Sonntag, 25. Januar 2015

2015.01.26: Newsletter Bildung

SN – 26. Jänner 2015

 

Integrationsdebatte schwelt weiter

Der Vorstoß von Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) für strengeres Vorgehen in der Schule stieß auf gemischte Reaktionen.

Die Debatte über Sanktionen für vermeintlich "integrationsunwillige" Personen hat übers Wochenende neue Nahrung erhalten. Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Justizminister Wolfgang Brandstetter (beide ÖVP) stehen Verschärfungen im Strafrecht skeptisch gegenüber.

Vom Zaum gebrochen hatten die Diskussion SPÖ-Politiker, allen voran die wahlkämpfenden Landeshauptleute Hans Niessl (Burgenland) und Franz Voves (Steiermark), die laut über Strafen für "Integrationsverweigerer" nachdachten. Dafür ernteten sie auch in eigenen Reihen Kritik - nicht nur aus der gewohnt aufmüpfigen SJ, sondern auch aus Wien, wo der SPÖ-Landesparteisekretär Georg Niedermühlbichler die Wortmeldungen der Genossen als "ein bisschen populistisch" betrachtete und ein eindeutiges "#fail" twitterte. In Oberösterreich wiederum ventilierte der dortige SPÖ-Obmann Reinhold Entholzer Sozialdienst für Unwillige, nahm dies aber wenig später als "Überreaktion" wieder zurück.

Gegen strafrechtliche Maßnahmen sprach sich Mitterlehner am Sonntag in der "Kleinen Zeitung" aus: "Ich würde nicht vorschnell Strafen verhängen. Das würde das Klima aufschaukeln." Außerdem halte er Anlassgesetze für problematisch. Brandstetter sah ebenfalls am Sonntag im "Kurier" einen "gerichtlich strafbaren Tatbestand für Nicht-Integration" als "nicht sinnvoll" an - dies sei auch einhellige Experten-Meinung.

ÖVP-Integrationsminister Kurz hatte unterdessen sein Augenmerk auf die Schule gerichtet und mehr Durchgriffsrechte für Lehrer gegenüber Schüler und Eltern gefordert, wenn sich diese integrationsresistent zeigten. Er sprach von gemeinnützigen Diensten an der Schule, zu denen Schüler verpflichtet werden sollten. Auch Sanktionen für Eltern, die etwa hartnäckig Einladungen zu Sprechstunden ignorieren, kann er sich vorstellen. Auf die Frage, ob solche Bestimmungen denn nur für Bürger mit ausländischer Herkunft gelten sollten, meinte Kurz' Sprecher gegenüber der APA, man denke an "alle, die unsere Grundwerte verletzen".

Diesen Vorstoß begrüßte der Vorsitzende der ARGE Lehrer in der GÖD, Paul Kimberger. "Meiner Ansicht nach geht das in die richtige Richtung", sagte er der APA. Er räumte ein, dass solche Fälle eine "absolute Minderheit" seien, doch es gebe tatsächlich "Schüler und Eltern, die die Zusammenarbeit einfach verweigern". Seiner Ansicht nach müssten solche Sanktionen aber natürlich auch für österreichische Eltern gelten, "die sich nicht um die Bildung und Ausbildung ihrer Kinder scheren". Es handle sich um ein "generelles Thema, das nun aufgesetzt auf der Integration" diskutiert werde. Zudem fordert der Lehrergewerkschafter einmal mehr ein gut etabliertes Support-System für die Kollegenschaft. Von der ÖVP-nahen Schülerunion erhielt Kurz ebenfalls Zuspruch.

Anders aus den Grünen Reihen, wo Bildungssprecher Harald Walser sich an eine "pädagogische Steinzeit" erinnert sah. Kurz sei "in einen xenophoben Diskurs" eingestiegen, so Walser, der dies "auf Kosten von Kindern" als "perfide" bezeichnete. Wenig Freude mit der ganzen Debatte haben auch die Volkshilfe - die kritisierte, die Debatte laufe in die "falsche Richtung" - und SOS Mitmensch ("Effekthascherei").

 

 

"Der Standard" vom 26.01.2015                                Seite: 6

Ressort: Inland

 

Oona Kroisleitner aus Dublin

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Karmasin will Übergangsjahr für Schulen

 

   Irische Schüler können sich nach der Unterstufe eine Auszeit gönnen. Im Transition Year sollen sie selbstständig lernen und Berufserfahrung sammeln. Familienministerin Karmasin will die Idee nach Österreich holen.

