Donnerstag, 4. Dezember 2014

2014.12.05: Newsletter Bildung

"Salzburger Nachrichten" Nr. 282 vom 05.12.2014              Seite: 3

Ressort: Hintergrund/Seite 3

 

Österreich

 

Was ist das Beste für unsere Kinder?

 

   An dieser Frage gehe die politische Bildungsdebatte oft vorbei, sagt ein deutscher Experte und erklärt, worüber wirklich geredet werden sollte.

 

   Maria Zimmermann Kann ein Bildungssystem exzellent und gerecht sein? Dräger: Ganz klar ja. Man braucht nur nach Kanada zu schauen: Kanada ist sowohl bei Qualität als auch bei Gerechtigkeit an Deutschland und Österreich vorbeigezogen. Wie? Sie fördern viel individueller als wir. Und sie stellen einen vernünftigen Rahmen für das Schulsystem bereit, indem sie Ganztagsschulen haben. Wie können wir zu mehr Chancengerechtigkeit für alle Kinder kommen? Die einfache und komplexe Antwort lautet: Auf den Lehrer kommt es an. Gute Schule ist guter Unterricht. Was im Klassenzimmer passiert, zählt. Das Wichtigste sind also die Fähigkeiten der Lehrer. In Kanada gibt es übrigens regelmäßige Lehrerfortbildung. Die müssen alle drei Jahre vorweisen, was sie gemacht haben. Das ist zentral.

 

    Welche Rolle spielt da das Schulsystem? Also Gesamtschule ja oder nein? Die Debatte ist überbewertet. Die Schulstruktur ist ziemlich irrelevant für den Lernerfolg. Das Wichtigste ist, was die Lehrer können. Das Zweitwichtigste ist der Rahmen: Erst wenn rhythmisierter Unterricht (Lernen, Üben, Erholung, Sport wechseln einander ab, Anm.) über den ganzen Tag verteilt wird, haben wir vernünftige Ganztagsschulen. Und das Dritte ist Transparenz: Wissen wir wirklich, wo Schulen gut sind und wo nicht? Und wie geht ein System damit um? Ob die Schulstruktur nun eine geteilte oder eine gemeinsame ist, lohnt nicht den Streit. Darüber wird aber in Österreich am heftigsten gestritten. Politisch ist das ja auch eine spannende Frage. Deshalb streitet sich die Politik jahrzehntelang über die Schulstruktur und Zuständigkeiten. Und dann ist keine Energie mehr für das Wesentliche da – und das ist, was die Lehrer den Kindern vermitteln, also die Inhalte. Daher Finger weg von der Strukturdebatte, Finger weg von der Zuständigkeitsdebatte! Es gibt Wichtigeres. Aber warum ist gerade der Bildungsbereich derart ideologisch überfrachtet? Bildungspolitik ist nicht nur kompliziert und ein dickes Brett. Sie ist auch ein sehr emotionales Thema, weil jeder betroffen ist. Das ist schlimmer als bei Fußball, wo jeder der bessere Trainer ist. Ideologiebehaftet ist Bildungspolitik nur, solange man keine guten Daten hat. In dem Moment, wo man ehrlich hinguckt, wird die Ideologie entkräftet, weil sie sich an der Realität messen muss. In Deutschland war das der PISA-Schock 2001. Seitdem diskutieren wir weniger über unsinnige, ideologisch behaftete Fragen, weil man bessere Daten hatte, anhand derer man über Bildungserfolg und Barrieren sprechen konnte. Seither ist mehr geschehen als in den 30, 40 Jahren zuvor.

 

    Den PISA-Schock hätten wir in Österreich auch gehabt . . . Österreich hat sich vielleicht schwerer getan. Transparenz ist immer schwierig, weil in den Bildungssystemen viel Glaube steckt und der wird meist durch mehr Transparenz erschüttert. Aber stellen Sie sich einen Arzt vor, der anders operieren müsste, je nachdem, ob die SPÖ oder die ÖVP gerade den Bundeskanzler stellt. Da würde doch die Bevölkerung zu Recht auf die Barrikaden steigen! Die Lehrer aber sollen jeweils anders unterrichten, je nachdem, wer gerade die politischen Leitlinien bestimmt. Wir brauchen auch in der Bildungspolitik eine auf Fakten basierte Begründung dafür, warum wir etwas im Schulsystem verändern. Schauen Sie sich nur die Debatte über die Verkleinerung der Klassen an: Es ist belegt, dass die Verkleinerung der Klassen zwar teuer ist, aber wenig bringt. Trotzdem findet man regelmäßig in Deutschland bei jeder Wahl eine Partei, die dafür eintritt. Muss mehr Geld in den Bildungsbereich fließen? Es gibt bestimmte Bereiche, die im Moment ausgebaut werden müssen: Das sind das Krippenwesen, die Ganztagsschule und der Umbau des Sonderschulwesens in Richtung inklusives Schulsystem. Das kostet mehr Geld. Die extrem wichtige Umgestaltung der Pädagogik vom Frontalunterricht hin zum individuellen Fördern ist hingegen nahezu kostenneutral. Was kann man sich durch Investitionen im Bildungsbereich an Folgekosten sparen? Die Folgen guter Bildung lassen sich messen: von mehr Wirtschaftswachstum bis hin zu weniger Kriminalität. Wenn es etwa gelänge, Migranten in Deutschland auf das Niveau einer dualen Ausbildung (Lehre) zu heben, würden Milliarden Euro an zusätzlichen Einnahmen im Steuer- und Sozialsystem generiert. Aber das bedingt den Grundsatz: investieren statt reparieren. Deutschland und Österreich sind leider Weltmeister der Verteilungsgerechtigkeit. Wir versuchen immer im Nachhinein, entgangene Chancen auszugleichen – etwa durch Sozialtransfers –, statt früh in Chancen zu investieren.

 

   Wir müssen von der Verteilungsgerechtigkeit zur Chancengerechtigkeit kommen, also vom rückwärtsgewandten Verteilen zum vorwärtsgewandten Investieren. Und zu einer Lernkultur, von der alle profitieren – die Schwächeren ebenso wie die Hochbegabten. Da geht es um frühkindliche Förderung beim Krippenausbau, die Gestaltung der Lehreraus- und -fortbildung. Und um vernünftige Ganztagsschulen. Sollten Eltern verpflichtet werden, ihre Kinder so früh wie möglich in Betreuung zu geben? Nein, eine Pflicht ist undenkbar. Aber das System muss so gut sein, dass Eltern ihre Kinder mit großer Selbstverständlichkeit und gern in den Kindergarten, in die Krippe geben – also ergänzend zur Familie in eine anregende Lern- und Betreuungsatmosphäre. Ab drei sollte möglichst jedes Kind im Kindergarten sein. Unter drei – das gute Krippenalter beginnt so zwischen ein und eineinhalb – sollten das die Eltern individuell gestalten. Es zeigt sich aber, dass Kinder, die unter drei schon in der Krippe waren, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, später ein Gymnasium zu besuchen. Dieser Effekt wirkt umso stärker, je bildungsferner die Eltern sind. Die frühe Krippe lohnt sich.

 

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"Salzburger Nachrichten" Nr. 282 vom 05.12.2014              Seite: 3

Ressort: Hintergrund/Seite 3

 

Österreich

 

Von frühkindlicher Bildung bis zum „lebenslangen Lernen“

 

   Ein weiterer Versuch, mehr Sachlichkeit in die festgefahrene Bildungsdebatte zu bekommen: Am kommenden Dienstag lädt das Wissenschaftsministerium zu einer Bildungsenquete, als Gastredner ist der deutsche Bildungsexperte Jörg Dräger geladen. Die Veranstaltung sei breit und überparteilich angelegt, heißt es im Büro von Staatssekretär Harald Mahrer. Eingeladen wurden alle Bildungs- und Wissenschaftssprecher der im Nationalrat vertretenen Parteien, alle Bildungslandesräte, Gewerkschaftsvertreter, Lehrer, Eltern und Schüler sowie Bildungsexperten und NGO. Insgesamt sind das rund 200 Personen. Das Ziel der Veranstaltung sei es, sich die verschiedenen Ideen sämtlicher Teilnehmer anzuhören und offen zu diskutieren, wird betont. Die Bildungspolitik steckt seit Jahren fest. SPÖ und ÖVP kamen bisher in den großen Fragen nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Während die SPÖ etwa für eine gemeinsame Schule aller Schüler bis 14 plädiert, hält die ÖVP am Gymnasium in der Unterstufe fest. Zäh gestaltet sich auch der Ausbau der Ganztagsschulen. Als längst beschlossen gilt hingegen der Ausbau der Betreuung für unter Dreijährige.

