Dienstag, 2. Dezember 2014

2014.12.03: Newsletter Bildung

Die Presse – 3. Dezember 2014

 

 

Vom „Mr. PISA“ zum Mann für alles

Günter Haider war einst Direktor des Bildungsinstituts BIFIE. Jetzt ist er dessen Konkurrent. Er konzipiert den Wiener Lesetest. Die Seiten zu wechseln ist er gewöhnt.

Günter Haider (62) kam erneut zum Zug. Der Bildungsexperte ist nicht mehr Chef des Bundesinstituts für Bildungsforschung BIFIE. Den Wiener Lesetest wird er trotzdem durchführen. Oder gerade deswegen. Der Wiener Stadtschulrat wollte partout nicht mehr mit dem BIFIE zusammenarbeiten und holte sich ausgerechnet dessen Ex-Direktor als Experten („Die Presse“ berichtete).

Begonnen hat Haider als Lehrer. Der gebürtige Oberösterreicher aus Grein an der Donau hat das Lehramt für Volks-, Haupt- und die Polytechnische Schule sowie für Informatik gemacht. Danach studierte er Erziehungswissenschaften und Psychologie. Beide Studien schloss er mit dem Doktortitel ab. Es folgte die Bildungsforschung: Haider leitete das Zentrum für vergleichende Bildungsforschung an der Uni Salzburg. Das war jenes Institut, das einst mit der Durchführung des PISA-Tests betraut wurde. Haiders Spitzname „Mr. PISA“ war geboren.

Damit erregte er die Aufmerksamkeit der ÖVP. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) ernannte ihn zum Leiter der Zukunftskommission für Reformen des Schulwesens. Doch seine Zukunftsvisionen gingen ihr klar zu weit. Es folgte eine öffentliche Auseinandersetzung, bei der die ÖVP nicht mit Kritik an Haiders Arbeit sparte. Es stelle sich die Frage, „ob der Mann das überhaupt kann, nachdem bei PISA wissenschaftlich nicht profund gearbeitet wurde“, hieß es damals. Es kam der Bruch.

Für Haider bedeutete dieser aber nicht das Ende seines politischen (Gast-)Spiels. Er wechselte bloß die Mannschaft und lief im roten Trikot auf. Zwischendurch war er sogar als SPÖ-Bildungsminister im Gespräch. Das klappte nicht. Als Trostpflaster wurde er Experte im Team von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) und wenig später der zweite Chef des damals neuen BIFIE. Fünf Jahre später war auch das vorbei. Schmied ersetzte ihn. Haider ging zurück an die Uni.

Es dauerte nicht lang, bis die nächste Partei anklopfte: Haider sitzt nun für Salzburgs Grüne im Landesschulrat. Auch sonst wurde es nicht ruhig um ihn. Als das BIFIE-Datenleck bekannt wurde und Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) ankündigte, nicht an PISA teilzunehmen, bot er an, alles auszuwerten. Das Ministerium lehnte ab. Beim Stadtschulrat hatte er mehr Glück. Der kündigte dem BIFIE und wechselte zu Haider. Der ist damit nicht nur zurück in der medial viel beachteten Bildungsforschung, sondern auch Konkurrent seines früheren Instituts.

 

 

"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Bildungsreform: Verhandlung vertagt

 

   Analyse. In der Bildungspolitik scheint ein adäquates Mittel für akute Probleme gefunden worden zu sein:

 

   die Einsetzung von Experten- und Arbeitsgruppen.

 

   Von Julia Neuhauser

 

   Wien. Es war ein turbulentes erstes Jahr für Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Zuerst sorgte das Datenleck beim Bildungsforschungsinstitut BIFIE für Schlagzeilen, es folgte eine hitzige Debatte um die Einsparungen im Bildungsbereich, dazu kamen die Pannen bei der Zentralmatura. Und auch die Rufe nach einer Bildungsreform wollten nicht verstummen. Die Ministerin war gefordert und betraute häufig Arbeits- und Expertengruppen mit der Lösung der Probleme. Die Bund-Länder-Gruppe sucht etwa seit Monaten nach Sparideen, die Reformkommission der Regierung nach Kompromissen innerhalb der Koalition. Die BIFIE-Lenkungsgruppe soll Ideen für eine Neuaufstellung des Instituts liefern, die Zentralmatura-Taskforce künftig Pannen vermeiden. Dazu kommen viele kleine Expertengruppen wie jene zur Sexualpädagogik oder zum Jihadismus.