 

   Aus grauen, blauen und orangefarbenen Legosteinen baut Jessica einen Roboter. Fünf Cent kosten die ersten beiden Farben, 15 die letzte, diese verwendet sie nur zur Zierde. Die 15-Jährige ist nicht etwa in der Kindergruppe am Spielen, das Roboterbauen ist Teil ihres Unterrichts. Dabei sollen die Schülerinnen der Colaiste Bride Mädchenschule in Dublin wirtschaften lernen.

 

   Das Spielzeug, das Jessica und ihre Team-Kolleginnen zusammensetzen, wird in der Produktion 2,70 Euro kosten. Um vier Euro würden sie es verkaufen, erklären sie in der Präsentation. Zwei Stunden pro Woche kann sie im Fach zur Unternehmensentwicklung kreativ sein und sich Gedanken über eine mögliche Selbstständigkeit machen. „Es wirkt wie eine Menge Arbeit, sein eigenes Geschäft aufzumachen", sagt sie.

 

   Jessica ist eine von 23 Schülerinnen, die Jugendministerin Sophie Karmasin (ÖVP) am Freitag in ihrer Klasse besucht hat. Bei ihrer Dublin-Reise mit Ministeriumsmitarbeiterinnen will Karmasin Ideen für Bildung und Jugendarbeit nach Österreich holen.

 

   Auszeit auch in Österreich

 

   Die besuchten Teenager sind aktuell in ihrem „Transition Year" – einem Übergangsjahr. Das freiwillige Bildungsprogramm steht allen Schülern offen, die die Unterstufe abgeschlossen haben. In 75 Prozent aller irischen Schulen wird es angeboten.

 

   In dem Jahr sollen die Kinder sich etwas vom Schulalltag zurücknehmen können: Statt Prüfungen und Tests zu schreiben, sollen sie eigenständig Projekte machen und Erfahrung in Berufswelt oder Sozialarbeit sammeln. Zusätzlich können die Schüler selbst aus einem Pool an Fächern, wie Sprachen, Wirtschaft oder Naturwissenschaften, Schwerpunkte setzen. Durch die projektbezogene Arbeit in der Schule sollen die Jugendlichen selbstständiger werden, ihre Stärken kennenlernen und Interessen vertiefen.

 

   Jeden Mittwoch sind die Schülerinnen nicht in der Schule, sondern schnuppern etwa bei Friseuren oder Spitälern. „Sie können sich zurückziehen und haben keinen Prüfungsstress und können sich Gedanken machen, was sie später arbeiten wollen", sagt Karmasin. Auch für Österreich wäre ein solches Jahr – auf freiwilliger Basis – für Karmasin wünschenswert: „Wir werden das Übergangsjahr jedenfalls in die Bildungsreformgruppe einbringen." Die Rahmenbedingungen müssten noch genauer „durchdacht" werden. Etwa, dass Schüler dieses Jahres länger Familienbeihilfe beziehen.

 

   Nach der Schule wüssten viele nicht, was sie in ihrem Leben machen wollen, was dazu führe, dass viele ein Studium beginnen, dieses aber nach kurzer Zeit wieder abbrechen würden. Laut einer im August 2014 erschienen Studie des „Instituts für Höhere Studien" (IHS) liegt die Abschlussquote des Erststudiums bei 65 Prozent. Die restlichen Studierenden brechen ihr Studium ab, wechseln ihr Fach oder auf eine andere Hochschule.

 

   „Oft kennen Maturanten nur das, was ihre Eltern gemacht haben. Die Ausbildung in Österreich ist immer noch eine Milieufrage – in beide Richtungen", sagt Karmasin. Eltern aus Akademikerfamilien wünschen sich für die Kinder, dass sie studieren, auch wenn das vielleicht nicht immer das Richtige ist, meint die Jugendministerin.

 

   Bildungsministerium prüft

 

   Das SPÖ-geleitete Bildungsministerium bezeichnet den Ansatz eines Übergangsjahres als eine „interessante Idee", die geprüft werde. „Dabei wird man sich auch die Erfahrungen in Irland genauer ansehen", heißt es aus dem für Schule zuständigen Ministerium.

