden, alles so aufzuschreiben, wie sie es sprechen, also keine ordentliche Orthographie lernen", zeigt sich der Universitätsprofessor wenig begeistert. Auch die Zentralmatura ist ihm ein Dorn im Auge, er fordert ein Aussetzen und Überdenken derselbigen.

 

   In seinem Buch greift er Bildungsexperten wie Bernd Schilcher, Andreas Salcher, Richard David Precht oder Gerald Hüther scharf an. Ihnen widmet er sogar ein eigenes Kapitel. Die Bedeutung des Bildungsexperten liege weniger in der Qualität seiner Expertise als in der medialen Aufmerksamkeit, die er genieße. Dadurch präge er ganz wesentlich die öffentliche Stimmung und das Bild, das man von Schulen, Universitäten, Bildung und Lehrern habe. "Das ist kein privater Krieg, den ich da führe", meint er zur "Krone", auch wenn es durchaus den Eindruck beim Leser erwecken könnte.

 

   Drängt sich die Frage auf, ob er, wie sein neuer Lieblings-Kontrahent Andreas Salcher, als Regierungsberater zur Verfügung stehen würde?

 

   Liessmann: "Es ist nicht die Aufgabe eines Wissenschafters oder Universitätsprofessors im unmittelbaren Sinn, Politik zu beraten. Als Teil des Bildungssystems ist es meine Aufgabe, mich damit zu beschäftigen, diesen Prozess kritisch zu begleiten. Missstände, von denen ich glaube, dass sie problematisch sind, aufzuzeigen", so Liessmann.

 

   "Wenn allerdings Bildungspolitiker und die Unterrichtsministerin das Buch lesen und finden, dass ist vielleicht bedenkenswert, stehe ich natürlich jederzeit zur Verfügung", fügt er hinzu.

 

   Paradoxerweise wird Liessmann in manchen Medien zum Bildungsexperten, seinem Feindbild, ernannt. Aber vielleicht wäre die Funktion des Unterrichtsministers etwas, was ihm durchaus vorschweben würde.

 

 

"Kurier" vom 05.10.2014                                   Seite: 21

Ressort: Chronik

 

Bgld, Morgen

 

"Ein Fan der gemeinsamen Schule"

 

Heinz Josef Zitz. Der neue Landesschulratspräsident über die Neue Mittelschule, Postenbesetzungen und Politik

 

   von Thomas Orovits

 

   KURIER: Weniger Geld für die Verwaltung, mehr für die Schüler, sagt Ihr Chef, LH Hans Niessl. Ist der Amtsführende Präsident des Landesschulrates nötig? Heinz Josef Zitz: Ein Haus dieser Größe braucht jemanden, der Entscheidungen trifft. Wird der Amtsführende abgeschafft, braucht man eine Abteilung im Land und eine Führungskraft. Es geht schließlich um 4000 Lehrer und 37.000 Schüler.

 

   LH-Legende Theodor Kery hatte keinen Amtsführenden. Schule ist viel komplexer geworden. Dazu kommt, dass 90 Prozent aller Kosten aufs Schulpersonal entfallen, nur 10 % auf Schulbauten und Verwaltung. Wir haben schon Landes- und Bundeslehrer im Landesschulrat zusammengefasst und trotzdem in den letzten fünf Jahren 28 Prozent der Mitarbeiter im Haus eingespart.

 

   Soll der Posten des Vizepräsidenten abgeschafft werden? Hebeln wir demokratische Kontrollfunktionen aus, hebeln wir Demokratie aus.

 

   Sie wollen "für Bildung begeistern". Mangelt es Schülern, Eltern, Lehrern an Begeisterung? Nein, wir liegen bei Schulqualität in Europa auf sehr hohem Niveau. Wir wollen aber noch besser werden. Kinder sollen gern in die Schule gehen, aber auch sehen, dass Lernen Leistung bedeutet. Wir müssen den Spagat zwischen Leistung und Kreativität schaffen.

 

   Was ist Ihr größtes Anliegen? Ich bin ein Fan der gemeinsamen Schule mit innerer Differenzierung für alle 10- bis 14- oder 15-Jährigen. Von Nordeuropa und Südtirol können wir uns einiges abschauen.

 

   Gymnasien und Neue Mittelschulen sollen in der Gesamtschule, oder, wie Sie sagen, gemeinsamen Schule aufgehen? Ja. Wir haben südlich von Oberwart die gemeinsame Schule. In den Bezirken Güssing und Jennersdorf gibt es kein Unterstufengymnasium. Mir soll niemand erzählen, das funktioniere nicht.

 

   Start der Gesamtschule? Das ist Sache der Bundesregierung. Am liebsten gestern, realistisch nach 2018.

 

   Gymnasien abschaffen, wo es gerade einen Run auf diese Schulform gibt? Die gemeinsame Schule kann ja auch Gymnasium für alle heißen. Und zum Run: Das ist je nach Standort verschieden und es gibt umgekehrt auch großen Zulauf zu Neuen Mittelschulen.

 

   Zum Beispiel? Zurndorf stand mit 80 Schülern vor dem Aus, jetzt gibt es 151 Schüler. Oder Markt Allhau und Oberwart.

 

   Der Rechnungshof hat die NMS aber sehr kritisch beurteilt. Der Bericht bezog sich auf Salzburg und Vorarlberg.

 

   Es gab auch allgemeine Kritik. So waren Lehrerkosten an NMS weit höher als an AHS. Wir haben die NMS optimal umgesetzt, es gehen mehr Kinder in weiterführende Schulen als aus Hauptschulen. Und kleine Standorte am Land brauchen mehr Ressourcen als in der Stadt. Ich hätte nichts gegen eine RH-Prüfung im Burgenland.

 

   Das Auswahlverfahren für Spitzenpositionen wird strenger? Für Direktoren gibt es schon länger ein dreistufiges Verfahren. Neu ist, dass Führungspersonal im Landesschulrat ein Assessment-Center durchlaufen muss, das der Auswahl für Vorstände in Unternehmen entspricht. Ich hab‘s als Erster absolviert.

 

   Drei künftige Pflichtschulinspektoren müssen auch durch? Ja.

 

   Insgesamt gibt es vier. Nachdem eine der ÖVP zugehört, werden die drei Neuen wohl Rote? Warum? Eine externe Firma nimmt die Beurteilung vor und wir haben immer die Erstgereihten genommen.

 

   Wenn am Ende doch drei Rote dort sitzen, war das Zufall? Wenn es so sein sollte, hieße das, wir haben in der Sozialdemokratie ausgezeichnete Leute im Bildungswesen.

 

   Bei Leiterbestellungen hat das Hearing den größten Einfluss, dort hat die SPÖ die absolute Mehrheit - wenig objektiv? Das ist falsch, für dieses Gremium gibt es keine fraktionelle Besetzung.

 

   Also keine parteipolitische Kür von Direktorenposten und man braucht kein Parteibuch? Im Burgenland gibt es ein transparentes Anhörungsverfahren, das im Landtag beschlossen wurde. Danach richten wir uns. Ich wurde ohne Parteibuch Fachinspektor im Landesschulrat.

 

   Aber jetzt haben Sie eines? Ich habe eine sozialdemokratische Gesinnung und daher auch ein Parteibuch.

 

   Sie waren SPÖ-Spitzenkandidat bei der EU-Wahl und sind Gemeinderat in Neusiedl. Die ÖVP will, dass Sie den aufgeben.(lacht) Es ist schön, wenn man sich die Mühe macht, über den fünften Gemeinderat zu sprechen. Ich werde dem Auftrag der Neusiedler natürlich nachkommen und für die Gemeinde arbeiten.

 

   Sonst politische Ambitionen? Sag niemals nie, aber jetzt mache ich die Arbeit im Landesschulrat voller Ambition.

 

   Gibt‘s nach der Landtagswahl im Mai einen VP-Landeschef, könnte Ihre Arbeit hier enden.Ich werde bis dahin mein Bestes geben. Aber ich fürchte dieses Szenario nicht, weil wir im Burgenland fähige Personen in der SPÖ haben.kurier.at/chronik/burgenland (Langfassung)

 

 

"Die Presse am Sonntag" vom 05.10.2014                     Seite: 1

Ressort: Seite Eins

 

Abend, Morgen

 

So wollen wir nicht reformiert werden!

 

Von der Deutschmatura ohne Literatur bis zum flächendeckenden Projektunterricht: Es läuft gerade etwas schief in den Schulen. Zeit, sich dagegen zu wehren. @LR Leitartikel von Rainer Nowak

 

   Nennen wir sie Fortschritts- oder Reformexperten. Egal, ob Gebrauchsanweisungen als Maturaaufgabe, Kompetenzorientierung statt des Erlernens von Wissen als Bildungsziel oder - vor ein, zwei Jahren - Sexualunterricht für Volksschulkinder mit Schwerpunkt Transgender zwecks Einzugs der Moderne: Das alles sei "State of the Art", erklären uns die Experten. So verändere sich eben die Welt. Wer da nicht mitkommt, habe ein Problem, sei engstirnig und - bei wirklich gerunzelter Stirn des Zweiflers - ein Reaktionär.

 

   Doch Zweifel sind angebracht. Während sich die Politik noch immer über Namen und Struktur neuer Schultypen streitet, beziehungsweise - das ist schon positiv - den Grabenkampf aufschiebt, wird die Bildungsvermittlung selbst radikal verändert. Und das wäre fast ohne große Diskussionen passiert. Doch nicht das Lehrerdienstrecht bereitet Kinder und Jugendliche auf das Leben vor, sondern die Lehrer und ihre Unterrichtsmethoden. An zwei Stellen bricht die Diskussion darüber gerade auf. Mit der - an sich schlau klingenden - Einführung einer Zentralmatura sollen nun also weite Teile des klassischen Literaturkanons beim Abschluss der höheren Schule keine Rolle mehr spielen. Warum das so ist? Das bringt uns eben die viel zitierte Kompetenzorientierung. Das funktioniert wie folgt: Die Kandidaten sollen zwischen drei Aufgabenpaketen wählen, die unter einem Thema wie "Gesundheit" oder "Liebe" stehen.

 

   Nur eines der drei "Pakete" bei der Deutschmatura muss auch eine literarische Aufgabenstellung beinhalten, Herkunft einer Textpassage, der Zusammenhang oder die Epoche sind dabei völlig irrelevant, da die literarischen Texte nur als assoziativer Anstoß dienen. Möglich also etwa als Empfehlung des literarischen Textes an Personen, die einen praktischen beruflichen Nutzen daraus ziehen sollen, wie es Rosa Schmidt-Vierthaler und Julia Neuhauser aus dem "Presse"-Bildungsressort diese Woche formuliert haben. Die Maturanten müssen in einer dieser Textsorten schreiben: offener Brief, Empfehlung, Leserbrief, Kommentar, Textanalyse, Erörterung, Meinungsrede und Textinterpretation. Letzteres betrifft aber nicht die literarische Vertiefung oder Analyse, da die vereinheitlichte Beurteilung nicht möglich wäre. In Zukunft wird also keine klassische Literatur gelesen und - jetzt wird es böse, liebe Reformer - gelernt werden müssen.

 

   Wut-Posting-Kurs? Spätestens an dieser Stelle müssen wir die Sinnhaftigkeit der Zentralmatura noch einmal hinterfragen. Eine derart absurde Deutschmatura hätte ich als Schüler schlicht verweigert - und ich will auch nicht, dass meine Kinder sie so absolvieren müssen. Warum nicht gleich zum AMS-Kurs mit professionellem Bewerbungsschreiben oder zum Wut-Posting-Kurs umwandeln? Anders formuliert: Während Schüler in den AHS noch immer nicht in die Grundlage von Wirtschaftslehre eingeführt werden, da dies offenbar zu lebensnah wäre, soll im Gegenzug auch noch die humanistische Bildung gekürzt werden? So nicht!

 

   An derselben Front, aber an einem anderen Abschnitt kämpft nun zum Glück Philosoph Konrad Paul Liessmann: Er kreidet den Reformeifer in der Aufgabe des klassischen Unterrichts und der Wissensvermittlung an - von den Modernisierern gern als Frontalunterricht verunglimpft. Die Idee, jeder könne Wissen ohnehin immer googeln, ist schlicht falsch. Wer kein Fundament an Bildung hat, kann nie oben einsteigen. Oder wie es Liessmann besser formuliert: "Wer will, dass die Menschen dumm bleiben, suggeriert ihnen, dass sie ohnehin alles wissen können. Wissen hat immer mit Verstehen zu tun. Es ist nach wie vor eine zentrale Aufgabe von Schule, Wissen in diesem Sinn zu vermitteln. Es ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung, wenn man sich davor drückt."

 

   Verzichten die Lehrer darauf, "Stoff" zu lehren und abzuprüfen, werden wir ein echtes Problem bekommen. Und eine "Generation Google".

 

   rainer.nowak@diepresse.com

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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