Donnerstag, 20. November 2014

2014.11.21: Newsletter Bildung

"Zeit Österreich" Nr. 48 vom 20.11.2014                     Seite: 93

Ressort: ÖSTERREICH

 

Joachim Riedl

 

 

Kapitulation total

 

 

   Will die Republik ihre Lehrkräfte entlohnen, kann sie sich die Miete für  die Schulgebäude nicht mehr leisten. Die Lücke im Bildungsbudget soll bis zu 100 Millionen  Euro groß sein. Daher verhandelt das Unterrichtsministerium derzeit mit der Finanzverwaltung,  zu welchen Konditionen die Schulden bei der Bundesimmobiliengesellschaft gestundet werden  könnten. Vermutlich illustriert dies am besten, in welchem Zustand sich das österreichische Bildungssystem befindet: Es keucht aus dem vorletzten Loch. Überall müssen Lücken gestopft werden, müssen Provisorien herhalten, wo es an tatsächlichen Reformen fehlt und wo sich Politiker und pädagogische Arbeitskreise auf kein Gesamtkonzept einigen können. Und das seit Jahrzehnten.

 

   Österreich leistet sich eines der teuersten Bildungssysteme der Welt. Jährlich investiert die öffentliche Hand rund 9000 Euro in jeden Schüler, das sind um 2000 Euro mehr als im Durchschnitt der OECD-Staaten. Doch die Ergebnisse, die dieser Aufwand erzielt, sind, soweit sie gemessen werden könnten, eher bescheiden: Nach einem Absturz bei den Pisa-Tests im Jahr 2009 kam es 2012 bei dieser internationalen Evaluierung schulischer Leistungen zu einer leichten Erholung. Im Bereich der Mathematik lagen die getesteten Schüler des Jahrganges 1996 über, bei ihren naturwissenschaftlichen Fähigkeiten ziemlich genau auf dem und bei der Lesekompetenz weit unterhalb des OECD-Schnitts. Selbst solch mäßige Resultate werden aber von der Regierung bereits als Glanzleistung und "Trendwende" im Bildungsbereich verkauft.

 

   Das ist natürlich eine Illusion. Zunehmend beklagen Unternehmen, dass junge Berufseinsteiger häufig den Anforderungen nicht gewachsen sind, die eine moderne Arbeitswelt an sie stellt. Einige Großbetriebe sind daher bereits dazu übergegangen, eigene Nachhilfekurse für ihre Lehrlinge anzubieten, wo sie all jene Fähigkeiten erwerben sollen, die ihnen die Schule nicht vermitteln konnte.

 

   Wie effizient ein Bildungssystem funktioniert, lässt sich zwar nur schwer exakt feststellen, doch sämtliche Tests kommen zu dem Schluss, dass das Bildungsniveau der Pflichtschulabgänger beständig im Sinken begriffen ist. Junge Österreicher - dazu gehören natürlich immer mehr Jugendliche, die aus dem Milieu der Zuwanderer stammen - können schlechter lesen, rechnen und sich artikulieren als noch eine Generation zuvor. Der funktionale Analphabetismus, so eine beständige Klage, befinde sich auf dem Vormarsch. Das wirkt sich auf die Wettbewerbsfähigkeit des Landes aus. Im international anerkannten

World Competitiveness Yearbook

,

das die private Wirtschaftsuniversität IMD in Lausanne erstellt, gehört Österreich derzeit zu den Nachzüglern. Bei der Frage, ob ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, rangiert Österreich auf Platz 52 von 60 untersuchten Ländern. Auch bei der Bewertung, ob das Bildungssystem den Anforderungen gewachsen ist, reicht es nur zu Rang 24. Wenig erstaunlich drängt etwa die Industriellenvereinigung seit Langem auf Reformen und zeigt sich dabei ideologisch deutlich flexibler als die Volkspartei, der sie nahe steht.

 

   Bildungspolitik ist seit je ein Minenfeld, in dem Ansätze zu einer Veränderung weniger aufgrund von überprüfbaren Fakten sondern anhand weltanschaulicher Überzeugungen gesucht werden. Die Liste an Verbesserungsvorschlägen ist lang: Gesamtschule, mehr Autonomie der Schulen, Förderklassen für Kinder mit Migrationshintergrund, vorschulische Einrichtungen zum Spracherwerb, eine Entflechtung des Kompetenzwirrwarrs zwischen Bund und Ländern. Zu viele Behörden und Institutionen fühlen sich berufen und zuständig. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht eine alte Frage, die schon in den frühen Jahren der Ersten Republik die ideologischen Lager entzweite: Soll an einem System festgehalten werden, das im Wesentlichen auf einer frühen Trennung zwischen einem elitären und einem weniger anspruchsvollen Bildungsweg basiert, oder wäre nicht ein integrativer Ansatz, der allen Pflichtschülern einen gleichwertigen pädagogischen Pfad bietet, sowohl effizienter als auch gerechter? Wie meist, wenn eine Debatte ergebnislos immer weiterwabert, entsteht Stillstand.

 

   Von der Alternative zwischen Gesamtschule und Gymnasium war denn auch der bildungspolitische Diskurs der vergangenen Jahre bestimmt. Und der endete in einem faulen Kompromiss, der den euphemistischen Namen Neue Mittelschule (NMS) trägt. Viel Geld und noch mehr Propaganda wurde seit dem Schuljahr 2008/09 in diesen integrativen Schulversuch investiert. Allerdings mit magerem Resultat. Unter den 936 Neuen Mittelschulen, die es mittlerweile in Österreich gibt, befinden sich gerade einmal elf Gymnasien, die bereit waren, sich an dem Experiment zu beteiligen - ein Etikettenschwindel. Ein erster Leistungstest im Fach Englisch führte im vergangenen Jahr zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die neuen Mittelschüler noch schlechter abschnitten als ihre Kollegen in den alten Hauptschulen.

 

   Derzeit hat es den Anschein, als habe die Bildungspolitik nach einer Periode heftiger Kontroversen kapituliert. Die sechs Punkte jenes Katalogs, der unlängst auf einer Klausur der neuen Koalitionsriege beschlossen wurde, bezeichnet selbst ein Regierungsmitglied als "Rückschritt".

 

   VON JOACHIM RIEDL

 

 

 

"Zeit Österreich" Nr. 48 vom 20.11.2014                     Seite: 94

Ressort: ÖSTERREICH

 

Stefan Müller

 

 

Der Blick in die Köpfe

 

 

   DIE ZEIT:

Nicht Gold oder Erdöl, sondern Bildung gilt als Rohstoff der Zukunft. Geht Österreich gut

mit dieser Ressource um?

