Sonntag, 30. November 2014

2014.12.01: Newsletter Bildung

"Profil" Nr. 49/2014 vom 01.12.2014                          Seite 14

Ressort: Österreich

 

Peter Hajek

 

 

Bildung als Abwehrkampf

 

Die Debatte über die Gesamtschule erinnert an den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Der Protagonist des Films sitzt in einer Zeitschleife fest, genauso wie die österreichische Bildungspolitik. Die Politiker verweisen dabei gerne auf die Bevölkerung. Und diese ist nach wie vor gespalten: Aktuell votieren 48 Prozent für, 41 Prozent gegen eine gemeinsame Schule der zehn- bis 14-Jährigen. Während sich Akademiker und Maturanten nur zu 39 Prozent für die Gesamtschule aussprechen, können sich 50 Prozent der Menschen ohne Matura dafür erwärmen. Daraus spricht die Sorge der einen, dass die Gesamtschule den Standard nivellieren würde, und jene der anderen, dass man bildungstechnisch zurückgelassen wird.

 

 

"Profil" Nr. 49/2014 vom 01.12.2014                       Seite 25,26

Ressort: Österreich

 

Von Gernot Bauer

 

 

Der Kapsch in der Revolte

 

Rot-Grün bejubelt das Gesamtschulkonzept der Industrie: Politischer One-Night-Stand oder Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

 

Schön, wenn der Klassenfeind eine positive Überraschung liefert; noch schöner, wenn diese in einem waschechten Umsturz besteht: "Wir brauchen keine Bildungsreformen mehr, sondern eine Bildungsrevolution." Wie er sich seine "Revolution" vorstellt, legte der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Georg Kapsch, 55, vorvergangene Woche offen: Gesamtschule, Ganztagsbetreuung, zwei kostenlose Kindergartenjahre. Jubel von ungewohnter Seite war ihm sicher: Die IV übernehme "zentrale Forderungen der SPÖ", frohlockte die sozialdemokratische Bildungssprecherin Elisabeth Grossmann. Auch die Grünen lobten die "mutigen Vorschläge" des IV-Präsidenten.

 

Applaus von links? An sich stehen Initiativen der IV bei Rot und Grün unter Profitmaximierungsverdacht. Im Bildungsstreit bildete sich dagegen eine bemerkenswerte Allianz - mit der ÖVP auf Distanz. Ein politischer One-Night-Stand? Oder der Beginn einer wunderbaren Freundschaft bei gleichzeitiger Entfremdung der ÖVP vom mächtigsten Verein des Landes?

 

Ganz unvorbereitet traf der IV-Vorstoß die Schwarzen wohl nicht. Man kann davon ausgehen, dass Reinhold Mitterlehner von Kapsch und seinem Generalsekretär Christoph Neumayer vorab informiert wurde. Ein Überraschungsangriff ohne Vorwarnung wäre eine Brüskierung des ÖVP-Chefs gewesen - derartige taktische Fehler passieren im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz eher selten.

 

Im Gegenteil: Stille Diplomatie zählt zu den Kernkompetenzen der 1862 gegründeten Organisation mit 4200 Mitglieder-Unternehmen, darunter nicht nur Leitbetriebe wie Voestalpine, Siemens und OMV oder klassische mittelständische Industrieunternehmen. Auch sämtliche Großbanken, Logistik-Konzerne wie Gebrüder Weiss und die ÖBB, Red Bull und die Telekom-Anbieter zahlen freiwillig ihre Beiträge ein. Insgesamt beschäftigen die IV-Mitglieder 650.000 Arbeitnehmer, die gesamte Industrie inklusive Dienstleister 2,4 Millionen - das allein garantiert, beim Kanzler auch kurzfristig einen Termin zu erhalten, egal welcher Couleur. Als Bruno Kreisky 1970 Regierungschef wurde, schickte er seinen Handelsminister Josef Staribacher noch am Tag der Angelobung als Emissär zum Schwarzenbergplatz, um den Industriellen allfällige Urängste vor einem Sozi am Ballhausplatz zu nehmen.

 

Interessensvertretung heißt, Benachteiligungen im Ansatz zu unterbinden und Bevorzugungen nicht unterbinden zu lassen. Bedroht ein Gesetzesvorhaben ihre Interessen, schlägt das Frühwarnsystems der IV Alarm. Das Industrie-Netzwerk stützt sich auf Ex-Trainees, die nach ihrem Studium ein Post-Graduate am Schwarzenbergplatz durchlaufen und danach im Idealfall in Politik, Verwaltung und Wirtschaft Karriere machen. Zu den prominentesten Ex-Trainees zählen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Ex-Staatssekretär Jochen Danninger. Überdies überlässt die IV den Ministerbüros und Parlamentsklubs gern qualifiziertes Jungakademiker-Personal per Leihvertrag.

 

So sehr die IV nach außen auf Äquidistanz zu allen Parteien bedacht ist, so natürlich ist die Nähe zur schwarzen Biosphäre. In Wolfgang Schüssels Kanzlerschaft flossen IV-Ideen wie die Gruppenbesteuerung ungefiltert ins Regierungsprogramm. Kein Wunder: Unter Präsident Peter Mitterbauer galt die Industrie als Treiber der schwarz-blauen Wende. Auch Mitterbauers Nachfolger Veit Sorger glaubte fest an deren Nutzen, wiewohl er sich später als Fan der SPÖ-Ministerin und heutigen Nationalratspräsidentin Doris Bures deklarierte. Das BMVIT (Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie) zählt neben Wirtschafts- und Finanzministerium zu den Ziel-1-Gebieten der IV-Lobbyingaktivitäten.

 

Seit der sozialliberale Georg Kapsch - ein Veteran des Liberalen Forums - zum Präsidenten gewählt wurde, kümmert sich die IV auch intensiver um weiche Ressorts wie Unterricht und Wissenschaft. Dazu leistet sie sich schon seit Jahren eine eigene Abteilung für Gesellschaftspolitik. Generalsekretär Neumayer beansprucht für seine Organisation gesellschaftliche Ganzheitlichkeit: "Natürlich sind wir eine Interessensvertretung für unsere Mitglieder und den Wirtschaftsstandort Österreich. Wir verstehen uns aber auch als gesellschaftspolitischer Think Tank. Wirtschaft findet ja nicht im luftleeren Raum statt."

 

Mit den Gesamtschulideen des IV-Präsidenten dürften nicht alle ehrenamtlich agierenden Funktionäre in den Gremien der IV ihre helle Freude haben. Für die ÖVP rückte Neo-Staatssekretär Harald Mahrer zur Kommentierung aus: "Wir werden die Vorschläge weltoffen und ideologiefrei diskutieren." ÖVP-intern ist von Offenheit und Ideologie-Ferne weniger zu spüren. Ein Vorstandsmitglied: "Hinter dem Konzept der Industrie steht reine Profitorientierung. Sie will funktionierende Lehrlinge statt Gymnasiasten und Eltern, die bis zum Abend in den Betrieben sind. Unsere Kernschichten lehnen das ab."

 

Während der Obmannschaft von Michael Spindelegger galt das Verhältnis zwischen IV und ÖVP als durchaus angespannt. Auch Reinhold Mitterlehner stieß am Schwarzenbergplatz wegen seines Verständnisses für die Gewerkschaften jahrelang auf Skepsis. Dass er sich als neuer Parteichef bereits mehrfach mit seinem roten Spezi, Sozialminister Rudolf Hundstorfer, anlegte, registriert so mancher Industrie-Vertreter mit Wohlwollen. Abseits der Bildungsthematik bleiben Industrie und Volkspartei also Freunde mit ähnlichen Vorlieben (Vermögen) und Abneigungen (Vermögensteuern). Entsetzen löste am Schwarzenbergplatz dagegen Bundeskanzler Werner Faymann aus, als er das Steuerreform-Papier von ÖGB und Arbeiterkammer direkt übernahm. Das schulische Techtelmechtel dürfte eher nicht zu einer tiefen Beziehung führen. Es wird - wie seit jeher - beim korrekten Verhältnis zwischen Industrie und SPÖ bleiben.

 

Die Amour fou mit den Grünen währte ohnehin nur kurz. Einen Tag nach dem Lob für die Bildungsreform warf Grünen-Chefin Eva Glawischnig der Industrie im Parlament vor, ihr sei "die Zukunft egal", weil sie auf "billige und dreckige Energie" setze. IV-General Neumayers Riposte: Die Grünen litten an einer "Retro-Sicht" der Industrie.

 

Keine Revolution verläuft friedlich.

 

 

Der Standard – 1. Dezember 2014

 

 

Bildungsdebatte: Und sie bewegt sich doch

Kommentar der anderen | Christian Friesl

Das Bildungskonzept der Industriellenvereinigung hat eine Vielzahl an Reaktionen ausgelöst. Viele davon waren unsachlich bis abwegig. Worüber wir diskutieren wollen. Eine Klarstellung

Die zahlreichen Reaktionen auf das Konzept der Industriellenvereinigung für eine "Bildungsrevolution" zeigen: Österreich bewegt sich in Richtung einer substanziellen Bildungsdiskussion. Genau das war und ist Anliegen des IV-Konzepts "Beste Bildung", das auch eine neue Benchmark für Reformvorschläge setzen wollte. Statt der üblichen Schlagwörter oder punktuellen Forderungen handelt es sich bei "Beste Bildung" um ein integriertes Konzept, das auf klaren, transparenten Zielen basiert. Bildung wird dabei in ihren vielfältigen Dimensionen verstanden: als Beitrag zur Persönlichkeitsbildung, aber auch als beruflicher Erfolgsfak- tor in einer wissensgetriebenen Wirtschaft. Der Überblick über die wichtigsten Diskussionspunkte macht die Anliegen hinter dem IV-Konzept deutlich.

Reife gefragt

·         Bester Start: Die Schule soll weiterhin mit sechs Jahren beginnen, denn für schulisches Lernen brauchen Kinder eine gewisse Reife. Entscheidend ist aber ein möglichst guter, fließender Übergang in die erste Schulphase. Dies soll - in Kooperation zwischen den Schulen und dem Kindergarten - das sogenannte "Startschuljahr" ab fünf Jahren unterstützen. Je problemloser der Start in der Schule glückt, desto besser ist die Basis für den künftigen Schulerfolg.

·         Bildungspflicht: Der Begriff der Schul- bzw. Unterrichtspflicht steht für ein überholtes Verständnis von Bildungszeit. Er fokussiert auf das Absitzen von Zeit in der Schule - und nicht darauf, was Schule inhaltlich fördern und fordern soll. Das Konzept der Bildungspflicht hingegen soll Eltern, Schüler und Lehrer dazu motivieren, sich für eine gelingende Bildungslaufbahn der Kinder einzusetzen. Die Bildungspflicht beginnt mit dem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr und endet mit der mittleren Reifeprüfung, in der Regel wird das mit 14 sein. Die Bildungspflicht ist auch die beste Antwort darauf, dass derzeit tausende Schülerinnen und Schüler pro Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen - und damit eine prekäre Zukunft vor sich haben.

Mehr fördern

·         Differenzierung: Im derzeitigen System werden Talente zu wenig gefördert. Gleichzeitig ist die soziale Selektion groß, weil Österreich - als eines von nur drei Ländern in Europa - früh und oft trennt. Um mehr Spitze und mehr Breite zu erreichen, ist innere Differenzierung der richtige Weg. Deshalb soll künftig ein individualisierter Unterricht, der Talente wie Förderbedarf erkennt, der Vielfalt der Schülerinnen und Schüler gerecht werden. Das IV-Konzept entspricht weder dem klassischen Verständnis noch einer ideologischen Ausrichtung einer Gesamtschule. Der Begriff findet sich im Konzept auch gar nicht. Ziel ist eine gemeinsame Schule von sechs Jahren bis zur mittleren Reife. Der Staat gibt dabei Bildungsziele vor und stellt Finanzen zur Verfügung. Die Schulen entscheiden autonom über pädagogisches Konzept, Personal und Mitteleinsatz, um die notwendige Differenzierung bestmöglich umzusetzen. Dies lässt viele unterschiedliche Schwerpunkte und Schulprofile zu, aber sicher keine "Eintopfschule".

·         Autonomie: Die Balance von staatlicher Verantwortung für Bildung und schulischer Autonomie ist ein wesentliches Kennzeichen des IV-Konzepts. Es wird im "Schulträgermodell" realisiert. Dieses Modell ermöglicht einerseits die finanzielle Gleichbehandlung aller Träger, andererseits sichert es die ordnungs- und bildungspolitisch notwendige Trennung zwischen dem Staat, der die Bildungsverantwortung trägt, und den autonomen Schulen, die für die Umsetzung verantwortlich sind. Das Schulträgermodell ist unverzichtbare Grundlage für schulische Autonomie. Mit einer Privatisierung des Schulwesens hat dieses Konzept freilich nichts zu tun: Der Großteil der Schulträger wird wie bisher aus dem öffentlichen Bereich kommen (Bund, Länder, Gemeinden), und es wird wie bisher private Träger geben. Zwischen ihnen soll in Zukunft aber Fairness in Finanzierungsfragen herrschen. Auch ein Verdrängungswettbewerb zwischen öffentlichen und Privatschulen ist nicht zu befürchten: Das Finanzierungsmodell sieht eine Pro-Kopf-Finanzierung sowie zusätzliches Geld für besondere Herausforderungen vor. Die Erfahrung aus den Niederlanden zeigt, dass die Schulen öffentlicher Träger damit attraktiver werden.

Gesamtpaket

·         System und Kultur: So wichtig ein grundlegendes neues System von Schule für Österreich ist, so klar ist auch, dass erfolgreiche Bildung mehr braucht. Erfolgreiche internationale Schulsysteme zeichnen sich durch ein gut abgestimmtes Gesamtpaket unterschiedlicher Erfolgselemente aus: Dazu zählen eine leistungsförderliche Verwaltungsstruktur, die systemübergreifende Grundphilosophie einer Potenzial- und Qualitätskultur anstelle einer Selektionsorientierung oder ein produktiver Umgang mit (Leistungs-)Heterogenität im Unterricht. Es liegt in der Verantwortung aller bildungspolitischen Stakeholder, diesen Kulturwandel mitzutragen. Das Konzept "Beste Bildung" der Industriellenvereinigung bietet dafür eine gute Basis.

Chance auf Neustart

Nach der ideologischen, ergebnislosen Debatte der vergangenen Jahrzehnte hat Österreich nun die Chance auf eine sach- und zukunftsgerechte Bildungsdebatte und einen bildungspolitischen Neustart. Wir sollten diese Chance nicht an unserem Land vorüberziehen lassen.

Christian Friesl (Jahrgang 1960) ist habilitierter Pastoraltheologe und Bereichsleiter "Bildung und Gesellschaft" in der Industriellenvereinigung. Daneben lehrt an der an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Donau-Universität Krems.

 

 

Der Standard – 1. Dezember 2014

 

 

Schulreform einmal anders

Kommentar der anderen | Karl Heinz Gruber

Die IV hat einen ernsthaften Beitrag zur Neustellung der bildungspolitischen Weichen geliefert

Der Spott und die Geringschätzung, mit denen Stefan Hopmann in einem Kommentar im Standard ("Bildung im Baukastensystem ändert nichts", 24. 11. 2014) das Schulreformkonzept der Industriellenvereinigung bedacht hat, sind weder fair noch gerechtfertigt. Zur "Vorverlegung der Einschulung" meint Hopmann, er kenne keine Forschung, dass dies "immer oder wenigstens meistens" vorteilhaft sei. Es hätte keiner besonderen Anstrengung bedurft, sich über den Stand der Forschung im Bereich der Schnittstelle von Vorschule und Grundschule (international mit "Early Childhood Education and Care" (ECEC) bezeichnet) kundig zu machen.

Die OECD-Projekte "Starting Strong II" (2006) und "Starting Strong III" (2013) bieten ebenso wie der Eurydice-Bericht "ECE in Europe: Tackling Social and Cultural Inequalities" (2009) hervorragende Einblicke in den Forschungsstand und Begründungen dafür, warum frühkindliche Bildung in so gut wie allen OECD-Ländern zu einer bildungspolitischen Priorität geworden ist. Zur Anregung der IV, durch ein "nulltes" Schuljahr (Startschuljahr) für Fünf- bis Sechsjährige die elementare Bildung aufzuwerten und mit der Grundschule zu verknüpfen, gibt es - mutatis mutandis - zahlreiche analoge Beispiele, etwa die "grande section" der französischen École maternelle, das englische "foundation year" oder die schwedischen "Förskoleklassen".

Bürgerliche Wertkultur

Wenn eine so sehr von der bürgerlichen Wertkultur geprägte Institution wie die Industriellenvereinigung für eine gemeinsame Schule bis zum Ende der Sekundarstufe I plädiert, dann sicher nicht aus Jux und Tollerei, sondern in Kenntnis der Mängel des früh auslesenden österreichischen Schulwesens, welche die Nationalen Bildungsberichte 2009 und 2012 drastisch aufzeigen. Die IV ist sich offensichtlich bewusst, dass die gegenwärtige Zweigliedrigkeit der Sekundarstufe I viele Unterschichtkinder daran hindert, ihr "Bürgerrechts auf Bildung" wahrzunehmen und ihr Begabungspotenzial voll zu realisieren; selbst wenn es der IV allein um die Mobilisierung der Begabungsreserven für den Wirtschaftsstandort Österreich ginge (was aus dem Konzept nicht herauszulesen ist), würden die von der frühen Selektion Benachteiligten davon profitieren.

Herr Hopmann scheint hingegen für den Fortbestand des schulorganisatorischen Status quo zu plädieren, was insofern erstaunlich ist, als er als Erziehungswissenschafter wissen dürfte, dass die Auslese mit neuneinhalb Jahren neurologisch zu früh und daher hochgradig unverlässlich ist, dass sie mit sozialer Segregation verbunden ist, dass sie Kinder aus bildungsfernen Familien benachteiligt und dass es keine bildungstheoretische Rechtfertigung für zwei Schultypen auf der Sekundarstufe I gibt. Selbstverständlich löst eine gemeinsame Sekundarstufe I nicht alle pädagogischen Probleme. Der herkunftsbedingte Sozialisationsmalus, den manche Kinder haben, bleibt auch in Gesamtschulsystemen bestehen, aber er wird nicht - wie bisher - durch die selektive Schulorganisation massiv verstärkt.

Schlachten der heiligen Kuh

Einer der bedeutsamsten Aspekte des Konzepts ist die Betonung der Zäsur der Bildungslaufbahnen mit 14 Jahren, was dem Schlachten der heiligsten Kuh im Stall der konservativen Bildungspolitik, der Gymnasiumslangform, gleichkommt. Nach den IV-Vorstellungen soll für alle Kinder (nicht bloß Hauptschüler) die Entscheidung über die weitere allgemeinbildende oder berufsbildende Schullaufbahn am Ende der Sekundarstufe I neu gestellt werden. Was im bildungspolitischen Diskurs übersehen wird, ist der Umstand, dass dies bei vielen AHS-Schülern auch jetzt schon der Fall ist.

Es trifft nämlich keineswegs zu, dass die große Mehrheit der Kinder, die im Alter von zehn Jahren in eine gymnasiale Unterstufe eintreten, acht Jahre später an dieser Anstalt auch maturiert. Da wären zuerst einmal die Sitzenbleiber und die von der AHS-Unterstufe in die Hauptschule (bzw. nunmehr Neue Mittelschule) Abgestuften. Und dann verlassen nach dem Nationalen Bildungsbericht 2012 am Ende der Unterstufe 37 Prozent der Schülerinnen und Schüler die AHS, die meisten davon in Richtung einer Berufsbildenden Höheren Schule. In der Zahl der an einer AHS verbleibenden Schüler verbirgt sich zudem ein in der Schulstatistik nicht ausgewiesener, vermutlich aber erheblicher Anteil von Schülern, die von ihrer "Stammanstalt" in ein Oberstufenrealgymnasium mit einem anderen Schulprofil gewechselt sind.

Bildungsbürger

Und schließlich verzeichnen die AHS-Oberstufen beim Übergang von der neunten Schulstufe (die von manchen Kindern bloß zur Beendigung der Schulpflicht unter Meidung der ungeliebten Polytechnischen Schule "zweckentfremdet" wird) zur zehnten Schulstufe einen weiteren Schülerschwund von 26 auf 20 Prozent der Alterskohorte. Von wegen achtjährige Langform. Wenn die gemeinsame Sekundarstufe I dort, wo es Eltern und Lehrerschaft wünschen, Latein als Wahlfach und damit als quasigymnasiale Option anbietet, sollte auch das Bildungsbürgertum mit dem Konzept der IV leben können.

Falls die Hopmann'sche Kritik am Schulreformprogramm der IV etwas damit zu tun haben sollte, dass er nicht zur Mitarbeit eingeladen wurde, hätte ich einen kleinen Trost für ihn: Die IV hat auch auf meine Expertise verzichtet.

Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien und ist Research Fellow an der Universität Oxford.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

Donnerstag, 27. November 2014

2014.11.28: Newsletter Bildung

Die Presse – 28. November 2014

 

 

Gesamtschule: Mehrheit sieht Vorteile

Die schwarz-grüne Landesregierung in Bregenz wünschte sich durch die neue Studie Rückenwind für die Gesamtschule. Die Eltern zeigen sich unschlüssig, die Lehrer sind gespalten.

Bregenz. Die neue schwarz-grüne Landesregierung in Bregenz dürfte sich ihrer Sache (zu) sicher gewesen sein: Bereits beim Beschluss des Koalitionspaktes im Oktober legte sich die Landesregierung auf eine Modellregion zur Gesamtschule fest – und vertraute auf breite Zustimmung in der Bevölkerung. Gestern, Donnerstag, sollte bei der Präsentation einer großen Umfrage der Beweis erbracht werden, dass sich die Bürger tatsächlich eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen wünschen. Doch so wirklich wollte dieser nicht gelingen.

Denn die groß angelegte Studie, bei der insgesamt 19.700 Vorarlberger Lehrer, Eltern und Schüler befragt wurden, lieferte durchaus widersprüchlich Ergebnisse – und insgesamt weder ein klares Ja noch ein klares Nein zur Gesamtschule. Die Antworten der Eltern von Volksschulkindern gaben Rätsel auf. Denn mit 56 Prozent sprach sich eine Mehrheit dieser für die Schaffung einer Gesamtschule aus. Doch zugleich befürworteten 51 Prozent derselben Gruppe, die Trennung zwischen Hauptschule bzw. Neuer Mittelschule und Gymnasium aufrechtzuerhalten (siehe Grafik). Die Studienautoren führen das darauf zurück, dass die Eltern noch unschlüssig sind.

Große Befürchtungen

Die übrigen Ergebnisse der Elternbefragung zeigten eine klare Tendenz: Besucht das eigene Kind eine Neue Mittelschule wünschen sich die Eltern eher eine Gesamtschule. Besucht es ein Gymnasium, dann bevorzugen die Eltern ein getrenntes Schulsystem. In Zahlen heißt das: 58 Prozent der NMS-Eltern befürworten eine Gesamtschule und 55 Prozent der AHS-Eltern das derzeitige zweigeteilte Schulsystem.

In einem anderen Punkt sind sich die Eltern überraschend einig: Der Großteil ist überzeugt, dass die Gesamtschule „mehr Chancengerechtigkeit für alle Kinder“ bringen würde. Konkret stimmen dem 79 Prozent der Eltern von Volksschülern, 82 Prozent von NMS-Eltern und selbst 63 Prozent der AHS-Eltern zu. Trotz dieser hohen Erwartungen haben viele Eltern Ängste. Vier von zehn fürchten, dass leistungsschwache Schüler in der Gesamtschule über- und leistungsstarke Schüler unterfordert werden. Die Sorge einer Nivellierung nach unten haben vor allem AHS-Eltern.

Auch die Ergebnisse der Lehrerbefragung könnten nach Schultyp kaum unterschiedlicher sein. Bei den Pflichtschullehrern geht die Stimmung klar in Richtung Systemwechsel: 72 Prozent der Volksschullehrer sowie 77 Prozent der NMS-Lehrer wünschten sich die Gesamtschule, aber nur 25 Prozent der AHS-Lehrer. Umgekehrt befürworteten 45 Prozent der AHS-Lehrer die Beibehaltung des Status quo, hingegen nur 20 Prozent der Volksschullehrer und 13 Prozent der NMS-Lehrer.

ÖVP sucht nach Linie

Die Vorarlberger Landesregierung hält jedenfalls auch nach diesem Zwischenergebnis an ihren Plänen, eine Modellregion zur Gesamtschule einzuführen, fest. Bis Mai 2015 wird weiter an dem Forschungsprojekt gearbeitet. Auf Grundlage des Endberichts soll dann entschieden werden, wie der Modellversuch zur gemeinsamen Schule in Vorarlberg genau aussehen soll. Es stellen sich auch einige rechtliche Fragen. Dabei könnte das Land durchaus auch Unterstützung vom Bund benötigen.

Der Rückhalt von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) ist den Landespolitikern dabei sicher. Wie sich die ÖVP unter Parteichef Reinhold Mitterlehner in Hinblick auf die Gesamtschule verhalten wird, ist aber noch nicht klar. Vom zuständigen Staatssekretär Harald Mahrer heißt es auf Anfrage der „Presse“ lediglich: Man werde die Vorarlberger Ergebnisse „sachlich und ideologiefrei“ analysieren.

Auf einen Blick

An der Studie nahmen rund 19.700 Vorarlberger Lehrer und Eltern von Kindern aus der vierten, sechsten und achten Schulstufe sowie Schüler der sechsten und achten Schulstufe teil.
Insgesamt wurden 1,8 Millionen Einzeldaten zum Istzustand der Schule und zu Weiterentwicklungs- und Änderungswünschen gesammelt und aufbereitet. Nun wurde ein erster Teilbericht der im November 2013 erfolgten Umfrage präsentiert. Der Endbericht folgt im Mai.

 

 

"Der Standard" vom 28.11.2014                                Seite: 7

Ressort: Inland

 

Jutta Berger

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Der mühsame Weg zum Schulversuch

 

   Die Modellregion zur gemeinsamen Schule in Vorarlberg dauert noch. Als erster Schritt wurde eine Umfrage bei 20.000 Schulpartnern vorgelegt: Die Pflichtschullehrer sind pro Gesamtschule, die Eltern sind unschlüssig, die Schüler wurden nicht gefragt.

 

   Bregenz – Wer sich ein klares Ja oder Nein zur gemeinsamen Schule erwartet hat, wird durch die Studie enttäuscht. Die Befragung zeigt aber deutlich die Unsicherheit der Eltern und Polarisierung der Lehrenden auf.

 

   Zur Überraschung aller war die Beteiligung hoch: 83 Prozent der angeschriebenen Eltern antworteten, 95 Prozent der Jugendlichen (6. und 8. Schulstufe), aber nur 44 Prozent der Lehrenden. Die Ergebnisse zur gemeinsamen Schule stellte Landesrätin Bernadette Mennel (VP) auch gar nicht in den Vordergrund ihrer Präsentation am Donnerstag. Wichtiger war ihr die Zufriedenheit der Eltern (90 Prozent) mit der Schule und den Schulerfolgen der Kinder.

 

   „Die Bereitschaft, organisatorische Weiterentwicklungen mitzutragen, ist unterschiedlich ausgeprägt“, umschrieb Mennel das Pro und Kontra zur gemeinsamen Schule: 56 Prozent der Eltern von Volksschulkindern sind für die gemeinsame Schule, 51 Prozent für das zweigliedrige System. Eltern von Mittelschülern wiederum wollen eindeutig die Gesamtschule (58 Prozent), Gymnasiasteneltern wiederum sind zu 55 Prozent dagegen oder unentschlossen. Eindeutiger ist die Meinung der Lehrenden: An Volks- und Mittelschulen ist man mit 72 und 77 Prozent für die gemeinsame Schule, an den AHS zu 57 Prozent dagegen.

 

   Chancengerechtigkeit erwarten sich durch die gemeinsame Schule alle außer die Lehrenden der AHS. Den Vorteil einer späteren Bildungsentscheidung sieht aber auch die Mehrheit dieser Berufsgruppe. Unsicher sind sich die Eltern, ob es durch gemeinsame Schulformen zu Unter- oder Überforderung der Kinder kommen könnte. Hier bedürfe es noch intensiver Informationsarbeit, räumt Mennel ein.

 

   Schulversuch wird realisiert

 

   Wenig bis gar nichts dürften Eltern über Vorteile ganztägiger Schulformen wissen. Denn je nach Schulform wollen 59 bis 78 Prozent keine Ganztagsbetreuung. Mennel will nun Eltern „verstärkt über die Vorteile informieren“.

 

   Zur Schulzukunft wurden Eltern und Lehrenden 130 Fragen gestellt, die 7797 Schülerinnen und Schüler bekamen einen eigenen Fragenkatalog. Ob sie eine gemeinsame Schule möchten, wurden sie nicht gefragt.

 

   Was geschieht nun mit dem Datenmaterial? Bis Ende Mai 2015 soll die Projektgruppe Empfehlungen auf Basis der Daten vorlegen. Dann wird laut Mennel ein pädagogisches und organisatorisches Maßnahmenpaket zur Weiterentwicklung der Sekundarstufe I vorgelegt. Schritt für Schritt nähert man sich dem versprochenen Schulversuch.

 

   Die 169 Seiten starke Umfrage will Mennel bereits in den nächsten Tagen den Bildungsreferenten der anderen Bundesländer, die daran sehr interessiert seien, vorlegen. „Auch Vizekanzler Mitterlehner bekommt von mir einen Band“, sagt Mennel. Nächstes Jahr will sie dem Bund ein weiteres Papier präsentieren: einen Schulversuch in der Modellregion Vorarlberg. Wie umfangreich die Modellregion sein wird, will Mennel noch nicht sagen. Das hänge von den Expertenempfehlungen ab.

 

    Kommentar Seite 32

 

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Der Standard – 28. November 2014

 

 

Schulreform in Vorarlberg: Jein zur Gesamtschule

Kommentar | Jutta Berger

Gewinnen wird, wer die bessere Interpretation der Umfrage liefert

Vorarlberger Eltern sind unbescheiden. Sie wollen alles. Die gemeinsame Schule und das differenzierte System; sie sind für Chancengerechtigkeit, haben aber Angst, dass ihr Kind in der gemeinsamen Schulform unterfordert wäre. Sie hätten gerne mehr Mathe und Deutsch für ihre Kids, sind aber mit der Schule zufrieden. Die Kinder sollten nicht überfordert werden, ganztägige Schul- und Betreuungsformen gönnt man ihnen aber nicht.

19.700 Eltern, Lehrende, Schülerinnen und Schüler haben sich an einer Befragung bezüglich der Schule der Zehn- bis 14-Jährigen beteiligt. Die Ergebnisse sind widersprüchlich und damit sowohl für Innovationsfreudige als auch für Bremser in der Schulpolitik brauchbar. Die Grünen freuen sich über eine Mehrheit für die gemeinsame Schule, die Konservativen in den Gymnasien über eine Mehrheit für den Status quo. Nun wird das politische Tauziehen beginnen.

Gewinnen wird, wer die bessere Interpretation der Umfrage liefert. Und das dürfte die schwarz-grüne Regierung sein. Sie hat Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer, kritische Eltern- und Lehrerverbände hinter sich. Damit bekommen ÖVP-Chef Mitterlehner und Bildungsreformer in der Bundespartei Rückenwind aus dem Westen.

Glaubwürdig wird die Vorarlberger Bildungspolitik aber erst, wenn sie ernsthafte Maßnahmen zur Studie liefert. Die wurden für Mai angekündigt. Kräftiger Westwind oder Mailüfterl – Wallners Volkspartei hat die Wahl.

 

 

Kurier – 28. November 2014

 

Eltern benoten Gesamtschule zwiespältig.

Betroffene sehen Chancengerechtigkeit, aber auch Risiko von Über- und Unterforderung.

Soll die Zweiteilung Gymnasium/Neue Mittelschule (NMS) beibehalten werden? Oder ist die gemeinsame Schule der  Zehn- bis 14-Jährigen der bessere Weg? Wer sich von Betroffenen, insbesondere Eltern, auf diese, durchaus polarisierenden Fragen klare Antworten oder gar  eine Richtungsentscheidung erwartet, den enttäuscht eine jüngst in Vorarlberg erstellte Studie. Das Ergebnis lautet nämlich: Die Eltern können mit beiden Systemen ganz gut leben.

Im Auftrag der Vorarlberger  Landesregierung wurden im November rund 19.500 Lehrer sowie Eltern von Kindern aus der vierten, sechsten und achten Schulstufe sowie Schüler der Volksschule, der NMS und der Gymnasium-Unterstufe einer Befragung unterzogen. 1,8 Millionen Einzeldaten wurden erhoben, und die Ergebnisse waren stark davon abhängig, wer befragt wurde. So haben etwa  Volksschul- und NMS-Lehrer  die Gesamtschule auffallend bevorzugt, demgegenüber wollen AHS-Lehrer lieber beim differenzierten System bleiben.

Bei den Eltern ergab sich eine Befürwortung einer „Schule für alle“ –  dafür waren 56 Prozent der Eltern mit Volksschulkindern (VS-Eltern), 58 Prozent der Eltern von Kindern aus der NMS (NMS-Eltern) und 45 Prozent der AHS-Eltern. Aber auch für den Erhalt des aktuellen Systems gab es Zustimmung. Ja zum Ist-Zustand sagten 51 Prozent der VS-Eltern‚ 42 Prozent der MS-Eltern und 55 Prozent der AHS-Eltern. Nur bei den Pflichtschullehrern geht die Stimmung klar in eine Richtung, nämlich in die des Systemwechsels: 72 Prozent der VS-Lehrer sowie 77 Prozent der NMS-Lehrer wünschten sich die Gesamtschule, aber nur 25 Prozent der AHS-Lehrer. Umgekehrt befürworteten 45 Prozent der AHS-Lehrer die Beibehaltung des Status quo, aber nur 20 Prozent der VS- und  13 Prozent der NMS-Lehrer.

Zwar erwarteten sich der überwiegende Teil der Eltern wie auch der Lehrer in einer Gemeinsamen Schule mehr Chancengerechtigkeit für alle Kinder. Gleichzeitig befürchteten die Eltern aber eine Überforderung der schwachen Schüler wie auch eine Unterforderung der Begabten. Letzteren Punkt unterstrichen besonders die Eltern von AHS-Schülern und noch stärker die AHS-Lehrer (78 %). Dass die Gesamtschule den Vorteil einer späteren Entscheidung über den Bildungsweg mit sich bringen würde, wurde überwiegend bejaht (Eltern: 69 bis 72 Prozent, Lehrer 54 (AHS) bis 91 Prozent (VS)).

 

 

Wiener Zeitung – 28. November 2014

 

Umfrage

Vorarlberg: Mehrheit für Gemeinsame Schule

 

 

 

 

 

Bregenz. Die Vorarlberger Eltern scheinen sowohl mit der aktuellen Zweiteilung Gymnasium-Neue Mittelschule (NMS) als auch mit einer Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen gut leben zu können. Volksschul- und NMS-Lehrer präferieren stark die Gesamtschule, während die AHS-Lehrer beim differenzierten System bleiben wollen. Das ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts der Vorarlberger Landesregierung, in dem sich Experten unter anderem mit rechtlichen und organisatorischen Fragen sowie pädagogischen Konzepten einer Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen befassen.

Rund 19.500 Lehrer sowie Eltern von Kindern aus der vierten, sechsten und achten Schulstufe sowie Schüler der Volksschule, der NMS und der Gymnasiumunterstufe wurden befragt, die Ergebnisse sind widersprüchlich. Der Bericht nach dem Projektabschluss im Mai wird auch Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Schulen der Zehn- bis 14-Jährigen enthalten.

 

"Vorarlberger Nachrichten" vom 28.11.2014

Ressort: VN-A

 

 

Präsentation Forschungsprojekt Schule: Komplexe Erwartungen an Schule der Zukunft.

 

Viele Ideen für die Schulreform

 

   Bregenz. (VN-hk). Die Schule in ihrer mannigfaltigen Form ist ein sehr heterogener Ort. Je nach Schul-Eltern- oder Lehrertyp sind die Erwartungen an die Bildungsstätten unterschiedlich. Einige Schnittstellen bei den Wünschen gibt es dennoch: Eltern und Lehrer wünschen mehrheitlich, dass eine Entscheidung über den weiteren Bildungsweg erst im Alter von 14 Jahren getroffen werden sollte. Gleichzeitig glauben die Eltern von Schülern aller Schultypen an eine Erhöhung der Chancengerechtigkeit für ihre Kinder im Falle einer gemeinsamen Schule für Zehn- bis 14-Jährigen. Aber: Es befürchten viele Eltern und Lehrer auch, dass Schüler bei einem solchen Schulmodell entweder unter- oder überfordert werden. Das sind einige der wichtigsten Ergebnisse von Teil eins der umfangreichen Studie, deren zweiter Teil im Mai 2015 präsentiert wird.

 

   Rege Teilnahme

 

   Schullandesrätin Bernadette Mennel (55), Projektkoordinatorin Gabriele Böheim (55) und Johann Engleitner (61), für empirische Sozialforschung an der PH Vorarlberg zuständig, präsentierten den mit Spannung erwarteten ersten Teil der Studie. Erfreut zeigte sich vor allem Schullandesrätin Mennel. „Über 19.700 Lehrpersonen, Eltern und Schülerinnen und Schüler haben an der Befragung teilgenommen. Es gab in Österreich wohl noch nie ein umfangreicheres Forschungsprojekt zum Thema Schule. Besonders erfreulich: Bei Schülerinnen, Schülern und Eltern der Mittelschule und der AHS-Unterstufe herrscht eine hohe Zufriedenheit mit der eigenen Schule bzw. der Schule des Kindes.“

 

   AHS-Lehrer scheren aus

 

   Auffallend im bisher vorliegenden Bericht: In punkto Präferierung eines Schulsystems weichen AHS-Lehrer zum Teil deutlich vom Rest der Befragten ab. So sind zum Beispiel satte 78 Prozent aller befragten AHS-Professoren der Meinung, dass leistungsstarke Schüler in einer gemeinsamen Schule unterfordert wären. Nur 36 Prozent der Gymnasial-Pädagogen sind der Meinung, dass eine Gemeinsame Schule mehr Chancengerechtigkeit brächte. Eine gemeinsame Schule löst laut Studie bei Eltern und Lehrpersonen der Volks- und Mittelschulen sowie bei Eltern von Gymnasiums-Schülern Bedenken bezüglich Sicherstellung einer individuellen Förderung aus. Ebenfalls bemerkenswert: Eltern im städtischen Bereich versteifen sich in der Schullaufbahnerwartung für ihre Kinder viel mehr aufs Gymnasium als Eltern im ländlichen Bereich. Als Auftrag sieht es Mennel an, künftig noch bessere Informationen über die Ganztagsschule zu vermitteln.

 

   Bericht an Ministerin

 

   Der zweite Teil des Forschungsprojektes mit den Themenfeldern Pädagogische Konzepte, Organisation und Rechtlicher Rahmen werden im Mai 2015 vorgestellt. „Auf Basis dieser Ergebnisse streben wir dann einen Modell-Schulversuch an und werden mit diesem Anliegen beim Bund vorstellig“, kündigte Schullandesrätin Bernadette Mennel an. Die Schullandesrätin wird den über 180 Seiten starken Studienbericht bereits heute zur Landesbildungsreferententagung nach Kärnten mittnehmen und dort u.a. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (52) überreichen.

 

   "Es muss auf zu neuen Ufern gehen"

 

   Bregenz. (VN-hk) Die Präsentation von Teil eins des Forschungsprojekts „Schule der Zehn- bis 14-Jährigen“ hat mehrere Reaktionen von verschiedenen Interessensgruppen ausgelöst. Während der Bericht Schulverantwortlichen am Donnerstagnachmittag an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg extra präsentiert wurde, meldeten sich andere schon vorher zu Wort.

 

   „Gratulation zur seriösen, umfassenden Befragung und damit zur Versachlichung der Bildungsdebatte im Sinne der Schülerinnen und Schüler.“ So fiel die erste Reaktion von Industriellenvereinigung-Geschäftsführer Mathias Burtscher aus. Burtscher sieht das IV-Konzept bestätigt, wonach es unter anderem um mehr Autonomie, alternative Beurteilungsmethoden und eine spätere Bildungswegentscheidung gehe. Es müsse jetzt „Auf zu neuen Ufern gehen“.

 

   „Keine neuen Türschilder“

 

   „90 Prozent der Vorarlberger sind mit dem Bildungssystem zufrieden“, glaubt der Obmann der ÖAAB (Österreichischer Arbeiter-und Angestelltenbund)-Lehrer Wolfgang Türtscher (59) aus dem Ergebnis der Studie herauslesen zu können. Er sieht sich dadurch bestätigt, dass es keinen Grund gebe, schulstrukturelle Änderungen zu planen. „Das wäre am Bedarf vorbeiproduziert.“ Eine Strukturdiskussion für durchaus wichtig hält der Bildungssprecher der Wirtschaftskammer Vorarlberg Christoph Jenny. „Aber einer verbesserten Qualität der Arbeit in den Schulen gilt die erhöhte Aufmerksamkeit“, sieht Jenny eine klare Priorität. 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
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2014.11.27: Bildung

OTS0277 II 27.11.2014 16:02:04

 

Grossmann: PädagogInnenbildung Neu kombiniert Stärken von Unis und PH

Utl.: Rechtliche Hürden für gemeinsame Curricula werden beseitigt

SPÖ/Grossmann/Bildung/Lehrerausbildung

Mit den Novellen zum Universitäts- und Hochschulgesetz, die heute, Donnerstag, im Wissenschaftsausschuss beschlossen werden, werden letzte rechtliche Hürden für die gemeinsame LehrerInnenausbildung von Universitäten und Pädagogischen Hochschulen beseitigt. "Die gemeinsame LehrerInnenausbildung kombiniert die Stärken beider Institutionen - bei der fachlichen Ausbildung, der Didaktik und der allgemeinen Pädagogik. Das ist wichtig und richtig, um den immer höheren Anforderungen, die der LehrerInnenberuf mit sich bringt, gerecht zu werden", so SPÖ-Bildungssprecherin Elisabeth Grossmann. ****

Die Vorarbeiten für die PädagogInnenbildung Neu, die 2016/17 starten wird, seien in Österreich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten erfolgt - der Verbund Steiermark, Kärnten und das Burgenland seien schon am weitesten, was die Erstellung gemeinsamer Curricula betrifft. "Ich erwarte mir mit den neuen klaren Rechtsgrundlagen auch einen neuen Schwung für ganz Österreich", so Grossmann. Die gemeinsame LehrerInnenausbildung differenziert nicht mehr nach Schultypen in der Ausbildung - für die SPÖ-Bildungssprecherin auch eine wichtige Voraussetzung für eine gemeinsame Schule.

Positiv wertet die SPÖ-Abgeordnete auch die heute zu beschließenden organisatorischen Neuerungen an den PH. "Mit der Klarstellung der Kompetenzen der Rektorate und der Hochschulkollegien wird auch eine langjährige Forderung des Rechnungshofes umgesetzt", so Grossmann abschließend. (Schluss) mb/ah

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2014.11.27: Bildung

APA0338 II, XI 27.11.2014 14:07:43

 

Gesamtschule: Vorarlberger Eltern sowohl dafür als auch dagegen

Utl.: Volksschul- und NMS-Lehrer für Gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen, AHS-Lehrer für Beibehaltung des differenzierten Systems - GRAFIK

Schule/Unterstufe/Vorarlberg

Die Vorarlberger Eltern scheinen sowohl mit der aktuellen Zweiteilung Gymnasium-Neue Mittelschule (NMS) als auch mit einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen gut leben zu können. Volksschul- und NMS-Lehrer präferieren stark die Gesamtschule, während die AHS-Lehrer beim differenzierten System bleiben wollen. Das ist das Kernresultat eines Forschungsprojekts der Vorarlberger Landesregierung.

Das Land hat im vergangenen Jahr eine Forschungsinitiative zur Gemeinsamen Schule gestartet, in der sich Expertengruppen unter anderem mit rechtlichen und organisatorischen Fragen sowie pädagogischen Konzepten einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen auseinandersetzen. Im November 2013 nahmen rund 19.500 Lehrer sowie Eltern von Kindern aus der vierten, sechsten und achten Schulstufe sowie Schüler der Volksschule, der NMS und der Gymnasiumunterstufe an einer Befragung teil. So wurden 1,8 Millionen Einzeldaten zum Ist-Zustand der Schule und zu Weiterentwicklungs- und Änderungswünschen gesammelt und aufbereitet.

Die am Donnerstag präsentierten Ergebnisse der Studie fielen widersprüchlich aus. Bei den Eltern ergab sich eine Befürwortung einer "Schule für alle" - dafür waren 56 Prozent der Eltern mit Volksschulkindern (Eltern VS), 58 Prozent der Eltern von Kindern aus der NMS (Eltern NMS) und 45 Prozent der "AHS-Eltern". Aber auch für den Erhalt des aktuellen Systems gab es Zustimmung. Ja zum Ist-Zustand sagten 51 Prozent der Eltern VS, 42 Prozent der Eltern MS und 55 Prozent der Eltern AHS.

Bei den Pflichtschullehrern hingegen geht die Stimmung klar in Richtung Systemwechsel: 72 Prozent der VS-Lehrer sowie 77 Prozent der NMS-Lehrer wünschten sich die Gesamtschule, aber nur 25 Prozent der AHS-Lehrer. Umgekehrt befürworteten 45 Prozent der AHS-Lehrer die Beibehaltung des Status quo, hingegen nur 20 Prozent der VS- und 13 Prozent der NMS-Lehrer.

Zwar erwarteten sich der überwiegende Großteil sowohl der Eltern als auch der Lehrer in einer Gemeinsamen Schule mehr Chancengerechtigkeit für alle Kinder, gleichzeitig befürchteten die Eltern aber eine Überforderung der schwachen Schüler wie auch eine Unterforderung der Begabten. Letzteren Punkt unterstrichen besonders die Eltern von AHS-Schülern und noch stärker die AHS-Lehrer (78 Prozent). Dass die Gesamtschule den Vorteil einer späteren Entscheidung über den weiteren Bildungsweg mit sich bringen würde, wurde überwiegend bejaht (Eltern: 69 bis 72 Prozent, Lehrer 54 (AHS) bis 91 Prozent (VS)).

Grundsätzlich waren die Eltern der NMS- und der AHS-Kinder mit den Schulen ihrer Sprösslinge sehr zufrieden. Sie sagten zu 90 bzw. 91 Prozent Ja zur Feststellung "Ich weiß mein Kind in guten Händen". 85 Prozent (NMS) bzw. 88 Prozent (AHS) der Eltern würden ihr Kind wieder an der Schule anmelden.

Vorarlbergs Schullandesrätin Bernadette Mennel (ÖVP) freute sich insbesondere über diese große Zufriedenheit und wertete dies auch als Kompliment an die Lehrer. Es werde darum gehen, ein pädagogisches Konzept zu entwickeln, das es erlaube, die Kinder ihren individuellen Begabungen zufolge zu fördern und zu fordern. Ein Schulversuch zur Gemeinsamen Schule werde nur dann Unterstützung von den Betroffenen erfahren, wenn die Frage der Individualisierung schlüssig beantwortet werden könne.

Bis Mai 2015 soll das Vorarlberger Forschungsprojekt abgeschlossen sein. Der Abschlussbericht wird auch Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Schulen der Zehn- bis 14-Jährigen enthalten. Auf diesem Bericht aufbauend will die Vorarlberger Landesregierung einen Schulversuch zur Gemeinsamen Schule aufsetzen und damit an den Bund herantreten. Wie dieser Versuch konkret aussehen soll, hängt von den Endergebnissen der Untersuchung ab und ist noch offen. Für Mennel war aber jedenfalls klar, dass im Unterricht die Individualisierung mehr Gewicht bekommen muss. "In diese Richtung werden wir gehen, dazu brauchen wir den Bund nicht", sagte Mennel.

(GRAFIK 1403-14, 88 x 94 mm)

(schluss) jh;jle;hac

OTS0196 II 27.11.2014 13:07:50

 

Schulkinder in ihren Neigungen und Interessen fördern und fordern

Utl.: Ergebnisse der Befragung zur Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg vorgestellt

Bildung/Schule/Mennel

Über 19.700 Lehrpersonen, Eltern und Schülerinnen und Schüler haben im vergangenen Schuljahr im Rahmen des Forschungsprojekts "Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg" an einer umfassenden Befragung teilgenommen. Die Ergebnisse im Kern: Bei Schülerinnen, Schülern und Eltern herrscht eine hohe Zufriedenheit mit der eigenen Schule bzw. der Schule des Kindes. Eine deutliche Mehrheit der Eltern und Lehrpersonen der Volks- und Mittelschulen sowie der Eltern der Gymnasien erwarten sich von einer gemeinsamen Schule mehr Chancengerechtigkeit für alle Kinder. Sie äußern aber auch Bedenken, was die Sicherstellung einer individuellen Förderung betrifft.

Kein anders Bundesland hat je die Schulen der 10- bis 14-Jährigen in dieser Breite und Tiefe analysiert, sagte Bildungslandesrätin Bernadette Mennel bei der Präsentation der Befragungsergebnisse am Donnerstag, 27. November 2014, im Landhaus: "Wir haben jetzt eine datenbasierte Grundlage für die Weiterentwicklung der Schule der 10- bis 14-Jährigen geschaffen. Anhand dieser Rückmeldungen soll bis Ende Mai 2015 ein fundiertes, umfassendes, pädagogisches und strukturelles Konzept unter Berücksichtigung der rechtlichen Aspekte vorgelegt werden." Man werde dabei auf den Bund zugehen, wolle aber auch alle Möglichkeiten nutzen, die uns im eigenen Wirkungsbereich im Land offen stehen.

Entscheidend für Mennel: "Jede Weiterentwicklung der Schulen der Sekundarstufe I wird an ihrem pädagogischen Konzept der Individualisierung gemessen werden. Das heißt daran, inwieweit es gelingt, in leistungsheterogenen Gruppen alle Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer Fähigkeiten und Interessen zu fördern. Kein Kind soll zurückgelassen werden, jedes Kind soll in seinen Potentialen bestmöglich gefördert werden." Ziel müsse es sein, das kreative Potential der Lehrpersonen im Umgang mit Diversität und Individualisierung für diese Weiterentwicklung bestmöglich zu nutzen.

Projektkoordinatorin Gabriele Böheim-Galehr, Vizerektorin der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, zeigte sich erfreut über die große Beteiligung. Aus den Rückmeldungen von 19.700 Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern wurden insgesamt 1,8 Millionen Einzeldaten generiert, im Analyseprozess verdichtet und nach Schultyp, Bildungs- und Sprachhintergrund der Eltern sowie nach Regionen ausgewertet.

Sozialforscher Johann Engleitner, ebenfalls von der Pädagogischen Hochschule, hob ein weiteres Detail hervor: 90 Prozent der Eltern von Mittelschul- bzw. AHS-Schülerinnen und -Schülern berichten ohne Unterschied, dass ihr Kind an der Schule in guten Händen ist. Auch gut 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler der NMS und der AHS sind nach eigenen Angaben mit ihrer Schule zufrieden. "Das heißt, jede Weiterentwicklung der Schule der 10- bis 14-Jährigen baut auf hohem Niveau auf", so Engleitner.

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2014.11.27: Newsletter Bildung

"News" Nr. 48/2014 vom 27.11.2014                         Seite: 27

Ressort: Politik

 

 

Wer blockiert, handelt fahrlässig

 

   Der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Kapsch, hat es drastisch formuliert: Nicht Schulreformen seien nötig, sondern "eine Bildungs-Revolution.“ Seit Jahren drängt die IV auf eine Schule, die kein Kind zurücklässt und starke und schwache SchülerInnen fördert. Dazu gehören die besten Lehrerinnen und Lehrer, ein verpflichtendes Startschuljahr, eine gemeinsame Schule mit innerer Differenzierung, individualisierter Unterricht, Schulautonomie.

 

   Und dazu gehört der verschränkte Ganztagsunterricht, in Österreich immer noch Ausnahme statt Normalität. Kinder könnten früher in die Schule kommen, aber der Unterricht würde um 8.30 oder 9 Uhr starten, was dem Biorhythmus von Jugendlichen besser entspricht als der frühe Start. Dann wird abwechselnd gelernt, musiziert, geübt, geturnt, gezeichnet, ein Bühnenstück geprobt, gegessen und über wichtige Dinge gesprochen. Unterrichts-ende wäre um 15.30 Uhr, Betreuung danach möglich. Hausaufgaben sind dann unnötig: Zu Hause hätten die Kinder wirklich frei. Die besten Privatschulen haben immer schon vorgemacht, wie das geht.

 

   Auch wenn schon viele Anläufe gescheitert sind: Es muss gelingen, die Schule besser, interessanter und erfolgreicher zu machen. Wer hier weiter blockiert, handelt fahrlässig.

 

   Sind Sie anderer Meinung?

 

   Schreiben Sie uns: prager.tessa@news.at

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 275 vom 27.11.2014              Seite: 1

Ressort: Seite 1

 

Österreich

 

Salzburgs Schulen rüsten gegen Lockruf des Dschihad

 

   Wien. Der „Islamische Staat“ (IS) zieht offenbar immer öfter jüngere Menschen in seinen Bann. Im Internet tauchen seit Längerem Videos auf, die die Ausbildung von Kindersoldaten zeigen. Und auch in Österreich berichten Sozialarbeiter von mehreren Fällen radikalisierter 13- und 14-Jähriger. Immer öfter wenden sich Schulen hilfesuchend an Experten. Anfragen gibt es dabei nicht nur aus Wien, sondern auch aus Salzburg. Beim Landesschulrat für Salzburg ist offiziell zwar kein Fall bekannt, die Problematik bestätigt man jedoch. „Bereits in den kommenden Tagen wird deshalb ein Leitfaden an alle Lehrer ergehen“, sagt Markus Leitner vom Landesschulrat Salzburg. Rund 370 Salzburger Schulen erhalten dann eine fünfseitige Anleitung, wie sie im Falle einer Radikalisierung im Klassenzimmer diese erkennen und sich richtig verhalten können. In Wien gibt es diese Leitfäden bereits. Und auch offizielle Meldungen beim Stadtschulrat. In 20 Fällen wurde sogar der Verfassungsschutz eingeschaltet. Meist waren Schüler der Oberstufe betroffen. „Doch in Einzelfällen auch Hauptschüler“, erklärt Stadtschulratsprecher Matias Meissner. Wie man Jugendliche deradikalisieren kann, erklärt ein Experte im SN-Gespräch. Seite 12

 

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"Salzburger Nachrichten" Nr. 275 vom 27.11.2014             Seite: 12

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

Dschihad-Fans immer jünger

 

   Sozialarbeiter berichten von immer jüngeren Anhängern der Terrormiliz IS in Österreich. Oft schlagen Schulen als Erste Alarm. Auch in Salzburg.

 

   Anja Kröll Wien. Die Burschen und Mädchen mit denen Moussa Al-Hassan Diaw zu tun hat, sind fast noch Kinder. Junge Menschen, die plötzlich davon sprechen, in den Dschihad zu ziehen oder ihre Eltern Ungläubige nennen. „Der Jüngste war 13 Jahre alt“, erzählt der Religionspädagoge und Obmann des Netzwerks sozialer Zusammenhalt, das sich mit der Deradikalisierung von Jugendlichen in Österreich beschäftigt.

 

   30 Mal wurde das Netzwerk seit der Gründung im September aktiv. Oft hätten Eltern oder Vereine Hilfe bei den Experten gesucht, noch öfter Schulen. Diaw und sein Team rücken dann aus in die Klassenzimmer des Landes. In Wien, Salzburg, Vorarlberg, Tirol, Ober- und Niederösterreich haben sie Teenagern schon erklärt, was sie da eigentlich von sich geben, wenn sie die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ (IS) verherrlichen.

 

   „Das Problem ist, gibt es einen radikalisierten Schüler in der Klasse, steigt die Gefahr, dass er die anderen mit seinem Gedankengut ansteckt“, sagt Diaw, der an diesem Vormittag bereits an zwei Schulen zu sogenannten Interventionen, also Einzelgesprächen, war. Besonders oft gebe es diese in Wien. Beim Landesschulrat für Salzburg liegt offiziell kein Fall vor. Aber Experten sprechen von Neuen Mittelschulen in der Mozartstadt, in denen das Phänomen längst angekommen sei. Der Stadtschulrat Wien hat nach Hinweisen aus Schulen bereits 20 Mal den Verfassungsschutz eingeschaltet.

 

   Neu ist die Entwicklung von Jugendlichen, die sich für den radikalen Islam begeistern, nicht. 2001 tauchten die ersten Fälle auf. Mittlerweile sind 150 Personen aus Österreich in den Bürgerkrieg nach Syrien oder in den Irak gezogen. Was allerdings neu ist, ist, dass sich immer mehr ganz Junge für den „Heiligen Krieg“ begeistern. Diaw erklärt dies durch die Dauerpräsenz im Internet und die perfekte Marketingmasche der Dschihadisten. Sie verstünden es, westliche Motive mit dem Dschihad zu verbinden. Schöne Villen und Pools, die in Syrien warten. Schokoriegel und Waffen. Das Konzept funktioniert. Das zeigt auch ein Blick in den Raum, in dem Diaw nun steht. Kein Klassenzimmer, sondern der Schulungsraum des Xtra-Instituts für Freizeitpädagogik in Wien. Vor rund 50 Sozialarbeitern hält der Mann mit der eindringlichen Stimme einen Vortrag zum Thema „Prävention, Deradikalisierung und Demokratie“. Die anschließende Fragerunde dreht sich fast ausschließlich darum: Wie bringt man radikale Jugendliche von ihrem Weg ab? „Zunächst geht es darum, ihnen die Gewaltbereitschaft zu nehmen. Ihren Blick durch die ideologische Brille zu ändern. Zum Vollblutdemokraten macht sie das noch nicht“, sagt Diaw. Pause. „Man muss sie zwingen, selbst zu denken.“

 

   Vielleicht sollte man ihnen auch die Geschichte eines Burschen erzählen, der aus Syrien zurück nach Österreich kam. Einem Sozialarbeiter erklärte er: „Die da unten wollten uns verkaufen. Das sind Menschenhändler, die mit uns Geld machen.“ Kein Wort von Schokoriegeln oder Pools. Für die Deradikalisierung gilt: Je jünger die Betroffenen, je kürzer sie vom IS-Gedankengut befallen sind, um so eher sind sie davon abzubringen. Ein wichtiger Knackpunkt ist vor allem die Religion. „Wenn man den Jugendlichen zeigt, was wirklich im Koran steht und es ihnen erklärt, dann sehen sie, dass ihnen die selbst ernannten Prediger im Internet nicht die Wahrheit sagen“, erklärt Diaw.

 

   Doch dies setzt voraus, dass es Experten gibt, die sich mit dem Thema auskennen. Die meisten Lehrer fühlen sich eher überfordert. Diaw: „Im schlimmsten Fall, wird der Jugendliche von der Schule geworfen. Dann ist er erst recht alleingelassen.“

 

   Viele Fragen wird Diaw an diesem Abend noch im Vortragsraum in Wien beantworten, ehe es für ihn wieder in eine Schule geht. Zu einem Teenager, der sich radikalisiert hat.

 

 

 

 

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