Mittwoch, 22. Oktober 2014

2014.10.23: Newsletter Bildung

"News" Nr. 43/2014 vom 23.10.2014             Seite 18,19,20,21,22,23

Ressort: Thema der Woche

 

Susanne Zobl, Heinz Sichrovsky

 

 

Schaffen unsere Schulen jetzt den Musikunterricht ab?

 

Musikunterricht am Ende? Künstler und Pädagogen geben "Musikalarm": Einsparungen bedrohen die Kulturnation.

 

Beschämend wäre das, ein Skandal, wie die Republik ihr eigenes Erbe, zugleich ihr größtes Kapital, mit Füßen trete, zürnt der österreichische Weltpianist Rudolf Buchbinder. "In spätestens 30 Jahren", übt sich der Dirigent Franz Welser-Möst in der Kunst der Hochrechnung, "gibt es auf diese Weise weder einen Musiker noch ein Publikum, das ihm zuhört." Der Österreichische Musikrat schlägt "Musikalarm": "Derzeit ist die Bildung im Bereich Musik in Österreich durch tiefgreifende Einsparungen bedroht", warnt das Gremium namhafter Komponisten und Pädagogen und präsentiert einen umfangreichen Forderungskatalog.

 

Musikunterricht am Ende.

 

Was ist geschehen? Nichts, was kunstaffine Menschen beruhigen könnte: Die Regierung der Kulturnation Österreich schickt sich an, ab 2015 die Ausbildung der Lehrer zu optimieren. Im Fall der Musikpädagogik geschieht dies mit der Effizienz einer Straßenwalze, flächendeckend durch sämtliche Altersgruppen und mit schwer zu übertreffender Nachhaltigkeit: Volksschullehrer gelangen ohne musikalische Minimalausstattung an den Nachwuchs. An den Gymnasien sind schon jetzt bis zu 30 Prozent ungeprüfte Musikpädagogen am Werk, wobei kein Kundiger daran zweifelt, dass die Quote demnächst erheblich steigen wird. Um schließlich auch noch hochbegabte Musikstudenten in den Genuss der neuen Situation gelangen zu lassen, werden Wettbewerbe eingestellt.

 

Wie das kommen konnte, ist Kundigen soweit klar: Zwecks Legitimierung der "Neuen Mittelschule", deren Effizienz und Sinnhaftigkeit nicht überall außer Zweifel steht, sollen künftig auch deren Lehrer an Universitäten ausgebildet und mit entsprechenden akademischen Titeln versehen werden. Als diese Kräfte noch schlicht "Hauptschullehrer" hießen, erledigten das die Pädagogischen Hochschulen. Die aber sollen ab 2015 nur noch für die Ausbildung der Volksschullehrer zuständig sein.

 

Die Musikuni muss kapitulieren.

 

Für die Musikuniversitäten eröffnet sich damit eine nicht zu bewältigende Situation. "Theoretisch wären wir natürlich in der Lage, auch die Lehrerausbildung für die Zehn- bis 14-Jährigen zu übernehmen", sagt Harald Huber, Professor für Popularmusik an der Wiener Musikuniversität und Proponent der Protestbewegung des Musikrats. "Nur müssten wir unsere Studierendenzahlen dann verdoppeln. Und das ist irrational."

 

Konkret bedeutet das, dass man jährlich 80 statt der derzeit 40 Musiklehrer ausbilden muss, dazu aber nicht annähernd in der Lage ist. Denn selbst wenn man die früheren Hauptschullehrer in Massenfächern wie Germanistik und Anglistik akademisch notdürftig durchwinken kann: Die Musikausbildung ist ihrem Wesen nach individuell und aufwendig.

 

Schon derzeit kann der Bedarf an Musikpädagogen für die Gymnasien nicht gedeckt werden. Vor allem in Wien, Niederösterreich, Teilen Oberösterreichs und dem Burgenland amtieren in hoher Zahl ungeprüfte Musikpädagogen, die zwar im Glücksfall in der Materie bewandert sind, aber eben über keine pädagogische Ausbildung verfügen, wodurch sich ein erhebliches Risiko auftut. Die Wiener Musikuni ist zudem die einzige universitäre Ausbildungsstätte in der Region Nord-Ost (Wien, Niederösterreich), erklärt der Wiener Musik-Fachinspektor Ferdinand Breitschopf das majestätische Ausmaß des Dilemmas.

 

"Es gibt Standorte, an denen kein einziger Geprüfter das Fach unterrichtet", ergänzt Huber. Wenn demnächst eine umfängliche Pensionierungswelle greift, droht die Situation vollends zu entgleisen. Schon jetzt unterrichten an den Gymnasien Studenten, und im Extremfall muss der Chemieprofessor einspringen: Dem neuen Lehrerdienstrecht zufolge muss, wie früher an den Hauptschulen, notfalls jeder für jedes Fach einsetzbar sein. "Klar, dass man so etwas vor allem in Fächern praktiziert, die keine Lobby haben, weil die Eltern nicht auf die Barrikaden steigen", sagt Huber. "Und dann beträgt der Wissensvorsprung des Professors gegenüber den Schülern tatsächlich nur noch die halbe Stunde, die er vor dem Unterricht ins Musikbuch geschaut hat."

 

Das Dilemma der Volksschulen.

 

Wer nun meint, von der Auslagerung der früheren Hauptschullehrer an die überforderten Universitäten würden die Pädagogischen Hochschulen - und somit die Volksschulen - profitieren, der irrt. "Gerade sie sind von einem intensiven Einsparungsprogramm des Bildungsministeriums betroffen", sagt Huber. "Schon jetzt ist die Musikausbildung der Volksschullehrer schlecht. Aber künftig findet an den Pädagogischen Hochschulen fast gar kein Musikunterricht mehr statt, und der nur noch in Gruppen. Das Sparprogramm wird besonders stark im Bereich Musik exekutiert. Musik ist eben eine teure Ausbildung, es geht da vor allem um das Erlernen von Instrumenten, das nur im Einzelunterricht möglich ist."

 

Vier statt 14 Stunden Ausbildung.

 

"Man kann nicht davon ausgehen, dass ein Absolvent in der Lage ist, die Volksschüler basismäßig auszubilden", ergänzt Isolde Malmberg vom Wiener Institut für Musikpädagogik. "Wir wissen aber, dass die Volksschulzeit besonders wichtig ist, ein hochsensibles Fenster."

 

In welchem Ausmaß hier gewütet wird, rechnet Fachinspektor Breitschopf vor: "Statt wie früher rund 14 Stunden umfasst die Musikausbildung für angehende Volksschullehrer in Zukunft nur noch rund vier Stunden in der Grundausbildung. Musikunterricht ist eben sehr ressourcenintensiv, man braucht dafür qualifizierte Lehrer, Einzel- und Kleingruppenunterricht. Das können sich die Pädagogischen Hochschulen nicht mehr leisten."

 

Also wurde vielerorts der Instrumentalunterricht für die künftigen Pädagogen ersatzlos abgeschafft: Der Volksschullehrer, der früher selbstverständlich Klavier, Flöte oder Gitarre spielen konnte, nimmt künftig eben das iPad in Betrieb.

 

Leonore Donat, Musikprofessorin an einem Wiener Gymnasium und Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Musikerziehung, berichtet aus der Praxis: "In Salzburg hat die Direktorin einer Pädagogischen Hochschule für die komplette Abschaffung des Musikunterrichts an ihrem Institut plädiert. Sie meinte, so könne man mehr männliche Lehrkräfte rekrutieren. Weil doch die jungen Männer so große Angst vor dem Vorsingen hätten." Dafür, so fügt Uni-Professor Huber nicht ohne bitter anmutende Ironie hinzu, habe man an den Pädagogischen Hochschulen flächendeckend das Fach "Schach" eingeführt. -"Offenbar glaubt man, es reicht schon zur Qualitätssicherung, dass hier einmal Haydn, Mozart und Beethoven gelebt haben. Aber das ist ein schweres Missverständnis", sagt der frühere Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg mit warnendem Blick auf die musikalisch-pädagogischen Bemühungen in Asien und Nordeuropa. "In der Musik geht gar nichts von selber. Wenn man nicht ständig dazuschaut, ist der Vorsprung so gründlich weg wie seinerzeit beim österreichischen Wunderteam. Und die Musikausbildung in Grundschulen ist der Punkt, an dem sich alles entscheidet."

 

Wie man dem Dilemma begegnen kann, ist Gegenstand mehrerer Theorien. Fachpädagogin Donat: "Man könnte schon in der Volksschule Lehrer aus den Musikschulen verpflichten, so wie ja auch Religion nicht von den Volksschullehrern unterrichtet wird." Andererseits kann man derzeit selbst die Gehälter der Volksschullehrer nur begleichen, indem man der Bundesgebäudeverwaltung die Miete für die Schulen schuldig bleibt. Die Verpflichtung zusätzlicher Pädagogen scheint da eher illusorisch. Obwohl: Im musikaffinen Niederösterreich existieren solche Kooperationen schon, wie der regionale Fachinspektor Andreas Gruber ausführt. Die Kosten werden von den Gemeinden oder vom Land getragen.

 

Allerdings warnt Lotte Kasser, Gesangspädagogin am Bundesoberstufenrealgymnasium St. Pölten, vor der Institutionalisierung: "In manchen Tälern unterrichten schon Mitglieder örtlicher Blaskapellen. Im Bereich des Gesangs kann das fatal werden. Ich entdecke immer wieder Talente, aber mit einer falschen Technik ist die Stimme rasch ruiniert."

 

Kahlschlag bei Wettbewerben.

 

Talente sollten sich überhaupt tunlichst anderswo als in der Musiknation positionieren: Die Wettbewerbe, unerlässlich zur Förderung und Ermutigung begeisterter Laien wie künftiger Spitzenkräfte, werden systematisch niedergefahren, klagt der Musikrat. So wurden den Sechs- bis Achtzehnjährigen die Bundesmittel für den Wettbewerb "prima la musica" gekürzt. Unter den Gewinnern des darauf aufbauenden Bewerbs "gradus ad parnassum" für Musikstudenten ab 18 finden sich spätere Mitglieder der bedeutendsten Orchester - er wurde aus Geldmangel eingestellt. Dem "Bundesjugendsingen", dem traditionsreichen Instrument der Breitenund Spitzenförderung im Bereich des Chorgesangs, sollten die Bundesmittel zunächst ganz entzogen werden. Nach Protesten wurden sie bloß auf die Hälfte gekürzt, sodass das Jugendsingen nur noch vier-statt dreijährlich stattfinden kann. Franz Herzog vom Chorverband Österreichs: "Eine ganze Generation hat keinen ordentlichen Musikunterricht mehr, und jetzt sollen die Kinder auch nicht mehr singen. Auch die Sprechstimmen werden immer kaputter. Wir müssen aufpassen, dass keine stumme Generation entsteht."

 

Und damit man nicht etwa in den Verdacht gerät, nur das Traditionelle zu liquidieren, hat man auch den Bundeswettbewerb "podium.rock.pop.jazz" auf Zweijahresrhythmus zurückgefahren.

 

Mit einem Wort: Die Situation erinnert bis ins Detail an die Verwüstungen im Deutschunterricht, die wir vor einem Monat mit dramatischer Auswirkung öffentlich machen konnten. Der einzige Unterschied: Ist dort nur eine Behörde - das Bildungsministerium - in die Pflicht zu nehmen, so sind es nun deren zwei. Denn, so Huber, das Hauptproblem wäre die Kommunikationsverweigerung zwischen Heinisch-Hoseks (rotem) Bildungs- und Mitterlehners (schwarzem) Wissenschaftsministerium. Das eine ist für die Pädagogischen Hochschulen, das andere für die Unis zuständig. "Zwei Ministerien sparen an der Materie. Regierungskonzept gibt es keines", klagt Huber.

 

Das will man im Wissenschaftsministerium nicht gelten lassen: Das Budget der Kunstuni werde um 11,1 Prozent erhöht, und man habe gemeinsam mit dem Bildungsministerium einen Qualitätssicherungsrat für die pädagogische Ausbildung etabliert. Der soll bis zum Jahresende einen "Entwicklungsplan" erstellen. Nicht auszuschließen also, dass das Gröbste noch verhindert werden kann. - Man investiere ohnehin 370.000 Euro in diverse Schulmusikprojekte, lässt die Bildungsministerin ausrichten. Die Qualität des Unterrichts werde keineswegs leiden, und dass man an den Pädagogischen Hochschulen künftig dem Gruppen-statt dem Einzelunterricht vertraue, entspreche der Situation in der Klasse.

 

Nur, dass gerade DIE eine Katastrophe ist.

 

Rudolf Buchbinder, Pianist, Intendant des Festivals von Grafenegg. Es ist eine Schande und ein Skandal, wie wir unser Erbe, unser einziges wirkliches Kapital, mit Füßen treten. Die Welt beneidet uns um unsere Musik. Wenn ich in Tokio im Taxi sitze, höre ich Musik von Johann Strauss. Überall schätzt und würdigt man dieses Erbe, nur bei uns nicht. Am traurigsten ist, wie man die Kinder um etwas Schönes und Wichtiges bringt, indem das Niveau immer tiefer und tiefer geht.

 

Georg Friedrich Haas, Komponist, Hochschulprofessor in New York. Ich betrachte die Entwicklung der österreichischen Musikpädagogik mit steigender Sorge. Eine weitere Reduzierung der Ausbildungskapazität wäre eine Katstrophe. Wir leben in einer Zeit, in der die Religion ihre Bedeutung verloren hat. Die Sehnsucht nach Transzendenz kann nur noch in der Kunst abgedeckt werden. Wenn wir das jungen Menschen verweigern, werden sie in den Islamismus oder zu Sekten abwandern. Ich halte das für verantwortungslos und kriminell.

 

Daniela Fally, Opernsängerin. Ich kann nur an die Bundespolitik und die Verantwortlichen intensiv appellieren, sich sehr genau zu überlegen, wo und ob Kürzungen wirklich nötig sind. Und wenn sie keine Ahnung haben, sollen sie, bitte, so klug sein und Expertenmeinungen einholen bzw. mit denen sprechen, die an der Basis - in den Volks- und Musikschulen - arbeiten. Es nervt mich unglaublich, dass ständig bei unseren Kindern gespart wird, während Banken mit Summen gerettet werden, mit denen man den Musikunterricht über Jahrzehnte sichern könnte.

 

Dominique Meyer, Direktor der Staatsoper. Österreich ist eine Kulturnation, und davon gibt es nicht so viele. Wir haben hier zwar kein Öl, aber eine schöne Landschaft - und die weltweite Ausstrahlung durch Kultur, in erster Linie durch Musik. Sie ist der größte Reichtum, man muss sie wahrnehmen und schützen. Und dazu ist die musikalische Ausbildung fundamental wichtig. Nicht nur für die Ausübenden, auch für die Zuschauer. Lässt man das weg, hängt über der Musik in Österreich ein Damoklesschwert.

 

Nikolaus Harnoncourt, Dirigent. Heutige Bildungspolitiker kennen nur ein Ziel: den funktionierenden Menschen. Es geht darum, Kinder zu besseren Ameisen heranzuziehen. In der ganzen Welt geht es nur noch um Produktionsprozesse, die Finanzwirtschaft hat die Herrschaft erobert, und die PISA-Studie ist ihr Instrument. Ich halte das für verbrecherisch. Dass die Kultur in diesem System keinen Platz mehr hat, überrascht mich nicht.

 

Markus Hinterhäuser, Intendant. Musikunterricht hat auch mit der Bildung des Herzens, mit humanistischer Bildung zu tun. Die sollte man unter keinen Umständen aufs Spiel setzen. Sie ist die geistige Struktur eines Gemeinwesens, dieses Gemeinwesen ist der Staat, und eben dieser Staat kann nicht immer nur nach einer einfältigen Kosten-Nutzen-Rechnung vorgehen. Denn was er dann verliert, hat er für immer verloren.

 

 

Die Presse – 23. Oktober 2014

 

 

Vorarlberg: Landeschef rügt Staatssekretär

Die Gesamtschule sorgt wieder einmal für Zwist in der ÖVP. Landeschef Markus Wallner zu Harald Mahrer: "Er hat sich hier zurückzuhalten."

Die Gesamtschule ist ein prädestiniertes Thema für Auseinandersetzung in der ÖVP: Diesmal findet sie zwischen Vorarlbergs Landeschef, Markus Wallner, und Staatssekretär Harald Mahrer statt. Letzterer kritisierte die geplante Modellregion zur Gesamtschule im Ländle.

Die Retourkutsche von Wallner ließ nicht lange auf sich warten: „Diese Bemerkung ist unnötig. Er hat sich hier zurückzuhalten“, sagte er in den „Vorarlberger Nachrichten“. Der Schulversuch sei mit ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner besprochen. „Ich habe gesagt, lasst uns in Ruhe. Wir machen jetzt das Forschungsprojekt fertig“, so Wallner.

Harte Worte richtete er auch an die Koalition im Bund: Deren Bildungsprogramm sei zwar „nett, aber sehr dünn und nicht besonders ambitioniert. Damit könnten wir in Vorarlberg nicht aufkreuzen“.

 

 

Die Presse – 23. Oktober 2014

 

 

Industriellenvereinigung startet Bildungsinitiative

Unter dem Titel "Neustart Schule" fordert die IV unter anderem "gerechte Chancen für jedes Kind" und setzt auf Bürgerbeteiligung.

Um die Zufriedenheit mit der Bildungspolitik scheint es derzeit besonders schlecht bestellt zu sein, denn die Bildungsinitiativen schießen geradezu aus dem Boden: Nach der Bildungs-NGO „Jedes Kind“ und der westösterreichischen Initiative „Pro Gymnasium“ gibt es nun innerhalb weniger Wochen eine dritte. Unter Federführung der Industriellenvereinigung will "Neustart Schule" nach eigenen Worten "dem Bildungs-Stillstand ein Ende setzen." Denn: "Was es in Österreich braucht, ist ein grundlegend neues Konzept des Bildungssystems".

Die Homepage von "Neustart Schule" ist heute, Mittwoch, online gegangen. Es beteiligen sich das Volksbegehren Bildungsinitiative, der Verein "Wirtschaft für Integration" und die Bildungsinitiative "Teach for Austria". Der Inhalt bleibt allerdings recht allgemein. Online werden sieben Misstände und sieben Ziele angegeben, bei den Zielen wird etwa aufgeführt: "Gerechte Chancen: Für jedes Kind", "Individualität: Talente fördern" oder "Erlebnis: Schule als lebendige Organisation". Der Weg zu diesen Zielen wird (noch) nicht beschrieben.

Die Seite setzt auf Bürgerbeteiligung: So will die IV die Lieblingslehrer von Schülern kennenlernen oder fragt ganz allgemein nach "tollen Ideen, wie wir Schule ändern können". Auf der Liste der Unterstützer finden sich die in der Bildungslandschaft bekannten Bernd Schilcher (ehemaliger steirischen Landesschulratspräsident) und Andreas Schnider (ehemaliger Landesgeschäftsführer der ÖVP-Steiermark).

"Was es in Österreich braucht, ist ein grundlegend neues Konzept des Bildungssystems. Reförmchen reichen nicht mehr, wir brauchen wirkliche Reformen. Dafür wollen wir die Menschen und natürlich auch die Politik gewinnen. Und dafür brauchen wir Unterstützung von allen Seiten: von Einzelpersonen, Unternehmen, Bildungsinitiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen", so der IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.

 

 

Die Presse – 23. Oktober 2014

 

 

Schule: Im Kampf gegen den Ruf des „Poly“

Gemeinhin gelten die polytechnischen Schulen als Problemfall. Umso überraschender, dass ausgerechnet eine solche heuer den Schulpreis bekommt. Ein Lokalaugenschein in Telfs.

Telfs. Auf den ersten Blick glaubt man kaum, dass man auf der Suche nach der besten Schule richtig ist. Nicht nur, weil sie sich ein bisschen versteckt, im hinteren Teil eines teils leer stehenden Geschäfts- und Wohngebäudes. Sondern auch, weil es sich um einen Schultyp handelt, der für gewöhnlich eher nicht unter den besten auftaucht: Es ist die polytechnische Schule Telfs unweit von Innsbruck, die vom Bildungsministerium mit dem diesjährigen Schulpreis ausgezeichnet wurde.

Die polytechnische Schule Telfs ist eine sehr kleine Schule: rund 70 Schüler, neun Lehrer. Die Schülerpopulation ist durchmischt: Manche haben Migrationshintergrund, andere kommen aus dem ländlichen Bereich. An der Wand hängen Fotos der Schüler, mit Eigenschaften und Visionen. „Eine gute Arbeit“, steht da bei den Wünschen. „Nach Amerika reisen“, bei den Zielen. „Fußball spielen“ oder „Italienisch“ bei den Fähigkeiten. In Telfs stehe jeder einzelne Schüler im Zentrum, heißt es in der Begründung für den Preis. Ihre Interessen und Begabungen seien die Basis für die Schulentwicklung. Der Schule gelinge es, in nur einem Jahr Fundament und Sprungbrett für das weitere Leben zu bieten.

Gemeinhin gelten die polytechnischen Schulen – im Volksmund abfällig „Poly“ genannt – eher als Lückenfüller zwischen der Hauptschule und dem Ende der Schulpflicht. Anders als andere Schulen müssen sie jeden Schüler aufnehmen – auch, wenn das Zeugnis negativ ist. Sie werden vielfach als Auffangbecken gesehen, dem man, wenn irgend möglich, zu entkommen versucht. Das spiegelt sich in den Zahlen: Besuchten 1980 österreichweit mehr als 33.000 Schüler eine polytechnische Schule, waren es 2012 nicht einmal mehr 17.000.

Schulversuch für Attraktivität

Der Schulpreis ist insofern wohl auch ein bisschen Schulpolitik: Immerhin ist man im Bildungsministerium seit einiger Zeit dabei, die polytechnischen Schulen zu attraktivieren. Zu diesem Zweck hat man einen Schulversuch entwickelt, der seit diesem Jahr auch in Telfs umgesetzt wird: PTS 2020 beinhaltet beispielsweise eine stärkere Individualisierung und Modularisierung.

So beginnt das Jahr mit einer sechswöchigen Orientierungsphase, während der herausgefunden werden soll, was das Richtige für jeden sein könnte. Es folgt die Entscheidung für einen Bereich – Metall etwa oder Dienstleistung. In der Pause geben ein paar Schüler ihre Ziele preis: IT-Techniker, KfZ-Mechaniker, Elektriker, Optiker. Eine Schülerin will Verkäuferin werden, eine andere ein Jahr nach Amerika, ein Bursche will die Lehre mit Matura probieren.

„Wichtig ist zu sehen: Die polytechnische Schule ist nicht unbedingt eine Sackgasse“, sagt Direktorin Annemarie Reich. Derzeit würden sich 15 der 70 Schülerinnen und Schüler auf den Maturacheck vorbereiten, mit dem man herausfindet, ob man für Lehre mit Matura geeignet ist. Neun von zehn Schülern hätten nach dem Jahr eine fixe Stelle oder einen Platz in einer weiterführenden Schule. Etwa jeder zehnte entscheidet sich für Letzteres. „Die erkennen: Das will ich doch. Und fühlen sich gefestigt.“

Festigen, stärken: Das ist etwas, was man in Telfs oft hört. Da geht es längst nicht nur um Kompetenzen wie Rechnen, sich ausdrücken. Das Jahr, das die Schüler an der Schule verbringen, nutze man auch, um sie persönlich zu stärken. „Teils kommen Schüler, die sagen: Ich kann eh nur ins Poly gehen“, sagt Deutschlehrerin Manuela Stigger. „Wir können sie ein Jahr begleiten, mit ihnen Ziele entwickeln, aufzeigen, dass sie etwas können, auf das sie stolz sein können.“ Dass das mit Dienst nach Vorschrift nicht gelingt, ist klar.

Und so verbringen Lehrer etwa Nachmittage an der Schule, um mit den Schülern Gesellschaftsspiele zu lernen („Wir sind draufgekommen, dass das keiner kann“). Selbst Ex-Schüler sind willkommen. Die Lehrer helfen ihnen weiter, wenn sie in der Berufsschule am Stoff verzweifeln. Manche brauchten ein zweites Jahr, sagt Direktorin Reich. Wenn sie positiv abschließen, ist das derzeit aber nicht möglich. „Wir hatten Eltern, die uns darum gebeten haben, ihrem Kind einen Fünfer zu geben, damit es noch ein Jahr machen kann.“ Sie halte eine Verlängerung des Schultyps auf (optionale) zwei Jahre jedenfalls für sehr sinnvoll. Das ist auch eine Überlegung im Rahmen von PTS 2020.

Kampf gegen Windmühlen

„Natürlich kämpfen wir auch gegen den Ruf des Poly“, sagt Mathelehrer Stefan Wirtenberger. „Manchmal ist das ein Kampf gegen Windmühlen. Es wird immer nur gesehen: Die höheren Schulen können diese Schüler nicht brauchen. Was man nicht sieht: den Jugendlichen, der sagt: Ich brauche keine höhere Schule. Das liegt mir nicht, ich will einen Beruf lernen.“ Nicht zuletzt liege das an der (fehlenden) Wertschätzung für Lehrberufe.

In Telfs spürt man das heuer besonders: Dass man etwa 20 Schüler weniger hat als im Vorjahr, liegt auch daran, dass der erste Jahrgang der Neuen Mittelschule abgeschlossen hat – und mehr Schüler zum Wechsel in eine höhere Schule berechtigt waren. Um Weihnachten herum werde klar sein, ob von ihnen doch noch welche in die polytechnische Schule wechseln.

Auf einen Blick

Die PTS Telfs wurde vom Bildungsministerium mit dem Schulpreis ausgezeichnet. Die Schule stelle jeden einzelnen Schüler ins Zentrum, und es gelinge, den Schülern Fundament und Sprungbrett für ihr weiteres Leben zu bieten. 79 Schulen haben sich für den Preis beworben.

Insgesamt gibt es in Österreich 250 polytechnische Schulen. Die Zahl der Schüler ist zwischen 1980 und 1990 drastisch gesunken – von 33.300 auf 19.500. 2012 besuchten 16.900 Schüler diesen Schultyp. Das sind 18 Prozent aller Schüler in der neunten Schulstufe.

Mit einem Schulversuch will das Bildungsministerium den Schultyp aufwerten. An 13 Standorten werden unter dem Titel „PTS 2020“ die polytechnischen Schulen weiterentwickelt. Schwerpunkte: Individualisierung, Modularisierung. Auch eine (optionale) Ausweitung auf zwei Jahre ist ein Ziel.

 

 

Die Presse – 23. Oktober 2014

 

 

In der Schule wie auf dem Eis: Es muss auch eine Kür geben

Schulen sind zu ermutigen, parallel zu den Pflichtübungen für standardisierte Tests junge Menschen Sternstunden des Unterrichts erleben zu lassen.

Rudolf Taschner  (Die Presse)

Wer Literatur liebt, kann Einheitstexte für alle nur ablehnen. Sie sind eine geistige Verarmung, der man den Kampf ansagen muss.“ Das letzte Wort im diese Woche erschienenen „Quergeschrieben“ von Kurt Scholz klingt martialisch und es soll nicht unkommentiert bleiben.

Dass Lernen einzig und allein für die Zentralmatura eine geistige Verarmung bedeutet, wird, so nehme ich an, sogar von den glühendsten Befürwortern dieser neuen und erst in diesem Schuljahr ins Regelsystem eingeführten Abschlussprüfung zugestanden werden. Auch der Autor dieser Zeilen erblickt in einem von einer zentralen Stelle ausgegebenen und – im leider nicht verwirklichten Idealfall – auch von dieser Stelle korrigierten und bewerteten Test einen Fortschritt für das Schulwesen. Dieser könnte dazu beitragen, die Eingangsprüfungen für bestimmte Studien wieder überflüssig zu machen. Schule jedoch auf eine Institution zu reduzieren, die bloß dem Training für ein erfolgreiches Bestehen dieses Tests dient, wäre absurd. Niemand kann dies ernsthaft wollen.

Es ist im Übrigen gar nicht so einfach, selbst in einem formalen Fach wie der Mathematik sinnvolle zentrale Testfragen zu entwerfen. Bei dem Test, der die im weitesten Sinn des Wortes verstandene Sprachbeherrschung in möglichst vielen Facetten widerspiegeln soll, dürfte die Herausforderung für die Erfinder der Fragen noch um einiges schwieriger sein. Mit welchen Texten sollen sich die Probanden auseinandersetzen? Selbst wenn man eine kümmerliche Kurzgeschichte eines drittrangigen Schriftstellers wählt und verabsäumt, dazu die richtigen und angemessenen Fragen zu stellen – so geschehen in einem der Probeläufe für die Zentralmatura in Deutsch –, begeht man einen schlimmen Lapsus.

Der den Kandidatinnen und Kandidaten vorgelegte Einheitstext braucht in der Tat nicht unbedingt hohen literarischen Ansprüchen zu genügen. Aber auf die Qualität der Fragen, die damit verwoben sind, kommt es an. Diese richtig zu stellen und die Antworten sachgemäß und korrekt zu beurteilen, ist schwierig genug.

Und mit der Liebe zur Literatur hat das alles nichts zu tun. (Ebenso wenig wie die zentral gestellten Mathematikfragen das herauszuschälen vermögen, was als Kern der Mathematik zu betrachten ist.)

Umso mehr sind die Schulen und die in ihnen unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer zu ermutigen, möglichst viel Platz abseits von den standardisierten Tests für die von Kurt Scholz mit vollem Recht eingeforderte Beschäftigung mit der sowohl den Intellekt als auch das Gemüt der jungen Menschen ansprechenden Literatur zu schaffen.

Auch wenn es bei den zentralen Prüfungen nicht mehr vorkommen wird, sollte immer noch hinreichend Zeit und Engagement der Lehrerinnen und Lehrer dafür vorhanden sein, einen Aufsatz über den im Unterricht gelesenen „Brief des Lord Chandos“ schreiben oder eine Interpretation eines in der Stunde vorgetragenen Gedichts von Paul Celan verfassen zu lassen. Wenn man die Begegnung mit Texten wie diesen als Sternstunden des Unterrichts erlebt, empfindet man die zentralen Tests als haargenau das, was sie wirklich sind: notwendige, aber kaum inspirierende Pflichtübungen.


Es ist wie beim Eiskunstlauf: Wenn es neben der Pflicht im Unterrichten der jungen Menschen keine Kür mehr gibt, hat die Schule – egal, ob von einer allgemeinbildenden, einer berufsbildenden oder irgendeiner anderen Schulform die Rede ist – ihr eigentliches Ziel auf haarsträubende Weise verfehlt. So gesehen ist es gar nicht gut, auf die zentralen Test zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange. So zentral, wie sie dem Namen gemäß auch verstanden werden könnten, sind sie nicht. Es gilt, deren Monopolstellung zu brechen und deren Gewichtung auf ein vernünftiges Mindestmaß zu reduzieren. Dann bleibt Platz für ein über formale Normen hinausgehendes Unterrichten.

 

 

Der Standard – 23. Oktober 2014

 

 

Industriellenvereinigung gründet Initiative "Neustart Schule"

Auf einer neuen Plattform sollen Ideen für Bildungsreformen gesammelt werden

Wien - Die Industriellenvereinigung (IV) hat am Mittwoch mit "Neustart Schule" eine neue Initiative für Bildungsreformen gestartet. Man wolle dem Bildungs-Stillstand ein Ende setzen. Die Initiative will die Zukunft von Bildung thematisieren und soll eine Breitenwirkung erreichen, die auch die Politik nicht mehr ignorieren kann.

"Reförmchen reichen nicht mehr, wir brauchen wirkliche Reformen. Dafür wollen wir die Menschen und natürlich auch die Politik gewinnen", fordert "Neustart Schule" ein Ende von "Stillstand und Grabenkämpfen". In einer ersten Phase soll auf der Online-Plattform die Meinung der Bevölkerung zur Lage des Bildungssystems sondiert werden: "Wir möchten allen die Möglichkeit geben, eine sachliche Diskussion, frei von Ideologien, zu führen", so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer in einer Aussendung. In den kommenden Jahren soll auch durch weitere Aktivitäten Druck für Bildungsreformen gemacht werden.

Androsch unterstützt Initiative

Partner der Initiative sind unter anderem Weggefährten aus der Zeit des Bildungsvolksbegehrens für die Anliegen der Initiative: So outen sich unter anderem der damalige Initiator und Ex-SP-Vizekanzler Hannes Androsch, der frühere VP-Landesschulratspräsident Bernd Schilcher und Ex-AHS-Direktorin Heidi Schrodt als Unterstützer der Initiative. "Neustart Bildung" wird außerdem von der Bildungs-NGO "Jedes Kind" und dem Verein "Wirtschaft für Integration" mitgetragen. Auch Ex-VP-Bundesrat Andreas Schnider, Wirtschaftskammer-Bildungsexperte Michael Landertshammer, Fachhochschulkonferenz-Generalsekretär Kurt Koleznik, der frühere Leiter der Lehrerausbildungs-Reformkommission Peter Härtel, Kindergarten-Lobbyistin Raphaela Keller und Martin Schenk von der Armutskonferenz zählen zu den Unterstützern.

 

 

Heute – 23. Oktober 2014

 

 

Bildung: "Neustart Schule" statt Reförmchen!

Weil "Reförmchen nicht mehr reichen", startet die Industriellenvereinigung (IV) die Online-Plattform "Neustart Schule".

Die "web-basierte Kampagne" will zunächst in die Bevölkerung reinhören, dann Lösungen entwickeln und 2015 so groß sein, dass die Politik nicht mehr weghören kann, so Koordinator Christian Friesl zu "Heute". Als prominente Unterstützer finden sich unter anderem Hannes Androsch, Raiffeisen-Manager Georg Kraft-Kinz oder Ex-ÖFB-Präsident Beppo Mauhart auf neustart-schule.at.

"Jeder kann sich melden, Lehrer, Schüler, Eltern, Experten und Politiker", so IV-General Christoph Neumayer. Mit einer "Diskussion frei von Ideologien" soll der "Stillstand beim Thema" beendet werden. Mittelfristig wolle man die Politik für eine "Neukonzeption des Bildungssystems gewinnen". Bildungsvolksbegehren, die NGO "Jedes Kind", "Wirtschaft für Integration" sind an Bord.

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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