Montag, 8. Dezember 2014

2014.12.09: Newsletter Bildung

Die Presse – 9. Dezember 2014

 

 

Bildungsexperte Dräger: „Zu viele Kinder gehen verloren"

Jörg Dräger, Bildungsexperte der Bertelsmann-Stiftung, rät zur Entideologisierung in der Bildung. Die eine revolutionäre Lösung gebe es nicht. Die Gesamtschulfrage sei überbewertet.

Die Presse: Sie sind am Dienstag auf Einladung des ÖVP-Staatssekretärs Harald Mahrer zu Gast in Wien, um über Bildungspolitik zu sprechen. Was kann bzw. soll die ÖVP hier von Ihnen lernen?

Jörg Dräger: Da fragen Sie lieber Herrn Mahrer nach dem Besuch. Berichten werde ich, wie sich in Deutschland die Bildungsdebatte entideologisiert hat. Die Parteien haben von der Schulstrukturdebatte abgelassen. In Österreich ist die Weltanschauung noch stark verankert. Es bräuchte mehr Fakten und einen offeneren Umgang mit Studienergebnissen.

Sprechen Sie da sowohl von der SPÖ als auch von der ÖVP?

Absolut.

Wie könnte man das ändern?

Derzeit gibt es eine Grundsatzdebatte, ob ein Bildungssystem gerecht oder gut sein soll. Das muss aber kein Widerspruch sein. Das machte die politische Diskussion einfacher.

Ist das österreichische Bildungssystem schon gerecht und gut?

Schlecht kann es nicht sein, wenn man eine so geringe Jugendarbeitslosigkeit wie Österreich hat. Aber es gibt Probleme: Der Bildungserfolg der Kinder hängt noch zu sehr von der sozialen Herkunft ab, im System gehen zu viele Kinder verloren, und es wird zu wenig hinterfragt, ob all die angestoßenen Veränderungen überhaupt einen positiven Effekt haben.

Die von der Industriellenvereinigung geforderte Revolution braucht es also nicht?

Man braucht ein revolutionäres Ziel. Aber es gibt nicht die eine revolutionäre Lösung, sondern es ist ein Prozess mit vielen Schritten.

Viele andere beklagen sich über die ständigen Reförmchen.

Wenn ständig Strukturreformen gemacht werden – Einführung und Abschaffung der Gesamtschule, eine Verlängerung der Grundschule oder eine Verkürzung des AHS wie in Deutschland –, dann kann ich die Klagen verstehen. Wenn es aber um eine Revolution der Unterrichtsqualität geht – also um pädagogisches Konzept, Bildungsstandards und die Zentralmatura – dann verstehe ich das nicht. Diese Verbesserung ist notwendig.

Es braucht keine Gesamtschule?

Die Schulstrukturdebatte – also die Frage Gesamtschule versus Gymnasium – ist völlig überbewertet. Der Streit darüber lohnt sich nicht. In Deutschland haben sich einige Länder dazu entschlossen, einen Schulfrieden zu schließen und die Struktur nicht mehr anzurühren. Genauso wenig lohnt es sich, über föderale Zuständigkeiten oder die Klassengrößen zu diskutieren. Letzteres kostet Geld, ohne dass die Lernergebnisse besser werden.

Aber ist es nicht so, dass die föderale Struktur ein Problem des deutschen Schulsystems ist?

Man kann ein zentralistisches wie auch ein föderalistisches Schulsystem gut oder schlecht machen. Politische Schnellschüsse und ein Hin und Her lähmen das System.

Wo muss angesetzt werden?

Gute Schule ist guter Unterricht. Die Unterrichtskultur muss zu mehr individueller Förderung weiter entwickelt und die Lehrer dementsprechend fortgebildet werden. Außerdem gilt es, eine sinnvolle Ganztagsschule aufzubauen.

Wie kann die Politik auf Unterrichtskultur und Fortbildung einwirken?