 

   Auch Bildungsministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) versucht derzeit offenbar einen neuen Anlauf, um Bewegung in die Bildungspolitik zu bringen: Sie tourt durch die Lande, um Ideen, Wünsche und Anregungen einzufangen, wie man das Schulsystem verbessern könnte.

 

 

Der Standard – 5. Dezember 2014

 

 

Jörg Dräger: "Die Ganztagsschule entmündigt die Eltern nicht"

Interview | Karin Riss

Die ÖVP sucht gerne bei ihm Rat: Der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung über gute Lehrer, ganztägige Schulen und besorgte Bürgerliche

STANDARD: Sie sagen, in der Bildungsdebatte streiten wir meist um das Falsche. Worüber lohnt es sich zu streiten?

Dräger: Es lohnt sich jedenfalls nicht, über Schulstrukturen, föderale Zuständigkeiten oder Klassengrößen zu streiten. Dann lieber über das, was tatsächlich im Klassenzimmer geschieht. Gute Schule ist guter Unterricht, und den machen gute Lehrer.

STANDARD: Was zeichnet Ihrer Ansicht nach guten Unterricht aus?

Dräger: Individuelle Förderung ist das wichtige Grundprinzip. Schüler sind sehr unterschiedlich. Sie waren es schon immer und werden es immer mehr: in ihren kulturellen Hintergründen, aber insbesondere in ihren Leistungsniveaus, Lerngeschwindigkeiten, Lernstilen. In unseren Schulsystemen wird diese Unterschiedlichkeit häufig als Problem angesehen. Individuelle Förderung versteht diese Unterschiedlichkeit als die natürliche Ausgangslage, auf die sie adäquat reagiert: Jedes Kind hat seinen eigenen Lernplan, jeder kann in unterschiedlichen Schwierigkeitsniveaus lernen.

STANDARD: Im Bestfall lernt man diese Art des Unterrichtens in der neuen Lehrerausbildung. Was machen mit jenen, die bereits im System sind und den falschen Beruf gewählt haben?

Dräger: Natürlich gibt es, wie in jedem anderen Beruf, auch eine kleine Gruppe von Lehrern, die einfach den falschen Beruf gewählt haben. Da hilft dann wahrscheinlich auch die Fortbildung nichts. Für die allermeisten gilt aber: Fortbildung verbessert die Qualifikationen. Es sollte zur Selbstverständlichkeit werden, dass jeder Lehrer sich jedes Jahr fortbildet.

STANDARD: Wie wichtig ist Personalautonomie für die Schulleitung?

Dräger: Autonomie nutzt, sofern sie mit externer Qualitätskontrolle gekoppelt ist. Autonomie bedingt aber auch Schulleiter als echte Führungskräfte. Auch hier gilt: Man muss mit den Aufgaben wachsen. Die Ausbildung zum Schulleiter ist ein Riesenthema.

STANDARD: Autonomie geht kostenneutral?

Dräger: Ja. Auch die Umstellung der Pädagogik vom Frontalunterricht hin zum individuellen Fördern ist weitgehend kostenneutral. Das, was extra Geld kostet, ist der Ausbau der Ganztagsschule, der Krippen und der Umbau in Richtung inklusives Schulsystem. Aber all das wird sich finanziell lohnen.

STANDARD: Sie sagen gerne "Früh investieren ist günstiger, als später zu reparieren". Wie meinen Sie das?

Dräger: Die Investitionen in Krippen und Schulen sind zwar teuer, aber immer noch günstiger als die Maßnahmen, die ich hinterher brauche, wenn jemand die Schule abbricht, keine Lehrstelle bekommt und arbeitslos wird. Und das frühe Intervenieren ist auch für den Einzelnen viel besser, als hinterher über die Sozialsysteme zu reparieren.

STANDARD: Das heißt im Umkehrschluss: Sozialleistungen streichen?

