Dienstag, 20. Januar 2015

2015.01.21: Newsletter Bildung

"Die Presse" vom 21.01.2015                               Seite: 13

Ressort: Bildung

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Worüber die Bildungsreformer reden müssen

 

   Schule. Mit Verspätung trifft sich morgen erstmals die Bildungsreformkommission. Von Geld über Autonomie bis zum Lehrerimage: "Die Presse" hat elf Punkte ausgemacht, über die Heinisch-Hosek, Pröll und Co. dringend reden müssen.

 

   von Bernadette Bayrhammer, Julia Neuhauser und

 

   Rosa Schmidt-Vierthaler

 

   Die Bildungsreformkommission tagt morgen, Donnerstag, das erste Mal. Der erste Tagesordnungspunkt steht für die acht Verhandler dabei (unfreiwilligerweise) schon fest: Es gilt nämlich, ein "Missverständnis" aufzuklären. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) hat die Länder mit ihrer Ankündigung, Kleinschulen schließen zu wollen, zuerst verärgert und ist dann kürzlich doch wieder zurückgerudert. Abgesehen davon haben die Bildungsreformer aber offengelassen, worum es gehen soll: "Alles, was es im Bildungsbereich zu diskutieren gibt, soll diskutiert werden", hieß es. "Die Presse" hat elf Punkte identifiziert, über die die Reformgruppe dringend reden muss.

 

   Geld. Im Bildungsbudget klafft noch immer ein Loch: Allein heuer fehlen 100 Millionen Euro. Im Vorjahr kam die Bildungsministerin nur durch kosmetische Tricks über die Runden. Nun braucht es einen Kassasturz. Auf dessen Basis soll gemeinsam (!) mit den Ländern eine Regelung gefunden werden. Dass die Länder stets mehr Lehrer anstellen als vereinbart und den Bund dafür zahlen lassen, ist nicht tragbar. Diese Diskussion mit Verweis auf den Finanzausgleich, der bis Ende 2016 stehen soll, hinauszuschieben, ist keine Option. Man sollte sich schon vorab um eine verbindliche Regelung bemühen.

 

   Verwaltung. Der Streit um das Geld mündet hierzulande stets in der Frage, ob Bund oder Länder für eine kostengünstige Verwaltung sorgen können. Aufgabe der Reformgruppe wird es sein, die leidige Frage zu beantworten, ob die Lehrer in der Hand des Bundes oder der Länder besser aufgehoben sind. Eine andere Aufgabe wurde der Reformgruppe ohnehin schon von der Bund-Länder-Expertengruppe abgenommen. Diese gibt ihren Bericht zum Thema Verwaltungsvereinfachungen schon Ende März ab.

 

   Autonomie. Leichterer Abschied vom 50-Minuten-Takt und einfacherer Umstieg auf verbale Beurteilungen - wie bereits angekündigt - sind ein Anfang. Man muss aber viel weiter gehen: Direktoren sollten ihre Lehrer aussuchen und zumindest über einen Teil des Budgets verfügen können: Immerhin wissen sie am besten, was ihre Schüler brauchen. Das verlangt nach weiteren Reformen: Schulleiter müssen entsprechend ausgebildet - und bezahlt - werden. Wie die von der Ministerin angekündigten Testregionen für Autonomie aussehen sollen, ist offen.

 

   Kindergarten. An den Kindergarten werden viele Forderungen gestellt, die von allen Seiten Applaus bekommen. Bei der Umsetzung jedoch sieht sich niemand verantwortlich: Mehrere Ministerien, neun Bundesländer und die Gemeinden verweisen auf den jeweils anderen, wenn es um Ausbau und Qualitätsverbesserungen geht. Das muss angegangen werden. Erst, wenn alles in einer Hand ist, kann man Klarheit in die zentrale Frage bringen, was der frühkindliche Bereich und die elementare Bildung leisten soll und kann.

