Donnerstag, 13. November 2014

2014.11.13: Newsletter Bildung

"Die Presse" vom 13.11.2014                               Seite: 31

Ressort: Meinung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

quergeschrieben

 

Nicht nur Bürgerliche, sondern alle mögen Ganztagsschulen

 

   Von Rudolf Taschner

 

   Gute Ganztagsschulen müssen allerdings hohe Anforderungen erfüllen und Qualitäten aufweisen, zu deren Realisierung man sehr viel Geld benötigt.

 

   Schon der erste Satz von Frau Hamanns gestrigem "Quergeschrieben" lässt aufhorchen: "Die bürgerlichen Eliten haben es immer schon gewusst." Wenn sie von "bürgerlichen Eliten" schreibt, denkt sie nicht an eine Mutter, einen Vater, die aufgeklärte, eigenverantwortliche, am Gemeinwesen mitgestaltende Citoyens sind, sondern an Bourgeois, Angehörige der Oberschicht, die einer konservativen, gar einer reaktionären Gesinnung folgen.

 

   Ebendiese mit dem von Frau Hamann abschätzig genutzten Begriff "bürgerlich" apostrophierten Eltern hätten immer schon für die viel bessere ganztägige Betreuung ihrer Kinder in den ihnen vorbehaltenen Schulen gesorgt. Tatsächlich übersieht sie in ihrer Voreingenommenheit die historischen Umstände, die bewirkten, dass die meisten Schulen nicht ganztägig geführt wurden: Als unter Maria Theresia die allgemeine Unterrichtspflicht verordnet wurde, wäre eine Ganztagsschule für die meisten Eltern eine ökonomische Katastrophe gewesen.

 

   Denn sie waren zum Großteil Bauern oder Handwerker, die für den Erhalt ihres Betriebs alle Familienmitglieder, natürlich auch die Kinder, als Arbeitskräfte benötigten. Dies allein führte zum Kompromiss, die Kinder nur vormittags in die Schulen zu schicken. Am Nachmittag wurden sie für die Arbeit gebraucht.

 

   Noch Ludwig Wittgenstein konnte während seiner kurzen Karriere als Volksschullehrer in den entlegenen Dörfern beim Schneeberg und in der Buckligen Welt erleben, dass die Kinder ihn dazu drängten, endlich mit dem Unterrichten aufzuhören, weil sie unbedingt an den Hof zur Arbeit mussten. Der weltfremde Wittgenstein verstand das nicht, traktierte die Kinder mit dem Stock und gab schließlich entnervt den Lehrerberuf auf.

 

   Nebenbei sind auch die neun Wochen Ferien im Sommer nicht für die Freizeit der Kinder und der Lehrer eingerichtet worden, sondern wegen der Erntezeit, in der man den ganzen Tag hindurch die helfenden Hände aller Familienmitglieder benötigte. Demzufolge richtete sich das Schulwesen sowohl in der Architektur der Schulbauten wie auch in der Organisation der Unterrichtsführung darauf ein, dass die Schule in der Regel als Halbtagsschule zu führen ist.

 

   Und wer ein wenig darüber Bescheid weiß, wie lange es dauert, bis man den eingeschlagenen Kurs des nur mühsam manövrierbaren Tankers "Schule" ändern kann, begreift, dass selbst nach den Jahrzehnten, in denen sich inzwischen die Umstände bei der Erwerbsarbeit radikal geändert haben, die Anpassung vonseiten der Schule immer noch auf sich warten lässt.

 

   Es ist, soweit ich es beurteilen kann, keineswegs Boshaftigkeit oder Rückständigkeit irgendeiner bestimmten Gruppierung, die eine flächendeckende Ganztagsschule nur so gemächlich Wirklichkeit werden lässt. Vielmehr ist zu bedenken, dass eine Ganztagsschule, die den Anforderungen genügt, die man mit vollem Recht an sie stellt, ein sehr teures und daher in Zeiten immer knapper werdender Ressourcen nicht leicht zu verwirklichendes Projekt darstellt.

