Freitag, 14. November 2014

2014.11.14: Newsletter Bildung

 

Die Presse – 14. November 2014

 

 

Wien: Stadtschulrat überprüft Saudi-Schule

Ein Schulbuch, das in der Internationalen Schule des Königreichs Saudiarabien in Wien verwendet wird, soll Propaganda gegen Juden enthalten.

Wien. Die Internationale Schule des Königreichs Saudiarabien in Wien-Landstraße muss sich auf eine Überprüfung durch den Stadtschulrat einstellen. Hintergrund ist ein Bericht des Magazins „News", laut dem in einem Geschichtsbuch, das an der Schule verwendet werden soll, offenbar Propaganda gegen Juden enthalten ist. So werden laut dem Magazin unter anderem die Freimaurer als „jüdische, geheime, subversive Organisation" bezeichnet, die darauf abziele, „die Kontrolle der Juden über die Welt zu garantieren".

„Aufgrund der Berichterstattung nehmen wir eine Überprüfung der Lehrmittel vor", heißt es nun aus dem Stadtschulrat. Dabei werde man auch anordnen, dass die Lehrmaterialien in beglaubigter deutscher Übersetzung vorgelegt werden. Gleichzeitig hält man fest, dass man bei der Beantragung der Schule auf Öffentlichkeitsrecht vorgeschlagen habe, die Bewilligung nur befristet zu vergeben – doch habe das Unterrichtsministerium das Öffentlichkeitsrecht auf Dauer vergeben.

Islamdebatte im Rathaus

Radikale Einstellungen standen am Donnerstag auch im Wiener Rathaus im Mittelpunkt. Im Rahmen eines von seiner Fraktion verlangten Sonderlandtags zum Thema Islamismus warnte FPÖ-Klubchef Johann Gudenus, „dass die Religionsfreiheit missbraucht wird für Propagierung eines politischen Islam oder gar einer Scharia". Man dürfe nicht den Fehler machen, Religionsfreiheit mit Narrenfreiheit zu verwechseln.

ÖVP-Abgeordneter Wolfgang Ulm ersuchte um eine „Deradikalisierung und Versachlichung der Debatte". Auch Grün-Mandatar Şenol Akkiliç ersuchte um Differenzierung. Dabei sei es wichtig, nicht alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen, die Mehrheit sei friedlich. SPÖ-Landtagsabgeordnete Tanja Wehsely beteuerte, dass die SPÖ das Thema sehr ernst nehme. Ein Schritt auf diesem Weg sei das jüngst präsentierte Netzwerk für Deradikalisierung, das von der Jugendanwaltschaft koordiniert werde.

 

 

Die Presse – 14. November 2014

 

 

Erhebung: Bildungsgrad der Migranten steigt

Die Stadt hat Zahlen, Daten und Fakten zum Thema „Migranten in Wien" erheben lassen. Die neuesten Erkenntnisse der regelmäßigen Untersuchung zeigen einige Bewegungen.

Wien. Seit Mittwochabend liegt der neueste Wiener Integrationsmonitor vor. Seit 2008 misst er alle zwei Jahre Entwicklungen und Trends im Bereich Integration und Zuwanderung in der Bundeshauptstadt:

► 49 Prozent sind Migranten. Rund die Hälfte der Wiener Bevölkerung hat Migrationshintergrund. Das bedeutet, dass jeder zweite Wiener im Ausland geboren wurde – oder zumindest ein Elternteil. 31 Prozent der Wiener mit Migrationshintergrund gehören der ersten Generation an, wurden also im Ausland geboren. 18 Prozent sind Migranten der zweiten Generation. „Wenn die Hälfte der Wiener Migrationshintergrund hat, geht es nicht darum, einen Teil der Bevölkerung in den anderen zu integrieren", sagte Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger. Es gehe darum, die Gesellschaft gemeinsam zu gestalten.

