Mittwoch, 26. November 2014

2014.11.27: Newsletter Bildung

"Die Presse" vom 27.11.2014                                Seite: 4

Ressort: Inland

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

"Bist du der König von England?"

 

   Reportage. Staatssekretär Harald Mahrer sah sich an Berliner Schulen um. Er kam mit Ideen

 

   für die Frühförderung, mehr Autonomie und ein Anrecht auf einen Ganztagsschulplatz zurück.

 

   von Bernadette Bayrhammer

 

   Wien. Einmal muss die Delegation um Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) in Berlin mit Gegenwind klarkommen - als sich ein paar Kinder im Kreuzberger Kindergarten beim Spielen gestört fühlen und lautstark protestieren. Das könnte damit zu tun haben, dass ein paar von ihnen kurz zuvor enträtselt haben, dass es sich bei den Krawattenträgern um Politiker handelt ("Bist du der König von England? Bist du Angela Merkel?"). Mahrer lässt sich von seiner Mission trotzdem nicht abbringen: schäkert etwas unbeholfen mit den Kleinen, zeigt sich beeindruckt von den großzügigen Räumen, die da in einem früheren Parkhaus entstanden sind.

 

   Ziel dieser Mission - für die er ein Dutzend Bildungspolitiker und Experten mit dabei hat, von Autor Andreas Salcher und Uni-Professorin Christiane Spiel über den umtriebigen AHS-Lehrer Daniel Landau bis zu ÖVP-Jungpolitiker Asdin El Habbasi: Fakten finden, die die Debatte in Österreich bereichern sollen. Oder, wie Mahrer später formuliert, einen ersten Schritt tun, um diese Debatte zu entideologisieren, zu entkrampfen. Um letztlich den Kurs des Dampfers Bildungspolitik zu ändern, der ähnlich der Titanic in Richtung Eisberg steuere. So viel zur Dringlichkeit.

 

   Die Türschilddebatte sei dabei jedenfalls kontraproduktiv, das wird man von Harald Mahrer noch mehrfach hören. Sie verdecke die eigentlichen Probleme. Sein Credo: früh anfangen, statt später zu reparieren. Sprache, Förderung, der Übergang in die Schule und die Volksschule selbst. "Wenn Elementarbereich und Volksschule gut funktionieren, sind 70 Prozent aller Probleme gelöst", sagt er irgendwann zwischen einer Debatte über digitales Lernen ("darauf muss man setzen") und dem Kindergartenbesuch.

 

   Anrecht auf Ganztagsplatz

 

   Ein paar Stunden zuvor in der Erika-Mann-Grundschule, einer Brennpunktschule im Arbeiterbezirk Wedding. Der Staatssekretär sitzt Probe in einem Sessel, der an eine Drachenklaue erinnert und lässt Salcher, Landau und Spiel die Fragen stellen. Ihn beeindruckt das Angebot rund um die Schule. Zwischen sechs Uhr früh und halb sieben Uhr abends können Kinder (falls nötig) betreut und gefördert werden - zwölf Monate im Jahr. Ein Modell für Österreich? Durchaus. "Es wird immer wieder argumentiert, es gebe den Bedarf nicht. Ich sehe ihn aber überall."

 

   Vorstellbar wäre sogar ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in der Schule (solange kein Zwang dabei ist): "Wenn wir es finanzieren können, ja. Das ist etwas, was wir auf alle Fälle debattieren werden." Denkbar auch für den Kindergarten - wie in Deutschland der Fall. "Für die, die es brauchen, muss es die Möglichkeiten geben. Wenn man draufkommt, dass das nur über den Rechtsanspruch geht, wäre das ein vernünftiges Mittel."

 

   Schützenhilfe (und bisweilen Stichworte) bekommt er von Jörg Dräger: Mit dem Bildungschef der Bertelsmann-Stiftung ist Mahrer schon länger in gutem Kontakt und über weite Strecken ganz auf einer Linie. "Wir streiten meistens über das Falsche", sagt Dräger vor der Delegation. "Über die Schulstruktur, die föderale Zuständigkeit, die Klassengröße." Dabei seien Ganztagsschule und Frühförderung eigentlich zentral. Ebenso wie Transparenz und Autonomie.

