Dienstag, 27. Januar 2015

2015.01.28: Newsletter Bildung

Die Presse – 28. Jänner 2015

 

 

„Motivation erschüttert“

Matura. Die AHS-Lehrer üben harsche Kritik an der Mathe-Modellschularbeit im Vorfeld der Zentralmatura.

Wien. Die Kritik an der österreichweiten Mathematik-Modellschularbeit, die vor Weihnachten stattgefunden hat, reißt immer noch nicht ab. Die AHS-Lehrergewerkschaft führt in einem Rundschreiben, das der „Presse“ vorliegt, eine lange Liste an Mängeln auf.

Die Rückmeldungen aus 215 Klassen hätten viele Schwierigkeiten aufgezeigt. Dass die Schüler, die eine AHS-Langform besuchen, deutlich besser abschnitten als Schüler von Oberstufengymnasien, zeige, dass die „seit Jahren vorgebrachte Kritik an einheitlichen Aufgaben ohne Berücksichtigung der Schulform“ berechtigt sei. Außerdem habe es bei der vom Bildungsinstitut BIFIE entwickelten Schularbeit zu viele bzw. zu umfangreiche Aufgaben für die Bearbeitungszeit gegeben. „Wegen dieser Überlänge war es auch für leistungsstarke Schüler kaum möglich, ein ,Sehr Gut‘ zu erreichen“, heißt es da. Zudem sei der Schwierigkeitsgrad zu hoch gewesen.

Freude am Fach genommen

Für Teile der Schularbeit habe es kein Übungsmaterial gegeben. Auch mit Kritik am Beurteilungsschema sparen die AHS-Lehrer nicht. Insgesamt heißt es: Den Schülern sei durch die Schularbeit nicht nur die Freude an der Mathematik, sondern auch das Selbstbewusstsein genommen worden. Die Motivation der Jugendlichen sei wenige Monate vor der Matura erschüttert worden. Am Ende gibt es aber auch positive Worte: „Nicht verschwiegen werden soll, dass einige wenige Mathematiklehrer ihre generelle oder weitgehende Zufriedenheit mit der Modellschularbeit ausgedrückt haben.“ (j.n.)

 

 

Die Presse – 28. Jänner 2015

 

 

„Schüler sollen in der Pause Deutsch sprechen“

Oberösterreichs Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer (ÖVP) fürchtet, dass sich in manchen Stadtteilen bald „die Österreicher bemühen müssen, integriert zu werden“. Verpflichtender Ethikunterricht helfe bei der Integration.

Die Presse: Die „Integrationsunwilligkeit“ ist derzeit ein großes Thema. Gibt es denn so viele integrationsunwillige Schüler?

Fritz Enzenhofer: Es gibt sie, die Schüler, die sich nicht integrieren wollen. Auf wie viele es zutrifft ist schwer zu quantifizieren.

Was ist Integrationsunwilligkeit für Sie?

Es zeigt sich, wenn Schüler Regeln bewusst nicht einhalten und bestimmte Dinge ablehnen, oder wenn sie sich abkapseln und bewusst nur in ihrer Landessprache sprechen. Manche fallen auch durch österreichfeindliche Bemerkungen auf und sind der Kultur gegenüber feindlich eingestellt.

Halten Sie es für ein Problem, wenn Schüler in der Pause ihre Muttersprache und nicht Deutsch sprechen?

Ja. Es besteht sowieso die Gefahr, dass in der Freizeit nicht Deutsch gesprochen wird. Daher ist jede Minute, in der Deutsch gesprochen wird, wichtig.

Haben die Lehrer darauf zu achten, dass in der Pause Deutsch gesprochen wird?

Natürlich. Deutsch ist ja auch die verbindende Sprache zwischen den Schülern.

Sie haben sich für Strafen ausgesprochen. Glauben Sie, dass man Migranten damit zur Integration motivieren kann?

Damit kann man sie zumindest davon abhalten, dass sie nachlässig mit der Integration umgehen. Es wird immer welche geben, die sich nicht daran halten, aber die Mehrheit wird sehen, dass das Ganze zu akzeptieren ist.

An welche Strafen denken Sie?

An Verwaltungsstrafen für Eltern, die nicht mit der Schule kooperieren. Das würde bei allen angewandt – nicht nur bei Migranten.

Und Sozialdienste für Schüler?

