Sonntag, 30. November 2014

2014.12.01: Newsletter Bildung

"Profil" Nr. 49/2014 vom 01.12.2014                          Seite 14

Ressort: Österreich

 

Peter Hajek

 

 

Bildung als Abwehrkampf

 

Die Debatte über die Gesamtschule erinnert an den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Der Protagonist des Films sitzt in einer Zeitschleife fest, genauso wie die österreichische Bildungspolitik. Die Politiker verweisen dabei gerne auf die Bevölkerung. Und diese ist nach wie vor gespalten: Aktuell votieren 48 Prozent für, 41 Prozent gegen eine gemeinsame Schule der zehn- bis 14-Jährigen. Während sich Akademiker und Maturanten nur zu 39 Prozent für die Gesamtschule aussprechen, können sich 50 Prozent der Menschen ohne Matura dafür erwärmen. Daraus spricht die Sorge der einen, dass die Gesamtschule den Standard nivellieren würde, und jene der anderen, dass man bildungstechnisch zurückgelassen wird.

 

 

"Profil" Nr. 49/2014 vom 01.12.2014                       Seite 25,26

Ressort: Österreich

 

Von Gernot Bauer

 

 

Der Kapsch in der Revolte

 

Rot-Grün bejubelt das Gesamtschulkonzept der Industrie: Politischer One-Night-Stand oder Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

 

Schön, wenn der Klassenfeind eine positive Überraschung liefert; noch schöner, wenn diese in einem waschechten Umsturz besteht: "Wir brauchen keine Bildungsreformen mehr, sondern eine Bildungsrevolution." Wie er sich seine "Revolution" vorstellt, legte der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Georg Kapsch, 55, vorvergangene Woche offen: Gesamtschule, Ganztagsbetreuung, zwei kostenlose Kindergartenjahre. Jubel von ungewohnter Seite war ihm sicher: Die IV übernehme "zentrale Forderungen der SPÖ", frohlockte die sozialdemokratische Bildungssprecherin Elisabeth Grossmann. Auch die Grünen lobten die "mutigen Vorschläge" des IV-Präsidenten.

 

Applaus von links? An sich stehen Initiativen der IV bei Rot und Grün unter Profitmaximierungsverdacht. Im Bildungsstreit bildete sich dagegen eine bemerkenswerte Allianz - mit der ÖVP auf Distanz. Ein politischer One-Night-Stand? Oder der Beginn einer wunderbaren Freundschaft bei gleichzeitiger Entfremdung der ÖVP vom mächtigsten Verein des Landes?

 

Ganz unvorbereitet traf der IV-Vorstoß die Schwarzen wohl nicht. Man kann davon ausgehen, dass Reinhold Mitterlehner von Kapsch und seinem Generalsekretär Christoph Neumayer vorab informiert wurde. Ein Überraschungsangriff ohne Vorwarnung wäre eine Brüskierung des ÖVP-Chefs gewesen - derartige taktische Fehler passieren im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz eher selten.

 

Im Gegenteil: Stille Diplomatie zählt zu den Kernkompetenzen der 1862 gegründeten Organisation mit 4200 Mitglieder-Unternehmen, darunter nicht nur Leitbetriebe wie Voestalpine, Siemens und OMV oder klassische mittelständische Industrieunternehmen. Auch sämtliche Großbanken, Logistik-Konzerne wie Gebrüder Weiss und die ÖBB, Red Bull und die Telekom-Anbieter zahlen freiwillig ihre Beiträge ein. Insgesamt beschäftigen die IV-Mitglieder 650.000 Arbeitnehmer, die gesamte Industrie inklusive Dienstleister 2,4 Millionen - das allein garantiert, beim Kanzler auch kurzfristig einen Termin zu erhalten, egal welcher Couleur. Als Bruno Kreisky 1970 Regierungschef wurde, schickte er seinen Handelsminister Josef Staribacher noch am Tag der Angelobung als Emissär zum Schwarzenbergplatz, um den Industriellen allfällige Urängste vor einem Sozi am Ballhausplatz zu nehmen.

