Donnerstag, 13. November 2014

2014.11.13: Bildung

Mittagsjournal, 13.11.2014

Keine Stundung der Schulmieten

Regina Pöll

Im Bildungsbudget klafft eine Lücke von neunzig Millionen Euro. Die Idee von Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek, die Mieten für die Schulen eine Zeitlang nicht zu bezahlen, wird vom Finanzministerium nicht mitgetragen: es gibt keine Zahlungsstundung seitens der BIG, der Bundes-Immobiliengesellschaft, zumindest nicht, solange einige Details im Lösungsvorschlag der Bildungsministerin nicht geändert worden sind.

 

 

"News" Nr. 46/2014 vom 13.11.2014                   Seite 72,73,74,75

Ressort: Kultur

 

Heinz Sichrovsky/Susanne Zobl

 

 

MUSIK IST EIN MENSCHENRECHT

 

Nikolaus Harnoncourt und Lang Lang. Der epochale Dirigent und der Millionen emotionalisierende Superstar des Klaviers über die Zerstörung unseres Bildungssystems.

 

Dass die beiden je zueinander finden könnten, hielt man lang für unmöglich: der Österreicher Nikolaus Harnoncourt, bald 85 und als Entfessler der Originalklangbewegung "mächtigster Dirigent unserer Zeit" geheißen, und der mit dem einfältigen Epitheton "Popstar der Klassik" belegte chinesische Pianist Lang Lang, 32. Aber der strenge Altmeister, der wie ein Strafgericht über sinnleere Traditionen kam, und der junge Superstar mit den Millionen "Followern" und den Hauptwohnsitzen New York und Peking sind einander in Zuneigung verbunden. Soeben brachten sie bei Sony ein formidables, viel diskutiertes Mozart-Album mit den zentralen Klavierkonzerten Nummer 17 und 24 und den Wiener Philharmonikern heraus. Im NEWS-Doppel sprechen sie über das Recht auf Musikerziehung, die - wir haben berichtet -hierzulande in der Ausbildung der Volksschullehrer wie in der Praxis totgefahren wird.

 

NEWS: Herr Harnoncourt, im österreichischen Schulunterricht wird die Musik marginalisiert...

 

Harnoncourt: Ja, und das ist eine Katastrophe, auch, wie man überhaupt an Bildung herantritt. Es geht nur noch darum, dass die Kinder so früh wie möglich im Arbeitsprozess funktionieren. Kunst ist da überflüssig, Geist wird bei der Aufzucht von Ameisen nicht benötigt. Mit der Bildung von Menschen hat das nichts zu tun, denn es ist ein Menschenrecht, dass die Fantasie ebenso geschult wird wie die andere Gehirnhälfte. Ich nehme auch gern zur Kenntnis, dass musikalische Ausbildung bessere Mathematiker hervorbringt. Aber das ist nicht das Wesentliche.

 

NEWS: Wie viele Musikstudenten gibt es in China?

 

Lang Lang: 100 Millionen, die Hälfte davon im Fach Klavier. In meiner Zeit war das noch nicht so. Aber man hat aufgeholt und sich schneller entwickelt als die bereits entwickelten Länder. Jede öffentliche Schule hat eine Musikklasse. Und nicht nur in China hat man begriffen, wie wichtig das ist. In Südamerika gibt es unglaubliche Musikprogramme. Venezuela, Brasilien, Mexiko - überall wurde Musikerziehung ein Teil der sozialen Erziehung.

 

NEWS: Um unterprivilegierte Jugendliche von Drogen fernzuhalten?

 

Lang Lang: Das ist eine andere Sache, aber die halten die Musik für wirklich wichtig. Das Gleiche in China. Nicht jeder wird Pianist, aber es wird als wertvoll erkannt, früh Schubert oder Beethoven zu hören.

 

NEWS: Wäre es vorstellbar, dass, wie in Österreich, ein Volksschullehrer kein Instrument mehr beherrscht?

 

Lang Lang: Das Problem stellt sich nicht. Jede Schule hat ja ihre eigenen Musiklehrer.

 

NEWS: Woher rührt denn das Dilemma bei uns?

 

Harnoncourt: In der westlichen Kultur hat sich etwa nach 1500 der Geschäftsgeist eingenistet. Zuerst war das kein Problem. Aber dann ist er gewachsen wie ein Krebsgeschwür. Ich erkläre Ihnen das mit der senkrechten und der waagrechten Linie. Die senkrechte Linie der menschlichen Entwicklung hat keine Breiten-, nur eine Tiefenausdehnung. Da ist alles drin, was mit Kultur und Geist zu tun hat -das Denken des Herzens. Und dann die waagrechte, die Ausbildung des Technischen und Wirtschaftlichen. Verbinden Sie die Spitzen beider, entsteht ein Kristall, und wenn Sie die Jahreszahlen dazuschreiben, merken Sie, wie er immer flacher und breiter wird. Das ist das Verhängnis. Musik ist nur Teil des Gesamtkomplexes.

 

NEWS: Was fehlt einem Kind, das ohne Musik aufwächst?

 

Lang Lang: Für mich ist Musikerziehung wie das Lernen einer Sprache. Musik ist eine Sprache, die dazu inspiriert, kreativer zu sein, mehr Fantasie, aber auch mehr Disziplin zu mobilisieren. Sie gibt Einfühlungsvermögen im Herzen und bei der Arbeit. Wer wagt es, zu sagen, Musik sei in der Schule unwichtig?

