Dienstag, 27. Januar 2015

2015.01.27: Newsletter Bildung

"Wiener Zeitung" Nr. 017 vom 27.01.2015                      Seite: 1

Ressort: Titelseite

 

Wiener Zeitung

 

Wie Schulen die Bildungswende schaffen können

 

    Wien. Die Art, wie der Lernstoff vermittelt werde, trage den veränderten Lebensumständen nicht Rechnung, kritisiert die deutsche Bildungsexpertin Margret Rasfeld im Interview der „Wiener Zeitung“. Die Mitbegründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ sprach auch am Montagabend bei den „Alpbach Talks“ in der Albertina mit dem Bildungsaktivisten Daniel Landau darüber, wie Schulen diese Bildungswende schaffen können. Veranstaltet wurde der Diskussionsabend vom Europäischen Forum Alpbach gemeinsam mit der „Wiener Zeitung“ und der Bildungs-NGO „jedesK!ND“.

 

   Um die Potenziale der Schüler zu entfalten, so Rasfeld, müsse man sie fürs Lernen begeistern, und das funktioniere über Beziehung. Der Frontalunterricht sei nicht mehr adäquat, um junge Menschen auf die zunehmende Komplexität und Vernetztheit der Welt vorzubereiten.

 

   Seite 13

 

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"Wiener Zeitung" Nr. 017 vom 27.01.2015                     Seite: 13

Ressort: Österreich

 

Wiener Zeitung

 

Lernen funktioniert über Beziehung. Margret Rasfeld, Mitbegründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“, ist überzeugt: Schüler haben kein Lern-, sondern ein Begeisterungsproblem. So sind sie den Anforderungen der Zukunft aber nicht gewachsen.

 

„So nimmt man die Angst aus dem System“

 

    Petra Tempfer

 

    Wien. Stoff rein, Wissen raus. Wie Schülern Lernstoff vermittelt wird, ist seit Jahrzehnten gleich. Das Leben aber hat sich verändert. Mit jedem Jahr wächst die Vernetzung – und damit die Herausforderung, eine neue Art der Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen. Der Frontalunterricht in der Schule sei nicht mehr adäquat, um junge Menschen auf diese Zukunft vorzubereiten, sind viele Eltern und Pädagogen überzeugt. Vor diesem Hintergrund lud das Europäische Forum Alpbach gemeinsam mit der „Wiener Zeitung“ und in Kooperation mit der Bildungs-NGO „jedesK!ND“ am Montagabend zu den „Alpbach Talks“ in die Albertina: Margret Rasfeld, Mitbegründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ und Direktorin einer Berliner Gemeinschaftsschule, erzählte im Gespräch mit dem „jedesK!ND“-Bildungsaktivisten und AHS-Lehrer Daniel Landau, wie Schulen die Bildungswende schaffen können. Mit der „Wiener Zeitung“ sprach sie schon vorab zu dem Thema.

 

    „Wiener Zeitung“: Frau Rasfeld, Sie sind Mitbegründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“. Worin besteht dieser „Aufbruch“?

 

    Margret Rasfeld: Wir wollen Schulen dabei unterstützen, dass Schüler ihre Potenziale entfalten können. Denn dazu sollte Bildung dienen.

 

    Was machen Schulen derzeit falsch?

 

   Es wird zu wenig darauf geachtet, dass Lernen über Beziehung läuft. Jede Information hat eine kognitive Ebene und eine emotionale. Fast alle weiterbildenden Schulen bauen ihre Stundenpläne aber derzeit so, dass sie Beziehung verhindern. In der Volksschule ist es noch ein bisschen anders, weil da ein Klassenlehrer viele Stunden mit unterschiedlichen Fächern in der Klasse ist. Genau dieses Modell sollte man weiterführen: Ein Lehrer, der nur wenige Klassen hat, mit denen er viel Zeit verbringt. Dann ist Beziehung möglich. Und damit Wertschätzung, Anerkennung und Vertrauen zwischen Lehrern und Schülern. Erst wenn man jemanden genau kennt, kann man ihn individuell fördern.

 

    Wie funktioniert das in der Praxis? Kein Lehrer kann sämtliche Fächer beherrschen.

