Dienstag, 7. Oktober 2014

2014.10.07: Newsletter Bildung

 

Die Presse – 7. Oktober 2014

 

 

Gemeinsamer Ethikunterricht löst die Probleme nicht

Der Kampf gegen Radikalisierung der Gesellschaft muss an den Wurzeln ansetzen.

Klemens Riegler-Picker stellt anlässlich von gesellschaftlichen Radikalisierungstendenzen in seinem „Presse"-Gastkommentar (2.10.) eine treffende Diagnose: Das europäisch-aufgeklärte Werteverständnis verliert zusehends seine Selbstverständlichkeit, ethische Grenzen werden infrage gestellt, die gemeinsame Wertebasis droht zu erodieren.

Kein Wunder, dass ihn Unbehagen beschleicht. Seine Therapie in Form eines gemeinsamen Werte- und Ethikunterrichts in den Schulen kann jedoch nicht überzeugen, erst recht nicht die Vision eines Wertefundaments, das „jenseits einer religiösen Überzeugung" liege, nämlich im aufgeklärten europäischen Humanismus.

Der zunehmenden Radikalisierung eines Teils der islamischen Bevölkerung kann nicht mit einem unverbindlichen Wertediskurs in der Schule begegnet werden. Vom Ansatz her verkehrten Ideen können nur richtige Ideen entgegengesetzt werden.

Riegler-Picker spricht ethische Werte wie Grund- und Gleichheitsrechte und respektvolles Zusammenleben und damit Normen an, die noch von der Mehrheit in unserem Land unterstützt werden. Wenn dieser Konsens aber tatsächlich in Gefahr ist, dann reicht es nicht, an diese „Werte" zu appellieren. Dann müssen wir wieder nach den eigentlichen Wurzeln dieser Normen fragen, nach ihrer Begründung im Wesen des Menschen, der Welt, und letztlich Gottes selbst.

Frage nach dem letzten Grund

All diese Fragen waren bereits Themen antiker Philosophie, und nur zu unserem eigenen Schaden ignorieren wir heute die Frage nach dem letzten Grund. Denn die Aufklärung selbst ist in der Krise. Scheinbar klare Vernunftwahrheiten lösen sich auf, das Gute ist nicht mehr selbstverständlich.

Wer der Mensch wirklich ist, wozu er da ist – diese Fragen scheinen unbeantwortbar geworden zu sein und stürzen viele in existenzielle Krisen. Die entscheidende Frage wird also: Wenn überhaupt, woher kann ich diese Dinge wissen? Offensichtlich gewinnen wir die Antworten nicht aus uns selbst. Aber wenn wir eine Antwort von außerhalb brauchen, wem können wir dann für die richtige Beantwortung trauen? Ich bestreite, dass es die Ethiklehrer mit „Äquidistanz zu allen Religionen" sind.

Der unbequeme Weg vorwärts

Nein, der Weg vorwärts ist einfacher, aber auch unbequemer: Wir müssen neu die Wahrheits- und Handlungsansprüche der Religionen ernst nehmen, sie miteinander vergleichen und schließlich eine Wahl zwischen ihnen treffen. Wir müssen fragen: Was spricht für Jesus, was für Buddha, was für Mohammed? Was sagen sie über das Wesen Gottes und des Menschen? Wie sieht es mit der Übereinstimmung von Worten und Taten im Leben der Religionsstifter aus?

Areligiöser Ethikunterricht mit „neutraler" Wertebasis weicht diesen zentralen Fragen aus. Deshalb ist er nicht radikal genug, um der Radikalisierung entgegenwirken zu können. Er bleibt in denselben Unverbindlichkeiten stecken wie unsere Ethikkommissionen.