 

   Roland Grabner:

Ich denke, es gibt immer Optimierungspotenzial. Aber mir ist aufgefallen, dass es gerade

beim Thema Begabungsförderung viele Institutionen gibt, die sich um das Thema kümmern - wie

das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung. Es ist teilweise

mehr Infrastruktur da als in Deutschland.

 

   ZEIT:

Gehen dem Land trotzdem Talente verloren?

 

   Grabner:

Es wird sicher ein gewisses Potenzial verschenkt und zu wenig gefördert, das ja.

 

   ZEIT:

Wie viele Menschen besitzen denn überhaupt eine besondere Begabung?

 

   Grabner:

Wenn man von der rein kognitiven Begabung, also der Intelligenz spricht, so ist diese

normal verteilt, und die meisten befinden sich im mittleren Bereich. Die klassische

Definition für Hochbegabung wäre ein IQ, der höher als 130 ist. Demnach sind zwei bis drei

Prozent der Bevölkerung hochbegabt. Es gibt aber auch andere Facetten der Begabung, wie

musikalische, künstlerische oder kreative Begabung. Nur sind diese nicht so gut messbar.

 

   ZEIT:

Als Grundlage für Intelligenz gilt die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Kommen manche

also als Ferrari und andere als Trabi zur Welt?

 

   Grabner:

Jein. Aktuell ist die Befundlage so, dass intelligentere Menschen mehr graue Substanz

haben, also mehr Neuronen und neuronale Verbindungen, und bessere Verknüpfungen zwischen den

Nervenzellen. Das äußert sich auch darin, dass die Gehirne effizienter funktionieren und

weniger Energie verbrauchen. Ob man das mit einem Ferrari vergleichen will? Der verbraucht

sicher mehr Energie als ein Trabi.

 

   ZEIT:

Aber die Startchancen, wenn man den Schlüssel umdreht, sind andere.

 

   Grabner:

Genau, da gibt's einen starken genetischen Einfluss.

 

   ZEIT:

Was jetzt nicht heißt, dass ein Intelligenzbolzen zum Beispiel gleich ein guter

Schachspieler ist.

 

   Grabner:

Nein, die dazu nötige Expertise muss erst erworben werden. Durch intensives Training, durch

den Erwerb einer umfangreichen Wissensbasis. Und in manchen Bereichen kann Wissen oder

Training durchaus die Intelligenz schlagen. Wenn man an akademische Bereiche denkt, ist es

aber eher unwahrscheinlich, dass jemand den Nobelpreis für Physik bekommt, der einen

durchschnittlichen IQ hat.

 

   ZEIT:

Führt das gegliederte Schulsystem dazu, dass die Begabten im Gymnasium landen und die

weniger Begabten in anderen Schulen?

 

   Grabner:

Ich würde nicht sagen, dass das so trennscharf ist. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass

sich die Verteilungen der Intelligenz in Gymnasien und Hauptschulen stark überlappen. Man

hat sowohl im Gymnasium Personen sitzen, die von der Intelligenz her fürs Gymnasium weniger

geeignet wären, als auch in der Hauptschule sehr viele, die das Zeug dazu hätten, in eine

wirklich anspruchsvolle Lernumgebung zu gehen.

 

   ZEIT:

Was aber dazukommt, ist, dass der Lernerfolg stark von externen Faktoren abhängt, wie dem

sozialen Umfeld oder der Bildung der Eltern.

 

   Grabner:

Richtig. Und ein Problem bei der gegliederten Schule ist natürlich, dass man anhand von

bestimmten Merkmalen entscheiden muss: Ab da kommt einer ins Gymnasium und ab dem Punkt eben

nicht. Diese Grenze ist natürlich willkürlich, und es werden automatisch Fehler gemacht.

 

   ZEIT:

Würde man den Kindern einen Gefallen tun, diese Grenze nach hinten zu verschieben?

 

   Grabner:

Ja. Insofern gibt's einerseits die Tendenz, diese Entscheidung später zu treffen, oder sie

im Rahmen einer Gesamtschule noch weiter hinauszuzögern.

 

   ZEIT:

Braucht es eine Gesamtschule für ein zeitgerechtes Bildungssystem?

 

   Grabner:

Die Schulorganisation ist aus meiner Sicht zweitrangig. In erster Linie geht es darum, was

im Unterricht passiert. Und um die Qualität der Lehrerausbildung, die eine ganz große Rolle

spielt, um gesellschaftliche Wertschätzung des Berufs und um Möglichkeiten, Begabungen zu

fördern.

 

   ZEIT:

Die Schulform ist also kein Wirkfaktor, wie es so schön heißt? Beim Pisa-Test liegen ja

Länder mit Gesamtschule nicht nur vor, sondern auch hinter Österreich.

 

   Grabner:

Genau. Die Schulform ist wie gesagt nachrangig. Allerdings verfolgt man mit einer frühen

Trennung der Schülerinnen und Schüler eher das Ziel, homogene Lerngruppen zu bekommen, und

das ist eine Illusion. Das Hauptaugenmerk muss darauf liegen, wie man mit Heterogenität am

besten umgeht, die immer da ist. Und wie man Möglichkeiten schaffen kann, dass alle Kinder

mit unterschiedlichem Begabungsniveau eine anspruchsvolle Lernumgebung erhalten.

 

   ZEIT:

Wie soll das in der Praxis funktionieren?

 

   Grabner:

Es gibt zum Beispiel eine didaktische Maßnahme, die in den USA schon sehr verbreitet ist

und jetzt zunehmend nach Europa kommt: die formative Evaluation. Dabei geht es darum, den

Lernfortschritt der Schüler laufend zu überprüfen und den Unterricht entsprechend

anzupassen. Ich setze das hin und wieder in meinen Vorlesungen ein.

 

   ZEIT:

Wohl nicht indem Sie fragen, wer etwas nicht verstanden hat.

 

   Grabner:

Nein, da würde keiner aufzeigen. Es gibt verschiedene Techniken. Man bittet zum Beispiel am

Ende des Unterrichts alle, auf einen Zettel zu schreiben, was ihnen am Unklarsten war. So

bekomme ich eine Vollerhebung und weiß, wie viele welchen Aspekt des Stoffes noch nicht

verstanden haben. Ich kann auch direkte inhaltliche Fragen stellen, und so herausfinden, wo

es noch Fehlvorstellungen gibt.

 

   ZEIT:

Und die Schüler wissen, sie können keine falschen Antworten geben und riskieren deshalb

auch nicht, eine schlechte Note verpasst zu bekommen.