 

   Autonomie stehe in der Regierung ohnehin auf dem Plan, meint dazu Mahrer. Was das konkret umfasst, müsse aber erst ausdefiniert werden. Was Transparenz angeht, so will Mahrer mehr davon: Die Ergebnisse der Bildungsstandards sollten für die einzelnen Schulen veröffentlicht werden. "Das muss man schrittweise einführen, aber ich hätte nichts dagegen." Und wenn sich die Bund-Länder-Gruppe, die bald ein erstes Mal tagen soll, auf Bildungsziele geeinigt hat, brauche es einen Kassasturz.

 

   "Es gibt eine gigantische Erwartungshaltung", sagt Andreas Salcher. "Und in den kommenden zwei, drei Monaten auch ein Window of Opportunity." Daniel Landau - übrigens der einzige prononcierte Gesamtschulbefürworter in der Runde - sieht die Politik am Zug: "Dass hier einer der höchsten Repräsentanten der ÖVP wirklich Interesse zeigt, ist mehr als ein Zeichen", sagt er. "Es wird immer mehr Menschen in der Politik bewusst, dass es so nicht weitergeht."

 

   Macherinnen und Macher

 

   Wie es (ganz anders) funktionieren kann, zeigt jedenfalls die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Zugegeben: Sie hat als private Schule mit größtenteils besser gebildeter Klientel einen Vorteil. Das Klima der Wertschätzung und des Zutrauens beeindruckt aber in jedem Fall: Die Schüler scheinen glücklich, sind eloquent, selbstbewusst. Frontalunterricht, Gleichschritt: alles längst passe hier. Gearbeitet wird eigenständig. Herausforderung und Verantwortung stehen sogar auf dem Lehrplan. Nicht nur der Staatssekretär - auch fast der ganze Rest der Delegation: begeistert.

 

   "Das waren lauter kleine Macherinnen und Macher", wird Mahrer später sagen. "Wenn man es intelligent macht, verlieren die Kinder nie die Neugier. Sie lernen, eigenverantwortlich zu sein, mit klarem Zug zum gemeinsamen Handeln und bereit für neue Lösungen." Was zu einem zweiten Thema führt: dem Unternehmertum. Hier gilt: Wien soll Berlin werden.

 

 

"Der Standard" vom 27.11.2014                                Seite: 8

Ressort: Inland

 

Karin Riss aus Berlin

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Mit Berliner Ideen in Richtung Ganztagsschule

 

   Wenn der Staatssekretär zur Bildungsexkursion lädt, sind die Koffer bei der Heimreise voller Ideen: Die Qualität im Kindergarten müsse erhoben und veröffentlicht werden. Und es brauche mehr ganztägige Schulplätze – mit Rechtsanspruch. Nicht alle in der schwarzen Reisegruppe sind vom Reformbedarf des Bildungssystems überzeugt.

 

   Einer will es in der Berliner Kindertagesstätte Ina genau wissen: „Seid ihr alle Politikaaa?“ Einen Verdacht hat der, geschätzt, Vierjährige bereits: „Nur die mit Krawatte!“

 

   Die von Harald Mahrer war an diesem ersten Tag seiner „Fact-Finding-Mission“ in Berlin blaugeblümt, die Hose hoch, der Geist voll Tatendrang. Dass der schwarze Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung gerade bei den deutschen Nachbarn Anregungen für das heimische Bildungssystem finden will, erklärt sich weder Kraft seines Amtes, noch dadurch, dass die Deutschen hier Vorreiter wären. Die Bildung hat sich Mahrer aus persönlichem Interesse und aufgrund der Bedeutung für Wissenschaft und Wirtschaft zum Steckenpferd gemacht. Und die Deutschen seien uns eben ähnlich. Jedenfalls was das in die Jahre gekommene Bildungssystem betrifft.

 

   Aber auch dort gibt es einzelne Kitas und Schulen, die innerhalb der Möglichkeiten des Systems das Unmögliche versuchen und Bildung neu denken. Margret Rasfeld etwa, Schulleiterin einer dieser Leuchtturmschulen. „Wir brauchen Irritationen, um aus unserer Haltung herauszukommen“, erklärt die Frau an der Spitze der Evangelischen Schule Berlin Zentrum beim Ösi-Besuch ihren ungewöhnlichen Schulalltag. Der hat mit Schule, wie man sie gemeinhin kennt, nur mehr wenig zu tun (Schulporträt auf derStandard.at). Rasfelds Motto von der notwendigen Irritation passt aber auch gut zu der rund 20 Mann und Frau starken Reisebegleitung Mahrers, die nicht nur aus schwarzen Reform-, sondern auch Beharrungskräften besteht.