Ethische Unterweisung beginnt im Elternhaus, setzt sich fort in der religiösen Gemeinschaft und in der Schule. Es ist eine Illusion, zu meinen, gemeinsamer Ethikunterricht wäre die Lösung für erkannte Probleme. Wir müssen tiefer ansetzen: bei einer erneuten Entscheidung für die weltanschauliche, philosophisch-religiöse Basis für unsere ethischen Normen und zivilisatorischen Errungenschaften. Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln. Die liegen nicht an indischen Flüssen, in arabischen Wüsten oder germanischen Wäldern, sondern primär vor den Toren Jerusalems.

Kurt Igler (*1966), ThM (Master of Theology), studierte evangelische Theologie in Wien, Gießen, Vancouver B.C. und Leuven. Seit vielen Jahren in der Studentenarbeit und Erwachsenenbildung aktiv.

 

 

Die Presse – 7. Oktober 2014

 

 

Sind Österreichs Schulen dumm? Nein, aber es lebe das Negative!

Manche Aussagen zum Schulwesen hierzulande kommen einem Rufmord gleich. Demgegenüber wird in den USA den „hart arbeitenden Lehrern" öffentlich gedankt.

Seit einigen Wochen prangt auf Plakaten und in Inseraten die Werbung eines privaten Fernsehsenders. „In Österreich macht Dummheit Schule", liest man da. Geht man auf eine Schlagzeile wie diese ein, gerät man in ein Dilemma: Kritisiert man den Slogan, verstärkt man seine Beachtung. Lässt man ihn unwidersprochen, kann das als Zustimmung verstanden werden. Überdies will man ja nicht jedem Schwachsinn zwei Zeitungsspalten widmen – „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge", heißt es bei Berthold Brecht.

Bleiben wir dennoch bei dem Plakat. Wen können denn seine Auftraggeber als die Urheber der „schulischen Dummheit" vermutet haben? Einem frühen Einstieg in den Lehrberuf und der Ministerialverwaltung verdanke ich die Bekanntschaft mit allen Unterrichtsministerinnen und -ministern seit 1970. Über die Ideen der einzelnen Ressortverantwortlichen und ihre Vertrautheit mit der Schulrealität gibt es unterschiedliche Meinungen. Eines aber ist sicher: Jemand, auf den die Bezeichnung „dummer Mensch" zutrifft, war nicht darunter. Die Ministerinnen und Minister wollten die Schule besser, nicht dümmer machen.

Wenn es nun nicht die Ressortverantwortlichen sind: Wer sonst macht die Schule dumm? Sind die Landesschulräte schuld? Wer nun behauptet, dass Persönlichkeiten wie der Universitätsprofessor und Landesschulratspräsident Bernd Schilcher oder der langjährige oberösterreichische Präsident und Pädagogikprofessor Hannes Riedl eine „dumme" Schulpolitik gemacht hätten, muss sich die Gegenfrage nach der eigenen Intelligenz gefallen lassen.

Schilcher, Riedl und andere sind Fachleute, die ihr Schulwesen mit Sachkenntnis und Augenmaß geführt haben. Und das ist keine Kleinigkeit. Die Schulverwaltung ist der größte „Konzern" der Bundesländer. In Wien allein etwa arbeiten 20.000 Lehrerinnen und Lehrer an 600 Standorten, nur im Spitalswesen gibt es noch mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber ich habe noch nie gehört, dass jemand die Gesundheitslandesräte ersatzlos streichen möchte. Nein, die Landesschulräte machen die Schule nicht dumm: Die heutigen Schulpräsidenten von Ober- und Niederösterreich etwa wären gute Unterrichtsminister.

Wer also macht dann die Schulen „dumm"? In der Hierarchie kommen wir zu den Schulaufsichtsbeamten, den Direktorinnen und Direktoren und den Lehrerinnen und Lehrern. Sie habe ich mehr als 30 Berufsjahre lang in allen Höhen und Tiefen kennengelernt. Reibungslos war es selten. Um mit François Truffaut zu sprechen: Wir küssten und wir schlugen uns. Aber selbst, wenn man ausschließlich die sorgenschwersten Erlebnisse mit der Lehrerschaft nennt – enttäuschten Idealismus etwa, mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten oder persönliche Lebenszweifel, die auf den Unterricht abfärben – und alles Gute beiseitelässt: Kann man ernstlich behaupten, dass es Schulaufsichtsbeamte, Schulleiterinnen und -leiter oder Lehrerinnen und Lehrer gibt, die in den Schulen vorsätzlich Dummheit herbeiführen?

