Dienstag, 14. Oktober 2014

2014.10.15: Newsletter Bildung

 

Die Presse – 15. Oktober 2014

 

 

Schulabbruch – und wie es dann weitergeht

Schule. Eine Studie der Wirtschaftsuniversität beschäftigt sich mit Ursachen und Folgen des Schulabbruchs. Dafür wurden Jugendliche fünf Jahre lang begleitet.

Wien. Jährlich brechen in Österreich 53.000 Jugendliche die Schule ab. Insgesamt sind 7,3 Prozent der heute 18- bis 24-Jährigen betroffen. Das ist eine große Zahl und auch eine volkswirtschaftliche Herausforderung – die EU-Kommission spricht von 1,8 Millionen Euro, die ein einzelner Schulabbrecher an Kosten verursacht. Dahinter stehen aber auch Einzelschicksale, deren nähere Betrachtung aufschlussreich sein kann.

Die Abteilung für Bildungswissenschaft der Wirtschaftsuni hat die Lebenswege von 17 Jugendlichen, die einen Schulabbruch hinter sich hatten, fünf Jahre begleitet. So sollten mögliche Motive und Ursachen des Schulabbruchs und die jeweiligen Bewältigungsstrategien sowie die entscheidenden Faktoren für einen gelungenen oder misslungenen Wiedereinstieg erforscht werden. Jeder wurde zumindest fünfmal interviewt.

Am Ende stehen interessante Geschichten, die die vielfältigen Gründe für Schulabbrüche zeigen. Unter den Hauptfaktoren für einen Schulabbruch sind demnach schlechte Noten oft einhergehend mit Schulangst, Mobbing und Probleme innerhalb der Familie. Durch den Abbruch erleben die Jugendlichen oft eine Exklusion vom Arbeitsmarkt, eine Erosion sozialer Beziehungen und Zukunftsängste bis hin zur Resignation.

Kein Fall ist wie der andere. Aber es gibt Gemeinsamkeiten. In der Studie wurden Typen identifiziert. „Die Presse" zeigt einen Ausschnitt aus sechs Geschichten.

Simon wird in der dritten Klasse des Gymnasiums zum Mädchenschwarm. Er ist cool. In dieser Phase sinken seine schulischen Leistungen, dabei ist er überdurchschnittlich intelligent. Auch die disziplinären Probleme nehmen zu. Die Rebellion gegen das System Schule beginnt.

Die Mitschüler bewundern Simon zuerst dafür. Doch später betrachten sie ihn als Loser. Sie haben ihn nur als Instrument für ihre rebellischen Fantasien benutzt, sich selbst aber wieder auf das Lernen konzentriert. Simon dagegen nahm die Rebellion ernst. Ihm wird das Verlassen der Schule sogar nahegelegt. Das macht er nicht sofort. Zuerst wiederholt er die fünfte Klasse. Im zweiten Anlauf scheitert er an einer Biologieprüfung – eine Knock-out-Prüfung, wie er sagt. Er bricht die Schule ab und versucht den Wiedereinstieg an einer HLW (Höheren Lehranstalt für Wirtschaftliche Berufe). Das klappt nicht.

Dann folgt seine „Sturm und Drang"-Zeit. Simon jobbt hin und wieder und verzichtet bewusst auf staatliche Unterstützung. Seinen Schulabbruch bereut er nicht. Er ist stolz, diesen Weg gegangen zu sein. Nach einem Praktikum will eine IT-Firma seinen Vertrag verlängern. Simon lehnt ab. Das Argument: Ein Nine-to-five-Arbeitstag würde seine Kreativität hemmen.

Mit zwölf Jahren steht Sabine erstmals vor der Eingangstüre der Schule und schafft es nicht, diese zu öffnen. Ihre (Schul-)Angst ist zu groß. In der Volksschule – einer alternativpädagogischen Schule – war noch alles in Ordnung. Die Probleme beginnen im Gymnasium.

Die Angst vor den neuen Lehrern macht Sabine zur Schulschwänzerin. Sie baut ein immer größeres Lügengebäude auf. Für das scheue Mädchen eine große Belastung. Unterstützung erhält sie weder von den Lehrern („In keiner Schule hat mich jemals irgendein Lehrer gefragt, ob ich Probleme habe") noch von ihren Eltern („Das war so eine Situation, in der sich sicher niemand irgendwie ausreichend gekümmert hat"). Die Eltern müssen ihre Aufmerksamkeit auf einige leibliche und viele weitere Pflegekinder aufteilen. Sabine entwickelt sich zu einer protestierenden Pubertierenden und bleibt sitzen. Ein Erlebnis, das ihre Schuldistanzierung verstärkt. Nach einem Schulwechsel und einer weiteren Klassenwiederholung bricht sie die Schule ab.