 

   Den meisten dieser Gruppen ist eines gemein: Sie wurden eingesetzt, um politische Handlungskompetenz unter Beweis zu stellen. Dann ist es schnell ruhig um sie geworden. "Die Presse" hat sich angeschaut, welche dieser Arbeits- und Expertengruppen mehr als nur ein Symbol sind und welche Ergebnisse diese bislang hervorgebracht haben. ( Illustration: "Die Presse"/Petra Winkler )

 

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"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Regierung hat heikle Themen noch vor sich

 

   In puncto Steuerreform gibt es nicht nur eine Deadline (Mitte März), sondern auch Drohgebärden (wird die Deadline nicht eingehalten, dann braucht es Neuwahlen). Die Steuerarbeitsgruppe steht dementsprechend unter großem Druck. Bei der am selben Tag, dem 15.$$1dOktober, eingesetzten Arbeitsgruppe zur Bildungsreform sieht das komplett anders aus. Die Dinge laufen langsam.

 

   Bisher gibt es weder konkrete zeitliche noch inhaltliche Vorgaben. Die Beratungen sind noch nicht wirklich ins Laufen gekommen. Denn erst Mitte November - also nach einem Monat - segneten die Länder ihre Nominierten offiziell ab. Für die SPÖ sind die Landeshauptleute Hans Niessl (Burgenland) und Peter Kaiser (Kärnten) im Einsatz, für die ÖVP die Landeschefs Erwin Pröll (Niederösterreich) und Wilfried Haslauer (Salzburg). Auf Regierungsseite sitzen Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek, Kanzleramtsminister Josef Ostermayer (beide SPÖ) sowie Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Wirtschafts- und Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer (beide ÖVP) in der Arbeitsgruppe.

 

   Auch die Ziele sind äußerst vage. Erarbeitet werden sollen Details zu dem bei der Regierungsklausur fixierten Sechs-Punkte-Programm von der neuen Schuleingangsphase bis hin zur Schulautonomie. Darüber hinaus soll aber "alles, was es im Bildungsbereich zu diskutieren gibt, diskutiert werden". Thema werden hier wohl auch die Gesamtschule und die Verländerung der Lehrer sein.

 

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"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Zentralmatura ist vorerst gerettet

 

   Die Generalprobe ging ordentlich schief: Fehlende Mathematikangaben, ein fragwürdiger Deutschtext und unklare Beurteilungskriterien im Fach Englisch waren das unrühmliche Resultat des Schulversuchs zur Zentralmatura im vergangenen Mai. Im laufenden Schuljahr wird die Zentralmatura das erste Mal an allen Gymnasien verpflichtend sein. Die Taskforce zur Zentralmatura musste also schnell arbeiten.

 

   Das tat sie auch. Bereits im Sommer legte sie ihren Bericht vor und zählt damit zu den wenigen Arbeitsgruppen, die bereits am Output gemessen werden kann. Beinhaltet hat dieser Bericht vier Handlungsempfehlungen. Erstens: mehr Informations- und Serviceorientierung. Angesichts der stetigen Kritik darüber ein wichtiger Schritt. Zweitens: einfachere Regelungen bei der Beurteilung. Im Fach Englisch soll nicht mehr im Einzelfall über die Grenze zwischen Nicht genügend und Genügend entschieden werden. Diese liegt nun fix bei 60 Prozent. Außerdem empfahl die Gruppe eine größere Praxisnähe sowie Verbesserungen bei der Logistik, um Fehler zu vermeiden.

 

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"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Mehr Geld für benachteiligte Schulen

 

   Benachteiligten Schulen - Standorte mit vielen sozial benachteiligten Kindern und einem hohen Migrantenanteil - mehr Geld zuzuteilen, ist das Ziel dieser Gruppe zum Thema Sozialindex. Sie berechnet eine neue Formel zur Schulfinanzierung. Bei gleichbleibendem Budget würde das bedeuten, dass manche Schulen mehr und andere weniger Geld bekommen.