 

   Denn wenn man sie einführt, dann soll sie wirklich optimal funktionieren. Nämlich so, dass die Kinder in einem dafür angemessen errichteten Gebäude leben können, in dem es neben Klassen auch Speise-, Freizeit- und Erholungsräume sowie Grünanlagen gibt; nämlich so, dass die Lehrerinnen und Lehrer dort ebenfalls eine für sie adäquate Arbeitsstätte finden; nämlich so, dass nicht nur unterrichtet, sondern auch geübt und gelernt wird, damit zu Hause, nach der Schule, von Hausübungen keine Rede mehr ist; und auch so, dass nicht nur Lehrkräfte, sondern auch andere die Kinder betreuende Personen koordiniert in der Schule arbeiten.

 

   Niemand wird gegen eine gut geführte Ganztagsschule, die um acht Uhr öffnet, bei der die Anwesenheit aller Kinder von neun bis 16 Uhr erwartet wird, und die um 17 Uhr die Pforten schließt, zu Felde ziehen. Allein: Man braucht viel Geld, um sich das leisten zu können.

 

   E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

 

KLZ – 13. November 2014

 

Graz Vorreiter bei Lehramt für Türkisch

Grazer Uni hat Planung für Türkisch-Lehramtsstudium abgeschlossen. Nun liegt der Ball bei der Regierung. Offen ist noch die Finanzierung.

Noch sind die Würfel nicht gefallen, die Chancen stehen aber gut: Als erste österreichische Universität könnte an der Grazer Uni im Studienjahr 2015/6  die Ausbildung für Türkisch-Professoren, die an AHS oder BHS Türkisch als Fremdsprache unterrichten, starten. Ein entsprechender Studienplan ist von der Grazer Universität ausgearbeitet und am Montag dem Bildungsministerium zur Begutachtung übermittelt worden. „Wir haben unsere Aufgaben abgeschlossen“, so Vizerektor Martin Polaschek in der Donnerstag-Ausgabe der Kleinen Zeitung. „Nun liegt der Ball bei der Regierung.“

Entgegen anders lautenden Medienberichten sei die Finanzierung des Vorhabens noch nicht gesichert. „Wir haben noch keine Zusage“, so Polaschek. Außerdem müsse zuvor noch der Qualitätssicherungsrat über das Projekt befinden. Die Grazer Uni, insbesondere das Institut für Translationswissenschaften mit Jale Melzer-Tükül, spielt bei der Ausarbeitung eines Türkisch-Curriculums eine Vorreiterrolle. "Ich hoffe sehr, dass es bald eine positive politische Entscheidung gibt", so Melzer-Tükül. Von der Wiener Universität sind keine vergleichbaren Aktivitäten bekannt.

Im Büro von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek steht man dem Lehrstuhl-Projekt positiv gegenüber. Obwohl sich die Ministerin bisher stets für Türkisch als Fremdsprache ausgesprochen hat, wolle man einer Entscheidung über die Einführung von Türkisch als Maturafach allerdings noch nicht vorgreifen.

Aus Angst, dem rechten Lager eine Angriffsfläche zu bieten, hatte die Regierung die Frage bisher wie eine heiße Kartoffel von sich weggeschoben. Ex-ÖVP-Chef Michael Spindelegger und Ex-Unterrichtsministerin Claudia Schmied standen auf der Bremse, Integrationsminister Sebastian Kurz und Heinisch-Hosek vollzogen die Kehrtwende. An Österreichs Schulen werden 12 Fremdsprachen, darunter Tschechisch, Serbisch, Spanisch, Slowakisch oder Polnisch als Fremdsprache oder Maturafach angeboten, Türkisch aber nicht. Nur in Ausnahmefällen gibt es an AHS, HAKs oder BHS ein Angebot.

 

 

"Der Standard" vom 13.11.2014                                Seite: 1

Ressort: SEITE 1

 

Bundesland, Bundesland Abend, Niederösterreich, Wien

 

Lehramt für Türkischstartet 2015 an der Universität Graz

 

   Wien – Es ist der erste Schritt, um ein Maturafach „Lebende Fremdsprache Türkisch“ überhaupt irgendwann realisieren zu können: An der Universität Graz werden ab dem Studienjahr 2015/16 die ersten Lehrerinnen und Lehrer für Türkisch ausgebildet. Denn das nötige Curriculum für das Lehramtsstudium Türkisch ist fertiggestellt, hat der Standard aus dem Unterrichtsministerium erfahren.