 

   Grabner:

Ein ganz wichtiges Element. Das soll keine Prüfung sein, sondern eine Änderung der

Lernkultur bewirken. Die Schüler sollen wissen, dass die Lehrperson das macht, um ihren

Lernerfolg zu fördern.

 

   ZEIT:

Das kaiserliche Gymnasium, das Eliten reproduzierte, und die sozialistische Ur-Forderung

nach einer gerechteren Schule für alle stecken in den Köpfen. Ist es nicht zum Verzweifeln,

dass sich der Wandel der Lernkultur so zäh gestaltet?

 

   Grabner:

Wenn ich Bildungspolitiker wäre, würde ich wahrscheinlich tatsächlich manchmal verzweifeln.

Ein großer Schritt ist aber durch die Pädagogenbildung neu gesetzt worden. Die Aufteilung in

Gymnasial- gegen Nichtgymnasiallehrer findet nicht mehr in dieser Form statt, das Alter der

zu unterrichtenden Kinder zählt jetzt mehr, und die neue Ausbildung ist stärker

forschungsorientiert. Ich denke, das kann schon sehr viel dazu beitragen, dass sich der

gesellschaftliche Wandel leichter vollziehen wird.

 

   ZEIT:

Zur Begabungsförderung gibt es viele gut gemeinte Papiere, aber keine Verpflichtung zur

Behandlung in der Lehrerausbildung. Wie passt das zusammen?

 

   Grabner:

Das könnte sich durch die neue Pädagogenausbildung zum Positiven verändern, für die derzeit

die Curricula entwickelt werden. Das Ziel ist es, dass dort die Begabten- und

Hochbegabtenförderung einen stärkeren Platz einnimmt. Das würde ich sehr begrüßen, weil in

der Vergangenheit ein starker Fokus auf Lernstörungen oder Schwächen gelegt wurde, ohne den

oberen Bereich zu berücksichtigen.

 

   ZEIT:

Gibt es in der Bildungsdebatte nach Jahrzehnten des Streits das Bedürfnis nach gesicherter

Information?

 

   Grabner:

Das Bedürfnis gibt's auf jeden Fall, und das erklärt vermutlich auch das große Interesse an

der Hirnforschung. Dabei wird übersehen, dass die Daten aus der Hirnforschung in der Regel

nicht zuverlässiger sind als jene aus der Verhaltensforschung. Auch Bilder des Gehirns sind

nur die Ergebnisse statistischer Analysen und keine fotografischen Momentaufnahmen.

 

   ZEIT:

Welchen Beitrag kann die Hirnforschung für die Lehr- und Lernforschung liefern?

 

   Grabner:

Es gibt viele Themen, bei denen es sich lohnt, auf die neuronale Ebene zu zoomen. Ein

Paradebeispiel sind Lernstörungen. Da konnte bei Rechenschwäche schön gezeigt werden, dass

ein Teil des Gehirns, der für die Verarbeitung von Quantitäten zuständig ist, anders

funktioniert. Hier hat die Hirnforschung einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung von

Diagnoseverfahren und Interventionsmöglichkeiten geleistet. Man kann auch den Lernerfolg von

kognitiven Trainings, zum Beispiel bei Lese- und Rechtschreibschwäche, besser

voraussagen.

 

   ZEIT:

Was die Zusammenarbeit mit Pädagogen und Psychologen voraussetzt.

 

   Grabner:

Darin sehe ich eine große Stärke. Hier wird wirklich versucht, konstruktiv

zusammenzuarbeiten. Und es scheint so, als ob die Hirnforschung die Disziplinen wieder

stärker zusammenbringen könnte.

 

   ZEIT:

Und mit welcher Emotion verfolgen Sie die Schuldebatte?

 

   Grabner:

Erfahrungsgemäß dauert die Umsetzung bestimmter Reformen Zeit. Insofern versuche ich das

mit einer gewissen Geduld und Gelassenheit zu sehen.

 

   DAS GESPRÄCH FÜHRTE STEFAN MÜLLER

 

 

"Zeit Österreich" Nr. 48 vom 20.11.2014                     Seite: 95

Ressort: ÖSTERREICH

 

Toumaj Khakpour

 

 

Wo keine anderen Ausländer sind

 

 

   Draußen in Döbling ist es besser. Die Kinder lachen ein wenig mehr, und  viele werden von ihren Eltern in schmucken Autos hergebracht. Auf dem Campus der katholischen  Privatschule Maria Regina raschelt das Herbstlaub. Auf dem Gang machen Schüler fröhliche  Mienen zum tristen Schulalltag. Überwiegend Österreicher aus gutem Hause besuchen hier im Nordosten Wiens dieses Gymnasium.

 

   "Mir hat die Schule am besten gefallen, die kam sympathisch rüber", sagt die 13-jährige Selin, die aus der Reihe fällt. Sie ist hier eines der wenigen Migrantenkinder. "Ich verstehe mich mit allen gut, außer mit einem, der ist anscheinend gegen Ausländer."

 

   Von öffentlichen Schulen hat sie Schlechtes gehört. "Oft sind die Schüler sehr laut, machen Sachen kaputt und wirken aggressiv", sagt das dunkelhaarige Mädchen. Blitzgescheit wirkt sie, freundlich und etwas zurückhaltend. "Für mich ist es etwas Besonderes, dass ich neben dem klassischen Unterricht auch Sport oder Kunst machen kann."

 

   Nach wie vor besteht in Österreich ein Zusammenhang zwischen Herkunft und Schulerfolg. Es gibt zu viele Bildungsverlierer im zweitreichsten Land der EU. Das sind jene, die sich abgehängt fühlen, die ein müdes Dasein am Rande der Gesellschaft fristen, viele davon sind Migranten.

 

   Für Selins Mutter Senem K. war klar, dass ihre Tochter eine private Bildungseinrichtung besuchen soll: "Ich habe Gespräche mit Freunden geführt, mir zahlreiche Berichte zum Schulklima durchgelesen. Oft ist der Ausländeranteil hoch, die Betreuung stimmt nicht, und niemand schert sich darum." Und dann, erzählt sie, war da dieses Schlüsselerlebnis in einem öffentlichen Kindergarten, irgendwo in Floridsdorf. Zwei Kinder stritten miteinander, brüllten sich an und zeigten sich den Stinkefinger. "Ich war schockiert", schüttelt die 39-Jährige heute noch den Kopf. "Wenn das schon im Kindergartenalter anfängt, was ist dann erst in der Pubertät?"

