Sonntag, 16. November 2014

2014.11.17: Newsletter Bildung

"profil" Nr. 47/2014 vom 17.11.2014                    Seite: 26,27

Ressort: Österreich

 

 

Oho HeiHo!

 

   Gernot Bauer über die streitbare Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek und die Frage, ob Koituskunde im Kindergarten wichtiger ist als Hochbegabtenförderung im Gymnasium.

 

   Man würde sich mehr Politiker wie Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek in Österreich wünschen. Sie hat etwas zu sagen - im Gegensatz zu Werner Faymann. Sie sagt, was sie denkt - im Gegensatz zu Josef Ostermayer. Sie scheut nicht den offenen Streit - im Gegensatz zu Faymann und Ostermayer.

 

   Nicht immer ist klar, ob Österreich mehr Politiker wie Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek auf Dauer verkraften würde. Sie kann die Mieten für ihre Schulen nicht bezahlen. Die Zentralmatura geriet zur Pannenprüfung. Österreich ist das einzige Land, das es nicht schafft, den PISA-Test fehlerfrei abzuwickeln.

 

   Als Frauenministerin ist Gabriele Heinisch-Hosek, 52, seit 2008 im Amt - mit herzeigbarer Bilanz. In ihrem ersten Jahr als Bildungsministerin passierten ihr dagegen mehr Patzer als Kanzler Faymann in sechs Jahren. Mag sein, dass keine Fehler nur derjenige macht, der nichts tut. Wenn politisches Wirken aber allzu oft im Murks endet, ist die Frage gerechtfertigt, ob "HeiHo“ im neuen Amt eine Fehlbesetzung ist und wie lang ihr Versetzungsschutz noch gilt.

 

   Gabriele Heinisch-Hosek hat - anders als männliche Kollegen - nie behauptet eine Alleskönnerin zu sein. Als sie im Dezember 2013 zur Unterrichtsministerin aufstieg, bekannte sie offen, in diesem Fach wohl kaum "eine Jubelfrau“ werden zu können. Das Amt bringt keinen Bonus - wie die jüngste Zeitgeschichte lehrt: Noch heute hält sich in der ÖVP die Überzeugung, Schuld an der überraschenden Wahlniederlage 2006 gegen eine Bawag-gebeutelte SPÖ trage Wolfgang Schüssels unbeliebte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer. In der SPÖ wiederum denken viele, Heinisch-Hosek wäre sicher auf den Posten der Nationalratspräsidentin abgeschoben worden, hätte nicht Doris Bures den honorigen Topjob nach Barbara Prammers Ableben aktiv beansprucht.

 

   In der Politik gilt das Prinzip der Erbschuld, und so muss Heinisch-Hosek teilweise tilgen, was ihre Amtsvorgängerin verbockte. Claudia Schmied schuf das Bildungsforschungsinstitut Bifie als Zentralstelle fürs Schulreformwesen - Heinisch-Hosek berief die Leiter ab. Schmied initiierte das vom Rechnungshof verrissene Megaprojekt "Neue Mittelschule“ - Heinisch-Hosek könnte die dabei vernichteten 200 Millionen Euro gut gebrauchen. Etwa für die Kosten der Schulgebäude: Die leicht abgesandelte Praxis, die Mieten bei der Bundesimmobiliengesellschaft anschreiben zu lassen, geht ebenfalls auf Schmied zurück.

 

   Ganz zufriedenstellend fiel freilich auch Heinisch-Hoseks bisherige Amtsführung nicht aus. Nach dem Skandal um im Internet veröffentlichte Schülerdaten kündigte sie an, an PISA 2015 aus Datenschutzgründen nicht teilzunehmen. Dass dem österreichischen Schulsystem damit zwar der Zeugnisstress erspart bliebe, der internationale Anschluss aber verloren ginge, fand fast jeder Beteiligte skandalös - mit Ausnahme mancher ansonsten Ministerin-allergischen Lehrergewerkschafter. Zu Ostern erhöhte Heinisch-Hosek aus Spargründen per Verodnungshandstreich die zulässigen Klassenschülerhöchstzahlen und kürzte Jobs für Zweitlehrer in der Neuen Mittelschule. Selbst in den eigenen Reihen war die Empörung groß. Es zeichnet Heinisch-Hosek - anders als männliche Kollegen - durchaus aus, Fehler - wenn auch nur unter massivem Druck - einzubekennen. Die umstrittenen Verordnungen wurden zurückgenommen. An PISA 2015 nimmt Österreich nun doch teil.