 

   Das Türkisch-Studium mit Bachelor- und Masterabschluss wird vom „Entwicklungsverbund Südost“, dem die Standorte zur Lehrerausbildung in Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland angehören, angeboten, Studienort wird Graz sein.

 

   Während das Unterrichtsministerium eine „erste Voraussetzung“ für ein Maturafach Türkisch sieht, fordert Grün-Abgeordnete Alev Korun eine konkrete Verankerung als Unterrichtsfach. (red) Seite 7

 

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Der Standard – 13. November 2014

 

 

Lehramt für Türkisch ab 2015 fix

Universität Graz wird Lehramtsstudium anbieten - Unterrichtsministerium: Erste Voraussetzung für Türkisch-Matura

Wien - Ab dem Studienjahr 2015/16 werden die ersten Lehrer für den Türkisch-Unterricht ausgebildet. Wie derStandard.at am Mittwoch aus dem Unterrichtsministerium erfuhr, ist das Curriculum für das Türkisch-Lehramt fertiggestellt und kann an der Universität Graz studiert werden.

Das Lehramtsstudium wird vom "Entwicklungsverbund Südost" angeboten, dem die Standorte zur Lehrerausbildung in Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland angehören. Die Ausbildung umfasst ein Bachelor- und ein Masterstudium. Für das Unterrichtsministerium ist das der erste Schritt in Richtung Matura im Fach Türkisch. Die Nachfrage nach einer solchen Ausbildung soll erst abgewartet werden, bevor Türkisch auch als Maturafach angeboten wid.

Die grüne Abgeordnete Alev Korun befürchtet trotzdem, dass Türkisch als zweite lebende Fremdsprache sowie die Türkisch-Matura auf die lange Bank geschoben werden. Einen Entschließungsantrag der Grünen zum Thema haben SPÖ und ÖVP in der vergangenen Woche vertagt. "Dieser Antrag würde noch keine Gesetzesänderung bedeuten, aber nicht einmal dazu sind SPÖ und ÖVP bereit", sagt Korun.

Korun befürchtet wenig Interesse

Die Abgeordnete vermutet, dass nun wenig Interesse an dem Lehramtsstudium besteht, wenn es noch keinen Beschluss für das Unterrichtsfach und damit die Möglichkeit der Matura gibt. "Da beißt sich die Katze in den Schwanz, warum sollen Interessierte das Studium dann anfangen? Das ist eine pragmatische Entscheidung."

Beim "Zentrum für für PädagogInnenbildung" an der Uni Graz hieß es auf Nachfrage der APA, dass die Finanzierung des Studiums noch sichergestellt werden muss. Zudem fehlt noch die Genehmigung des im Bildungs- und Wissenschaftsministerium eingerichteten Qualitätssicherungsrats.

Derzeit wird Türkisch an einigen Schulen als Schulversuch angeboten. An den AHS besteht die Möglichkeit, das Fach schulautonom als dritte lebende Fremdsprache anzubieten. Im Lehrplan gibt es derzeit die Möglichkeit, Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch, Spanisch, Tschechisch, Slowenisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Ungarisch, Kroatisch, Slowakisch und Polnisch als erste oder zweite lebende Fremdsprache zu belegen.

 

 

Der Standard – 13. November 2014

 

 

Sonderschulfrei im Inklusionsbezirk

Reportage | Katharina Mittelstaedt

Vor dreißig Jahren hat der Sonderschuldirektor von Reutte beschlossen, sich selbst abzuschaffen. Inzwischen gilt der Tiroler Bezirk europaweit als Paradefall schulischer Inklusion - außer in Österreich. Die Geschichte eines kommunalen Systemwechsels

Reutte - Philipp* ist noch nicht da. Seine Mitschüler haben gerade den Auftrag bekommen, den heiligen Martin und sein Pferd zu malen. Sachunterricht. Ein Mädchen schiebt sich das letzte Stück seiner Banane in den Mund, einige Kinder grübeln über die Buntstiftauswahl ihrer Pennale, zwei kichern, drei sind bereits fast fertig, eines bohrt mit dem Zeigefinger tief in der Nase und schaut gelangweilt aus dem Fenster: ein normaler Tag in der Volksschule Lermoos.