 

   Senem K. wuchs in St. Pölten auf. Mitte der 1960er Jahre war ihr Vater als Gastarbeiter nach Österreich gekommen. Bildung war ihm sehr wichtig, und seine Anstrengung zahlte sich aus. Alle fünf Kinder legten die Matura ab. Selins Mutter studiert heute Betriebswirtschaftslehre. Ihr Mann ist Servicemanager bei einem internationalen Unternehmen. 180 Euro bezahlen sie pro Monat nur für das Schulgeld, alles andere kostet extra.

 

   Selins Mutter ist nicht die Einzige der Familie, die ihr Kind an eine Privatschule schickt. Zwei ihrer Geschwister taten es ihr gleich und so manche Migrantenfamilie aus ihrem Umfeld.

 

   Für viele Eltern ist der Bildungsaufstieg ihrer Kinder ein Hürdenlauf, dessen Erfolg von Standort und Geldbörse abhängt. 2013 verfügten laut Statistik Austria zwölf Prozent der österreichischen Bevölkerung im Alter von 25 bis 64 Jahren über keine Ausbildung, die über die Pflichtschule hinausreicht. Bei Migranten liegt der Anteil mit 28 Prozent mehr als doppelt so hoch; bei Zuwanderern aus der Türkei mehr als fünfmal so hoch.

 

   Familie Tiftik wollte ihrem heute 27-jährigen Sohn Teoman dieses Schicksal ersparen. "Wenn er es schluckt, dann schluckt er das, und wenn nicht, dann wechselt er in die Hauptschule", sagte Mutter Saadet zu seiner Klassenvorständin in der Volksschule, die eine Hauptschule für Teoman empfahl. Die Mutter wollte das nicht akzeptieren und begann, sich nach Privatschulen umzusehen.

 

   Es gebe genug türkische Familien, die das österreichische Bildungssystem kaum durchblicken könnten, erzählt das Ehepaar Tiftik. "Vielen wurde empfohlen, ihre Kinder in die Sonderschule zu geben, die Eltern haben sich dabei nichts gedacht", sagt Bedrettin Tiftik. "Manche glaubten sogar, die sei aufgrund ihres besonderen Namens eine bessere Schule."

 

   Um dem Sohn eine Privatschule zu ermöglichen, mussten seine Eltern tief in die Tasche greifen: 6800 Schilling, heute 490 Euro, überwiesen sie monatlich an die Privatschule De La Salle Strebersdorf. "Fast ein ganzer Monatslohn", sagt der Vater. Seine Frau suchte sich dafür eigens einen Job als Hausbesorgerin. "Ich war der einzige Türke in der Unterstufe", erzählt Teoman.

 

   Laut Statistik Austria besuchen in Österreich rund zehn Prozent aller Schüler eine der 600 Privatschulen. Tendenz steigend. Auch die Schülerstatistik der De La Salle Strebersdorf weist in den vergangenen Jahren einen leichten Zuwachs an Schülern mit nicht deutscher Muttersprache auf. Gleichzeitig aber stammen nur sehr wenige davon aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien.

 

   Sobald sie ökonomisch abgesichert seien, suchten auch Zuwanderer Schulen mit einem geringen Ausländeranteil, meint die Bildungsexpertin Heidi Schrodt. In ihrem Buch

Sehr gut oder Nicht genügend - Migration und Schule in Österreich

bescheinigt sie dem Bildungssystem große Versäumnisse. An manchen öffentlichen Schulen etwa werde ein "Fünferverbot" praktiziert. Lehrerinnen würden von der Direktion gebeten, keinen der migrantischen Schüler durchfallen zu lassen, um diese nach der Regelzeit aus der Schule zu bekommen. Viele Absolventen erhalten demnach ein Zeugnis ausgestellt, obwohl sie weder ordentlich lesen noch schreiben oder rechnen können.

 

   Ercan A., der in Wirklichkeit anders heißt, bekommt die Bildungskluft täglich in seiner Arbeit als Jugendbetreuer vor Augen geführt. Zu ihm kommen die Kinder, vor denen Eltern wie Frau Tiftik oder Senem K. ihren Nachwuchs behüten wollen. Sein Arbeitsplatz liegt in einem Stadtteil mit hohem Migrantenanteil und niedrigen Einkommen: "Zu meiner eigenen Schulzeit waren die Klassen hier im Viertel durchmischt, man hatte Kontakt zu Österreichern, heute sind es ausschließlich Migrantenkinder."

 

   Das Schulniveau habe sich bis auf wenige Ausnahmen drastisch verschlechtert, weiß der Pädagoge aus eigener Anschauung: "Heute kommt ein Hauptschulabsolvent zu mir und weiß nicht, wie man einen Lebenslauf verfasst."

 

   "In den Köpfen der Eltern ist oftmals verankert: Je höher der Ausländeranteil einer Schule ist, desto schlechter muss das Ausbildungsniveau sein", sagt Markus Röder, Direktor des Phönix-Realgymnasiums, einer Privatschule in Wien-Favoriten. Dieses Bild würde durch Medienberichte und "Schauermärchen" entstehen. "Aber sicher ist es auch an dem einen oder anderen Standort so", sagt der Pädagoge.

 

   An den öffentlichen Schulen gehe es um stete Ressourcenverteilung, die nur begrenzt auf die dort anzutreffenden Herausforderungen zugeschnitten seien, bemängelt der 41-jährige Schulleiter. In seiner Schule ist der Anteil von Österreichern mit Migrationshintergrund sehr hoch, es sind vor allem Schüler türkischer Abstammung und einige Diplomatenkinder. Die Schule wurde 2007 von dem Phönix-Verein für Kultur, Bildung und Sport gegründet.

 

   Wenn der Staat versagt, bieten zweifelhafte Organisationen Hilfe an

 

   Wenn der Staat nicht weiterhilft, sind es manchmal zweifelhafte Organisationen, die hilfesuchenden türkischen Eltern Unterstützung anbieten - von der kostenlosen Nachhilfe über die Nachmittagsbetreuung bis zu eigenen Privatschulen. Oft sind die Vereine von der Gülen-Bewegung inspiriert. Einerseits setzt diese Organisation auf Dialog, Bildung und Integration, andererseits werfen ihr Kritiker vor, über ihr Schulnetzwerk in mehr als 140 Ländern eine türkisch-islamische Ideologie zu verbreiten.

 

   Markus Röder beruft sich auf das vom Stadtschulrat regelmäßig kontrollierte Lehrmodell, das keine Rückschlüsse auf eine Islamisierung zulasse. Er räumt aber ein, dass das Ideenfundament, auf dem die Schule gegründet wurde, vom islamischen Prediger Fethullah Gülen mitinspiriert sei: "Die Ideen von einem möglichst hohen Bildungsabschluss für möglichst viele Menschen und einem zivilisierten Umgang untereinander decken sich, soweit ich mich auch damit beschäftigt habe, mit den Ideen von Herrn Gülen und waren einer der Ausgangspunkte für den Verein, sich mit Bildung, Kultur und Sport zu beschäftigen."