 

   Volksschule. Die Volksschulen legen offenbar nur teilweise einen guten Grundstein für den späteren Bildungserfolg. Laut internationalen Studien befinden sich die heimischen Schüler beim Lesen und Rechnen auf einem relativ niedrigen Niveau. Es hapert also schon bei der Vermittlung der Grundkompetenzen. Deshalb hört man oft die Forderung, die Volksschule müsse sich stärker auf die Vermittlung von Lesen, Rechnen und Schreiben konzentrieren. Wie das verbessert werden kann, wird selten diskutiert. Dabei müsste das ganz oben auf der Agenda stehen.

 

   Risikoschüler. Schüler aus bildungsfernen Familien schneiden bei Leistungstests schlecht ab und schaffen seltener einen höheren Bildungsabschluss. Migrantenkinder kommen überdurchschnittlich oft aus diesen Verhältnissen - und dann kommt noch die Sprache dazu. Beides muss sich die Reformgruppe dringend ansehen: Wie möglichst früh, aber ohne Drill die deutsche Sprache gefördert werden kann - etwa mit dem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr. Und ob man Schulen mit sehr vielen benachteiligten Kindern nicht mit Extraressourcen unterstützt.

 

   Schnittstellen. Zugegeben: Die Gesamtschule ist der Killer für jedes rot-schwarze Gespräch. Ganz kommt man daran trotzdem nicht vorbei. Die Schnittstellen im heimischen Schulsystem funktionieren nicht gut. Hier braucht es Reformen. Ohnehin wird man auch über die Gesamtschulversuche in den westlichen Ländern sprechen müssen. Beim Schuleinstieg wurde bereits Besserung gelobt. Und: Auch das Thema "15-Jährige" muss aufgegriffen werden. Hier könnte man durchaus die alte Idee der mittleren Reife wieder ausmotten.

 

   Neue Mittelschule. Es gibt eine große Gefahr für die Verhandlungen: die Evaluierungsergebnisse der Neuen Mittelschule. Sie sollen demnächst veröffentlicht werden. Schneidet die NMS schlecht ab, so liefert das der ÖVP Zündstoff, um gegen das rote Prestigeprojekt mobil zu machen. Schon im Sommer stellte ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka die Neue Mittelschule infrage. Diese Diskussion brauchen wir nicht wieder. Die Türschilder wurden schon einmal einfach ausgetauscht. Die Evaluierung soll nicht politisch ausgeschlachtet, sondern für tatsächliche inhaltliche Verbesserungen genützt werden.

 

   Fächerkanon. Mit einem Tweet hat eine deutsche Schülerin kürzlich eine Debatte ausgelöst: Sie könne zwar in vier Sprachen Gedichte analysieren, von Steuern habe sie aber keine Ahnung. Auch heimische Schüler fühlen sich in der AHS schlecht auf das spätere Leben vorbereitet. Einmal mehr muss man also die Frage stellen, ob in Schulen wirklich das Richtige gelehrt wird - oder ob es Stoffgebiete oder ganze Schulfächer gibt, die man über Bord werfen könnte. Zugunsten von Wirtschaftskompetenz, rechtlichen Grundlagen oder politischer Bildung etwa.

 

   Transparenz. Die Niederlande machen es vor: Dort werden die Ergebnisse von zentralen Bildungstests je nach Schule veröffentlicht (und die Schulen sind gleichzeitig so autonom wie kaum in einem anderen Land). Ob so viel Transparenz in Österreich von heute auf morgen umsetzbar (und sinnvoll) wäre, ist fraglich. Klar ist aber: Mehr Transparenz ist hier ebenso nötig wie beim Erfolg oder Misserfolg diverser Reformen.

 

   Lehrerimage. Dass die Lehrer entscheidender Faktor für die Qualität der Schule sind, ist unumstritten. Ohne sie ist kaum eine Reform machbar. Insofern ist öffentliches Lehrerbashing kontraproduktiv. Es liegt auch an der Politik, hier ein Zeichen dagegen zu setzen und sich zu überlegen, wie Lehrer mehr wertgeschätzt werden können.

 

 

Österreich – 21. Jänner 2015

 

Bildung: Mehr Rechte für Schulen

Am Donnerstag trifft sich die Bildungsreform-Gruppe zum ersten Mal in Wien.

