Montag, 27. Oktober 2014

2014.10.27.: Newsletter Bildung

Der Standard – 27. Oktober 2014

 

Deutschkurspflicht für Deutschlehrerin

 

   Das Staatsbürgerschaftgesetz bietet Beamten gegenüber Einbürgerungswilligen absurde Möglichkeiten. Sie können verpflichtende Deutschkurse verlangen – selbst wenn die Betroffenen Germanistik studiert haben – und Deutschprüfungen abnehmen.

 

   Wien – Hervorragende Deutschkenntnisse sind für Diana Jukic (Name geändert) Grundlage der beruflichen Existenz. Die in Bosnien geborene, in Wien lebende 33-Jährige unterrichtet seit acht Jahren bei verschiedenen Kursanbietern und in einer Wiener Volksschule Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache. Beim Österreichischen Sprachdiplom Deutsch (ÖSD) nimmt sie Deutschprüfungen ab. Dazu hat sie eine eigene Berechtigung.

 

   Um sich als Kursleiterin zu qualifizieren, hat sie davor an der Uni Wien das Zertifikat für Deutsch-als-Fremdsprache-Lehrende erworben. Dieser Abschluss machte ihr keinerlei Schwierigkeiten – studierte sie doch gleichzeitig an derselben Uni Germanistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte; das Studium hat sie inzwischen erfolgreich absolviert.

 

   Umso fassungsloser – schildert Jukic – sei sie gewesen, als sie 2013 vor dem Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft nach sechs Jahren Aufenthalt stand: „Die Wiener MA 35 verlangte eine Bestätigung, dass ich Deutsch auf Maturaniveau B2 beherrsche. Ich erwiderte mit dem Hinweis auf mein Germanistikstudium und meine Arbeit als Deutschkurs-Prüferin – beides setze verbriefte B2-Deutschkenntnisse voraus. Das reiche laut Gesetz nicht aus, lautete die Antwort. Ich müsse beim ÖSD eine weitere B2-Deutschprüfung machen.“

 

   Nur nach langem Hin und Her wurde sie von dieser Erfordernis befreit; immerhin wäre Jukic befugt gewesen, sich Deutsch auf B2 sozusagen selbst zu bescheinigen. Die österreichische Staatsbürgerschaft bekam sie in der Folge ohne Vorlage weiterer Sprachzeugnisse zuerkannt – vor einem Monat.

 

   Die von ihr geschilderte absolute Deutsch-Strenge ist jedoch keine Ausnahme. Seit mehreren Monaten weist das ÖSD auf etliche ähnlich gelagerte Fälle hin.

 

   Schwammige Paragrafen

 

   Die Behörden würden sich dabei auf das 2013 novellierte Staatsbürgerschaftsgesetz berufen. Tatsächlich sind die Paragrafen 10 und 11a so formuliert, dass Behördenvertreter auf einen zusätzlichen Deutschkurs pochen können – egal, welche Vorkenntnisse ein Einbürgerungswilliger hat.

 

   Das komme in diesen Fällen einer Schikane gleich, kritisierte dies Ende Juli Grünen-Integrationssprecherin Alev Korun in einem Presse-Bericht. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) reagierte rasch. Schon tags darauf kündigte sie für „demnächst“ ein klarstellendes Rundschreiben an sämtliche zuständigen Behörden an: Bereits erworbene Deutschkenntnisse müssten für den Staatsbürgerschaftserwerb reichen.

 

   „Das war vor zwei Monaten. Rundschreiben wurde bisher keines verschickt – und beim ÖSD haben sich inzwischen weitere Betroffene gemeldet“, zieht Korun nunmehr Bilanz. Um die Gründe für die Verzögerung zu erfragen, stellte sie Mitte Oktober eine parlamentarische Anfrage an Mikl-Leitner, für deren Beantwortung diese sechs Wochen Zeit hat.

 

   Im Grunde sei ein Rundschreiben, „wenn es denn noch kommt“, aber gar nicht ausreichend, um Einbürgerungswilligen mit guten Deutschkenntnissen Rechtssicherheit zu verschaffen, ergänzt Korun im Standard-Gespräch: „Das Staatsbürgerschaftsgesetz müsste novelliert werden.“ Daran werde im Innenministerium gearbeitet, sagte dort am Freitag ein Sprecher.

 

   Bis zum Verschicken des Rundschreibens wiederum werde es noch dauern: „Das müssen wir erst mit dem Bildungsministerium akkordieren“, heißt es im Ministerium.

 

 

 

 

Der Standard – 27. Oktober 2014

 

Absurder Gesetzesspielraum

 

   Die Situation, dass eine Germanistin mit der Berechtigung, Deutschprüfungen abzunehmen, für ihre Einbürgerung einen Deutschkurs absolvieren muss, als absurd zu bezeichnen ist ein Euphemismus. Aber Realität – und kein Einzelfall. Ermöglicht wird das durch dehnbar auslegbare Paragrafen im Staatsbürgerschaftsgesetz, die Beamten einen großen Spielraum lassen.

 

   Man kann durchaus argumentieren, dass ausreichende Deutschkenntnisse verlangt werden, bevor man Bürger oder Bürgerin dieses Landes wird. Nicht aus nationalistischen Gründen, sondern im Interesse der Neubürger. Die haben ohnehin mit genügend Vorurteilen der „autochthonen“ Bevölkerung zu kämpfen, die Beherrschung einer der Amtssprachen Österreichs ermöglicht zumindest bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und im Alltag.

 

   Selbst die schwammige Formulierung von Gesetzen könnte man vielleicht noch als Ausdruck österreichischer Realität sehen. Beamten haben so auch die Möglichkeit, auf Einzelfälle einzugehen. Ist auch bei der Polizei so: Wer unter dem Auge des Gesetzeshüters als Fußgänger bei Rot über die Kreuzung huscht, muss nicht automatisch die Geldbörse zücken, sondern kann auch mit einer Abmahnung davonkommen.

 

   Im Falle von Migration drängt sich aber der Verdacht auf, dass das Gesetz sicherheitshalber zu Ungunsten der Betroffenen ausgelegt wird. Euphemistisch ausgedrückt.

 

 

 

 

Kurier vom 27. Oktober 2014

 

Die Lehre - Stiefkind der Bildungspolitik

 

   Bildungspolitische Diskussionen, die die Lehre nicht entsprechend berücksichtigen, sind in geradezu fahrlässiger Weise unvollständig. Menschen mit einem Lehrabschluss werden von unseren Betrieben schließlich am häufigsten gesucht. Und unsere Unternehmen zählen über die Lehre zu den größten Bildungseinrichtungen im Land.

 

   Tatsächlich drehen sich bildungspolitische Debatten in Österreich aber regelmäßig um die gleichen Themen wie Fragen der Schulstruktur, von Studiengebühren oder dem Lehrer-Dienstrecht. Und ebenso regelmäßig ist in diesen Debatten von der Lehre mit ihrer Wissensvermittlung in Betrieben und Berufsschulen wenig bis nichts zu hören - mit entsprechenden Wirkungen bei den Eltern, die die Lehre viel zu oft dann auch nur als "Notlösung", wenn es mit der Schule nicht klappt, sehen. Ein Irrtum, der am Bedarf der Unternehmen vorbeigeht und zugleich unserer Jugend interessante Zukunftschancen nimmt!

 

   Kontrapunkt. Die stv. KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon hat da mit ihrem jüngst erschienen Kommentar "Elitenförderung heißt auch, das Handwerk zu fördern" einen wichtigen Kontrapunkt gesetzt. Schließlich ist es kein Zufall, dass unser duales System als "das" Erfolgsmodell gegen Jugendarbeitslosigkeit regelmäßig von internationalen Delegationen studiert wird und dass unsere Fachkräfte wie zuletzt mit dem neuerlichen Europameister-Titel bei Wettbewerben regelmäßig international für Furore sorgen. Mit Verlaub: Bei anderen bildungspolitischen Einrichtungen des Landes stellt sich solches Aufsehen um Erfolge eher selten ein.

 

   Bildungskanon. Es geht um einen grundsätzlich neuen Ansatz im Bildungskanon, in dem sich die hoch qualifizierte Lehre, Matura und Universität auf Augenhöhe begegnen.

 

   Dazu gehören Impulse wie das von der Wirtschaftskammer Niederösterreich (WKNÖ) in St. Pölten errichtete neue Zentrum für Technologie und Design, in dem WIFI-Werkstätten ebenso ihre Heimstätte finden wie die "New Design University" (NDU). Und dazu gehören völlig neue Bildungsangebote, die klassisches Handwerk und Universitätsstudium wie etwa im NDU-Lehrgang "Manual Material Culture" in moderner Weise verknüpfen. Das Motto "Meister meets Master" führt hier schnurgerade zum richtigen Mix von "Meister und Master", den wir in unserer Wirtschaft brauchen.

 

   Die Basis dafür setzt freilich schon viel früher an: In einer verstärkten Orientierung an den individuellen Stärken unserer Jugend. Als Beispiel kann hier der von der WKNÖ entwickelte und in Kooperation mit dem Land umgesetzte NÖ Begabungskompass dienen. Die Schülerinnen und Schüler der 7. Schulstufe an allen Schulen des Landes bekommen damit kostenlos und vor allem praxisorientiert analysiert, in welchen Bereichen ihre besonderen Potenziale liegen und welche Berufs- und Ausbildungsschienen daher optimal zu ihnen passen. Denn wo Talente und Berufswahl zusammenpassen, profitieren beide Seiten: Jugendliche und die Wirtschaft!

 

 

 

 

Kurier vom 27. Oktober 2014

 

"Lehrer hat sich fette Zulage erschlichen"

 

Vorwurf. Laut Grünem Harald Walser soll Wolfgang Derler Dienstpläne manipuliert haben

 

   Es sind sehr präzise Hinweise, die der Grüne Bildungssprecher Harald Walser erhalten hat: Wolfgang Derler, Kremser Vizebürgermeister und provisorischer Direktor der HLW Tulln, soll Dienstpläne manipuliert und so zu Unrecht Zigtausende Euro kassiert haben.

 

   Ins Rollen gebracht hat die Affäre die derzeitige Direktorin der HLF Krems, Martine Hrubesch. Dort war Derler, der für die ÖVP im Kremser Rathaus sitzt, bis 2013 Lehrer und Erziehungsleiter des angeschlossenen Internats. Hrubesch waren "Ungereimtheiten" bei der Abrechnung aufgefallen, die sie dann sofort an den nö. Landesschulrat weiterleitete. Dessen Präsident Hermann Helm bestätigt zwar, "dass es derzeit eine Untersuchung gibt. Da es ein laufendes Verfahren ist, kann ich aber nicht mehr dazu sagen." Auch Wolfgang Derler selbst hält sich mit Aussagen zurück: "Die Sache liegt bei meinem Anwalt", meint er gegenüber dem KURIER knapp.

 

   Der Grüne Bildungssprecher Harald Walser glaubt hingegen einen anderen Grund für das Schweigen der Verantwortlichen zu kennen: "Sie wollen nicht, dass diese Geschichte an die Öffentlichkeit kommt." Er will hingegen Genaueres wissen, weshalb er heute, Montag, eine Anfrage im Nationalrat stellen wird.

 

   Verschwunden

 

Walsers Vermutung: "Die Hinweise deuten darauf hin, dass Derler sich eine fette Zulage erschlichen hat, indem er die Dienstpläne so gestaltet hat, dass er gleichzeitig Unterricht in der Schule und Aufsicht im Internat hatte und sich zudem eine Erzieherzulage zu Unrecht verrechnete. Ich fordere Aufklärung von der Ministerin." Wissen will Walser auch, wo Dienstbücher geblieben sind, in denen Derlers Arbeitszeiten dokumentiert sind. Diese seien nämlich verschwunden, sobald die Causa ans Tageslicht kam. Für Walser ist die Geschichte "ein handfester Skandal. Auch wenn - wie kolportiert - Derler das zu Unrecht kassierte Gehalt schon wieder zurückbezahlt hat, muss er sich juristisch und politisch verantworten." Nicht nur er: "Auch Landesschulratspräsident Helm. Schließlich hat er Derler zum interimistischen Direktor in Tulln gemacht." Ute Brühl

 

 

 

 

 

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