 

   Teoman Tiftik hat den Bildungsaufstieg geschafft. Zwei Jahre lang besuchte er die Privatschule in Strebersdorf, länger konnten sich seine Eltern das Schulgeld nicht leisten. Doch es genügte, um ihn auf eine HTL vorzubereiten, die er dann besuchte. Nächstes Jahr wird er sein Fachhochschulstudium für Medienmanagement beenden. Die Privatschule habe ihm "das Leben gerettet", sagt die Mutter heute.

 

   VON TOUMAJ KHAKPOUR

 

 

"Zeit Österreich" Nr. 48 vom 20.11.2014                     Seite: 97

Ressort: ÖSTERREICH

 

Karl Heinz Gruber

 

 

Diese Schule dürfte es nicht geben

 

 

   Dass eine Wiener Schule ihr 40-jähriges Bestehen feiert, ist an sich nichts Besonderes - ein paar Reden, eine Lehrer-Band, die zum allgemeinen Gaudium einige  schräge Nummern zum Besten gibt, ein von einem Sozialprojekt zubereitetes Büfett, mit der Bitte um angemessene Spenden. So weit, so normal.

 

   Doch die Schule in der Anton-Krieger-Gasse am südlichen Stadtrand von Wien ist keine gewöhnliche Bildungsstätte. Offiziell firmiert sie unter der Bezeichnung "Mittelschule, Realgymnasium und Oberstufenrealgymnasium". Doch hinter den sperrigen, offiziösen Namen steckt ein Unikum der österreichischen Bildungslandschaft, eine fast subversive Einrichtung: Nämlich die einzige echte Gesamtschule des Landes und - zumindest für die SPÖ - der Prototyp einer zukünftigen Sekundarschule.

 

   Wie die Laborschule der Universität Bielefeld in Deutschland, in der neue Formen des Lehrens und Lernens erprobt werden, oder die Londoner Holland Park School nimmt die nach ihrer Adresse benannte Schule antonkriegergasse (AKG) im nationalen Bildungsdiskurs eine Sonderstellung ein.

Beacon schools

werden diese Einrichtungen genannt, Leuchtturmschulen, welche die gute gesamtschulische Praxis weithin sichtbar machen sollen und die - nolens volens - ein Stachel im Fleisch des zu müder Routine tendierenden Regelschulsystems sind.

 

   Für Schuldirektor Michel Fleck ist das korporative Selbstverständnis der AKG der Beweis dafür, dass sich "eine Schülerschaft, die im Hinblick auf Herkunft, Begabung und Interessen so heterogen ist wie die österreichische Bevölkerung insgesamt, mit gutem Gewissen innerhalb einer gemeinsamen Sekundarstufe begabungsgerecht gefördert werden kann".

 

   Fleck findet es "nicht fair", die Qualität einer Schule damit zu erkaufen, dass sie nur gute Schüler aus sogenannten bildungsnahen Familien aufnimmt und den Rest den anderen Schulen überlässt. "Wir halten das für eine weder pädagogisch noch demokratisch zu rechtfertigende schulische Apartheid", sagt Fleck

 

   Eigentlich dürfte es die AKG überhaupt nicht geben. Als vor über vier Jahrzehnten auf einer Baustelle im Wiener Bezirk Liesing eine Tafel mit der Inschrift "Neubau einer Integrierten Gesamtschule" aufgestellt wurde, machte sich unter konservativen Bildungspolitikern helle Aufregung breit. Hier würden Grenzen und Gesetze überschritten, hieß es. Es könne nämlich bloß eine Allgemeinbildende Höhere Schule oder eine Hauptschule gebaut werden, die als Gesamtschulversuch zu führen sei.

 

   Aber der Wiener Stadtschulrat beharrte auf dem Experiment und ließ sich durch diese Einwände nicht beirren. Denn die Gründung der AKG im Jahr 1974 fiel in die Zeit des bildungspolitischen und reformpädagogischen Post-1968er-Aufbruchs, als auch in Deutschland die erste Generation von Gesamtschulen entstand.

 

   Von den etwa 120 Gesamtschulversuchen, die von 1970 bis 1986 in Österreich unternommen wurden, war die AKG die einzige echte Gesamtschule mit Schülern aus dem gesamten Begabungsspektrum und einer gymnasialen Lehrerschaft. Als den Gesamtschulversuchen in den 1980er Jahren trotz positiver Evaluierung die erforderliche parlamentarische Zustimmung entzogen wurde, blieb der AKG als einziger das Schicksal der anderen erspart. Während diese in Hauptschulen zurückverwandelt wurden, konnte sich die AKG ihren Sonderstatus als innovative Modellschule bewahren.

 

   Die Schule falsifiziert eine Reihe schulorganisatorischer Mythen. So etwa die Notwendigkeit der Auslese der AHS-Schülerschaft im Alter von zehn Jahren und die Sinnhaftigkeit der achtjährigen gymnasialen Langform. Ihre Unterstufe wird als "Wiener Mittelschule" nach dem Lehrplan eines Realgymnasiums geführt und rekrutiert absichtlich eine heterogene Schülerschaft, die das ganze Spektrum von sozialer Herkunft und Begabung umfasst.

 

   Jedes Jahr werden etwa 25 Prozent Erstklässler aufgenommen, denen in den Volksschulen nicht die Gymnasialreife zuerkannt wurde. Zudem hat die AKG ihren fairen Anteil an Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache, und sie praktiziert Inklusion, indem sie auch für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf geöffnet ist.

 

   "Der Verzicht auf elitäres Gehabe und auf pseudohumanistische Prätentionen hat unserer Schule nicht geschadet, ganz im Gegenteil", sagt Brigitte Bannert, eine langjährige Lateinlehrerin der Schule. "Die Zahl der Bewerber übersteigt die Schulplätze um ein Vielfaches. Unser Einzugsgebiet umfasst nicht bloß ganz Wien, sondern reicht weit in das niederösterreichische Umland hinein."

 

   Der ebenfalls im Dienste der AKG ergrauter Kollege Friedbert Lattacher meint: "Wir machen unseren Eltern von Anfang an klar: Bei aller Betonung von individueller Förderung hat die AKG nichts zu verschenken." Auch hier gelten die allgemeinen Leistungsstandards, die von Lehrplan und Schulgesetz vorgegeben sind. Nicht alle Schüler erreichen am Ende der Unterstufe die Berechtigung zum Aufstieg in die Oberstufe. Eine einjährige Übergangsstufe bietet ambitionierten Kindern jedoch eine zweite Chance.