 

Interessensvertretung heißt, Benachteiligungen im Ansatz zu unterbinden und Bevorzugungen nicht unterbinden zu lassen. Bedroht ein Gesetzesvorhaben ihre Interessen, schlägt das Frühwarnsystems der IV Alarm. Das Industrie-Netzwerk stützt sich auf Ex-Trainees, die nach ihrem Studium ein Post-Graduate am Schwarzenbergplatz durchlaufen und danach im Idealfall in Politik, Verwaltung und Wirtschaft Karriere machen. Zu den prominentesten Ex-Trainees zählen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Ex-Staatssekretär Jochen Danninger. Überdies überlässt die IV den Ministerbüros und Parlamentsklubs gern qualifiziertes Jungakademiker-Personal per Leihvertrag.

 

So sehr die IV nach außen auf Äquidistanz zu allen Parteien bedacht ist, so natürlich ist die Nähe zur schwarzen Biosphäre. In Wolfgang Schüssels Kanzlerschaft flossen IV-Ideen wie die Gruppenbesteuerung ungefiltert ins Regierungsprogramm. Kein Wunder: Unter Präsident Peter Mitterbauer galt die Industrie als Treiber der schwarz-blauen Wende. Auch Mitterbauers Nachfolger Veit Sorger glaubte fest an deren Nutzen, wiewohl er sich später als Fan der SPÖ-Ministerin und heutigen Nationalratspräsidentin Doris Bures deklarierte. Das BMVIT (Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie) zählt neben Wirtschafts- und Finanzministerium zu den Ziel-1-Gebieten der IV-Lobbyingaktivitäten.

 

Seit der sozialliberale Georg Kapsch - ein Veteran des Liberalen Forums - zum Präsidenten gewählt wurde, kümmert sich die IV auch intensiver um weiche Ressorts wie Unterricht und Wissenschaft. Dazu leistet sie sich schon seit Jahren eine eigene Abteilung für Gesellschaftspolitik. Generalsekretär Neumayer beansprucht für seine Organisation gesellschaftliche Ganzheitlichkeit: "Natürlich sind wir eine Interessensvertretung für unsere Mitglieder und den Wirtschaftsstandort Österreich. Wir verstehen uns aber auch als gesellschaftspolitischer Think Tank. Wirtschaft findet ja nicht im luftleeren Raum statt."

 

Mit den Gesamtschulideen des IV-Präsidenten dürften nicht alle ehrenamtlich agierenden Funktionäre in den Gremien der IV ihre helle Freude haben. Für die ÖVP rückte Neo-Staatssekretär Harald Mahrer zur Kommentierung aus: "Wir werden die Vorschläge weltoffen und ideologiefrei diskutieren." ÖVP-intern ist von Offenheit und Ideologie-Ferne weniger zu spüren. Ein Vorstandsmitglied: "Hinter dem Konzept der Industrie steht reine Profitorientierung. Sie will funktionierende Lehrlinge statt Gymnasiasten und Eltern, die bis zum Abend in den Betrieben sind. Unsere Kernschichten lehnen das ab."

 

Während der Obmannschaft von Michael Spindelegger galt das Verhältnis zwischen IV und ÖVP als durchaus angespannt. Auch Reinhold Mitterlehner stieß am Schwarzenbergplatz wegen seines Verständnisses für die Gewerkschaften jahrelang auf Skepsis. Dass er sich als neuer Parteichef bereits mehrfach mit seinem roten Spezi, Sozialminister Rudolf Hundstorfer, anlegte, registriert so mancher Industrie-Vertreter mit Wohlwollen. Abseits der Bildungsthematik bleiben Industrie und Volkspartei also Freunde mit ähnlichen Vorlieben (Vermögen) und Abneigungen (Vermögensteuern). Entsetzen löste am Schwarzenbergplatz dagegen Bundeskanzler Werner Faymann aus, als er das Steuerreform-Papier von ÖGB und Arbeiterkammer direkt übernahm. Das schulische Techtelmechtel dürfte eher nicht zu einer tiefen Beziehung führen. Es wird - wie seit jeher - beim korrekten Verhältnis zwischen Industrie und SPÖ bleiben.

 

Die Amour fou mit den Grünen währte ohnehin nur kurz. Einen Tag nach dem Lob für die Bildungsreform warf Grünen-Chefin Eva Glawischnig der Industrie im Parlament vor, ihr sei "die Zukunft egal", weil sie auf "billige und dreckige Energie" setze. IV-General Neumayers Riposte: Die Grünen litten an einer "Retro-Sicht" der Industrie.

 

Keine Revolution verläuft friedlich.