Die Politik kann dafür sorgen, dass sich Lehrer und Lehrerteams regelmäßig und selbstverständlich fortbilden. Es braucht verbindliche Regelungen für Fortbildungen. Es nützt wenig, wenn sich der erste in Französisch, der zweite in Stressbewältigung und der dritte in individueller Förderung fortbildet. Einem Wandel der Unterrichtskultur müssen sich in der Schule alle gemeinsam widmen.

Was halten Sie von einer verpflichtenden Ganztagsschule?

Ich bin gegen eine Verpflichtung. Qualität sollte überzeugen. Langfristig wird, wie in allen anderen entwickelten Ländern, auch in Deutschland und Österreich die Ganztagsschule selbstverständlich sein. Das Wort Ganztag impliziert leider ein Wegnehmen der Erziehungsverantwortung von den Eltern. Das stimmt nicht. Die Kinder verbringen weiter 80 Prozent der wachen Zeit im Elternhaus bzw. bei Freunden. Es gibt den Rest des Tages, die Wochenenden und Ferien.

Apropos wegnehmen: Die ÖVP sträubt sich gegen ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr. Wäre ein solches gut?

Soll ein Polizist einen Vierjährigen gegen den Willen der Eltern zum Kindergarten bringen? Es ist sinnvoll, wenn Kinder spätestens ab dem dritten Lebensjahr in den Kindergarten gehen. Aber es braucht keinen Zwang.

Sie plädieren für einen starken Ausbau von Krippenplätzen.

Anstatt der derzeitigen gießkannenartigen Verteilung des Geldes in Form von Kindergeld und Familienbeihilfe soll das Geld in den Ausbau von Krippenplätzen investiert werden. Von guter frühkindlicher Bildung profitieren alle, von Transferleistungen nur jene, die knapp bei Kasse sind. Geld also nur für jene, die es benötigen. Den Rest in Krippenplätze investieren.

ZUR PERSON

Jörg Dräger (46) leitet seit 2008 den Bereich Bildung der Bertelsmann-Stiftung. Außerdem ist der Physiker Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Er war Senator (parteilos) für Wissenschaft und Forschung in Hamburg.

 

                                                                                                              

Der Standard – 9. Dezember 2014

 

 

Liessmann: "Das Kind muss perfektioniert und optimiert werden"

Interview | Lisa Nimmervoll

Philosoph Konrad Paul Liessmann über suboptimale Körper, gedopte Gehirne und das Phantasma der Perfektion

STANDARD: Sie werden bei der "ZOOM Lecture" am Donnerstag zum Thema "Das perfekte Kind" sprechen. Dem liegt ja ein bestimmtes Menschenbild zugrunde. Welches "Menschenbild" ist das heute - oder mit Immanuel Kant gefragt: Was ist der Mensch heute?

Liessmann: Es gehört zu den Grundeinsichten der Moderne, dass es nicht die eine vorgegebene Natur des Menschen gibt. Der Mensch begreift sich spätestens seit der Renaissance als Wesen, das sich selbst entwerfen kann. Darum ist es so interessant zu fragen, nach welchen Kriterien wir uns entwerfen wollen. Was sind die Ziele unserer Bildung im Sinne von Selbstformung oder -gestaltung? Ich habe den Eindruck, dass wir in letzter Zeit nicht mehr ausschließlich das Bild von uns haben, nach dem wir ein unfertiges Wesen sind, das sich entfalten, entwickeln und seine Talente pflegen soll, sondern wir begreifen uns vor allem als defizitäres Wesen, das auf allen Ebenen verbesserungsbedürftig ist. Wir haben einen Optimierungsdiskurs.

STANDARD: Was heißt das für das Kindsein?