Lehrer bräuchten generell mehr Möglichkeit, Sanktionen zu setzen. Das Thema Strafen sollte enttabuisiert werden. Es wird meist mit Schlagen gleichgesetzt. Dabei geht es darum, dass man etwa Schüler, die wiederholt die Klasse beschmutzen, dazu verpflichtet, eine Woche mit dem Reinigungspersonal mitzuarbeiten. Damit sie sehen, was das heißt.

Ist das Thema „Integrationsunwilligkeit“ bislang verschwiegen worden?

In den westlichen Ländern ist die Zahl der Muslime stark gestiegen. Jetzt wird sich bald die Frage stellen: Wer integriert wen? Wir haben Stadtteile in Linz oder Wien, da hat man das Gefühl, dass sich die Österreicher bemühen müssen, dort integriert zu werden. Wenn man hier nicht hinschaut, kann das zu einem großen Problem werden. Wenn wir unsere Kultur und unsere Werte vermitteln wollen, müssen wir intensiv daran arbeiten.

Das ist aber sehr überspitzt formuliert.

Ich bin Lichtjahre von H.-C. Strache entfernt, weil man der Sache so nicht begegnen kann. Aber diese Probleme nicht zu sehen, wäre dennoch ein Fehler.

Hat man die Dinge bislang nicht gesehen?

Doch, aber das Ausmaß war uns nicht bewusst. Es war nicht nur die Frage der Integrationsunwilligkeit ein Tabuthema, sondern auch die Strafen. Es durfte ja nicht das Gefühl aufkommen, dass es etwas gibt, das über das Loben und Streicheln hinausgeht.

Hätte Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) nicht genau das verbessern sollen?

Wenn er das Problem in dieser kurzen Zeit lösen hätte können, dann würde er den Friedensnobelpreis verdienen.

Was kann und soll die Schule eigentlich zur Integration beitragen?

In der Pflichtschule, der sich keiner entziehen kann, haben wir die Möglichkeit, auf die Integrationsbereitschaft einzuwirken. Die Schule muss diese Aufgabe wahrnehmen. Sie vermittelt nicht nur Wissen, sondern auch Bildung.

Und zwar wie?

Ein Hebel wäre die flächendeckende Einführung eines Ethikunterrichts. Derzeit werden die Abmeldungen vom Religionsunterricht ja von Peek&Cloppenburg und McDonald's gesteuert. Für Schüler ist die Freistunde oft attraktiver. Außerdem melden sich auch viele Schüler mit Migrationshintergrund vom Religionsunterricht ab. Manchen Eltern sind die Religionslehrer nicht liberal genug. Die sagen: Ich lasse mir mein Kind nicht instrumentalisieren. Aus all diesen Gründen sollte es einen Ethikunterricht für alle geben. Die, die sich von Religion abmelden, sollten mehr Ethikstunden besuchen als der Rest. Das Ganze würde natürlich Geld kosten.

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) kündigte an, die Lehrer mit etwa 100 Schulpsychologen unterstützen zu wollen. Ist das eine echte Entlastung?

Ich habe in Oberösterreich 200.000 Schüler und 27 Schulpsychologen. Die übernehmen alles – von der Bildungsberatung bis zur Krisenintervention. Wenn es hundert Schulpsychologen mehr gibt, sind das für Oberösterreich 20. Das ist gut, aber wenig.

In der vergangenen Woche hat die Bildungsreformgruppe das erste Mal getagt. Die Länder- und Bundesvertreter kündigten an, über „alles reden“ zu wollen. Haben Sie Angst, dass auch über die Abschaffung der Landesschulräte geredet wird?

Natürlich. Der Bund will die Landesschulräte abschaffen. Die Länder wollen den Bund abschaffen. Und jeder glaubt, dass es dann besser geht. Eine reine Kompetenzdiskussion hilft da nicht. Man muss sich die einzelnen Aufgabenbereiche anschauen. Ich halte viel von Subsidiarität.

Bald wird die Evaluierung der NMS veröffentlicht. Was erwarten Sie sich?

Es wird Bereiche geben, in denen die NMS gut abschneidet, und andere, in denen sie das nicht tut. Deshalb sollte man überlegen, was man verbessern kann. Man wird sich etwa über das Teamteaching erneut Gedanken machen müssen. Das muss meiner Meinung nach ja nicht immer gemacht werden. Manchmal braucht es eben auch Teilungen in verschiedene Leistungsgruppen.

Darf man die NMS an sich noch infrage stellen, wie das etwa ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka im Sommer getan hat?

Nein. Man kann die NMS nach all den Bemühungen nicht mehr zurückfahren.

ZUR PERSON

Fritz Enzenhofer (ÖVP) ist der amtsführende Präsident des oberösterreichischen Landesschulrats. Der 58-Jährige ist in Traun in Oberösterreich geboren und ausgebildeter Hauptschullehrer für Deutsch und Bildnerische Erziehung. Sein politisches Engagement begann als Schülervertreter. Später engagierte er sich in der Jungen Volkspartei (JVP), dann als Lokalpolitiker für die ÖVP und als schwarzer Lehrervertreter. [ Clemens Fabry]

 

 

Die Presse – 28. Jänner 2015

 

 

Integration: SPÖ-Absage an rote Scharfmacher

Sozialminister Hundstorfer bremst SPÖ-Landeschefs: Statt Sanktionen für „Integrationsunwillige“ soll Betreuung ausgebaut werden. Die ÖVP möchte Geldstrafen bis zu 1000 Euro für Eltern, die Vorladungen in die Schule ignorieren.

Wien. Er schleppte sich nach gut einmonatiger Pause wegen seines Beckenbruchs auf Krücken zur Regierungssitzung im Bundeskanzleramt. Mindestens ebenso sehr schmerzte Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) allerdings, was seine ranghohen roten Parteigenossen in den Bundesländern in der Vorwoche alles so an Vorschlägen für Sanktionen gegen Zuwanderer, die sich in Österreich nicht integrieren wollen, von sich gegeben hatten. „Man sollte wieder ein bisschen cool down machen“, empfahl Hundstorfer.

Die Botschaft war offensichtlich an die SPÖ-Landeschefs Franz Voves (Steiermark) und Hans Niessl (Burgenland) gerichtet, die für juristische Sanktionen eingetreten waren, sowie Oberösterreichs SPÖ-Chef Reinhold Entholzer, der – einige Stunden lang – über einen Sozialdienst nachgedacht hatte. Strafen seien „sekundär“, so Hundstorfer, weil beispielsweise Eltern, die Vorladungen in Schulen missachten, eine Minderheit darstellten. Der Sozialminister setzt lieber auf ein Coaching für Jugendliche, wie es sein Ressort in Zusammenarbeit mit dem Unterrichtsministerium betreibt. 30.000 Betroffene wurden in der Form betreut. Außerdem seien einige der Schüler schon 18 Jahre alt und damit großjährig, gab er zu bedenken.

Bundeskanzler Werner Faymann hatte bereits am Dienstag im Interview mit der „Presse“ den roten Scharfmachern in Sachen Integration mitgeteilt, er sei für eine Kombination aus Hilfe und Strafen. „Ich sehe aktuell aber keinen Grund für eine gesetzliche Änderung“, fügte er am Dienstag nach dem Ministerrat hinzu.

Die ÖVP hat sich auf eine Linie verständigt: Sie hält nichts von strafrechtlichen Sanktionen, wie dies die SPÖ-Landeschefs angedacht haben. Sie drängt aber verstärkt auf verschärftes Vorgehen der Schulen, wenn Schüler und deren Eltern sich nicht integrieren wollen. Das geht bis zu Verwaltungsstrafen in der Höhe bis zu 1000 Euro, wie Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) vor dem Ministerrat betonte.

Strafe als „letzte Maßnahme“

Solche Sanktionen sollten allerdings als „allerletzte Maßnahme“ verhängt werden, fügte Staatssekretär ÖVP-Parteikollege Harald Mahrer hinzu. Außerdem plädiere er dafür, sich „in aller Ruhe“ auch dem Punkt zu widmen, was „Integrationsunwilligkeit“ konkret überhaupt bedeute. Wenn ein Schüler in diesem Bereich auffalle, gebe es aber „eine Reihe von Gründen, die nicht immer bei den Schülern selbst zu suchen sind“, so Mahrer.