 

   Experte Johann Bacher, Soziologe an der Uni Linz, war bei der Entwicklung mit dabei. Das technische Modell sei fertig, bestätigt er der "Presse". Nun beschäftigte sich die Schulverwaltungs-Expertengruppe damit.

 

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"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Die ÖVP sucht nach eigener Bildungslinie

 

   Expertengruppen sind nicht bloß im Bildungsministerium ein beliebtes Instrument. Auch die ÖVP greift gern darauf zurück und setzte sofort nach dem Obmannwechsel eine eigene Bildungs-Beratungsgruppe ein.

 

   Ein Schritt, der darauf zurückzuführen ist, dass Bildungsfragen - etwa die Gesamtschule - unter ÖVP-Chef Michael Spindelegger für internen Wirbel gesorgt haben. Nachfolger Reinhold Mitterlehner wollte das ändern. Doch der erste Rückschlag kam schnell - und zwar, als die Namen der Berater bekannt wurden. Dass Autor Andreas Salcher dabei ist, war für die AHS-Lehrervertreter ein Affront. Die Aufregung legte sich aber schnell, seither arbeitet die Gruppe fernab der Öffentlichkeit.

 

   Ein inhaltliches Ziel gibt es ebenso wenig wie eine zeitliche Begrenzung. Die vier Experten (neben Salcher sind Genetiker Markus Hengstschläger, Gewerkschafter Paul Kimberger und Bildungspsychologin Christiane Spiel dabei) versuchen mit Mitterlehner und Staatssekretär Harald Mahrer herauszufinden, in welche Richtung die ÖVP-Bildungspolitik gehen soll. Bisweilen dient die Gruppe aber vor allem dazu, bei Journalistenfragen auf die laufenden Diskussionen zu verweisen.

 

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"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Sexualpädagogik soll reformiert werden

 

   Neben den heiklen strukturellen Problemen (die das Bildungsbudget und die Schulverwaltung betreffen) und den Pannen (etwa bei der Zentralmatura und dem BIFIE) gibt es für Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek auch (vermeintlich) einfache Themen: etwa die Reform der Sexualerziehung.

 

   Doch auch die Ankündigung der Bildungsministerin, die Sexualerziehung zu reformieren, die Sexualpädagogik "neu und modern zu gestalten" und einen Expertenbeirat einzusetzen, sorgte erst vor Kurzem für große Aufregung. Grund dafür war Heinisch- Hoseks Aussage, dass Sexualerziehung "nicht früh genug beginnen könne". Bereits im Kindergarten wünsche sie sich einen "passiven Zugang" - also dass die Pädagoginnen entsprechende Fragen der Kinder beantworten. In der Volksschule solle Sexualpädagogik dann als Unterrichtsprinzip Einzug finden, sagte die Bildungsministerin Ende Oktober.

 

   Der Expertenbeirat soll nun fernab der öffentlichen Diskussion arbeiten. Konkret wird dieser den gültige Erlass zur Sexualerziehung, der seit den 1990er-Jahren nicht geändert wurde, überarbeiten.

 

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"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Neuer Anlauf für Verwaltungsreform

 

   Die Bund-Länder-Expertengruppe, die nach Sparideen im Bildungsbereich und Verwaltungsvereinfachungen sucht, ist aus der Not entstanden. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) hatte klare Sparvorgaben zu erfüllen und wollte sich einen Teil des Geldes von den Ländern holen und diese zu Budgetdisziplin zwingen. Deren Protest war groß. Die Ministerin zog ihre Sparvorhaben zurück und kündigte an, mit den Ländern nach Lösungen zu suchen.

 

   Die achtköpfige Expertengruppe (jeweils vier Vertreter von Bund bzw. Ländern) will, wie "Die Presse" erfuhr, Ende März den fertigen Bericht vorlegen. Bisher trafen sich die acht Personen - unter ihnen befinden sich etwa Sektionsleiter, Landesschulratspräsidenten und der Bildungssprecher der Industriellenvereinigung - zumindest zwei Mal im Monat. Für Jänner und Februar sind noch Klausuren eingeplant. Versprochen wird eine Strukturreform. Ansonsten herrscht Stillschweigen. Bekannt ist nur, mit welchen Themen sich die Gruppe beschäftigt: Schulautonomie, Verwaltungsreform mit dem Blick auf die Schnittstelle zwischen Bund und Ländern, Verwaltungsvereinfachung (Abbau der Zettelwirtschaft), Schulbau und die Auswahl der Lehrer.