Die Gemeinde hat rund tausend Einwohner, 40 Schüler und ist internationalen Besuch gewöhnt. Lermoos liegt in Reutte, dem Tiroler Bezirk, in dem vor dreißig Jahren damit begonnen wurde, das Sonderschulsystem aufzulösen. Gerade war eine Lehrerdelegation aus Moldau da - in ganz Europa gilt Reutte als Paradebeispiel schulischer Inklusion.

Egal, welche Bedürfnisse

Jetzt ist auch Philipp so weit. Er wird von einer Assistenzlehrkraft ins Klassenzimmer gebracht und setzt sich an den einzig freien Schreibtisch. Philipp ist Autist, das "Integrationskind" der Klasse. Er durfte etwas länger jausnen und noch ein bisschen Musik hören. Jetzt nimmt er einen Filzstift und malt ein rotes Viereck auf ein Blatt Papier. Seine Banknachbarin Lisa schaut kurz auf, lächelt ihm zu und zeichnet ein ähnlich schiefes Viereck in Schwarz.

"Es gibt keine nichtintegrierbaren Kinder, es gibt nur nichtkindgerechte Schulen", sagt Norbert Syrow und nippt an einem Kaffee. "Jedes Kind lernt anders. Gute Pädagogik bedeutet, dass alle an einem Thema arbeiten, aber jeder nach seinen Möglichkeiten."

Syrow war in den Achtzigern Sonderschuldirektor in Reutte. Man könnte sagen, er hat sich selbst abgeschafft. Ab 1985 nahm er keine neuen Kinder in seiner Einrichtung auf und ließ den Schultyp auslaufen. Seit 1997 sind Sonderschulen in Reutte gänzlich "stillgelegt", wie Syrow richtig sagen muss. Heute gehen in dem Bezirk alle Kinder, egal mit welchen Bedürfnissen, in die Schule, in die sie gehen würden, wenn sie keine Behinderung hätten - nämlich die nächstgelegene.

Widerstand und Drohungen

Begonnen hat alles mit Erich, dem Sohn von Heinz Forcher. Als Baby hatte er im Bettchen mehrere Minuten unbemerkt zu atmen aufgehört. Warum, ist unklar. Durch die Sauerstoffunterversorgung des Gehirns ist er bis heute an allen Gliedmaßen gelähmt.

Als Erich schulpflichtig wurde, sollte er unter der Woche in einem Heim in Innsbruck untergebracht werden. "Schon ab Dienstag fuhr er mit seinem Rollstuhl zum Ausgang und hat 'Papa, hol'n' geschrien", sagt Forcher. "Er war ein Kind. Er wollte bei seinen Eltern sein." Nur kurz nachdem im Burgenland - trotz heftigen Widerstands - die bundesweit erste Klasse eingerichtet wurde, in der behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam Unterricht bekamen, wurde Erich zum ersten Integrationsschüler Reuttes.

Forcher ist ein herzlicher, aber bestimmter Mann. Seit Jahrzehnten kämpfen er und Syrow unerbittlich gegen Sonderschulen, das "Paradebeispiel für soziale Auslese". Ablehnung kam anfangs von eigentlich allen Seiten: von den Schulen, den Lehrern, den Eltern behinderter und nichtbehinderter Kinder, den Schulinspektoren. "Uns wurde regelmäßig gedroht. Dem Norbert mit Disziplinarverfahren. Bei mir im Hotel wurden plötzlich keine Hochzeiten mehr gebucht", sagt Forcher.

Garantiertes Wahlrechts

Seit 1996 haben Eltern in Österreich ein gesetzlich garantiertes Wahlrecht zwischen Sonderschule und Regelschule. Bis heute könnten in Reutte drei Eltern die Wiedereröffnung einer eigenen Einrichtung für ihre Kinder verlangen. Dazu kam es bloß nie. "Die Bezirksgesellschaft hat sich verändert. Kinder, die mit meinem Sohn in der Volksschule waren, sind heute in Entscheidungsfunktionen. Im Großen und Ganzen ist Behinderung bei uns kein Thema mehr", sagt Forcher.

Österreichweit sieht das anders aus. 2001 wurde Forcher und Syrow der Eduard-Wallnöfer-Preis für die "mutigste Initiative zum Wohle des Landes" verliehen. Danach habe der Landesschulinspektor bei allen Bildungseinrichtungen durchtelefoniert - um klarzustellen, dass der Inklusionsgedanke dennoch nichts für alle sei.

Reutte hat insgesamt 43 Schulen, davon ein Gymnasium, auf dem jedoch noch nie ein Kind mit Behinderung unterrichtet wurde. "Integration bedeutet, dass Kinder, egal welche Sprache, welche Religion, welche Bedürfnisse, dort abgeholt werden, wo sie stehen", sagt Edith Müller, Schulinspektorin von Reutte.

Das anfänglich schiefe Viereck der Volksschülerin Lisa sollte später übrigens zum klassenschönsten Pferdebild werden. Sie hat dafür allerdings auch wesentlich länger gebraucht als das Integrationskind Philipp.

* Namen der Kinder geändert

Wissen: Sonderschulen

In Österreich gibt es derzeit 310 Sonderschulen, davon 108 in Niederösterreich. Wie viele Kinder mit Behinderung in Regelschulen unterrichtet werden, ist je nach Bundesland unterschiedlich: in Tirol und Niederösterreich sind es weniger als die Hälfte. Innsbrucker Juristen veröffentlichten im Standard kürzlich die Ergebnisse eines Rechtsgutachtens, dem zufolge Sonderschulen völkerrechtswidrig sind.

 

 

"Der Standard" vom 13.11.2014                                Seite: 8

Ressort: Inland

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Schule soll lehren, wie die Geschlechtsteile gewaschen werden

 

   Wien – Nach dem Vorstoß von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, die sich für die Verankerung von Sexualkunde als Unterrichtsprinzip in der Volksschule aussprach, meldete sich nun Walter Naderer, wilder Abgeordneter im niederösterreichischen Landtag, zu Wort. Im Gespräch mit dem Standard fordert er die Vermittlung von „Sexualhygiene unter Wahrung der Würde“ in der Volksschule. Geht es nach dem Ex-Team-Stronach-Abgeordneten, sollen Lehrer in der Volksschule vermitteln „wie man seine Geschlechtsteile wäscht.“

 

   Naderer führt dabei seine Beobachtungen als Jugendfußballtrainer ins Treffen: „Ich kann Ihnen garantieren, dass 70 bis 80 Prozent der Eltern das ihren Kindern nicht vermitteln,“ sagte er. Besonders Söhne von Alleinerzieherinnen seien betroffen. Eine Theorie entwickelte Naderer auch, was die Benützung von Toilettenpapier an Volksschulen betrifft: „Wenn man eine Untersuchung über den Verbrauch von Toilettenpapier in den verschiedenen sozial geschichteten Schulen macht, werden die in den sozial tiefer geschichteten Schulen weniger wissen, wie man das Toilettenpapier richtig verwendet.“ (burg)

 

   p Interview mit Walter Naderer auf derStandard.at/Inland

 

 

Der Standard – 13. November 2014

 

 

Landtagsabgeordneter: "Sportler stinken nicht"

Interview | Katrin Burgstaller

Walter Naderer, wilder Abgeordneter in Niederösterreich, will "Sexualhygiene" in der Schule vermittelt wissen

derStandard.at: Sie haben in einer Presseaussendung den Vorschlag von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek unterstützt, Sexualkunde bereits in der Volksschule einzuführen. Zusätzlich wollen Sie Körperhygiene in der Schule vermittelt wissen?

Naderer: Mir geht es nicht so sehr um die Prävention von sexuellem Missbrauch, den es in dem einen oder anderen Bereich geben könnte. Mir geht es zunächst um die Vermittlung elementarer Dinge, die in der Sozialisation des Kindes eine Notwendigkeit darstellen. Das fällt für mich in den Bereich Köper- und Sexualhygiene, Sexualkunde wäre die nächste Stufe.

derStandard.at: Was ist Sexualhygiene?