 

   Rückhalt bekommt Karmasin aus der eigenen Partei: „In den Bereichen der individuellen Talenteförderung passiert in Österreich bereits sehr viel. In Zukunft wollen wir den Übergang der verschiedenen Ausbildungsstufen noch optimieren und Potenziale bestmöglich fördern. Die Frage der Schnittstellen steht bei der Bildungsreformkommission im Fokus", sagt Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer (ÖVP).

 

   Nach dem Legospielen präsentieren die mit blauen Pullovern und Schottenröcken bekleideten Mädchen einige ihrer Geschäftsmodelle. Über die Jugendorganisation „Foróige" wurden die Schülerinnen mit 15 Euro unterstützt, um eigene Kleinstunternehmen zu entwickeln. Jessica hat gemeinsam mit zwei Freundinnen Kunstobjekte mit Schnüren und Nägeln gebaut. Auf einem lokalen Handwerksmarkt haben sie diese verkauft und knapp 70 Euro eingenommen. Die 16-Jährige Tara hat über das Projekt ihr kleines Bäckereiunternehmen „Cake Bites" gegründet. Sie verkauft ihre Kuchen-Lollypops an Bäckereien in der Umgebung und beliefert Hochzeiten und andere Veranstaltungen. „Das ist viel für diese Kinder. Außerdem steigern sie ihr Selbstbewusstsein", sagt Jessicas Unternehmenslehrer.

 

   Foróige unterstützt Schulen in finanziell benachteiligten Gegenden von Irland „Viele der Kinder, mit denen wir arbeiten, haben nicht die Möglichkeit, ihren Interessen nachzugehen oder diese überhaupt zu finden. So unterstützen wir das formale Bildungssystem", sagt der ehemalige Lehrer John Cargill von Foróige.

 

   Den „Fokus auf unternehmerische Tätigkeiten bei Jugendlichen zu wecken" wäre Karmasin auch in Österreich ein Anliegen. Lediglich 30 Prozent können sich hier vorstellen, selbstständig zu werden: „Es ist schade, dass wir diesen Geist nicht genug ausbilden", sagt die Ministerin. Ein solches Fach würde sie gerne aufnehmen: „Man könnte die Programme auch in Jugendzentren anbieten."

 

   Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise erfolgte auf Einladung des Ministeriums für Familie und Jugend.

 

 

Krone – 26. Jänner 2015

Debatte um Integrationsunwillige schwelt weiter

Nach Kurz-Vorstoß

Die Debatte um Sanktionen für Integrationsverweigerer schwelt weiter: Während die SPÖ nach dem Lostreten der Debatte nun beharrlich schweigt, hat die ÖVP den Vorstoß von Integrationsminister Sebastian Kurz - Strafen für radikale Schüler und Eltern - mittlerweile zur Parteilinie gemacht.

Strafrechtlich will weder ÖVP- Chef Reinhold Mitterlehner noch Justizminister Wolfgang Brandstetter gegen Zuwanderer, die sich nicht integrieren, vorgehen. Doch die ÖVP hat die Forderung von Kurz nach Sanktionen für radikale Schüler und Eltern  zur Parteilinie erklärt.

Unterstützung bekommt Kurz auch von Lehrer- Gewerkschafter Paul Kimberger: Der Vorstoß gehe in die richtige Richtung. Die Sanktionen müssten aber auch für österreichische Eltern, "die sich nicht um die Bildung und Ausbildung ihrer Kinder scheren", gelten, so Kimberger. Auch im oberösterreichischen Landesschulrat begrüßt man den Ruf nach Strafen. Die Schülerunion fordert die Einführung eines eigenständigen Unterrichtsfachs "Politische Bildung".

Heftige Kritik an Kurz kommt hingegen von den Grünen. Sie werfen dem Minister "pädagogische Steinzeit" und einen bewussten Einstieg in einen xenophoben Diskurs vor. SOS Mitmensch sieht in den aktuellen Aussagen "Effekthascherei".

SPÖ brach Debatte vom Zaun - und schweigt jetzt

Vom Zaun gebrochen hatten die Diskussion SPÖ- Politiker, allen voran die wahlkämpfenden Landeshauptleute Hans Niessl (Burgenland) und Franz Voves (Steiermark), die laut über Strafen für Integrationsverweigerer nachdachten. Dafür ernteten sie auch in den eigenen Reihen Kritik - nicht nur aus der gewohnt aufmüpfigen SJ, sondern auch aus Wien, wo der SPÖ- Landesparteisekretär die Wortmeldungen der Genossen als "ein bisschen populistisch" betrachtete und ein eindeutiges "#fail" twitterte.