 

   Nach vier Jahren, am Ende der ersten Sekundarstufe, gibt es eine klare Zäsur, die sich nicht von anderen Gymnasien unterscheidet. Nach der Statistik des jüngsten Nationalen Bildungsberichts verlassen in ganz Österreich etwa 40 Prozent der AHS-Schüler nach der Unterstufe ihre Schule in Richtung einer berufsbildenden höheren Schule oder eines anderen Oberstufenrealgymnasiums. An der AKG verbleibt etwa die Hälfte der Unterstufenschüler mit Aufstiegsberechtigung am hauseigenen Oberstufenrealgymnasium.

 

   Das pädagogische Engagement und die didaktische Kreativität des Lehrkörpers der AKG demonstrieren, wie kurzsichtig die im vergangenen Jahr beschlossene Reform der österreichischen Lehrerbildung war. Man verzichtete damals auf eine generelle universitäre Ausbildung und behielt stattdessen den institutionellen Dualismus von Universitäten und Pädagogischen Hochschulen bei

(ZEIT

Nr.

22/13).

 

   Bei der Nachbesetzung freier Stellen an der AKG findet eine bemerkenswerte Selbstauslese statt. Junge Lehrer werden meist im Zuge eines Praktikums während des Lehramtsstudiums auf die Schule aufmerksam. So wie der junge Englisch- und Spanischlehrer Albert Müller. Im Vergleich mit Lehrern an anderen Schulen verbringe er viel mehr Zeit in der Schule und müsse sich auch wesentlich mehr "ins Zeug legen". "Aber was könnte mir Besseres passieren, als in einem solidarischen Team gleichgesinnter Kolleginnen und Kollegen an einer Schule zu arbeiten, von deren Organisation und Lernkultur wir alle überzeugt sind?", sagt er

 

   Angeblich ist der neue ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner einer grundlegenden Schulreform gegenüber aufgeschlossener als sein dogmatischer Vorgänger Michael Spindlegger. Wenn Mitterlehner mit den Mitgliedern seines bildungspolitischen Thinktanks ein regelschultaugliches Modell einer Gesamtschule erkunden möchte, dann wäre ein Besuch in der antonkriegergasse in Liesing allemal ein lohnender Ausflug.

 

 

Die Presse – 21. November 2014

 

 

Studie: Lehrer klagen über „ständiges Bashing“

Jeder fünfte Lehrer an berufsbildenden Schulen ist Burn-out-gefährdet. Die vielen Reformen seien mit schuld.

Wien. Die Gewerkschaft der Lehrer an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (etwa HTL, HAK) sorgt – verglichen mit den Kollegen an den AHS – eher selten für öffentliches Aufsehen. Doch nun, knapp eine Woche vor den Personalvertretungswahlen, melden sich auch die BMHS-Vertreter lautstark zu Wort. Ihre Klage: Die psychische Belastung der Lehrer sei zu hoch, das Burn-out-Risiko zu groß. Die Schuld dafür sehen sie dabei vor allem beim Bildungsministerium.

Den Beweis für diese Aussagen wollen die Gewerkschafter heute, Freitag, mit der Präsentation einer aktuellen Studie liefern. Die Ergebnisse der Umfrage unter rund 3000 Lehrern lagen der „Presse“ schon gestern vor. Es zeigt sich, dass sich knapp zwei Drittel der Lehrer „oft ausgelaugt und erschöpft“ fühlen. Fast ebenso viele sehen ihre Leistungsfähigkeit durch „Druck und Stress“ beeinträchtigt. Fast jeder fünfte Lehrer betrachtet sich zumindest als Burn-out-gefährdet.

Ein Stressfaktor ist die Arbeitsbelastung an sich. Acht von zehn Lehrern halten die „Fülle der Arbeit“ für „sehr groß“. Die individuellen Kommentare, die die Lehrer bei der Befragung abgeben konnten, zeigen dabei aber, dass es bei der Belastung große Unterschiede zwischen Schularbeits- und anderen Fächern gibt. So heißt es da: „Ich würde nie wieder ein Korrekturfach studieren – von einer 40-Wochen-Stunde kann ich nur träumen.“ Die Gewerkschaft fühlt sich in ihrer Forderung nach mehr Unterstützungspersonal bestätigt.

Unter Stress werden die Lehrer aber vor allem auch durch die Reformen des Bildungsministeriums gesetzt. Drei von vier Lehrern beklagen das. Ein Lehrer formuliert es so: „Die größte Belastung ist es, aufgrund bildungspolitischer Veränderungen (Zentralmatura) den Unterricht gegen meine tiefste Überzeugung in eine Richtung ändern zu müssen, die ich für falsch halte.“ Ein anderer: „Stellt die Projektonitis ein und lasst uns in Ruhe arbeiten.“

Angesichts der Ergebnisse wünscht sich BMHS-Gewerkschafter Jürgen Rainer ein Qualitätsmanagement im Ministerium. „Nur so kann verhindert werden, dass unausgegorene und oft gegenläufige Ziele in den Schulen umgesetzt werden sollen.“ Da 71 Prozent der Lehrer die „Informationsüberflutung“ durch das Ministerium beklagen, fordert Rainer Veränderungen.

Mangelnde Wertschätzung

Die öffentliche Meinung setzt den Lehrern ebenso zu: „Es ist nicht der Unterricht, sondern die mangelnde Wertschätzung durch die Öffentlichkeit und die Politik, die belastet“, heißt es. Oder: „Das ständige Lehrerbashing setzt mir ziemlich zu.“ Doch auch Selbstkritik ist dabei: „Das ständige Rumgenörgel von Kollegen wirkt manchmal sehr demotivierend auf mich.“ (j. n.)

 

 

Die Presse – 21. November 2014

 

 

Schulbeginn mit fünf: Industrie schwächt ab

Das "Startschuljahr" soll zwar von Schule verantwortet werden, aber wo genau es stattfindet, sei noch offen, sagt die Industriellenvereinigung.

Nach einiger Kritik zum Vorstoß der Industrie, Kinder sollten mit fünf Jahren ihre Schullaufbahn beginnen, ist man nun um versöhnliche Töne bemüht. Nicht mit fünf, sondern weiterhin mit sechs Jahren soll für Kinder laut dem Reformkonzept der Industriellenvereinigung (IV) die Schule losgehen, präzisierte die IV am Donnerstag. Das "Startschuljahr" für Fünfjährige soll zwar inhaltlich von der Schule verantwortet werden, wo es stattfindet, sei aber noch offen.