 

 

Der Standard – 1. Dezember 2014

 

 

Bildungsdebatte: Und sie bewegt sich doch

Kommentar der anderen | Christian Friesl

Das Bildungskonzept der Industriellenvereinigung hat eine Vielzahl an Reaktionen ausgelöst. Viele davon waren unsachlich bis abwegig. Worüber wir diskutieren wollen. Eine Klarstellung

Die zahlreichen Reaktionen auf das Konzept der Industriellenvereinigung für eine "Bildungsrevolution" zeigen: Österreich bewegt sich in Richtung einer substanziellen Bildungsdiskussion. Genau das war und ist Anliegen des IV-Konzepts "Beste Bildung", das auch eine neue Benchmark für Reformvorschläge setzen wollte. Statt der üblichen Schlagwörter oder punktuellen Forderungen handelt es sich bei "Beste Bildung" um ein integriertes Konzept, das auf klaren, transparenten Zielen basiert. Bildung wird dabei in ihren vielfältigen Dimensionen verstanden: als Beitrag zur Persönlichkeitsbildung, aber auch als beruflicher Erfolgsfak- tor in einer wissensgetriebenen Wirtschaft. Der Überblick über die wichtigsten Diskussionspunkte macht die Anliegen hinter dem IV-Konzept deutlich.

Reife gefragt

·         Bester Start: Die Schule soll weiterhin mit sechs Jahren beginnen, denn für schulisches Lernen brauchen Kinder eine gewisse Reife. Entscheidend ist aber ein möglichst guter, fließender Übergang in die erste Schulphase. Dies soll - in Kooperation zwischen den Schulen und dem Kindergarten - das sogenannte "Startschuljahr" ab fünf Jahren unterstützen. Je problemloser der Start in der Schule glückt, desto besser ist die Basis für den künftigen Schulerfolg.

·         Bildungspflicht: Der Begriff der Schul- bzw. Unterrichtspflicht steht für ein überholtes Verständnis von Bildungszeit. Er fokussiert auf das Absitzen von Zeit in der Schule - und nicht darauf, was Schule inhaltlich fördern und fordern soll. Das Konzept der Bildungspflicht hingegen soll Eltern, Schüler und Lehrer dazu motivieren, sich für eine gelingende Bildungslaufbahn der Kinder einzusetzen. Die Bildungspflicht beginnt mit dem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr und endet mit der mittleren Reifeprüfung, in der Regel wird das mit 14 sein. Die Bildungspflicht ist auch die beste Antwort darauf, dass derzeit tausende Schülerinnen und Schüler pro Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen - und damit eine prekäre Zukunft vor sich haben.

Mehr fördern

·         Differenzierung: Im derzeitigen System werden Talente zu wenig gefördert. Gleichzeitig ist die soziale Selektion groß, weil Österreich - als eines von nur drei Ländern in Europa - früh und oft trennt. Um mehr Spitze und mehr Breite zu erreichen, ist innere Differenzierung der richtige Weg. Deshalb soll künftig ein individualisierter Unterricht, der Talente wie Förderbedarf erkennt, der Vielfalt der Schülerinnen und Schüler gerecht werden. Das IV-Konzept entspricht weder dem klassischen Verständnis noch einer ideologischen Ausrichtung einer Gesamtschule. Der Begriff findet sich im Konzept auch gar nicht. Ziel ist eine gemeinsame Schule von sechs Jahren bis zur mittleren Reife. Der Staat gibt dabei Bildungsziele vor und stellt Finanzen zur Verfügung. Die Schulen entscheiden autonom über pädagogisches Konzept, Personal und Mitteleinsatz, um die notwendige Differenzierung bestmöglich umzusetzen. Dies lässt viele unterschiedliche Schwerpunkte und Schulprofile zu, aber sicher keine "Eintopfschule".