In Oberösterreich wiederum ventilierte der dortige SPÖ- Obmann Reinhold Entholzer Sozialdienst für Unwillige, nahm dies aber wenig später als "Überreaktion" wieder zurück.  Seither ist aus den Reihen der SPÖ in der Debatte nichts mehr zu hören gewesen.

 

 

"Kurier" vom 26.01.2015                                    Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

N.Ö., Morgen

 

Wie viel Strafe und Zwang verträgt die Integration?

 

"Unwillige" Zuwanderer. Die Sanktionen-Debatte ist in der ÖVP angekommen: Parteichef Mitterlehner, auf liberaler Charmeoffensive, bremst. Minister Kurz fordert ein härteres Vorgehen - vor allem in Schulen.

 

   von Michael bachner. Losgetreten haben die Diskussion zwei im Wahlkampf stehende SPÖ-Landeshauptleute - Franz Voves und Hans Niessl. Doch spätestens seit dem Wochenende hat auch die ÖVP ihre "Ausländer"-Debatte. Ausgerechnet der sonst so liberal eingestellte ÖVP-Integrationsminister Sebastian Kurz regte am Sonntag via Krone so etwas wie Strafdienste für integrationsunwillige Schüler an. Aber auch Eltern gegenüber solle die Handhabe verschärft werden, wenn sie etwa Vorladungen nicht nachkommen. Zeitgleich sprachen sich ÖVP-Parteichef Reinhold Mitterlehner in der Kleinen Zeitung sowie ÖVP-Justizminister Wolfgang Brandstetter im KURIER gegen Verschärfungen im Strafrecht bei "Integrationsunwilligkeit" aus.

 

   Mitterlehner: "Wir haben das Islamgesetz gemacht und müssen schauen, wie das Gesetz wirkt. Eine Anlassgesetzgebung halte ich für problematisch. Ich würde nicht vorschnell Strafen verhängen. Das würde das Klima aufschaukeln."

 

   Die Grünen ätzten daraufhin, Mitterlehner und Brandstetter würden Kurz zurückpfeifen. Mandatar Peter Pilz twitterte mit bissigem Humor: "Kurz, Niessl, Voves: Ich fordere Strafen für Integrationspolitikunwillige, z. B. Opernball-Haft in der Lugner-Zelle."

 

   Minister Kurz sieht in den Aussagen Mitterlehners oder Brandstetters ("Ruf nach härteren Strafen erfolgt oft reflexartig") freilich keinen Widerspruch zu seinem Vorstoß. Ihm gehe es ja nicht um den generellen Griff zum Strafgesetzbuch, sondern maximal um Verwaltungsstrafen - und auch hier im Kontext der spezifischen Schulproblematik.

 

   Kurz sagte am Sonntag zum KURIER: "Es geht nicht um linke Träumer und rechte Hetzer. Ich denke auch nicht an strafrechtliche Änderungen, sondern es geht um konkrete Lösungen für konkrete Probleme an den Schulen. Da sollte es - als ultima ratio - auch einfache Verwaltungsstrafen geben."

 

   Solche Aussagen bringen Kurz Applaus von der VP-nahen Schülerunion sowie von Lehrergewerkschafter Paul Kimberger ein. "Meiner Ansicht nach geht das in die richtige Richtung", sagte er der APA. Kimberger räumte aber ein, dass solche Fälle eine "absolute Minderheit" seien, doch es gebe tatsächlich "Schüler und Eltern, die die Zusammenarbeit einfach verweigern".

 

   Auch für Österreicher. Nach Kimbergers Ansicht müssten solche Sanktionen auch für österreichische Eltern gelten, "die sich nicht um die Bildung und Ausbildung ihrer Kinder scheren".

 

   Scharfe Kritik an der Richtung, die die Integrationsdebatte nimmt, üben Organisationen wie SOS Mitmensch ("Effekthascherei") oder die Volkshilfe. Deren Bundesgeschäftsführer Erich Fenninger sagte: "Ich sehe vor allem die Unwilligkeit der Mehrheit, Minderheiten zu integrieren, und Bedingungen, die den Minderheiten eine Integration in die Gesellschaft verunmöglichen."

 

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"Kurier" vom 26.01.2015                                    Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Wi, Abend, Bgld, N.Ö., Morgen

 

Grüne gegen Kurz-Ideen:"Pädagogische Steinzeit"

 

   Prävention.Strafdienste für Schüler lehnen die Grünen klar ab. Das ist "pädagogische Steinzeit", sagt ihr Bildungssprecher Harald Walser. Er reagiert damit auf den jüngsten Vorstoß von ÖVP-Integrationsminister Sebastian Kurz.

 

   Walser plädiert hingegen für einen Ethikunterricht für alle und Politische Bildung als Pflichtfach. "Es wäre besser, wenn Kurz seine eigene Partei dazu bringen würde, sich diesen Forderungen anzuschließen. Ansonsten soll er sich überdies künftig aus pädagogischen und schulischen Belangen raushalten", so Walser am Sonntag.

 

   Gegen Radikalisierungstendenzen unter Schülern setzt der Grüne auf Vorbeugung statt Strafe. "Wir müssen strukturell im Bereich Prävention etwas machen. Es genügt nicht, ein paar Workshops zu machen. Das sind klassische Alibi-Aktionen, die nicht weiterhelfen", sagte der Abgeordnete zum KURIER. Er kritisiert damit SP-Bildungsminister Gabriele Heinisch-Hosek, die heute unter anderem neue Integrations-Workshops präsentieren will.

 

 

"Kurier" vom 26.01.2015                                    Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Wi, Abend, Bgld, N.Ö., Morgen

 

"Es hat oft wenig mit Religion zu tun"

 

Edit Schlaffer. Soziologin über die Ursachen von Radikalisierung - und die Gegenstrategien

 

   von maria kern. Heute treffen sich im Bildungsministerium rund 50 Experten, um über das Thema Extremismus und Prävention in der Schule zu diskutieren. Mit dabei ist Edit Schlaffer. Die Wissenschafterin hat sich in Studien in verschiedenen Ländern mit den Müttern von Dschihadisten befasst.KURIER: Was kann in der Schule getan werden, wenn bemerkt wird, dass Schüler mit dem radikalen Islam sympathisieren?

 

   Edit Schlaffer: Die Schule ist der unmittelbare Ort, um erste Frühwarnsignale zu registrieren, darauf zu reagieren und mit den Eltern gemeinsam Lösungen zu suchen. Dafür brauchen Lehrer aber auch Hilfe.

 

   Was soll man konkret tun?

 

   Wichtig ist vor allem, was man nicht tun soll: Signale von Missbilligung senden oder auf Konfrontation gehen. Man muss das Gespräch suchen, Verständnis vermitteln. Man sollte fragen: "Was beschäftigt dich?" Man sollte empathisch zuhören und Begleitung anbieten.

 

   Was ist mit den Eltern?

 

   Die Eltern sind an der Front. Das Thema Sicherheit und Gefährdung muss mit ihnen diskutiert werden, bevor etwas passiert. Das Problem der Radikalisierung muss mit Eltern in einem offenen Klima besprochen werden.

 

   Kann man all das den Lehrern allein aufbürden?

 

   Nein. Die Lehrer dürfen nicht alleingelassen werden. Gemeinsam mit Schulpsychologen könnten Workshops angedacht werden, um Radikalisierung zu thematisieren. Die Lehrer müssen lernen, Anzeichen erkennen zu können.

 

   Was, wenn man nicht an die jungen Leute herankommen?

 

   Wenn die Strategie der Zuwendung nicht funktioniert, muss es Hilfe von außen geben, wie zum Beispiel die Expertinnen der neuen Hotline im Familienministerium.

 

   Was sind Anzeichen für Radikalisierungen?

 

   Mädchen schminken sich oft nicht mehr und verhüllen sich. Burschen lassen sich einen Bart wachsen. Häufig wird all das abgelehnt, was bisher Spaß gemacht hat, etwa in die Disco zu gehen. Typisch ist auch, dass Jugendliche den Lebensstil von Familie und Freunden infrage stellen.

 

   Was sind die Ursachen?

 

   Sie sind vielfältig und haben oft erstaunlich wenig mit Religion zu tun hat. Die Jugendlichen sind auf der Suche nach einem Sinn, nach Identität, Halt und Anerkennung. Es sind oft Jugendliche, die sich an den Rand gedrängt fühlen und in einer Krise stecken. Das ist ein Zeitpunkt, an dem sie leicht verführbar sind. Die Dschihadisten versprechen ihnen eine Struktur, die sie bei uns nicht gefunden haben: Job, Familie und die Teilhabe am Kampf für das Kalifat.

