Donnerstag, 9. Oktober 2014

2014.10.09: Newsletter Bildung

 

"News" Nr. 41/2014 vom 09.10.2014                   Seite 36,37,38,39

Ressort: Politik

 

Renate Kromp, Christine Lugmayr

 

 

Schummeln in der Schule

 

Wunsch und Wirklichkeit. Kühne Pläne hatten alle Bildungsministerinnen und -minister. Eltern, Lehrer und Kritiker sagen, was von den Reformen wirklich in den Schulen ankommt und wie sie auf die Betroffenen wirken.

 

Eine Bildungsministerin, einige Millionen -in der Schule war schließlich jeder -Bildungsexperten. Zugegeben, das Verhältnis ist etwas unausgewogen. Doch nur Eltern, Lehrer und Kinder liefern den Reality-Check, was von Bildungsreformen wirklich in der Schule ankommt. Bevor also die Bundesregierung ihr Ende September bei der Regierungsklausur in Schladming versprochenes Sechs-Punkte-Programm für die Bildung in Angriff nimmt, fragt NEWS nach, was bisher versprochen und gehalten wurde.

 

Ex-AHS-Direktorin Heidi Schrodt erklärt dabei unter anderem, warum die Schulautonomie mehr sein sollte, als die "50-Minuten-Stunde" aufzulösen. Entsprechende Ankündigungen finden sich auch wieder im aktuellen Regierungspapier. Schrodts Forderung nach einer Budgetautonomie für die Schuldirektoren erteilt Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek im NEWS-Interview allerdings schon einmal eine Absage. "Schulautonomie wird nicht heißen, dass alle gleich über eigene Budgets verfügen." (Interview siehe Seite 40.)

 

Was Lehrer ärgert.

 

Die Lehrergewerkschafter Eckehard Quin (AHS) und Paul Kimberger (Pflichtschulen) sagen, dass die Klassenschülerhöchstzahlen von 25 Kindern noch immer eine Mogelpackung sind, und fragen, warum sie nach wie vor auf die versprochene Unterstützung von PsychologInnen, LogopädInnen und SekretärInnen warten. Der Lehrer Daniel Landau wiederum kritisiert als Sprecher der neuen Bildungs-NGO jedesK!ND, dass rund 12.000 Lehrer und Lehrerinnen gar nicht in der Klasse stehen, weil sie in der Verwaltung eingesetzt werden müssen.

 

Für die KindergartenpädagogInnen fordert Heidemarie Lex-Nalis, dass die versprochene Aufwertung ihres Berufs endlich stattfindet. Und Bildungskritiker Andreas Salcher stellt die Frage, was Reformen bringen, solange die Lernkultur nicht grundlegend verändert wird.

 

Die Sorgen der Eltern.

 

Elternvertreter Theodor Saverschel kritisiert: Schüler können nicht einmal einklagen, dass Gesetze wie jenes, das 25 Kinder pro Klasse vorsieht, eingehalten werden müssen. Und doch meint er versöhnlich: "Wir haben, trotz aller Unkenrufe und Weltuntergangsszenarien, ein gutes Schulsystem. Ein Schulsystem, das als Basis für Optimierungen verwendet werden kann und nicht, um der Veränderung wegen, von Grund auf neu konzipiert werden muss."

 

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25 KINDER IN EINER KLASSE. DARF'S EIN BISSERL MEHR SEIN? Eltern setzen große Hoffnungen in die Senkung der Klassenschülerhöchstzahlen. Die Regel lautet: 25 Schüler pro Klasse, in Ausnahmefällen bis zu 30. AHS-Gewerkschafter Eckehard Quin sagt aber: "Es sitzt nach wie vor ein Drittel der Schüler in größeren Klassen, weil das Geld für die Umsetzung fehlt." Theodor Saverschel vom Bundesverband der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen ergänzt: "Die Einhaltung dieses Gesetzes ist nicht einklagbar. Es müsste ein Schüler nachweisen, dass er einen konkreten Nachteil durch eine größere Klasse hat." Allerdings meint Bildungskritiker Andreas Salcher: "Eine Vielzahl von Studien hat bewiesen, dass die Senkung der Klassenschülerhöchstzahl ohne grundlegende Veränderung der Lernkultur zu keiner Verbesserung der Unterrichtsqualität führt. Diese Maßnahme lässt die Kosten explodieren und schafft einen künstlichen Mangel an qualifizierten Lehrern." Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek beruft sich hingegen auf die OECD-Zahlen: So gibt es in den Volksschulen durchschnittlich 18,3 Schüler pro Klasse, der OECD-Schnitt liegt bei 21,3 (bei den ab Zehnjährigen: Österreich 21,1/OECD: 23,5).

 

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RUND 12.000 LEHRERINNEN UND LEHRER STEHEN NICHT IM KLASSENZIMMER Die Lehrerinnen und Lehrer haben jahrelang an Universitäten und pädagogischen Hochschulen studiert und sind ExpertInnen im Unterrichten. Doch Daniel Landau, selbst Lehrer und seit Kurzem auch Sprecher der neuen Bildungs-NGO jedes K!ND (www.jedeskind.org), kritisiert: "Wir haben in Österreich etwa 120.000 Lehrerinnen und Lehrer angestellt. Davon ist jedoch eine nicht näher bekannte Anzahl, man rechnet bis zu 12.000 Vollzeitäquivalente, nicht in der Schule tätig, sondern etwa im Landesschulrat, Stadtschulrat etc. Das sind Menschen, die vielleicht großartig in der Verwaltung arbeiten, deren Kosten damit aber falsch zugeordnet sind. Zusätzlich hat niemand den Überblick über sämtliche Kosten, die Schule und Verwaltung wirklich verursachen. Wir fordern daher einen Kassasturz."

 

Gleichzeitig beklagt Elternvertreter Saverschel, dass zum Beispiel in Oberösterreich 2013 rund 50 Lehrerposten eingespart wurden, die man eigentlich zur Schaffung kleinerer Klassen hätte einsetzen können.

 

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DIE LEHRERINNEN UND LEHRER WARTEN NOCH IMMER AUF UNTERSTÜTZUNG Bei den Verhandlungen über ein neues Lehrerdienstrecht hatte die frühere Bildungsministerin Claudia Schmied den Gewerkschaften mehr Unterstützungspersonal versprochen: PsychologInnen, BeratungslehrerInnen, LogopädInnen auf der einen Seite, aber auch Verwaltungskräfte. Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Paul Kimberger: "Österreich ist absolutes Schlusslicht, was das Verhältnis von Lehrkräften und pädagogisch unterstützendem Personal betrifft." Wollte man in Österreich zumindest den OECD-Durchschnitt erreichen, müssten 13.500 solcher Posten neu geschaffen werden, sagt Kimberger.

