Dienstag, 4. November 2014

2014.11.04.: Newsletter Bildung

Die Presse – 4. November 2014

 

"Das Thema Sexualität ist sowieso da"

 

   Erziehung. Soll Aufklärung im Kindergarten stattfinden? Ministerin Heinisch-Hosek regt mit ihrer Ansage auf. Dabei ist Sexualpädagogik in Kindergärten längst Thema. Um Sex geht es da aber selten.

 

   von Bernadette Bayrhammer Und Christine Imlinger

 

   Wien. Sexerziehung im Kindergarten: Mit diesem Thema sorgte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) jüngst für Aufregung: Sie sagte, Sexualerziehung könne nicht früh genug beginnen. Das Ministerium arbeite bereits daran, die Sexualpädagogik neu und modern zu gestalten.

 

   1. Sexualerziehung im Kindergarten: Ist das eigentlich neu?

   Nicht wirklich. Schon in einem Kindergartenbildungsplan aus dem Jahr 1975 findet sich Sexualerziehung als eigener Themenbereich, der im Kindergarten seinen Platz haben soll. Im aktuell gültigen Bildungsrahmenplan für Kindergärten (erarbeitet vor fünf Jahren) heißt es: "Die Entwicklung eines positiven, unbefangenen Verhältnisses zur Sexualität und zur eigenen Geschlechtsidentität ist Teil des sozialen und emotionalen Wohlbefindens. Sachrichtige Antworten auf kindliche Fragen beeinflussen die Einstellung zur Sexualität und tragen zur Prävention von Missbrauch bei."

 

   2. Wie läuft Sexualerziehung im Kindergarten derzeit ab?

   "Ganz alltäglich", sagt Heidemarie Lex-Nalis vom Dachverband Educare - und zwar immer entlang der Fragen der Kinder. "Man beantwortet Fragen, man macht keinen Unterricht." Olaf Kapella vom Institut für Familienforschung der Uni Wien sagt, dass ein stetes Begleiten wichtig sei. Aber: Gehe es um Themen wie Selbstbehauptung, könnten auch Workshops mit externen Pädagogen sinnvoll sein.

 

   3. Sex und Aufklärung als Thema im Kindergarten - ist das notwendig?

   Ein Gremium der WHO (dem Kapella angehört) empfiehlt die Sexualerziehung ab der Geburt. Da geht es freilich nicht um klassische Aufklärung, sondern um Körperbewusstsein, einen adäquaten Umgang mit Körperlichkeit und Gefühlen. Und um Antworten - das gilt eben auch für den Kindergarten. Da sei etwa die Frage typisch, wie ein Baby aus dem Bauch herauskommt. Da reiche die simple Antwort "durch die Scheide", sagt Kapella. Sexualität umfassend zu erklären sei nicht nötig. Von sich aus an Kinder herantragen sollte man aber Themen wie Körperteile, Gefühle und Wahrnehmung. "Kinder brauchen eine Sprache für Sexualität, keine Details über Geschlechtsverkehr."

 

   4. Ist Sexualerziehung nicht ein Vorrecht der Eltern?

   Weniger als die Hälfte der Österreicher - 47 Prozent - sehen Aufklärung laut dem aktuellen Frauenbarometer als Aufgabe für Bildungseinrichtungen. Nur zwölf Prozent der Befragten wollen bei Sexualerziehung im Kindergarten ansetzen, 36 Prozent ab der Volksschule, 41 Prozent mit spätestens zehn Jahren und elf Prozent erst ab 14. Würden Eltern darauf bestehen, sich um die Sexualerziehung ihrer Kindergartenkinder selbst zu kümmern, müsse man das im Extremfall respektieren, sagt Birgit Hartel, die wissenschaftliche Leiterin des Charlotte-Bühler-Instituts. "Es ist aber unrealistisch, dass Kinder bis zur Volksschule nie in Kontakt mit irgendeiner Facette von Sexualität kommen", sagt sie. "Und es ist ein Thema für Kinder." Gerade weil das für viele Eltern aber mit Ängsten verbunden ist, sei es wichtig, sie einzubeziehen, sagt auch Kapella: Etwa, wenn die Befürchtung bestehe, dass Kinder im Kindergarten sexualisiert würden. "Es geht darum, bei Themen, die ohnehin da sind und von den Kindern kommen, Fragen zu beantworten und Orientierung zu geben."

 

   5. Welche Rolle spielt frühkindliche Sexualpädagogik bei Prävention?

   Von Eltern, so Kapella, komme oft der Wunsch, mit Kindergartenkindern das Thema Missbrauch zu behandeln. Und da setzt Sexualerziehung an: "Bei Kleinkindern geht es ja nicht darum, Sexualität in ihrer Gesamtheit zu erklären. Es geht darum, eine Sprache für Körperteile und Gefühle zu finden. Ein gutes Körperbewusstsein zu entwickeln." So lernt ein Kind wahrzunehmen und mitzuteilen, was ihm unangenehm ist oder - im schlimmsten Fall - was genau passiert ist.

 

   6. Sind die Pädagogen dafür auch ausreichend ausgebildet?

   Ein eigenes Fach gibt es in den Kindergartenschulen zwar nicht, der Bereich wird - neben der Sexualerziehung für die Schüler - in der didaktischen Ausbildung thematisiert. Hartel: "Wenn das von den Lehrenden ernst genommen wird, würde ich meinen, dass das ausreicht." Untersuchungen, wie das umgesetzt wird, gibt es nicht.

 

   7. Gibt es in den heimischen Kindergärten Handlungsbedarf?

   Ja, sagt Forscher Kapella. Wiewohl im Kindergarten kein Curriculum notwendig sei, sei es wichtig, "die Leute nicht alleinzulassen". Er plädiert für eine Art Leitfaden für Sexualerziehung im Kindergarten.

 

 

 

 

Die Presse – 4. November 2014

 

Sexualpädagogik im Kindergarten: Finger weg?

 

Was genau will eigentlich Bildungsministerin Heinisch-Hosek?

 

   von DIETMAR NEUWIRTH

 

   Finger weg von meinen (Klein-)Kindern! Die erste Reaktion vieler Eltern auf eine Aussage von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek sollte niemanden überraschen. Die SPÖ-Politikerin hat da gemeint, die Sexualpädagogik könne "nicht früh genug beginnen". Stopp. Die Aussage ist möglicherweise unbedacht, jedenfalls aber verzichtbar.

 

   Verzichtbar, weil Sexualpädagogik ohnedies längst auch in den Kindergärten Einzug gefunden hat. Genau genommen seit den 1970er-Jahren, also den Zeiten eines gewissen Bruno Kreisky, um eine offenkundige Bildungslücke der Bildungsministerin zu schließen. Wozu also dann ihre "Ansage"? Ob die Ministerin (im Vorfeld des SPÖ-Bundesparteitages) bewusst "fortschrittlich" auftreten wollte?

 

   Nicht Kindergärtner, Sozial- oder sonstige Pädagogen - und schon gar nicht Politiker - entscheiden darüber, ob Sexualpädagogik im Kindergarten Einzug hält. Die Kinder selbst sind es, die in dieser Altersgruppe entscheiden, indem sie Fragen über dieses und jenes, genau, auch jenes, stellen - oder eben nicht. Dass Fragen aller Art, egal, ob diese Sexualität oder, um einen anderen sensiblen Bereich anzusprechen, Sterben und Tod zum Inhalt haben, von Kindergartenpädagoginnen altersgerecht beantworten werden, muss wohl als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden. Und dabei sollten wir es auch, gelassen gesagt, belassen.

 

 

 

 

Kleine Zeitung – 4. November 2014

 

Schulen fehlen die Sozialarbeiter

 

Rechnungshof rüttelt Politiker wach: Die steirische Schulsozialarbeit zeigt Erfolg, nur wird sie zu selten eingesetzt. Viele Städte sind unterversorgt.

 

   THOMAS ROSSACHER

 

   Sie wirken inner- und außerhalb der Klassen. Helfen Kindern, ihre Lebensprobleme zu meistern, um den Anschluss nicht zu verlieren: Schulsozialarbeiter, die von Beratung über Prävention bis Unterstützung ein breites Feld beackern. Und das mit Erfolg, wie der Landesrechnungshof nun feststellt: Übergriffe, Fehlstunden, Mobbingfälle oder Sachbeschädigungen sind dort, wo die Sozialarbeiter im Einsatz waren, klar zurückgegangen. Dennoch ist Schulsozialarbeit ein Minderheitenprogramm und auf Pilotprojekte und Initiativen reduziert. Das Land gab zuletzt zwischen 700.000 und 947.000 Euro im Jahr aus, der Bund beteiligte sich kaum. Und so kamen im letzten Schuljahr nur sechs Bezirke, heuer sieben zum Zug (abgesehen von einer Pilotschule). Doch die Auswahl ist laut Rechnungshof weder transparent noch nachvollziehbar. Die zwei Sozialarbeiterposten je Bezirk hat das Land nicht nur dorthin, wo es die meisten Probleme gibt, vergeben. Im aktuellen Schuljahr an Graz, Bruck-Mürzzuschlag, Murtal, Hartberg-Fürstenfeld, Voitsberg, Liezen und Deutschlandsberg. Aber potenzielle Brennpunkte wie Leoben, Leibnitz, Feldbach und Graz-Umgebung sind weiße Flecken auf der Landkarte. Steiermarkweit sind nur sechs Prozent der Pflichtschulen versorgt.

 

   Noch schlimmer steht es um den AHS-Bereich: „Da gibt es nichts“, bedauert Josef Zollneritsch, Schulpsychologe im Landesschulrat. Für ihn besteht kein Zweifel am Bedarf für Schulsozialarbeit. Am besten „wäre ein Unterstützungssystem aus mehreren Disziplinen für alle Standorte“. Leider sei das Geld dafür nirgendwo vorhanden.

 

   SP-Bildungslandesrat Michael Schickhofer wiederum kommt der Landesrechnungshofbericht nicht ungelegen: „Er deckt sich mit meinen Reformbestrebungen.“ Für einen Ausbau des Angebots braucht es freilich Bund und Landtag. Der Bund hat angekündigt, seine (wenigen) Mittel bis 2017 zu erhöhen.

 

 

 

 

Oberösterreichische Nachrichten – 4. November 2014

 

19.500 Lehrer wählen Personalvertreter Grüne sagen dem CLV den Kampf an

 

   Pflichtschule: Christlicher Lehrerverein (CLV) geht mit Mehrheit von 71,5 Prozent in Wahl

 

   Von Herbert Schorn

 

   linz. Mit harschen Tönen lassen die Grünen vor den Personalvertretungswahlen bei den Lehrern aufhorchen. "Es wird darum gehen, dem Allmachtsanspruch des CLV entgegenzutreten und diese Dominanz zu brechen", sagt deren Landtagsklubobmann Gottfried Hirz, selbst Lehrer, in Richtung des Christlichen Lehrervereins. Dieser verfügt bei den rund 12.300 oberösterreichischen Pflichtschullehrern traditionell über eine komfortable Mehrheit.

 

   Bei den Wahlen vor fünf Jahren bekamen dessen Mandatare in der landesweiten Personalvertretung, dem Zentralausschuss, 71,5 Prozent der Stimmen. Die Grünen Pädagogen, die auch heuer mit der "kritischen, unabhängigen Lehrerinitiative" (KULI-UG) antreten, landeten mit 15,7 Prozent auf dem zweiten Platz. Die sozialdemokratischen Lehrer (SLÖ-FSG) erreichten 12,8 Prozent. Besonders ärgert die Grünen, dass der CLV alle Mandate für freigestellte Personalvertreter unter sich aufteilte. Hirz: "Das muss sich nach der Wahl ändern."

 

   7200 Bundeslehrer wählen

 

   Die rund 7200 heimischen Bundeslehrer - also etwa in Gymnasien, HTLs oder HAKs - wählen am 26. und 27. November ebenfalls ihre Personalvertreter. Auch dort hat die VP-nahe "Fraktion christlicher Gewerkschafter" (FCG) jeweils eine komfortable Mehrheit mit 58,9 (BMHS) und 69,1 Prozent (AHS). An jeweils zweiter Stelle liegen die unabhängigen Gewerkschafter (ÖLI-UG), auf dem dritten Platz landete in beiden Gremien die "Fraktion sozialdemokratischer Gewerkschafter" (FSG). Insgesamt sind 19.500 Lehrer in Oberösterreich wahlberechtigt.

 

 

 

 

Oberösterreichische Nachrichten – 4. November 2014

 

"Es gibt keine Förderstunden mehr"

 

   Lehrervertreter kritisieren den Sparkurs der Regierung in den Schulen

 

   linz. Seit 1995 sei die Stundentafel für Hauptschulen von 133 auf 120 Stunden reduziert worden, sagt Franz Kaiser. Er ist Mitglied in der landesweiten Lehrer-Personalvertretung, dem Zentralausschuss, und Spitzenkandidat der Grünen Pädagogen für die Personalvertretungswahl am 26. und 27. November. Daneben unterrichtet er an der Neuen Mittelschule Neukirchen/Walde (Bezirk Grieskirchen) Mathematik und Informatik. Er sehe die Folgen des Sparkurses an seiner Schule: "Früher gab es für Deutsch, Mathematik und Englisch pro Klasse je eine Wochenstunde Förderunterricht. Jetzt haben wir für die ganze Schule 0,8 Wochenstunden." Auch Freifächer gäbe es - bis auf zwei Stunden Maschinschreiben in den ersten Klassen - nicht mehr.

 

  "Mehr Geld für Unterricht"

 

   Listenkollegin Renate Brunnbauer ("kuli/unabhängige Gewerkschafterinnen") nennt als weiteres Beispiel die überhastete Einführung der Neuen Mittelschule, die eine siebenstufige Notenskala mit grundlegendem und vertiefendem Niveau vorsieht: "Sobald schwächere Schüler ihre Leistung verbessern, werden sie nach dem vertiefenden Niveau beurteilt und erhalten erst wieder schlechtere Noten. Für Schüler ist das demotivierend."

 

   Beide fordern mehr Geld für den Unterricht und mehr pädagogisch unterstützendes Personal, etwa Psychologen, Betreuungslehrer oder Schulsozialarbeiter.

 

 

 

 

Österreich – 4. November 2014

 

Bildungsreform: Landesfürsten lassen die Regierung dunsten

 

Nicht-Start. Es ist bereits vier Wochen her, dass die Regierung ihre achtköpfige Arbeitsgruppe (u. a. mit Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek) für die Bildungsreform eingesetzt hat. Allein: Getagt hat sie bisher nicht einmal. Denn die Länder haben sich noch nicht abgestimmt -man will dies erst bei der Landeshauptleutekonferenz am 18. November (!) tun. Dann werden auch vier Verhandler nominiert: Hans Niessl, Peter Kaiser (SPÖ) sowie Erwin Pröll und Wilfried Haslauer (ÖVP). Man lässt die Regierung also dunsten - denn inhaltliche Abstimmung wäre ja gar nicht nötig. Die Landeschefs sind nur auf eines aus: Sie wollen die Oberhoheit auch über die Bundeslehrer - und damit ihre Machtposition noch ausbauen.

 

 

 

 

Der Standard – 4. November 2014

 

Österreich verletzt mit Sonderschulen UN-Konvention

 

Gutachten der Universität Innsbruck stellt fest: „Eindeutig konventionswidrig“

 

   Wien/Innsbruck – Juristen der Universität Innsbruck haben ein Rechtsgutachten über die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Österreich erstellt. Das Ergebnis: „Das Sonderschulmodell ist eindeutig konventionswidrig und verstößt damit gegen Völkerrecht“, sagt Karl Weber, Leiter des Instituts für Öffentliches Recht dem Standard. Bisherige Unklarheiten würden aus einem Übersetzungsfehler resultieren.

 

   In Tirol oder Niederösterreich werden derzeit noch mehr als die Hälfte der Schüler mit Behinderungen in Sonderschulen unterrichtet. In Tirol wurde gerade ein neuer Standort eröffnet. „Seit der Ratifizierung der UN-Konvention im Jahr 2008 hat sich kaum etwas getan“, sagt Behindertenanwalt Erwin Buchinger.

 

   Er hält es für möglich, dass Sonderschulen innerhalb von zehn Jahren abgeschafft werden könnten. Selbst Kinder mit Schädel-Hirn-Trauma oder Wachkomapatienten sollten in Regelschulklassen untergebracht werden. (red)

 

 

 

 

Der Standard – 4. November 2014

 

Sonderschulen verletzen UN-Konvention

 

   Ein Rechtsgutachten zeigt: Sonderschulen sind ein Verstoß gegen das Völkerrecht. In Tirol wurde gerade ein neuer Standort eröffnet. Eine Abschaffung des Systems sei innerhalb der nächsten zehn Jahre möglich.

 

   Wien/Innsbruck – Der Ruf aus Wien war offenbar vor der Tiroler Landesgrenze verhallt. Im August gab das Bildungsministerium bekannt, dass Sonderschulen für Kinder mit Behinderungen in Österreich ab 2020 nur noch die Ausnahme sein sollen. Vorreiter ist die Steiermark, die ab kommendem Jahr zur inklusiven Modellregion wird. In Innsbruck wurde vergangene Woche ein neuer Sonderschulstandort eröffnet. „Integration ja, aber es braucht sonderpädagogische Betreuung“, sagte Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) in der letzten Landtagssitzung. Er kenne persönlich Fälle, wo Inklusion nicht möglich sei.