Liessmann: Es genügt nicht, ein Kind zu sein mit allen Stärken und Schwächen, die Kinder nun mal haben, sondern es muss Kind sein im Hinblick auf eine Form von Optimalität, die alle Lebensbereiche durchzieht. Eigentlich sollten schon Samen- und Eizellen optimale genetische Eigenschaften aufweisen, Eltern müssen sich dann immer richtig verhalten, die sozialen Umgebungen und die Lehrer müssen perfekt sein. Mit wem soll oder darf das Kind verkehren? Es ist ja interessant, dass wir davon sprechen, dass Kinder aus allen sozialen Schichten gemeinsam erzogen und unterrichtet werden sollen, allerdings mit dem Argument, dass dies das Beste vor allem für das eigene, natürlich begabte Kind wäre. Da lernt es angeblich am meisten. Da kommen kaum mehr soziale oder, sagen wir es biblisch, Barmherzigkeitsargumente: Auch Kinder aus armen Schichten sollen in eine schöne Schule gehen. Heute heißt es: Es ist für mein Kind besser, wenn es auch Kinder aus anderen Schichten kennenlernt, das verstärkt seine sozialen Kompetenzen und optimiert seine Wettbewerbschancen. Dass trotz dieses rhetorischen Bekenntnisses viele Eltern, wenn sie es sich leisten können, ihre Kinder lieber in soziale homogene Privatschulen geben, ist eine feine Ironie. Wie auch immer: Wir haben aktuell ziemlich hohe Ansprüche an uns.

STANDARD: Schön - und gut? Oder doch nicht?

Liessmann: Dieser Perfektionsdrang muss nun auch eingreifen in unsere Anlagen, die uns defizitär oder suboptimal erscheinen. Beim Aussehen ist das selbstverständlich. Da werden kleine Fehler - abstehende Ohren, vorstehende Zähne, disproportionierte Gliedmaßen - selbstverständlich korrigiert. Aber mittlerweile haben wir auch in der Philosophie einen intensiven Diskurs über Optimierungsstrategien, die nicht mehr bei ästhetischer Chirurgie, Ernährungsgewohnheiten oder Körpertraining stehen bleiben, sondern tiefer gehen. Man spricht von Enhancement, umfassenden Verbesserungsstrategien auch im Bereich der Emotionen und kognitiven Leistungen, etwa durch Zuführung chemischer Substanzen. Schon heute werden viele Kinder, damit sie diesem Perfektionsbild entsprechen, mit Psychopharmaka behandelt. Dass sie sich ruhig verhalten oder konzentrieren können, ist heute weniger eine Frage von Erziehung, Disziplin und normativen Vorgaben, sondern eine Frage der richtigen Dosis Ritalin. Früher hatten wir in der Pädagogik das Bild, das Kind ist ein Wesen, das sich entfalten kann, aber auch erzogen werden muss, das sich entwickelt, dem aber auch Grenzen gesetzt werden müssen. Heute heißt es: Das Kind muss perfektioniert und optimiert werden.

STANDARD: Was ist das Neue an diesem Verbesserungswunsch? War nicht die ganze Geschichte davon geprägt, dass man Krankheiten heilen, uns das Leben besser, einfacher, gesünder, lustvoller machen wollte?

Liessmann: Es ist qualitativ ein anderer Ansatz, zu sagen, der Mensch ist ein Wesen, das krank werden kann, und dann versuchen wir, diese Krankheiten zu therapieren. Oder ob ich sage, der Mensch ist defizitär, und ich muss ihn verbessern. Wir erleben in der Medizin gerade diesen Paradigmenwandel. Es geht nun darum, den Menschen insgesamt als Material zu sehen, das in hohem Maße verbesserungs- und permanant erneuerungsbedürftig ist. Es geht nicht mehr nur darum - wie in der Aufklärung und der ersten Phase der wissenschaftlich-technischen Revolution -, die Lebensbedingungen in Hinblick auf ein gutes, gesundes, gerechtes Leben in materieller Sicherheit besser entfalten zu können. Die vielleicht noch etwas exzentrischen Selbstoptimierungsdebatten der Gegenwart deuten einen neuen Trend an. Etwa, dass man jetzt gleichsam "offiziell" überlegt, warum ein Sportler eigentlich auf seine natürliche Ausstattung angewiesen sein soll, um möglichst gute Leistungen zu erzielen: Die Forderung nach der Freigabe von Doping wird ja lauter. Warum nicht Defizite des Körpers durch Chemie und Gentechnik ausgleichen? Der Sport ist ein interessantes Feld, auf dem viele Dinge experimentell vorweggenommen werden. Warum nicht Teile des Körpers durch technische Prothesen ersetzen, wenn man damit schneller ist?