 

04

 

20 MINUTEN PRO WOCHE FÜR DIE FÖRDERUNG VON TALENTEN Die langjährige AHS-Direktorin und Bildungsexpertin Heidi Schrodt: "Es mangelt an Ressourcen für die Begabtenförderung, und man muss unglaublich komplizierte Förderanträge stellen." Paul Kimberger vermisst ebenfalls die Förderung von Talenten an den Schulen: "Nimmt man die vom Ministerium für Talenteförderung vorgesehenen Budgetmittel und teilt sie auf die vorhandenen Klassen auf, blieben den Lehrern dafür gerade einmal 0,4 Stunden pro Woche. Viel zu wenig."

 

05

 

ÜBERGANG ZWISCHEN KINDERGARTEN UND VOLKSSCHULE STEHT VOR DER REFORM Volksschulen und Kindergärten sollen künftig enger zusammenarbeiten, um den Kindern den Umstieg zu erleichtern. Das ist ein Ergebnis der jüngsten Regierungsklausur in Schladming. Ein Arbeitskreis soll Details ausarbeiten. Heidemarie Lex-Nalis von der Plattform EduCare, einer Interessenvertretung der KindergartenpädagogInnen, sagt dazu: "Das ist ein Ablenkungsmanöver, um sich nicht mit dem Übergang Volksschule-Mittelschule auseinandersetzen zu müssen. Es ist ja nett, wenn Volksschule und Kindergarten gemeinsame Feste feiern, aber ein Kind in diesem Alter ist auch so reif genug, um sich auf etwas Neues einzustellen."

 

Der Verdacht drängt sich auf: Wenn VolksschullehrerInnen an die Kindergärten kommen sollen, wird damit auch ein wichtiges Anliegen der ElementarpädagogInnen auf die lange Bank geschoben: die akademische Ausbildung (siehe Punkt 14).

 

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DIE NEUE MITTELSCHULE IST NOCH KEIN GROSSER REFORMWURF

 

"Die neue Mittelschule wurde als Schule für alle angekündigt. Geworden ist sie eine andere Form der Hauptschule", sagt Schrodt zum größten Reformwurf der Ära Schmied.

 

Salcher sieht dafür drei Gründe: "Ein wesentlicher Grundpfeiler der NMS, jeweils ein AHS-Lehrer unterrichtet gemeinsam mit einem Hauptschullehrer die Hauptgegenstände, hat sich als unrealisierbar erwiesen. Man hat Teamteaching zwar lauthals verkündet, ist aber vor der dafür notwendigen intensiven Ausbildung der Lehrer und der Investition in eine pädagogische Reform zurückgeschreckt. Die Folge ist, dass es an ein und derselben NMS Gegenstände gibt, wo Teamteaching aufgrund der Fähigkeit der Lehrer sehr gut funktioniert, und solche, wo einer der beiden Lehrer Hausübungen korrigiert, während der andere weiter frontal unterrichtet. In Wirklichkeit zementiert die NMS die frühe Trennung nach sozialer Herkunft ein."

 

Warum nicht in allen NMS-Lehrerteams ein AHS-Lehrer ist, erklärt Quin so: "Wir haben jetzt schon einen Lehrermangel an den AHS, in zehn Jahren geht die Hälfte der Pädagogen in Pension. Warum sollte ein Lehrer noch zusätzlich in eine NMS gehen, wenn er ohnehin schon an seiner Schule genug Stunden macht?"

 

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GANZTÄGIGE SCHULFORMEN FÜR GYMNASIASTEN AUF SPARFLAMME Für eine "Sonntagsrede" hält Quin den Ausbau ganztägiger Schulformen an den AHS-Unterstufen. "Früher gab es ein viel größeres Angebot an hochwertigen unverbindlichen Übungen am Nachmittag: zum Beispiel Sport, Schauspiel, Naturwissenschaften. Das wurde alles zurückgefahren, weil uns die personellen Ressourcen fehlen. Dabei könnte man hier Begabtenförderung in einem ungezwungenen Rahmen leisten." Ein Grund für die Streichungen: Die Schulen setzen die Lehrer in den vorgeschriebenen kleineren Klassen ein.

 

Theodor Saverschel kritisiert: "Für jeden Euro, den der Bund für ganztägige Schulformen zur Verfügung stellt, müssen die Länder einen dazuzahlen. Oft wird dieses Geld aber einfach nicht abgeholt. Dann heißt es: Es gibt keine Nachfrage seitens der Eltern. Das stimmt nicht: Es wird nichts angeboten." Die Regierung will bis 2018 800 Millionen Euro für Ganztagsschulen bereitstellen.

 

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DIE NEUE MODULARE OBERSTUFE: KAUM EINER WEISS, WIE ES GEHT In einigen Schulen ist die Umstellung auf die "Oberstufe NEU" schon im Laufen, bis 2017 ist es überall so weit. Zweck der Übung: Durchfallen soll man nur mehr in Ausnahmefällen. Der Stoff wird auf Semesterkurse aufgeteilt, die positiv abgeschlossen werden müssen. Wer in einem Fach scheitert, bleibt im Klassenverband und muss nur dieses wiederholen. Positive Fächer müssen nicht noch einmal gemacht werden, wie es beim Sitzenbleiben der Fall wäre. Doch noch ist die Unsicherheit bei den Eltern groß. Elternvertreter Saverschel hält das Versprechen, dass sich die Schüler fachliche Schwerpunkte setzen und auch ihre Lehrer aussuchen könnten, für eine "Augenauswischerei, weil die Ressourcen dafür fehlen. In den bisherigen Schulversuchen läuft nichts anders, außer dass der Jahreslehrplan auf Semester aufgeteilt wird, die man jeweils positiv abschließen muss. Schafft man ein Semester nicht, kann man sich angeblich alle sechs Wochen neu prüfen lassen. Aber wie das gehen soll, ist noch nicht definiert."

 

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DIE ZENTRALMATURA: AN WELCHEM ZIEL IST MAN GESCHEITERT? Von einer Mogelpackung bei der Zentralmatura will AHS-Gewerkschafter Eckehard Quin gar nicht sprechen, denn: "Es ist ja gar nicht klar, welches Ziel eigentlich erreicht werden sollte. Wenn Vergleichbarkeit quer durch Österreich das Ziel war, ist diese vielleicht möglich. Höheres Niveau oder mehr Gerechtigkeit erreicht man nicht." Quin kritisiert die schriftliche Einheitsmatura, weil sie auf unterschiedliche Niveaus an Schulstandorten keine Rücksicht nehme. "Das heißt: Für ein Genügend in Mathematik können Sie gerade einmal Trivialitäten prüfen. Da wäre es doch besser, ein zentrales Fragenpaket für die Mindeststandards vorzugeben und zusätzliche Fragen weiter den Klassenlehrer ausarbeiten zu lassen."