Prinzipiell wolle man organisatorisch, personell und räumlich eine Verschränkung mit dem Kindergarten: Es solle ein fließender Übergang zwischen Kindergarten und Schule geschaffen werden. Ob das "Startschuljahr" an der Schule oder im Kindergarten stattfinden soll, stehe dabei noch nicht fest. Diese Frage sei erst in Arbeit.

Kindergartenpädagogik als Vorbild

Das IV-Bildungskonzept intendiere jedenfalls "auf keinen Fall eine Abwertung oder gar Bevormundung der elementaren Bildungseinrichtungen". Die St. Nikolausstiftung hat am Donnerstag betont, dass der Kindergarten "keine Vorstufe zum eigentlichen Lernen in der Schule" sei und forderte vielmehr, dass Schulen das elementarpädagogische Bildungskonzept mit seinem forschenden Lernen zum Vorbild zu nehmen und Kindergartenpädagogen im ersten Schuljahr mitunterrichten zu lassen.

ÖVP: "Vorschläge differenziert betrachten"

Neben dem "Startschuljahr" sieht das IV-Konzept u.a. eine ganztägige gemeinsame Schule für alle Kinder bis 14 Jahren vor, die mit einer mittleren Reifeprüfung abschließt. Für VP-Staatssekretär Harald Mahrer ist das Modell der IV "ein Konzept von mehreren, die in der letzten Zeit vorgestellt wurden", wie er betonte. Es werde - "wie viele andere" Konzepte auch - in die Debatte in der Bund-Länder-Gruppe zur Bildungsreform einfließen, einen schon vielfach geforderten radikalen Systemwechsel lehnt er mit Verweis auf das zum Teil über Jahrhunderte gewachsene Bildungssystem allerdings ab. Man könne ein neues Schulsystem nicht wie ein Haus auf die Grüne Wiese stellen, sondern müsse sich eine Reform eher wie eine Renovierung bei laufendem Betrieb im Haus vorstellen - "daher sind diese Vorschläge alle sehr differenziert zu betrachten", betonte er.

Aufgabe der Bund-Länder-Gruppe sei es nun zu überlegen, wie die Verantwortlichkeiten und budgetären Zuständigkeiten in Zukunft sein sollen. Die Verhandler sollen vermutlich noch vor Weihnachten zum ersten Mal tagen, bis zum Jahresende will die ÖVP ihre Ideen für eine Bildungsreform präsentieren. Wichtigste Herausforderung sind dabei aus Mahrers Sicht der Kindergarten und Deutschkenntnisse als wichtigste Voraussetzung, um in die Pflichtschule einzutreten.

 

 

"Kronen Zeitung" vom 21.11.2014                            Seite: 2

Ressort: Politik

 

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Stockholmer Beispiel auch in Wien? SMS-Alarm bei Schulschwänzen

 

Neue Waffe gegen Schulschwänzer" lautet der martialische Artikel zu...

 

   Neue Waffe gegen Schulschwänzer" lautet der martialische Artikel zu einem "Presse"-Korrespondentenbericht aus Stockholm, in dem davon die Rede ist, dass das Schulschwänzen in der schwedischen Hauptstadt mittels SMS-Alarm der Lehrer an die Eltern deutlich reduziert werden konnte.

 

   Das Ganze funktioniert relativ einfach: Bleibt ein Schüler dem Unterricht fern, wird per SMS zwischen Lehrern und Eltern des Schülers Kontakt aufgenommen. Dabei stellt sich relativ rasch heraus, ob das Fernbleiben z. B. wegen Erkrankung entschuldigt ist oder ob es sich um Schulschwänzen handelt.

 

   2In Stockholm spricht man von einer neuen "Wunderwaffe" - die Zahl der Schulschwänzer hat sich ebenso dramatisch verringert wie die Zahl der dadurch versäumten Schulstunden. Die Fehlzeiten haben sich von 2,9% im Schuljahr 2009/2010 auf 1,7% im Vorjahr verringert. Noch dramatischer der Rückgang in Stockholmer Schulen mit sehr hohem Migrantenanteil: Dort sank die Schulschwänz-Rate von 9% auf 2,1%.

 

   In Wien, das mit Stockholm auch wegen des hohen Migrantenanteils in manchen Bezirken vergleichbar ist, wird der SMS-Alarm bei Schulschwänzen zwar schon angewandt, ist aber nicht flächendeckend.

 

   Stadtschulratspräsidentin Brandsteidl zur "Krone": "Wichtig ist, dass sich der Elternverein und die Schule über eine solche Maßnahme einig sind. Ich halte die Idee für sehr gut, und sie sollte an allen Schulen in die Praxis umgesetzt werden."

 

   Brandsteidl wird dieses Thema auf die Tagesordnung des nächsten Elternbeirats setzen, wo zwischen Stadtschulrat und Elternvertretern besprochen wird, wo der Schuh drückt und welche Verbesserungen man in Angriff nehmen kann.

 

   Notorische Schulschwänzer unter den Schülern werden mit einer solchen SMS-Kontrolle wahrscheinlich keine Freude haben, doch wer weiß, vielleicht erspart sie den einen oder anderen "Fleck" im Zeugnis und Ärger mit den Eltern.

 

   Eine "rote Revolution" und den Sturz von Werner Faymann als SPÖ-Chef prophezeite salopp dieser Tage das Gratisblatt "heute" für den Fall, dass die SPÖ 2015 in Wien und Oberösterreich Niederlagen erleiden würde.

 

   Noch ist es nicht so weit, und was Wien betrifft, sind die Umfragen für die Rathaus-SPÖ zwar nicht berauschend, doch für einen politischen Bauchaufschwung ist Bürgermeister Häupl allemal gut.

 

   Weit näher als diese beiden Landeswahlen liegt jedenfalls der SPÖ-Parteitag Ende nächster Woche, bei dem Faymann zur Wahl steht und 83% zu "verteidigen" hat.

 

   Da wird sich entscheiden, ob jene, die vollmundig Streichorgien ankündigen, wirklich die Basis der SPÖ sind oder nicht.