 

   Gelegenheit, die Skepsis über Bord zu werfen, gab es bei der zweitägigen Bildungsexkursion zuhauf. Erste Station: Erika-Mann-Grundschule in Berlin Wedding, 79 Prozent der Eltern beziehen Transferleistungen, 81 Prozent der Kinder kommen aus Familien, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist. Die Schulleitung antwortet mit einer offenen Ganztagsschule, jahrgangsübergreifendem Unterricht, der Inklusion Behinderter, Tanz- und Theaterunterricht (impliziter Spracherwerb!), keine Noten, um nur einige Eckpunkte aufzuzählen. Dass man auch in den Ferien geöffnet hat, das Personal bereits ab sechs Uhr früh für die Kinder da ist, sie mit Frühstück versorgt, aber auch nach 17 Uhr im „Zu-Spät-Hort“ auf die Eltern gewartet wird, gefällt dem Staatssekretär besonders gut. Auch in Österreich sei so eine ganztägige Schulform notwendig, „viel notwendiger, als man gemeinhin glaubt“, auch in ÖVP-Kreisen. Das höre er immer wieder. Aber Mahrer kennt auch die andere Seite. Jene Eltern, die fürchten, dass man sie damit zwangsbevormundet. So soll es nicht sein. Aber jenen, die ein ganztägiges Angebot brauchen, will er es anbieten – sogar mit Rechtsanspruch, sagt Mahrer, um dann einzuschränken: „Wenn wir es finanzieren können.“

 

   Nach dem Besuch bei „sofatutor.com“, einem Start-up, das Onlinenachhilfe via Lernvideos anbietet, in einem ehemaligen Parkhaus, in dem die Autos Platz für Kindergartenkinder machten (25 Herkunftsländer, 20 Prozent davon türkischsprachig), einem Abstecher in jenes Institut, das über die Qualität der Berliner Kitas wacht und dem abendlichen Austausch mit Jörg Dräger, dem Chef der Bertelsmann-Stiftung („Verdammt, stellt die Pädagogik um, so, dass alle in den Bildungsaufzug steigen!“), nimmt der Staatssekretär u. a. folgenden Auftrag für das eigene politische Handeln mit nach Hause: mehr Schulautonomie, „auch budgetäre“, verbunden mit mehr Transparenz, sprich der Evaluierung der Qualität im Kindergarten. Der Steuerzahler habe „ein Recht darauf zu wissen, was er mit seinem Geld finanziert“. Ebenfalls in Mahrers Reisegepäck: „Wir brauchen einen Schub im Bereich Digitalisierung.“

 

   Jeder nimmt etwas anderes mit

 

   Brigitte Jank, um deren Ablöse als Bildungssprecherin Gerüchte kursieren, die sie aber nicht bestätigt, will sich auch gegen Ende der Reise das österreichische Schulsystem nicht schlechtreden lassen. Oberösterreichs Landesschulrat Fritz Enzenhofer hat immer noch die Forderung nach mehr Sanktionsmöglichkeiten für Schüler mit im Gepäck. Daniel Landau, Obmann der Bildungs-NGO „Jedes Kind“, nimmt mit, dass ein System „dann gut gelingen kann, wenn Wertschätzung gelebt wird“. ÖVP-Berater Andreas Salcher will statt „Scheindiskussionen über die Sommerferien“ eine Stärkung der Schulleiter und mehr Autonomie. Er sieht jetzt dafür ein „window of opportunity“. Harald Mahrer hatte bei der Heimreise einen Gangplatz.

 

   Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise erfolgte auf Einladung des Staatssekretariats im Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft.

 

 

Kurier – 27. November 2014

 

 

ÖVP-Mahrer angetan von ganztägigen Vorzeigeschu­len.

ÖVP-Staatssekretär Mahrer auf "Fact-finding-Mission" in Berlin.

Wie kann man das heimische Schulsystem verbessern? Wie kann man Schüler gezielt fördern – und Sprachdefizite beseitigen?

Um Antworten auf derlei Fragen zu finden, war ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer Montag und Dienstag auf "Fact-finding-Mission" in Berlin. So besuchte er etwa die mehrfach ausgezeichnete "Evangelische Schule Berlin Zentrum", wo äußerst autonom gelehrt wird. In der Ganztagsschule (von 8.15 bis 15.45 Uhr) gibt es bis zur 9. Schulstufe keine Noten, sondern individuelle "Lernberichte". Es gibt altersgemischte Lerngruppen – und eigens gestaltete Pflichtfächer, etwa unter den Titeln "Verantwortung" und "Herausforderung". Mahrer war begeistert von den "erfrischenden Bildungszugängen" in der Vorzeige-Schule.