 

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GRATISNACHHILFE FÜR ALLE WIENER SCHÜLER UND SCHÜLERINNEN Sie war die große Ankündigung einer Klausur der SPÖ-Wien: die Gratisnachhilfe für alle Wiener Kinder. Seit diesem Schuljahr gibt es sie, doch an Schulen geht die Sorge um, dass Kürzungen beim Vormittagsunterricht deshalb erfolgt sind, um das neue Nachmittagsangebot zu ermöglichen. Zudem würden die Nachhilfeschüler in Gruppen zusammengefasst, eine individuelle Betreuung sei also gar nicht möglich. Dafür müssen die Kinder aber extra noch einmal in die Schule gehen.

 

Eine Befürchtung, die Paul Kimberger bestätigt: "Gratisnachhilfe ist eine totale Mogelpackung. Personal wird vom Vormittag abgezogen, um den Zusatzunterricht zu ermöglichen." Im Wiener Stadtschulrat widerspricht man erwartungsgemäß: "Es wurde nichts gekürzt. Wir hatten Vorschulklassen, die in den Vorjahren unterbestückt waren. Dort wurde, aber schulautonom, umgestellt."

 

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DER GROSSE BLUFF MIT DER ZUGESAGTEN SCHULAUTONOMIE Wirkliche Freiheit haben die Schulen noch lange nicht. Sie dürfen inhaltliche Schwerpunkte setzen. Bei von oben verordneten Stundenkürzungen werden aber genau diese dann gestrichen, berichtet Ex-Schuldirektorin Schrodt aus der Praxis. "Autonomie ist etwas anderes, als die 50-Minuten-Stunde aufheben zu können." Schrodt fordert, "dass jeder Direktor über das Schulbudget verfügen und selbst die Lehrer aussuchen kann. Braucht einer Zusatzkräfte, zum Beispiel für syrische Flüchtlingskinder, soll man sie ohne Bürokratie einstellen können."

 

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DIE TÄGLICHE TURNSTUNDE FÜR ALLE SCHÜLER SCHEITERT SEIT JAHRZEHNTEN Beweglich ist hier nur die politische Sprache. Aus der "täglichen Turnstunde" wurde zuletzt die "tägliche Bewegungseinheit" - und die kann auch am Spielplatz oder "bei Dehnungsübungen in einem leeren Klassenzimmer" absolviert werden, sagt Quin. Außerdem ist dieses Angebot nur mehr für ganztägige Schulformen vorgesehen.

 

Anders geht es auch kaum: Denn die Turnsäle an den Schulen sind auch ohne tägliche Turnstunde ausgebucht, und natürlich würden auch wieder einmal mehr LehrerInnen gebraucht. Und das kostet.

 

Heidi Schrodt über die bewegte Geschichte der täglichen Turnstunde: "Ich habe 1974 zu unterrichten begonnen. Da wurde ein Kurzturnen eingeführt. Das heißt, es wurde jede Stunde fünf Minuten geturnt. Bereits damals gab es die Forderung nach einer täglichen Turnstunde. Und ich habe gewusst, das wird nie kommen, weil es sich in einer Halbtagsschule gar nicht ausgeht."

 

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KEINE LEHRERAUSBILDUNG MEHR FÜR SONDERPÄDAGOGEN

 

Bei der Lehrerausbildung neu ist der Beruf "Sonderpädagoge" nicht mehr vorgesehen. Jeder angehende Lehrer muss ein paar Stunden Sonderpädagogik absolvieren. Kimberger:

 

"Dass jeder Einblick haben soll, ist gut. Doch so fehlen die Spezialisten, obwohl alle von Integration sprechen. Das ist, als würde man die Zahnärzte abschaffen, weil jeder praktische Arzt ein bisschen Zahnmedizin während des Studiums gehabt hat."

 

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WEITER KEINE AKADEMISCHEN KINDERGÄRTNERINNEN "Wir hören dreimal in der Woche, wie wichtig der elementare Bildungsbereich ist, aber eine Aufwertung bei der Ausbildung kommt trotzdem nicht. Wir fühlen uns gepflanzt", sagt Heidemarie Lex-Nalis. Seit Langem fordern KindergartenpädagogInnen eine akademische Ausbildung. "Bei der Reform der Lehrerausbildung wurde uns versprochen, dass wir gleichgestellt werden. Passiert ist nichts." Ein Grund dafür ist, dass KindergärtnerInnen mit Uniausbildung auch besser bezahlt werden müssten, weswegen Kindergartenerhalter wie die Gemeinden, aber auch Familienministerin Sophie Karmasin, auf der Bremse stehen. Und weil Kindergärten nicht als Bildungseinrichtungen gelten, kann die Bildungsministerin auch keine Ausbildungsanfordernisse festlegen. Die KindergärtnerInnenausbildung als Oberstufenschule oder Kolleg sei "nicht hochwertig", sagt Lex-Nalis. Einige private Träger wie "Kinder in Wien" würden bereits mit eigenen akademischen Angeboten reagieren.

 

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DAS ZAHLENVERWIRRSPIEL RUND UM DAS BILDUNGSBUDGET "Wir haben eines der teuersten Schulsysteme, aber es ist bei Weitem nicht das beste. Wir hören immer nur, wir müssen sparen. Dabei wäre eine große Studie notwendig, die aufzeigt, wohin das Geld versickert", fordert Schrodt Kostenwahrheit.

 

Elternvertreter Saverschel kritisiert: "Es heißt immer, das Bildungsbudget in Österreich sei in den letzten Jahren stärker gestiegen als das Gesamtbudget. Im Elementarbereich und im Hochschulbereich hat es sich verdoppelt. Für die Schulen hingegen gab es nur 40 Prozent mehr. Und während der Anteil des Schulbudgets am BIP in den OECD-Ländern in den letzten Jahren gestiegen ist, ist er bei uns merklich zurückgegangen."

 

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"News" Nr. 41/2014 vom 09.10.2014                            Seite 40

Ressort: Politik

 

Interview: Tessa Prager

 

 

"Ich möchte endlich raus aus der Jammerspirale"

 

Gabriele Heinisch-Hosek. Die Unterrichtsministerin entgegnet der Dauerkritik von Schulexperten aller Art: "Unsere Schulen sind gut aufgestellt."