·         Autonomie: Die Balance von staatlicher Verantwortung für Bildung und schulischer Autonomie ist ein wesentliches Kennzeichen des IV-Konzepts. Es wird im "Schulträgermodell" realisiert. Dieses Modell ermöglicht einerseits die finanzielle Gleichbehandlung aller Träger, andererseits sichert es die ordnungs- und bildungspolitisch notwendige Trennung zwischen dem Staat, der die Bildungsverantwortung trägt, und den autonomen Schulen, die für die Umsetzung verantwortlich sind. Das Schulträgermodell ist unverzichtbare Grundlage für schulische Autonomie. Mit einer Privatisierung des Schulwesens hat dieses Konzept freilich nichts zu tun: Der Großteil der Schulträger wird wie bisher aus dem öffentlichen Bereich kommen (Bund, Länder, Gemeinden), und es wird wie bisher private Träger geben. Zwischen ihnen soll in Zukunft aber Fairness in Finanzierungsfragen herrschen. Auch ein Verdrängungswettbewerb zwischen öffentlichen und Privatschulen ist nicht zu befürchten: Das Finanzierungsmodell sieht eine Pro-Kopf-Finanzierung sowie zusätzliches Geld für besondere Herausforderungen vor. Die Erfahrung aus den Niederlanden zeigt, dass die Schulen öffentlicher Träger damit attraktiver werden.

Gesamtpaket

·         System und Kultur: So wichtig ein grundlegendes neues System von Schule für Österreich ist, so klar ist auch, dass erfolgreiche Bildung mehr braucht. Erfolgreiche internationale Schulsysteme zeichnen sich durch ein gut abgestimmtes Gesamtpaket unterschiedlicher Erfolgselemente aus: Dazu zählen eine leistungsförderliche Verwaltungsstruktur, die systemübergreifende Grundphilosophie einer Potenzial- und Qualitätskultur anstelle einer Selektionsorientierung oder ein produktiver Umgang mit (Leistungs-)Heterogenität im Unterricht. Es liegt in der Verantwortung aller bildungspolitischen Stakeholder, diesen Kulturwandel mitzutragen. Das Konzept "Beste Bildung" der Industriellenvereinigung bietet dafür eine gute Basis.

Chance auf Neustart

Nach der ideologischen, ergebnislosen Debatte der vergangenen Jahrzehnte hat Österreich nun die Chance auf eine sach- und zukunftsgerechte Bildungsdebatte und einen bildungspolitischen Neustart. Wir sollten diese Chance nicht an unserem Land vorüberziehen lassen.

Christian Friesl (Jahrgang 1960) ist habilitierter Pastoraltheologe und Bereichsleiter "Bildung und Gesellschaft" in der Industriellenvereinigung. Daneben lehrt an der an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Donau-Universität Krems.

 

 

Der Standard – 1. Dezember 2014

 

 

Schulreform einmal anders

Kommentar der anderen | Karl Heinz Gruber

Die IV hat einen ernsthaften Beitrag zur Neustellung der bildungspolitischen Weichen geliefert

Der Spott und die Geringschätzung, mit denen Stefan Hopmann in einem Kommentar im Standard ("Bildung im Baukastensystem ändert nichts", 24. 11. 2014) das Schulreformkonzept der Industriellenvereinigung bedacht hat, sind weder fair noch gerechtfertigt. Zur "Vorverlegung der Einschulung" meint Hopmann, er kenne keine Forschung, dass dies "immer oder wenigstens meistens" vorteilhaft sei. Es hätte keiner besonderen Anstrengung bedurft, sich über den Stand der Forschung im Bereich der Schnittstelle von Vorschule und Grundschule (international mit "Early Childhood Education and Care" (ECEC) bezeichnet) kundig zu machen.

Die OECD-Projekte "Starting Strong II" (2006) und "Starting Strong III" (2013) bieten ebenso wie der Eurydice-Bericht "ECE in Europe: Tackling Social and Cultural Inequalities" (2009) hervorragende Einblicke in den Forschungsstand und Begründungen dafür, warum frühkindliche Bildung in so gut wie allen OECD-Ländern zu einer bildungspolitischen Priorität geworden ist. Zur Anregung der IV, durch ein "nulltes" Schuljahr (Startschuljahr) für Fünf- bis Sechsjährige die elementare Bildung aufzuwerten und mit der Grundschule zu verknüpfen, gibt es - mutatis mutandis - zahlreiche analoge Beispiele, etwa die "grande section" der französischen École maternelle, das englische "foundation year" oder die schwedischen "Förskoleklassen".