Ein Viertel darf nicht wählen. 24 Prozent der Wiener im wahlfähigen Alter dürfen an Wahlen nicht teilnehmen – wegen ihrer ausländischen Staatsbürgerschaft. Frauenberger kritisierte in diesem Zusammenhang hohe Hürden für den Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft, konkret die „hohen Einkommensgrenzen". „Zuletzt wurden nicht einmal sieben von 1000 in Wien lebenden ausländischen Staatsbürgern eingebürgert", hält der Bericht fest.

► Bildungsgrad steigt. Die Zahl jugendlicher Migranten, die mittlere und höhere Bildungsabschlüsse absolvieren, steigt. Mehr als die Hälfte der seit Mitte der 1990er-Jahre Zugewanderten haben einen Maturaabschluss. 40 Prozent der neu zugewanderten 15- bis 18-jährigen Jugendlichen absolvieren in Österreich außerdem noch einen (weiteren) Bildungsabschluss.

Aber: „Kritisch ist, dass der Anteil von Jugendlichen, die nur einen Pflichtschulabschluss machen, unverändert bleibt", heißt es in dem Bericht. Anders formuliert: Jene Migranten, denen Bildung wichtig ist, erreichen ein höheres Niveau als früher. Jener Migrantenanteil, dem Bildung nicht wichtig ist, bleibe konstant und absolviere nur den Pflichtschulabschluss.

Nur: 34 Prozent der Migranten mit höherer Bildung und Abschlüssen aus Drittstaaten arbeiten in Hilfs- und Anlerntätigkeiten. Das Problem ortet Frauenberger bei der mangelnden Anerkennung von ausländischen Abschlüssen in Österreich. Der Bericht lässt aber offen, ob der Grund dafür nicht mangelnde Deutschkenntnisse der Migranten sind, die sie hindern, die im Heimatland erlernte Tätigkeit in Österreich auszuführen. Beispielsweise wird ein türkischer Bauingenieur ohne perfekte Sprachkenntnisse und die Beherrschung von technischen Fachbegriffen es schwer haben, hier seinen erlernten Beruf auszuüben.
Dazu kommt, dass Ausbildungen zwischen den Ländern oft nicht verglichen werden können bzw. (um beim Beispiel Bauingenieur zu bleiben) in Österreich andere technische Vorschriften existieren als für Bauingenieure in der Türkei.
Nur: Wenn Migranten entsprechend ihrer Ausbildung (im Ausland) eine Tätigkeit in Österreich ausüben, bekommen sie trotzdem weniger Geld für denselben Job als ein Österreicher, der dieselbe Arbeit macht, hält der Bericht fest.

► Kleine Wohnungen. Die ökonomische Situation von Zuwanderern wirkt sich auf die Wahl der Wohnung aus. Neuzuwanderern steht mit 26 Quadratmetern pro Kopf nur halb so viel Wohnraum zur Verfügung wie Wienern ohne Migrationshintergrund – sie wählen also kleinere Wohnungen. Gleichzeitig zahlen Migranten mit 7,80 Euro pro Quadratmeter um ein Drittel mehr Miete als Wiener ohne Migrationshintergrund.

► EU-Einwanderung. Im Jahr 2012 (das sind die aktuellsten Daten des Monitors) wanderten rund 30.000 EU-Bürger nach Wien, aus Drittstaaten kamen deutlich weniger, nämlich rund 22.000 Menschen, nach Wien. Insgesamt ist die Bevölkerungszahl von Wien innerhalb von zehn Jahren um zehn Prozent gestiegen.

 

 

OÖN – 14. November 2014

 

 

Gender-Chaos an Schulen: "Da wird übertrieben"

 

LINZ. Geschlechtergerecht: Müssen Schüler in ihren Texten immer die weibliche und männliche Form verwenden? Wenn ja, wie? Es gibt eine Fülle an Regeln – und genauso viele Ausnahmen.