 

   Für die Bildungsministerin bleibt zu hoffen, dass diese Maßnahmen auch tatsächlich genügend Einsparungspotenzial bringen. Immerhin muss sie ein 100-Millionen-Loch im Jahr 2015 stopfen.

 

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"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Die Behandlung des Problemkinds BIFIE

 

   Das vergangene Jahr war für das Bildungsforschungsinstitut BIFIE kein einfaches: Zuerst wurde das Datenleck bekannt, dann folgten die Pannen bei der Zentralmatura. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) zog die Notbremse. Die beiden BIFIE-Chefs mussten gehen und eine komplette "Neuausrichtung" des Instituts wurde in Aussicht gestellt. Ansonsten blieb aber vieles offen.

 

   Klar ist nur eines: Das Institut soll es weiterhin geben. Möglich ist aber, dass das Bildungsinstitut einige Aufgaben an das Unterrichtsministerium abgeben muss. Eine Verschlankung also. Schlanker könnte auch das Direktorium werden. Einen der beiden Chefsesseln könnte es schon bald nicht mehr geben. Angekündigt ist, dass die Ergebnisse noch vor Ende des Jahres öffentlich gemacht werden. Derzeit arbeitet noch eine achtköpfige Arbeitsgruppe - vom BIFIE-Aufsichtsratsvorsitzenden Arthur Mettinger bis zu Konrad Pesendorfer, dem Direktor der Statistik Austria - daran. Auf Nachfrage der "Presse" wurde bestätigt, dass der Bericht der Lenkungsgruppe derzeit in der finalen Phase sei. Der Ministerin wurde dieser also noch nicht übergeben.

 

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"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Schüler vor Jihadismus bewahren

 

   Die Ankündigung einer Expertengruppe verschafft politischen Verantwortlichen zu allererst einmal eines: Zeit. Der erste Beweis zu handeln ist erbracht. So war das auch, als die Nachricht von zwei österreichischen Schülerinnen, die nach Syrien gingen, um in den Jihad zu ziehen, bekannt wurde. Mittlerweile hat die Expertengruppe aber auch erste Ergebnisse hervorgebracht.

 

   Es wurde eine Broschüre für Lehrer erarbeitet. Erst am Montag präsentierten Bildungs-, Familien-, Innen- und Außenministerium außerdem eine Hotline und eine "Beratungsstelle Extremismus".

 

 

"Die Presse" vom 03.12.2014                               Seite: 27

Ressort: Meinung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Gefährliches Spiel von ÖVP-Granden mit dem Gymnasium

 

   Gastkommentar. Seine Abschaffung würde urbane Klientel der Volkspartei ins Herz treffen.

 

   Von Bernhard Görg

 

   Heute ist ein ziemlicher Scheißtag gewesen." So hat die grüne Hamburger Bildungssenatorin am Abend des 18.$$1dJuli 2010 das Ergebnis des Volksentscheids über eine neue Schulorganisation kommentiert, die die Hamburger Grünen ihrem Koalitionspartner CDU trotz deren gegenteiligen Versprechens abgerungen hatten: Die Einführung einer Gesamtschule light durch Ausdehnung der gemeinsamen Grundschule von vier auf sechs Jahre, um damit - wie es so schön geheißen hat - mehr Chancengerechtigkeit zu schaffen.

 

   Für die CDU kam es damals noch dicker als für die Grünen: Krachende Niederlage beim Referendum, Rücktritt des CDU-Bürgermeisters, Verlust von fast der Hälfte der Stimmen bei der folgenden Hamburger Wahl. Seitdem regiert dort die SPD mit absoluter Mehrheit. Mit dem Versprechen, die Gesamtschule light nie mehr auf die Tagesordnung zu setzen.