Lang genug hat es gedauert, morgen ist es jetzt so weit – die Bildungsreformgruppe der Regierung und der Länder tritt zum ersten Mal zusammen. Die Arbeitsgruppe ist bereits im Oktober angekündigt worden. In ihr sollen Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Kanzleramtsminister Josef Ostermayer sowie die Landeshauptleute Hans Niessl (Burgenland) und Peter Kaiser (Kärnten) auf SPÖ-Seite sowie Innenministerin und ÖAAB-Chefin Johanna Mikl-Leitner, Wissenschafts-Staatssekretär Harald Mahrer und die Landeshauptleute Erwin Pröll (Niederösterreich) und Wilfried Haslauer (Salzburg) für die ÖVP Reformen vorantreiben.

Personalhoheit und Schwerpunkte für Schulen
Inhaltlich gibt es viele offene Themen, die Länder wollen die gesamte Schulverwaltung für sich und dem Bund nur die Führungskompetenz lassen. Die Bildungsministerin will den Ausbau der Ganztagsschulen und der Neuen Mittelschulen vor­antreiben.

Wo sich bereits im Vorhinein Einigkeit abzeichnet, ist mehr Autonomie für die Schulstandorte. Mitverhandler Niessl erwartet, dass hier die Einigung schon vor dem Sommer präsentiert werden könnte:

  • Schwerpunkte. Die Schul­direktoren sollen gemeinsam mit den Eltern Schwerpunkte für die Schulen setzen können (Deutsch, musische Erziehung, Informatik oder anderes).
  • Personalhoheit. Passend zur Schwerpunktsetzung sollen Direktoren auch entscheiden können, welche Lehrer an ihrer Schule angestellt werden.

ÖVP-Bewegung bei der Gemeinsamen Schule
Bei der heiklen Frage der Gesamtschule könnte es ebenfalls Bewegung geben. ÖVP-Verhandler Haslauer ist für Modellversuche und auch Parteichef Mitterlehner hat Gesprächsbereitschaft signalisiert.

 

 

Österreich – 21. Jänner 2015

 

Lehrer erwarten "kein Weltwunder"

Die Verhandlungen der Bildungsreform-Arbeitsgruppe starten am Donnerstag.

Die Lehrer-Vertreter erwarten von der am Donnerstag startenden Bildungsreform-Arbeitsgruppe der Regierung eher wenig. "Ich sehe das weder zu optimistisch noch zu pessimistisch. Meine Erwartungen sind in einem sehr pragmatischen Bereich", formulierte es der Vorsitzende der ARGE Lehrer in der GÖD, Paul Kimberger.

"Man darf sich keine Weltwunder erwarten", meinte Kimberger. "Man sollte sich jedenfalls den Themen widmen, die Eltern, Lehrern und Kindern wichtig sind: Wie können wir die Finanzierung der Schulen bzw. die Qualität sicherstellen? Wie können wir die Schulen von der Dauerbevormundung des Minoritenplatzes (Sitz des Bildungsministeriums, Anm.) und der Landesschulräte befreien, also eine wirkliche Schulautonomie angehen?"

Auch in Sachen Frühkind- und Elementarpädagogik sollte es neue Initiativen geben, meinte Kimberger. Gleiches gelte für den Kampf gegen Radikalisierung und Jihadismus. Umgekehrt sollte man sich nicht mehr "ideologisch gefärbten Diskussionen um die Schulorganisation" widmen. Auch von "Machtspielen oder Vorschlägen, die man sich eigentlich ersparen kann - siehe Mindestgrößen für Schulen" solle man die Finger lassen.

Ebenfalls keine großen Änderungen erwartet sich der Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, Eckehard Quin - wobei das aber nicht so tragisch sei. "Wenn ich nicht mehr weiter weiß, bilde ich einen Arbeitskreis", meinte er in Richtung Arbeitsgruppe. "Die Politik ist im Moment ein Opfer ihrer selbst. Sie redet ständig die Notwendigkeit einer Bildungsrevolution herbei und treibt sich damit in eine Reformspirale - obwohl es ohnehin funktioniert."

