Freitag, 10. Oktober 2014

2014.10.10: Newsletter Bildung

 

Die Presse – 10. Oktober 2014

 

 

"Erwachsenen-PISA": Kinderlose können besser lesen

Personen ohne Kinder erzielten bei der OECD-Studie in allen Bereichen bessere Ergebnisse als Eltern. Vor allem Mütter schneiden schlecht ab.

Schlechte Nachrichten für Mütter und Väter bringt die  OECD-Studie "Programme for the International Assessment of Adult Competencies" (PIAAC). Ein Ergebnis des so genannten "Erwachsenen-PISA" ist nämlich, dass Personen mit Kindern in allen Bereichen schlechtere Ergebnisse erzielt haben als Kinderlose. Dieses - für viele wohl überraschende- Ergebnis zeigt eine Detailanalyse der Statistik Austria. Bei der Studie wurden Personen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren im Lesen, in Alltagsmathematik und im Problemlösen getestet.

Die ersten Ergebnisse der Studie, deren Fokus auf der Überprüfung von für Beruf und Alltag relevanten Schlüsselkompetenzen liegt, wurden im Oktober 2013 präsentiert. Dabei zeigte sich, dass fast eine Million Menschen in Österreich nur über eine geringe Lesekompetenz verfügt. International schnitten die Österreicher dabei durchschnittlich ab: Im Lesen liegen wir leicht unter dem OECD-Schnitt, in der Mathematik leicht darüber und beim Problemlösen im Schnitt.

Männer schneiden besser ab

In einem Sammelband werden nun Details analysiert - mit zum Teil überraschenden Ergebnissen: So erreichten bei PIAAC Männer zwar in allen drei Kompetenzbereichen bessere Leistungen - im Lesen und im Problemlösen ist der Geschlechterunterschied aber etwa wesentlicher geringer als die Leistungsunterschiede zwischen Kinderlosen und Personen mit Kindern, analysieren Elisabeth Ponocny-Seliger (Gender Research) und Ivo Ponocny (Modul University).

So zeigte sich etwa beim Lesen ein vierfach größerer Unterschied zugunsten der Kinderlosen (16 Punkte) als zwischen Männern und Frauen (vier Punkte), beim Problemlösen war er doppelt so groß (20 Punkte zugunsten der Kinderlosen bzw. neun Punkte zugunsten der Männer). In der Alltagsmathematik sind die Unterschiede (Geschlechter: 13 Punkte; Kinderlose vs. Personen mit Kindern: zwölf Punkte) praktisch gleich groß.

Bei Vätern ist das Bild uneinheitlich

Beim Lesen zeigt sich etwa, dass bis zum Alter von 35 Jahren die Unterschiede zwischen Kinderlosen und Eltern sowohl bei Frauen als auch bei Männern deutlich ausgeprägt sind, bei Frauen noch stärker. Mütter schneiden also am schlechtesten ab. Während der Unterschied zwischen Müttern und kinderlosen Frauen dann bis 65 Jahre bestehen bleibt, ist das Bild bei den Männern uneinheitlich: Bei den 45-bis 54-Jährigen überholen die Väter ihre kinderlosen Geschlechtsgenossen, um etwas später wieder leicht hinter diese zurückzufallen.

Kinder als Gefahr

"In der jüngeren Generation macht es nicht mehr das Geschlecht aus, sondern die Bedingungen rundherum", meinte Ponocny-Seliger. Als Erklärung für die Kompetenzrückstände der Personen mit Kindern führt sie zwei Argumente an: "Einerseits sind Kinder eine riesige Gefahr, aus der Bildungslaufbahn hinausgekickt zu werden. Und Kinder binden Zeit - diese Zeit geht für den Kompetenzerwerb verloren." Wobei man das nicht falsch verstehen dürfe: Durch Kinder erwerbe man durchaus Kompetenzen, aber eben nicht jene, die bei PIAAC abgefragt würden.

Die geringeren Unterschiede zwischen Kinderlosen und Eltern in der älteren Generation erklärt Ponocny-Seliger einerseits damit, dass die Kinder in diesem Alter im Regelfall außer Haus seien, und andererseits mit der unterschiedlichen Sozialisation. Diese Generation habe ein ganz anderes Bildungssystem durchlaufen und sei etwa nicht unter dem ständigen Druck zur Fortbildung gestanden.

Vergleich mit andere Ländern

In anderen Staaten ergibt sich ein unterschiedliches Bild: Bis zum Alter von 35 Jahren haben zwar auch in Frankreich die Kinderlosen die Nase vorn. Bereits mit 35 Jahren nivellieren sich aber die Unterschiede, bei den Älteren erzielen dann sogar die Personen mit Kindern höhere Werte. Ähnlich ist die Lage in Finnland, wo zwar junge Frauen mit Kindern leistungsmäßig massiv abfallen, ab ca. 45 Jahren aber keine Geschlechter- oder Fertilitätseffekte mehr zu verzeichnen sind.

 

 

Die Presse – 10. Oktober 2014

 

 

87 Posten mehr für das Asylamt

Die Aufstockung ist zwischen Kanzleramt und Innenministerium paktiert. Ab kommendem Jahr wird Unterstützungspersonal für Lehrer vom Aufnahmestopp ausgenommen.

von KARL ETTINGER

Wien. Dem steigenden Zustrom von Asylwerbern nach Österreich wird jetzt beim Personal des Bundes Rechnung getragen. Das von Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) geführte Innenministerium hat im ersten Halbjahr 2014 eine Evaluierung der Arbeit des neu geschaffenen Bundesamtes für Asyl- und Fremdenwesen vorgenommen und daraufhin zusätzliche Posten beantragt. Diese wurden inzwischen zugesagt, wie der „Presse“ im Büro der im Bundeskanzleramt angesiedelten Staatssekretärin Sonja Steßl (SPÖ) mitgeteilt wurde.

Insgesamt wurde dem Bundesamt eine Aufstockung der knapp 800 Bediensteten umfassenden Behörde um 87 Posten zugestanden. Welche Planstellen dies genau sind, darüber laufen derzeit gerade noch Gespräche zwischen Kanzleramt und Innenministerium.

Gleichzeitig warb Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) am Donnerstag in Luxemburg beim Treffen der EU-Innenminister für eine Aufteilung von Flüchtlingen in Europa nach einem Schlüssel, der sich aus Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft ergibt. Mikl-Leitner will es Schutzbedürftigen ermöglichen, „ohne Gefahren auf sich zu nehmen, nach Europa zu kommen“. Bei einem automatisierten Verteilungsschlüssel hätte Österreich im Vorjahr 10.275 Asylwerber weniger zu versorgen gehabt, heißt es laut APA in einer internen Modellrechnung.

350 Posten für Schulen gerettet

Für das Wiener Beamtenressort ist die Aufstockung im Bundesamt für Asylwesen und Fremdenwesen ein „ungewöhnlicher Schritt“. Schließlich erfolgt die Erhöhung des Personalstands mitten im Sparkurs der Bundesregierung. Staatssekretärin Steßl ist seit der Regierungsumbildung Anfang September für den öffentlichen Dienst zuständig, sie hat diese Kompetenzen von Kanzleramtsminister Josef Ostermayer (SPÖ) übernommen.

In einem zweiten heftig umstrittenen Bereich gibt es ebenfalls bereits fix paktierte Zugeständnisse der Bundesregierung. Das betrifft das Unterstützungspersonal in den Schulen, von den Sekretariaten bis hin zu den Schulwarten. Dieser Sektor wird nun nach Ende 2014 von dem bis 2018 weiterhin geltenden grundsätzlichen Aufnahmestopp im rund 132.000 Beamte und Vertragsbedienstete umfassenden Bundesdienst ausgenommen. Die Weichen dafür wurden schon mit dem Personalplan für 2014 und 2015 noch während der Amtszeit von Ostermayer im heurigen Frühjahr gestellt.

Im Detail steht mittlerweile fest, dass rund 350 Posten, die sonst bis 2018 laut Sparplan reduziert werden müssten, ab dem kommenden Jahr nicht eingespart werden. Ursprünglich war vorgesehen, dass nur jeder zweite durch Pensionierung frei werdende Posten nachbesetzt wird. Das hätte geschätzt zu einer Reduktion um 600 bis 700 Bedienstete geführt, was jetzt nicht passieren wird. Ausgenommen vom Aufnahmestopp sind auch die Exekutive, Lehrer, Richter und Staatsanwälte, die Justizwache sowie Arbeitsinspektorate und die Finanzpolizei.