 

   Unterrichtsminister zu sein bedeutet legislaturperiodenlanges Lernen: "Ich habe die Schwierigkeiten des Amtes anfangs wohl unterschätzt“, sagt Heinisch-Hosek gegenüber profil. Wer auch nur Minireformen (Ende der 50-Minuten-Einheiten) oder Scheinmaßnahmen (Ende der Pausenglocke) setzen will, ist auf den Goodwill der halben Republik angewiesen: Ministerkollegen, eigene und fremde Abgeordnete, Landeshauptleute, Landesschulräte, Gemeinden, Städtebund, Gemeindebund, Lehrergewerkschafter, Finanzausgleichsverhandler, Elternvertreter, Schülervertreter, Kirchenvertreter. Dazu kommen erwünschte und unerwünschte Beitragsleister aus Wissenschaft, Medien und Opposition. Absolute Einigkeit herrscht nur beim Bekenntnis zur - utopischen - täglichen Turnstunde.

 

   Nach dem Finanz- ist das Bildungsministerium wohl das forderndste Ressort. Während die Administration von Budget und Steuern technokratisch abläuft, ist das Schulwesen ein ideologisches Minenfeld. Eher einigen sich SPÖ und ÖVP bei der Einführung/Nichteinführung von Vermögenssteuern als im Dogmenstreit Gesamtschule vs. Gymnasium.

 

   Bedeutet Fanatismus, den Provokationsgrad zu steigern, wenn die Zielerreichung unwahrscheinlicher wird, darf man Gabriele Heinisch-Hosek als Fanatikerin bezeichnen. Nur Tage nach der Angelobung der Koalitionsregierung im Dezember 2013 hatte sie in Antrittsinterviews die Einführung der Gesamtschule gefordert, obwohl es der ÖVP gelungen war, diese im Regierungsprogramm auszusparen. "Die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen bleibt mein Ziel“, sagt Heinisch-Hosek.

 

   Basis ihrer Schulideologie ist die - unumstrittene - Stärkung der Schwachen bei - fragwürdiger - Vernachlässigung der Starken. Der Satz "Ich bin auch die Ministerin für hochbegabte Schüler“ kommt der gelernten Sonderschulpädagogin nicht über die Lippen, der Satz "Ich sehe Notengebung und Sitzenbleiben skeptisch“ eher leicht. Presseaussendungen der Bildungsministerin zum Stichwort "Chancengleichheit“ finden sich im Archiv zuhauf, zu "Begabtenförderung“ keine. Folge ihrer Schulideologie ist das in linken SPÖ-Kreisen vertretene Konzept der sozial indexierten Schulförderung: mehr Geld für die Hauptschule im Problemviertel als für das Gymnasium im Speckgürtel.

 

   Da das innerkoalitionäre Ruhebedürfnis des Bundeskanzlers Faymann den Schulreformwillen des SPÖ-Vorsitzenden Faymann übersteigt, bleibt Heinisch-Hoseks Gesamtschul-Bemühen derzeit Fleißaufgabe. Statt den Streit um die Sekundarstufe I sucht die Koalition Gemeinsamkeiten an der Schnittstelle Kindergarten und Volksschule. Wer glaubt, die Kleinkinder-Pädagogik biete kein Erregungspotenzial, kennt Gabriele Heinisch-Hosek schlecht. Ende Oktober mahnte die Ministerin ein, "Sexualerziehung“ solle "möglichst früh ansetzen“. Koituskunde schon im Kindergarten? Ja, sagt Heinisch-Hosek, falls Kinder entsprechende Neugier treibt. Keine ganz neue Forderung, aber immer noch ein Aufreger. Die FPÖ ("wirre Ideen der Ministerin“) forderte prompt Heinisch-Hoseks Rücktritt.

 

   Zwar fällt die Sexualerziehung in den Bereich des Bildungsministeriums, ihren diesbezüglichen Beitrag erläuterte Heinisch-Hosek allerdings bei der Präsentation einer Frauenstudie. Derzeit wendet sie nach eigenen Angaben etwa 60 Prozent ihrer Zeit für das Unterrichtsressort und 40 Prozent für das Frauenministerium auf, wobei sich nach ihrem Wunsch bald wieder ein Gleichgewicht einpendeln sollte. Eine gefährliche Balance. So wichtig Gleichbehandlung, Antidiskriminierung, Gender Mainstreaming und Girls’ Day auch sind: Laut Organigramm des Bundesministeriums für Bildung und Frauen beschäftigen die Frauen nur eine Sektion, die Bildung deren sechs.