Sie beginnt eine Friseurausbildung und bricht sie wegen einer Allergie ab. Dann holt sie die Matura an einem Abendgymnasium („Schule für Versager", wie sie sagt) nach. Mittlerweile studiert sie an der Uni Wien. Berufswunsch hat sie aber noch keinen.

Selbstbewusst, eloquent, höflich: Peter ist Sohn einer Unternehmerfamilie, die Wert legt auf Leistung, Erfolg und Anerkennung. Er besucht zunächst eine AHS-Unterstufe. Mit dem Wechsel an die HAK beginnen die Probleme. Peter hat mit den Anforderungen zu kämpfen, er kann sich in der Schule nicht gut konzentrieren. Er beginnt, die Schule zu schwänzen, geht unter der Woche weg, worunter die Noten wiederum leiden. Die Eltern sind enttäuscht. Unterstützung fruchtet aber nicht. Letztlich will Peter raus aus der Schule.

Er probiert es mit einem Job als Bankkaufmann, wird aber nach einem halben Jahr nicht verlängert. Es folgen Jobs in Unterhaltungs- und Freizeitbranche. Peter leidet darunter, dass er in seiner Familie die Ausnahme ist: der Einzige, der die Schule abgebrochen hat, der keine Ausbildung hat, der nicht studiert (hat). Mit den vermittelten Werten und Vorstellungen lässt sich sein schulischer und beruflicher Weg schwer vereinbaren.

Peter hätte gern einen guten Job, er hat Ansprüche, was seine Zukunft angeht: Haus mit Garten, hohen Lebensstandard. Dass er sein Ziel vom „Chef-Sein" nur mit größeren Mühen verwirklichen könnte, blockiert ihn. „Ich bin halt jemand, ich möchte gleich irgendwo eine wichtigere Position haben."

Frank sitzt im Bett, zugedeckt mit einer schwarzen Decke, er reibt sich den Schlaf aus den Augen, als er seine Geschichte erzählt. Die ganze Nacht hindurch hat er an seinem Computer Ego-Shooter-Spiele gespielt. Frank ist sukzessive in eine fiktionale Welt ausgewichen.

Ein Grund dafür mag die frühe Scheidung der Eltern sein, die Frank nicht gut verkraftet hat. Schule? Dort sei er seit der dritten Hauptschulklasse kaum mehr gewesen. Frank ist Legastheniker, schon in der Volksschule erlebt er Misserfolge: Die vierte Klasse muss er wiederholen. Nach einem Umzug tut sich Frank in der neuen Schule schwer, er findet keinen Anschluss, beginnt zu schwänzen, das wird chronisch. Interventionen des Jugendamts bleiben erfolglos. Psychologen diagnostizieren psychische Störungen. Frank weigert sich weiter, zur Schule zu gehen. Er wird zunehmend von Ängsten dominiert. Die Mutter, inzwischen fast die einzige Bezugsperson, steht dem verzweifelt und hilflos gegenüber. Was er brauchte, vermutlich eine längere Therapie, kann sie nicht bieten.

Kurse zum Nachholen seines Schulabschlusses, zu denen die Mutter ihn motivieren will, verweigert er kurzfristig. Er weicht der Realität aus. Sperrt sich in seinem Zimmer ein und spielt Computerspiele.

Übergewicht, dicke Brillengläser, Lernbehinderung – zugleich gutmütig und hilfsbereit: Markus ist in der Schule ein leichtes Opfer für Mobbing. Mitschüler schikanieren ihn – was aber weder Lehrer noch Eltern bemerken. Er wiederholt die vierte Klasse Hauptschule. Dass er letztlich sogar mit einem positiven Zeugnis abschließt, ändert aber nichts an seinem negativen Selbstbild. Markus isoliert sich, er flüchtet sich in Computerspiele.