 

NEWS: Nun ist die Wirtschaft aber doch in China von massiver Bedeutung. Gilt dort der Harnoncourt'sche Kristall nicht?

 

Lang Lang: Viele Kinder, die früh ein Musikinstrument lernen, werden später Geschäftsleute. Aber sie hören gern Musik. Und dann werden sie Sponsoren. So wachsen neue Geschäftszweige. Man kann zwar nicht sagen, Musik kann die Welt retten. Aber sie schafft Jobs und so entsteht auch ein neues Publikum. Ich will keine weltfremden Menschen erziehen. Aber man sollte beides betreiben, Kunst und Wirtschaft. Sonst wird man eine sehr eingeengte, rückschrittliche Person.

 

NEWS: Wie bildet man ein Kind heran?

 

Lang Lang: Es beginnt im Mutterleib. Mozart zu hören, ist überhaupt das Beste.

 

Harnoncourt: Kinder sind extrem kreativ, solange man sie nicht mit seinen eigenen technischen Vorstellungen füttert. Ein Kind muss Dinge selbst tun, nicht konsumieren. Man singt mit ihm, erzeugt etwas aus Ton, spricht mit ihm, nur aus Spaß am Sprechen. Jeder sollte spielen wie ein Kind, von der Kindheit bis zum Tod.

 

NEWS: Und die Wissensvermittlung?

 

Harnoncourt: Das Prinzip "Frag den Computer" erzeugt Idioten. Wenn ein Kind kreativ ist, ist der Computer gut. Dann kann es ihn verwenden, Zusatzinformationen bekommen. Aber wenn die ganze Erziehung auf dem Computer basiert, dann ist das das Ende der Erziehung.

 

Lang Lang: Die Eltern haben auch Verantwortung. Ich treffe oft Eltern, die ihr Kind machen lassen, was es will. Das halte ich für falsch. Aber auch die Eltern brauchen eine strenge Führung. Sie sind es, die Musik kennen sollen.

 

Harnoncourt: Das muss keine Bildung im herkömmlichen Sinn sein. Eine Bauernfamilie in der Einschicht hat ein hochkultiviertes Erziehungssystem. Die brauchen Goethe nicht zu kennen. Das ist nichts, was man den Kindern einimpfen muss. Aber es wird Offenheit erzeugt. Ich habe einmal eine Bäuerin zu einem meiner Konzerte nach Salzburg eingeladen. Es war weit jenseits ihrer Schlafenszeit, aber sie sagte mir: "Ich bin überhaupt nicht eingeschlafen, es war ein Erlebnis." Die hatte keine Verbildung. Alle Schleusen im fantastischen Bereich waren offen.

 

NEWS: Meinen Sie, dass jedes Kind ein Instrument spielen sollte?

 

Lang Lang: Ich würde sagen: Ja. Es lohnt sich in jeder Hinsicht.

 

Harnoncourt: Man kann einem Kind alles geben, was einen Ton erzeugt. Das halte ich schon für genug.

 

NEWS: Nun gibt es ein Klassik-Publikum, das Ungeübte auslacht. Zwischen den Sätzen zu applaudieren, ist zum Beispiel das schlimmstmögliche Vergehen.

 

Harnoncourt: Lächerlich. Mozart wäre alarmiert gewesen, wenn nicht zwischen den Sätzen, sogar während der Sätze applaudiert worden wäre. Eines meiner schönsten Konzerte war mit Friedrich Gulda und Chick Corea. Im ersten Teil haben sie Jazz improvisiert, im zweiten habe ich die g-Moll-Symphonie von Mozart dirigiert. Da wurde zwischen den Sätzen applaudiert, aber was für ein Publikum! Die Leute, die meinen, man weise sich durch das Tragen einer Krawatte als Kulturmensch aus, sind sicher keine.

 

NEWS: Lang Langs Publikum wird ja manchmal von der Kritik belächelt, weil es in den Satzpausen applaudiert.

 

Lang Lang: Erstens tut es das nicht. Und zweitens wäre ich sehr glücklich, wenn jemand zwischen den Sätzen applaudiert. Diese Leute können sagen, was sie wollen. Ich weiß, was ich mache. Und jetzt habe ich meine Foundation. Wir geben Geld an öffentliche Schulen.

 

NEWS: In China?

 

Lang Lang: Nein, in den USA. In China braucht man das nicht. Diese Probleme hat der Westen, die USA. Wir unterstützen dort derzeit 800 Kinder aus sehr armen Familien, um die sich niemand kümmert, in Harlem zum Beispiel. Eine solche Musikklasse kostet 200.000 Dollar, nicht viel im Vergleich mit einer Opernproduktion. Ich mache selbst viel mit diesen Kindern und nehme keinen Penny dafür.

 

NEWS: Was prognostizieren Sie, wenn unser Schulsystem so fortgeführt wird?

 

Harnoncourt: Das ist ein Bild des Grauens. Ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich ist, einen Menschenzweig zu zerstören und dann wieder zu etablieren.

 

 

Im selben Geist. Nikolaus Harnoncourt, bald 85, und der chinesische Pianist Lang Lang, 32, der bedürftige Kinder in den USA unterstützt.

 

Visionäre. Nikolaus Harnoncourt und Lang Lang, der über den Maestro sagt: "Er ist eine Kombination aus Intellekt und Emotion des Augenblicks. Was er mich lehrt, ist für mich wie die Bibel."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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