 

   Möglicherweise liegt in der politischen und aufwandmäßigen Gleichstellung von Bildung und Frauen durch eine in Personalunion zuständige Ministerin auch der Grund für so manche Panne. Und vielleicht sind die beiden Funktionen habituell nicht kompatibel: Um das österreichische Schulwesen weiterzuentwickeln, muss eine Unterrichtsministerin ein Höchstmaß an innerstaatlicher Diplomatie, Mut zum Pragmatismus und Frustrationstoleranz aufweisen. Frauenpolitik, wie sie Heinisch-Hosek versteht, ist dagegen auch im Jahr 2014 nicht allein Sachpolitik, sondern besteht auch aus Propaganda (20-Prozent-Gender-Pay-Gap), lautstarker Bewusstseinsbildung bei jeder Gelegenheit (Frauentag, Mädchentag), Aktionismus (gegenderte Verkehrstafeln) und Geschlechterkampf mit allen verfassungsmäßig erlaubten Mitteln (Frauenquoten bei Uni-Aufnahmetests).

 

   Als besonders diplomatisch gilt Heinisch-Hosek freilich nicht, aber als umso energischer. Sie selbst sagt: "Ich kann schon aufbrausend sein, aber ich beruhige mich auch wieder schnell.“ Auf ihrem Schreibtisch steht das Geschenk eines Mitarbeiters, eine weiße Keksdose mit der Aufschrift: "Keep calm and carry on“.

 

   Ruhig bleiben und weitermachen - so würden es auch Werner Faymann und Josef Ostermayer formulieren.

 

   Gabriele Heinisch-Hosek

 

   Die Bildungs- und Frauenministerin, 52, startete ihre Karriere als Gemeinderätin im niederösterreichischen Guntramsdorf. Von 1999 bis 2008 war sie SPÖ-Nationalratsabgeordnete. Im Dezember 2008 wurde sie Ministerin für Frauen und öffentlichen Dienst. Nach der Wahl 2013 gab sie die Beamtenagenden ab und übernahm das Unterrichtsressort. Seit 2009 ist sie Frauenvorsitzende der SPÖ. Im Zivilberuf ist Heinisch-Hosek Hauptschul- und Sonderschulpädagogin für Gehörlose.

 

 

 

"Kurier" vom 17.11.2014                                   Seite: 22

Ressort: Leben

 

Wi, Abend

 

"Wir wollen die Lehrer aufwerten"

 

Streitgespräch.Das Bildungssystem produziert zu viele Verlierer. Welche Reformen die Schule braucht

 

   von Ute BrühlNeustart Schule. So heißt die neue Initiative der Industriellenvereinigung, die Schwung in die Bildungspolitik bringen will.Doch viele Lehrer sind skeptisch. Nach Zentralmatura und Bildungsstandards haben sie genug von Reformen: Der KURIER lud daher Isabella Zins, Direktorin im BORG Mistelbach und Vize-Obfrau der Bildungsplattform Leistung und Vielfalt, und IV-Bildungssprecher Christian Friesl(www.neustart-schule.at) zum Streitgespräch.

 

   KURIER: Die Industriellenvereinigung will Reformen. Warum?

 

   Christian Friesl:Schauen wir uns die Missstände an: Es gibt viel zu viele Schulabbrecher

 

   - dazu kommt: 20 Prozent der Pflichtschulkinder sind Risikoschüler, können z. B. nicht ausreichend lesen. Die soziale Selektion ist groß. Das stört mich, weil sich das seit 25 Jahren nicht geändert hat. Wir meinen deshalb: Es braucht eine Neukonzeption des Bildungssystems. Unser Ziel ist es, Mitstreiter zu gewinnen und das öffentliche Bewusstsein für die Wichtigkeit des Themas zu stärken.

 

   Bildung hat in der Gesellschaft keinen Stellenwert mehr.

 

   Friesl:Dabei ist Bildung in einem reichen Land der Garant für wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit und sozialen Zusammenhalt. Das wird einer unserer Aktivitäten sein: Zeigen, was Bildung über Schule hinaus bedeutet, für die Gesundheit, für die Demokratie etc.