Mehr IT-Personal

Im Dezember des Vorjahrs ist nach langwierigen Verhandlungen gegen Proteste der Lehrergewerkschaft im Parlament das neue Lehrerdienstrecht beschlossen worden. Lehrervertreter hatten jedenfalls mehr Personal zur Unterstützung verlangt. Allerdings gehen die Forderungen der Gewerkschaft viel weiter: Nach deren Berechnungen müssten nach skandinavischem Vorbild rund 13.000 Bedienstete (von der Verwaltung bis zu Sozialarbeitern und Psychologen) mehr eingestellt werden. Für den IT-Bereich wurden an Schulen schon für heuer und kommendes Jahr 120 neue Bedienstete zugelassen.

Ein weiteres Ziel von Staatssekretärin Steßl betrifft den Ausbau des sogenannten Mobilitätsmanagements, eine Art Jobbörse im Bundesdienst – allerdings ausdrücklich für Bedienstete auf freiwilliger Basis.

 

 

OÖN – 10. Oktober 2014

 

 

Heinisch-Hosek: Kein Geld für mehr Unterstützungskräfte an Schulen

WIEN. Für die Unterrichtsministerin sind die Forderungen der Gewerkschaft mit derzeitigem Budget "schwer bis gar nicht" erfüllbar.

 

Jeder vierte Pflichtschullehrer fühlt sich überlastet, Hauptbelastungsfaktor sind den Unterricht störende Schüler: Diese Ergebnisse einer Umfrage hat vor wenigen Tagen die Lehrergewerkschaft präsentiert. Der Chef der Pflichtschullehrergewerkschaft, Paul Kimberger, sah sich in der Forderung nach Unterstützungspersonal an den Schulen bestätigt (die OÖNachrichten berichteten).

 

Die zuständige Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) lässt die Lehrervertreter nun – vorerst – abblitzen: "Ich verstehe, dass sich Pädagogen belastet fühlen können, auch in meinen 18 Jahren, die ich unterrichtet habe, hat es Situationen gegeben, wo es sehr herausfordernd war", sagt Heinisch-Hosek im Gespräch mit den OÖNachrichten. Unterstützung hätten die Lehrer aber bereits: "Knapp 4000 Personen, Schulpsychologen, Sozialarbeiter und Schulärzte gibt es, von Bund und Ländern finanziert. Die will ich nutzen." Und mehr sei momentan nicht drin, stellt die Ministerin klar: "Ich habe für mein Ressort eine breite Sparvorgabe auferlegt bekommen. Ich kann mir schwer bis gar nicht vorstellen, aus dem jetzigen Budget zusätzliches Personal zu finanzieren, wenn wir nicht beim Kind sparen wollen."

 

Aufgabe für Arbeitsgruppe

 

Die Forderungen der Gewerkschaft will sie in der von der Regierung bei ihrer Klausur vereinbarten Bildungsreformkommission zur Sprache bringen: "Ich kenne sie bereits, nun wollen wir uns das gemeinsam anhören und dann müssen wir diskutieren, ob und was finanzierbar ist." Fest steht für Heinisch-Hosek aber auch: "Die 12.000 bis 13.000 Menschen, die die Gewerkschaft fordert, sind nicht realistisch."

 

In der rot-schwarzen Bildungskommission werden vier Ländervertreter und vier Vertreter der Bundesregierung, darunter Heinisch-Hosek, sitzen. Die Konstituierung ist Mitte November geplant. Ergebnisse, auch zu Fragen der Schulautonomie, erwartet Heinisch-Hosek bis März nächsten Jahres.

 

 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 10.10.2014             Seite: 3

Ressort: Politik

 

 

Eltern: Schwache Lesekompetenz

 

   Wien. Nicht nur die Kompetenzen von Schülern, auch die von Erwachsenen sind mittels OECD-Studie getestet worden. Dabei zeigte sich, dass fast eine Million Österreicher nur über eine geringe Lesekompetenz verfügt. Gleichzeitig haben Eltern in allen Bereichen schlechtere Ergebnisse erzielt als Kinderlose. Im internationalen Vergleich schnitten die Österreicher (im Alter zwischen 16 und 65) durchschnittlich ab. Im Lesen erzielten sie einen Mittelwert leicht unter dem OECD-Schnitt, in Mathematik lagen sie leicht darüber.

 

 

"Kleine Zeitung" vom 10.10.2014                              Seite: 4

Ressort: Politik

 

Steiermark

 

AKTUELL

 

   Heinisch-Hosek: Sparzwang

 

   LINZ. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) schließt die Einstellung von zusätzlichem Unterstützungspersonal an Schulen vorerst aus, da sie sparen müsse, sagte sie den „Oberösterreichischen Nachrichten“.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 235 vom 10.10.2014              Seite: 1

Ressort: Seite 1

 

Österreich

 

Schulabbrecher haben in Österreich kaum eine Chance

 

   53.000 Schulabbrecher bedeuten über die Jahrzehnte Kosten für die Gesellschaft von bis zu 95 Mrd. Euro. Die Ausgrenzungsgefährdung ist in Österreich besonders hoch.

 

   Wien. Sieben von 100 Österreichern aus der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen sind laut Statistik frühe Schulabbrecher. Das sind 53.000 Menschen in dieser Altersgruppe. Im internationalen Vergleich ist das eine eher niedrige Quote. Dennoch gibt es in Österreich massiven Handlungsbedarf. Denn die Ausgrenzungsgefährdung junger Leute, die ohne Abschluss aus dem Schul- und Ausbildungssystem aussteigen, ist in Österreich besonders hoch.

 

   Hierzulande haben Schulabbrecher das fünftgrößte Risiko von Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt innerhalb von 28 europäischen Staaten. Besonders dramatisch stellt sich die Situation in Wien dar, wo Schulabbrecher im Vergleich zu anderen EU-Städten überdurchschnittlich vertreten sind. EU-weit umfasst die Problemgruppe 5,5 Millionen Personen. Unterschiedlichen Berechnungen zufolge entstehen der Gesellschaft pro „Early School Leaver“ Kosten in Höhe von einer bis 1,8 Millionen Euro. Allein die 53.000 aktuellen Schulabbrecher in Österreich verursachen damit langfristig Kosten von 53 bis 95,4 Mrd. Euro. Präventionsmaßnahmen gegen Schulabbruch rechnen sich doppelt. Die betroffenen Jugendlichen berichten über Zukunftsängste, Gefühle der Nutzlosigkeit bis hin zu Resignation, Ausschluss vom Arbeitsmarkt, Auflösung sozialer Beziehungen und schwindende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Seite 3

 

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"Salzburger Nachrichten" Nr. 235 vom 10.10.2014              Seite: 3

Ressort: Hintergrund/Seite 3

 

Österreich

 

Auf der Suche nach der verlorenen Generation

 

   Präventionsmaßnahmen gegen Schulabbruch rechnen sich doppelt. Schulabbrecher verursachen Milliardenkosten für die Gesellschaft und sind häufig mit Ausgrenzung verschiedenster Art konfrontiert.

 

   Helmut Schliesselberger Early School Leaver, Lost Generation, schulmüde Jugendliche, Dropouts. Egal wie das so folgenschwere Massenphänomen des frühen Scheiterns genannt wird: Ein einziger Schulabbrecher kostet laut einer Studie der EU-Kommission die Gesellschaft 1,8 Mill. Euro. Für die Betroffenen sind die Folgen ebenso schwerwiegend. Schulabbrecher sind häufig arbeitslos oder prekär beschäftigt. Mangelnde Bildung, Beschäftigungslosigkeit und geringes Einkommen verringern die generellen Lebenschancen der Betroffenen massiv. Von Schlagzeilen, wie sie jede zweite Geschichte über den Selfmade-Unternehmer René Benko zieren –„Vom Schulabbrecher zum Millionär“ –, können so gut wie alle ein Leben lang nur träumen.

 

   Jemand, der Hauptschule und Polytechnikum absolviert hat, gilt nach der wissenschaftlichen Definition eines Early School Leavers streng genommen noch als Schulabbrecher, selbst dann, wenn er dazu noch eine einjährige Fachausbildung abgeschlossen hat. Early School Leaver sind demnach Personen zwischen 18 und 24, die keinen Abschluss auf der Sekundarstufe 2, also keine abgeschlossene Lehre oder abgeschlossene BMS, BHS oder AHS, aufweisen können.