Bürgerliche Wertkultur

Wenn eine so sehr von der bürgerlichen Wertkultur geprägte Institution wie die Industriellenvereinigung für eine gemeinsame Schule bis zum Ende der Sekundarstufe I plädiert, dann sicher nicht aus Jux und Tollerei, sondern in Kenntnis der Mängel des früh auslesenden österreichischen Schulwesens, welche die Nationalen Bildungsberichte 2009 und 2012 drastisch aufzeigen. Die IV ist sich offensichtlich bewusst, dass die gegenwärtige Zweigliedrigkeit der Sekundarstufe I viele Unterschichtkinder daran hindert, ihr "Bürgerrechts auf Bildung" wahrzunehmen und ihr Begabungspotenzial voll zu realisieren; selbst wenn es der IV allein um die Mobilisierung der Begabungsreserven für den Wirtschaftsstandort Österreich ginge (was aus dem Konzept nicht herauszulesen ist), würden die von der frühen Selektion Benachteiligten davon profitieren.

Herr Hopmann scheint hingegen für den Fortbestand des schulorganisatorischen Status quo zu plädieren, was insofern erstaunlich ist, als er als Erziehungswissenschafter wissen dürfte, dass die Auslese mit neuneinhalb Jahren neurologisch zu früh und daher hochgradig unverlässlich ist, dass sie mit sozialer Segregation verbunden ist, dass sie Kinder aus bildungsfernen Familien benachteiligt und dass es keine bildungstheoretische Rechtfertigung für zwei Schultypen auf der Sekundarstufe I gibt. Selbstverständlich löst eine gemeinsame Sekundarstufe I nicht alle pädagogischen Probleme. Der herkunftsbedingte Sozialisationsmalus, den manche Kinder haben, bleibt auch in Gesamtschulsystemen bestehen, aber er wird nicht - wie bisher - durch die selektive Schulorganisation massiv verstärkt.

Schlachten der heiligen Kuh

Einer der bedeutsamsten Aspekte des Konzepts ist die Betonung der Zäsur der Bildungslaufbahnen mit 14 Jahren, was dem Schlachten der heiligsten Kuh im Stall der konservativen Bildungspolitik, der Gymnasiumslangform, gleichkommt. Nach den IV-Vorstellungen soll für alle Kinder (nicht bloß Hauptschüler) die Entscheidung über die weitere allgemeinbildende oder berufsbildende Schullaufbahn am Ende der Sekundarstufe I neu gestellt werden. Was im bildungspolitischen Diskurs übersehen wird, ist der Umstand, dass dies bei vielen AHS-Schülern auch jetzt schon der Fall ist.

Es trifft nämlich keineswegs zu, dass die große Mehrheit der Kinder, die im Alter von zehn Jahren in eine gymnasiale Unterstufe eintreten, acht Jahre später an dieser Anstalt auch maturiert. Da wären zuerst einmal die Sitzenbleiber und die von der AHS-Unterstufe in die Hauptschule (bzw. nunmehr Neue Mittelschule) Abgestuften. Und dann verlassen nach dem Nationalen Bildungsbericht 2012 am Ende der Unterstufe 37 Prozent der Schülerinnen und Schüler die AHS, die meisten davon in Richtung einer Berufsbildenden Höheren Schule. In der Zahl der an einer AHS verbleibenden Schüler verbirgt sich zudem ein in der Schulstatistik nicht ausgewiesener, vermutlich aber erheblicher Anteil von Schülern, die von ihrer "Stammanstalt" in ein Oberstufenrealgymnasium mit einem anderen Schulprofil gewechselt sind.

Bildungsbürger

Und schließlich verzeichnen die AHS-Oberstufen beim Übergang von der neunten Schulstufe (die von manchen Kindern bloß zur Beendigung der Schulpflicht unter Meidung der ungeliebten Polytechnischen Schule "zweckentfremdet" wird) zur zehnten Schulstufe einen weiteren Schülerschwund von 26 auf 20 Prozent der Alterskohorte. Von wegen achtjährige Langform. Wenn die gemeinsame Sekundarstufe I dort, wo es Eltern und Lehrerschaft wünschen, Latein als Wahlfach und damit als quasigymnasiale Option anbietet, sollte auch das Bildungsbürgertum mit dem Konzept der IV leben können.

Falls die Hopmann'sche Kritik am Schulreformprogramm der IV etwas damit zu tun haben sollte, dass er nicht zur Mitarbeit eingeladen wurde, hätte ich einen kleinen Trost für ihn: Die IV hat auch auf meine Expertise verzichtet.

Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien und ist Research Fellow an der Universität Oxford.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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