   

Die Sachlage klingt einfach. "Nein", sagt Landesschulinspektor Helmut Schwabegger, "Schüler in höheren Schulen müssen bei Schularbeiten oder der Matura nicht gendern." Es reicht also, wenn sie nur die männliche Form verwenden und die weibliche mitmeinen. Statt "Schülerinnen und Schüler" genügt "Schüler".

 

Aber: Es gibt Ausnahmen. "Wenn zum Beispiel Gendern Inhalt einer Themenstellung ist, muss es natürlich umgesetzt werden", sagt der Inspektor. Und: "Es darf gegendert werden." Womit viel Platz für Gestaltungsspielraum ist.

 

Selbst bei der heuer in den Gymnasien erstmals durchgeführten Zentralmatura könnten Schüler mit den Gender-Regeln konfrontiert sein. Sie könnten Teil des Schreibauftrages sein, sagt Thomas Riedl, Leiter der landesweiten Arbeitsgemeinschaft (Arge) für Deutschlehrer an Gymnasien. "Das hängt von der Textsorte ab." Etwa wenn eine "Meinungsrede" – eine Art verschriftlichte Rede – zu verfassen ist, wo beide Geschlechter durchgängig angesprochen werden müssen. Dass sich die Note durch grobe Fehler verändern könnte, schließt er aber aus: "Das ist nur einer von vielen Aspekten."

 

An den HLWs (humanberufliche Schulen, etwa für Tourismus, Mode oder Sozialberufe) gibt es zwar keine Verordnung, aber die "dringende Empfehlung" an die Schüler, bei den schriftlichen Arbeiten die Gender-Regeln einzuhalten, sagt Renate Hörmanseder. Sie leitet die Arge Deutschlehrer der HLWs. "Die Regeln werden im Unterricht durchgenommen. Dann erwarte ich, dass sie auch angewendet werden", sagt sie. Nachsatz: "Bei uns hat es da noch nie ein Problem gegeben."

 

Die Schüler selbst nehmen das Wirrwarr um das Gendern gelassen: "Mich stört das Gendern nicht", sagt Sabrina Dornstädter von der HBLW Wels. Die Anwendung bereitet ihr keine Probleme. Allerdings: "Es gibt in Sachen Gleichberechtigung größere Probleme." Christian Baloh sieht's differenziert: "Wenn mehrere Leute angesprochen werden, ist gendern okay. Aber von einer Verpflichtung halte ich nichts. Ich finde, es wird übertrieben."

 

Bei Arbeiten, die die Schüler zur Matura erstellen, herrschen andere Gesetze. Während bei der Diplomarbeit der HLWs beide Formen zu verwenden sind, gibt es bei der "vorwissenschaftlichen Arbeit" der Gymnasien diese Regel nicht. Außer das Ministerium beschließt noch anderes. Oh Gott/Göttin!

 

Wie richtig gendern?

 

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie eine geschlechtergerechte Sprache formuliert werden kann.

 

Die bekannteste ist das Binnen-I (zum Beispiel LehrerInnen), die aber mittlerweile in Österreich in Ungnade gefallen ist.

 

Die zweite Möglichkeit ist die Koppelung mittels Querstrich, also Lehrer/innen.

 

Variante drei: die Verdoppelung (Lehrerinnen und Lehrer).

 

Geschlechtsspezifische Begriffe vermeiden: „Lehrkräfte" statt „Lehrer" verwenden. Damit wird die Gender-Problematik elegant umschifft.

 

Grundsätzlich können sich die Schüler frei für eine Variante Sprache entscheiden, wenn sie einen Text in geschlechtergerechter Sprache verfassen müssen. „Wenn sie sich aber auf eine Variante festgelegt haben, müssen sie sie aber auch durchziehen", sagt Christian Schacherreiter, Direktor am Linzer Peuerbachgymnasium und selbst Deutschlehrer. Gendern müssen Schüler nur dann, wenn sie explizit dazu aufgefordert werden. Dann können Fehler auch gewertet werden. Dass sie aber eine Note verschlechtern, wird allgemein von Lehrerseite ausgeschlossen.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 264 vom 14.11.2014              Seite: 1

Ressort: Seite 1

 

Österreich

 

Den Kindern nicht ihre Chancen rauben

 

   Zwangsmaßnahmen? Ja bitte! Denn der Staat kann nicht untätig zusehen, wenn Eltern die Zukunft ihrer Kinder ruinieren.