Markus fehlt es an Vorbildern, die Mutter ist gelernte Schneiderin, der Vater ist Hilfsarbeiter bzw. arbeitslos und später sogar obdachlos. Auf Betreiben des Stiefvaters beginnt er eine Schnupperlehre als Installateur, die er aber rasch abbricht. Doch was er stattdessen machen könnte, weiß er nicht recht. Wünsche für eine berufliche Zukunft hatte und hat er nicht. Markus probiert es als Gärtner, als Schlosser, als Bürokaufmann, bricht Ausbildungen oder Beschäftigungsmaßnahmen aber jedes Mal ab – einmal wegen Unterforderung, einmal wegen Überforderung. Einmal, weil er seine erkrankte Freundin pflegt.

Inzwischen ist Markus in einer Beschäftigungsmaßnahme. Dort wird Kunsthandwerk hergestellt und verkauft. Er fühlt sich wohl in der Gruppe. Und die Arbeit? „Die ist nicht so wichtig. Die mache ich nur, weil mir fad ist."

Dass er „zu dumm" sei, ist Christians große Angst. Zwar will er nach Abschluss der Hauptschule gern an ein Gymnasium wechseln, gibt aber dem Drängen seiner Eltern nach und besucht eine Handelsschule. Der Wunsch seiner Eltern – Christian stammt aus einem Arbeiterhaushalt, seinen Vater beschreibt er als ungebildet – ist, dass er einen Beruf erlernt.

An der Handelsschule ist Christian unglücklich, er entdeckt das Nachtleben und hat Probleme mit den Lehrern. Schließlich muss er wiederholen, bricht die Schule ab und beginnt eine Lehre zum Bürokaufmann. Rückblickend beschreibt er die Lehrzeit als „das Beste, was ihm passierte". Er bekommt gute Noten, findet Freunde.

Mit neuem Selbstbewusstsein schmiedet er neue Pläne: Er will die Matura nachholen und besucht berufsbegleitend ein Abendgymnasium. In dieser Zeit quälen ihn stets Zweifel an seiner Intelligenz. Christian konzentriert sich voll auf Arbeit und Lernen, im letzten Jahr entwickelt er stressbedingt eine Essstörung. Nach bestandener Matura nimmt er sich eine Auszeit und beginnt ein Studium an der Uni Wien, nebenher arbeitet er 20 Stunden. Sein großer Wunsch ist es, Lehrer zu werden. Bildung ist für ihn ein Wert an sich geworden.

 

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Der Unangepasste

 

   Simon ist ein intelligenter Rebell, der den Abbruch lang nicht bereut.

 

   Simon wird in der dritten Klasse des Gymnasiums zum Mädchenschwarm. Er ist cool. In dieser Phase sinken seine schulischen Leistungen, dabei ist er überdurchschnittlich intelligent. Auch die disziplinären Probleme nehmen zu. Die Rebellion gegen das System Schule beginnt.

 

   Die Mitschüler bewundern Simon zuerst dafür. Doch später betrachten sie ihn als Loser. Sie haben ihn nur als Instrument für ihre rebellischen Fantasien benutzt, sich selbst aber wieder auf das Lernen konzentriert. Simon dagegen nahm die Rebellion ernst. Ihm wird das Verlassen der Schule sogar nahegelegt. Das macht er nicht sofort. Zuerst wiederholt er die fünfte Klasse. Im zweiten Anlauf scheitert er an einer Biologieprüfung - eine Knock-out-Prüfung, wie er sagt. Er bricht die Schule ab und versucht den Wiedereinstieg an einer HLW (Höheren Lehranstalt für Wirtschaftliche Berufe). Das klappt nicht.

 

   Dann folgt seine "Sturm und Drang"-Zeit. Simon jobbt hin und wieder und verzichtet bewusst auf staatliche Unterstützung. Seinen Schulabbruch bereut er nicht. Er ist stolz, diesen Weg gegangen zu sein. Nach einem Praktikum will eine IT-Firma seinen Vertrag verlängern. Simon lehnt ab. Das Argument: Ein Nine-to-five-Arbeitstag würde seine Kreativität hemmen.

 

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Die Orientierungslose

 

   Sabine ist das zurückhaltende Kind einer Großfamilie und hat Schulangst.

 

   Mit zwölf Jahren steht Sabine erstmals vor der Eingangstüre der Schule und schafft es nicht, diese zu öffnen. Ihre (Schul-)Angst ist zu groß. In der Volksschule - einer alternativpädagogischen Schule - war noch alles in Ordnung. Die Probleme beginnen im Gymnasium.

 

   Die Angst vor den neuen Lehrern macht Sabine zur Schulschwänzerin. Sie baut ein immer größeres Lügengebäude auf. Für das scheue Mädchen eine große Belastung. Unterstützung erhält sie weder von den Lehrern ("In keiner Schule hat mich jemals irgendein Lehrer gefragt, ob ich Probleme habe") noch von ihren Eltern ("Das war so eine Situation, in der sich sicher niemand irgendwie ausreichend gekümmert hat"). Die Eltern müssen ihre Aufmerksamkeit auf einige leibliche und viele weitere Pflegekinder aufteilen. Sabine entwickelt sich zu einer protestierenden Pubertierenden und bleibt sitzen. Ein Erlebnis, das ihre Schuldistanzierung verstärkt. Nach einem Schulwechsel und einer weiteren Klassenwiederholung bricht sie die Schule ab.

 

   Sie beginnt eine Friseurausbildung und bricht sie wegen einer Allergie ab. Dann holt sie die Matura an einem Abendgymnasium ("Schule für Versager", wie sie sagt) nach. Mittlerweile studiert sie an der Uni Wien. Berufswunsch hat sie aber noch keinen.

 

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Der Statusorientierte

 

   Peter hat die HAK abgebrochen. Und seine eigenen Ansprüche blockieren ihn.

 

   Selbstbewusst, eloquent, höflich: Peter ist Sohn einer Unternehmerfamilie, die Wert legt auf Leistung, Erfolg und Anerkennung. Er besucht zunächst eine AHS-Unterstufe. Mit dem Wechsel an die HAK beginnen die Probleme. Peter hat mit den Anforderungen zu kämpfen, er kann sich in der Schule nicht gut konzentrieren. Er beginnt, die Schule zu schwänzen, geht unter der Woche weg, worunter die Noten wiederum leiden. Die Eltern sind enttäuscht. Unterstützung fruchtet aber nicht. Letztlich will Peter raus aus der Schule.

 

   Er probiert es mit einem Job als Bankkaufmann, wird aber nach einem halben Jahr nicht verlängert. Es folgen Jobs in Unterhaltungs-und Freizeitbranche. Peter leidet darunter, dass er in seiner Familie die Ausnahme ist: der Einzige, der die Schule abgebrochen hat, der keine Ausbildung hat, der nicht studiert (hat). Mit den vermittelten Werten und Vorstellungen lässt sich sein schulischer und beruflicher Weg schwer vereinbaren.

 

   Peter hätte gern einen guten Job, er hat Ansprüche, was seine Zukunft angeht: Haus mit Garten, hohen Lebensstandard. Dass er sein Ziel vom "Chef-Sein" nur mit größeren Mühen verwirklichen könnte, blockiert ihn. "Ich bin halt jemand, ich möchte gleich irgendwo eine wichtigere Position haben."

 

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Der Realitätsflüchtige

 

   Frank ist inzwischen psychisch erkrankt und hat sich zurückgezogen.

 

   Frank sitzt im Bett, zugedeckt mit einer schwarzen Decke, er reibt sich den Schlaf aus den Augen, als er seine Geschichte erzählt. Die ganze Nacht hindurch hat er an seinem Computer Ego-Shooter-Spiele gespielt. Frank ist sukzessive in eine fiktionale Welt ausgewichen.

 

   Ein Grund dafür mag die frühe Scheidung der Eltern sein, die Frank nicht gut verkraftet hat. Schule? Dort sei er seit der dritten Hauptschulklasse kaum mehr gewesen. Frank ist Legastheniker, schon in der Volksschule erlebt er Misserfolge: Die vierte Klasse muss er wiederholen. Nach einem Umzug tut sich Frank in der neuen Schule schwer, er findet keinen Anschluss, beginnt zu schwänzen, das wird chronisch. Interventionen des Jugendamts bleiben erfolglos. Psychologen diagnostizieren psychische Störungen. Frank weigert sich weiter, zur Schule zu gehen. Er wird zunehmend von Ängsten dominiert. Die Mutter, inzwischen fast die einzige Bezugsperson, steht dem verzweifelt und hilflos gegenüber. Was er brauchte, vermutlich eine längere Therapie, kann sie nicht bieten.

 

   Kurse zum Nachholen seines Schulabschlusses, zu denen die Mutter ihn motivieren will, verweigert er kurzfristig. Er weicht der Realität aus. Sperrt sich in seinem Zimmer ein und spielt Computerspiele.

 

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Der Resignierte

 

   Markus hatte und hat nach wie vor kaum Vorstellungen von der Zukunft.

 

   Übergewicht, dicke Brillengläser, Lernbehinderung - zugleich gutmütig und hilfsbereit: Markus ist in der Schule ein leichtes Opfer für Mobbing. Mitschüler schikanieren ihn - was aber weder Lehrer noch Eltern bemerken. Er wiederholt die vierte Klasse Hauptschule. Dass er letztlich sogar mit einem positiven Zeugnis abschließt, ändert aber nichts an seinem negativen Selbstbild. Markus isoliert sich, er flüchtet sich in Computerspiele.

 

   Markus fehlt es an Vorbildern, die Mutter ist gelernte Schneiderin, der Vater ist Hilfsarbeiter bzw. arbeitslos und später sogar obdachlos. Auf Betreiben des Stiefvaters beginnt er eine Schnupperlehre als Installateur, die er aber rasch abbricht. Doch was er stattdessen machen könnte, weiß er nicht recht. Wünsche für eine berufliche Zukunft hatte und hat er nicht. Markus probiert es als Gärtner, als Schlosser, als Bürokaufmann, bricht Ausbildungen oder Beschäftigungsmaßnahmen aber jedes Mal ab - einmal wegen Unterforderung, einmal wegen Überforderung. Einmal, weil er seine erkrankte Freundin pflegt.

 

   Inzwischen ist Markus in einer Beschäftigungsmaßnahme. Dort wird Kunsthandwerk hergestellt und verkauft. Er fühlt sich wohl in der Gruppe. Und die Arbeit? "Die ist nicht so wichtig. Die mache ich nur, weil mir fad ist."

 

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Der Ambitionierte

 

   Christian folgte dem Wunsch seiner Eltern. Letztlich fand er das Richtige.

 

   Dass er "zu dumm" sei, ist Christians große Angst. Zwar will er nach Abschluss der Hauptschule gern an ein Gymnasium wechseln, gibt aber dem Drängen seiner Eltern nach und besucht eine Handelsschule. Der Wunsch seiner Eltern - Christian stammt aus einem Arbeiterhaushalt, seinen Vater beschreibt er als ungebildet - ist, dass er einen Beruf erlernt.

 

   An der Handelsschule ist Christian unglücklich, er entdeckt das Nachtleben und hat Probleme mit den Lehrern. Schließlich muss er wiederholen, bricht die Schule ab und beginnt eine Lehre zum Bürokaufmann. Rückblickend beschreibt er die Lehrzeit als "das Beste, was ihm passierte". Er bekommt gute Noten, findet Freunde.

 

   Mit neuem Selbstbewusstsein schmiedet er neue Pläne: Er will die Matura nachholen und besucht berufsbegleitend ein Abendgymnasium. In dieser Zeit quälen ihn stets Zweifel an seiner Intelligenz. Christian konzentriert sich voll auf Arbeit und Lernen, im letzten Jahr entwickelt er stressbedingt eine Essstörung. Nach bestandener Matura nimmt er sich eine Auszeit und beginnt ein Studium an der Uni Wien, nebenher arbeitet er 20 Stunden. Sein großer Wunsch ist es, Lehrer zu werden. Bildung ist für ihn ein Wert an sich geworden.

 

 

Die Presse – 15. Oktober 2014

 

 

„Schulschwänzen ist mit großem Stress verbunden"

Studienautorin Erna Nairz-Wirth wünscht sich einen Drop-out-Verantwortlichen pro Schule und die Abschaffung des Sitzenbleibens.

Von Julia Neuhauser  

Die Presse: Sind nahende Schulabbrüche für Lehrer einfach zu erkennen?

Erna Nairz-Wirth: Wenn sie in der Ausbildung entsprechend dafür sensibilisiert wurden, dann ja. Es braucht Diagnosekompetenz und das Bewusstsein, dass Symptome wie abfallende Leistungen, geistige Abwesenheit oder Schulschwänzen sehr ernst genommen werden sollten. Sie sind Vorboten für einen möglichen Schulabbruch.

Sind Lehrer dafür gut genug geschult?

In der Aus- und Weiterbildung kann man in diesem Bereich gar nicht genug anbieten.

Wie kann man pubertäres von gefährlichem Schwänzen unterscheiden?

Aus Spaß hat keiner der von uns Befragten geschwänzt. Schwänzen war für sie mit großem Stress verbunden. Sie haben die Zeit in der Kälte, U-Bahnen oder Zügen verbracht. Sie haben Lügengebäude aufgebaut, die größer und zugleich belastender wurden.

Warum schwänzen diese Schüler dann?

Aus Schulangst, Schulunlust oder Schulaversion. Viele haben Angst, gewisse Leistungen nicht erbringen zu können, Angst vor Lehrern oder Mitschülern. Mobbing ist ebenso ein Thema. Es gibt auch Eltern, die ihre Kinder vom Schulbesuch abhalten.

Wie sollen Schule und Eltern auf Schulschwänzen reagieren?

Das Übel soll an der Wurzel gepackt werden. Symptome haben Ursachen. Schüler sollten nicht bestraft werden – weder von Lehrern noch von Eltern. Wichtig sind Gespräche, Unterstützungskonzepte, Mentoring und eine Willkommenskultur.

Was halten Sie von Wiens groß beworbenem Schulschwänzbeauftragten?

Das ist ein Signal nach außen und wichtig, aber nicht ausreichend. Es braucht einen Drop-out-Verantwortlichen an jeder Schule.

Was wäre dessen Aufgabe?

Er sollte einen Blick auf die Schüler haben – nicht nur punktuell. Er soll beobachten, wie sich Leistung und Anwesenheit entwickeln. Auf Symptome von Schuldistanzierung sollte er sofort reagieren. Die Person sollte Anlaufstelle für Schüler, Lehrer und Eltern sein und Präventionsmaßnahmen initiieren.

Sollte es sich um einen Lehrer handeln?

Wichtig ist, dass es sich um eine gut ausgebildete Person handelt. Lehrer sind oft überlastet. Deshalb wäre es hilfreich, wenn sie von Sozialarbeitern, Schulpsychologen und Ärzten unterstützt werden.

Gibt es Situationen, in denen ein Schulabbruch der beste Weg ist?

Ein Abbruch ist das Ende eines langen Prozesses, immer begleitet von Schuldistanzierung. Die Ursachen sind vielfältig: schlechte Schüler-Lehrer-Beziehung, Leistungsschwächen, familiäre Probleme, Mobbing und schulaversive Peers. Je mehr Risikofaktoren, desto wahrscheinlicher wird der Abbruch. Abbruch ist also nie etwas Positives. Der Schulwechsel hingegen kann es schon sein.

Ein Schulwechsel kann also etwas Positives sein – wann ist er das nicht?

Ein Schulwechsel ist meist eine Belastung. Abgesehen von Umzügen der Eltern müssen Schüler meist in eine rangniedrigere Schule wechseln. Diese sogenannte Abschulung wird von Schülern und Eltern tendenziell als Misserfolg erlebt.

Sind Klassenwiederholungen positiv?

Die internationale Forschung vermittelt ein eindeutiges Urteil: nein! Die Studienteilnehmer beschrieben es als einschneidendes, stigmatisierendes und beschämendes Erlebnis, das ihre Schuldistanzierung sogar weiter verfestigte.

Wie schwierig ist es für Abbrecher, wieder in das Bildungssystem einzusteigen?

Den wenigsten unserer Studienteilnehmer ist es gelungen. Es kommt rasch zu einer Abwärtsspirale, psychischen Begleiterscheinungen und körperlichen Beschwerden.

Ist den Jugendlichen eigentlich bewusst, was ein Schulabbruch für ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt bedeutet?

In der ersten Phase sind die Schüler froh, dass sie nicht mehr in die Schule gehen müssen. Es ist eine Befreiung. Nach einer Zeit kommt die Reue. Auffällig ist, dass sie sich ausschließlich selbst die Schuld am Abbruch geben. Nur wenige fragen, was die Institution mehr für sie hätte machen können.

ZUR PERSON

Erna Nairz-Wirth (48) leitet die Abteilung für Bildungswissenschaft an der Wirtschaftsuni. Habilitiert hat sie sich in Pädagogik und Erziehungswissenschaft. Schulabbruch ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte.

 

 

Österreich – 15. Oktober 2014

 

Länder krallen sich die Lehrer

Die Verhandlungsteams in Sachen Schule sind  fix. Länder haben bessere Karten.