 

   Isabella Zins:Bei ihren Zielen bin ich dabei, doch Sie werfen dem System Dinge vor, die so nicht stimmen: Österreichs Bildungsausgaben z. B. sinken und liegen unter dem OECD-Schnitt. Aber man müsste mehr von Anfang an denken: Eltern muss man mitgeben, wie wichtig ihre Rolle ist. Leider muss Schule mittlerweile so viel leisten, dass Lesen, Schreiben und Rechnen zu kurz kommen. Wir haben zudem eine Herausforderung mit Kindern von Migranten und bildungsfernen Schichten, die jahrelang ignoriert wurde. Lehrer haben das Gefühl, sie stünden mit diesen Problemen allein da: Nirgendwo in Europa gibt es so wenig Unterstützungspersonal. Friesl: Niemand sagt: Die Lehrer sind schuld. Eines unserer Ziele ist es ja, die Pädagogen aufzuwerten. Das Lehrerbashing muss ein Ende haben. Natürlich wünschen wir uns, dass es mehr Zusammenarbeit mit Eltern gibt. Es kann nicht alles in der Schule passieren, aber dass Bildung schwerpunktmäßig in der Schule passiert, das dürfen wir verlangen. Um bessere Ergebnisse zu erzielen, müssen wir über zwei Dinge reden: Die Bildungskarriere darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Und wir brauchen ein besser ausgebautes Ganztagsschulsystem.

 

   Zins: Bei der Nachmittagsbetreuung hat sich viel getan. Ich gebe aber zu bedenken, dass in jedem Schulsystem der Welt das Elternhaus die Bildung mehr beeinflusst als die Schule. Darauf weist der Bildungsforscher Stephan Hopmann hin. Es gibt auch keine Hinweise, dass eine Ganztagsschule zu besseren Ergebnissen führt. Wer sein Kind zusätzlich fördern will, tut das. Da will ich den Eltern die Wahlfreiheit lassen.

 

   Friesl: Ich will auch niemandem etwas verbieten. Was ich anbieten möchte: Wer Bildung zu Hause nicht hat, soll Unterstützung erhalten - das Grundlevel bei den Risikoschülern muss gesteigert werden. Die Schule muss verantwortlich dafür sein, dass Schüler am Ende der Pflichtschulzeit die Bildungsziele erreichen. Um das zu erreichen, braucht die Schule mehr pädagogische, personelle und finanzielle Autonomie. Und zur Wahlfreiheit: Davon kann ich nur reden, wenn ich die Angebote habe.

 

   Zins:Sicher wünschen wir uns mehr Gestaltungsspielraum. Ich fürchte aber, dass Autonomie in Zeiten des Sparens bedeutet, dass ich als Direktorin entscheiden kann, ob ich die Latein- oder die Deutschstunden kürze oder welche Werbefirma ich ins Haus lasse. Autonomie würde bedingen, dass man wirklich gestalten kann. Zur personellen Autonomie: Es muss eine Börse geben, die das Personal im Blick hat. Landschulen würden kaum Lehrer bekommen, weil dort wenige hin wollen. Friesl: Ich würden da gerne zu den Pflichtschulen zurückkommen: In der Steiermark haben wir z. B. 40 Prozent Kleinschulen. Dort wird Autonomie schwer. Schulen brauchen eine kritische Größe, um das von Ihnen geforderte Unterstützungspersonal auch sinnvoll einsetzen zu können.

 

   Zins: Ich kann nachvollziehen, dass jede Ortschaft ihre Schule behalten will. Es wird aber in den nächsten Jahren Zusammenschlüsse geben, weil das nicht leistbar ist.

 

   Friesl: Wir müssen uns anschauen, ob und wo die hohen Investitionen im Bildungssystem ankommen.

 

   Zins: 93 Prozent des Budgets fallen auf die Lehrergehälter.

 

   Friesl: Nicht alle unterrichten.

 

   Zins: Manche sitzen im BIFIE (schmunzelt). Aber das sind Missstände, die eingerissen sind und keine Systemfehler. Ich hätte von Ihnen gerne den Entwurf eines Gegensystems.

 

   Friesl: Wir müssten bei den Übergängen anfangen, z. B. vom Kindergarten in die Schule. Ich frage auch, ob es so viele Übergänge braucht und wie man sie gestaltet.

 

   Zins: Da ist schon vieles in Veränderung. Eines möchte ich aber festhalten: Das differenzierte Schulsystem ist nicht so schlecht wie von manchen behauptet: Das zeigen Studien wie PISA und PIRLS - im internationalen Vergleich holen Schüler in der Sekundarstufe auf.

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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