Freitag, 9. Januar 2015

2015.01.09: Newsletter Bildung

Der Standard – 9. Jänner 2015

 

 

Attentat von Paris auch an Österreichs Schulen Thema

Katrin Burgstaller

Expertin des Ludwig-Boltzmann-Instituts erklärt, wie der Anschlag auf "Charlie Hebdo" an Schulen bearbeitet werden könnte

Der Anschlag auf das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" beschäftigt viele Schüler und Schülerinnen, berichtet Bundesschulsprecher Lukas Faymann im Gespräch mit dem STANDARD. Ob das Thema im Unterricht behandelt wird, hänge vom Wohlwollen der Lehrer ab. Oftmals fehle der Rahmen, um über Tagesaktuelles zu sprechen. Im Gespräch mit dem STANDARD fordert Faymann daher die Einführung des Fachs Politische Bildung ab der siebenten Schulstufe. Prinzipiell würden die Geschehnisse einmal mehr zeigen, dass Politik "uns alle" betreffe. Umso wichtiger wäre es laut Faymann, dass Politische Bildung ein Pflichtfach an Schulen wird.

Platz für Freiräume

Dass die Auseinandersetzung mit derartigen Vorfällen oft vom Wohlwollen der Lehrer abhängt, bedauert auch Elisabeth Rosenberger, Vorsitzende des Verbands der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen. In einzelnen Fächern werde es bestimmt Möglichkeiten geben, sich damit zu beschäftigen. Andererseits stünden viele Lehrer gerade in Schularbeits- und Maturafächern unter Druck, den vorgegebenen Stoff abzuarbeiten. In Schulen müssten deshalb Freiräume geschaffen werden, die die intensive Beschäftigung mit solchen Themen ermöglichen. Rosenberger wünscht sich hierfür ein eigenes Fach Ethikunterricht.

Eigene Meinung entwickeln

"In Schulen gibt es vielfältige Strategien, sich mit den aktuellen Vorfällen in Paris auseinanderzusetzen", sagt Patricia Hladschik, Leiterin des Zentrums "Polis – Politik lernen in der Schule" am Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte in Wien.

Wichtig sei für Pädagogen, die Grundsätze der politischen Bildung zu berücksichtigen. Lehrer dürften Schülerinnen und Schüler nicht "überwältigen", vielmehr müsse es möglich sein, dass Schüler ihre eigene Meinung zum Thema entwickeln. Es sei wichtig, die Grundwerte der Demokratie darzustellen, das dürfe jedoch nicht im Sinne eines Überrumpelns oder eines Erzwingens von erwünschten Meinungen geschehen. Das "Überwältigungsverbot" habe auch in diesem Zusammenhang zu gelten, so Hladschik. Kontroverse Positionen müssten in ihrer Vielfältigkeit auch im Unterricht dargestellt werden.

"Auch Lehrkräfte sind politische Wesen"

Zur Frage, ob auch Lehrer und Lehrerinnen ihre eigene Meinung zu politischen Themen im Unterricht äußern sollen, sagt Hladschik: "Auch Lehrkräfte sind politische Wesen. Es macht in diesem Fall wenig Sinn, sich als neutral zu positionieren. Eine Lehrkraft darf sagen, was sie über die Vorfälle denkt, sie darf die Schüler jedoch nicht indoktrinieren." Sich zu einem Thema, das derartig viele Emotionen hochkommen lässt, neutral zu positionieren sei in der Praxis auch schwer durchführbar.

Auseinandersetzung im Unterricht

Für Hladschik wäre die Beschäftigung mit dem Thema in einigen Fächern denkbar. So könne man im Deutschunterricht Karikaturen, die dahinterstehenden Meinungen sowie das Rezeptionsverhalten analysieren. Möglich wäre, Kinder und Jugendliche selbstständig Zeitungsanalysen durchführen zu lassen. Im Zeichenunterricht könnte man die Schüler selbst Karikaturen zeichnen lassen und so das Thema auf einer künstlerischen Ebene bearbeitbar machen. Im Geschichtsunterricht könnte eine historische Perspektive eingenommen werden, ebenso wären Auseinandersetzungen über Meinungs- und Pressefreiheit denkbar. Wichtig sei eine altersgerechte Beschäftigung mit dem Thema.