 

   Was kann man entgegensetzen?

 

   Gefordert ist langfristiges Bildungsinvestment zu den Fragen von Ideologie, Identität, Risiko und Sicherheit. Wir haben in England eine Kampagne gemacht mit Aussagen von Müttern, die ihre Kinder an den Dschihad verloren haben. Die emotionalen Botschaften der Frauen - wie zum Beispiel "Du bis einen Weg gegangen, der mit dem Islam nichts zu tun hat. Der Prophet hat nie gesagt, dass du töten sollst" - wurden mit Elterngruppen, Bildungsexpertinnen, Polizei und religiösen Gruppierungen diskutiert. Der Appell dieser Frauen an die Kinder lautet: "Du zerstörst nicht nur das Leben anderer, sondern auch das deiner Familie." Solche visuellen Botschaften sollten quer durch unsere Schulen gezeigt werden.

 

   Soll man in Österreich auch mit Familien kooperieren, deren Kinder in den Dschihad gezogen sind?

 

   Ja. Von den Eltern können wir viel erfahren: Wann haben die Probleme begonnen? Welche Hilfe hätten sie gebraucht? Wir können über die Eltern auch mehr über die Mechanismen der Radikalisierung erfahren. Aus zahlreichen Gesprächen weiß ich auch, dass die Mütter der Kinder, die nach Syrien aufgebrochen sind, mit ihnen in Kontakt bleiben - über SMS. Diese Botschaften zeigen, wie die jungen Menschen von Begeisterung in Desillusionierung gleiten. Sie sind enttäuscht, verzweifelt, suchen den Weg zurück. Das gelingt nicht immer. Diese Erfahrungen müssen wir in Schulen bringen, um Jugendliche zum Nachzudenken anzuregen. Die Terroristen setzen voll auf Emotionalität - und sagen: "Du bist ein Held. Wir brauchen dich." Wir dürfen dieses Terrain nicht dem IS überlassen.

 

 

"Kurier" vom 26.01.2015                                   Seite: 24

Ressort: Leben

 

Wi, Abend

 

Kampfarena Klassenzimmer

 

Schulpartnerschaft. Eltern haben Angst um die Zukunft ihrer Kinder und machen Druck - auch auf Pädagogen

 

   von Ute Brühl und Daniela Davidovits. Die Eltern sind wütend: Die Lehrerin habe die Klasse nicht unter Kontrolle, die Methoden seien veraltet, die Pädagogin sei ausgebrannt. Deshalb ist klar: "Frau Müller muss weg." So wettern Eltern in dem gleichnamigen Film von Sönke Wortmann und gehen auf Konfrontation mit der Lehrerin. Sogar eine Unterschriftenliste aller Eltern soll Frau Müller überzeugen, die Klasse abzugeben. Doch schnell zeigt sich, dass die Vorwürfe nur vorgeschoben sind: Ihr eigentlicher Antrieb ist die Angst, dass ihr Kinder es nicht ins Gymnasium schaffen.

 

   Eine Angst, die viele österreichische Eltern kennen, wie KURIER-Familycoach und Erziehungsberaterin Martina Leibovici-Mühlberger weiß: "Wir haben eine Maschinerie, die nur die AHS als geglückte Bildungskarriere sieht. Logischerweise drängen Eltern darauf, dass ihr Kind diese Schule besucht."

 

   Eltern setzen sich unter Druck, und geben diesen an Lehrer und Kinder weiter: "Es gibt Achtjährige, die in der 3. Klasse Volksschule schlaflose Nächte und Gastritis haben, weil die Anforderungen zu hoch sind", berichtet sie aus ihrer Praxis. Und die Lehrer - die ja meist Lehrerinnen sind - wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen. Sie verschenken lieber Noten, bevor sie sich auf Diskussionen mit den Eltern einlassen.

 

   Leibovici-Mühlberger sieht die Ursache darin, dass "Lehrer sich zu selten ihrer Professionalität bewusst sind. Sie müssten sich als die Pädagogen und Didaktiker sehen und auch transportieren, dass sie die Profis im Klassenzimmer sind." Hinzu kommt, dass die Schulpartnerschaft - das Miteinander von Schülern, Lehrern und Eltern - in Österreich schlecht entwickelt ist.

 

   Eltern als Lehrer In der Kommunikation mit Eltern fühlen sich Lehrer oft im Stich gelassen. Auch im Studium werden sie darauf nicht vorbereitet. Dabei wäre das wichtiger als je zuvor, wie Sabine Felgitsch weiß. Sie ist Mutter dreier Kinder und berät Eltern und Lehrer an Schulen: "In den letzten zehn Jahren hat sich das Selbstbild vor allem der Mittelschicht-Eltern sehr verändert", stellt sie fest: "Sie sind verunsichert und sorgen sich sehr um die Zukunft ihres Kindes. Deshalb besuchen sie Vorträge und lesen Bücher wie die des Hirnforschers Gerald Hüther über optimales Lernen. Sie sind überzeugt, dass ihr Kind nur dann für die Welt gerüstet ist, wenn es bestmöglich gefördert wird." Deshalb werden früh Schwächen und Krankheiten diagnostiziert, für die es eigene Therapien wie den Wut-Doktor oder Ergotherapeuten gibt. "Diese Eltern haben genaue Vorstellungen davon, wie ihre Kinder zu unterrichten sind. Was sie von der Schule fordern, kann diese nicht leisten", so Felgitsch. Weil sie den Lehrern nicht vertrauen, spielen sie Ersatzpädagogen: "Wichtiger ist es aber, dass sie eine gute Beziehung zum Kind aufbauen."

 

   Leibovici-Mühlberger kritisiert diese Entwicklung: "Wer nur auf Leistung setzt, produziert Bildungsidioten. Gelernt wird nur für die Prüfung, Zusammenhänge interessieren nicht." Sie wünscht sich daher, dass auch die soziale Kompetenz bei der Aufnahme ins Gymnasium eine Rolle spielt.

 

 

"profil" Nr. 05/2015 vom 26.01.2015                       Seite: 22

Ressort: Österreich

 

 

Bildung gegen Extremismus

 

   Wie soll man mit Kindern und Jugendlichen adäquat über das Massaker von Paris reden? Wie über Dschihadismus? Pegida? Rechtsextremismus? Antisemitismus? Vor diesen Fragen stehen derzeit viele Eltern und viele Lehrer. Die im Oktober gegründete Expertengruppe gegen Extremismus versucht, Strategien zu erarbeiten - die aber für den akuten Diskussionsbedarf in den Schulen zu spät kommen. Daher schnürt das Bildungsministerium ein Sofortpaket und stellt Schulen 300 Workshops zur Verfügung. Gehalten werden diese von NGOs, von der Anti-Rassismusinitiative Zara bis zum Friedensbüro Salzburg, die auf Wunsch der Direktoren in die Schulen kommen. "Für mich ist wichtig, dass wir rasch reagieren, daher biete ich die Workshops an", sagt Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Unter dem Motto "Prävention statt Reaktion" setzt sie gemeinsam mit dem Innenministerium auch auf längerfristige Maßnahmen und lässt angehende Lehrer in Interreligiosität und Interkulturalität ausbilden und auf Deradikalisierung schulen. el

 

Morgenjournal, 26.1.2015

Anti-Extremismus-Plan an den Schulen

Regina Pöll

Experten betonen: An den Schulen muss sich etwas ändern im Kampf gegen Terror und Dschihadismus. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) lädt diese heute zu einer Arbeitsgruppe zum Thema Extremismus ins Ministerium - für ein neues Maßnahmenpaket. Eckpfeiler wie etwa Präventions-Workshops und eine bessere Lehrerausbildung sind schon bekannt. Teilnehmer der Arbeitsgruppe sagen aber: Das kann nur der Anfang sein.

Was tun mit Jugendlichen, die sich für den Terrorismus begeistern? An den Schulen braucht es da auch Härte, meint Sebastian Kurz, als Minister für Integration zuständig. Lehrerinnen und Lehrer sollten mehr Rechte bekommen, Schüler zu bestrafen, sie etwa zu einem Dienst am Schulstandort verpflichten, so hat's Kurz am Wochenende formuliert. Und man sollte Lehrerinnen und Lehrer besser ausbilden. In dem Punkt ist er einig mit Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Sie startet heute eine Arbeitsgruppe zum Thema Extremismus. Bessere Ausbildung, Prävention, alles schön und gut, meinen Teilnehmer an der Gruppe: Ein paar Dinge sollte man aber sofort in Angriff nehmen.

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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