Freitag, 12. Dezember 2014

Bildungs-Newsletter 12. Dezember 2014

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Der Standard Online, 12. Dezember 2014, 05:30 Katrin Burgstaller

 

Gebärdensprache gilt an Österreichs Schulen nicht als Unterrichtssprache

 

Obwohl sie in der Verfassung als eigenständige Sprache anerkannt ist - Kärntner Landesschulratspräsident fordert Änderung in Schulorganisationsgesetz

 

Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) ist keine Muttersprache. Das hat zumindest der Kärntner Landesschulrat beschieden, nachdem eine Mutter einen Antrag auf Sprachentausch für ihre gehörlose Tochter gemäß Schulunterrichtsgesetz gestellt hatte. Mit dem Sprachentausch wollten die ebenfalls gehörlosen Eltern der Schülerin einer Handelsakademie in Kärnten unter anderem erwirken, dass für ihre Tochter die Gebärdensprache als Unterrichtssprache gilt und dass sie das Recht bekommt, Prüfungen in ihrer Muttersprache, also der Gebärdensprache, per Dolmetsch abzulegen.

 

Die Schülerin erhielte somit das Recht auf barrierefreien Unterricht, könnte komplizierte Sachverhalte direkt nachfragen und sich das gebotene Wissen so wie ihre Kolleginnen unmittelbar aneignen. Deutsch würde damit den Status der ersten lebenden Fremdsprache erhalten.

 

Keine "lebende Fremdsprache"

 

Im Oktober habe die Handelsakademie aber festgestellt, dass ein "Wechsel der Sprache nur mit einer lebenden Fremdsprache laut Lehrplan möglich ist", wie es in einem Bescheid des Kärntner Landesschulrats heißt, der dem STANDARD vorliegt. Bei der ÖGS sei das nicht der Fall. Folglich sei es nicht möglich, die Gebärdensprache an die Stelle des Unterrichtsgegenstands Deutsch treten zu lassen.

 

Nach einem Einspruch der Familie befand nun auch der Kärntner Landesschulrat: Die Anerkennung der ÖGS als Muttersprache sei schulrechtlich nicht vorgesehen. Bei der derzeitigen Rechtsgrundlage gehe auch die Forderung "für einen Sprachentausch ins Leere, zumal es keinen schulrechtlichen Anspruch auf Erfüllung der Forderung gibt".

 

Landesschulrat würde "sofort" zustimmen

 

Im Gespräch mit dem STANDARD begründet Landesschulratspräsident Rudolf Altersberger den Bescheid: "Wir stecken als Landesschulrat in einem gesetzlichen Korsett." Er selbst erkenne die ÖGS als Muttersprache an und würde dem Antrag auf Sprachentausch "sofort" zustimmen, aber: "Wir dürfen nicht." Vom Gesetzgeber fordert Altersberger diesbezüglich, Rechtsklarheit zu schaffen und den Sprachentausch für Gehörlose "endlich" zu ermöglichen. Bis dahin helfe die Schule mit Stützlehrern, so gut sie könne.

 

Schon im Jahr 2005 hat das Parlament die ÖGS als eigenständige Sprache anerkannt. Seither heißt es in der Verfassung: "Die Österreichische Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt. Das Nähere bestimmen die Gesetze". Jedoch: Auf das Schulunterrichtsgesetz hatte dieser Beschluss bis dato kaum Auswirkungen.

 

Ministerium will sich der "Frage widmen"

 

Die grüne Abgeordnete Helene Jarmer fordert im Zusammenhang mit der ÖGS als Unterrichtssprache eine Arbeitsgruppe im Bildungsministerium, die sich besonders mit den Schulgesetzen befasst. In der Folge sollen die nötigen Gesetzesänderungen dem Nationalrat vorgelegt werden. Auf Anfrage erklärt das Unterrichtsministerium dazu: "Die österreichische Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache im Artikel 8 der Bundesverfassung anerkannt. Es bedarf einer näheren gesetzlichen Bestimmung zur Umsetzung im Schulbereich." Das Bildungsministerium werde sich dieser Frage auch im Zuge der Umsetzung der Inklusiven Bildung in Österreich widmen.

 

"Bürokratische Sauerei"

 

Ursprünglich habe die Familie ihren Antrag im Unterrichtsministerium eingebracht, sagt Franz Dotter, emeritierter Professor für Sprachwissenschaft, im Gespräch mit dem STANDARD. Er begleitet die Familie seit Jahren in der Causa.

 

Das Unterrichtsministerium habe den Antrag allerdings der betreffenden Schule beziehungsweise dem Landesschulrat zugewiesen. "Hätte das Unterrichtsministerium einen ablehnenden Bescheid ausgestellt, wäre direkt der Gang zum Verfassungsgerichtshof möglich. Mit der Ablehnung durch den Landesschulrat kann als nächste Instanz nur das Bundesverwaltungsgericht angerufen werden", kritisiert Dotter. Die Kärntner Causa sei sei auch kein Einzelfall, der Sprachwissenschafter ortet eine "bürokratische Sauerei auf Kosten der gehörlosen Kinder".

 

Buchinger: "Rechtsstreit mit Bildungsministerium"

 

Behindertenanwalt Erwin Buchinger erklärt dem STANDARD, er habe mehrmals vorgeschlagen, den "Rechtsstreit mit dem Bildungsministerium" auf die "handfestere Frage" einer ausreichenden Unterstützung durch gebärdensprachlich unterstützten Unterricht zu konzentrieren. Gleichstellungsrechtlich, das heißt auf dem Boden des Bundesbehinderten-Gleichstellungsgesetzes, sei in dieser Frage nichts zu gewinnen.

 

Buchinger geht davon aus, dass der Verfassungsgerichtshof mit dieser Frage befasst wird, möglicherweise auch der Behindertenrechtsausschuss der Vereinten Nationen. Dieser könnte feststellen, ob die Nichtanerkennung der Gebärdensprache als Muttersprache eine Verletzung des UN-Behindertenrechtskonvention bedeutet. Buchinger: "Ich bezweifle beides, schließe es aber auch nicht aus."

 

Drastische Auswirkungen für gehörlose Kinder

 

Die mangelnde Förderung gehörloser Kinder wirkt sich laut der Grünen-Abgeordneten Jarmer drastisch auf die Betroffenen aus. Gehörlose Kinder hätten bei Eintritt in die Schule, also mit sechs Jahren, eine Wortschatzkompetenz, die jener eines zweijährigen hörenden Kindes entspreche. Zum Pflichtschulabschluss, also mit 15 Jahren, verfüge ein gehörloses Kind lediglich über den Sprachschatz eines achtjährigen hörenden Kindes.

 

"Der mangelnde Wortschatz ist nicht primär auf die Gehörlosigkeit zurückzuführen, sondern auf fehlende frühe sprachliche Förderung der Kinder und Jugendlichen", sagt Jarmer. Diese könne aber nur in der Gebärdensprache erfolgen, da diese für gehörlose Kinder die einzig mögliche Muttersprache darstelle.

 

74 Prozent der rund 10.000 gehörlosen Menschen in Österreich sind laut Jarmer funktionelle Analphabeten, nur drei Prozent von ihnen verfügen über die Matura, lediglich ein Prozent habe einen Universitätsabschluss. Die Statistik Austria erklärt auf Anfrage, keine Zahlen zu Gehörlosigkeit und Bildungsstand zu führen. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 11.12.2014)

 

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DER STANDARD, 12.12.2014 Kommentar | Katrin Burgstaller

 

Gebärdensprache: Säumiger Gesetzgeber

Niemand fühlt sich für die Gewährung von Rechten verantwortlich

 

Im Jahr 2005 hat das Parlament einen rühmlichen Vorstoß gemacht. Per Verfassung wurde festgelegt: "Die Österreichische Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt." Allerdings: "Das Nähere bestimmen die Gesetze."

Dass nun, fast zehn Jahre später, das "Nähere" eben nicht in allen Gesetzen geregelt ist, zeigt ein Fall aus Kärnten. Eine gehörlose Mutter will für ihre ebenso gehörlose Tochter einen Sprachentausch im Schulunterricht erwirken. In einem Bescheid winkt der Kärntner Landesschulrat ab: Die Gebärdensprache als Unterrichtssprache sei nicht möglich. Das Schulorganisationsgesetz - es liegt in Bundeskompetenz - habe keine entsprechende Vorkehrung getroffen, deshalb seien der Behörde die Hände gebunden. So wird die heiße Kartoffel von Behörde zu Behörde gereicht.

Der Familie bleibt nur, auf sich selbst gestellt den Instanzenweg zu beschreiten und Rechtsklarheit zu schaffen. Dabei wäre das die Aufgabe von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Als ehemalige Lehrerin für Gehörlose sollte sie mit der Problematik doch bestens vertraut sein.

Die vielfach zerklüfteten Kompetenzen von Bund und Land können für Bürger zum veritablen Problem werden - etwa dann, wenn sich niemand für zuständig hält. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie es überhaupt möglich ist, dass ein verfassungsrechtlich verankertes Recht zehn Jahre seiner Entsprechung in den Gesetzen harrt.