 

   Über die tatsächlichen oder vorgeschobenen Vor- und Nachteile einer gemeinsamen Schule aller Sechs- bis 14-Jährigen ist in der Zwischenzeit genug gesagt und geschrieben worden. Dazu nur noch ein Satz. Wie stark der Einfluss von Schulorganisation auf schulische Leistung überschätzt wird, zeigt das Gesamtschulland Italien. In Südtirol funktioniert das Modell sehr gut, in der Lombardei leidlich. Die PISA-Ergebnisse weiter südlich oszillieren nur mehr zwischen miserabel und katastrophal.

 

   Ein Identifikationsprojekt

 

   Das Gymnasium, wie es die Humboldtsche Bildungsreform dem deutschen Sprachraum beschert hat, ist ein zutiefst bürgerliches Identifikationsprojekt; vor allem des städtischen Bürgertums. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die erste politische Organisation, die sich den Kampf gegen das Gymnasium und für die Gesamtschule auf ihre Fahnen geheftet hat, die Sozialistische Jugend gewesen ist. Kann man sich idealere Kronzeugen für mehr Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit als die jungen Sozialisten wünschen? Inzwischen haben sich einige Großkaliber in der ÖVP entschlossen, sich dieser Uraltforderung der jungen Sozialisten anzuschließen. Wenig überraschend stammen sie aus solchen Regionen, in denen die Stadt und damit das Gymnasium keine große Rolle spielt.

 

   ".$$1d.$$1d.$$1daber Niveau gesunken"

 

   Wenn Politik nicht zu reiner Interessenvertretung und Klientelbedienung degenerieren soll, dann sind es Politiker ihrem Gewissen schuldig, auch für Positionen zu kämpfen, die den Interessen ihrer Klientel zuwiderlaufen. Ich habe mir selbst einmal in meiner Partei eine blutige Nase geholt, als ich mich als erstes Mitglied des ÖVP-Bundesparteivorstandes vor 20 Jahren für die Entkriminalisierung der Homosexualität ausgesprochen habe. Aus Gründen der Menschenwürde.

 

   Wenn meine These stimmt, dass das Gymnasium auch bei uns ein bürgerliches Identifikationsprojekt ist - in Hamburg, wo sich 47 Klinikchefs und Primarärzte an die Spitze der Pro-Gymnasium-Kampagne gestellt hatten, war es das sicher -, dann würde die Abschaffung des Gymnasiums vor allem die städtische ÖVP-Klientel ins Herz treffen. Und zwar ohne überzeugende Argumente.

 

   Bevor die Hamburger Politik versucht hatte, ihrer Stadt die Gesamtschule light unterzujubeln, hatte das die Berliner Politik bereits umgesetzt Die linksliberale Wochenzeitung "Die Zeit", die diesem Schultypus an sich wohlwollend gegenüberstand, hat die Studie der Berliner Humboldt-Uni über den Erfolg der sechsjährigen Grundschule folgendermaßen zusammengefasst: soziale Durchlässigkeit erhöht, Niveau gesunken.

 

   Quod erat demonstrandum.

 

   DDr. Bernhard Görg (geboren 1942) war zehn Jahre Wiener ÖVP-Obmann, 1996 bis 2001 auch Wiener Vizebürgermeister und Gründer der Sir-Karl-Popper-Schule für Hochbegabte.

 

   E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

 

Der Standard – 3. Dezember 2014

 

 

Inklusion in Südtirol: Der Weg zum Fremdwort Sonderschule

Katharina Mittelstaedt aus Bozen

In Italien wurden Sonderschulen vor rund 40 Jahren über Nacht abgeschafft. Dadurch hat sich auch die Gesellschaft verändert

Der junge Vater schaut verdutzt. Er spricht perfektes Deutsch, aber "Sonderschule" - das Wort sagt ihm nichts. "In Österreich wachsen diese Kinder abgeschottet wie Aliens auf oder wie?", fragt er ungläubig und schüttelt den Kopf.

Freitagmittag in der Fußgängerzone von Bozen. Schulschluss. Das Wochenende steht bevor. Es ist ein verregneter Tag. Durch die Touristenströme schlängeln sich einheimische Eltern; in einer Hand der Regenschirm, mit der anderen versuchen sie, ein oder zwei Kinder mit großem Ranzen am Rücken voranzutreiben.

"Wie Aliens in Ghettos?", setzt der junge Vater noch einmal an. Er war gefragt worden, ob sich die Abschaffung der Sonderschulen in Italien seiner Meinung nach positiv ausgewirkt habe oder ob er das österreichische Modell bevorzugen würde.

Integrative Regelschule

Zweiter Versuch: Mutter mit zwei Kindern. Ob an der Schule ihrer Töchter auch Kinder mit Beeinträchtigung unterrichtet würden? Nein, lassen die Mädchen sie wissen. Kurzes Schweigen. Oder doch? Ihr bester Freund sei gebürtiger Afrikaner, sagt die Siebenjährige. Die ältere Schwester ist ob der Antwort skeptisch. Einen gebe es, der sei immer recht wild, plappert die jüngere weiter. Ach ja, und ein Kind sitze im Rollstuhl. In zwei oder drei Klassen, fällt den Mädchen schlussendlich ein, gebe es spezielle Unterstützungslehrer für behinderte Kinder.

In Italien ist die integrative Schule die Regelschule - und das seit bald vierzig Jahren. 1977 wurden Sonderschulen über Nacht abgeschafft: fünf Jahre Volksschule, drei Jahre Mittelschule, dann berufsbildende Schule oder Gymnasium - darauf hat in Südtirol jedes Kind ein Recht, egal, ob es hochbegabt oder Wachkomapatient ist. Seither ist jeder Lehrer auch für Integration zuständig - und wird dementsprechend ausgebildet. In fast allen Schulen Südtirols wird mindestens ein Kind mit Behinderung unterrichtet. Dadurch hat sich auch die Gesellschaft verändert.

"Wir reden von Normalität"

Hansjörg Elsler sitzt in der Cafeteria der Bozener Universität und erinnert sich zurück: "Als ich ein Kind war, gab es unweit von hier einen Friedhof mit drei Grabsteinen vor der Friedhofsmauer", erzählt er. "Irgendwann habe ich verstanden, warum die nicht drinnen sein durften. Das waren die Gräber von einem Selbstmörder und zwei schwerbehinderten Kindern." Elsler ist Feuerwehrmann, Präsident des Arbeitskreises Eltern Behinderter (AEB) in Südtirol und Vater von Maximilian. "Heute kenne ich einige behinderte Kinder, die Ministranten sind. Wir reden nicht mehr von Integration, sondern von Normalität", sagt er.

Elsler und seine Frau haben vor 21 Jahren Drillinge bekommen. Maximilian, der Letztgeborene, war während der Entbindung einige Minuten lang ohne Sauerstoffversorgung. Er sitzt im Rollstuhl, kann sich weder selbstständig anziehen noch aufs Klo gehen, er kann ohne Hilfe nicht essen, kaum sprechen. Vor einem Jahr hat er eine Fachschule für Hauswirtschaft abgeschlossen. Vom Kindergarten bis zur Mittelschule war er in denselben Schulen wie seine Geschwister.

Am Rand der Gesellschaft

Wenn in Österreich über die Abschaffung von Sonderschulen gesprochen wird, fällt schnell das Argument, dass Eltern die Wahl gelassen werden muss, ob ihr behindertes Kind, wie es im Fachjargon heißt, integrativ beschult oder ob es in einer sonderpädagogischen Einrichtung untergebracht werden soll. "Vielleicht können Kinder in Sonderschulen gezielter gefördert werden", sagt Elsler. "Die Frage ist, was das bringt, wenn sie dafür am Rand der Gesellschaft leben."

Edith Brugger-Paggi war zwanzig Jahre lang Mittelschullehrerin und zehn Jahre lang Schulinspektorin in Südtirol. Heute lehrt sie an der Universität in Brixen. Auch sie sagt: "Natürlich sind Eltern so mehr in die Pflicht genommen, als wären ihre Kinder in einem Heim untergebracht." Ein anderes Argument von Sonderschulbefürwortern lässt sie nicht gelten: "Höhere Kosten sind in Südtirol durch das integrative Modell nicht entstanden. Am teuersten ist definitiv das österreichische Parallelsystem", sagt Brugger-Paggi.