Bestes Beispiel sei die jüngste Schulverwaltungsreform mit der Abschaffung der Bezirksschulräte, so Quin: "Das hat nichts an Einsparung gebracht, und am Schluss sieht es eigentlich aus wie vorher." Ähnliches werde auch die Arbeitsgruppe als Ergebnis bringen: "Wenn ich tatsächlich etwas anders machen will, müsste ich nämlich Geld in die Hand nehmen. Wenn ich kein Geld habe, muss ich etwas halt anders nennen."

   Aufgrund der Zusammensetzung der Arbeitsgruppe aus Bundes- und Landespolitikern erwartet Quin vor allem Diskussionen um die Schulverwaltung, wobei es dort aber kaum Einsparpotenzial gebe: "Wenn zwei Prozent der Mittel dorthin fließen, werden sie keine großen Summen rausquetschen können. Bei den Gesprächen geht es um mehr Einfluss - nicht im Sinne von Postenschacher, sondern bei der Umsetzung eigener Vorstellungen. Das ist jetzt auch gar nicht negativ konnotiert."

   Insgesamt sei es relativ egal, wer jetzt Dienstgeber der Lehrer sei, meinte Quin. "Für eine effiziente Verwaltung braucht man Dinge wie eine Buchhaltung oder eine Rechtsabteilung. Da man nicht alles vom Minoritenplatz machen kann, wird es auch in Vorarlberg irgendeine regionale Behörde geben müssen. Aber ob das jetzt eine Landes- oder eine Bundesbehörde ist, ist vollkommen gleich."

   Natürlich könne und solle man immer an einigen Stellschrauben drehen, so der Gewerkschafter. So sei es etwa nicht nötig ,dass im Bundesschulbereich ein Akt zur Bestellung eines Direktors über Stellen an der Schule, im Land und im Ministerium bis hinauf zum Bundespräsidenten gehe und auf dem Weg - manchmal aus durchaus nachvollziehbaren Gründen - liegen bleibe. Auch Dinge wie die Ernennung von Oberstudienräten müssten nicht unbedingt von der Ministerin unterschrieben werden. Da könne man überlegen, ob nicht die Unterschrift eines Landesvertreters reicht. "Man muss und soll aber nicht gleich alles niederreißen. Im Großen und Ganzen funktioniert es ja recht gut."

 

 

"Der Standard" vom 21.01.2015                               Seite: 10

Ressort: Forschung Spezial

 

Barbara Schober (44) studierte Psychologie an der Uni Bamberg. Seit 2011 ist sie Professorin für Psychologische Bildungs- und Transferforschung an der Universität Wien.

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

„Österreich ist in puncto Schule eine Blackbox“

 

   Eltern ärgern sich über gegenderte Schulbücher. Warum sie das Binnen-I dennoch fordert und die Schule sich öffnen müsste, sagt Bildungspsychologin Barbara Schober.INTERVIEW: Lisa Breit, Oona Kroisleitner

 

   Standard: Aktuell wird über gegenderte Texte in Schulbüchern gestritten. Was halten Sie davon?

 

   Schober: Buben und Mädchen unterscheiden sich nach wie vor in ihren schulischen Interessen. Das liegt nicht daran, dass Mädchen oder Buben generell bestimmte Dinge nicht können. Sondern es geht sehr viel darum, dass Geschlechtsstereotype unbewusst im Alltag transportiert und übernommen werden, mitunter über die Sprache. Wir denken, wie wir sprechen. Gendern ist keine Geschmacksfrage – die öffentliche Diskussion ist aber sehr ideologisch geprägt. Wenn wir nur von Männern sprechen, wird auch vor allem an sie gedacht. Wenn wir gendergerechte Formulierungen wie das Binnen-I anwenden, werden Frauen verstärkt mitgedacht.

 

   Eine häufig geäußerte Kritik ist, dass die gegenderte Fassung unleserlich und unverständlich sei.

 

   Schober: Wenn man sich die aktuelle empirische Evidenz ansieht, spricht nichts dafür, dass gegenderte Texte als solche schlechter zu verstehen sind. Was einige Studien jedoch zeigen, ist, dass Männer nichtgegenderte Texte positiver beurteilen als Frauen.