 

Jetzt versucht es die Bildungsministerin einmal gemeinsam mit der neuen ÖVP-Führung, die ihr leises Entgegenkommen signalisiert. Denn das hat nach Claudia Schmied auch Gabriele Heinisch-Hosek schnell zu spüren bekommen: Gegen die ÖVP und gegen die Lehrergewerkschafter geht im österreichischen Schulsystem so gut wie nichts. Doch Nichtstun rächt sich, wenn andere Länder gleichzeitig große Anstrengungen unternehmen, ihre Schulen besser zu machen. Heinisch-Hosek kündigt gar keine großen Ziele wie die gemeinsame Schule mehr an, sondern versucht es mit kleinen Schritten. Sie sieht die Verbesserung der Schuleingangsphase als Puzzlestein, der sich gemeinsam mit anderen zu einem besseren Ganzen fügen soll.

 

NEWS: Sie propagieren nun "Schulstart neu", Sprachförderung, tägliche Bewegung und mehr Schulautonomie. Haben Sie den Anspruch auf die große Schulreform aufgegeben und begnügen sich nun mit kleinen Schritten?

 

Heinisch-Hosek: Das sind enorm wichtige Projekte, die für mehr Qualität im Bildungssystem sorgen werden. Es ist logisch und wichtig, mit den Kleinen beim Übergang vom Kindergarten in die Schule zu beginnen. Wir müssen jedem und jeder anbieten, was er oder sie braucht. Das geht nicht mit der Gießkanne. Wir gehen weg vom Köpfe-Zählen und werden, auch beim Finanzausgleich, über eine sozial-indexierte Ressourcensteuerung reden müssen. Das heißt zum Beispiel, dass die eine oder andere Schule etwa für Sprachförderung mehr Mittel als andere braucht. Viele solcher Puzzlesteine ergeben dann ein großes Bild meiner Bildungsvision.

 

NEWS: Und was ist Ihre Bildungsvision?

 

Heinisch-Hosek: Dass Österreich eine Wissensnation wird. Aber anders als dem Philosophen Konrad Paul Liessmann geht es mir nicht nur um reine Wissensvermittlung, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung. Es muss mehr um die Kinder gehen und darum, was sie erreichen sollen. Ich möchte weg vom Fehlerzählen, hin zur Stärkung von Fähigkeiten und Talenten. Meine Vision ist die Ermöglichung. Das beinhaltet auch, dass wir nicht so viele Menschen auf dem Weg verlieren dürfen wie bisher: jedes Jahr 7000 bis 10.000 Zehn-bis 14-Jährige. Das darf nicht so bleiben.

 

NEWS: Sie nennen das Schulautonomie, wenn Schulen die 50-Minuten-Stunden auflösen können sollen. Ist das alles an Autonomie? Sollen Schulen innerhalb ihres Budgets nicht auch selbst entscheiden, wo sie mehr Mittel einsetzen?

 

Heinisch-Hosek: Wenn Standorte besondere Herausforderungen haben, muss auch die Ressourcensteuerung anders erfolgen. Deshalb will ich die sozialindexierte Ressourcensteuerung. Eine Möglichkeit wäre, dass Schulen mehr Bedarf anmelden, und wir prüfen, ob sich's ausgeht. Es ist notwendig, eine gewisse Steuerung zu bewahren. Schulautonomie wird nicht heißen, dass alle gleich über eigene Budgets verfügen.

 

NEWS: Was sagen Sie zu dem Vorwurf namhafter AutorInnen, dass mit der Zentralmatura die Literatur in der Schule abgeschafft wird?

 

Heinisch-Hosek: Schärfster Widerspruch! Im Gegenteil: Zum ersten Mal ist Literatur bei der Deutsch-Matura Pflichtteil. Vorher war es Gutdünken. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit für alle, Literaturschwerpunkte zu setzen. Literatur kommt sicher nicht zu kurz. Ich bin froh über die Standardisierung bei der Matura, die andere Länder schon lange haben. Der neue Zugang in der Vorbereitung wird sich einspielen. Das Niveau wird nicht sinken. Ich lade alle KritikerInnen ein, sich das in Ruhe anzuschauen.

 

NEWS: Es gab wohl noch nie so viel Kritik am Schulsystem. Auch die internationalen Tests zeigen Schwächen. Sind Österreichs Schulen so schlecht?

 

Heinisch-Hosek: Nein, unsere Schulen sind gut aufgestellt. Ich möchte endlich raus aus der Jammerspirale. Die Lehrer und Lehrerinnen bemühen sich außerordentlich. Die jährlichen Daten aus der OECD-Studie "Education at a Glance" (Bildung auf einen Blick) zeigen, dass wir uns voran entwickeln und zum Beispiel bei der Berufsbildung top sind. Auch in Finnland hat die Umstellung im Schulsystem Jahrzehnte gebraucht.

 

NEWS: Im APA/OGM-Vertrauensindex sind Sie die am schlechtesten bewertete Ministerin. Empfinden Sie das als ungerecht?

 

Heinisch-Hosek: Mein Ziel ist, das Bildungssystem zu optimieren. Und daher sehe ich das als Herausforderung, besser zu werden. Ich bin gekommen, um zu bleiben.

 

 

Die Presse – 9. Oktober 2014

 

 

Gesamtschule: "Totalumstellung wäre ein Flop"

Landeschef Wallner will nicht „von heute auf morgen“ ganz Vorarlberg zum Schulversuch machen.

Bregenz. Das künftig schwarz-grün regierte Vorarlberg prescht mit seiner Gesamtschulmodellregion vor. Von einem landesweiten Gesamtschulversuch, wie ihn sich die Grünen gewünscht hätten, will Landeschef Markus Wallner (ÖVP) aber zumindest vorerst nichts wissen. Er könne sich nicht vorstellen, einen Schulversuch im gesamten Bundesland durchzuführen, konkretisierte er im ORF-Radio.

Immerhin habe ein Versuch ja den Charme, dass man in Konkurrenz mit anderen Systemen beweisen könne, ob etwas eben funktioniere oder nicht. „Wenn man ein ganzes Bundesland von heute auf morgen umstellen würde, dann bin ich mir sicher, dass das ein großer Flop wäre“, sagte der Landeshauptmann.

Für den Fall, dass sich die Gesamtschulregion bewährt, dürfte eine Ausweitung nicht ausgeschlossen sein. Die zuständige Landesrätin Bernadette Mennel (ÖVP) sagt dazu vorerst nur: Man werde einen Schritt nach dem anderen setzen.

Grüne bringen Rheintal ins Spiel

Wie groß die neue Modellregion nun tatsächlich wird, ist jedenfalls offen, ebenso wie die Frage, wo der Versuch umgesetzt werden soll; die Grünen sprechen sich für das Rheintal mit seinen rund 250.000Bewohnern aus. Tatsächlich definiert soll der Versuch aber erst Ende Mai werden, wenn der Endbericht des Forschungsprojekts zur Gesamtschule vorliegt, das unter Wallner gestartet wurde. Auf dessen Basis werde man dann entsprechende Schritte setzen, meint Landesrätin Mennel.