Regierungsklausur Ende März

Weil zwar ausgerechnet zum Start in das Superwahljahr 2015 schon jede Menge Vorschläge gemacht werden, aber offenkundig sowohl in der Kanzlerpartei als auch zwischen Rot und Schwarz in der Koalition noch einiger Klärungsbedarf besteht, geben sich SPÖ und ÖVP nun eine zweimonatige Nachdenkphase: Bis zur nächsten Regierungsklausur am 23. und 24. März in Krems sollen sich die beiden Koalitionsparteien einig sein, was sie tatsächlich mit integrationsunwilligen Zuwanderern machen wollen.

Mit Geldstrafen für Eltern, die alle Integrationsbestrebungen torpedieren, knüpft die ÖVP jedenfalls an eine schon geltende Regelung für Schulschwänzer an. Diesen droht als Sanktion eine Geldstrafe bis zu 440 Euro. Immerhin wurden derartige Strafen in der Vergangenheit bereits hunderte Male verhängt. Nach Angaben des Unterrichtsministeriums gab es im Jahr 2013 in Wien 880 solcher Fälle, in Salzburg rund 450. In Kärnten waren es 119 Strafen. 29 Betroffene konnten die Strafen nicht bezahlen und mussten daher eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen.

Die Volkspartei tritt – wie Innenministerin und Koalitionskoordinatorin Johanna Mikl-Leitner erläuterte – aber ohnehin verstärkt dafür ein, vor allem den Verantwortlichen in den Schulen ein Instrument in die Hand zu geben, um „Integrationsunwillige“ leichter zur Räson zu bringen. Daher sollten Maßnahmen von der Schulgemeinschaft aus Lehrern, Eltern und Schülern an jeder Schule mittels Schulvereinbarung festgelegt werden. Sie selbst sei bei dem Thema Integration jedenfalls gegen „linke Träumereien“ ebenso wie gegen „rechte Hetze“.

Die nun für 23./24. März angekündigte Regierungsklausur ist die zweite nach jener in Schladming Ende September des Vorjahres. Schon zuvor soll jedoch nach dem Willen der Chefs der Koalition die Steuerreform am 17. März unter Dach und Fach sein, sodass sich die Regierung bei der Klausur anderen Themen – auch bei der Bildung – widmen kann.

 

 

Die Presse – 28. Jänner 2015

 

 

Die tendenziöse Integrationsdebatte

In diesem Superwahljahr sind wieder Feindbilder gefragt. Besonders beliebt: der Islam und seine Anhänger.

 

Die Integrationsdebatte entwickelt sich in Österreich derzeit gerade in eine Richtung, die einer pluralistischen Gesellschaft sehr zu denken geben sollte. Die Grenzen einer Gesellschaft, die sich Vielfalt auf die Fahnen geheftet hat, werden scheinbar wieder einmal bei den meist muslimischen und ausländischen Schülern, den Schwimmverweigerinnen und den „mohammedanischen“ Prinzen gezogen.

Das Thema Migration in künstlicher Verkettung mit Islam ist wieder Thema Nummer eins, zum wiederholten Male aufgewärmt und in dieser Form auf den Bereich Schule gemünzt. So soll nun als oberste Priorität die „Integrationsunwilligkeit“ von Schülern behandelt und obendrein deren Eltern abgestraft werden. Eines ist bei dem Thema offensichtlich: Wir sind bereits mitten in der Aufwärmphase des „Superwahljahrs 2015“.

Populistische Rhetorik

Wahltag ist dieses Jahr wohl auch Zahltag – und zwar nicht als Abrechnung unter den einzelnen Parteien, sondern auf Kosten von Minderheiten, von Marginalisierten und vermeintlich anderen. Aktuell beliebtestes Feindbild: der Islam und seine Anhänger. Dafür braucht es eine gewisse Atmosphäre, und nicht wenige bedienen sich einer populistischen und gleichzeitig rechten Rhetorik mit der Forderung nach Sanktionen in Bezug auf den mehr als nur schwammigen Begriff der „Integrations(un)willigkeit“.

Aber wie will man diese vermeintliche „Integrationsunwilligkeit“ messbar machen? Schnell steht fest: Es sind muslimische Schülerinnen, die sich weigern, schwimmen zu gehen; es sind muslimische Burschen, die sich wie Paschas gebärden; und es sind ihre Väter, die ein Gespräch mit einer Pädagogin verweigern, schlicht weil sie eine Frau sei.

Die implizite Forderung, die hier mitschwingt, nämlich den rückständigen Eltern und deren Kindern Geschlechtergerechtigkeit zu vermitteln, klingt nicht nur befremdend, sondern zeigt auch auf, wie man mit gesamtgesellschaftlichen Problemen umzugehen gedenkt: mit dem Finger auf die anderen, die Minderheiten, zu zeigen. Und zugleich auch alle in Sippenhaft für das Verhalten weniger zu nehmen, anstatt die kulturelle Brille abzusetzen.

Differenzierter Blick

Denn wird der Fokus nur auf Religion und Herkunft gelegt, so versperrt man sich den Blick auf Fälle, die tatsächlich Beratung von Sozialarbeitern und geschulten Lehrern bedürfen würden.

Aber wie umgehen mit all diesen Herausforderungen im schulischen Raum? Statt eines strafenden Zugangs à la „schwarze Pädagogik“, wie sie die Politik einfordert, plädiere ich dafür, dass Differenzfreundlichkeit als deklariertes Bildungsziel in den öffentlichen Schulen etabliert wird. Und das bedeutet nicht, die Augen vor Sexismus zu verschließen oder gar Diskriminierung jeglicher Art hinzunehmen.

Es bedeutet hingegen, einen differenzierten Blick zu entwickeln, um soziale Probleme auch als solche zu erkennen. Und zwar ganz ohne Zuschreibung zu einer Ethnie oder die leidige Verquickung mit einer Religion.

Bedrohter Pluralismus

Dies bedarf der Etablierung der interkulturellen Pädagogik bereits in der Ausbildung und nicht erst in der Fortbildung, sodass angehende Lehrer von Beginn an adäquat unterstützt und sensibilisiert werden in einer Pädagogik, die unserer Zeit entspricht.

Schülern und Eltern aber mit Sanktionen zu drohen ist langfristig gesehen nicht nur eine Bedrohung für die Betroffenen, sondern auch für unsere pluralistische Gesellschaft.

Amani Abuzahra lehrt an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/ Krems und referiert über interkulturelle Pädagogik & muslimische Schüler. Ihr Buch „Kulturelle Identität in einer multikulturellen Gesellschaft“ erschien im Passagen Verlag.

 

 

"Kleine Zeitung" vom 28.01.2015                              Seite: 6

Ressort: Politik

 

Steiermark

 

„Toleranz kann keine Einbahn sein“

 

Die SPÖ habe bei Migrationsproblemen weggeschaut, kritisiert Franz Voves sich und seine Partei. Grund sei die Angst vor der eigenen Bewegung.

 

   INTERVIEW

 

   Herr Landeshauptmann, Sie haben mit Ihrer Forderung nach Maßnahmen bei Integrationsunwilligkeit eine Flut an empörten Reaktionen ausgelöst.

 

   FRANZ VOVES: Ich habe Hunderte E-Mails erhalten, in denen sich Menschen bei mir bedankt haben, darunter viele muslimische Mitbürger, die sich integriert haben und nicht in einen Topf geworfen werden wollen mit jenen, die sich nicht integrieren wollen.

 

   Aus Ihrer Partei haben aber einige Ihre Aussagen als rechte Rülpser bezeichnet.

 

   VOVES: Wer auf die Idee kommt, dass das etwas mit rechten Rülpsern zu tun hat, muss bescheuert sein. Menschlichkeit und Toleranz zu leben, haben meine Eltern allen vier Kindern mit auf den Weg gegeben. Dafür bin ich meinen Eltern ewig dankbar. Diesen Anspruch stelle ich an mich und die Gesellschaft. Da brauche ich keine Einsager. Die Steiermark war auch eines der ersten Bundesländer, das ein Integrationsressort eingerichtet hat. Womit auch die Reformpartner klar zum Ausdruck gebracht haben, dass uns aktive Integration ein wichtiges Anliegen ist.

 

   Wo sehen Sie das Problem in Ihrer Partei? Dass jeder, der von Integrationsunwilligkeit spricht, ins rechte Eck gestellt wird?

 

   VOVES: Es traut sich in der Sozialdemokratie seit Jahren kaum jemand, die Probleme anzusprechen, die Ängste, das Unbehagen vor allem von Menschen, die geballt mit Migranten zusammenleben und Integrationsunwilligkeit erleben. Die SPÖ hat sich nie getraut, diese Ängste offen auszusprechen.

 

   Sie wollen der FPÖ dieses Feld nicht mehr überlassen?

 

   VOVES: Der Herr Strache und seine fremdenfeindliche FPÖ brauchen keine Angst zu haben, dass wir ihnen dieses Alleinstellungsmerkmal nehmen. Uns geht es um die tatsächlichen Probleme an den Schnittstellen. Und ich freue mich, dass es der Reformpartnerschaft in der Steiermark wieder gelungen ist, gemeinsam aktiv zu werden. Bei aller Toleranz, die ich lebe, kann Toleranz keine Einbahnstraße sein. Falsch verstandene Toleranz sollten wir nicht akzeptieren. Es kann keine Toleranz geben, wenn jemand die rechtsstaatliche Verankerung der Gleichstellung von Mann und Frau nicht akzeptiert. Jetzt nenne ich wieder den Buben, der sich in der Schule weigert, die Lehrerin anzuerkennen, weil sie eine Frau ist, und dessen Vater sagt, sein Sohn habe recht, und der auch nur mit dem Direktor spricht.

 

   Was wollen Sie dagegen machen? Die ÖVP schlägt Geldstrafen bis zu tausend Euro vor.

 

   VOVES: Welche Ahndungsmaßnahmen man setzen will, sollte man erst entscheiden, wenn die Ahndungsgründe festgemacht sind. Zuerst muss es eine österreichweite Diskussion geben. Wir können als Sozialdemokratie nicht mehr wegschauen, wenn religiös motiviert versucht wird, unsere Rechtsstaatlichkeit zu unterwandern. Ich bin seit Jahren mit diesem Thema schwanger. Durch die tragischen Ereignisse in Paris kurz vor dem Medienempfang in Graz ist das dann aus mir herausgebrochen.

 

   Als Sie sagten, jetzt nicht zu handeln, wäre grob fahrlässig. Bedauern Sie den Vorstoß?

 

   VOVES: Ich bin froh darüber. Viele marschieren bei Pegida mit oder wählen die FPÖ, weil die politische Elite ihnen nicht zuhört und sie deshalb angefressen sind.

 

   Die deutsche Muslimin und Frauenrechtsaktivistin Seyran Ateş spricht von verlogener Solidarität der Politik, die zur Ausgrenzung muslimischer Frauen beitrage. Was sind die Gründe für diese vermeintliche Toleranz? Bequemlichkeit, Angst vor der Konfrontation?

 

   VOVES: Es gibt die Angst, von der eigenen Bewegung ins rechte Eck gestellt zu werden. Ich glaube, das ist bei der ÖVP das Gleiche. Aber oft ist ja schon ein 28-Jähriger am besseren Trip. Sebastian Kurz hat ein Gefühl, was die Menschen bewegt. Er geht den Sorgen seriös nach, nicht populistisch. Das haben wir nicht getan.

 

   Der Kanzler hat sich auch jetzt kaum dazu geäußert.

 

   VOVES: Das ist auch besser.

 

   Dafür hat die Gesundheitsministerin Ihnen ausrichten lassen, Anreize seien besser, als mit der Strafkeule zu drohen. Stimmen Sie zu?

 

   VOVES: Ich mag die Frau Bundesminister, aber ich unterstelle ihr, dass sie meine Antwort im Landtag nicht gelesen hat. Wann habe ich je das Strafrecht angeführt? Ich habe gesagt, wenn es nötig ist, muss man überlegen, ob man es ahnden kann. Aber das ist typisch für die Gesellschaft der Flachwurzler. Es wird verkürzt und das Verkürzte wird als Frage an den Nächsten gestellt. Mit 62 interessiert mich dieses Flachwurzelspiel nicht mehr.

 

   Ihr Parteifreund Niessl hat Ihnen aber applaudiert.

 

   VOVES: Er hat mich gestern angerufen und gesagt: „Franz, du hast genau das Richtige angesprochen. Und das sage ich dir als ehemaliger Hauptschullehrer, nicht als Parteifreund.“

 

   Was erwarten Sie sich von Ihrer Forderung nach Ethikunterricht?

 

   VOVES: Alle Kinder müssen rechtzeitig in unser Wertesystem eingebunden werden. Eltern, die das nicht akzeptieren, sind tatsächlich nicht erwünscht. Und meine Antwort an alle, die mich ins rechte Eck stellen, ist, dass jene, die die Probleme nicht besprechen, den Boden aufbereiten für Strache, Le Pen und andere.