 

   Warum ist das so?

 

   Schober: Das ist im Detail noch zu untersuchen. Männern ist das generische Maskulinum eventuell einfach näher. Sie können sich leichter damit identifizieren. Es ist naheliegend, dass sie Gendern deshalb oft unnötiger finden.

 

   Sollte in Schulbüchern nicht der Inhalt im Vordergrund stehen?

 

   Schober: Natürlich geht es um den Lernstoff. Aber Wissen vermitteln und Genderstereotypen entgegenzuwirken ist sicher kein Widerspruch. Wir wissen aus der Geschlechterforschung, dass wir über Erwartungshaltungen, Modelldarstellungen, das Loben und Aufgabenverteilung Stereotype transportieren. Das Schulbuch ist ein Medium, das sie vermittelt.

 

   Reicht es dann überhaupt, Schulbücher zu gendern?

 

   Schober: Nein. Es kommen noch weitere Dinge zum Tragen: etwa die bildliche Darstellung von Geschlecht. Zumindest bis vor kurzem war es noch so, dass Männer häufiger in beruflichen Kontexten zu sehen waren, Frauen eher in der Freizeit oder mit der Familie. Wir haben 300 relevante Abbildungen in Volksschulbüchern analysiert. Je nachdem, in welcher Tätigkeit man Personen darstellt, verändert das den Eindruck, der vermittelt wird. Entscheidend sind auch Gegenstände, die Personen dabei bei sich haben. Frauen werden noch immer mit Taschen und Accessoires dargestellt. Diese kleinen Dinge machen den wichtigen Unterschied. Geschlechtergerechte Abbildungen und Sprache in Schulbüchern sind deshalb wichtig, weil sie Dinge zeigen, die uns täglich umgeben, die wir aber nicht permanent reflektieren.

 

   Außerhalb der Schule lesen Kinder aber nichtgegenderte Bücher.

 

   Schober: Es ist eine Illusion, von der Schule zu verlangen, die Genderproblematik zu lösen. Am besten wäre es natürlich, wenn in allen Medien darauf geachtet würde, keine Genderstereotype zu vermitteln. Aber man muss ansetzen, wo man eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen erreicht – das ist die Schule.

 

   Inwiefern spielt nicht auch das vorschulische Erleben eine Rolle?

 

   Schober: Es sollte so früh wie möglich angesetzt werden. Die Entwicklungspsychologie zeigt, dass Kinder gerade im Kindergartenalter durchaus rigide Rollenstereotype ausbilden. Die Eltern sind dabei aber wichtige Rollenvorbilder. In Befragungen zeigt sich, dass Eltern immer noch eher Autos für Buben und Puppen für Mädchen kaufen. So entstehen Rollenbilder, die sich allerdings schon in der Volksschulzeit wieder öffnen und sehr flexibel werden. Zu dieser Zeit muss also dagegengehalten werden.

 

   Wie wird „gendersensible Pädagogik“ im Studium vermittelt?

 

   Schober: In den Vorgaben zum neuen Lehramtsstudium steht dezidiert, dass Diversität und Gendergerechtigkeit behandelt werden müssen. Bisher war es optional. Diese Themen haben aber immer noch nicht den Stellenwert, den sie bräuchten. Lehrkräfte wissen beispielsweise sehr wenig darüber, wie sie – ohne es zu wollen – durch genderspezifisches Lob Stereotype vermitteln.

 

   Wie können Lehrer besser loben?

 

   Schober: Mädchen werden oft für Fleiß gelobt und Burschen häufiger für Fähigkeit. Das sind genau diese unterschwelligen Kommunikationsmechanismen, die es zu bearbeiten gilt. Und es ginge hier darum, unbewusste geschlechtsspezifische Erwartungen zu verändern und stattdessen das Individuum zu betrachten.

 

   Für Kindergartenpädagogen hat das Bildungsministerium einen Leitfaden für „geschlechtssensible Pädagogik“ herausgebracht. Ist das genug?