Der Slogan, dass in Österreich Dummheit Schule mache, ist infam. Niemand würde behaupten, bei uns trügen Polizisten zu Verbrechen oder Spitäler zu Volkskrankheiten bei. Die Schule aber ist „dumm" – vor allem in den Augen derer, die ihr die widersprüchlichsten Aufgaben zuschreiben.

Da fordert der Schriftstellerverband mehr klassische Dichtung und zeitgenössische Literatur im Unterricht und die Sicherheitsbehörden bitten die Schulen, die Jugendlichen gegen Hassprediger zu immunisieren und das Abgleiten in Sekten zu verhindern. Beide Forderungen sind berechtigt, aber nicht einmal Götter könnten sie zur Gänze erfüllen.

In den USA habe ich immer wieder Plakate mit der Aufschrift „Thanks to all our hard-working teachers" gesehen. Bei uns lese ich „In Österreich macht Dummheit Schule". Die Frage nach der Dummheit ist legitim: Sie richtet sich an jene, die solche Slogans erfinden und verbreiten.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang 2011 ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

 

 

Die Presse – 7. Oktober 2014

 

 

"Es gibt keine Klasse, in der niemand Deutsch spricht"

SOS Mitmensch mahnt zu mehr Sachlichkeit in der Schuldebatte und rügt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP).

Klassen mit lauter Kindern ohne Deutschkenntnis in Wien orteten FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und der auch für Integration zuständige Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) im Sommer. Die NGO SOS Mitmensch begab sich nun auf die Suche nach diesen Klassen - und fand wie auch der Stadtschulrat keine.

SOS Mitmensch stützt sich auf einen Rundruf an 42 Wiener Volks- und 26 Haupt- und Neuen Mittelschulen in den migrantenreichen Wiener Bezirken Favoriten, Rudolfsheim-Fünfhaus, Ottakring und Brigittenau. Ergebnis: Selbst in Klassen mit ausschließlich Schülern nicht-deutscher Muttersprache beherrschte dort mindestens die Hälfte Deutsch. Für SOS-Mitmensch-Sprecher Alexander Pollak ist dieses Ergebnis Beleg dafür, dass eine pauschale Gleichsetzung von nichtdeutscher Muttersprache und fehlenden Deutschkenntnissen falsch sei.

FPÖ: "Gutmenschliche Realitätsverweigerer"

Auch im Stadtschulrat bestätigt man das Ergebnis: Kann ein Kind nicht Deutsch, wird es als außerordentlicher (a.o.) Schüler geführt. Klassen nur mit a.o. Schülern gebe es aber keine. Auch im vergangenen Schuljahr sei das nicht der Fall gewesen. "Differenzierung ist eine Intelligenzleistung, die man auch von freiheitlichen Oppositionspolitikern erwarten darf", sagt die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ).

Pollak wiederum mahnt die Politik zu "mehr Sachlichkeit in der Schuldebatte", gerade von Kurz erwarte er einen sachlicheren Zugang. "Wir sind gegen Schönfärberei, wir halten aber auch nichts davon, wenn überzeichnete Bilder von der Situation an österreichischen Schulen fabriziert werden", so der SOS-Mitmensch-Sprecher.

Die Wiener FPÖ widerspricht der Recherche von SOS Mitmensch und bezeichnet die Organisation als "gutmenschliche Realitätsverweigerer". "Die Erkenntnis von SOS-Mitmensch, dass es keine Klassen gäbe, in denen ein Gutteil der Schüler nicht ohnehin Deutsch sprechen würden, ist mehr als absurd", so FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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