 

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APA0042 II, XI 12.12.2014 07:01:38

 

Das bringt 2015 - Erste Zentralmatura und neue Lehrerausbildung

Utl.: Außerdem tägliche Turnstunde an Ganztagsschulen, PISA-Test und Start von Modellregionen ohne Sonderschulen

 

2015 werden erstmals alle Gymnasiasten am selben Tag idente schriftliche Maturaaufgaben lösen. Neben den einheitlichen Klausuren bringt die neue Reifeprüfung auch die Verpflichtung zum Verfassen einer Vorwissenschaftlichen Arbeit und Änderungen bei der mündlichen Matura. Außerdem startet mit Herbst die neue Volksschullehrerausbildung, an Ganztagsschulen wird die tägliche Bewegungseinheit Realität.

 

Der Premiere der neuen Reifeprüfung sind zehn Jahre Diskussionen, eine Verschiebung der Reform um ein Jahr und eine pannenreiche Generalprobe (fehlende Aufgabenhefte in einigen Klassen, abgeänderter Notenschlüssel gegenüber Vorjahren) vorangegangen. Herzstück der Reform ist die einheitliche Klausur (Zentralmatura), bei der zwischen 5. und 13. Mai die vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) entwickelten Aufgaben gelöst werden müssen. Die Korrektur übernimmt der Klassenlehrer nach einem standardisierten Raster. Neu ist auch, dass alle Maturanten eine 40.000 bis 60.000 Zeichen lange Vorwissenschaftliche Arbeit (VWA) schreiben und präsentieren müssen. Bei der mündlichen Matura werden die Themenbereiche in den einzelnen Gegenständen von allen jeweiligen Fachlehrern der Schule vorgegeben, die konkreten Aufgaben kommen weiterhin vom Klassenlehrer.

 

Ebenfalls im Mai (6. und 7.5.) stehen an den 4. Klassen Volksschule die Bildungsstandard-Testungen im Fach Deutsch an. Diese waren um ein Jahr verschoben worden, nachdem Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) wegen eines angeblichen Datenlecks eine Sicherheitsüberprüfung des zuständigen Bifie angeordnet hat. Diese hätte auch fast eine Teilnahme an der PISA-Studie verhindert, dank einer Sonderregelung wird nun allerdings im Herbst das Können der 15- bis 16-Jährigen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften auch in Österreich abgefragt werden. Ergebnisse der Bildungsstandards gibt es im Frühjahr 2016, die PISA-Resultate im Dezember 2016.

 

Mit dem Studienjahr 2015/16 wird außerdem die Lehrerausbildung im Primarbereich komplett umgestellt: Angehende Volksschullehrer müssen dann anstelle eines dreijährigen Bachelorstudiums vier Jahre Bachelor- und ein Jahr Masterstudium absolvieren. Die Ausbildung soll weiter zur Gänze an den Pädagogischen Hochschulen (PH) bleiben. Für die Sekundarstufe (Hauptschule/Neue Mittelschule, AHS, Berufsbildende mittlere und höhere Schulen) ist die Umstellung auf die neue Studienarchitektur erst 2016/17 verpflichtend, dann müssen auch an den Unis alle Lehramtsinteressenten einen Aufnahmetest bestehen. Allerdings startet etwa der Verbund von PHs und Unis in der Steiermark, Kärnten und dem Burgenland schon mit 2015/16 sein gemeinsames Angebot für Lehrer aller Schulstufen.

 

Mit Herbst 2015 soll außerdem die tägliche Bewegungseinheit an Ganztagsschulen eingeführt werden. Inklusive der vormittäglichen Turnstunden soll es eine Stunde Bewegung pro Tag geben, für ein vielfältigeres Angebot sollen außerdem vermehrt Trainer und Vereine an die Schulen geholt werden. Ebenfalls neu ist ein Pflichtmodul Politische Bildung ab der 6. Schulstufe (2. Klasse AHS/Hauptschule/Neue Mittelschule) im Rahmen des Unterrichtsgegenstandes Geschichte und Sozialkunde. Schulautonom kann auch ein eigener Unterrichtsgegenstand eingerichtet werden.

 

In Tirol, der Steiermark und Kärnten bringt das Schuljahr 2015/16 zudem die Einführung von Modellregionen, in denen eine "inklusive Schule für alle" umgesetzt werden soll. Sonderschulstandorte sollen dort durch gemeinsamen Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit körperlichen und psychischen Einschränkungen zunehmend obsolet werden.

 

Das Schuljahr 2015/16 läutet außerdem das endgültige Aus der Hauptschulen ein: Mit Herbst soll die Neue Mittelschule (NMS) sie in allen 1. Klassen ablösen, 2018/19 soll die Umstellung in allen Jahrgängen abgeschlossen sein.

 

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Mit freundschaftlichen Grüßen

 

Kurt Schober

Klubsekretär

SPÖ-Parlamentsklub

01/40110-3569

0664 / 44 45 005

kurt.schober@spoe.at

 

 

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