STANDARD: Was heimsen wir uns im Windschatten dieser Optimierungsmanie unausgesprochen noch ein?

Liessmann: Das Interessante bei Begriffen wie Optimierung oder Perfektion besteht darin, dass man von einem Nonplusultra ausgeht, also wirklich das Beste meint. Das Gute ist für uns nicht gut genug, es muss das Beste sein. Das gilt natürlich auch für die Systeme, in denen wir Kinder bilden. Es müssen die "besten" Kindergärten und Volksschulen der Welt sein. Das ist natürlich blanke Ideologie und dumm. Woran soll man die besten Schulen erkennen? Wie misst man das? Ein endloser Diskurs. Dahinter offenbart sich diese neue Orientierung. Das Verräterische am Besten oder das Problem dabei ist: Das Optimum ist ein Superlativ. Darüber gibt's nichts.

STANDARD: Und darunter, was wäre da?

Liessmann: Alles, was darunter ist, ist Mittelmaß und deshalb nicht nur schlechter, sondern schlecht. Deshalb der aktuelle Horror vor dem Durchschnitt. Das Beste würde gleichzeitig Stillstand bedeuten. Hätten wir die beste Staatsform, die möglich ist, bräuchten wir keine Politik mehr machen. Es gäbe nichts mehr zu verändern, nichts mehr zu verbessern. In dem Moment, in dem ich das Beste anstrebe, habe ich mir auch schon eine Garantie für Frustrationen gegeben. Denn das Beste gibt's nicht. Ich werde immer das Gefühl haben, eigentlich zu scheitern. Ich habe einen Fehler gemacht, ich bin nicht der beste Vater. In der Schule, die eine tolle Privatschule ist, mit handverlesenen Lehrern, für die ich viel Geld zahle, passieren trotzdem Dinge, nach denen mein Kind weinend nach Hause kommt, sie ist offensichtlich doch nicht die beste Schule.

STANDARD: Was würde, utopisch zu Ende gedacht, eine Gesellschaft aus lauter optimierten Menschen bedeuten?

Liessmann: Es werden wohl nie alle Menschen in gleicher Weise optimierbar sein. Wir führen ja auch jetzt in Wirklichkeit einen Ober- und Mittelschichtendiskurs. Aber durch diese Phänomene, die wir im Bildungswesen diskutieren, oder auch durch die Frage nach optimalen Reproduktionsbedingungen, die bei der Social-Freezing-Debatte eine Rolle spielen, entstehen neue Erwartungshaltungen und auch Verantwortlichkeiten. Nach einer Präimplantationsdiagnostik etwa können "suboptimale" Embryonen aussortiert werden. Es soll ja das Optimale sein. Gemessen an dieser Erwartung wird das, was wirklich herauskommt, immer defizitär sein. Dass es einmal Vorhaltungen der Art geben könnte: Ich habe alles für dich getan, Samen- und/oder Eizellen gezielt ausgesucht, genetisch gescreent, von einer vitalen Leihmutter austragen lassen und jetzt machst du mir trotzdem Ärger, ist eine unfassbare Vorstellung. Aber das sind natürlich Minderheitenprogramme. Die Mehrheit der Menschen pflanzt sich nach wie vor auf sehr natürliche Art erfolgreich fort. Aber es wird Gruppen geben, die solche Optimierungsprogramme in Anspruch nehmen werden.

STANDARD: Mit welchen sozialen Folgen?

Liessmann: Die sozialen Spannungen werden sich dadurch verstärken. Man kann sich ja lebhaft vorstellen, was geschieht, sollte es wirklich einmal möglich sein, vor allem kognitive Leistungen, auf die wir ja besonderen Wert legen, zu optimieren - Neuro-Enhancement -, aber nicht jeder Zugang zu diesen Substanzen haben wird, weil sie teuer oder noch illegal sind. Wenn in einer Schulklasse auf der einen Seite die Hirngedopten sind und auf der anderen diejenigen, die doppelt, dreimal, viermal so lange brauchen werden, um sich etwas zu merken. Diese "gemeinsame" Schule möchte ich mir nicht ausmalen. Tatsächlich verlernen wir durch dieses vermeintliche Recht auf Optimierung, mit Defiziten, Unterschieden, Enttäuschungen, Versagungen umzugehen. Gleichzeitig fordern wir die inklusive Gesellschaft, die alles, was anders und nicht optimal ist, freudig integrieren soll. Ich kann nicht auf der einen Seite sagen, nur das Beste zählt, und was nur ein bisschen abweicht von diesen Ansprüchen, wird ausgeschieden, und gleichzeitig fordern, dass jeder sein Herz ganz weit öffne für alle, die diesen optimierten Konzepten nicht entsprechen. Dieser Widerspruch muss doch Menschen in den Wahnsinn oder permanenten Selbstbetrug treiben.

Konrad Paul Liessmann (61) studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie und ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Uni Wien. Vor kurzem erschien seine Streitschrift "Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung" (Zsolnay). Im Rahmen der vom STANDARD mitorganisierten ZOOM Lectures zum Generalthema "Kindheit heute" spricht er am Donnerstag (11. Dez., 19 Uhr) im ZOOM Kindermuseum über "Das perfekte Kind". Eintritt frei.

 

 

Kurier – 9. Dezember 2014

 

Wo in den Schulen viel Geld versickert.

Bildungsexperten listen Beispiele von sinnloser Bürokratie und Verschwendung auf.

 

 

 

Bei unserem Schulsystem brennt seit Jahren das Dach. Nur mit Mühe konnte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek eine Pleite abwenden, weil sie tatsächlich kein Geld mehr hat, um die Mieten für die Schulen an die bundeseigene Immobiliengesellschaft (BIG) überweisen zu können. In einem Jahr wird der Betrag bei der BIG fällig – samt Zinsen. "Die BIG verdient an den Schulen", kritisiert der Grüne Bildungssprecher Harald Walser zu Recht. Gibt Österreich eigentlich zu viel Geld für die Bildung aus oder versickern wesentliche Teile des Bildungsbudgets innerhalb des Systems? Wo gibt es tatsächlich Einsparungsmöglichkeiten, wie kann das Geld deutlich effizienter eingesetzt werden? Der KURIER hat sich das Budget für die Schulbildungsausgaben angesehen und bei Direktoren nachgefragt, wo sie Änderungsbedarf sehen.

1. Schulautonomie Die Vorgaben für die Schulen werden immer strenger. Das gilt nicht nur für den Lehrplan, der durch Zentralmatura und Bildungsstandards immer weniger Freiräume lässt. Auch bei den Finanzen wird den Direktoren genau auf die Finger geschaut.

Das zeigt sich schon im Kleinen: 2,45 Euro sind z. B. für Briefmarken zu begleichen – ein Betrag, der nicht aus der Portokasse gezahlt werden darf. Nein. Die Rechnung muss zuerst ins Schulsekretariat. Dort wird nachgefragt, ob die Ausgabe auch nötig war. Danach geht die Rechnung an den Direktor. Der unterschreibt, worauf die Rechnung an die Buchhaltungsagentur geht. Der Verwaltungsaufwand ist beträchtlich: 13 bis 17 Euro kostet die Buchung durch das viele Hin und Her am Ende.

Auch die Anschaffung eines Druckers kann zur Odyssee werden. Der muss über die Bundesbeschaffungsgesellschaft gekauft werden. Gibt es das Gerät beim Diskonter billiger, muss der Direktor ein Formular ausfüllen: Das § 4-Verfahren tritt in Kraft. Conclusio: Würde man Schulen das kleine Budget selbst verwalten lassen, käme es billiger – da 90 Prozent Fixkosten sind, ist der von der Schule frei zu vergebende Betrag gering.

2. Zentrales Schulstandort-Management Immer wieder kritisiert der Rechnungshof die vielen Kleinstschulen, die das Budget belasten – meist Pflichtschulen. Auf Druck von Bürgermeistern werden aber auch HTL gegründet – auch in Regionen mit stark sinkender Schülerzahlen. Wie die Planungen des Ministeriums für Bundesschulen zu umgehen sind, wissen gewiefte Lokalpolitiker. Sie verhandeln mit dem Landesschulrat Dislozierungen. So hat die HTL Graz Außenstellen in Deutschlandsberg, Radkersburg und Voitsberg. Ähnliches gibt es auch jenseits der Landesgrenze, im Burgenland: Fürstenfeld ist eine Dependance von Weiz.

3. Zuständigkeiten bündeln Pflichtschulen sind Landessache, deren Gebäude werden von der Gemeinde finanziert, höhere Schulen sind dagegen Bundessache. Das erschwert die gemeinsame Nutzung von Einrichtungen wie Bibliotheken oder Sportplätzen ungemein. Harald Walser, einst AHS-Direktor in Vorarlberg, erinnert sich, dass es unmöglich war, gemeinsam mit einer Hauptschule eine Kantine zu nutzen.

Heidi Schrodt, Ex-Direktorin der AHS Rahlgasse, kennt ein weiteres Kuriosum: "Ein Teil des Schulhauses wurde von der Stadt verwaltet, ein anderer von der BIG. Als das Haus umgebaut wurde, wurde alles doppelt geplant. Es gab zwei Architekten. Jetzt gibt es einen modernen und einen historistisch anmuteten Teil."

Wäre die Schulverwaltung aus einer Hand – z. B. dem Bund – , würde man sicher Millionen einsparen können. Der Grüne Bildungssprecher Walser will noch mehr: "Eine gemeinsame Schule, in der man auch die Sonderschulen – die teuerste aller Schulen – miteinbezieht, ist garantiert billiger."

4. Unterrichten statt verwalten Laut Statistik unterrichtet eine Volksschullehrerin 14 Schüler. Viele Pädagoginnen wären glücklich, wenn sie solch kleine Klassen hätten. Das Problem: Direktorinnen werden in die Statistik einberechnet. Den Großteil ihrer Arbeitszeit verwenden diese aber für die Verwaltung. Eine Arbeit, die Sekretärinnen meist billiger und wohl auch besser machen würden. Neue Computerprogramme machen die Sache nicht leichter, wie Wiener Schulleiter wissen. Dort wurde für rund zehn Millionen Euro das Programm Wision eingeführt. Der Ärger über das bedienerfeindliche Programm ist riesig.

Auch viele Professoren arbeiten in der Verwaltung, z. B. als Kustoden für Geografie oder Musik. Das könnte auch eine Sekretärin machen. Die EDV wird meist von Professoren betreut – HTL-Absolventen machen die Arbeit oft günstiger.

5. Personalplanung Derzeit unterrichten besonders viele alte Lehrer, was die Personalkosten in die Höhe treibt. In einigen Jahren gibt es einen Generationswechsel. Danach werden dann wieder über Jahre kaum Lehrer eingestellt. Wer Lehrer werden darf, entscheidet also nicht die pädagogische Qualität, sondern das Geburtsdatum. Gäbe es eine Planung, könnte man eine bessere Auswahl treffen – auch das würde das Schulsystem effizienter machen.

Bildungsausgaben

Der größte Teil der Kosten entfällt freilich für die Gehälter der 126.000 Lehrer. Diese Kosten machten 2012 rund 4,044 Milliarden Euro aus. Für Aufwendungen wie Schulbücher (107,1 Mio. €), Schüler- und Lehrlingsfreifahrten (391 Mio. €), und Mietaufwendungen an die  BIG für Schulgebäude kamen auf 485,9 Mio. €. Dazu kommen Zahlungen an private Haushalte wie Studienförderungen, Stipendien, Schul- und Fahrtbeihilfen etc. in Höhe von 773,2 Millionen Euro. Für Kinderbetreuung wurden rund 654,1 Millionen Euro bezahlt.