 

 

KATHPRESS-Tagesdienst Nr.277, 20. November 2014

 

 

Katholische Privatschulen: Gegenakzent zu ökonomisierter Bildung

Experten aus 13 europäischen Ländern bei Wiener Symposion über Bildungswesen in Ost und Mitteleuropa  "Bildung ist mehr als Zurüstung für den Arbeitsmarkt"

 

Wien, 20.11.14 (KAP) Dem zunehmend dominanten ökonomistischen Verständnis von Bildung in Europa Alternativen entgegenzusetzen, ist eine Herausforderung und Aufgabe der katholischen Bildungsarbeit: Das betonte Christine Mann, Leiterin des Wiener Erzbischöflichen Amts für Unterricht und Erziehung, bei einem Symposion zum Thema in Wien. Die Bildungsexpertin sprach sich für eine ganzheitliche Sicht auf Bildung gemäß dem christlichen Menschenbild aus; dem gegenüber stehe eine oft einseitige Fokussierung auf wirtschaftliche Interessen. "Bildung ist zweifelsohne mehr als eine Zurüstung für den Arbeitsmarkt", unterstrich Mann, die auch Präsidentin der europäischen Vereinigung der Katholischen Schulen mit etwa 8,5 Millionen Schülern in rund 30.000 Schulen ist.

Fachleute aus 13 europäischen Ländern widmeten sich bei der am Mittwoch beendeten Tagung dem Thema "Freiheit und Subsidiarität: Das Bildungswesen  ein Prüfstein der Staat-Kirche-Beziehung in Mittel- und Osteuropa". Auf Einladung des Kardinal-König-Hauses, des deutschen katholischen Osteuropahilfswerks "Renovabis" und der Stiftung "Pro Oriente" wurden dabei auch Erfahrungen ausgetauscht, wie sich 25 Jahre nach dem "Mauerfall" die Lage in den Ländern entwickelt hat. Neben Mann referierte auch der Untersekretär der Kongregation für das Katholische Bildungswesen am Heiligen Stuhl, P. Friedrich Bechina.

Die Debatte um ein adäquates Bildungsverständnis in Europa könne anhand der wesentlichen Organe wie Europarat, OSZE und Europäischer Union skizziert werden, erklärte Christine Mann. Sowohl Europarat als auch OSZE würden religiöser und kultureller Bildung einen hohen Stellenwert beimessen. Die EU-Gremien seien hingegen von einer "Instrumentalisierung von Bildung als Investition in Humankapital gekennzeichnet". Dieses "stark reduzierte Bildungsverständnis" zeige sich etwa in der PISA-Studie, die "eine massive Tendenz zur Vereinheitlichung" des Bildungssystems mit sich bringe. Die Folgen: "Gelehrt und gelernt werden, womit man bei PISA punkten kann", kritisierte Mann. Nicht nur in der Bildung, auch in den laufenden Debatten um Fortpflanzungsmedizin, Abtreibung und Sterbehilfe schlage sich das Bewusstsein sogenannter "europäischer Standards" deutlich nieder.

Als Europa-Verantwortliche für das katholische Bildungswesen ortete Mann dessen Wachstum in allen Ländern, vor allem die Ordensgemeinschaften leisteten "unermüdliche" Aufbauarbeit. Ob und wie gut sich die kirchliche schulische Bildungsarbeit in einer Gesellschaft etabliere, hänge von der Verteilung der Religionszugehörigkeit und der nationalen Ausprägung des Privatschulwesens ab.

 

Katholische Schulen behaupten sich

Für Westeuropa gelte: je höher der Katholikenanteil und je ausgeprägter das private Schulwesen in einem Land, umso dichter das Netz der katholischen Schulen. Freilich gebe es dort auch Konkurrenz durch andere Privatschulerhalter: Als "Big Player" nannte Mann hier vor allem die Waldorfschulen, die offiziellen Europäischen Schulen, Ausbildungsstätten internationaler Organisationen und gewinnorientierte Schulen, die vor allem aus den USA nach Europa drängten. Eine zunehmend wichtige Rolle spielten außerdem islamische und evangelikale Bildungseinrichtungen.

Mann plädierte für eine stärkere Beteiligung kirchlicher Bildungsverantwortlicher an der gesamteuropäischen Diskussion, aber auch für mehr Austausch untereinander, gerade im Blick auf die Länder Ost- und Mitteleuropas. Katholische Bildungsarbeit genieße überall eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung; das solle genützt werden, um der Privatisierung von Religion gegenzusteuern. "Wir stehen mit unserem Bildungsengagement mitten in der Öffentlichkeit, und wir sind Öffentlichkeit", so der Appell Manns an die Tagungsteilnehmer.

 

Starkes Engagement im Universitätsbereich

Vatikan-Experte Bechina gab einen Überblick über das katholische Universitätswesen: Zurzeit gebe es weltweit 1.500 Katholische Universitäten mit knapp sechs Millionen Studierenden sowie 700 kirchliche Fakultäten, die akademische Grade im Namen des Heiligen Stuhls vergeben. Zentrale Aufgabe der Bildungskongregation sei auch die Mitarbeit im Bologna-Prozess, dessen Mitglied der Vatikan seit 2003 ist.

Laut Bechina muss Bildungspolitik Rahmenbedingungen wie das Auseinanderdriften armer und reicher Länder, das Phänomen der Migration und demographische Veränderungen ernst nehmen. Die Kirche stehe für drei unverzichtbare Qualitätsmerkmale ein: für ganzheitliche Bildung unter Einbeziehung der Beziehung zu Gott, für interdisziplinäre Ausrichtung und für eine spezifische Verantwortung, die der Rechenschaft gegenüber Gott gerecht werde.

 

25 Jahre nach der "Wende"

Die Entwicklung seit dem Umbruch vor 25 Jahren in Osteuropa stand im Mittelpunkt einer abschließenden Podiumsdiskussion mit Experten aus Kroatien, Russland und der Slowakei: Unmittelbar nach dem politisch-gesellschaftlichen Umbruch habe das kirchliche Bildungswesen einen bedeutenden Aufschwung erlebt; inzwischen sei jedoch vielfach Ernüchterung eingetreten, da manche Projekte sich als unrealistisch erwiesen haben, fasste Christine Mann den Austausch zusammen. Gerade das Ziel einer rein restaurativen Rückkehr zum Stand vor der kommunistischen Herrschaft habe sich als illusorisch erwiesen. Entscheidend sei vielmehr die  

Tradition in Gesellschaften, die sich in den Jahrzehnten des Kommunismus auch mental verändert hätten.

Das Symposion endete mit einem Empfang im Erzbischöflichen Palais durch den Wiener Bischofsvikar Darius Schutzki. "Renovabis"-Geschäftsführer Gerhard Albert hob in seiner Schlussbilanz das Engagement der österreichischen und deutschen Kirche in Mittel und Osteuropa hervor: Die Arbeit habe reiche Früchte getragen und einen Erfahrungsaustausch von Christen der östlichen und der westlichen Tradition möglich gemacht.

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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