Dräger: Nein, sie brauchen gewisse Leistungen nicht mehr. In Deutschland geben wir eine Größenordnung von vier Milliarden Euro im Jahr aus, nur um junge Menschen nach der Schule in einem Übergangssystem zu parken, weil sie keine Lehrstelle finden. Dieses Geld würde ich lieber vorher ausgeben.

STANDARD: In Österreich wurde diesen Sommer die Familienbeihilfe erhöht. Ist das bildungspolitisch sinnvoll?

Dräger: Viele der Transferleistungen, die wir an alle Familien gleichermaßen verteilen, kommen der Bildung der Kinder wenig zugute. Für Kinder ist es besser, wir investieren in die Bildungsinstitutionen. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass viele der Leistungen jene Eltern kriegen, die sie eigentlich finanziell nicht brauchten. Gute Schulen brauchen aber alle. Langfristig sollten wir uns auch überlegen, warum Studieren kostenlos ist und Kindergärten teuer. Sinnvoll und fair ist das nicht. Denn Chancengerechtigkeit beginnt im Kindergarten, nicht an der Uni.

STANDARD: Stichwort Chancengerechtigkeit: Sie dominiert die Debatte um die beste Schulstruktur. Zu Recht?

Dräger: Wir empfinden einen Widerspruch zwischen "besser" und "gerechter", weil wir glauben, die Ziele seien unvereinbar. Das ist Quatsch! Bildungspolitik muss sich nicht entscheiden, ob Schule gut oder gerecht sein soll. Andere Länder - etwa Kanada - machen uns vor: Sie kann beides.

STANDARD: Braucht es einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz?

Dräger: Ja, das ist vernünftig und wird zu einem schnelleren Ausbau der Ganztagsschulen führen. Ganztagsschulen müssen über die Zeit zu einer Selbstverständlichkeit werden. Nur zur Klarstellung: Ganztagsschule heißt von 8 bis 15 oder 15.30 Uhr. Das Wort Ganztagsschule wird fälschlicherweise immer wieder damit assoziiert, dass die Kinder erst abends nach Hause kommen. Aber man sollte die Chance nutzen, den Unterricht nicht vormittags vollzustopfen und nachmittags ein bisschen Betreuung und Fußball anzubieten. Entspannungs- und Unterrichtsphasen müssen sich sinnvoll abwechseln - da lernt es sich besser. Und die Schüler kommen mit gemachten Aufgaben nach Hause - das entspannt die Eltern. Und birgt Chancen: Weniger Fernsehen und mehr Hausaufgabenbetreuung tut vielen Kindern gut.

STANDARD: Wie der bürgerlichen Sorge vor zu viel Einmischung begegnen?

Dräger: Qualität überzeugt. Vor 20 Jahren meinten bürgerliche Eltern, Kinder unter sechs Jahren können wir besser zu Hause erziehen. Heute gehen fast alle Kinder in den Kindergarten. Und zwar nicht, weil wir sie gezwungen haben. Die Eltern haben gesehen: Die Mischung zwischen familiärem und institutionellem Aufwachsen ist das Beste für mein Kind. Ähnlich wird es bei der Ganztagsschule sein. Die Ganztagsschule entmündigt die Eltern nicht. Sie ermöglicht eine gemeinsame Verantwortung für Bildung und Erziehung unserer Kinder. Das muss man den Bildungsbürgern sagen: Es geht nicht um Zwangsbetreuung, sondern um besseres Lernen - für alle.

STANDARD: Sie kennen ja auch die Trägheit der Politik. Was raten Sie der ÖVP, was sie als Erstes angehen soll?

Dräger: Faire Transparenz bezüglich der Bildungsergebnisse. Damit man aus dem Blindflug herauskommt. Der Lernfortschritt in jeder Schule ist ein gutes Maß dafür, wie gut die Schule mit Herausforderungen umgehen kann. Dann Lehrerfortbildung. Und dann kommen die leider sehr kostspieligen, aber sehr effektiven Investitionen in den Kindergartenausbau und die Ganztagsschulen.

Jörg Dräger (46) ist in der Bertelsmannstiftung unter anderem für den Bereich Bildung zuständig. Von 2001 bis 2008 war der studierte Physiker Wissenschaftssenator in Hamburg. Auf Einladung der ÖVP referiert er am Dienstag über die Weiterentwicklung des Bildungssystems.

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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