 

   Eine der größten Zukunftskompetenzen ist, mit Heterogenität umgehen zu können. Dazu müssen die Schüler lernen, sich selbst zu organisieren. Bei uns in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, eine Ganztagsschule, gehören daher drei Klassen als Kleinteam aus 13- bis 15-Jährigen zusammen, das sind etwa 75 Schüler. Jede Klasse hat zwei Klassenlehrer, die 19 Stunden pro Woche nur mit ihren Schülern verbringen. Sie halten zum Beispiel einen gemeinsamen Klassenrat ab, bei dem alle ihre Probleme sagen können, oder man geht in einer Doppelstunde Mittagessen. Jeder Schüler hat auch einen Lehrer als persönlichen Tutor. Das Lernen selbst passiert in Form eines offenen Lernformats im Lernbüro. Das bedeutet, die Lernmaterialien für jedes einzelne Fach sind in bestimmten Klassenräumen, in denen auch der Fachlehrer sitzt. Jeder Schüler des Kleinteams entscheidet sich morgens: In welches Fach gehe ich? Wahlfreiheit erhöht maßgeblich die Motivation.

 

    Wie geht man vor, wenn sich ein Schüler täglich nur für Deutsch entscheidet?

 

   Das macht er nicht. Wir haben Kontrollmechanismen, um das im Vorfeld zu verhindern.

 

    Aber wie kann ein Fachlehrer Schüler, die täglich wechseln und unterschiedliche Ansprüche haben, unterrichten?

 

   Für jedes Fach gibt es vier Lernbausteine, die sich die Schüler selbst erarbeiten. Wenn sie Fragen haben, helfen sie einander – und erst, wenn sie gemeinsam auch nicht mehr klarkommen, fragen sie den Lehrer. Er unterstützt sie und steht nicht vorne und zieht den Stoff durch. Den kann jeder Schüler in seinem eigenen Tempo lernen, ohne Konkurrenz zu den Mitschülern. Hausübungen gibt es dabei so gut wie keine.

 

    Gibt es Prüfungstermine, an denen man den Stoff können muss?

 

   Sobald ein Schüler ein Thema erarbeitet hat und sich bereit fühlt, meldet er sich zum Test an.

 

    Und wenn er sich nie bereit fühlt?

 

   Dafür hat er ja seinen Tutor, der sich jede Woche mit ihm trifft. So nimmt man die Angst aus dem System. Das passiert auch dadurch, indem es bis zum Ende der 9. Klasse keine Noten gibt. So lernt der Schüler nicht für die Noten, sondern für sich selbst.

 

    13- bis 15-Jährige stehen mitten in der Pubertät. Ist es in dieser Altersklasse nicht etwas gewagt, sich auf deren Lernwillen zu verlassen?

 

   Ganz im Gegenteil. Gerade für Schüler diesen Alters ist es wichtig, dass sie selbst über ihr Lernverhalten entscheiden können. Im normalen Schulsystem wird ihr Lernwille gebrochen.

 

    Eignet sich jedes Kind für das offene Lernformat? Oder kommt für manche später, wenn sie mit Druck und Konkurrenz am Arbeitsplatz kämpfen, das böse Erwachen?

 

   Jeder Mensch kommt mit einer großen Menge an Kreativität und Gestaltungswillen zur Welt. In normalen Schulen geht das ziemlich schnell verloren. Diese Eigenschaften muss man aber fördern. Dann lernen die Schüler, selbständig zu arbeiten und sich zu organisieren – und genau das ist es, womit man in Zukunft ausgestattet sein muss. Die Welt wird immer komplexer, immer schneller, und man muss oft seine Berufe wechseln. Dafür muss man eine gute psychologische Grundausstattung haben. Ums Lernen kommt man nicht herum – es kommt aber darauf an, wie man es tut.

 

    Was bedeutet das für Österreich?

 

    Ich bin nicht dafür, ein bestehendes System mit Reformen zu überlappen. Man müsste das System von Grund auf ändern. Ich bin sicher, dass man die Eltern davon überzeugen kann. Denn die meisten sind selbst nicht gern in die Schule gegangen.

 

   Zur Person

 

   „Eine der größten Zukunftskompetenzen ist, mit Heterogenität umgehen zu können.“

 

    Margret

 

   Rasfeld

 

    Die langjährige Gymnasiallehrerin und gebürtige Deutsche gründete 2007 die Evangelische Schule Berlin Zentrum, deren Leiterin sie auch ist. Sie ist Mitbegründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ und erhielt 2014 den Querdenker Award. ev-schule-zentrum.de

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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