 

    WU-Bildungswissenschafterin Erna Nairz-Wirth, die in einer spannenden Längsschnittstudie 17 Schulabbrecher über fünf Jahre begleitet und in regelmäßigen Interviews befragt hat, sagt im SN-Gespräch, es gebe unterschiedliche Berechnungen, laut denen der Gesellschaft pro Early School Leaver über eine Spanne von 40 Jahren Kosten von einer Million bis zu 1,8 Mill. Euro entstehen. Diese ergeben sich daraus, dass Schulabbrecher weniger Steuern bezahlen, häufiger arbeitslos sind und leichter krank werden, also weniger ins System einzahlen und wesentlich mehr auf Unterstützung angewiesen sind.

 

   Laut Statistik Austria gibt es in Österreich derzeit 53.000 Schulabbrecher zwischen 18 und 24.

 

    Allein die 53.000 aktuellen Schulabbrecher werden Kosten für die Gesellschaft von 53 Mrd. bis 95,4 Mrd. Euro verursachen.

 

   Österreich hat im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedsländern eine geringe Schulabbrecherquote. Dennoch gibt es Handlungsbedarf. Grund ist die im internationalen Vergleich hohe Ausgrenzungsgefährdung. In Österreich haben Schulabbrecher das fünftgrößte Ausgrenzungsrisiko vom Arbeitsmarkt innerhalb von 28 europäischen Staaten. Noch dramatischer ist die Situation in Wien, wo diese Jugendlichen im Vergleich zu anderen EU-Städten überdurchschnittlich vertreten und ausgegrenzt sind. Sieben von 100 Österreichern aus der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen sind laut Statistik frühe Schulabbrecherinnen. EU-weit umfasst die Problemgruppe 5,5 Mill. Personen.

 

   Die WU-Studie, die 17 Schulabbrecher aus unterschiedlichsten Milieus über Jahre begleitete, kam zu dem Ergebnis, dass ein früher Schulabgang meist Resultat eines langen Entwicklungsprozesses ist, der in der Bildungslaufbahn sehr früh seinen Anfang nimmt. Siehe unten stehende Beispiele von Sandro bis Ogan. Es gibt demnach immer mehrere Ursachen und Risikofaktoren, die einen Schulabbruch auslösen: Zu einem oft benachteiligenden Herkunftsmilieu kommen oft Mobbingerfahrungen, schlechte Noten, Schulangst, schlechte Lehrer-Schüler-Beziehung, Klassenwiederholung, Schulwechsel, Probleme in der Familie, ein ungünstiger Einfluss schulschwänzender Freunde oder nicht rechtzeitig erkannte Lernschwächen.

 

    Die betroffenen Jugendlichen berichten über Zukunftsängste, Gefühle der Einsamkeit und Nutzlosigkeit bis hin zu Resignation, Ausschluss vom Arbeitsmarkt, Auflösung sozialer Beziehungen, schwindende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aus Schutz vor Stigmatisierung oder schlicht aufgrund finanziellen Mangels.

 

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·         Sandro ...

 

   Der Unangepasste Sandro stammt aus kleinbürgerlichem Arbeitermilieu. Sandros Bildungslaufbahn verläuft an Volksschule und AHS zunächst unproblematisch. Er beschreibt sich als „Musterschüler“. Schon nach der Scheidung der Eltern war er „ziemlich am Limit mit den Nerven“. In der fünften AHS-Stufe verliert Sandro dann zunehmend die Motivation und rebelliert gegen das „System Schule“. Er muss die fünfte wiederholen, danach bricht er ab. Ein Wiedereinstiegsversuch scheitert.

 

   Der Abbruch stellt für ihn eine Befreiung dar. Sandro berichtet später aber von stigmatisierenden Erlebnissen im Freundeskreis und bei Bewerbungen. Früh gewinnt er den Eindruck, im Freundeskreis vom „Coolen zum Loser“ abzurutschen. Sandro wird nach einem Praktikum ein fixer Job in Aussicht gestellt. Er lehnt ab. Begründung: Die Tätigkeit lasse sich nicht mit seinem Biorhythmus vereinbaren.

 

 

·         Konrad ...

 

   Der Orientierungslose Konrad entstammt einer Arztfamilie, seine beiden Schwestern schlossen auch ein Medizinstudium ab. Der Vater trat als Sozialisationsfigur nicht in Erscheinung. Die Eltern ließen sich scheiden, als er 15 war. Konrads Schulprobleme beginnen sehr früh. Wegen Lernschwierigkeiten wechselt Konrad nach der dritten Klasse die Schule. An der neuen Schule wird Legasthenie festgestellt. Dank Nachhilfelehrer schließt er die Volksschule ab. Danach kooperative Mittelschule, Handelsschule, Oberstufengymnasium, Montessorischule.

 

   Auch der letzte Versuch in einer privaten Maturaschule scheitert. Konrads Interessen kreisen um Kampfsport und Computerspiele. Nebenjobs probiert er „immer nur ein bisschen“ aus. Auch er fühlt sich als Schulabbrecher stigmatisiert. Er spürt den immer größer werdenden Druck, den Anschluss an Freunde, die eine Ausbildung gemacht haben, nicht zu verlieren.

 

 

·         Verena ...

 

   Die Zurückgehaltene Verenas Eltern sind seit Langem geschieden. Das Verhältnis zu ihrer Mutter, bei der Verena nachwie vor wohnt, ist harmonisch und freundschaftlich. Ihre Mutter ist in einem Schwimmbad als Buffetkraft tätig. Geschwister hat Verena keine. Ihre Freizeit verbringt Verena mit ihrem Freundeskreis, dem sie viel beimisst. Daneben ist die Mutter wichtigste Bezugsperson. Sie besuchte ein Gymnasium, brach in der 4. Klasse ab, da sie sich vom Direktor ungerecht behandelt fühlte. Nach dem Schulabbruch muss sie sich „erholen“ und bleibt ein Jahr zu Hause. Später holt sie den Hauptschulabschluss nach. Aus anfangs geäußerten Plänen, die Matura nachzuholen und zu studieren, wurde schließlich eine Ausbildung zur Kindergartenassistentin.Interessant ist Verenas Strategie zur Vermeidung von Stigmatisierungserfahrungen: Verena verschweigt den Schulabbruch, wann immer es geht, einfach.

 

 

·         Markus ...

 

   Der Resignierte „Ich finde das Lesen zu fad, hab ich mir nie angewöhnt“, sagt Markus. Er hat resigniert. Sein anspruchsloser Lebensstil, seine mangelnde Energie, Berufsziele zu erreichen, kontrastieren mit seinem einfühlenden Charakter. Markus’ Mutter war kaum mit kulturellem Kapital ausgestattet, es gab keine weiteren Bezugspersonen, die als positive Modelle hätten dienen können.

 

   Die vierte Klasse der Hauptschule muss Markus wiederholen. Sein Übergewicht, seine dicke Brille und eine Lernbehinderung machten ihn zum Opfer schwerer Mobbingattacken. Nach der Hauptschule beginnt Markus viele Ausbildungen wie Installateur, Gärtner, Schlosser, Bürokaufmann. An der Ausdauer, konsequent eine Ausbildung zu verfolgen, mangelt es. Zuletzt nimmt er an keiner Maßnahme mehr teil, die für berufliche und soziale Integration förderlich wäre. Finanzielle Unterstützung kommt vom Sozialamt.

 

 

·         Ogan ...

 

   Der Realitätsflüchtige Ogans Eltern stammen aus Bosnien und der Türkei. Die Familie lebt in beengten finanziellen Verhältnissen. Der Übergang von der Volksschule an die kooperative Mittelschule gestaltet sich als schwierig, da in diese Zeit die Scheidung seiner Eltern fällt. Schlechte Noten, Schwänzen und aggressives Verhalten kennzeichnen Ogans Schulalltag. Die erste Klasse muss er wiederholen. In der zweiten Klasse wird er nach drei Suspendierungen wegen Prügeleien der Schule verwiesen. Er wechselt an eine andere Schule, besucht diese aber so gut wie nie.

 

   Nach dem Polytechnikum besucht er zwei Berufsorientierungskurse, holt dann am bfi den Hauptschulabschluss nach. Eine Mechanikerlehre bricht er ebenso ab wie den Zivildienst. Er berichtet, 17 bis 18 Stunden täglich zu schlafen. Er sieht bis in die Morgenstunden fern, surft im Internet und verlässt das Bett erst am Nachmittag.

 

 

"Österreich" vom 10.10.2014                                   Seite 4

Ressort: Politik

 

Wien, Kärnten, Steiermark, Niederösterreich, Burgenland, Oberösterreich, Tirol, Vorarlberg, Salzburg

 

PISA für Erwachsene:

 

Eltern lesen schlechter

 

Auch in Mathe sind sie hinten

 

Menschen ohne Kinder haben bei der PIAAC-Studie in allen Bereichen die Nase vorn.

 

Wien. Kinder machen uns dümmer -dieses Ergebnis bringt die Studie PIA AC, eine Art PISA für Erwachsene. In Lesen, Alltagsmathematik und Problemlösung schnitten Eltern schlechter ab als Kinderlose. Der Unterschied war sogar größer als jener zwischen Männern und Frauen. Studienautorin Elisabeth Ponocny erklärt in ÖSTERREICH die Gründe: "Leute mit Kindern haben eine geringere Lernbereitschaft. Sie werden auch früher aus der Bildungslaufbahn rausgekickt." Zudem hätten sie weniger Zeit. Das sei vor allem bei den jüngeren Eltern bis 35 Jahre bemerkbar.

 

Anzahl. Kinderreiche Familien hätten zwar im Schnitt eine geringere Bildung, auf die Studie hat dies aber keinen Einf luss. "Wir haben nur abgefragt, ob Kinder da sind oder nicht. Die Zahl war unerheblich", so Ponocny.

 

Insgesamt ergab die PIAAC-Studie, dass fast eine Million Österreicher nur eine sehr geringe Lesekompetenz aufweisen.

 

 

"Der Standard" vom 10.10.2014                                Seite: 1

Ressort: SEITE 1

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Heinisch-Hosek: Gesamtschule wandert in eine Arbeitsgruppe

 

   Wien – Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) nimmt Rücksicht auf den Koalitionspartner und will Erleichterungen für Gesamtschulversuche an eine Arbeitsgruppe auslagern. Dort soll aber „tabulos“ diskutiert werden – auch darüber, ob das Bildungsministerium künftig auch für den Kindergarten zuständig sein soll, sagt die Ministerin im Standard-Gespräch.

 

   Heinisch-Hosek zum Spardruck: „Ich werde nicht zulassen, dass noch einmal bei den Kindern gespart wird.“ Für das zweite verpflichtende Kindergartenjahr fehle derzeit aber das Geld. Auch die Mittel für die Schulen bleiben gleich, sollen künftig aber nach sozialen Kriterien verteilt werden. (red) THEMA Seiten 2, 4 und 5

 

    Kommentar Seite 40

 

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"Der Standard" vom 10.10.2014                                Seite: 2

Ressort: THEMA

 

Gabriele Heinisch-Hosek (53), selbst Lehrerin für Deutsch und Bildnerische Erziehung, ist seit März 2014 Ministerin für Bildung und Frauen.

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

„Nicht noch einmal bei den Kindern sparen“

 

   Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek will keine neuen Einsparungen zulassen. Das zweite Kindergartenjahr liegt auf Eis. Erleichterungen für Schulversuche? Parken im Arbeitskreis.INTERVIEW: Lisa Kogelnik, Karin Riss

 

   Standard: Wie weh tut’s, wenn Schwarz-Grün im Westen rote Bildungspolitik macht und Modellregionen zur Gesamtschule einrichten will?

 

   Heinisch-Hosek: Im Westen sind fortschrittliche Ansätze da. Die Vorarlberger wollen künftig ohne Beschluss des Schulgemeinschaftsausschusses AHS-Unterstufen in Neue Mittelschulen umwandeln, wobei jetzt ja unklar ist, ob für ein ganzes Bundesland oder nur eine Region. Wenn Wallner eine Änderung des Schulorganisationgesetzes will, stehen wir auf dem Standpunkt: Offen für neue Ideen, aber wir wollen von Bundesseite jetzt einmal diese neu zu bildende Arbeitsgruppe zusammenkommen und Ideen entwickeln lassen. Ich bin offen dafür.

 

   Das heißt, es werden weiterhin jeweils zwei Drittel der Lehrer, Eltern und Schüler zustimmen müssen?

 

   Heinisch-Hosek: Die Zweidrittelhürde gibt es noch. Um sie abzubauen, bedarf es einer Gesetzesänderung. Das ist jetzt kein Thema, soll aber in der Bildungsreformkommission diskutiert werden.

 

   Bei der Regierungsklausur wurde das Bekenntnis erneuert: Konzentrieren wir uns auf das vordere Ende, den Kleinkinderbereich: Warum sind Elementarpädagoginnen dann nicht Teil der Pädagoginnenbildung neu?

 

   Heinisch-Hosek: Die sind selbstverständlich drinnen. Der Bund hat die Voraussetzungen geschaffen, Elementarpädagogik zu wählen: Es gibt dann Grundschulpädagoginnen mit dem Schwerpunkt Elementarpädagogik. Die können jederzeit auch im Kindergarten arbeiten – wenn die Länder ihre Durchführungsgesetze verändern. Das müssten die Länder als nächsten Schritt tun. Ich will das auch in dieser Bund-Länder-Arbeitsgruppe diskutieren – schließlich ist es eine Frage der Kosten. Pädagoginnen mit Bachelor- und Masterabschluss brauchen eine andere dienstrechtliche Einstufung.

 

   Das wird nicht einfach. Wann kommt der Kindergarten unter das Dach des Bildungsministeriums?

 

   Heinisch-Hosek: Das ist momentan kein Thema. Aber nachdem wir uns vorgenommen haben, tabulos das gesamte Bildungswesen auch mit mittel- und langfristigen Bildungszielen zu versehen, wird das sicher auch zur Sprache kommen. Derzeit bin ich erst ab dem sechsten Lebensjahr zuständig.

 

   Fänden Sie eine Änderung hier sinnvoll?

 

   Heinisch-Hosek: Mein erster Schritt wäre ein Bundesrahmengesetz für alle Kinderbetreuungseinrichtungen. Das war bislang mit dem Koalitionspartner nicht möglich. Wir sollten nicht drei Schritte voraus diskutieren.

 

   Ab wann wird es bundeseinheitliche Mindeststandards geben?

 

   Heinisch-Hosek: Wenn’s nach mir geht, so schnell als möglich. Jedenfalls in dieser Legislaturperiode.

 

   Und das groß angekündigte zweite verpflichtende Kindergartenjahr? Wann kommt das?

 

   Heinisch-Hosek: Das letzte verpflichtende Kindergartenjahr kostet jährlich 70 Millionen Euro. Die Finanzierungfrage haben wir zuerst zu klären. Denn Eltern sollen dafür ja nichts zahlen müssen. Wenn wir es verpflichtend anbieten, sollte es auch gratis sein.

 

   Ihnen fehlen rund neun Millionen Euro, um Ihr Einsparungsziel zu erreichen. Wo wollen Sie bis Jahresende fündig werden?

 

   Heinisch-Hosek: Durch Verwaltungsvereinfachungen. Das ist für heuer schon erledigt.

 

   Welche Vereinfachungen?

 

   Heinisch-Hosek: Wir haben im Ressort noch einmal die Zügel straffer gezogen, einige Veranstaltungen eingespart und leider, leider die eine oder andere Förderung gekürzt. Es ist eine Summe an Einzelmaßnahmen.

 

   Werden die Länder mehr für zusätzliches Lehrpersonal zahlen müssen, wie Sie im Frühjahr vorhatten, bevor Sie diese Maßnahme wieder zurückgenommen haben?

 

   Heinisch-Hosek: Das wird auch Teil der Arbeitsgruppe sein. Realistisch betrachtet, wird das bei den nächsten Finanzausgleichsverhandlungen thematisiert werden, die Anfang 2015 starten sollten.

 

   Zwar bekunden SPÖ und ÖVP, wie wichtig ihnen Bildung sei, gleichzeitig wird aber auch bei Ihrem Ressort der Sparstift angesetzt. Setzt die Regierung die Mittel richtig ein?

 

   Heinisch-Hosek: Ich bin nicht die Regierung, sondern nur ein Teil davon, und als solcher ist mir die Gesamtverantwortung bewusst. Wir setzen unseren Konsolidierungskurs fort. Ich werde aber nicht zulassen, dass wir noch einmal bei den Kindern sparen. Das weiß auch die Volkspartei. Dass nicht mehr Geld für die Bildung da ist, habe ich jetzt zur Kenntnis zu nehmen. Sollten wir uns darauf verständigen, dass es mehr braucht, dann werde ich es gerne nehmen.

 

   Wenn man Ihnen zuhört, könnte man meinen, es müssten ohnehin nur alle Beteiligten etwas flexibler werden, dann ist alles gut. Dem stehen gegenüber: tausende Nachhilfeschüler, 10.000 Schulabbrecher pro Jahr ohne Bildungsabschluss.

 

   Heinisch-Hosek: Nachhilfe, gutes Stichwort. Ich bin ja eine totale Befürworterin einer verschränkten Ganztagsschule. Aber wir wollen andere Dinge natürlich auch möglich machen. Ich bin überzeugt, dass wir, wenn wir mehr Kinder in diesen Betreuungsformen haben, weniger Nachhilfe haben. Die ist für alle sehr zeitraubend und geldintensiv.

 

   Sie teilen die Anliegen der BildungsNGO Jedes!Kind. Diese fordert u. a.: Kein Kind darf beschämt werden. Lässt sich das verordnen?

 

   Heinisch-Hosek: Es geht um einen partnerschaftlich-wertschätzenden Umgang miteinander. Da bilden wir unsere Pädagogen gut aus und weiter. Wer Kinder von oben herab behandelt und mit Noten bestraft, ist in diesem Job fehl am Platz.

 

   Laut einer aktuellen Umfrage der Lehrergewerkschaft behindern störende Schüler die Arbeit der Lehrer am meisten. Auch falsch im Beruf?

 

   Heinisch-Hosek: Mich hat der Begriff „störende Schüler“ geschreckt. Kinder, die Aufmerksamkeit erregen müssen, schreien oftmals um Hilfe. Pädagogen müssen wissen, dass Beziehungsarbeit Teil des Jobs ist. Niemand, der heute diesen Beruf ergreift, kann glauben, dass er nur Wissensvermittler ist. Aber wir haben einfach zu wenig Geld für weitere Schulpsychologen. Die Forderung der Gewerkschaft nach zusätzlichen 10.000 Menschen an Unterstützungspersonal ist unerfüllbar.

 

   Off Topic: Warum haben Sie im SPÖ-Bundesparteivorstand nicht gegen den Vorschlag der Oberösterreicher gestimmt, die Walter Schopf statt Sonja Ablinger im Nationalrat wollen?

 

   Heinisch-Hosek: Erstens weil wir bereits mehrmals diese Vorgangsweise akzeptiert haben. Zweitens: Die Wahlordnung steht über dem Statut. Ich habe mich an das Gesetz gehalten. Drittens: Wir werden eine Verschärfung der Statuten inklusive Sanktionen vorlegen.

 

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"Der Standard" vom 10.10.2014                                Seite: 4

Ressort: THEMA

 

Karin Riss

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Schulschwänzbeauftragter: „Fast Kaffeehausbetrieb“

 

Für die Eltern endet Stangeln manchmal mit Haft

 

   Verzweifelte Eltern wählen 01/52525-77111 – und landen im Büro der Wiener Stadtschulratspräsidentin. Was eigentlich die Hotline des Wiener Schulschwänzbeauftragten sein sollte, ist dieser Tage noch nicht ganz so „hot“ – und das liegt nicht nur daran, dass erst weiterverbunden werden muss, erfährt der Standard beim Treffen mit Horst Tschaikner. „Das hängt mit dem Verlauf des Schuljahres zusammen“, erklärt der Mann mit der originellen Jobdescription: „Jetzt zu Schulbeginn läutet’s seltener, aber vor Weihnachten habe ich viele, viele Anrufe.“

 

   Die meisten melden sich dann, „wenn’s brennt“ in Sachen Schulabsentismus. So heißt das Stangeln seit 1999 im deutschsprachigen Raum. Die Definition darüber, wann’s brennt, liegt erst seit September 2013 vor: Um eine Verletzung der Schulpflicht handelt es sich bei „unentschuldigtem Fehlen während fünf Tagen oder 30 Unterrichtsstunden im Semester beziehungsweise an drei aufeinanderfolgenden Tagen“.

 

   Haft fürs Schwänzen

 

   Im Schuljahr 2013 hatten mehr als 2300 solcher Fälle ziemlich drastische Konsequenzen – für die Eltern. In Wien wurde 880-mal Strafe gezahlt, in Salzburg 449-mal, gefolgt von Oberösterreich mit 399 Strafzetteln. Für den Einzelnen wird das seit dem Vorjahr teuer: 440 Euro muss löhnen, wessen Kind trotz Fünf-Stufen-Vorwarnplans wiederholt von der Schule fernbleibt. Wer sich das nicht leisten kann oder will, muss mit einer Ersatzfreiheitsstrafe rechnen: In Kärnten mussten im Vorjahr ganze 29 Eltern für das Schwänzen ihrer Kinder insgesamt 64 Tage und neun Stunden hinter Gitter.

 

   Damit es überhaupt so weit kommt, müssen aber „schwerwiegende Sachen“ vorgefallen sein, weiß Schulschwänzbeauftragter Tschaikner und präzisiert: „Das ist eine relativ kleine Gruppe. Die riesengroße Gruppe sind die, die halt hin und wieder fehlen, mal für zwei Wochen, mal für einen Monat.“ Hier müsse man ansetzen.

 

   Denn Stufe fünf wird erst erreicht, „wenn alle vier Stufen davor nicht funktionieren. Und die basieren alle auf Kommunikation“, sagt Tschaikner. Das beginnt mit einem Lehrer-Eltern-Gespräch, wird in weiterer Folge um Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter und andere Supportsysteme ergänzt und führt im schlimmsten Fall dazu, dass die Jugendwohlfahrt eingeschaltet wird. Tschaikner: „Wenn Eltern mit der Schule und allen Stützsystemen kooperieren und den Schulbesuch des Kindes nicht aktiv be- oder verhindern, wird keine Strafe ausgesprochen.“

 

   Dafür gilt es erst einmal zu wissen, was überhaupt alles als Schulschwänzen gilt. „Ferienverlängerungen“ gehören genauso dazu wie „notorisches Zuspätkommen“ – laut Tschaikner „ein typisches Problem in Oberstufenklassen“, wo manchmal „fast Kaffeehausbetrieb“ herrsche.

 

   Eines ist Tschaikner wichtig festzuhalten: „Schulschwänzen ist nicht ein Problem der Migranten. Das zieht sich quer durch alle sozialen Schichten.“ Die Konsequenzen für den Einzelnen sind laut Stadtschulrat nicht zu unterschätzen: So schließt nur „ein Viertel“ derjenigen, die „mehr als 20 Prozent fehlen“, die Schule positiv ab. Und: Ab einer Fehlzeit „von mehr als zehn Prozent in der sechsten Schulstufe steigt die Wahrscheinlichkeit für einen späteren Schulabbruch signifikant. Auch Tschaikner kennt „bestimmte Jugendliche, die immer wieder kommen“. Vom Vorschlag, den Bezug der Familienbeihilfe an die Schulpräsenz zu koppeln, hält er dennoch wenig, war er doch bereits kein Freund der Erhöhung des Strafmaßes: „Ich glaube, man kommt weiter mit unterstützen und helfen.“ Das sieht auch Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek so: „Als das beschlossen wurde, war ich nicht sehr glücklich.“ Jetzt will sie es aber „nicht mehr ändern“. Heinisch-Hosek :„Es braucht Zeichen, wenn permanent von der Schule ferngeblieben wird. Wir werden beobachten, ob die Zahl der Schulschwänzer durch diese Strafen gesunken ist.“

 

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"Der Standard" vom 10.10.2014                              Seite: 5,4

Ressort: THEMA

 

Lisa Kogelnik

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Mehr Geld für benachteiligte Schüler

 

   Die Verteilung der Schulbudgets nach sozialen Kriterien könnte das österreichische Bildungssystem in Europa zum Vorreiter für mehr Chancengleichheit machen. IHS-Bildungsökonom Hermann Kuschej warnt aber vor dem Drehen an kleinen Schräubchen.

 

   Wenn die höchste Ausbildung ihrer Eltern ein Pflichtschulabschluss ist, stehen die Chancen österreichischer Schüler auf gute Leistungen nicht gut. In der Pisa-Studie aus dem Jahr 2012 liegen ihre Ergebnisse zwei Schuljahre hinter jenen von Akademikerkindern.

 

   Eine Möglichkeit, die Chancengleichheit zu erhöhen, sehen Experten und auch Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) in der Sozialindexierung der finanziellen Mittel. Dabei bekommen jene Schulen mehr Geld, deren Schüler besonders oft Migrationshintergrund haben, oder wenn der Bildungsabschluss der Eltern niedrig ist.

 

   Innerhalb Europas wäre Österreich eines der ersten Länder, das einen Sozialindex zur Schulfinanzierung heranzieht. Laut einer aktuellen Studie von Eurodyce, der Stelle für Bildungsstatistiken in der EU-Kommission, lassen derzeit nur fünf Staaten sozioökonomische Aspekte in die Finanzierung ihrer Schulen einfließen: Belgien, Frankreich, die Niederlande, die Slowakei und das Vereinigte Königreich (siehe Grafik). Auch in Teilen der Schweiz und Deutschlands gibt es ein solches System. In mehr als der Hälfte der 31 untersuchten Länder bekommen Schulen für Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf zusätzliches Geld. 17 der 31 untersuchten Staaten fördern Schüler mit Migrationshintergrund.

 

   In Österreich wird der große Brocken des Schulbudgets über eine Verhältniszahl von Lehrern pro Schüler vergeben. Auch hierzulande gibt es extra Geld für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und für solche mit fehlenden Deutschkenntnissen.

 

   Gerade der sonderpädagogische Förderbedarf (SPF) ist vielen ein Dorn im Auge. Behindertenanwalt Erwin Buchinger hat zuletzt im Standard darauf hingewiesen, dass Schüler mit dem Stempel „SPF“ stigmatisiert werden. Zudem werde bei Migranten oft zu unrecht die Diagnose SPF gestellt. Ein Sozialindex würde Abhilfe schaffen.

 

   Neue Arbeitsgruppe

 

   Im Unterrichtsministerium gibt es zur sozialen Staffelung der Schulbudgets bereits eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Johann Bacher, Professor für Soziologie an der Universität Linz. Bacher hat bereits im Vorjahr ein Modell präsentiert, wonach eine Schule ohne Kinder mit Benachteiligungen den Index 100 hat. Zusätzliche Indexpunkte und damit mehr Geld bekommt die Schule, wenn ihre Schüler in einem von vier Indikatoren benachteiligt sind: beim Bildungsstand, Beruf und Migrationshintergrund der Eltern sowie bei der Umgangssprache zu Hause. Eine Benachteiligung aller Schüler bei einem Indikator würde um 25 Prozent mehr Geld bringen. Die Daten könnten über die Bildungsstandards erfasst werden.

 

   Ein anderes Modell legen Hermann Kuschej und Karin Schönpflug vom Institut für Höhere Studien (IHS) in einer Studie für die Arbeiterkammer vor. Sie schlagen vor, den Ländern über den Finanzausgleich mehr Geld für jene Bezirke zu geben, die zuvor als „belastet“ identifiziert wurden. Auch sie schlagen als Indikatoren Migrationshintergrund und Bildungshintergrund der Eltern vor.

 

   Kein zusätzliches Geld

 

   Kuschej warnt im Standard-Gespräch aber davor, sich zu viel von einem Sozialindex zu erwarten: „Wenn man das Schulsystem so lässt, wie es jetzt ist, könnte man damit nur an kleinen Schräubchen drehen.“ Für mehr Chancengleichheit seien vor allem mehr Ganztagsschulen und eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen notwendig. Zudem sei die Frage, wie viel Gestaltungsspielraum die Schulen bei der Verwendung der Mittel haben. „Diese Zusammenhänge muss man mitdenken, bevor man neue Verteilungsmodelle etabliert, die zwar einen erhöhten Verwaltungsaufwand an den Schulen verursachen, aber ansonsten wenig verändern können.“

 

   Mehr Geld wird es für eine neue Art der Schulfinanzierung nicht geben. „Wir wollen das Thema, unter der Prämisse, dass nicht zusätzliche Mittel zur Verfügung sind, noch einmal mit Experten diskutieren“, sagt Heinisch-Hosek zum Standard. Sie habe sich mit den Bildungslandesreferenten darauf geeinigt, dass nur Verschiebungen im Budget möglich seien. „Wir diskutieren, wie hoch die Bereitschaft ist, Mittel vom Standort A an den Standort B zu verlegen, wo es vielleicht dringender ist.“ Lange Verhandlungen mit den Ländern sind also programmiert.

 

   p Interview mit Hermann Kuschej auf derStandard.at/Bildung

 

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"Der Standard" vom 10.10.2014                                Seite: 4

Ressort: THEMA

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Kinderlose können besser lesen

 

Piaac-Studie zeigt große Unterschiede zwischen Erwachsenen mit und ohne Kinder

 

   Eltern können schlechter lesen als Erwachsene ohne Kinder. Zu diesem Ergebnis kommt eine Detailauswertung der OECD-Studie „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“ (Piaac) – auch als „Erwachsenen-Pisa“ bekannt.

 

   Kinderlose erreichten bei Piaac demnach 16 Punkte mehr als Eltern. Sieben Punkte entsprechen einem Bildungsjahr. In der Alltagsmathematik liegt der Unterschied immerhin bei 13 Punkten, beim Problemlösen im Kontext von neuen Technologien, also bei Arbeit am Computer, liegen zwischen Kinderlosen und Eltern fast drei Bildungsjahre.

 

   Die unterschiedlichen Leistungen zwischen Erwachsenen ohne Kinder und Eltern ist damit größer als jener zwischen Männern und Frauen. So erreichten Männer zwar in allen drei Kompetenzbereichen bessere Leistungen – im Lesen erreichten sie zum Beispiel nur vier Punkte mehr als Frauen. Beim Problemlösen waren Männer um neun Punkte besser und in der Alltagsmathematik um 13 Punkte.

 

   Beim Lesen zeigt sich zudem, dass bis zum Alter von 35 Jahren die Unterschiede zwischen Kinderlosen und Eltern sowohl bei Frauen als auch bei Männern deutlich ausgeprägt sind. Während der Unterschied bei den Frauen dann aber bis 65 Jahre bestehen bleibt und nur etwas geringer wird, ist das Bild bei den Männern uneinheitlich: Bei den 45- bis 54-Jährigen überholen die Väter ihre kinderlosen Geschlechtsgenossen, um etwas später wieder leicht zurückzufallen.

 

   Kinder binden Zeit

 

   Studienautorin Elisabeth Ponocny-Seliger führt für die Kompetenzrückstände der Personen mit Kindern zwei Argumente an: „Einerseits sind Kinder eine riesige Gefahr, aus der Bildungslaufbahn hinausgekickt zu werden. Und Kinder binden Zeit – diese Zeit geht für den Kompetenzerwerb verloren.“ Wobei man das nicht falsch verstehen dürfe: Durch Kinder erwerbe man durchaus Kompetenzen, aber eben nicht jene, die bei Piaac-Studie abgefragt würden.

 

   Die geringeren Unterschiede zwischen Kinderlosen und Eltern in der älteren Generation erklärt Ponocny-Seliger einerseits damit, dass die Kinder in diesem Alter im Regelfall außer Haus seien, und andererseits mit der unterschiedlichen Sozialisation. Diese Generation habe ein ganz anderes Bildungssystem durchlaufen und sei etwa nicht unter dem ständigen Druck zur Fortbildung gestanden.

 

   Bei der Piaac-Studie werden 16- bis 65-Jährige getestet. Die ersten Ergebnisse der Studie, deren Fokus auf der Überprüfung von für Beruf und Alltag relevanten Schlüsselkompetenzen liegt, wurden im Oktober 2013 präsentiert. Dabei zeigte sich, dass fast eine Million Menschen in Österreich nur über eine geringe Lesekompetenz verfügt. (APA, red)

 

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"Der Standard" vom 10.10.2014                                Seite: 5

Ressort: THEMA

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Kindergarten: Schwierige Pflicht für den Wicht

 

Angekündigt für 2015, macht das zweite Kindergartenjahr nicht nur Politikern Probleme

 

   Im Jahr 2011 ist eine Mutter deshalb sogar vor den Verfassungsgerichtshof gezogen: Die Kindergartenpflicht für Fünfjährige, die es in Österreich seit September 2010 gibt, verletze ihr „Recht auf Achtung des elterlichen Erziehungsrechtes“, argumentierte sie. Der VfGH wies das Anliegen zwar aus formalen Gründen zurück, weil die Beschwerdeführerin eine Ausnahme von der Besuchspflicht beantragen hätte können, unproblematisch ist der verpflichtende Kindergartenbesuch aber jedenfalls nicht.

 

   Sowohl für Experten als auch für die Regierung, die im Februar noch angekündigt hatte, „ab 2015“ sogar ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr einführen zu wollen. Die Expertensicht: Der Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung, Sozialrechtler Wolfgang Mazal, findet: „Ganz so locker bezüglich der Verfassungskonformität würde ich das nicht sehen. Ich verstehe die Intentionen, möchte aber nur auf diesen Punkt hinweisen: Es gibt hier zweifellos ein Spannungsfeld zwischen der Verfügungsgewalt des Staates über die Kinder und den Elternrechten.“ Beim ersten verpflichtenden Kindergartenjahr habe man mit der Notwendigkeit der Integration argumentiert, „oder dass so die Schulreife besser festgestellt werden kann. Wie ist das jetzt mit dem zweiten? Noch mehr Integration? Noch mehr Bildung?“, fragt Mazal.

 

   Drastischer Eingriff

 

   Die Schulpflicht ab dem sechsten Lebensjahr sei unbestritten, so der Sozialrechtler, „sie lässt den Eltern aber auch das Recht, ihre Kinder anders auszubilden, also etwa sie zu Hause zu unterrichten. Der Staat überprüft den Lernerfolg“. Anders beim Pflicht-Kindergarten: „ Das ist ein drastischerer Eingriff, als es die Schulpflicht ist. Denn dort ist nur eine Unterrichtspflicht festgeschrieben, im Kindergarten ist es sogar eine Präsenzpflicht.“

 

   Aus politischer Perspektive ist die Umsetzung der Ankündigung vor allem aus einem Grund pro-blematisch: Es gibt kein Geld dafür (s. Interview Seite 2). Wer Näheres wissen will, wird im Kreis geschickt. Im Familienministerium verweist man konsequent auf die Zuständigkeit des Integrationsministers. Dort herrscht seit Längerem Funkstille. Die grüne Abgeordnete Daniela Musiol, die bereits im Jänner einen Antrag für ein „zweites, verpflichtendes kostenloses Kindergartenjahr“ gestellt hat, sagt zum Standard: „Der liegt seitdem im Familienausschuss.“ Eine Anfrage an die Familienministerin wurde mit dem Verweis auf eine Arbeitsgruppe beantwortet. Musiol: „Der klassische Umgang mit unserem Interpellationsrecht. Sie behaupten zu arbeiten, geben aber nicht preis, was sie tun.“ Also werde sie das Thema beim nächsten Ausschuss im November wieder zur Sprache bringen. Bis 2015 ist schließlich nicht mehr viel Zeit. (pm, riss)

 

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"Der Standard" vom 10.10.2014                               Seite: 40

Ressort: Kommentar

 

Lisa Nimmervoll

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Die Spiegelfechter

 

In der Bildungspolitik verharren SPÖ und ÖVP aus Eigennutz im Klein-Klein

 

   Nicht weniger als den „Weg zur besten Bildung“ wollen SPÖ und ÖVP dem Land weisen. Dann wird alles gut. Oder doch nicht? Die „beste“ Bildung deutet jedenfalls auf eine große Fallhöhe hin, wenn man nationale und internationale Bildungsstudien damit kontrastiert. Aber gut: schön, wenn eine Regierung hohe Ziele hat. Das Problem dabei: Nicht alles, was großspurig verkauft wird und gut klingt, ist auch wirklich eine große, substanzielle Reform. Das gilt auch für das Sechs-Punkte-Programm, das die Regierung jüngst vorgelegt hat.

 

   Es ist Ausdruck der Spiegelfechterei, in der sich auch diese teilrenovierte rot-schwarze Koalition eingerichtet hat. Das bildungspolitische Programm ist in erster Linie ein Abwehrschirm gegen die Qualen der Gesamtschuldebatte, mit der sich beide Parteien schon lange das Leben schwermachen. Muss ja nicht sein, wir erklären einfach ein anderes Thema zum wichtigsten: Fürderhin sollen die Kleinsten in Kindergärten und Volksschulen die ganze Aufmerksamkeit bekommen. Wer sollte da etwas dagegen haben? Es ist vor allem eine lebensverlängernde Maßnahme für SPÖ und ÖVP in dieser Regierungsperiode, für das Bildungssystem verlängert es das Warten auf den notwendigen Schub. Es ist ein Ablenkungsmanöver von den großen Problemen, wo es ans Eingemachte ginge, an die Strukturen, die Ausbildungsgänge und Kompetenzzuständigkeiten. Lieber nicht anstreifen. Das sollen die nach uns machen.

 

   Nichts von den sechs Punkten (darunter Sprach- und Leseförderung, mehr Schulautonomie und Bewegung, Qualität für ganztägige Schulformen und Erwachsenenbildung) ist falsch oder schlecht. Aber es ist Klein-Klein, aus Feigheit, dass es die Regierung bei den großen Konfliktthemen zerreißen könnte. Abgesehen davon, dass die punktuelle Fixierung auf die Zäsur Kindergarten/Volksschule fast schon einer Pathologisierung dieses Übergangs im Kinderleben gleicht. So traumatisch, wie hier insinuiert, ist dieser nur für die wenigsten Kinder. Folgenschwer ist vielmehr das, was davor geschieht – oder nicht. Hinter dem Spiegel lauern die eigentlichen Aufgaben, an die man sich wegen der damit verbundenen Kettenreaktion nicht herantraut: Wer Kinder gut gewappnet in die Schule schicken will, braucht zum Beispiel bestens ausgebildete Elementarpädagoginnen, was man ihnen verweigert. Dazu werden sie im Kompetenzwirrwarr zwischen Gemeinden, Ländern und drei Ministerien (Bildung, Familie, Soziales) hängengelassen.

 

   Auch die widersprüchliche Exegese des eigenen Regierungsprogramms von Schwarz-Grün in Vorarlberg lässt eine Flucht ins politische Spiegelkabinett befürchten. Die ÖVP deutet schon an, die Sache mit der gemeinsamen Schule in die Länge ziehen zu wollen. Es wird sich zeigen, welche Lesart von „regionaler Schulversuch ,Gemeinsame Schule‘“ für das kleine Land gilt. Wie klein darf’s sein, um noch ernst genommen zu werden? „Ermöglichen“ müsste diesen Versuch übrigens via Ministerin die Bundesregierung – die aber am liebsten nichts mehr zu tun haben möchte mit der Gesamtschule ...

 

   Als Akt der Spiegelfechterei darf jedenfalls die schwarz-grüne Tiroler PR-Aktion gelten, die stolz verkündete, dass im Zillertal ein „Leuchtturm“ einer „Gesamtschulmodellregion“ realisiert wurde. Hilfreich war: Im Zillertal gibt es kein einziges Gymnasium.

 

   Das ist dann Spiegelfechterei in Reinkultur: der Kampf gegen einen imaginären Gegner.

 

 

Kurier – 10. Oktober 2014

 

Ex-Ministerin Gehrer macht für Gymnasium mobil.

Schule: "Geld in Qualität statt Neuorganisation".

 

 

 

Aus dem politischen Tagesgeschäft möchte sich Elisabeth Gehrer heraushalten. "Ich bin da nicht mehr am Zug. Das müssen die heutigen Politiker wissen", sagt die ehemalige ÖVP-Bildungsministerin (1995 bis 2007) mehrfach im KURIER-Gespräch, in dem sie erklärt, warum sie die Initiative "Pro Gymnasium" unterstützt: "Die Gymnasien haben bei den PISA-Tests gute Leistungen erbracht. Ich verstehe nicht, warum man sie kaputtmachen soll. Aber ich muss ja nicht mehr entscheiden."

Doch die Plattform sammelt ausgerechnet zu einer Zeit Stimmen für den Erhalt der Gymnasien, in der wieder Zunder in die Diskussion um die Zukunft des heimischen Schulsystems gekommen ist. Die neue schwarz-grüne Landesregierung in Gehrers Heimat Vorarlberg plant, wie berichtet, eine Modellregion für die gemeinsame Schule.

Was spricht gegen so einen Versuch? "Überhaupt nichts. Aber ich muss nicht etwas probieren, das schon hundert Mal in Europa probiert worden ist", meint die Politpensionärin und lässt ihren Hausverstand sprechen: "Wenn man nicht Geld wie Dreck hat, ist es, glaube ich, besser, in die Qualität als in die Neuorganisation zu investieren." Und die Qualität der Schule hänge nicht von der Organisation ab.

Fehlender Wille

Es fehle aber am Willen, sich Daten und Fakten anzuschauen, glaubt Gehrer. "Wenn man das tut, sieht man, dass gegliederte Schulsysteme super Leistungen bringen können und Gesamtschulen super Leistungen bringen können." Entscheidend sei die Qualität der Lehrerausbildung und des Unterrichts. Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) will die 72-Jährige aber keine Tipps geben: "Jeder Ratschlag ist auch ein Schlag. Und ich gebe keine Schläge."

 

 

Wiener Zeitung – 10. Oktober 2014

 

Interview

"Die ideale Schule wäre eine Katastrophe"

 

 

 

 

 

 

 

Von Bettina Figl

 

·         Der Philosoph Konrad Paul Liessmann warnt vor Experimenten im Bildungsbereich und plädiert für mehr Ehrlichkeit darüber, was Bildung leisten kann.

 

"Wiener Zeitung": Unbezahlte Praktika trotz Uni-Abschluss und junge Menschen in Jobs, für die sie überqualifiziert sind. Ist in Zeiten der prekären Arbeitsverhältnisse ein Hochschulstudium überhaupt noch erstrebenswert?

Konrad Paul Liessmann: Ich plädiere für mehr Ehrlichkeit, was tertiäre Ausbildungen leisten können. Meine Utopie wäre, dass es keine Berufe mehr gibt, die dehumanisiert und geistlos sind. Aber das bedeutet nicht, dass alle Akademiker sein müssen. Das wäre auch das alte Ideal Humboldts, der nie den einen Bildungsweg für wenige gesehen hat, sondern die humanistische Bildung immer als zusätzliche Option sehen wollte, egal in welchem Beruf ein Mensch tätig ist. In einer Welt, in der sich die Berufswirklichkeit schnell ändert, ist es umso wichtiger, über Wissen und Reflexionsfähigkeit zu verfügen. Der mündige Staatsbürger war immer schon eine Forderung der Sozialdemokratie. Tertiäre Bildung ist heute ein wildes Feld voller Orientierungslosigkeit. Viele Bachelor-Studien sind nicht akademisch im eigentlichen Sinn, also wissenschafts- und forschungsorientiert. Das sind oft  berufliche Ausbildungen ohne Berufschancen, und das ist das Schlimmste, was man einem jungen Menschen antun kann.

Sie sind ein großer Verfechter der Lehrlingsausbildung. Wieso?

Österreich gehört mit Deutschland zu den wenigen Ländern, die noch ein duales Ausbildungssystem haben. Die Diskussion dreht sich aber immer um die Schule, das Gymnasium und die Universität. Über Fachhochschulen sprechen wir wenig, auch Berufsbildende Höhere Schulen (BHS) oder Pflichtschulen werden vernachlässigt als wären sie ein Übel. Das ist eine ungenaue Wahrnehmung. Die Aufgabe einer sozialdemokratischen Bildungspolitik wäre es, die Bildung ihrer ehemaligen Kernschichten also der Arbeiter und Angestellten im Blick zu behalten, und die duale Ausbildung versucht dies. Sie sollte beibehalten, vielleicht sogar forciert werden, da sie viele Vorteile etwa bei der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit hat, wie uns die Krise gezeigt hat. Aber man sollte darauf achten, dass sie durchlässig bleibt und auch Elemente einer Allgemeinbildung enthält.

Information

Konrad Paul Liessmann (Jg. 1953) ist Universitätsprofessor für Methoden  der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien. 2006 wurde er zum "Wissenschaftler des Jahres" gewählt, vor kurzem ist sein Buch "Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift" im
Zsolnay-Verlag erschienen.

Am Freitag hält er einen Vortrag bei der SPÖ-Bildungstagung "Bildung – Chancen – Gerechtigkeit" im Karl-Renner-Institut.

 

 

Wiener Zeitung – 10. Oktober 2014

 

PISA

Eltern schneiden bei Kompetenzstudie schlechter ab

 

 

 

 

 

 

 

 

·         Große Unterschiede zwischen Eltern und Kinderlosen beim sinnerfassenden Lesen.

 

Wien. Vor einem Jahr wurden die Ergebnisse der ersten großen, vergleichenden Kompetenzstudie für Erwachsene präsentiert, der sogenannte PIAAC-Test ("Programme for the International Assessment of Adult Competencies") der OECD. Die detaillierte Nachbearbeitung der Studie offenbarte nun eine bemerkenswerte Erkenntnis: Personen mit Kindern haben bei PIACC in allen Bereichen schlechtere Ergebnisse erzielt als Kinderlose. Getestet wurden in Österreich 5000 Personen zwischen 16 und 65 Jahren im Lesen, in Alltagsmathematik und im Problemlösen.

Die beiden Wissenschafter Elisabeth Ponocny-Seliger und Ivo Ponocny der Sozialforschungseinrichtung Gender Research widmeten sich bei der Detailanalyse den Geschlechtern, fanden dort allerdings weit geringere Unterschiede als zwischen Kinderlosen und Eltern. Zwar schnitten Männer insgesamt in allen drei Kompetenzbereichen besser ab, doch etwa beim Lesen war der Unterschied zwischen Kinderlosen und Eltern (16 Punkte) viermal so groß wie zwischen Männern und Frauen (4 Punkte), beim Problemlösen doppelt so groß (20 und 10 Punkte).

Deutlichkeit überraschte
"In der Deutlichkeit waren die Ergebnisse schon überraschend", sagt Ponocny-Seliger. Bei zunehmendem Alter vermindert sich der Unterschied, so zeigte sich etwa, dass bis zum Alter von 35 Jahren die Unterschiede zwischen Kinderlosen und Eltern sowohl bei Frauen als auch bei Männern deutlich ausgeprägt sind, bei Frauen noch stärker. Während der Fertilitäts-Unterschied bei den Frauen bis 65 Jahre bestehen bleibt und nur etwas geringer wird, ist das Bild bei den Männern uneinheitlich: Bei den 45- bis 54-Jährigen überholen die Väter ihre kinderlosen Geschlechtsgenossen, um etwas später wieder leicht hinter diese zurückzufallen.

Menschen mit Kindern könnten die Fertigkeiten, die bei der PIAAC-Studie überprüft werden, weniger trainieren, erklärt die Wissenschafterin. Bei den Tests geht es vor allem darum, aus viel Material (Texten oder Tabellen), in kurzer Zeit eine bestimmte Information herauszulesen. "Es ist eine sehr spezifische Art des Lesens", sagt die Wissenschafterin.

"In der jüngeren Generation macht es nicht mehr das Geschlecht aus, sondern die Bedingungen rundherum", sagt sie. Bei diesen Rahmenbedingungen müsste man auch ansetzen, empfiehlt Ponocny-Seliger. "Wir leben in einer Zeit, in der Fortbildung und Kompetenzerwerb eine große Rolle spielt, wir sehen nun, dass Menschen mit Kindern eine Last auf sich haben und gefährdet sind, aus der Bildungslaufbahn hinausgekickt zu werden."

Die geringeren Unterschiede zwischen Kinderlosen und Eltern in der älteren Generation erklärt Ponocny-Seliger damit, dass die Kinder in diesem Alter im Regelfall außer Haus seien sowie mit einer unterschiedlichen Sozialisation. Diese Generation habe ein ganz anderes Bildungssystem durchlaufen und sei etwa nicht unter dem ständigen Druck zur Fortbildung gestanden.

In anderen Staaten ergibt sich ein unterschiedliches Bild: Bis zum Alter von 35 Jahren haben zwar auch in Frankreich die Kinderlosen die Nase vorn. Bereits mit 35 Jahren nivellieren sich aber die Unterschiede, bei den Älteren erzielen dann sogar die Personen mit Kindern höhere Werte. Ähnlich ist die Lage in Finnland. Insgesamt lag Österreich bei der PIACC-Studie weitgehend im Durchschnitt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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