"Zwischen Schulsystemen liegen Welten"

Anfänglich sei auch Elsler skeptisch gewesen, als in den Siebzigern das "neue italienische Gesetz" eingeführt wurde. "Als deutschsprachige Minderheit hatten wir uns im Schulbereich eher an Österreich orientiert. Ich dachte, das wird bei uns nicht funktionieren." Heute, sagt Elsler, kenne er keine Eltern, die sich Sonderschulen zurückwünschen.

Natürlich gibt es auch in Südtirol noch Probleme: Der Übergang in die Arbeitswelt würde nicht funktionieren, Experten bemängeln, dass die Spezialisierung von Integrationslehrern abgenommen habe. Schlussendlich, sagt Brugger-Paggi und lächelt, sei schulische Inklusion aber das Modell der Zukunft, an dem nichts vorbeiführe.

Ihrer Ansicht nach könne in Österreich eine Umstellung innerhalb von fünf Jahren erfolgen - wenn der politische Wille da sei. Der zeichnet sich derzeit allerdings nicht ab: "Nordtirol ist nur einige Kilometer entfernt, aber zwischen unseren Schulsystemen liegen Welten."

 

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"Der Standard" vom 03.12.2014                               Seite: 32

Ressort: Kommentar

 

Katharina Mittelstaedt

 

Bundesland

 

Tag der Menschen mit Behinderung

 

Auf die Barrikaden

 

   Abtreibung ist in Österreich verboten. Im Gesetz werden lediglich Voraussetzungen formuliert, unter denen sie nicht strafbar ist. Etwa wenn der Abbruch innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate vorgenommen wird – oder aber, wenn „ernste Gefahr“ besteht, dass ein Kind „geistig oder körperlich schwer geschädigt“ sein könnte. Ein behinderter Fötus darf in Österreich abgetrieben werden, bis die Wehen einsetzen.

 

   Vom zuständigen UN-Ausschuss wurde Österreich dafür schon kritisiert. Juristisch ist der Paragraf umstritten. Fakt ist: Zwischen 1995 und 2006 ist die Geburtenrate von Kindern mit Downsyndrom um 60 Prozent gesunken. Fakt ist auch, dass dieses Gesetz unsere Geisteshaltung widerspiegelt: Menschen mit Behinderung werden in unserer Gesellschaft nicht gewollt. Für sie gibt es Sonderregelungen, Sondereinrichtungen, Sonderschulen, Sachwalter.

 

   Viele Betroffene wollen sich das schon längst nicht mehr gefallen lassen. Doch die Politik stellt sich taubstumm. Es gibt keine Stelle, die Bund und Länder koordiniert, kein zuständiges Staatssekretariat. Die Zukunft behinderter Menschen wird von mittleren Beamten und jenen Einrichtungen ausverhandelt, von denen viele die Abschaffung fordern. Ändern würde sich wohl leider erst dann etwas, wenn wir alle auf die Barrikaden gingen. Auch „wir“, die wir „bloß“ sozial behindert sind, weil wir mit einem Teil unserer Gesellschaft kaum in Berührung kommen wollen.

 

 

"Der Standard" vom 03.12.2014                                Seite: 7

Ressort: THEMA

 

Karin Riss

 

Bundesland

 

Unterschiedliche Bedürfnisse

 

Mutter eines Autisten will Sonderschule nicht verteufeln

 

   Was Gabriels ganz spezielle Bedürfnisse sind, hat seine Mutter, Birgit Weihs-Dopfer in sieben klar formulierten Punkten stellvertretend für den Zwölfjährigen zusammengefasst, darunter: „Um eine Aufgabe erfüllen zu können, brauche ich kontinuierliche Aufforderung, damit ich fokussiert arbeite.“ Und das in ein- bis zweiminütigen Intervallen. Auch die Anforderung, dass jegliche Lernanweisung „zwei- bis dreimal“ wiederholt und in einer Kombination aus gesprochener Sprache, Bildsprache, Zeichensprache und Rollenspielen“ erfolgen müssen, findet sich in Gabriels „My needs statement“, das die Familie bei ihrem mehrjährigen Kanadaaufenthalt abgegeben hat – und an das sich dortige Schulen bindend zu halten haben.