 

   Übersetzungsfehler

 

   Ein noch nicht veröffentlichtes Gutachten der Universität Innsbruck klärt nun die völkerrechtliche Situation: „Das österreichische Sonderschulmodell verstößt eindeutig gegen die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und damit gegen Völkerrecht“, sagt Karl Weber, Leiter des Instituts für Öffentliches Recht, der an der Erstellung des vom Sozialministerium in Auftrag gegebenen Papieres beteiligt ist. Minister Rudolf Hundstorfer war kurzfristig nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

 

  Bisherige Unklarheiten seien auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen, weil das englische Wort „inclusion“ in der deutschen Version zu „Integration“ wurde. Das Bundeskanzleramt arbeite derzeit bereits an einer Neufassung, sagt Weber. „Die Länder sind jedenfalls verpflichtet, sich an Staatsverträge zu halten. Wenn Tirol durch den Bau einer Sonderschule die UN-Konvention verletzt, müsste die Bildungsministerin deutlich dagegen auftreten.“

 

   Schlusslicht in Bezug auf inklusiven Unterricht sind Tirol und Niederösterreich. In den beiden Bundesländern werden weniger als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, denen wegen körperlicher oder psychischer Einschränkung ein sogenannter Sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF) attestiert wird, integrativ beschult. In der Steiermark sind es derzeit rund 85 Prozent.

 

   „Seit der Ratifizierung der UN-Konvention im Jahr 2008 hat sich in Österreich kaum etwas getan“, sagt der ehemalige Sozialminister und heutige Behindertenanwalt Erwin Buchinger (SPÖ). Er fordert eine schrittweise Abschaffung der Sonderschulen. „Wenn man keine Neuaufnahmen ab 2016 beschließt, wäre das innerhalb der nächsten zehn Jahre möglich.“

 

   Auch Kinder im Wachkoma

 

   Buchinger kenne „viele positive Fälle“ – sogar Kinder mit Schädel-Hirn-Trauma und Wachkomapatienten könnten seiner Ansicht nach in Regelklassen unterkommen. „Der Lärm, das Lachen, das sind wichtige Anreize für diese Kinder.“ Er fordert eine kurzfristige Erhöhung der Fördermittel für behinderte Kinder, einen Rechtsanspruch auf Inklusion in Regelschulen auch für die Oberstufe – derzeit besteht er nur für die Pflichtschuljahre – und eine Abschaffung des SPF. Tirols Grüne würden sich für eine „gemeinsame Schule für alle“ einsetzen und „langfristig für ein Auslaufen des traditionellen Sonderschulsystems“ – mit dem schwarzen Regierungspartner sei man uneins.

 

   „In der Praxis gibt es für die Integration von Schülern mit Behinderungen viele Widerstände wie fehlende Barrierefreiheit und mangelnde Bereitschaft von Lehrern zur Integration“, sagt Landesrätin Christine Baur. Weber empfiehlt den Blick in Nachbarländer. In Italien wurden Sonderschulen bereits 1977 abgeschafft. „Wo es das Angebot gibt, funktioniert es, es ist bloß teurer.“ Kommentar S. 32

 

 

 

 

Der Standard – 4. November 2014

 

Sonderschulen

Fit für uns alle

 

   Wir alle sind behindert. Der eine ist kurzsichtig, der Nächste hochintelligent, andere sind alkoholabhängig. Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten und Schwächen, die längst nicht nur das Privat- und Berufsleben beeinträchtigen, sondern auch das soziale Gefüge. Der Unterschied zu geistigen oder körperlichen Handicaps? „Unsere“ Formen der Behinderung sind gesellschaftlich inkludiert.

 

   Konsequent weitergedacht ist das, was wir unter Behinderung verstehen, nicht mehr als ein willkürlich geschaffener Sonderstatus. Besonders manifest wird dieser im Bildungsbereich. In einigen Bundesländern werden noch rund die Hälfte der Kinder mit Behinderung in Sonderschulen untergebracht. Wie ein Rechtsgutachten zeigt, verstößt Österreich damit gegen die vor sechs Jahren unterzeichnete UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung – und damit gegen Völkerrecht.