Es geht um Macht, Einfluss und vor allem um Geld. Mittwoch, wollen die Koalitionschefs Werner Faymann (SPÖ) und Reinhold Mitterlehner (ÖVP)die Verhandlungsteams für die 2015 geplante Schulreform bekannt geben.

ÖSTERREICH liegen die acht Namen bereits vor: Neben vier Bundespolitikern werden gleich vier Landeshauptleute – Erwin Pröll, Wilfried Haslauer (ÖVP) sowie Peter Kaiser und Hans Niessl (SPÖ) – am Verhandlungstisch sitzen. Heißester Punkt: Seit Jahren versuchen die Länder, zusätzlich zur Personalhoheit über die 80.000 Pflichtschullehrer auch die Kompetenzen für die mehr als 20.000 Bundeslehrer (AHS und BHS) an sich zu ziehen. Und damit ein Riesenbudget.

Bisher hat sich die SPÖ – Kanzler Faymann und Bildungsministerin Heinisch-Hosek – erfolgreich dagegen gewehrt. Allerdings: Jetzt verhandeln das Thema nicht nur die schwarzen Verländerungsbefürworter Pröll und Haslauer. Auch SPÖ-Mann Hans Niessl fordert in ÖSTERREICH ganz vehement die De-facto-Entmachtung der Bildungsministerin, die dann nur noch für Lehrpläne zuständig wäre. Und nicht nur das: Niessl will Heinisch-Hosek auch den Bundesschulbau aus den Händen nehmen.

(gü)

So sehen die Verhandlungs-Teams aus

  • Das SPÖ-Team: Auf Bundesseite die Minister Gabriele Heinisch-Hosek und Josef Ostermayer, für die Länder Hans Niessl (Burgenland) und Peter Kaiser (Kärnten).
  • Das ÖVP-Team: Für die Regierung schickt die ÖVP Innenministerin Johanna Mikl-Leitner sowie den neuen Staatssekretär Harald Mahrer, für die Länder werden auf ÖVP-Seite Wilfried Haslauer aus Salzburg sowie Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll verhandeln.

Niessl: "Wollen Lehrer und den Schulbau"

ÖSTERREICH: Was sind die Ziele der Bildungsreform?
Hans Niessl: Wichtigster Punkt ist die Verschlankung der Schulverwaltung. Soll heißen: Wir brauchen eine Bildungsdirektion pro Bundesland mit einem Bildungsdirektor. Darin sollen Bildungsabteilungen und Landesschulräte aufgehen. Zuständig wäre die Direktion dann für Pflichtschulen, Mittlere und Höhere Schulen sowie für Berufsschulen.

ÖSTERREICH: Also auch für Bundeslehrer? Da gibt es Widerstand in der SPÖ.
Niessl: Ja, das ist richtig. Ich halte mich aber an die Beschlüsse der Landeshauptleute und bin der Ansicht, dass es zu großen Synergien kommen kann. Ich bin auch dafür, dass die Kompetenzen für den Bau von Bundesschulen an die Länder gehen, weil mir hier die Entscheidungen zu lange dauern. Natürlich müsste das vom Bund dann entsprechend dotiert werden.

ÖSTERREICH: Wie geht's weiter mit der Gesamtschule? Die ÖVP stellt ja sogar die Neue Mittelschule NMS infrage ...
Niessl: Die Haltung der SPÖ zur Gesamtschule ist bekannt. Die NMS soll evaluiert werden und das ist eine Chance. Fakt ist, dass 8% mehr Schüler als in der Hauptschule in Höhere Schulen wechseln das ist ein Erfolg. Aus meiner Sicht muss es einen weiteren Ausbau der Neuen Mittelschule geben.

G. Schröder

 

Wiener Zeitung – 15. Oktober 2014

 

 

Schule

Grüne warnen vor Finanzierungslücke bei Bildung

 

 

 

 

Die Grünen warnen vor einer massiven Finanzierungslücke des Bildungsministeriums im kommenden Jahr. Wegen jahrelanger Unterdotierung des Ressorts, schon vorhersehbarer Mehrkosten etwa bei den Pädagogengehältern und der Einstellung 300 zusätzlicher Landeslehrer würden 2015 mindestens 240 Mio. Euro fehlen, so Bildungssprecher Harald Walser zur APA. "Das Budget 2015 wird wirklich dramatisch werden."