 

   Darf der Staat Eltern zwingen, die Sprachkenntnisse und den Entwicklungsstand ihrer dreijährigen Kinder amtlich überprüfen zu lassen? Darf der Staat Kinder, die diesbezügliche Defizite aufweisen, zu Förderkursen zwangsverpflichten? Darf der Staat Eltern, die ihren Kindern die notwendige Förderung verweigern, mit dem Streichen der Familienbeihilfe oder sonstigen finanziellen Konsequenzen drohen?

 

   Alle drei Fragen sind mit Ja zu beantworten. Der Staat darf all das tun, mehr noch: Er soll all das tun. Gewiss, der diesbezügliche Vorschlag, den ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer am Donnerstag in den „Salzburger Nachrichten" deponiert hat, klingt nach einer Entmündigung der Eltern. Doch hier geht es nicht um die Rechte der Eltern, sondern um die Rechte der Kinder. Die Kinder haben ein Recht auf Förderung, auf Bildung und in weiterer Folge auf Teilhabe an unserer Gesellschaft. Die Eltern haben kein Recht, ihren Kindern dieses Recht zu verwehren. Tun sie es trotzdem, müssen staatliche Zwangsmaßnahmen die letzte Konsequenz sein. Wie es bei der Verletzung der Schulpflicht durch die Eltern seit jeher der Fall ist.

 

   Seit vielen Jahren klagen Lehrherren und Personalchefinnen darüber, dass es vielen Pflichtschulabgängern, die sich um eine Lehrstelle bewerben, an elementaren Sprach- und Rechenkenntnissen fehlt. Meist handelt es sich um Jugendliche, die ohne ausreichende Sprachkompetenz in die Schule eintraten und ohne ausreichenden Spracherwerb durch das Schulsystem geschleust wurden. Die in Klassen saßen, in denen Deutsch die Minderheitensprache war. Die aus einem Elternhaus stammen, das ihnen nicht die geringste Hilfe angedeihen lassen konnte oder wollte. Deren Lehrer zwangsläufig an der Anforderung scheitern mussten, all die Defizite auszugleichen und diese Kinder reif für das Leben zu machen.

 

   Diesen Jugendlichen wurde bereits in ihren ersten anderthalb Lebensjahrzehnten ein großer Teil jener Chancen geraubt, auf die ein Bürger in unserer Gesellschaft ein Anrecht hat. Sie werden keinen Beruf erlernen, keinen Job finden und ihr Leben nicht meistern können. Sie werden Teil eines entwurzelten Proletariats, das von den Zuwendungen des Sozialstaats lebt. Sie sind eine Gefahr nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gesellschaft.

 

   Die Aufgabe der Bildungspolitik muss darin bestehen, Kinder aus gefährdeten Milieus schon in frühen Jahren so weit zu fördern, dass sie ihre Lebenschancen nicht verlieren. Der Vorschlag Mahrers kann ein tauglicher Schritt in diese Richtung sein.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 264 vom 14.11.2014              Seite: 3

Ressort: Hintergrund/Seite 3

 

Österreich

 

Strafen für Eltern sollen Chancen der Kinder erhöhen

 

   Wie kann dafür gesorgt werden, dass alle Kinder so früh wie möglich gefördert werden? In der Regierung werden dazu einige Ideen gewälzt. Eine dürfte an verfassungsrechtliche Grenzen stoßen.

 

   Inge Baldinger Wien. Manche Eltern müssen offenbar zum Glück ihrer Kinder gezwungen werden. Dieser Gedanke treibt nun auch Wissenschafts- und Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) um. Im Gespräch mit den SN erklärte er: Eltern, die ihren drei- bis vierjährigen Kindern die Chance auf frühzeitige Förderung nähmen, sollten keine Familienbeihilfe mehr bekommen.

 

   Die Idee, über den Entzug der Familienbeihilfe Druck auf die Eltern auszuüben, doch bitte alle vom Staat zur Verfügung gestellten oder geförderten Bildungsangebote für ihre Kinder anzunehmen, ist nicht neu. Zuletzt war es Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ), der im Zuge der Ausbildungspflicht für 15- bis 18-Jährige, die ab 2016 kommen soll, diese Sanktion überlegte. Wie Mahrer argumentierte auch er damit, dass es um Chancengerechtigkeit gehe. Besonders im Blick hat die Politik Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten und Migrantenfamilien. Ihnen müsse zu einer Ausbildung und so zu einer besseren Zukunft verholfen werden.

 

   Letztlich entschied sich der Sozialminister für eine andere Art der Sanktion – für Verwaltungsstrafen. Mit gutem Grund: Ein Entzug der Familienbeihilfe würde vom Verfassungsgerichtshof vermutlich gekippt werden. Denn laut Judikatur des Höchstgerichts ist die Familienbeihilfe keine Sozialleistung im eigentlichen Sinn, die so einfach gewährt oder gestrichen werden könnte. Vielmehr ist sie ein Instrument des Ausgleichs zwischen Bürgern mit und ohne Unterhaltspflichten. So lange jemand per Gesetz unterhaltspflichtig ist, verlangt der Verfassungsgerichtshof, dass neben steuerlichen Maßnahmen Familienbeihilfe gewährt wird. Das soll nach einem Spruch aus dem Jahr 1997 dafür sorgen, dass zumindest die Hälfte des Unterhalts, der einem Kind zusteht, steuerfrei ist.

 

   Zustimmung erntete Mahrer dafür, dass bei allen Kindern im Alter von drei bis vier Jahren verpflichtend überprüft werden sollte, wie es um ihre Sprachkenntnisse und ihre sonstigen Fertigkeiten steht. Auch das hat einen guten Grund – und der findet sich im Koalitionspakt. Da heißt es im Kapitel Bildung: „Im Alter von vier Jahren wird in einem Zusammenwirken von Bund, Ländern und Gemeinden der Entwicklungsstand (Schwerpunkt Sprachstandsfeststellung) umfassend festgestellt. Entsprechende Fördermaßnahmen und Unterstützung von Begabungen, insbesondere die frühe sprachliche Förderung bis zur Schuleingangsphase, werden verstärkt."

 

   Mit der Umsetzung dieses Plans beschäftigen sich derzeit neben den neun Ländern drei Ministerien: das Integrations-, das Unterrichts- und das Familienressort. Erklärtes Ziel auf Bundesebene ist ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für Kinder, die nicht (gut) Deutsch können, und möglichst auch für Kinder, die generell weniger können, als sie in diesem Alter können sollten. Ein fertiges Konzept gibt es noch nicht. Denn noch ist nicht klar, wie die Testung der Dreijährigen und die Entscheidungsfindung, welches Kind nun Förderbedarf hat und mit vier in den Kindergarten „muss", in der Praxis ablaufen soll.

 

    Jüngst legte Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) aber den Ländern seinen Entwurf für einen neuen 15a-Vertrag zur sprachlichen Frühförderung in Kinderbetreuungseinrichtungen vor. Der Bund vervierfacht in den nächsten Jahren die Mittel für die Sprachförderung der Kleinkinder auf 20 Millionen Euro jährlich, die Länder müssen in gleicher Höhe mitziehen. Die Sprachstandsfeststellungen, hieß es in dem Entwurf, sollten am Anfang und am Ende eines Kindergartenjahres stattfinden.

 

   Tatsächlich besuchen bereits gut 94 Prozent aller Vierjährigen Kindergärten. Nicht erreicht werden offenbar just jene, die zur Sprachförderung am dringendsten in den Kindergarten gehen sollten.

 

    Ab fünf herrscht Kindergartenpflicht in Österreich. Spätestens dann ist der Kindergarten auch gratis (vielerorts ist er das schon früher), ab dann drohen aber – ähnlich wie bei regelmäßiger Schulpflichtverletzung – Verwaltungsstrafen, wenn die Eltern nicht dafür sorgen, dass ihre Kinder im Kindergarten erscheinen. Geregelt sind die Strafen auf Landesebene.

 

   Erst 2013 wurde ein „Schulschwänzer-Paket" im Nationalrat beschlossen. Es soll für ein besseres Frühwarnsystem und ein besseres Auffangnetz inklusive Einschaltung der Jugendwohlfahrt sorgen, es brachte aber auch, wenn alles nicht hilft, eine Verdoppelung der Strafe auf 440 Euro für Eltern (oder eine Ersatzfreiheitsstrafe von bis zu zwei Wochen). Das gilt ab 2016 auch für Verletzungen der Ausbildungspflicht Jugendlicher.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 264 vom 14.11.2014              Seite: 3

Ressort: Hintergrund/Seite 3

 

Österreich

 

„Die Familienbeihilfe ist keine Sozialhilfe"

 

   Sozialrechtler Wolfgang Mazal hat nichts gegen Strafen für Eltern, aber etwas gegen den Entzug der Familienbeihilfe.

 

   Inge Baldinger Wolfgang Mazal, Sozial- und Arbeitsrechtler, findet das Ziel richtig, das Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer verfolgt. Aber die Familienbeihilfe als Hebel zu benutzen, hält er für falsch. Im Interview erklärt er, warum.

 

    Sollte Eltern die Familienbeihilfe entzogen werden, wenn sie ihrem Kind die Chance auf frühzeitige Förderung nehmen, wie das Harald Mahrer vorschlägt? Wolfgang Mazal: Nein, das ist keine gute Idee, denn da werden Dinge verknüpft, die nichts miteinander zu tun haben. Die Familienbeihilfe ist keine Sozialhilfe. Sie hat zwei Funktionen: den Ausgleich von Lasten, die aus der Unterhaltspflicht entstehen; und den Ausgleich einer zu hohen Besteu-erung, wenn das Einkommen des Unterhaltspflichtigen zu versteuern ist.

 

   Die Familienbeihilfe hängt überhaupt nicht mit der Frage zusammen, wie jemand sein Kind erzieht. Wie könnte man Druck auf Eltern ausüben, die Bildungschancen ihrer Kinder zu wahren? Indem man, so wie bei der Schulpflicht, eine genau dem Zweck gewidmete Verwaltungsstrafe einführt. Eltern müssten ein Kind mit – sagen wir – drei, eher vier Jahren zu einer Überprüfung des Entwicklungsstandes bringen, bei der festgestellt wird, ob ein besonderer Förderbedarf besteht oder nicht. Sein Kind einmal verpflichtend dem Staat zu zeigen – also einer Kindergartenpädagogin und in einem netten Umfeld – ist sicher zulässig.

 

    Und Eltern, die dieser Pflicht zur Überprüfung, die ja auch Mahrer will, nicht nachkommen, bekämen eine Verwaltungsstrafe aufgebrummt und fertig? Nein, denn wenn es diese Verpflichtung gäbe, würde ja vor allem das jetzt schon bestehende System der nachgehenden Familienunterstützung aktiviert. Bringen Eltern ihr Kind nicht zu der Überprüfung, wäre das ein Anlass zu einer Intervention durch die Jugendwohlfahrt. Eine – für den Staat freilich teure – Alternative wäre, gleich ein zweites Pflichtkindergartenjahr einzuführen? Hielten Sie das für richtig? Nein. Ich hielte die Pflicht für richtig, sein Kind frühzeitig vorzustellen. Und wird da ein Förderbedarf festgestellt, muss das Kind vom Staat verpflichtend gefördert werden. Wird dieser Verpflichtung nicht nachgekommen, gibt es Verwaltungsstrafen. Zur Person: Wolfgang Mazal ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Wien. Er ist Leiter des Instituts für Familienforschung.

 

 

 

Der Standard – 14. November 2014

 

 

Familienbeihilfe: Schwarze Strafideen stoßen auf Kritik

Günther Oswald

Ministerin Heinisch-Hosek geht nicht davon aus, dass Eltern ihern Kindern eine Förderung bewusst vorenthalten

Wien - Beim Bildungsthema gab sich die ÖVP unter Reinhold Mitterlehner zuletzt zwar etwas liberaler als noch unter Vorgänger Michael Spindelegger. Nun lässt aber Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer mit einem Vorschlag aufhorchen, die Regelung zur Familienbeihilfe zu verschärfen.

Er will jenen Eltern, die Kinder mit Sprach- oder Entwicklungsdefiziten nicht in Förderkurse schicken, die Familienbeihilfe streichen. "Das hat nichts mit Entmündigung der Eltern zu tun. Es geht um Chancengerechtigkeit für das Kind", sagte er in den "Salzburger Nachrichten". Ob der Vorschlag offizielle Parteilinie ist? "Wir diskutieren dieses Thema sowohl im Evolutionsprozess als auch in der Arbeitsgruppe Bildung", hieß es auf STANDARD-Anfrage im Büro des neuen ÖVP-Chefs. Alle Vorschläge würden "ohne ideologische Scheuklappen und ergebnisoffen" behandelt.

SPÖ vermisst konkreten Vorschlag

Beim Koalitionspartner SPÖ kann man aber wenig mit der Idee anfangen. Man warte noch auf ein "konkretes Konzept", teilte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek mit. Ihr Standpunkt ist klar: "Kinder in diesem Alter entwickeln sich sehr unterschiedlich, daher sehen wir die Sprach- und Entwicklungsstandsfeststellung als Prozess - und nicht einmalig." Unklar sei auch, was Mahrer mit verpflichtender Förderung meine. Grundsätzlich sei ja nicht anzunehmen, "dass Eltern ihren Kindern bewusst Förderung vorenthalten, daher sind Strafen hier nicht etwas, was die Ministerin als sinnvoll erachtet", so eine Sprecherin Heinisch-Hoseks.

Der Verfassungsrechtler Heinz Mayer beurteilt den Vorschlag auch aus rechtlicher Sicht kritisch. Ziel der Familienbeihilfe sei eigentlich, finanzielle Defizite der Familien zu kompensieren. Wenn man nun die Leistung mit einem anderen Ziel, nämlich der Sprachförderung, verknüpfe, sei das möglicherweise aus verfassungsrechtlicher Sicht "unsachlich", so Mayer im STANDARD-Gespräch.

Weitere Verschärfung befürchtet

In der Praxis sei mit einer weiteren Verschärfung des Problems zu rechnen. Wird die Familienbeihilfe gestrichen, fehlen den Eltern schließlich Mittel für Fördermaßnahmen. Mayer zieht einen Vergleich: "Wenn jemand die Schulpflicht verletzt, kann ich im Gegenzug auch nicht das Recht auf freie Schulbücher streichen."

ÖVP-Überlegungen, die Eltern bei der Ausbildung stärker in die Pflicht zu nehmen, wurden erstmals bereits vor einigen Jahren ventiliert. So wird ein Eltern-Kind-Pass angeregt, in den eingetragen werden soll, welche Beratungen im Bereich Spracherwerb Eltern in Anspruch genommen haben.

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"Der Standard" vom 14.11.2014                               Seite: 40

Ressort: Kommentar

 

Lisa Kogelnik

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Auflagen für Familienbeihilfe

 

Sinnlose Kindertests

 

   Mit Sanktionen will Staatssekretär Harald Mahrer Bildungspolitik machen. Er schlägt vor, Eltern die Familienbeihilfe zu entziehen, wenn ihre Kinder keine Förderungen in Anspruch nehmen. Der Förderbedarf soll dabei mit Tests der Drei- bis Vierjährigen zu Sprachstand und Entwicklungsstand festgelegt werden. Dieser Vorschlag ist fragwürdig.

 

   Durch diese Tests wird den Kindern das Kindsein genommen. Solche Prüfungen können zu Leistungsdruck bereits im Kindergarten führen. Davon abgesehen brauchen wir solche Tests nicht, weil ohnehin jedes Kind Förderbedarf hat. Alle haben Begabungen, die entdeckt werden sollten, und Schwächen, deren sich die Pädagogen im Kindergarten und die Eltern zu Hause annehmen müssen.

 

   Mit seinem Vorschlag bedient Mahrer alte Erziehungsmethoden und will, wie früher der Krampus den Kindern, den Eltern heute die Rute ins Fenster stellen. Das Problem bei Kindern, die noch nicht Deutsch sprechen, ist weniger, dass die Angebote nicht angenommen werden, sondern vor allem, dass es zu wenige davon gibt. So kommt bei Kindern mit Migrationshintergrund der für die Entwicklung besonders wichtige Unterricht in der Muttersprache oft zu kurz.

 

   Mahrers Idee ist nicht durchdacht und geht am Problem vorbei. Eine viel bessere Maßnahme wäre es, das zweite verpflichtende Gratis-Kindergartenjahr einzuführen, das die Regierung schon lange versprochen hat.

 

 

"Kronen Zeitung" vom 14.11.2014                            Seite: 3

Ressort: Politik

 

Bgld, Ktn, Wi Mitte, Wi Nord, Wi Süd, Wi West, N.Ö., O.Ö., Sbg, Stmk, Ti, Vbg, Wi, Wi, Morgen

 

Wiener Schwarze rühren Werbetrommel für Gymnasium

 

Ost gegen West: Nun flammt in der ÖVP die Schuldebatte neu auf

 

Wien. - Während die ÖVP-Westachse inzwischen auf die Gesamtschule setzt und mit ihren Vorstößen für Modellregionen immer wieder für einen parteiinternen Zwist sorgt, rühren die Wiener Schwarzen die Werbetrommel für das Gymnasium. Dieses sei die erfolgreichste Schulform und müsse ausgebaut werden.

 

   Wiens ÖVP-Chef Juraczka

 

   "Derzeit gibt es nichts Besseres", so Wiens ÖVP-Chef Manfred Juraczka, der nun zur Rettung und Verteidigung des Gymnasiums ausrückt. Dass er damit insDORIS VETTERMANN Fahrwasser von Ex-Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer und anderen Anti-Modernisierern, die an vorderster Front bei der Initiative "Pro Gymnasium" kämpfen, gerät, glaubt er nicht. "Wir wollen nicht sexy sein, wir wollen Effizienz", sagt Juraczka.

 

   In Wien ortet er eine Einführung der Neuen Mittelschule durch die Hintertür. Die letzte AHS-Unterstufe sei im Jahr 2002 eröffnet worden. Jährlich müssten viele AHS-reife Kinder wegen fehlender Schulplätze abgewiesen werden. Und er verweiset auf die schlechten Noten der Neuen Mittelschulen bei Bildungstests.

 

   Außerdem fordert Juraczka ein Ende der Direktorenbesetzung nach dem Parteibuch. Die Schulleiter sollten sich ihre Lehrer selbst aussuchen können. Und Juraczka verlangt mehr Kreativität. So könnten etwa Pädagogen, die wegen eines Burn-outs nicht unterrichten können, ein Jahr administrative Tätigkeiten an den Schulen ausführen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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