Als solche gilt auch die "Erika-Mann-Grundschule" in Berlin. 82 Prozent der Schüler haben Migrationshintergrund. 84 Prozent der Eltern sind arbeitslos. Die Schule ist täglich von 6 Uhr bis 18 Uhr geöffnet (gelernt wird von 8.30 Uhr bis 16 Uhr). Acht von zehn Schülern schaffen den Sprung ins Gymnasium (oder in eine Realschule). Mahrer besuchte auch Ganztagskindergärten – und lobte die "sensationellen Modelle", die er in Berlin kennengelernt habe: "Offene Ganztagsbetreuung, neue Sprachförderungsansätze und gelebte Schulautonomie." Seine Erkenntnisse will er in die Bildungsreform-Debatte einbringen.

Große Bildungsdebatte

Über Bildung wird auch am 9. Dezember in Wien debattiert: Auf Einladung von ÖVP-Chef und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner werden sich rund 200 Interessierte in der Hofburg versammeln. Geladen sind Mandatare aller Couleurs, Bildungslandesräte, Landesschulratspräsidenten, Experten und Vertreter von NGOs.

 

Morgenjournal, 27.11.2014

 

Bildung: Tipps aus Berlin

Aus Berlin, Andreas Jölli

Die Bildungs-Politik sorgt in der Koalition weiterhin für Diskussionen. Doch da liegen die Prioritäten weit auseinander. Die SPÖ will am kommenden Parteitag ihre Ziel-Richtung mit der flächendeckenden gemeinsamen Ganztagesschule der 10 bis 14-Jährigen. Die ÖVP sieht mehr Handlungsbedarf in Kindergarten und Volksschule, Staats-Sekretär Harald Mahrer hat sich dafür in Berlin Anregungen geholt.

Eine Gesamt-Schule, oder gemeinsame Schule der 6- bis 14-jährigen hat für die ÖVP derzeit keine Priorität. Für ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer geht es mehr um Kindergarten und Volksschule. Alles andere seine Stellvertreterdebatte, sagt der ÖVP-Staatsekretär bei seiner Fact-Finding-Mission in Berlin. Ideologiefrei und entemotionalisiert debattieren und die Lösungen dort suchen, wo sie die größtmögliche Wirkung im Nachgang haben. Das sei der Fall im Volksschulbereich und davor im Kindergarten.

Im Polit-Deutsch heißt das kreative Bildungs-Ansätze kennenlernen, die sucht Harald Mahrer in Kindergärten und Schulen mit hohem Ausländer-Anteil. Im frühkindlichen Bereich sei noch viel zu tun Richtung Sprachförderung und Ausweitung des Ganztagesangebotes.

Die ÖVP-Bildungs-Sprecherin Brigitte Jank. Es gefalle ihr, dass es von Früh weg bis 18.00 ein Angebot gebe, wo Kinder da sein können, das sei für berufstätige Eltern im städtischen Bereich ein wichtiges Angebot. Die Kinder könne auch Frühstück bekommen und es gebe breite Kooperationen.

Der Bildungs-Experte Andreas Salcher sagt, eine bessere Bildung und Ausbildung im Kleinkindalter sei ungemein wichtig. Die Lehre für Österreich sei, mehr in Kindergärten und Volksschule zu investieren. Soziale Benachteiligung könne nur dort relativ günstig kompensiert werden, später werden alle Bemühungen weitaus kostenintensiver.

Andreas Salcher wurde von ÖVP-Chef, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner als Berater engagiert.

Auf der Bildungsreise nach Berlin mit dabei ist auch Lehrer Daniel Landau. Er findet es spannend, dass die Grundschule in Berlin im Sommer offen hat.

Daniel Landau ist auch Sprecher der Organisation "Jedes Kind", das sich für die Bildung einsetzt. In herausfordenderen Regionen brauche es mehr Mittel.

Es brauche auch eine Aufwertung der Kindergarten-Pädagoginnen sowie klare Auswahlkriterien für Lehrer. Da müsse es zu einem Kulturwandel kommen, es müsse ausgewählt werden, so Salcher.
Schule, Bildung und Ausbildung müssen sich endlich weiterentwickeln – vom 20. Ins 21. Jahrhundert.

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

 

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