 

 

"Österreich" vom 09.12.2014                                   Seite 5

Ressort: Politik

 

Kärnten, Tirol, Vorarlberg, Salzburg, Steiermark, Oberösterreich

 

Mahrer unterstützt Heinisch-Vorschlag

 

Bildung: ÖVP will jetzt auch einen Kassasturz

 

Geld soll aus der Schulverwaltung besser in die Schulklassen umgeleitet werden.

 

Wien. "Ich bin für einen Kassasturz, damit man prüft, ob alle Mittel sinnvoll eingesetzt sind", kündigte Bildungsministerin Gabriele HeinischHosek (SPÖ) am Sonntag in ÖSTERREICH an. Das Ergebnis soll als Grundlage für die im Jänner startende Bildungsreformgruppe dienen.

 

Ihr ÖVP-Gegenüber, Staatssekretär Harald Mahrer, will sie dabei unterstützen: "Jeder Euro, der nicht in der Verwaltung verschwindet, sondern bei den Schülerinnen und Schülern in der Klasse ankommt, ist ein Gewinn." (pli)

 

 

"Österreich" vom 07.12.2014                                   Seite 8

Ressort: Politik

 

InteRvIeW: Isabelle Daniel

 

Burgenland, Steiermark

 

»Brauchen mehr Geld für Bildungs-Reform«

 

SP-Ministerin will mit Finanzminister Budget neu verhandeln

 

Heinisch-Hosek kämpft für "gemeinsame Schule" und sagt, warum sie mehr Geld brauche.

 

Wien. Kommenden Dienstag debattiert die ÖVP ihre Vorstellungen für eine Bildungsreform. Im ÖSTERREICH-Interview geht SPÖ-Bildungministerin Gabriele Heinisch-Hosek in die Offensive. Sie erklärt, warum die "gemeinsame Schule" kommen müsse und sie mehr Budget brauche:

 

ÖSTERREICH: VP-Chef Mitterlehner lädt zu einer Bildungsdebatte. Was erwarten Sie?

 

GabRIElE HEInISCH-HoSEK: Meine Erwartungshaltung ist positiv. Ich habe einen Bildungsdialog in allen Bundesländern gestartet und dadurch, dass auch Industriellenvereinigung und NGOs eine Bildungsreform forcieren, gehe ich davon aus, dass nun auch bei der ÖVP eine Dynamik entsteht, die der Erwartungshaltung der Bevölkerung entspricht.

 

ÖSTERREICH: Die ÖVP mahnt Sie aber zum Sparen, oder?

 

HEInISCH-HoSEK: Ich bin es leid, dass ich immer für die hohen Fixkosten im Bildungsressort verantwortlich gemacht werde. Ich bin für eine Umverteilung in der Schulverwaltung und denke auch über vernünftige Sparmaßnahmen nach. Aber wir werden Mitte Jänner politisch über die Bildung verhandeln: Wir brauchen die soziale Komponente und dürfen kein Kind zurücklassen. Ich möchte, dass kein 15-Jähriger mehr ohne Pflichtschulabschluss dasteht. Das wird kurzfristig Mehrkosten bedeuten, jedoch langfristig positive Effekte haben.

 

ÖSTERREICH: Und Sie wollen die gemeinsame Schule?

 

HEInISCH-HoSEK: Ja, das bleibt unser Ziel. Die Bildung muss Herkunft überwindend sein. Wir haben 800 Millionen Euro für den Ausbau der Ganztagsschulen budgetiert. Das ist eine wichtige Maßnahme. Aber wir sollten auch bereits im Kindergarten starten: Da soll es mehr Bewegung und Sprachförderung geben.

 

ÖSTERREICH: Fordern Sie für 2015 mehr Budget?

 

HEInISCH-HoSEK: Wir geben viel für die Bildung aus. Ich bin auch für einen Kassasturz, damit man prüft, ob alle Mittel sinnvoll eingesetzt sind. Aber mit dem bestehenden Budget wird man eine vernünftige Bildungsreform nicht machen können. Ich werde das mit dem Finanzminister verhandeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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