 

   Schober: Das zeigt zumindest: Es ist ein Thema. Gerade die Kindergartenpädagogik steht hier aber weitgehend am Anfang. Kindergartenpädagogen haben verpflichtend noch weniger Reflexion dazu in ihrer Ausbildung, sind oft noch sehr jung. Sie zu fördern wäre wichtig. Es gibt kaum ein Land, wo ihre Ausbildung nicht akademisch ist. Aber auch hier tut sich etwas, wir stehen etwa in Kooperation mit dem Ministerium zur Frage, wie ein Weiterbildungsprogramm aussehen könnte.

 

   Wäre es sinnvoll, Männern den Kindergartenpädagogenberuf schmackhaft zu machen?

 

   Schober: Bekanntlich interessieren sich Männer in Durchschnitt weniger für schlechtbezahlte Berufe. Den Kindergartenberuf aufzuwerten wäre eine für alle sinnvolle Sache. Damit ist es aber nicht getan – dass Geschlechtermodelle dadurch allein dekonstruiert werden, ist nicht nachweisbar. Das Handeln der Pädagogen entscheidet.

 

   Durchlässigkeit ist auch in Hinblick auf Bildungsschichten ein Thema – wie fair ist das Bildungssystem?

 

   Schober: Befunde zeigen, dass Bildungserfolg in Österreich deutlich mit dem Bildungshintergrund korreliert. Es stimmt aber nicht, dass die Eltern der Kinder mit Migrationshintergrund nicht motiviert wären, aber der sozioökonomische Hintergrund spielt da einfach eine sehr große Rolle. Fakt ist: Wir haben im Moment ein Schulsystem, wo immer noch sehr viel in der Hand der Eltern liegt. Sie sichern mit Nachhilfe das Fortkommen ihres Kindes.

 

   Können Gesamtschulen dagegen Abhilfe schaffen?

 

   Schober: Es gibt Modelle der Gesamtschule, die furchtbar in die Hose gegangen sind. Und andere funktionieren sehr gut. Es geht nicht nur darum, neben wem man sitzt, sondern was in der Schule passiert. Gesamtschule bedeutet für mich, nicht so schnell zu trennen und auf Individualität anstatt auf Kategorien zu setzen. Strukturen müssen zwar verändert werden, aber sie sind nicht überzubewerten. Aus der Geschlechterrollenforschung wissen wir, dass die Interaktionen entscheiden, die Personen wissen, was sie tun, und dafür Zeit investieren.

 

   Wie beurteilen Sie die Neuen Mittelschulen, die bereits auf gemeinsames Lernen setzen?

 

   Schober: Die Grundidee ist nicht schlecht, sie wurde jedoch noch nicht nachhaltig und systematisch genug umgesetzt. Vor allem Hauptschulen bekommen oft einen neuen Namen, Lehrkräfte sind in derselben Schule in verschiedene Gehaltsstufen geteilt. Das Standesdenken zwischen Gymnasien und neuen Mittelschulen wird nicht genug bearbeitet. Wichtig wäre, machbare Rahmenbedingungen zu erzeugen, etwa das Personal zu qualifizieren, räumliche Bedingungen zu schaffen, Eltern zu informieren und so Ängste abzubauen. Es ist ein komplexes Gefüge. An einer Schraube zu drehen reicht natürlich nicht.

 

   Wird die Zentralmatura mehr Chancengleichheit bringen?

 

   Schober: Eine Prüfung von außen zu organisieren führt im Idealfall dazu, dass sich Lehrkräfte und Schüler gemeinsam bewusstmachen, welche Fähigkeiten und Kompetenzen es zu erreichen gilt. Dafür gilt es, zu kommunizieren und Vorgänge transparent zu machen. Österreich ist in puncto Schule eher noch eine Blackbox: ein relativ starres und für viele undurchsichtiges System. Sich zu öffnen und Vertrauen und Wertschätzung aller Beteiligten zu stärken wäre ein wichtiger Rahmen – nicht nur für dieses Projekt.

 

   Es gibt Modelle der Gesamtschule, die fürchterlich in die Hose gegangen sind. Andere funktionieren sehr gut.

 

   Männern ist das generische Maskulinum einfach näher. Sie können sich damit leichter identifizieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen