Sonntag, 19. Oktober 2014

2014.10.20: Newsletter Bildung

Die Presse – 20. Oktober 2014

 

 

Das Einmaleins der Schulsünden

Die Angst der Bundesregierung vor den Bundesländern kostet außertourlich zig Millionen Euro. Vor allem Versäumnisse bei den Lehrerkosten belasten die Steuerzahler seit Jahren zusätzlich.

Wien. Also wieder eine Reformkommission – zur Schule. Dabei sind einige von SPÖ und ÖVP eingesetzte derartige Arbeitsgruppen weitgehend im Sand verlaufen. Am Ende steigen die Kosten für das Schulwesen durch Verzögerungen und Versäumnisse bei den Sparplänen. Es geht dabei nicht um den rot-schwarzen Dauerkonflikt um die Gesamtschule. Das Sündenregister der Regierungsparteien bei der Organisation und in der Schulverwaltung ist allein groß genug.

Zu viele Lehrer: Die Angst der Bundesregierung vor den Ländern und den dort regierenden Landeschefs von SPÖ und ÖVP zeigt sich am auffälligsten bei den Kosten für die Pädagogen. Die Bundesländer stellen seit Jahren im Verhältnis zu dem im Finanzausgleich 2007/08 mit dem Bund paktierten Verhältnis Schüler/Lehrerposten mehr Pädagogen ein. Zahlen darf dafür freilich der Bund. 33 Millionen im Jahr sind dafür aufzubringen. Dazu kommt, dass auf Bundesebene diese Angelegenheit wie eine heiße Kartoffel zwischen Bildungs- und Finanzministerium hin- und hergereicht worden ist. Unter dem Strich hat das zur Folge, dass seit 2008 in Summe rund 200 Millionen Euro höhere Ausgaben vom Bund übernommen worden sind.

Ständig neue Kommissionen: Erst heuer im Juni ist zwischen dem Unterrichtsministerium und den Ländern eine Kommission zu fünf Bereichen eingesetzt worden. Dieser wurde eine Frist bis Ende September gesetzt. Konkrete Ergebnisse sind bisher großteils ausgeblieben. Offiziell wurde das Scheitern kaschiert, indem vereinbart wurde, dass Bund und Länder später an die Öffentlichkeit gehen würden.

Neue Mittelschule: Das Lieblingsprojekt von Ex-Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) ist ebenfalls noch eine Baustelle. Die Koalition hat zwar bereits gesetzlich die Weichen für einen flächendeckenden Ausbau in Österreich gestellt. Die SPÖ sieht darin einen Schritt zu der nach wie vor angestrebten Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen, die Bundes-ÖVP machte unter dem Druck der Länder mit, weil es in dieser Schulform mehr Geld von Bundesseite gibt. Entgegen ursprünglichen Plänen wurde die Evaluierung der Neuen Mittelschule nicht abgewartet. Diese wird jetzt bis Jänner 2015 nachgereicht. Dann müssen erst Schwächen ausgemerzt werden, was wieder zusätzliches Geld kostet.

Schulversuche: Österreich ist ein Land, in dem Schulversuche zur Dauereinrichtung geworden sind. Das hängt mit der vielfach vorhandenen Blockade zwischen SPÖ und ÖVP im Schulbereich zusammen. Schulversuche waren nicht selten ein Ausweg, um eine bestimmte Unterrichtsform rasch einzuführen.

Lehrerfortbildung: Der Rechnungshof hat kritisiert, dass die Pädagogen viel zu oft die Schulzeit und nicht die Ferien für ihre Fortbildung nützen. Eine Folge sind dann teurere Supplierstunden.

Ferien: Überlegungen, die im Sommer und in Ferienzeiten leer stehenden Schulgebäude stärker zu nützen, wurden bisher im Regelfall abgeblockt.

Schulverwaltung: Die Abschaffung der Bezirksschulräte wurde nach jahrelanger Debatte erst heuer in die Wege geleitet. Der nächste Schritt bei den Landesschulräten steht aus. Selbst bei der Abschaffung der Vizepräsidenten der Landesschulräte in den fünf großen Bundesländern herrscht in den Ländern keine besondere Eile.

 

 

Die Presse – 20. Oktober 2014

 

 

Das Land der Schulversuche

Allein an Pflichtschulen und Gymnasien gibt es derzeit mehr als 3500 Schulversuche. Flächendeckend umgesetzt wird von diesen bisher kaum einer.

Wien. Ein geplanter Schulversuch sorgt derzeit für einige Aufregung: Die gemeinsame Schule, in der alle Zehn- bis 14-Jährigen gemeinsam unterrichtet werden, soll im künftig schwarz-grün regierten Vorarlberg ein Stück weit umgesetzt werden. Wenn der Bund sein Okay gibt, könnte demnächst eine Modellregion starten: als Schulversuch.

Zumindest, wenn man sich die Erfahrungen mit den Schulversuchen ansieht, könnte man aber sagen: Die Aufregung ist überzogen. Dass es ein Schulversuch in das Regelschulsystem schafft, ist unüblich. Obwohl die Versuche eigentlich auf zehn Jahre beschränkt sind, laufen manche seit Jahrzehnten. Oft sehr erfolgreich – und trotzdem ohne, dass eine flächendeckende Umsetzung wahrscheinlicher würde. Denn hier stößt man auf ein altbekanntes Problem: ÖVP und SPÖ blockieren sich bei Schulreformen nur allzu gern gegenseitig.

Ganze Schulen als Schulversuch

Und so stehen die Schulen vor der Frage, wie sie sich ein eigenes Profil geben und annähernd innovativ arbeiten können. Die Antwort lautet oftmals: Schulversuch. Weshalb es in Österreich nicht nur sehr viele gibt, sondern auch ganze Schulen als Schulversuch deklariert werden müssen, wie etwa die Sir-Karl-Popper-Schule für Hochbegabte in Wien.

Oder wie es der Bildungsforscher Stefan Hopmann ausdrückt: „Die österreichische Variante, Dinge auf die lange Bank zu schieben, nennt sich Modellversuch. Das signalisiert, dass sich etwas tut – ohne, dass etwas passiert.“ Ein Beispiel: der Ethikunterricht. Seit 16 Jahren führen zahlreiche Schulen das Fach Ethik als verpflichtenden Gegenstand für jene Schüler, die an keinem konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen. Politische Einigung im Großen ist keine in Sicht.

Versuch Zentralmatura hat es geschafft

Schulversuche sind ungesichertes Terrain. Das Bildungsressort muss auf alte Zahlen zurückgreifen, und auch diese sind unvollständig. Im Schuljahr 2012/13 liefen an Pflichtschulen, Gymnasien und Kindergartenschulen mehr als 3500 Schulversuche. Zahlen für die berufsbildenden Schulen waren keine verfügbar. Dass die Zahl an den AHS mit 750dreimal so groß ist, wie an den (damaligen) Hauptschulen, dürfte an der Zentralmatura liegen: Sie ist einer jener Versuche, die es ins Regelschulwesen geschafft haben.

Die meisten Versuche gibt es aber ohnehin an den Volksschulen: nämlich 2456. Das hat einen einfachen Grund: Volksschulen geben in den ersten Schuljahren häufig keine Ziffernnoten. Verschiedene Formen der alternativen Beurteilung machen demnach auch die Top drei der Schulversuche aus. In Wien sind die Schüler, auf deren Zeugnissen in den ersten Schuljahren noch Noten zu finden sind, bereits in der Minderheit.

Doch obwohl es sich hier um eine seit mehr als zwanzig Jahren gut angenommene Praxis handelt, hat eine Übernahme ins reguläre System bisher nicht stattgefunden. Mehr noch: Sie muss – wie alle Schulversuche – mit bürokratischem Aufwand für jede Schulstufe extra beantragt werden. Und das jedes Jahr wieder, denn Schulversuche werden immer nur für ein Jahr genehmigt.

 „Lerneffekt gegen null“

Für die Beteiligten könnten Schulversuche eine gute Erfahrung sein, meint Bildungsforscher Hopmann. Nur: Kaum etwas werde in den langfristigen Bestand des Schulsystems übernommen. „Der Lerneffekt tendiert gegen null.“ Unter den Ausnahmen, die flächendeckend umgesetzt wurden, sind die Zentralmatura und die Neue Mittelschule. Auch hier wurde die Kategorie Versuch aber nicht so genutzt, wie sie es sollte. Die Umsetzung erfolgte übereilt, bei der NMS sogar, ohne die vorgesehene Evaluierung überhaupt zu starten.

Die Neue Mittelschule soll vorerst offenbar frei von Schulversuchen bleiben. Aus dem Wiener Referat für Schulversuche heißt es, neue Schulversuche an der Neuen Mittelschule seien derzeit nicht gewünscht. Angeblich sei das bei einem neu kreierten Schultyp nicht nötig. Man darf abwarten, wie lang das so bleibt.

Autonomie statt Detailregelungen

Bildungsforscher Stefan Hopmann plädiert angesichts des Wildwuchses für mehr Eigenverantwortung. Ein Grund für die vielen Versuche sei, dass das österreichische Schulrecht dicht gestrickt ist. „Man sollte den Schulen die Detailregelungen des Unterrichtsbetriebs ersparen und es ihnen überlassen, für sich die richtige Mischung zu finden: Wann fange ich den Unterricht an, wie teile ich ein? Das muss man aber nicht Schulversuch nennen. Das könnte man auch Autonomie nennen.“

Zumindest ein klein wenig könnte sich hier in Zukunft ändern: Immerhin ist mehr Autonomie ein Teil des von der Regierung jüngst paktierten Sechs-Punkte-Programms für die Bildung. Und: Auch ein einfacherer Verzicht auf Ziffernnoten bis zur dritten Klasse Volksschule ist da Thema.

 

 

Die Presse – 20. Oktober 2014

 

 

Eine Reise ohne Plan oder: Der Umweg ist das Ziel

Der Bildungspolitik und den Schulversuchen liegt der gleiche Gedanke zugrunde: Irgendetwas Neues muss her. Hauptsache, das Alte ist weg.

 

Das Alte taugt also nicht mehr. Daher muss etwas Neues her. Wer wie der Autor dieser Zeilen seine eigene Schulzeit in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts als etwas durchaus Gewinnbringendes erlebt hat – mit Frontalunterricht und echten Noten –, stellt sich allerdings seit Längerem die Frage: War doch nicht so schlecht früher? Warum muss man das mit Bestemm unbedingt ändern?

Weil die Welt sich geändert hat, könnte eine Antwort lauten. Ja, eh. Aber die Anpassung an eine sich ändernde Welt lässt sich gerade an unserem Schulsystem eher nicht ablesen. Unterricht in Volkswirtschaft oder Betriebswirtschaft findet an den Gymnasien nach wie vor nicht statt. Dabei ist diesbezügliches Wissen in der heutigen Berufswelt essenziell. Dafür wird in den meisten Gymnasien nach wie vor Latein gelehrt – anstatt einer lebendigen Sprache, die einem im Berufsalltag dann auch etwas nützt. Oder zumindest auf Urlaubsreisen. Anpassung an die Welt? Das Gymnasium jedenfalls ist noch immer ein wenig weltfremd.

Dennoch, so heißt es, könne es so nicht mehr weitergehen. Weil: die Chancengleichheit! Natürlich soll in einer meritokratischen Gesellschaft in erster Linie die Leistung des Einzelnen entscheidend sein, und nicht dessen Herkunft. Natürlich soll das türkische Migrantenkind die gleichen Möglichkeiten haben wie das Döblinger Bürgerkind.

Nur: Der Staat kann das schwer verordnen. Ja, er kann eine Gesamtschule einführen. Allerdings werden die Eltern des Döblinger Bürgerkindes Mittel und Wege finden, ihr Kind in eine bessere Gesamtschule gehen zu lassen. Was ja ohnehin schon stattfindet. Und das türkische Migrantenkind sitzt dann erst recht in der öffentlichen „Ghettoklasse“ unter all jenen, deren Eltern sich das Schulgeld nicht leisten können.

Wobei – und das muss auch einmal betont werden – die (meisten) Pädagogen vom Kindergarten aufwärts bei der Integration der „neuen Österreicher“ einen wirklich tollen, weil nicht einfachen Job machen. Dass es bei uns keine wirklichen Ghettos wie in anderen westeuropäischen Ländern gibt, ist auch darauf zurückzuführen. Die duale Ausbildung, sprich die Wertschätzung, die die Lehre hierzulande genießt, ist ein weiterer Grund dafür. Nicht jeder muss studieren, nicht jeder mit Gewalt durch das höhere Schulsystem geboxt werden. Man kann tatsächlich auch Karriere mit Lehre machen.

Diese absolute Gewissheit, mit der Sozialdemokraten und Grüne davon ausgehen, dass, wenn die Gesamtschule erst einmal eingeführt ist, alle Probleme sich von selbst lösen, ist jedenfalls atemberaubend. Ein Blick nach Deutschland beweist das Gegenteil. Länder mit einem differenzierten Schulsystem schneiden stets besser ab.

Das Alte muss also weg. Etwas Neues her. Allerdings: So genau weiß dann doch keiner, was am Ende der Reise stehen soll. Man fährt einfach einmal drauflos. Ein Schulversuch hier, eine Modellregion da. Allein an österreichischen Pflichtschulen und Gymnasien laufen derzeit mehr als 3500 Schulversuche. Flächendeckend umgesetzt wurde bisher kaum einer. Eine Ausnahme gibt es: die Zentralmatura. Wobei man jetzt auch nicht so genau weiß, ob man diese Ausnahme rühmlich oder eher unrühmlich nennen sollte.

Der Bildungsbürger könnte an dieser Stelle jetzt Giuseppe Tomasi di Lampedusas Diktum „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, dass sich alles verändert“ einwerfen. Im besten Fall läuft es auch darauf hinaus. Angesichts des Fehlens einer zielführenden Strategie, von Vision gar nicht zu reden, kann man nur hoffen, dass dieses Konglomerat aus Learning by Doing und Trial and Error am Ende ein Ergebnis zeitigt, mit dem das bisherige Level halbwegs zu halten ist.

Und möglicherweise wird der eine oder andere Bildungsexperte in einigen Jahren, wenn dann alles durchgespielt und ausprobiert ist, ohnehin im Brustton der Überzeugung verkünden, dass Frontalunterricht und echte Noten eigentlich der Weisheit letzter Schluss sind.

 

 

OÖN – 20. Oktober 2014

 

 

"Aktuell ist das Abschaffen der Sonderschule unmöglich"

 

LINZ. Zahlreiche Reaktionen zu OÖN-Bericht – Sonderschulleiter Pammer: "Eltern brauchen Wahlfreiheit"

Zahlreiche Reaktionen rief der OÖN-Bericht zur Diskussion über das Abschaffen der Sonderschulen hervor. Nun diskutierten auch die von der VP gestellten Präsidenten der Landesschulräte bei ihrer Herbsttagung über das Thema. Auf Sonderschulen werde man auch in Zukunft nicht verzichten können, bekräftigte einmal mehr Oberösterreichs Präsident Fritz Enzenhofer. Die Übergänge zur Regelschule müssten aber verbessert werden: "Damit sollen Integration und Inklusion auf ein höchstes Maß gebracht werden."

 

Auslöser für die hitzige Diskussion rund um die Sonderschule ist, wie berichtet, die Behindertenrechte-Konvention der UNO, die auch von Österreich ratifiziert wurde. Sie legt als Ziel unter anderem fest, dass Kinder mit und ohne Beeinträchtigung miteinander unterrichtet werden müssen. Im "nationalen Aktionsplan" sieht Österreich bis 2020 flächendeckend "inklusive Modellregionen" vor. Doch selbst das Unterrichtsministerium wagt es nicht, die Sonderschule gänzlich in Frage zu stellen.

 

Auch für Österreichs obersten Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Paul Kimberger ist das Ende der Sonderschule derzeit unmöglich". Er bekenne sich zur Inklusion, also der Integration von behinderten Menschen in die Gesellschaft. "Aber ich bin mir nicht sicher, ob für jedes behinderte Kind Platz in der Regelschule ist."

 

Kimberger will an den Sonderschulen als pädagogische Spezialeinrichtungen, vor allem für schwerstbehinderte Kinder, festhalten. "Die Inklusion ist ein Prozess, der auf Jahrzehnte angelegt ist", sagt er. "Voraussetzung ist, dass die Politik die Finanzierung langfristig sicherstellt." Es könne nicht sein, dass die Regierung die Inklusion fordere, die Finanzierung im sonderpädagogischen Bereich aber seit Jahren zurückgehe.

 

Integration: "Lernerfolg besser"

 

Ähnlich argumentiert Erich Pammer, Leiter der Sonderschule in Langenstein (Bezirk Perg): "Wichtig ist, dass die Eltern Wahlfreiheit haben." Es gebe Kinder, die aus der Integration wieder in die Sonderschule kommen – vor allem wegen mangelnder Betreuung. Er schlägt vor, die Sonderschulen für die Integration zu öffnen. "Allerdings müssten die Gruppengrößen berücksichtigt werden."

 

Die Aktion Kritischer Schüler (AKS) setzt sich dagegen für die Inklusion ein. "Studien belegen, dass Kinder mit Beeinträchtigungen in einem inklusiven Schulbetrieb bessere Lernerfolge erzielen", sagt Vorsitzender Marco Pühringer. Sonderschulen würden oft benutzt, um Schüler mit Migrationshintergrund und schlechtem Deutsch auszuschließen.

 

 

Kurier – 20. Oktober 2014

 

Bildungsfutter.

Natürlich hatte Konrad Paul Liessmann recht, als er vor heftig applaudierendem Publikum sinngemäß sagte: Vom groß Individualisieren werde das Schwein auch nicht fett, auf die Qualität des Futter komme es nämlich an, und a) von hoch qualitativem Bildungsfutter an unseren Schulen & Unis weit und breit keine Spur, und b) wo Futter, dort quasi genmanipuliert, nämlich kuschelpädagogenmanipuliert.

Das hat Liessmann zwar anders gesagt, aber gemeint hat er es so, also hab ich in Gedanken gleich mit applaudiert. Ort der Begegnung das Café "Sperl", wohin Standard-Ikone Gerfried Sperl ab nun wieder regelmäßig zu seinen berühmten "Gesprächen" lädt. Letzten Montag beim Debattieren neben Sperl auf dem Podium: der Philosoph (Liessmann) und der Lehrer (ich). So weit, so rund, zumal wir uns in einem einig waren, dass nämlich so mancher ernannte und selbst ernannte Experte das Bildungsklima eher ruiniert als er das System saniert.

Sitzt jedenfalls im Publikum Heidi Schrodt, die frühere AHS-Direktorin und Frontfrau der Initiative "Bildung grenzenlos". Und die schreibt in ihrem neuen Buch so ziemlich das Gegenteil von Liessmann, nämlich: Individualisieren insofern quasi Um und Auf, als nämlich sonst so manch armes Schwein überhaupt keinen Krümel vom Bildungsbrot abbekäme, von Kuchen ganz zu schweigen. Und jetzt muss ich sagen: Damit hat Schrodt ganz genauso recht wie Liessmann. Ein Widerspruch? Nein, die beiden sprechen von verschiedenen Baustellen. Der Uni-Professor hat Oberstufen und Hörsäle im Sinn, wenn er rhetorisch brillant dagegen anpolemisiert, dass fatalerweise Bildung immer öfter mit Ausbildung verwechselt werde, die Schuldirektorin hingegen all die Bildungsverliererinnen in den Rest- und Gettoklassen unserer Städte: "Ich war in Wien in Hauptschulen, da sind mir die Tränen gekommen. Da machen Mädchen ihre Hausübungen nicht, weil sie bis spätnachts der Mutter beim Büros putzen helfen."

Heute also zwei wärmste Buchempfehlungen: Konrad Paul Liessmann: "Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift", Zsolnay-Verlag, sowie Heidi Schrodt: "Sehr gut oder Nicht genügend? Schule und Migration in Österreich", Molden.

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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