 

   Es wäre billig, das System Sonderschule den betroffenen Bildungseinrichtungen vorzuwerfen und diese zu verteufeln. Das Thema Inklusion im Unterricht ist facettenreich: Es geht darum, geeignete Curricula aufzubauen, neue Lehrmaterialien zu entwickeln und Lehrer entsprechend auszubilden. Dafür braucht es eine breite politische Debatte – und die könnte man auch einmal anders führen: Wir müssen behinderte Menschen nicht für unsere Gesellschaft fit machen, sondern die Gesellschaft fit für uns alle.

 

 

 

 

ORF.at – 4. November 2014

 

„Dschihadistische Gefährdung“: Info für Schulen

 

Rund 150 Wiener Schuldirektoren werden heute vom Verfassungsschutz informiert, wie „dschihadistische Gefährdung“ erkannt werden kann. Anlass ist auch der Fall eines 14-Jährigen, der angeblich einen Anschlag am Westbahnhof plante.

 

Ednan Aslan von der Abteilung für Islamische Religionspädagogik der Universität Wien und der Wiener Verfassungsschutz-Chef Erich Zwettler werden in der Pädagogischen Hochschule referieren. Aslan soll laut Organisator Heinz Ivkovits von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems den Unterschied zwischen „radikal gelebtem, aber friedlichem Islam und radikalisierenden, auf Gewalt ausgerichteten Tendenzen“ herausarbeiten und erläutern, was genau unter Dschihad zu verstehen ist.

 

Verfassungsschutz gibt Hinweise

 

Zwettler soll unterdessen die Schulleiter aufklären, auf welche Ausdrücke man etwa bei Schülern, die aus Regionen wie Syrien zurückkehren, achten sollte, und ihnen schildern, was die Direktoren nach dem Erkennen einer „dschihadistischen Gefährdung“ selbst tun können und was der Verfassungsschutz tun kann.

 

„Änderungen in der Bekleidung, starke Nutzung von sozialen Netzwerken, Abwesenheit von der Schule“, nannte Zwettler gegenüber „Radio Wien“ als Punkte, die für Schuldirektoren, Lehrer oder Jugendarbeiter zu beachten sind. Auf die Hilfe dieser Gruppen setzt die Wiener Polizei im Kampf gegen radikale Tendenzen. Die speziellen Schulungen sollen helfen, pubertäre Sprüche von echter Gefährdung zu unterscheiden.

 

Zwei Hauptziele hat die Polizei: die Reise von Jugendlichen ins Kriegsgebiet nach Syrien und Anschlagspläne bei uns, etwa von Rückkehrern, zu verhindern. „Wir haben eine gewisse Gefährdungslage, schon allein deshalb, weil es etliche Personen gibt, die im Kampfeinsatz waren und nach Österreich zurückgekehrt sind“, meinte Zwettler. 60 Rückkehrer aus dem Kriegsgebiet sind polizeibekannt. Dabei handelt es sich laut Zwettler durchwegs um Erwachsene.

 

Information auch auf Bundesebene

 

Das Bildungsministerium setzt ebenfalls auf Information: Allen Schulen wurde der Folder „Jugend und Extremismen“ mit umfangreicher Linkliste und Literaturtipps zugeschickt. Außerdem sollen bei allen Herbstkonferenzen Schulaufsicht, Schulpsychologen sowie Leiter von Schulen und Pädagogischen Hochschulen (PH) zu den Themen „Extremismus - Deradikalisierung - Dschihadismus“ informiert werden. Das Vermittlungsprojekt „erinnern.at“ stellt den Schulen außerdem einen Expertenpool zur Verfügung.

 

Außerdem gebe es Kooperationsgespräche mit der Wiener Initiative zur De-Radikalisierung aus Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft und dem Bundesnetzwerk offene Jugendarbeit BoJa zusammen, heißt es aus dem Ministerium. In Vorbereitung ist auch eine intensivere Zusammenarbeit von Landesschulräten und Kirchen sowie Religionsgemeinschaften zur Qualität des Religionsunterrichts.

 

14-Jähriger fiel durch Aussagen und Verhalten auf

 

In der Vorwoche wurde in St. Pölten ein 14-Jähriger festgenommen, der sich durch Aussagen und Verhaltensweisen zunehmend radikalisiert hatte. Der Schüler soll sich etwa im Internet kundig gemacht haben, wie man unkonventionelle Sprengvorrichtungen bauen könne. Selbige hätte er laut Landespolizeidirektion Niederösterreich in größeren Menschenmengen zünden wollen, etwa auf dem Westbahnhof.

 

 

 

 

 

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