Bleibt noch die Frage, ob der Bund sein Okay zu dem Schulversuch gibt. Wallner ist damit bei seinem früheren Parteichef Michael Spindelegger (ÖVP) schon einmal abgeblitzt. (red.)

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 234 vom 09.10.2014              Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

Gesamtschule kommt durch die Hintertür

 

   Jetzt auch Vorarlberg: Die schwarz-grünen Länder testen die Gemeinsame Schule.

 

   wien. Die Serie an schwarz-grünen Koalitionen im Westen Österreichs bringt auch Bewegung in die Schulreform. Nach Tirol, wo seit 2013 ÖVP und Grüne regieren, hat sich nun auch die neue schwarz-grüne Landesregierung in Vorarlberg entschlossen, einen Schulversuch zur Gesamtschule einzurichten.

 

    Der neue grüne Vizelandeshauptmann Johannes Rauch besteht darauf, dass es sich – geografisch gesprochen – um einen sehr weit reichenden Versuch handeln müsse. Die Grünen können sich das Rheintal als Versuchszone vorstellen, wo 280.000 der 375.000 Einwohner Vorarlbergs wohnen. Dem Ansinnen, dass das gesamte Bundesland zur Versuchszone erklärt werden könnte, hat Landeshauptmann Markus Wallner bereits eine Absage erteilt.

 

   Die Gesamtschule entspricht in Vorarlberg nicht nur einer grünen Forderung, auch die dominierende Landes-ÖVP hat sich mehrmals dafür ausgesprochen. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte sich Landeshauptmann Markus Wallner für diese Forderung eine rüde Abfuhr des damaligen Parteichefs Michael Spindelegger geholt. Dieser hatte entsprechende Wünsche Wallners mit der Bemerkung: „Ich bin ja nicht das Christkind“ vom Tisch gewischt. Auch der nunmehr in Vorarlberg unter schwarz-grünen Auspizien geplante Schulversuch wird der Zustimmung des Bundes bedürfen.

 

   Das ebenfalls schwarz-grün regierte Tirol startete in diesem Herbst mit der Modellregion Zillertal seinen Schulversuch zur Gemeinsamen Schule. In dieser Region sind sämtliche Hauptschulen in Neue Mittelschulen umgewandelt worden. Auch Tirols LH Platter musste zuvor Widerstände seiner Bundespartei überwinden.

 

 

"Österreich" vom 09.10.2014                                   Seite 7

Ressort: Politik

 

Wien, Niederösterreich, Burgenland

 

Schulversuch soll doch nicht in ganz Vorarlberg kommen.

 

Gesamtschule: Wallner rudert zurück

 

Statt flächendeckender Gesamtschule nur Modellstandorte. Wallner fürchtet Flop.

 

Bregenz. Nachdem die Meldung einer f lächendeckenden Gesamtschule für Vorarlberg hohe Wellen schlug, rudert Landeshauptmann Wallner nun zurück. Stattdessen soll es ähnlich wie in Tirol und Salzburg einen Schulversuch im Wettbewerb mit Gymnasien geben. "Wenn man ein ganzes Bundesland von heute auf morgen umstellen würde, bin ich mir sicher, dass das ein großer Flop wäre", fürchtet Wallner.

 

 

"Der Standard" vom 09.10.2014                                Seite: 1

Ressort: SEITE 1

 

Bundesland, Niederösterreich

 

Vorarlberg: ÖVP will gemeinsame Schule nicht flächendeckend

 

   Bregenz – Die schwarz-grüne Vorarlberger Koalition bekennt sich in ihrem Arbeitspapier zur gemeinsamen Schule. Wie umfangreich der geplante Schulversuch werden soll, ist aber noch ungeklärt. Grünen-Chef Johannes Rauch kann sich das ganze Bundesland oder eine Region wie das Rheintal, wo 240.000 Menschen wohnen, vorstellen.

 

   Gegen einen flächendeckenden Versuch hat Landeshauptmann Markus Wallner (VP) Bedenken. Eine Umstellung von heute auf morgen könnte ein Flop werden, befürchtet er. Definiert werden soll die Versuchsregion nach Abschluss des bis Mai 2015 laufenden Forschungsprojekts zur gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. (red) Seite 10

 

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"Der Standard" vom 09.10.2014                               Seite: 10

Ressort: Inland

 

Bundesland

 

Gemeinsame Schule macht ÖVP im Westen Sorgen

 

   Ein Schulversuch für ganz Vorarlberg oder nur einen Teil davon? Die schwarz-grüne Koalition will das 2015 klären. SPÖ und FPÖ sind empört, sie wollen einen Großversuch. Auch in Salzburg geht bei der Schulreform wenig weiter.

 

   Bregenz/Salzburg – Die schwarz-grüne Vorarlberger Koalition legt im Arbeitsprogramm ein Grundbekenntnis zur gemeinsamen Schule ab. Ein „regionaler Schulversuch“ Gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen soll gestartet werden. Das löst in der Volkspartei Ängste aus.

 

   ÖAAB-Lehrer starteten eine Unterschriftenaktion für das Gymnasium. Unterstützt werden sie dabei von der früheren Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP). Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) kalmierte via ORF-Interview. Er sagte, er könne sich nicht vorstellen, das gesamte Bundesland von heute auf morgen umzustellen.

 

   Die Größe der Schulversuchsregion sei noch nicht definiert, räumen die Grünen ein. „Es kann das gesamte Land sein, oder ein Teil des Bundeslandes“, sagte Grünen-Chef Johannes Rauch im Ö1-Mittagsjournal. Sehr geeignet fände er das Rheintal. Dort lebt der Großteil der Vorarlberger.

 

   Definieren wird man den Umfang des Schulversuchs 2015, wenn die Ergebnisse einer im Vorjahr beauftragten Studie vorliegen. Experten befassen sich mit rechtlichen, organisatorischen und pädagogischen Fragen der gemeinsamen Schule. Zudem wurden 19.500 Lehrer, Eltern und Schüler befragt.

 

   FPÖ für gemeinsame Schule

 

   Die Opposition ist empört. Gabi Sprickler-Faschlunger (SPÖ) spricht von einer Mogelpackung: Jeder der mit der Materie befasst sei, verstünde unter „regionaler Schulversuch“ das ganze Bundesland. Ein kleinräumiger Versuch sei sinnentleert.

 

   Sogar FPÖ-Chef Dieter Egger, dessen Bundespartei gegen die Gesamtschule ist, bedauert, dass die Umsetzung der gemeinsamen Schule in Vorarlberg einmal mehr in weite Ferne gerückt sei. Das Problem der ungleichen Startbedingungen bleibe.

 

    In Salzburg wird im Programm der schwarz-grünen Landesregierung ein Modellstandort für die gemeinsame Schule bis 14 angestrebt. Als Termin wurde das Schuljahr 2014/15 fixiert. Allein, geschehen ist bis dato nichts.

 

   Man wolle noch die Evaluierung der Neuen Mittelschule abwarten, heißt es aus dem Büro von Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP). Diese Evaluierung soll im Frühjahr 2015 vorliegen. Dazu komme, dass so ein Schulversuch nur mit Einverständnis der Schulstandorte starten könne. „Wir zwingen niemanden dazu“, sagt ein Sprecher von Landesschulratspräsident Johannes Plötzeneder. Bisher habe kein einziger der möglichen Standorte Interesse an einem Schulversuch gezeigt.

 

   Die Tiroler Version einer Modellregion wird seit Schulbeginn im Zillertal probiert. Beteiligt sind sieben Mittelschulen. Gymnasien mussten im Zillertal nicht zum Mitmachen überredet werden, die gibt es dort nicht.

 

   Bundes-ÖVP sucht Linie

 

   Eine Änderung des Schulorganisationsgesetzes – Schulversuche dürfen an einer Schule nur eingerichtet werden, wenn die Eltern sowie Lehrer zustimmen – könnte die Umsetzung des geplanten Schulversuchs in Vorarlberg erleichtern. Um eine entsprechende Novelle bemühte sich schon die ehemalige Unterrichtsministerin der SPÖ, Claudia Schmied. Gefragt, ob sie einer einer entsprechenden Reform zustimmen würde, verwies ÖVP-Bildungssprecherin Brigitte Jank auf eine Arbeitsgruppe innerhalb der ÖVP, die derzeit zu diesem „hochsensiblen und wichtigen“ Thema berate. Eine Linie werde momentan entwickelt. (burg, jub, neu)

 

 

Kurier – 9. Oktober 2014

 

 

Gesamtschule: Spaltpilz für Schwarz-Grün.

Massive Widersprüche gibt es nun beim Start der schwarz-grünen Koalition in Vorarlberg.

 

 

 

So haben sich Markus Wallner und Johannes Rauch den Start ihrer Regierung eher nicht vorgestellt. Die Präsentation des schwarz-grünen Koalitionspaktes für Vorarlberg war kaum geschafft, schon traten beim "Schlüsselthema", der Bildung, erhebliche Auffassungsunterschiede zutage. Was war passiert?

ÖVP-Chef Wallner hatte Mittwochfrüh auffallend deutlich festgehalten, dass die Gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg nicht flächendeckend kommen wird. "Eine Umstellung von heute auf morgen wäre ein großer Flop", sagte Wallner im ORF-Radio.

Das kategorische Nein kam für Beobachter – insbesondere in den Reihen der Grünen – überraschend. Nicht nur, weil die Ökos die landesweite Ausrollung der Gemeinsamen Schule schon im Wahlkampf als prioritär bezeichnet hatten; auch, weil der Regierungspakt sich durchaus in diese Richtung lesen lässt. Da heißt es etwa, eine "spätere Bildungswegentscheidung wäre für die Kinder von Vorteil und die Volksschulen würden dadurch deutlich entlastet".

"Der Geist, von dem das Koalitionspapier getragen wird, ist eindeutig",

sagt Harald Walser, Vorarlberger und Grünen-Bildungssprecher, zum KURIER. "Die ÖVP muss sich offenbar erst daran gewöhnen, dass sie fortan nicht die alleinige Deutungshoheit über Vereinbarungen hat."

Auch Grünen-Landessprecher Johannes Rauch versuchte gestern einen Pflock einzuschlagen: Der im Regierungspakt fixierte "Schulversuch" müsse natürlich großflächig umgesetzt werden: "Das kann das ganze Land sein, es kann aber auch der Ballungsraum Rheintal mit inzwischen 280.000 Einwohnern sein."

Und Rauch weiter: Vorarlbergs Schulversuch dürfe sich nicht auf eine Kleinregion beschränken, sondern müsse zwei Drittel bis drei Viertel des Landes einwohnermäßig abdecken, so der Grünen-Chef zum KURIER. "Das ist auch Konsens der Regierungsparteien. "

Konsens? Der klingt wohl anders. Dass die schwarz-grüne Koalition an der für heute geplanten Abstimmung der grünen Landesversammlung noch scheitern könnte, gilt trotzdem als unwahrscheinlich. So wird zwar Feldkirchs Stadträtin Marlene Thalhammer gegen den Pakt stimmen. Sie selbst wähnt sich aber in der Minderheit.

In der Bundes-ÖVP, die derzeit Reform-Ideen für den Bildungssektor sammelt, kommentiert man den Richtungsstreit im Ländle noch vorsichtig. "Die Vorarlberger denken über Innovationen nach. Wir alle wollen die beste Schule für jedes Kind", ließ der in der ÖVP für Bildung zuständige Staatssekretär, Harald Mahrer, ausrichten.

 

 

Wiener Zeitung – 9. Oktober 2014

 

 

Vorarlberg

Gesamtschule könnte im Rheintal geprobt werden

 

 

 

 

 

 

 

 

·         Initiative "ProGymnasium" um Gehrer formiert sich.

 

Bregenz. Zwar ist die Gesamtschule auch in Vorarlberg - trotz des Koalitionspapiers zwischen ÖVP und Grünen - noch keine abgemachte Sache, aber sehr wahrscheinlich. Seit dem Vorjahr läuft bereits eine Forschungsinitiative zur Gesamtschule. In dieser setzen sich Expertengruppen unter anderem mit rechtlichen und organisatorischen Fragen sowie pädagogischen Konzepten der Gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen auseinander. Abgeschlossen sein wird das 100.000 Euro teure Projekt bis Mai 2015. Erst dann wird eine Entscheidung über eine Modellregion für die Gesamtschule fallen.

Die Grünen haben jedenfalls schon einmal eine Modellregion ausgemacht: Das Rheintal sollte es sein. Dort leben 280.000 Menschen. Grünen-Landessprecher Johannes Rauch sagte am Mittwoch, dass der Umfang der Modellregion im Arbeitsprogramm offen geblieben sei. Er gehe aber davon aus, dass es "ein sehr weitreichender Versuch" sein werde. Man werde "deutlich über das hinausgehen, was in Salzburg und Tirol angedacht ist".

Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) hat wiederholt die Heranziehung des gesamten Bundeslands als Schulversuchs-Region abgelehnt. Für die Durchführung des Schulversuchs wird Vorarlberg allerdings unter Umständen die Zustimmung des Bundes brauchen. Im Koalitionspapier wird dies so ausgedrückt: Die Landesregierung werde die "Bundesregierung ersuchen, diesen zu ermöglichen".

Gesamtschul-Gegner bauen indes schon vor: Die AHS-Lehrergewerkschaft beziehungsweise ihr nahestehende Gruppierungen mobilisieren seit einigen Tagen für die Initiative "ProGymnasium": Unterzeichnet haben unter anderem Ex-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) sowie vor allem Lehrer und Direktoren.

 

 

"Vorarlberger Nachrichten" vom 09.10.2014

Ressort: VN-A

 

 

„Pro Gymnasium“ gegen Gemeinsame Schule. Auch Ex-Ministerin Gehrer erhebt Stimme.

 

Bildung wird wieder zu Konflikt der Ideologen

 

   Bregenz. (VN-hk) Im Westen Österreichs wird die Front der Anhänger einer Gemeinsamen Schule immer breiter. Indes mobilisieren nun auch die Anhänger des Erhalts der Gymnasiumslangform. „Pro Gymnasium“ nennt sich eine Initative, die auch von Ex-Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (72) unterstützt wird. Im VN-Interview verwirft Gehrer zwar die Vorstellung von der Überlegenheit eines bestimmten Schulsystems, sieht „Pro Gymnasium“ jedoch als Beitrag zur Versachlichung der Bildungsdiskussion. Laut Gehrer müsse man die Volksschule noch mehr unterstützen.

 

   FPÖ und SPÖ nehmen die Bildungsvorhaben der künftigen Landesregierung bereits ins Kreuzfeuer der Kritik. Es würde „weitergewurschtelt“, meint Dieter Egger. /A5

 

 

"Vorarlberger Nachrichten" vom 09.10.2014

Ressort: VN-A

 

 

Langzeit-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer unterstützt Initiative „Pro Gymnasium“.

 

„Neues System kommt sehr teuer“

 

VN-Interview. Elisabeth Gehrer (72), ehemalige UnterrichtsministerinZur Person

 

   Bregenz. Seit sieben Jahren ist sie in Pension, doch als politisch denkender Kopf immer noch sehr aktiv: Elisabeth Gehrer, die ehemalige Unterrichtsministerin. Die Bregenzerin unterstützt die Initiative „Pro Gymnasium“ und glaubt nicht an ein bestimmtes Schulsystem als Lösung aller Bildungsprobleme. Zu den Bildungsplänen der neuen schwarz-grünen Landesregierung will sie sich nicht äußern. Die Schuldiskussion findet Gehrer medial aufgebauscht und zu sehr am Schlagwort Gemeinsame Schule aufgehängt. Sie räumt ein, als Unterrichtsministerin zwischen 1995 und 2007 auch Fehler gemacht zu haben.

 

   Sie haben einmal gesagt, Sie wollen Schulpolitik nicht mehr kommentieren. Jetzt stellen Sie sich an die Spitze einer Petition fürs Gymnasium. Warum?

 

   Gehrer: Ich sehe da keinen Widerspruch. Ich wurde von dieser Initiative, die in Tirol entstand, gefragt, ob ich mich für eine Versachlichung der Schuldiskussion einsetze. Dazu habe ich mich mit meiner Unterschrift bekannt. Und genau als das sehe ich diese Initiative: Als Beitrag zu einer Versachlichung der Diskussion über Bildung. Ich stehe übrigens nicht an der Spitze der Initiative, auch wenn vielleicht mein Name vorne auf der Liste aufscheint. Es geht um die Qualität des Unterrichts, nicht um die Organisation. Es gibt hervorragende differenzierte Schulsysteme doch genauso wie es Gesamtschulsysteme gibt, die sehr gut sind. Warum soll man viel Geld dafür verwenden, ein gewachsenes System zu ersetzen, statt in die Qualität zu investieren?

 

   Aber diese Initiative, für die Sie unterschrieben haben, steht für die Beibehaltung der Gymnasiumlangform?

 

   Gehrer: Ich sehe sie hauptsächlich als Aufforderung für eine sachliche Diskussion mit Punkten, die ich unterstützen kann.

 

   Welche Punkte sind es, die Sie als vordringlichste Aufgaben sehen?

 

   Gehrer: Zum Beispiel die umfassende Unterstützung für Volksschulen. Wir müssen doch alles daran setzen, dass die Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. Mit 15 ist es zu spät. Ich meine auch, dass wir jenen vertrauen sollten, die sich auskennen, nämlich den Lehrern. Wir brauchen gute Lehrer, die das bewerkstelligen.

 

   Und das Gymnasium als Langform braucht es?

 

   Gehrer: Ich sehe die Vorzüge des Gymnasiums in seinem vielfältigen Angebot, das auf die vielfältigen Begabungen eingeht. Im übrigen kann man auch als Nicht-Gymnasiast in unserem System alles erreichen. Es gibt genügend Schwerpunktschulen, die eine gute Ausbildung ermöglichen. Das Angebot in der Bildung ist sehr breit gestreut. Auch Hauptschüler, das zeigen doch die Zahlen, können alles erreichen. Noch einmal: Man soll nicht mit Gewalt ein neues System überstülpen, das sehr teuer kommt.

 

   Jetzt haben wir im Land eine neue Regierung, die von einer Modellregion Vorarlberg spricht, in der womöglich auch eine Gemeinsame Schule Platz hat. Wie beurteilen Sie das?

 

   Gehrer: Dazu gebe ich keine Stellungnahme ab. Die jetzt politisch Verantwortlichen im Land Vorarlberg müssen das tun, was sie glauben, tun zu müssen.

 

   Ist Ihnen die Schuldiskussion ganz allgemein zu hitzig?

 

   Gehrer: Ich finde, dass die Schuldiskussion viel zu sehr medial aufgebauscht ist. Der Begriff Gemeinsame Schule eignet sich gut für eine Schlagzeile, die man immer wieder verwenden kann. Man sollte die Lehrer auch einfach einmal nur arbeiten lassen, statt sich von Schlagzeilen hetzen zu lassen. Kommt hinzu, dass natürlich sieben Millionen Österreicher über Schule reden können. Schließlich war jeder einmal in der Schule und hat von dort seine G’schichteln. Die habe ich, und die haben Sie wohl auch.

 

   Allerdings waren Sie nicht nur Schülerin, sondern Bildungsministerin der Republik. Ist man da nicht in einem Spannungsfeld verschiedener Interessen hoffnungslos gefangen?

 

   Gehrer: Unterrichtsminister sein ist eine schöne Aufgabe mit großen Herausforderungen. Natürlich gibt es Entscheidungen, die ich heute nicht mehr so fällen würde, wie ich sie damals gefällt habe.

 

   Zum Beispiel?

 

   Gehrer: Als ich verfügte, dass Überstunden nur noch dann bezahlt werden, wenn sie gehalten werden – also nicht mehr während Ski-oder Schullandwochen, kam es, dass Lehrer nicht mehr solche Wochen abhalten wollten. Das würde ich nicht mehr so machen.

 

   Wie geht es Ihnen heute?

 

   Gehrer: Gut. Ich bin jetzt 72, seit sieben Jahren in Pension und habe viel zu tun. Zum Beispiel arbeite ich derzeit gerade im Garten, wovon Sie mich momentan abhalten.

 

   Elisabeth Gehrer72 Jahre alt; Unterrichtsministerin zwischen 1995 bis 2007; davor Vorarlberger Schullandesrätin (zwischen 1990 und 1995); Elisabeth Gehrer ist gelernte Volksschullehrerin, verheiratet und hat drei Söhne. Sie lebt in Bregenz.

 

 

"Vorarlberger Nachrichten" vom 09.10.2014                    Seite A5

Ressort: Vorarlberg

 

Vorarlberger Nachrichten

 

Zeit der Ideologen im Bildungsstreit

 

WIEN, BREGENZ. (VN-hk,ebi) Mehr denn je scheint das Thema Bildung ein Streitobjekt der unterschiedlichen Ideologien zu sein. Während in den westlichen Bundesländern die Forderung nach der Erprobung einer Gemeinsamen Schule immer stärker wird, haben nun auch die Befürworter der Gymnasium-Langform die Kampfarena betreten. Die bundesweite Initiative "Pro Gymnasium" hat einen Acht-Punkte-Forderungskatalog vorgelegt. Zentraler Punkt dabei: Natürlich der Erhalt des achtjährigen Gymnasiums. Süffi sant wird im Papier auch eine "Aufhebung der Blockade einer sachlichen Bildungsdebatte" gefordert. Neben der früheren Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (siehe Interview oben) haben das Papier vor allem viele AHS-Lehrer-und Direktoren, darunter nicht wenige Vorarlberger, unterschrieben.

 

Egger: "Weiterwurschteln"

 

In Vorarlberg nimmt die Opposition die neue Regierung mit ihrem Bildungsprogramm bereits heftig ins Visier. "Es wird weitergewurschtelt wie bisher", sieht FPÖ-Klubobmann Dieter Egger (45) dunkle Zeiten auf die heimische Bildungslandschaft zukommen. "Die schwarz-grüne Landesregierung strebt nach den heutigen Aussagen von ÖVP-Wallner nämlich keineswegs eine Modellregion Vorarlberg an, sondern einen Schulversuch im Wettbewerb mit den Gymnasien. Dass die Grünen in dieser Frage umgefallen sind, ist die eine Sache. Dass Wallner nach einem Schritt vor in der Bildungspolitik nun wieder zwei Schritte zurück macht, die andere", so Egger.

 

"Sinnentleert"

 

Gabi Sprickler-Falschlunger (58), Bildungssprecherin der SPÖ, spricht gar von einer "Mogelpackung Gemeinsame Schule". Markus Wallners Klarstellung, wonach es nur einen kleinräumigen Versuch bei der Gemeinsamen Schule gebe, sei "sinnentleert", meint Gabriele Sprickler-Falschlunger.

 

 

ORF – 9. Oktober 2014

 

Schwarz-Grüne Bildungspolitik am Pranger

Das Bildungspaket, auf das sich ÖVP und Grüne im Zuge der Regierungsverhandlungen geeinigt haben, steht einen Tag nach der Verkündung schon im Kreuzfeuer der Kritik. FPÖ-Chef Dieter Egger spricht von „Durchwursteln“, Gabi Sprickler-Falschlunger wittert eine „Mogelpackung“ in der Frage der Gesamtschule.

Am Dienstag hatten Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) und Grünen-Obmann Johannes Rauch Details aus ihrem Regierungsprogramm preisgegeben. Jener Programmpunkt, der jetzt für Diskussionen sorgt, betrifft die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Hier wollen Wallner und Rauch erst die Ergebnisse einer Expertengruppe abwarten, die im Vorjahr eingesetzt wurde. Dann werde man über einen möglichen Schulversuch in Vorarlberg entscheiden.

Im Ö1-Interview präzisierte Wallner am Mittwoch, dass er sich lediglich einen regional beschränkten Schulversuch vorstellen könne. Außerdem solle es zu Beginn eine Konkurrenz mit anderen Systemen geben.

Beitrag von Bernhard Stadler und Sabrina Winter.

Egger: Es wird „weitergewurschtelt“

Genau diese Aussagen erregen den Unmut von FPÖ-Klubobmann Dieter Egger. Wenn man sich Wallners Aussagen anhöre, „dann kann man nur sagen: Es wird „weitergewurschtelt“ wie bisher. Ein klares Ziel für die Schule der Zukunft fehlt nach wie vor.“

Den Grünen wirft Egger vor, in der Frage umgefallen zu sein. „Damit ist die Umsetzung der Gemeinsamen Schule in Vorarlberg einmal mehr in weite Ferne gerückt", so Egger. Zudem werde viel Geld investiert, ohne ein klares Ziel vor Augen zu haben.

Sprickler-Falschlunger sieht „Mogelpackung“

„Eines ist klar – einen Schulversuch zur gemeinsamen Schule beispielsweise nur im Bregenzerwald zu machen, in welchem es nicht einmal eine Unterstufe der AHS gibt, macht keinen Sinn", kritisiert auch SPÖ-Bildungssprecherin Gabi Sprickler-Falschlunger. "Dann kann man es gleich lassen, da es nichts anderes als eine Mogelpackung ist.“ Sie befürchtet eine „Schülerflucht“, sollte es zu einem regional beschränkten Versuch kommen. Diejenigen, die mobil seien und Geld besäßen, könnten nämlich den Bezirk verlassen.

Debatte: Was muss sich an Österreichs Schulen ändern?

In die Pflicht nimmt Sprickler-Falschlunger vor allem Katharina Wiesflecker als ehemalige Bildungssprecherin der Grünen. In dieser Funktion habe sie immer argumentiert, dass nur ein flächendeckender Schulversuch sinnvoll sei.

Rauch für Modellregion Rheintal

Grünen-Chef Johannes Rauch spricht sich indes für das Rheintal als mögliche Modellregion für die Gesamtschule aus. Mit 280.000 Einwohnern sei das die geeignete Region, so Rauch im Ö1-Mittagsjournal. Die konkrete Region werde aber erst nach Beendigung des Forschungsprojekts im Mai 2015 definiert.

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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