Mittwoch, 5. November 2014

2014.11.05.: Wiener Zeitung Bildung

Wiener Zeitung – 5. November 2014

 

„Das Bildungssystem ist ungerecht“

 

Die ehemalige AHS-Direktorin und Buchautorin Heidi Schrodt erklärt im Interview, wie eine Schule für eine multikulturelle Schülerschaft aussehen sollte und warum Lehrer zu wenig in Sachen Diversität ausgebildet werden.

 

    Clara Akinyosoye

 

    Wien. Die ehemalige AHS-Direktorin und Buchautorin Heidi Schrodt übt Kritik an dem heimischen Bildungssystem. Die Schulen hätten sich kaum auf die Migrationsgesellschaft eingestellt, wie sie in ihrem neuen Buch „Sehr gut oder Nicht Genügend“ und im Interview mit der „Wiener Zeitung“ erklärt.

 

    „Wiener Zeitung“: Bei den vielen Baustellen im Bildungssystem haben Sie sich in Ihrem neuen Buch „Sehr gut oder Nicht Genügend“ auf die Situation von migrantischen Schülern konzentriert. Warum?

    Heidi Schrodt: Das Thema wurde jahrzehntelang sträflich vernachlässigt. Es gibt inzwischen viele sprach- und erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse dazu. Aber eine Zusammenschau der Situation hat es bisher nicht gegeben. Ich wollte das Thema auch für interessierte Laien aufbereiten. Wir sind eine sehr ausgeprägte Migrationsgesellschaft, aber die Schule hat darauf nicht annähernd adäquat reagiert.

 

    Im öffentlichen Diskurs wird den Migrantenkindern oft vorgeworfen, sie würden das Niveau nach unten nivellieren.

    Das ist Populismus. Österreich hat ein ungerechtes Bildungssystem. Benachteiligung entsteht aufgrund sozialer Faktoren. Benachteiligt ist, wer aus einem ökonomisch schwachen und bildungsfernen Elternhaus kommt. Wenn noch eine andere Erstsprache dazukommt, ist es besonders hart. In Österreich haben wir einen überproportional hohen Anteil an Zuwanderern, die ökonomisch schwach und bildungsfern sind. Die Schule hat sich nicht darauf eingestellt. In den Grundstrukturen ist sie wie in den 60er Jahren – einsprachig und monokulturell.

 

    Wie soll eine Schule aussehen, die fit für eine multikulturelle Schülerschaft ist?

   Es muss viele Möglichkeiten zur Autonomie geben. In Zwettl, wo nur ein Prozent der Schüler eine andere Erstsprache als Deutsch spricht, braucht man keine zusätzlichen Ressourcen zur Sprachförderung. Auf jeden Fall muss schon vor dem verpflichtenden Kindergartenjahr dafür gesorgt werden, dass Kinder Deutsch lernen können. Ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr wäre gut für alle.

 

    Für alle, die es brauchen, sagt Integrationsminister Sebastian Kurz.

    Das lehne ich ganz ab. Wir sind noch immer nicht dort angelangt, dass der Kindergarten als wichtige Bildungseinrichtung angesehen wird. Es wäre diskriminierend und außerdem nicht zu administrieren. Abgesehen davon muss die Ausbildung der Elementarpädagogen auf tertiärem Niveau stattfinden. Das Wissen darüber, welche Prozesse bei Kindern ablaufen, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen und welche Rolle die Erstsprache spielt, muss schon im Kindergarten vorhanden sein.

 

    Werden Lehrer in der Ausbildung auf die Herausforderungen einer so heterogenen Klasse vorbereitet?

   Da gibt’s zu wenig. Auch in der „Lehrerausbildung neu“ kommt die Diversität zu kurz. In Wien hat die Mehrheit der Volksschulkinder eine andere Erstsprache als Deutsch. Es gibt auch in der Weiterbildung zu wenig Angebote. Die Lehrer müssen lernen wie sie mit den unterschiedlichen Hintergründen und Religionen umgehen – und mit den Schwierigkeiten, die damit manchmal verbunden sind. Sie müssen in der Sprachstandsdiagnostik ausgebildet werden. Es sollte außerdem strengere Auswahlverfahren geben. In Finnland wird nur jeder zehnte Bewerber auch wirklich aufgenommen.

 

    Sie haben sich in der Vergangenheit für sozialindizierte Mittelverteilung an Schulen ausgesprochen. Ist das in Österreich umsetzbar?

   Der politische Wille wäre da. Schulen, die viele Kinder mit Benachteiligungen haben, müssten mehr Geld bekommen. Das wäre eine wichtige Maßnahme. Die Finanzierung ist das Problem. Dem Unterrichtministerium fehlen Millionen.

 

    Sie möchten gleiche Chancen für benachteiligte Migrantenkinder, aber bisher ist es nicht einmal gelungen einheimischen Arbeiterkindern beim sozialen Aufstieg zu helfen. Lässt Sie das nicht verzweifeln?

   Es ist natürlich eine Schande für Österreich, dass ein so wohlhabendes Land ein so in-egalitäres Schulsystem hat, das so viele ausschließt. Das sollte uns zu denken geben. Ich bin schon zu lange im System, um zu verzweifeln, aber es ist traurig.

 

    Was halten Sie von getrennten Klassen, in denen Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen unterrichtet werden?

   Kinder müssen von Anfang an in einem regulären Klassenverband sein und ihre sozialen Kontakte knüpfen. Wenn Kinder für Intensivförderungen aus der Klasse rausgenommen werden, ist das o.k., gerade für den Erwerb der Bildungssprache Deutsch kann das auch umfangreich sein, aber zum Beispiel in Turnen, Werken, Bildnerischer Erziehung oder auch in Mathematik können sie oft sehr schnell in der Stammklasse mitmachen.

 

    In ihrem Buch beschreiben Sie, dass Lehrer mitunter keine Fünfer mehr geben. Ist das nicht eine Bankrott-Erklärung des Schulsystems?

   Das ist es. Es zeigt sich hier, wie bei keinem anderen Thema, dass es so nicht weitergehen kann. In der Volksschule wird Kindern aus gutbürgerlichen Häusern oft das „Sehr gut“ geschenkt, damit sie ins Gymnasium kommen. Und vor allem in Wiener Neuen Mittelschulen und Hauptschulen werden in der achten Schulstufe keine „Nicht Genügend“ gegeben, um den Jugendlichen nicht die Chancen zu verbauen. Da gibt es große Hilflosigkeit. Mitunter geht es auch darum, die Statistiken zu beschönigen.

 

    Wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?

   Beim Übergang von Kindergarten zur Volksschule läuft viel falsch. Diagnosebögen und Förderbögen werden nicht übermittelt. Die Kinder kommen quasi blank in die Schule. Und der Schnitt mit zehn Jahren gehört ersatzlos gestrichen. Er trifft Kinder, die noch nicht Genügend Deutsch können, am härtesten. Auch Kinder, die in Österreich geboren sind, schleppen mit zehn oft noch Defizite mit.

 

    Einige Experten sehen das anders.

   Niemand, der seriös sein will, bestreitet noch, dass die Trennung mit zehn Jahren die soziale Ungerechtigkeit befördert. Das heißt aber nicht, dass eine gemeinsame Schule per se gut oder schlecht ist. Es kommt auf die Qualität an.

 

    Das System wird sich nicht über Nacht komplett neu erfinden. Wie kann man das was wir haben verbessern?

    Ich würde massiv in die Lehrerfortbildung investieren und auf die Sprachförderkompetenz setzen. Es braucht ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr und bessere Förderung von Quereinsteigern bis zum 18. Lebensjahr. Es müsste flexible Lerngruppen in den Schulen geben und eins würde ich sofort abschaffen – dazu bräuchte es nur eine Verordnung des Bildungsministeriums –, dass ein Kind mit einer anderen Erstsprache ein Gut in Deutsch haben muss, um sich im Gymnasium anmelden zu können.

 

    Eine ehemalige Lehrerin darf man das fragen: Welche Note würden Sie der Bildungspolitik im Fach: „Migration in der Schule“ geben?

   Ich bin mehr für verbale Beurteilungen. Ich würde sagen: Du musst dich noch sehr anstrengen, um dein Lernziel zu erreichen.

 

   Dass Migrantenkinder in der Schule das Niveau nach unten nivellieren würden, hält Schrodt für Populismus.

 

 

 

 

 

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