 

   So etwas brauche es auch in Österreich findet Frau Weihs-Dopfer, deren autistischer Sohn heute eine Tiroler Sonderschule besucht. Für die hat sie sich entschieden, obwohl sie sich „Inklusion für mein Kind“ wünscht – „aber nicht zu jedem Preis“. In der Sonderschule bekomme ihr Sohn die Therapie, die er brauche, ausreichend Rückzugsmöglichkeiten, und er kann diese Schule besuchen, bis er 18 ist. Ein solches Recht auf eine längere Schulzeit, „sollten alle haben“ findet Weihs-Dopfer, was danach kommt, bereitet auch ihr Sorge. Unter anderem deshalb, weil in Gabriels Zeugnis seine Behinderung erwähnt wird und Betriebe wie Gesellschaft ein Problem damit haben.

 

   Dass Österreich mit seinem Festhalten an den Sonderschulen, und damit der Separation von Einzelnen, gegen die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verstößt, bestätigte Anfang November wieder ein Gutachten der Uni Innsbruck. Auch Weihs-Dopfer könne als Mutter und Elternvertreterin nachvollziehen, dass diese Schulform als diskriminierend und exkludierend erlebt werde. Aber: „Sonderschulen abzuschaffen ist nicht die Lösung, Einzelintegration auch nicht“. Sie träumt von inklusiven Schulen, die auch verstärkt Gruppenintegration leben – auch an Sonderschulstandorten. Dort gäbe es Know-how und räumliche Anforderungen, auch basale Klassen für Schwerstbehinderte könnten in solch einem Schulzentrum für alle Kinder verwirklicht werden.

 

 

"Der Standard" vom 03.12.2014                                Seite: 7

Ressort: THEMA

 

Peter Mayr

 

Bundesland

 

Gleiches Recht auf Bildung

 

Inklusive Schule verhindert „unwürdige Unterteilung“

 

   An mangelndem Interesse ist das Projekt nicht gescheitert: Ab 2009 gab es die katholische Privatschule im Ort. Genauer: im Schloss von Wolfpassing, einem kleinen Ort im niederösterreichischem Mostviertel. Es gab einen Kindergarten, vier Volksschulklassen und die Neue Mittelschule. 2013 musste die Schule zusperren – das Schloss war von der Besitzerin, der Bundesimmobilienagentur, verkauft, ein Ersatzstandort auf die Schnelle nicht gefunden worden.

 

   Rund 100 Kinder fanden hier Platz – 13 von ihnen hatten „Förderbedarf“. Sie waren körperlich oder geistig beeinträchtigt oder einfach verhaltensauffällig. Egal, im kleinen Wolfpassing wurde kein Unterschied gemacht: Hier setzte man auf Inklusion. „Die Kinder waren praktisch auf alle Schulformen verteilt“, erinnert sich die ehemalige Leiterin, Renata Müller-Bergner. Sie selbst sei aus dem Sonderschulbereich gekommen und habe diesen immer als „Hilfsmittel auf dem Weg zur Inklusion“ verstanden.

 

   Warum Inklusion die richtige pädagogische Sichtweise ist? „Es ist der menschliche Ansatz: Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf Bildung, auf adäquate Förderung. Eine Unterteilung der Menschen ist hingegen unwürdig“, sagt Müller-Bergner. Ein wesentlicher Punkt für Inklusion sei „die Hinwendung zum Kind in seiner Individualität. Daher ist Inklusion ausschließlich im Zusammenhang mit individuellen und ganzheitlichen Lernformen umsetzbar.“ Und das sieht sie derzeit kaum gegeben: „Die Variante des gleichzeitigen und inhaltlich gleichen Geschehens im Regelschulwesen kann Kindern – ob hochbegabt, verhaltensoriginell oder auf unterschiedliche Weise eingeschränkt – wenig gerecht werden“.

 

   Es brauche eine Reform des gesamten Schulsystems. Dann würde Inklusion „nicht zum Nachteil der „sogenannten durchschnittlichen Schüler, sondern zum Vorteil und zur Bereicherung jedes einzelnen Kindes und auch aller Beteiligten im Umfeld“.

 

   Mit anderen Lehrern wird 2015 ein neuer Versuch für eine Schule gestartet. Der Haken: Zugelassen wird nur eine sogenannte „Statutenschule“ – und das bedeutet, dass von öffentlicher Hand kein Beitrag für Kinder mit Förderbedarf kommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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