Naderer: Dass die Kinder wissen, wie man seine Geschlechtsteile wäscht. Ich kann Ihnen garantieren, dass 70 bis 80 Prozent der Eltern das ihren Kindern nicht vermitteln.

derStandard.at: Wie kommen Sie auf die Idee, dass das so ist?

Naderer: Ich bin seit 20 Jahren Fußballnachwuchstrainer. Ich weiß, was sich in den letzten 20 Jahren abgespielt hat. Das Problem ist, dass es ein Tabuthema ist. Wenn ein Mann darüber spricht, wird er automatisch in die pädophile Ecke gedrängt. Aber ich stehe weit über solchen Dingen. Ein offener und lockerer Zugang zum Thema Sexualhygiene wäre auch in der Schule nicht schlecht, wobei die Wahrung von Scham und Würde sehr wichtig ist. Ich kenne sehr viele Schulärzte, die meine Feststellung bestätigen.

Die Buben haben zu diesem Thema einen Zugang, der von Unsicherheit getragen ist. Bei den Mädchen dürfte es ähnlich sein. Meine Töchter haben uns immer wieder bestätigt, dass ihre Kolleginnen sich davor scheuen zu turnen, weil sie sich davor scheuen, nach dem Turnen schwitzend unter die Dusche zu gehen, weil sie einen Geruch verbreiten. Aber es gibt den Spruch: Sportler stinken nicht. Wenn Sie in eine Fußballerkabine gehen, werden Sie nichts riechen, weil diese so oft duschen.

derStandard.at: Wenn man Ihnen zuhört, könnte man den Eindruck gewinnen, in unseren Schulen seien lauter vernachlässigte Kinder. Übertreiben Sie nicht?

Naderer: Ich sauge mir das alles nicht aus den Fingern. Erst kürzlich las ich in der Bezirkszeitung, dass Kopfläuse wieder im Vormarsch sind. Aber es gibt Volksschulen, die Unmengen an Toilettenpapier verbrauchen. Das hat mir ein Mechaniker von Industriepumpen erzählt.

derStandard.at: Und was schließen Sie aus dieser Beobachtung? Vielleicht finden die Kinder es einfach lustig, viel Papier ins WC zu werfen.

Naderer: Ich weiß es nicht. Ich denke, wenn man eine Untersuchung über den Verbrauch von Toilettenpapier macht in den verschiedenen sozial geschichteten Schulen, werden die in den sozial tiefer geschichteten Schulen weniger wissen, wie man das Toilettenpapier richtig verwendet.

derStandard.at: Glauben Sie ernsthaft, dass der Umgang mit dem Toilettenpapier vom sozialen Hintergrund abhängt?

Naderer: Ich sage Ihnen ganz offen: Ich bin Nachwuchsfußballtrainer. Was wir zeitweise an vergessener Unterwäsche entsorgen müssen, das wollen Sie nicht sehen.

derStandard.at: In Ihrer Presseaussendung heißt es, dass mehr als 90 Prozent der Söhne von Alleinerzieherinnen "sich die Grundbegriffe von Körper- und vor allem Sexualhygiene selbst oder im Notfall über medizinische Betreuung aneignen mussten". Wie kommen Sie darauf?

Naderer: Glauben Sie wirklich, dass eine Mutter dem Kind erklärt, wie man die Vorhaut zurückzieht und das reinigt? Ich habe lange Soziologie studiert und mich sehr intensiv mit dem Thema Alleinerzieherinnen beschäftigt. Sexualhygiene war ein Untersuchungsteil. Viele Buben erzählten, dass sie erst im medizinischen Notfall erfahren haben, wie man sich richtig wäscht. Niemandem ist klar, wie dringend dieses Problem ist.

derStandard.at: Tun Sie den Alleinerzieherinnen unrecht, wenn Sie solche Anschuldigungen von sich geben?

Naderer: Da tue ich ihnen sicher unrecht. Aber das Zuspitzen ist das Wesen einer gesellschaftspolitischen Diskussion.

derStandard.at: In der Aussendung haben Sie erklärt, auf dem "Niveau von Feministinnen" könne diese Diskussion nicht geführt werden. Wie meinen Sie das?

Naderer: In einer Radiodiskussion habe ich gesagt, dass man schwitzende Kinder auch nach der täglichen Turnstunde zum Duschen anhalten muss. Die Diskussionsteilnehmerin hat mich dann gleich ins pädophile Eck gedrängt. Sie hat gesagt, das kann nur einem Mann einfallen. Auf solche Themen haben Frauen offenbar ein Meinungsmonopol.

derStandard.at: Fühlen Sie sich diskriminiert als Mann?

Naderer: Nein. Meine Töchter sagen immer, ich bin der letzte Macho, was ironisch gemeint ist. Aber sie mögen mich trotzdem.

Walter Naderer (52) zog im Jahr 2013 ursprünglich als Abgeordneter für das Team Stronach in den niederösterreichischen Landtag ein. Der Händler für Nutzfahrzeuge kehrte im Dezember 2013 dem Team Stronach den Rücken und ist seither wilder Abgeordneter.

 

 

"Der Standard" vom 13.11.2014                                Seite: 8

Ressort: Inland

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Von der Schule direkt zum AMS

 

Kinder von gering qualifizierten Migranten benachteiligt

 

   Wien – Jugendliche mit Migrationshintergrund sind sowohl in der Lehre als auch an weiterführenden Schulen unterrepräsentiert. Den Gründen dafür ist der Soziologe Konrad Hofer in einer am Mittwoch präsentierten Studie für die Arbeiterkammer (AK) nachgegangen. Sie liegen einerseits im Halbtagsschulsystem, oft bei den Betrieben, aber auch in den Familien bzw. bei den Jugendlichen selbst.

 

   Derzeit beträgt der Anteil von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache in der achten Schulstufe 21 Prozent. Zum Vergleich: In weiterführenden Schulen sind es knapp 15 Prozent. Für seine qualitative Untersuchung hat Hofer mehr als 100 Jugendliche in Wien und Vorarlberg, deren Eltern, Lehrer und Ausbildner befragt.

 

   Hartes Pflaster Wien

 

   Dabei zeigt sich: Jugendliche mit schlechten Schulnoten haben vor allem in Wien wenig Chancen auf eine Lehrstelle. Hofer ortet vor allem bei migrantischen Jugendlichen in Wien eine Art Resignation. „Viele sind frustriert aufgrund schlechter Erfahrungen in der Schule, denken, dass sie mit ihren Zeugnissen ohnehin keinen Lehrplatz finden und gehen direkt zum AMS“, sagt er im Gespräch mit dem Standard. Jugendliche, deren Väter oder ältere Geschwister oft arbeitslos sind, gewöhnen sich an diesen Zustand. Das AMS in Bezug auf Job und Geldleistungen zu kontaktieren wird zu einer Selbstverständlichkeit, heißt es in der Studie. In Vorarlberg hingegen würden Jugendliche erst nach längerer ergebnisloser Lehrplatzsuche das AMS kontaktieren.

 

   Die Situation der Migranten in Österreich lässt sich allerdings nicht verallgemeinern: Vor allem in der türkischen Community sei die Erwerbsquote von Frauen gering, die Väter verfügten nur über geringe Qualifikationen. Anders sei die Situation bei Familien aus Exjugoslawien: „Da gibt es eigentlich keinen Unterschied mehr zu Einheimischen,“ sagt Hofer.

 

   Dass es Kinder von gering qualifizierten Arbeitsmigranten besonders schwer haben, sei wenig verwunderlich, sagt Gabriele Schmid, Leiterin der bildungspolitischen AK-Abteilung: „Die Kinder bleiben zwischen den Stühlen übrig, wenn sie von den Eltern nicht unterstützt werden können“. Die dominierende Halbtagsschule gehe davon aus, dass Eltern ihren Kindern am Nachmittag helfen können. Die AK fordert die Einführung der „Bildungspflicht“: Jugendliche sollen die Schule nicht einfach nach neun Jahren verlassen, sondern erst, wenn sie die Grundkompetenzen erworben haben. (burg, APA)

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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