"Da wackeln alle Projekte, etwa der Ausbau der Neuen Mittelschulen. Die Ganztagsbetreuung ist ja de facto eh schon auf die lange Bank geschoben", so Walser. Das Ministerium habe unter Ressortchefin Gabriele Heinisch-Hosek, aber auch schon unter ihrer Vorgängerin Claudia Schmied (beide SPÖ) schlecht verhandelt und daher seit 2009 Probleme angesammelt.

Die Folgen des von Walser befürchteten Budgetlochs: Die Ministerin könnte die Lehrergehälter nicht mehr bezahlen. Dazu müssten weitere Einschnitte in Bereichen wie Politischer Bildung kommen, die schon jetzt von massiven Kürzungen betroffen seien. "Hier wird vieles kaputt gemacht, was in der Vergangenheit mühsam aufgebaut worden ist, und es wird trotzdem nicht einmal gelingen, den Normalbetrieb aufrechtzuerhalten."

Zur Lösung macht Walser drei Vorschläge: Heinisch-Hosek müsse das von ihr bereits angekündigte und dann wieder zurückgezogene strengere Landeslehrer-Controlling durchsetzen und damit die Länder mehr Geld für jene Lehrer bezahlen lassen, die sie über den mit dem Bund vereinbarten Stellenplan hinaus anstellen. "Es kann ja nicht sein, dass die Länder mit der Kreditkarte des Bundes die Lehrer einkaufen", so Walser, der hier ein Einsparungspotenzial von mindestens 30 Mio. Euro ortet.

Außerdem müsse das Ministerium mit der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) nachverhandeln, und zwar über die von Heinisch-Hosek angestrebte Stundung von Mieten und Betriebskosten des letzten Quartals im Ausmaß von 100 Mio. Euro hinaus. "Aus dem jetztigen Budget ist das alles schlicht nicht darstellbar, weil es im Bildungsbudget über 90 Prozent Fixkosten gibt und daher die Möglichkeiten eingeschränkt sind." Außerdem müsse das Unterrichtsbudget nachdotiert werden. "Man weiß bereits bei der Budgetbeschlussfassung, dass das Budget nicht halten kann. Das haben wir jedes Jahr erlebt und werden es wieder erleben, aber im nächsten Jahr wird es dramatisch werden."

 

Morgenjournal, 15.10.2014

 

Verhandlungen über Schulmieten begonnen

Peter Daser

Das Unterrichtsministerium kämpft mit massiven Geldproblemen. Es gibt Schwierigkeiten, die Miete für die Schulgebäude zu bezahlen. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) hofft daher auf eine Stundung von 100 Millionen Euro an Miete bei der Bundesimmobiliengesellschaft. Erste Gespräche dazu laufen.

Gespräche auf Beamtenebene

Eine Stundung der Mieten für Schulgebäude wurde schon einmal vereinbart, im Jahr 2009. Damals waren 120 Millionen Euro an die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) zu zahlen. Die Stundung dieser Schulmieten war Kern eines Kompromisses im heftig geführten Streit zwischen der damaligen Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) und der Lehrergewerkschaft um zwei zusätzliche Unterrichtsstunden. 2009 und 2010 sollten die Schulmieten gestundet werden, so wurde es vereinbart - aber letztlich nicht in Anspruch genommen. Denn überraschend hatte dann das Unterrichtsministerium doch genügend Geld für die Mieten. Jetzt wird wieder mit der BIG verhandelt, derzeit auf Beamtenebene.

Wer zahlt die Zinsen?

Im Unterrichtsministerium heißt es, es gebe eine grundsätzliche politische Einigung mit dem Finanz- und dem Wirtschaftsministerium auf einen Mietaufschub. Was man im Wirtschaftsministerium, das für die BIG zuständig ist, so nicht bestätigen will: Man werde nach einer guten Lösung suchen, aber die BIG sei eine ausgegliederte Gesellschaft, die das selbst verhandeln müsse.

Von dort heißt es dazu: Die BIG dürfe jedenfalls keinen wirtschaftlichen Schaden erleiden. Die Schulen sind für die BIG einer der wichtigsten Mieteinnahmenbringer. Fehlt das Geld, muss die BIG möglicherweise andere Ausgaben durch Kredite decken - jemand müsste dann für Zinsen aufkommen.

Bis wann eine Lösung gefunden werden soll, ist offen - spätestens wohl im November, denn Schulmieten werden quartalsweise bezahlt, und die nächste Rate wäre im Dezember fällig.

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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