Hladschik rät im Gespräch mit dem STANDARD jedoch davon ab, das Thema inhaltlich zu bearbeiten, ohne zuvor den Schülern die Möglichkeit gegeben zu haben, über ihre Emotionen zu sprechen. Legitim sei aber auch, wenn sich Lehrer aufgrund bestimmter Gruppendynamiken in der Klasse "nicht über das Thema trauen". Dann sei es ratsam, es das etwas später zu bearbeiten oder auf Kollegen und externe Unterstützung zurückzugreifen.

Wichtig ist Hladschik auch der Hinweis darauf, dass es einerseits gut und wichtig sei, anlassbezogen auf aktuelle Themen im Schulunterricht zu reagieren. "Die Stärkung politischer Kompetenzen und die Beschäftigung mit Menschenrechten und Demokratie muss aber als strukturierter, andauernder Lernprozess stattfinden", sagt Hladschik.

Heinisch-Hosek: Schulpsychologen bieten Unterstützung

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) zeigte sich am Donnerstag schockiert angesichts des Anschlags in Paris: "Das Attentat ist ein Angriff auf die Demokratie und deren Meinungs- und Pressefreiheit. Wichtig ist, dass sich eine Demokratie dadurch nicht schwächen lässt und auch weiterhin für diese Werte eintritt und diese verteidigt."

Zum Umgang mit dem Attentat an Schulen verwies Heinisch-Hosek auf die Schulinfo, erreichbar unter der Telefonnummer 08 10/20 52 20, sowie auf Schulpsychologen, die Pädagogen Beratung und Hilfe bieten sollen. Auf schulpsychologie.at wurde ein Leitfaden über den altersgerechten Umgang mit den Attentat in Paris veröffentlicht. Darin heißt es: Die beste Hilfe bestehe im sachlichen, verständlichen, ausgewogenen Informieren und im Darüber-Reden, immer unter Berücksichtigung des Alters und der Aufnahmekapazität der Kinder und Jugendlichen.

 

 

KATHPRESS-Tagesdienst Nr.002, 2. Jänner 2015

 

 

"Guter Religionsunterricht ist beste Fundamentalismus-Prophylaxe"

Grazer Religionspädagoge Weirer in Zeitschrift "miteinander": Religionsunterricht leistet "Dienst an Kindern und der Gesellschaft insgesamt" - "PädagogInnenbildung NEU" auch für Religionslehrerausbildung ein großer Schritt

 

Graz, 2.1.2015 (KAP) Auf den hohen gesellschaftlichen Wert des Religionsunterrichts im Blick auf die Vorbeugung von Extremismus und Gewalt hat der Grazer Religionspädagoge Wolfgang Weirer hingewiesen. "Ein gut gemachter Religionsunterricht ist die beste Fundamentalismus-Prophylaxe", unterstrich Weirer in einem Interview in der Zeitschrift "miteinander" des Canisiuswerkes (Jänner-Ausgabe). Auf diese Leistung müsse gerade in einer Zeit hingewiesen werden, wo der Religionsunterricht verstärkten Angriffen ausgesetzt sei: "Eine Privatisierung von Religion hinter verschlossene Kirchen- oder Moscheetüren kann nicht das Ziel sein. Religion braucht den öffentlichen Diskurs, sie muss daher auch an Schulen einen Platz haben."

 

Zugleich zeigte sich Weirer optimistisch, dass man in der Politik um eben diesen Mehrwert des Religionsunterrichts weiß und der Religionsunterricht von Seiten der verantwortlichen Politiker nicht in Frage gestellt wird. Die Kirchen und Religionsgesellschaften seien aber dennoch gut beraten, sich um eine tragfähige Begründung des Religionsunterrichts zu bemühen und sich nicht etwa auf ein "Selbstverständnis als katholisches Land zu verlassen oder gar auf das Konkordat mit dem Vatikan zu pochen". Der Religionspädagoge ist überzeugt: "Wir müssen plausibel machen können, was unser Beitrag für Schüler und Gesellschaft ist."

 

Vorwürfe gegen Fach Religion unhaltbar

Religionsunterricht sei heute auch in seiner konfessionell gebundenen Form ein modernes Fach. Die Angriffe etwa von Seiten der Initiative Religion ist Privatsache zielten hingegen auf einen Unterrichtstyp, den es heute in Österreich nicht mehr gibt: "Die Vorwürfe gehen schließlich dahin, dass der Religionsunterricht nur der Indoktrinierung und der Rekrutierung von kirchlichem Nachwuchs dient. Von diesem Bild eines katechetischen Unterrichts sind wir sehr weit entfernt."

 

Weiters verteidigte Weirer die bestehende konfessionelle Ausprägung des Religionsunterrichtes: Ein konfessionsübergreifendes Modell würde "dem Phänomen der Religion und der Art, wie tief Religion das menschliche Leben beeinflusst, nicht gerecht." Es sei daher gut, wenn der Religionsunterricht die jeweiligen konfessionellen Traditionen ausleuchte und von dort ausgehend einen Blick auf die religiöse Vielfalt werfe.

Als bedauerlich bezeichnete Weirer die Tatsache, dass es um den Ethikunterricht in jüngster Zeit etwas ruhiger geworden ist. Dabei halte er dessen Einführung als verpflichtendes Alternativfach für jene, die sich vom Religionsunterricht abmelden oder keiner Religion an-gehören, als ein "Gebot der Stunde".

 

"PädagogInnenbildung NEU"

Für die Lehrerausbildung in Österreich wird das Jahr 2015 unter dem Stichwort "PädagogInnenbildung NEU" zahlreiche Neuerungen mit sich bringen - Neuerungen, die auch die Religionspädagogik in hohem Maße betrifft, wie Weirer, der u.a. die Fachzeitschrift "Österreichisches Religionspädagogisches Forum" (ÖRF) als Schriftleiter betreut, berichtet. So werden derzeit Lehrpläne zwischen den Universitäten, kirchlichen Hochschulen und Pädagogischen Hochschulen harmonisiert, um die Lehrerausbildung künftig gleich zu gestalten. Auf den Religionsunterricht angewendet bedeute dies: "Egal, wo man ein Lehramtsstudium beginnt - es wird nach einem gemeinsamen Lehrplan absolviert, der ein vierjähriges Bachelor-Studium vorsieht, dann eine Zeit der Berufspraxis und schließlich ein berufsbegleitendes, ein bis zweijähriges Masterstudium."

Diese Umstellung bedeute für die kirchlichen Hochschulen ein hohes Maß an Abstimmungsarbeit, so Weirer. Die Erwartungen seien entsprechend hoch, der selbst erwarte von diesem Schritt eine "engere Verzahnung von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und schulischer Praxis" und eine "Aufwertung aller beteiligten Bildungseinrichtungen auf Augenhöhe".

 

Insgesamt stellt Weirer der österreichischen Religionspädagogik ein gutes Zeugnis aus: Im internationalen Vergleich müsse man sich "nicht verstecken", auch wenn es durchaus "optimierbare" Bereiche gebe. Darüber hinaus bleibe der Religionslehrerberuf auch in Zukunft attraktiv, da aufgrund der Altersstruktur der Religionslehrerbedarf in den kommenden fünf bis zehn Jahren deutlich steigen werde, so Weirer.

Die Zeitschrift "miteinander" des Canisiuswerkes widmet sich in ihrer Jänner/Februar-Ausgabe dem Schwerpunktthema Religionsunterricht. Unter dem Titel "Glaube macht Schule" kommen neben Prof. Weirer u.a. auch der Religionsjournalist Otto Friedrich ("Die Furche") und der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin zu Wort.

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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