Donnerstag, 16. Oktober 2014

2014.10.17: Newsletter Bildung

"Format" Nr. 42/2014 vom 17.10.2014                       Seite: 19

Ressort: Meinung

 

Martin Schenk

 

Gastkommentar

 

Hände weg vom schwedischen Modell

 

   Schweden, lange Vorzeigeland für Bildungspolitik, stürzte bei den jüngsten PISA-Tests ab. Warum in seinen Schulen Leistung und Gerechtigkeit nicht mehr zusammenfinden.

 

   Es begann in Schweden in den 90er-Jahren mit der Kommunalisierung der Schule ohne Zielsteuerung. "Die Rathäuser hatten weder Mittel noch Erfahrung“, analysiert der schwedische Bildungshistoriker Hans Albin Larsson. "Es gab keine konkreten Qualitätsstandards mehr.“ In den 2000ern folgte die Kommerzialisierung: freie Schulwahl, Bildungsschecks, private Profitanbieter für mehr Wettbewerb. Schul-Aktiengesellschaften drängten in die Bezirke mit Renditen von vier bis sechs Prozent, manche streiften 15 Prozent Gewinn ein.

 

   Gleichzeitig wird das Angebot geographisch und sozial immer unausgewogener. Die Einkommenstärkeren sammeln sich in den privaten Schulen, die Ärmeren bleiben zurück. Der öffentliche Wettkampf der Schulstandorte treibt die soziale Segregation weiter an. Es entstehen aber auch Leistungsprobleme in den Privatschulen: "Wichtig ist nicht, den Schülern eine gründliche Bildung zu vermitteln, sondern sie als Kunden zufriedenzustellen“, beschreibt Bildungshistoriker Larsson die Dynamik. Daraus resultierten eine Inflation guter Noten und steigender Druck auf die Lehrerinnen und Lehrer, möglichst niemanden durchfallen zu lassen.

 

   Die Mehrheit der Schweden hält die Privatisierung des Schulsystems inzwischen für einen Fehler. Zwei von drei freien Trägern sind Risikokapitalgesellschaften. Als eine solche vor einem Jahr Insolvenz anmeldete, mussten 10.000 Schülerinnen und Schüler mitten im Schuljahr eine neue Schule suchen. "Wir waren naiv“, gesteht mir Per ein, den ich vor wenigen Woche in Stockholm auf einer Konferenz sozialer Dienstleister treffe. Auch er hatte große Erwartungen. "Aber die Folgen sind desaströs“. Im aktuellen Leistungsvergleich der OECD haben sich Schwedens Schüler am deutlichsten verschlechtert. Sie liegen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften unter dem OECD-Durchschnitt. Der Abstand zwischen leistungsstarken und -schwächeren Schülern ist größer geworden, die soziale Herkunft macht sich in den Leistungen deutlicher als in der Vergangenheit bemerkbar.

 

   Auf der Konferenz erzählen Krankenschwestern von ähnlichen Entwicklungen in der Pflege. Vor allem die Skandale um Pflegedienstleister schmerzen: Öffentliche Gelder, die zu Gewinnen umgemodelt werden und in Steuerparadiese abfließen; interne Kredite, die sich der Versteuerung entziehen; drastische Kürzungen an Personal, die zu Lasten der Bedürftigen gehen. Es gebe eine große Unruhe wegen der mangelnden Leistbarkeit von Pflege bei gleichzeitigen privaten Gewinnen im Sozialsektor.

 

   Von diesen Erfahrungen kann man lernen. Es gibt unterschiedliche Sozialstaatsmodelle in Europa. Alle haben ihren Stärken und ihre Schwächen. Das Modell Österreichs und Deutschlands wird "Bismarckscher“ Sozialstaat genannt, nach dem deutschen Reichskanzler, der als Antwort auf die sozialen Kämpfe im 19. Jahrhundert das Sozialversicherungssystem einführte. Bismarck wollte die Arbeiter befrieden, aber gleichzeitig die sozialen Rangordnungen beibehalten. Das Modell weist bis heute strukturelle Probleme auf, die einer Reform harren: sozial undurchlässige Schule, wenig universelle Leistungen, unterentwickelte soziale Dienste, große Frauen-Männer-Schere, Verwaltungspraxis, die nicht den Bürger, sondern den Untertanen sieht. Schulpolitisch atmet da noch vieles den obrigkeitsstaatlichen "Vater Staat“, der seinen Kindern milde Gaben zuteilt.

 

   In Sachen Schule ist es wohl besser, auf Finnland zu schauen, oder auch auf Kanada. Leistung und Gerechtigkeit gehören da zusammen. Schulsysteme können ihre Besten für Spitzenleistungen qualifizieren, gleichzeitig aber dafür sorgen, dass der Abstand der schwächsten Schüler zu den besten gering ist. Kanada weist die geringsten Leistungsunterschiede bei Fünfzehnjährigen aus. Der Abbau der Leistungsdifferenzen geht nicht zu Lasten der starken, sondern wird ausschließlich durch bessere Leistungen der schwachen Schüler bewirkt.

 

   Hierzulande wird man bei Reformen besonderes Augenmerk auf die Unterrichtsqualität, die Lehrerausbildung, die Schulraumarchitektur und die zu frühe Bildungsentscheidung mit zehn Jahren legen müssen. Das zahlt sich aus für die Kinder - und für uns alle. Nach Schätzungen der Bildungswissenschafter Hanushek und Wößmann würde sich das jährliche Wachstum des Bruttosozialprodukts in Österreich um einen halben Prozentpunkt erhöhen, könnte der Anteil der Schulabgänger mit geringen Lesekompetenzen auf Null reduziert werden.

 

   redaktion@format.at

 

 

Der Standard – 17. Oktober 2014

 

 

"Bei Schulabsenzen müssen die Alarmglocken läuten"

Karin Riss

Bildungswissenschafterin Erna Nairz-Wirth: Bei Schulabbrechern drohen bis zu 1,8 Millionen Euro an Folgekosten pro Betroffenen

Standard: In Ihrer neuen Studie führen Sie qualitative Interviews mit Early School Leavers und Dropouts aus dem Schulsystem. Was sagen diese Begriffe über die Zuschreibung von Verantwortung für einen vorzeitigen Schulabbruch aus?

Nairz-Wirth: Beide Begriffe vermitteln das Bild, dass das Individuum eine größere Schuld an der Entwicklung trage als die Institution Schule. Das sind riskante Zuschreibungen. Die Gruppe der Betroffenen wird über solche Kategorisierungen stigmatisiert. Die Begriffe kommen aus der früheren Forschung zu diesem Themenfeld und werden zunehmend hinterfragt. Heute heißt es: Was kann die Institution Schule tun, was kann man in der Aus- und Weiterbildung für Lehrende, Schulleiter und andere Professionelle tun um Dropout zu reduzieren?

Standard: Kann der Begriff Fade-outs das Phänomen besser beschreiben?

Nairz-Wirth: Ein Schulabbruch passiert nicht von heute auf morgen. Die Distanzierungsprozesse beginnen oft schon sehr früh. Unsere Probandinnen und Probanden haben sich vielfach schon an Misserfolgserlebnisse im Kindergarten oder in der Volksschulzeit erinnert.

Standard: Welche Rolle spielt die Lehrer-Schüler-Beziehung in Zusammenhang mit vorzeitigem Schulabbruch?

Nairz-Wirth: Eine qualitative Lehrer-Schüler-Bindung ist ganz zentral. Klappt die Beziehung zu einer Lehrperson nicht so gut, kann das sehr kritisch sein für die Schullaufbahn. Auf der anderen Seite: Wenn positive Lehrer-Schüler-Beziehungen bestehen, kann das Drop-out-Risiko in jedem Fall verringert werden. Angst- und Abwehrgefühle sowie ein Mangel an Anerkennung durch Lehrer und Mitschüler spielen bei Kindern eine bedeutende Rolle.

Standard: Lässt sich Beziehungsfähigkeit lernen? Ist es nicht zwangsläufig so, dass es in einer Klasse mit mehr als 20 Schülern Beziehungskonstellationen gibt, die fruchtbarer sind als andere?

Nairz-Wirth: In der Professionalisierung kann sehr viel getan werden. Lehrpersonen und Schulleiterinnen müssen wertschätzend kommunizieren können. Allerdings: Sie fühlen sich oft alleingelassen, es gibt unzureichendes Unterstützungspersonal.

Standard: Wie agieren Lehrer, die in diesem Bereich nicht ausreichend sensibilisiert sind?

Nairz-Wirth: Wir haben derzeit eine Studie mit Lehrpersonen laufen. Hier zeigt sich, dass es ein breites Spektrum an Einstellungen und Haltungen gibt. Diejenigen, die sehr unterstützend sind und sicherlich Dropouts eher verhindern helfen, bis hin zu solchen, die vielleicht eine Entscheidung dahin gehend eher befördern.

Standard: Welche Rolle spielt Mobbing dabei?

Nairz-Wirth: Die meisten unserer Studienteilnehmer haben in der einen oder anderen Form Mobbingerfahrung gemacht. Mobbing ist ein großer Risikofaktor für Schuldistanzierung. Der Schüler geht dann nicht mehr gerne in die Klasse, hat Angst ...

Standard: ... und beginnt zu schwänzen?

Nairz-Wirth: Ja, durchaus. Keiner unserer Studienteilnehmer hat Schulschwänzen als Vergnügen erlebt. Meistens geht das einher mit Angst, in einem Fach zu versagen und eben auch Angst vor Mitschülern oder Lehrern. Dann fehlt der Schüler eine Stunde, dann mehrere - meist in einem Fach. Dann fehlt er tageweise oder länger, und der Abstand zu dem, was man als Leistung erbringen muss, wird recht groß und immer größer. Eines hat sich in unseren Interviews sehr klar gezeigt: Sehr belastend ist das Lügengebäude, das diese Schüler aufbauen. Wenn dann das Schwänzen einmal auffliegt, fühlen sie sich richtig entlastet.

Standard: Stichwort Mobbing: Braucht es mehr Präventionsarbeit?

Nairz-Wirth: Auf diesem Gebiet kann man gar nicht genug anbieten, damit hier eine Sensibilisierung entsteht. Ganz aktuell ist derzeit das Thema Cybermobbing. Trotzdem ist Mobbing nur einer von vielen Risikofaktoren, die Schulabbruch begünstigen können. Es kann etwa vorkommen, dass eine Leistungsschwäche nicht oder zu spät erkannt wird. Dann kommen vielleicht familiäre Probleme dazu - oder eine schlechte Lehrer-Schüler-Beziehung. In der Regel löst erst ein Bündel an Ursachen einen Schulabbruch aus, ganz selten eine Ursache allein.

Standard: Kann man sagen: Fast jeder Schulabbruch beginnt mit gehäuften Schulabsenzen?

Nairz-Wirth: Es ist auf jeden Fall einer der wichtigsten Indikatoren für einen späteren Schulabbruch. Bei Schulabsenzen müssen die Alarmglocken läuten! Darum steht auch in unseren Handlungsempfehlungen: Es ist ganz wichtig, Veränderungen im Schülerverhalten zu beobachten. Das soll aufgezeichnet werden. Die Diagnosekompetenz der Schulleitungen, Lehrpersonen und auch der Eltern sollte hier geschult werden. Man muss sich die Mühe machen, ganz genau zu schauen: Wann wird gefehlt? In welchem Fach? Sinkt die Leistung? Ist der Schüler zwar anwesend, aber geistig abwesend? Es braucht ein differenziertes Monitoring. Um richtig reagieren zu können, ist eine genaue Analyse der Ursachen notwendig, strafen allein hilft nicht.

Standard: Die Bildungsministerin hat zusätzlichen personellen Ressourcen erst vor wenigen Tagen im Standard-Interview eine Absage erteilt.

Nairz-Wirth: Vieles scheitert leider oft an ökonomischen Möglichkeiten. Aber wenn man bedenkt, wie teuer eine Schulabbrecherin oder ein Schulabbrecher der Gesellschaft kommen kann - nämlich zwischen einer und 1,8 Millionen Euro -, wäre es nachhaltiger, hier in die Prävention zu investieren, als nachher mit den Folgewirkungen wie Krankheit etc. konfrontiert zu sein. Punktuelle Betreuung ist nie so effektiv wie eine längerfristige. Maßnahmen wie Mentoring, Tutoring und psychologische Hilfe haben sich als effektiv erwiesen.

Standard: Stimmt die Zahl: plus/minus 10.000 Dropouts pro Jahr?

Nairz-Wirth: Die Zahl stammt aus einer IHS-Studie aus dem Jahr 2009, wird sich aber nicht wesentlich verändert haben. Wir haben derzeit 53.000 Early School Leavers in Österreich, das ist die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen, die keinen Abschluss einer mindestens dreijährigen Schule der Sekundarstufe II erreicht haben.

Standard: Sie beschreiben für Österreich den neuen Typ des Übergangsverlierers. Warum ist das gerade hierzulande so zentral?

Nairz-Wirth: Jeder Wechsel, jeder Übergang ist ein Risiko. In Österreich haben wir im Vergleich zu anderen OECD-Ländern relativ viele Übergänge. Es gibt auch Übergänge wie Klassenwiederholungen und Abschulung, die tendenziell negativ von Eltern und Schülern erlebt werden. Mit jedem Übergang steht der Schüler vor großen Herausforderungen. Die Übergangsbegleitung sollte nicht nur zwei, drei Tage dauern, sondern abhängig von der In-tegration des Schülers gestaltet sein.

Erna Nairz-Wirth (48) leitet seit 2008 die Abteilung für Bildungswissenschaft der WU Wien. Die Studie "Quo Vadis Bildung? Eine qualitative Längsschnittstudie zum Habitus von Early School Leavers" wurde im Auftrag der AK Wien und der Stadt Wien durchgeführt.

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen