Dienstag, 11. November 2014

2014.11.12: Newsletter Bildung

Die Presse – 12. November 2014

 

 

Mitterlehner für Sanktion für Schüler

Der Vizekanzler tritt dafür ein, dass die Schulpartner entscheiden, wie Schüler für Fehlverhalten geradestehen. Strafen wie früher lehnt er als Rückschritt ab.

Wien. Der oberösterreichische Landesschulratspräsident, Fritz Enzenhofer (ÖVP), hat mit einem Vorstoß für eine Art „Sozialdienst“ der Schüler, die sich im Unterricht danebenbenehmen, die Diskussion um Strafen in den Schulen neu entfacht. Während SPÖ und Grüne aufschrien, signalisiert sein Landsmann Vizekanzler ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner grundsätzlich Verständnis für das Anliegen.

Im Gespräch mit der „Presse“ präzisiert Mitterlehner aber, dass er sich derartige Sanktionen bei Fehlverhalten von Schülern nur unter bestimmten Bedingungen vorstellen kann. Ihm gefalle aber schon das Wort Sozialdienst nicht, erst recht halte er Strafe oder „auf die Finger klopfen“ für überholt und für einen „pädagogischen Rückschritt“: „Sanktionen und Strafen im früheren Sinne halte ich nicht für sinnvoll.“ Deswegen ist er auch unglücklich, dass diese Debatte – wie in der Vorwoche in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ – mit einem Bild vom Lehrer Lempl illustriert wurde.

Womit kann sich nun der ÖVP-Obmann anfreunden? Er schlägt vor, dass die konkrete Vorgangsweise bei Fehlverhalten jedenfalls auf der Ebene der Schulpartner, also von Eltern, Lehrern und Schülern, an den Schulen entschieden werden soll. Hingegen solle sich die Politik aus dieser Diskussion heraushalten: „Ich halte das für eher ausgereizt.“ Maßnahmen nach Fehlverhalten könnten dann erfolgen, wenn dadurch ein Schaden eingetreten ist und zu dessen Behebung beigetragen werde. Für sinnvoll hält er beispielsweise, dass nach einem Alkoholexzess eines Schülers diesem eine konkrete Aufgabe im Rahmen des Unterrichts gestellt werde. Das könnte ein Referat über die Folgen von Suchtverhalten und Alkoholkonsum sein.

Lehrer klagen über Schüler

Der Ausbruch der nunmehrigen Diskussion kommt sicher nicht zufällig. Schließlich stehen bei den Pflichtschullehrern und den Pädagogen an höheren Schulen am 26. und 27. November Personalvertretungswahlen an. Viele Lehrer klagen darüber, dass sie einzelner Schüler, die den Unterricht stören, kaum mehr Herr werden könnten.

 

 

Die Presse – 12. November 2014

 

 

Gratisnachhilfe: 8600 Volksschüler werden betreut

An den Volksschulen ist die Förderung 2.0 voll angelaufen. Für die älteren Schüler suchen die VHS nach Lernbetreuern.

Es ist ein Prestigeprojekt des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl (SPÖ): die sogenannte Gratisnachhilfe. Knapp anderthalb Monate nach dem Start ist die Nachhilfe nun zumindest an den Volksschulen voll angelaufen. An 218 der 220 öffentlichen Volksschulen werden solche Kurse – für Schüler mit Lernschwierigkeiten in Mathe oder Deutsch oder solche, die Betreuung bei den Hausübungen brauchen – inzwischen abgehalten. Rund 8600 Schüler besuchen sie.

Die Kurse dauern in der Regel jeweils zwei Stunden. Jede öffentliche Schule hat dabei Anspruch auf eine Förderstunde pro Woche und Klasse. Eine zweite Förderstunde pro Klasse wird jenen Schulen zugestanden, die diese Kurse am dringendsten brauchen. Soll heißen: Die Zuteilung erfolgt auch nach den sozioökonomischen Rahmenbedingungen einer Schule.

Die Zahl der Schüler könnte noch steigen. „Der wirkliche Bedarf ist nach den ersten Elternsprechtagen“, sagt Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl gegenüber ORF Wien. „Wenn es so Anfang Dezember die ersten Sprechtage gibt, wird sich auch der wahre Bedarf der Nachhilfe herausstellen.“ Die Nachhilfelehrer sind in der Regel normale Volksschullehrer, die für die Lernhilfe auf Mehr- oder Überstundenbasis arbeiten.

VHS suchen Lernbetreuer

Nach den Semesterferien soll die Gratisnachhilfe dann auch für die Zehn- bis 14-Jährigen starten. Wie das konkret ablaufen wird, ist noch nicht ganz geklärt. Die Wiener Volkshochschulen – die diese Förderung für die älteren Schüler organisiert – sucht seit vergangener Woche jedenfalls offiziell nach Personen gesucht, die diese Lernhilfe anbieten können. Die Förderung soll demnach aber direkt an den AHS- und NMS-Standorten durchgeführt werden.

 

 

Die Presse – 12. November 2014

 

 

Bayerns Lehrer wollen den Dialekt fördern

Der Lehrerverband fordert, dass in den Schulen mehr Dialekt gesprochen wird. Mehrsprachigkeit sei positiv.

Die bayerischen Lehrer sorgen sich um den Dialekt. Wie der „Spiegel“ online berichtet, fordert ihr Verband, dass in den Volksschulen mehr Dialekt gesprochen wird: Das Vorurteil, dass Mundart die Sprach- und Lernfähigkeit behindere, gehörte schnellstens abgebaut. Denn es herrsche längst Einigkeit darüber, dass Mehrsprachigkeit die Entwicklung von Kindern positiv beeinflusse.

In Österreich ist man noch nicht ganz so weit: Lehrervertreter Paul Kimberger kritisiert zwar, dass Spezifika der österreichischen Sprache zunehmend in Vergessenheit geraten würden, und fordert, auf diese nicht zu verzichten. Eine eigene Dialektinitiative hält er jedoch nicht für nötig.

 

 

"Die Presse" vom 12.11.2014                               Seite: 12,13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Kindergarten: Von Aufbewahrung über Wirrwarr bis Zwang

 

   Von A bis Z. Die Ansprüche an den Kindergarten werden immer höher. "Die Presse" hat sich angesehen, was der Kindergarten können soll, wie es derzeit aussieht und wo es am meisten hakt.

 

   von Bernadette Bayrhammer und Rosa Schmidt-Vierthaler

 

   Wien. Ein bloßer Aufbewahrungsort ist der Kindergarten längst nicht mehr - ganz im Gegenteil. Der Kindergarten hat in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung zugelegt. Er ist zur Bildungseinrichtung geworden - er soll ein sogenannter "Bildungsgarten" sein. Die Annahme: Die frühe Förderung bestimmt mitunter auch den weiteren Bildungs- und Lebensweg. Das bedeutet auch, dass die Aufgaben, die der Kindergarten tunlichst erfüllen sollte, immer mehr werden: "Die Presse" hat sich angesehen, was der Kindergarten können soll, wie der Status quo ist und wo die größten Probleme liegen.

 

   Ausbau. Gibt es genügend Plätze in den Kindergärten bzw. in den Krippen? Das sogenannte Barcelona-Ziel ist jedenfalls bei den Kleinsten noch nicht erreicht: Wien ist das einzige Bundesland, das die Betreuungsquote von 33 Prozent bei den unter Dreijährigen übertrifft. Im Schnitt liegt die Quote laut Zahlen der Statistik Austria (2013) bei 23 Prozent. Hier hat sich in den vergangenen Jahren schon einiges getan, bis 2017 investiert nun der Bund mehr als 300 Millionen Euro, damit das Ziel in allen Ländern erreicht wird. Bei den Drei- bis Sechsjährigen besuchen mehr als 90 Prozent eine Betreuungseinrichtung.

 

   Bürgermeister. Die Gemeindechefs zahlen die Gehälter der allermeisten Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen; die Gemeinden sind der größte Träger von Kindergärten. Deshalb wehren sie sich gegen eine Reform der Ausbildung und (so lang sie zahlen) eine Aufwertung. Pädagogen brauchten ein gutes Herz und ein gutes Händchen für Kinder - und keine akademische Ausbildung, so Gemeindebund-Chef Helmut Mödlhammer. Und weiter: "Wenn der Kindergarten zur Bildungseinrichtung wird, werden ihn Gemeinden nicht mehr finanzieren."

 

   Christlich. Die katholische Kirche ist auch in der Kinderbetreuung relativ stark vertreten. An die zehn Prozent der Kindergärten, Krippen und altersgemischten Einrichtungen werden laut Statistik Austria von ihr betrieben. Evangelische Einrichtungen gibt es weniger (elf Krippen, 33 Kindergärten), andere Religionsgemeinschaften werden nicht separat aufgeführt (siehe J). Vereine - diese reichen von elternverwaltet bis religiös geprägt - betreiben nach den Gemeinden die meisten Einrichtungen.

 

   Deutsch. Die Sprachförderung muss im Kindergarten beginnen, darin herrscht Einigkeit (siehe I). Derzeit arbeiten allein in Wien rund 100 Förderassistentinnen, die die Kinder beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützen. Die ÖVP wünscht sich ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für Kinder, die schlecht Deutsch sprechen (siehe Z) - eine Sprachstandsfeststellung bei den Dreieinhalbjährigen soll darüber entscheiden. Derzeit wird je nach Bundesland unterschiedlich getestet.

 

   Einschulung. Bislang entscheidet allein die Schule über die Schulreife, das soll sich aber ändern. Künftig sollen die Kindergärten ein Mitspracherecht erhalten und die Zusammenarbeit an der Schnittstelle verbessert werden. So sollen nach den Plänen der Regierung auch Volksschullehrer für einige Stunden pro Woche in die Kindergärten geschickt werden und den Übergang erleichtern - die Kindergartenpädagogen sollen in der Schule vorbeischauen.

 

   Fünfjährige. Für das letzte Jahr vor der Schule gibt es in den meisten Kindergärten ein spezielles Programm. Viele Ausflüge, spezielle Materialien und eine Portfoliomappe werden eingesetzt, von Druck ist aber kaum die Rede. In Japan dagegen entscheidet das "Abschneiden" im Kindergarten schon darüber, welche Schule Kinder dann besuchen dürfen.

 

   Gehalt. Das niedrige Gehalt der Pädagogen wird immer wieder kritisiert. Doch nicht nur das: Der Dachverband der Kindergarten- und HortpädagogInnen ortet österreichweit mindestens 17 verschiedene Lohnverhältnisse. Das Einstiegsgehalt (ohne Zulagen) reicht demnach von 1735 Euro im Burgenland bis 2420 Euro in privaten Kindergärten in Vorarlberg. Grund für das Chaos ist auch die Länderkompetenz (siehe W).

 

   Holzspielzeug. Während an Elternabenden gern darüber gestritten wird, ob die Kleinen ihre Barbies und ferngesteuerten Autos mit in den Kindergarten nehmen dürfen, setzen die Institutionen auf Holz oder sogar weniger: Der Trend geht in Richtung "spielzeugfreier Kindergarten", wo wochenweise oder ganz auf all diese Produkte verzichtet wird (siehe K). So soll wieder Spielraum für Fantasie und Kreativität geschaffen werden.

 

   Integration. Integration von Migrantenkindern beginnt im Kindergarten. Das ist der Tenor von so ziemlich allen Seiten. Im Wesentlichen geht es dabei um das Erlernen der deutschen Sprache (siehe D). Wie gut Deutsch Kinder vor Schuleintritt können müssen, darüber ist man sich aber uneins.

 

   Jihad. Die Debatte über Jihadismus hat auch die Kindergärten in den Fokus gerückt, konkret: die islamischen. Diese gelte es im Sinne von Prävention und bestmöglicher Integration (siehe I) besser zu kontrollieren, forderte zuletzt Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP). Das Problem: Es ist nicht klar, wie viele islamische Kindergärten es überhaupt gibt. Schätzungen für Wien liegen zwischen 80 und 150 Einrichtungen. Eine Erhebung, wie Kurz sie angekündigt hat, gab es noch nicht.

 

   Kneipp. Ohne Englisch, Sport- oder Musikprojekte kommt heute ohnehin kaum ein Kindergarten aus. Die Profilbildung geht allerdings noch um einiges weiter: So gibt es mehrere Kneipp-Kindergärten, in Wien einen geschlechtsneutralen Kindergarten, der auf typische "Buben- und Mädchensachen" verzichtet. Es gibt spielzeugfreie Kindergärten und zahlreiche Waldkindergärten, wo die Kinder täglich im Freien sind.

 

   Lobby. Das große Problem: Die Pädagoginnen und -pädagogen haben keine politische Lobby. Verbände wie jener der Kindergarten- und HortpädagogInnen oder die Plattform Educare versuchen zwar, Arbeits-und Ausbildungsbedingungen zum Thema zu machen. Druck aufzubauen gelingt allerdings nur selten, obwohl die Kindergarten- und Hortpädagogen mit rund 53.000 relativ zahlreich sind.

 

   Mängel. Vor allem die Betreuungsrelationen werden immer wieder kritisiert. Laut dem Dachverband der Kindergarten- und HortpädagogInnen kommen im Schnitt 25 Kinder auf einen Pädagogen - dazu kommen noch Unterstützungskräfte. Auch hier gilt aber: Jedes Bundesland hat eine andere Regelung, berechnet die Verhältnisse anders und definiert die Daten anders (siehe W).

 

   Natur. Seitdem ein Kärntner Kindergarten 10.000 Euro zahlen musste, weil ein Mädchen sich beim Sturz von einem Baum den Arm gebrochen hatte, dürfte das freie Spiel in der Natur noch mehr leiden. Dabei ist mittlerweile bei Kindern schon von einer "Natur-Defizit-Störung" die Rede - und fast immer wird eine künstliche Umgebung geschaffen, in der Kinder sich kaum verletzen können.

 

   Öffnungszeiten. Im Schnitt sind Krippen laut Statistik Austria 15 Tage pro Jahr geschlossen, Kindergärten 29 Tage. Wie es wirklich aussieht, kommt aber natürlich auf die einzelne Einrichtung an - und wie so oft auf das Bundesland (siehe W). In Wien sind Krippen durchschnittlich 3,1 Tage geschlossen, im Burgenland 31,2 Tage. Kindergärten sind in Wien 3,3 Tage geschlossen, in Vorarlberg 55,5 Tage. Wiens Einrichtungen bieten auch die längsten Tagesöffnungszeiten an: Neun von zehn haben zehn und mehr Stunden geöffnet.

 

   Preis. Für die Fünfjährigen ist zumindest der halbtägige Kindergartenbesuch in ganz Österreich beitragsfrei. In einigen Bundesländern geht man deutlich darüber hinaus: In Wien sind ab null Jahren und auch ganztägig keine Beiträge zu bezahlen, auch im Burgenland, Niederösterreich, Oberösterreich und Tirol sind Kindergärten bzw. Krippen schon für jüngere Kinder und/oder für mehr Stunden beitragsfrei. In der Steiermark wurde der einstige Gratiskindergarten für Kinder ab drei Jahren inzwischen wieder abgeschafft.

 

   Q ualität. Woran auch immer man diese im Kindergarten messen mag - laut unterschiedlichen Studien spielt sie jedenfalls eine entscheidende Rolle. Das Institut der Bildungsforschung der Wirtschaft legt dar, dass qualitativ hochwertige frühkindliche Betreuung die kognitiven Fähigkeiten, die Lernbereitschaft, den späteren Schulerfolg und das Sozialverhalten der Kinder positiv beeinflusst. Das Institut sieht daher auch einen "hohen volkswirtschaftlichen Nutzeneffekt" einer qualitativ hochwertigen Frühförderung.

 

   Rechtsanspruch. Deutschland macht es vor - wenngleich begleitet von (Qualitäts-)Problemen: Seit vorigem Jahr gibt es dort einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag. Das hat auch die SPÖ bereits gefordert. Trotzdem blitzten Wiens Grüne zuletzt beim roten Koalitionspartner mit der Forderung nach einem Anspruch ab zwei Jahren ab. Das Argument: Das würde zulasten jüngerer Kinder gehen.

 

   Sexualerziehung. Ob das wirklich eine Aufgabe des Kindergartens sein soll, darüber scheiden sich die Geister. Nur zwölf Prozent der Österreicher wollen mit der Sexualerziehung laut aktuellem Frauenbarometer im Kindergarten ansetzen. Kein Wunder, dass die Wogen jüngst hoch gingen, als die Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) meinte, Sexualerziehung könne nicht früh genug beginnen. Tatsächlich findet diese im Kindergarten ohnehin bereits statt. Mit Sexualkundeunterricht wie in der Schule hat das aber nicht viel zu tun: Die Pädagogen beantworten die Fragen der Kinder.

 

   Technik. Ja, die Wirtschaft sucht händeringend nach Technikern und Naturwissenschaftlern - und sieht die Lösung bisweilen im Kindergarten: Man könne gar nicht früh genug beginnen, die Kinder an diese Themen heranzuführen und sie dafür zu begeistern. Oder, wie es OMV-Chef Gerhard Roiss einmal ausgedrückt hat: Standortpolitik beginnt im Kindergarten.

 

   Universitär. Sollen Kindergartenpädagogen akademisch ausgebildet werden oder nicht? Laut Regierungsprogramm wäre zumindest ein solches Angebot ein Ziel. Inwiefern (und für wen) das umgesetzt wird, ist aber sogar innerhalb der einzelnen Koalitionsparteien strittig. So blitzte Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) kürzlich bei Familienministerin Sophie Karmasin ab: Vorstellbar wäre das nur für Managementebene und zur Vertiefung. Die Gemeinden sind allein schon aus finanziellen Gründen dagegen (siehe B).

 

   Verantwortung. Immer wieder kommt dieselbe Forderung: Das Bildungsministerium soll die Verantwortung für die Kindergärten übernehmen. Denn viele der Probleme haben ein und dieselbe Ursache: dass die Kompetenzen für die Kindergärten nämlich in der Hand der Länder liegen (siehe W).

 

   Wirrwarr. Unterschiede bezüglich Bezahlung, Betreuungsschlüssel, Ausbildung der Hilfskräfte: Es fehlt ein einheitlicher Standard für Kindergärten. Vielfach wird daher ein bundesweit einheitliches Rahmengesetz gefordert, um den Wirrwarr zu beenden.

 

   X-Chromosom. Frauen stellen ganz klar die Mehrheit unter den Pädagogen. In Krippen, Kindergärten und Horten sind laut Statistik Austria weniger als zwei Prozent des Personals Männer. Das wird immer mehr als Problem gesehen (siehe Y).

 

   Y-Chromosom. Experten gehen davon aus, dass mehr Männer im Kindergarten wichtig wären - laut einer Studie der Uni Innsbruck verhalten sich etwa Kinder anders. Das Familienministerium hat reagiert: Bis 2017 kann jedes Bundesland 50.000 Euro investieren, um Werbung für den Beruf zu machen, insbesondere bei Männern.

 

   Zwangskindergarten. Das ist die Befürchtung mancher, wenn es um die Ausweitung der Kindergartenpflicht geht. Die SPÖ ist für ein zweites Pflichtjahr - die ÖVP will das für jene Kinder, bei denen vor allem im Bereich der Sprache zusätzlicher Förderbedarf besteht. De facto geht es hier aber ohnehin um relativ wenige Kinder: Mehr als 94 Prozent der Vierjährigen besuchen bereits den Kindergarten. Ein Grund dafür, dass man hier zögerlich ist, ist übrigens wieder das Geld: Ist der Kindergarten Pflicht, müsste er wohl auch gratis sein (siehe P).

 

 

Die Presse – 12. November 2014

 

 

„Alle Beteiligten handeln aus Angst“

Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, dass die heutige Erziehung nur wenig mit den Bedürfnissen der Kinder zu tun hat.

Die Presse: In Ihrem Buch geht es immer wieder um die Geschichte der Erziehung. Wann wären Sie selbst gern Kind gewesen?

Herbert Renz-Polster: Ich war gern in den 1960er- und 1970er-Jahren Kind. Da waren Bindung und Beziehung schon wichtig, gleichzeitig hatten wir viel Autonomie.

Und heute?

In Erziehung und Bildung geht es nicht um die Kinder, sondern um die Funktionen, die diese Kinder einmal einnehmen sollen. Dabei reden alle mit, die an diesen Funktionen Interesse haben. Wir haben so viel mit ihnen vor, dabei sehen wir nur nach vorn und haben den Blick nicht mehr auf den Kindern.

Sie schreiben, wenn das Kind seine Funktion brav erfüllt, wird es mit Status belohnt, „der sozialen Währung schlechthin“.

Eltern wollen für ihre Kinder eine erfolgreiche Laufbahn. Eigentlich sind wir alle in einen Systemprozess eingespannt, in dem die Eltern die führende Rolle übernehmen, weil Erfolg immer auch mit Aufstieg belohnt wird.

Kann man das den Eltern vorwerfen?

Nein, man kann es ihnen nicht vorwerfen. Aber was man feststellen kann, ist, dass eigentlich alle Beteiligten aus Angst handeln. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder funktionieren, damit sie erfolgreich sind – auch, wenn sie selbst unter der Beschleunigung leiden. Oft sind sie getrieben von Sorgen und Ängsten, dass die Kinder nicht mithalten können, wenn sie sie nicht fit für die Zukunft machen. Die Frühpädagogik wiederholt Ansagen, die aus der Wirtschaft kommen. Daraus spricht auch Angst: dass es an Nachwuchs für den globalisierten Wettkampf fehlt.

Was fehlt den Kindern dadurch?

Man will sie zu Leistungsträgern der Zukunft machen. Aber die Forderungen gehen an den Kindern vorbei, letzten Endes erleiden sie dadurch Nachteile. Denn um im Leben zu bestehen, braucht es nicht nur Spezialisierungen, sondern ein festes Lebensfundament. Das Kind soll mit sich und anderen zurechtkommen, innerlich stark werden. Das sind unverhandelbare Grundeigenschaften, um im Leben zu bestehen. Je mehr wir die Kinder schon frühzeitig auf Bildung spezialisieren und ihnen abverlangen, umso mehr schmälern wir diese Lebensbasis.

Im Kindergarten steht ohnehin das spielerische Lernen im Zentrum. Was ist daran so schlimm?

Der Kernpunkt ist, dass kleine Kinder über die und in der funktionierenden Beziehungswelt lernen. Sie stellen auch Bedingungen: Nur, wenn sie sich emotional gesichert fühlen, können sie zu forschen beginnen. Die Beziehungswelt müsste deshalb Kernthema jeder Pädagogik sein. Die grundlegenden Kompetenzen müssen die Kinder dann selbst erfahren, die kann man nicht an sie herantragen. Kinder lernen eigentlich nur, indem sie sich selbst bewähren.

Und das fehlt?

Ja, darum geht es in der Frühpädagogik viel zu wenig. Die offiziellen Stellen kümmern sich um Dokumentationen der Entwicklung oder Portfolioarbeit, aber beim Personal macht man gern mal Kompromisse. Da sind viele Experten am Werk, aber auf die Kinder selbst wird nicht geschaut.

Interessant ist, dass Sie als Arzt wissenschaftlichen Studien zur kindlichen Entwicklung sehr kritisch gegenüberstehen.

Ja, in dem Bereich stehe ich „Experten“ und Studien absolut kritisch gegenüber. Bis heute gibt es keine einzige Meinung in Sachen Bildung und Erziehung, die nicht „wissenschaftlich“ abgesichert wurde – und sei sie noch so abwegig. So hieß es früher, Säuglinge hätten gar kein Bedürfnis nach Nähe. Die Forschung an Ratten im Labor ist schon nicht einfach, aber Wissenschaft an frei lebenden Kindern ist extrem schwierig.

ZUR PERSON

Herbert Renz-Polster ist ein deutscher Kinderarzt. Jüngst ist sein Buch „Die Kindheit ist unantastbar“ bei Beltz erschienen.

 

 

Die Presse – 12. November 2014

 

 

Bürgerliche mögen Ganztagsschulen – jetzt geben sie es auch zu

Eine Ganztagsschule übernimmt für Kinder und ihren Lernerfolg Verantwortung. Das ist ehrlicher, gerechter, angenehmer für alle – Kinder, Eltern, Lehrer, Wirtschaft.

 


Die bürgerlichen Eliten haben es immer schon gewusst. Wenn sie wollten, dass ihre Sprösslinge gut aufgehoben waren, schickten sie sie in bürgerliche Eliteschulen. Die hatten verschiedene Eigenheiten, schnöseliger die einen, alternativer die anderen, mit musischem, sprachlichem oder sportlichem Schwerpunkt. Nur eines hatten sie in der Regel gemeinsam: Sie waren Ganz- oder Halbinternate.

Oder – wie man Letztere heute schlichter nennt – Ganztagsschulen. Rätselhaft, warum die bürgerliche ÖVP sich jahrzehntelang politisch derart erbittert gegen etwas wehrte, was ihre Wähler privat durchaus zu schätzen wussten. Dass der neue Parteichef dieses Paradox nun entsorgen will, ist eine gute Nachricht. Es macht hoffentlich neue Türen auf.

Die Ganztagsschule, ernst gemeint, ist nämlich mehr als eine Halbtagsschule, die ein bisschen länger dauert (viel Zeitunterschied gibt es ja gar nicht: zwischen einem 14-Uhr-Unterrichtsschluss und einem um 15.30 oder 16 Uhr liegen gerade einmal 90 oder 120 Minuten). Ihr liegt ein anderes Denken zugrunde. Ein anderes Lehrer- und ein anderes Familienbild. Und eine andere Idee, was Schule leisten soll.

Das hat vor allem mit Verantwortung zu tun. Die Ganztagsschule ist explizit dafür zuständig, dass Kinder tagsüber körperlich versorgt sind – dass sie essen, trinken, sich waschen, sich umziehen. So selbstverständlich das sein sollte (und im Kindergarten längst ist), so leicht wurde es Schulen bisher gemacht, sich dieser Selbstverständlichkeit zu entledigen: Dein Magen knurrt? Ist eh ein McDonald's um die Ecke. Das Leiberl ist nass, die Nase gehört geputzt? Nicht unser Problem. Soll sich die Mama drum kümmern, oder wer halt sonst zu Hause ist.

Für ihr Mehr an Verantwortung braucht eine Ganztagsschule mehr Ressourcen und mehr Platz – Sportplätze, Gärten, Garderoben, Bibliotheken, Freiräume, Rückzugsräume, zum Essen, Ausruhen, Quatschen, Musizieren, Lesen, Alleinsein. Mit nebeneinander aufgereihten Klassenzimmern wird man nicht auskommen. Lehrende müssen gleichzeitig ihre Job-Description erweitern. Mit dem eigenen Fach ist es nicht getan. Man begegnet den Kindern nicht nur in Geschichte oder Physik, sondern in vielen Rollen – beim Essen, Aufräumen, Basteln, Toben. Man verbringt Zeit mit ihnen, lernt sie besser kennen, entdeckt an ihnen neue Seiten, gibt eventuell mehr von sich selbst preis. Das kann allen nur guttun.

Sportvereine, Klubs, Musikschulen, Sprachkurse – Nachmittagsangebote müssen sich, wenn sie nicht austrocknen wollen, in einem Ganztagssystem stärker mit den Schulen absprechen oder gleich dort andocken. Damit werden Geige oder Taekwondo jenen Kindern eher zugänglich, deren Eltern an Geige und Taekwondo völlig desinteressiert sind. Auch für den Lernfortschritt übernimmt eine Ganztagsschule ausdrücklich Verantwortung. Keine Hausaufgaben. Keine private Nachhilfe. Kein Delegieren des Referateschreibens oder Häkelns an Onkel, Oma, Nachbarin. Gelernt und geübt wird in der Schule. Alles, was man zur Bewältigung des Stoffes braucht, findet sich dort, und jedes Problem, das dabei auftaucht, wird dort gelöst.

All das ist erstens gerechter (weil nicht jene Kinder profitieren, deren Eltern die meiste Zeit aufwenden, sondern jene, die intelligenter oder eifriger sind). Zweitens ist es für ihre Körperhaltung besser (weil sie nicht täglich kiloschwere Taschen schleppen). Drittens für die Eltern logistisch einfacher (weil man nicht ständig kochen, Betreuung organisieren oder ein Kind irgendwohin bringen muss). Viertens der Arbeitswelt zuträglicher (weil nicht ständig jemand davonrennt, um ein Kind irgendwohin zu bringen).

Aus Familiensicht am allerwichtigsten jedoch ist: Es mindert den Stress und tut der Stimmung gut. Weil nichts lähmender ist, als über Hausaufgaben streiten zu müssen. Und nicht netter, als Zeit füreinander zu haben.

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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