 

   Der Vizekanzler meinte, der Islam gehöre zu Österreich. Sehen Sie das auch so?

 

   VOVES: Der Islam ist eine anerkannte Religionsgemeinschaft, jeder soll seinen Glauben in seiner privaten Welt leben. Aber kein Flügel des Islam darf verdeckt oder offen mit gottesstaatlichen Zielsetzungen versuchen, unseren Rechtsstaat zu unterlaufen. Da müssen wir hart sein.

 

   Nach dem Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ haben auch in Österreich einige Politiker gefordert, dass das Blasphemiegesetz im Sinne der Meinungsfreiheit gestrichen werden soll. Soll es?

 

   VOVES: Nein, das soll man belassen. Wenn man Glaubensgemeinschaften ganz brutal beleidigt, muss unsere Demokratie wissen, dass man auch bei Meinungsfreiheit nicht verantwortungslos werden darf.

 

   INTERVIEW: CARINA KERSCHBAUMER

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 22 vom 28.01.2015               Seite: 1

Ressort: Seite 1

 

Österreich

 

Direktoren fordern Strafen für Eltern, die Lehrer ignorieren

 

   Manche Lehrer bleiben sogar an Elternabenden allein. Die Regierung will in den nächsten Monaten über mögliche Sanktionen entscheiden.

 

   Wien. Eingeschriebene Briefe, die ignoriert werden. Muslimische Eltern, die sich weigern, mit Lehrerinnen zu sprechen, Elternabende, die nicht besucht werden. Das sind einige Beispiele dafür, wie Eltern die Zusammenarbeit mit der Schule verweigern. Direktoren beklagen, dass es kaum Möglichkeiten gebe, gegen ein solches Verhalten vorzugehen. In solchen Fällen gehöre Integration vorangetrieben, „auch mit Zwang“, so die Meinung eines Schuldirektors. Genau das haben mehrere Politiker, angefangen von Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) bis zum steirischen LH Franz Voves (SPÖ), in den vergangenen Tagen verlangt.

 

   Pflichtschulgewerkschafter Paul Kimberger verwies darauf, dass man die Probleme an den Schulen „nicht durch Wegschauen und Schönreden“ lösen könne. Seiner Ansicht nach müssten Sanktionen auch für österreichische Eltern gelten, „die sich nicht um die Bildung und Ausbildung ihrer Kinder scheren“. Auch Lehrer fordern klarere Regeln, wenn Eltern von Schülern die Zusammenarbeit mit der Schule komplett ignorieren. SPÖ und ÖVP wollen nun bis zur kommenden Regierungsklausur klären, ob es Sanktionen gegen Eltern geben soll. Die Politikwissenschafterin Kathrin Stainer-Hämmerle sagt, dass die Law-and-Order-Parolen, die aus SPÖ und ÖVP in den vergangenen Tagen zu hören waren, der Angst vor der FPÖ geschuldet seien. Seiten 2, 3

 

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"Salzburger Nachrichten" Nr. 22 vom 28.01.2015               Seite: 3

Ressort: Hintergrund/Seite 3

 

Österreich

 

Lehrer fordern klare Regeln

 

   Was tun, wenn Eltern von Schülern die Zusammenarbeit mit der Schule verweigern? Lehrern sind derzeit oft die Hände gebunden.

 

   Maria Zimmermann Wien. Es gibt Schulklassen, da sitzt der Lehrer ganz allein beim Elternabend. Der Klassenvorstand einer vierten Klasse an der Diesterwegschule in Linz, einer Neuen Mittelschule, etwa wartete zu Schulbeginn vergeblich auf interessierte Mütter und Väter. Der Kollegin einer anderen Klasse erging es nicht viel besser: Nur eine Mutter war gekommen, um sich über die Herausforderungen ihres Kindes im neuen Schuljahr, in dem oft schon die Weichen für den Berufsweg gestellt werden, zu informieren. „Natürlich gab es auch Elternabende von Klassen, die besser besucht waren“, sagt Cornelia Polli, Direktorin der Schule. „Aber die Eltern zu erreichen ist oft sehr schwierig, und das ist bei uns schon ein zentrales Thema.“

 

   Bei anderer Gelegenheit finden die Eltern äußerst rasch den Weg in die Schule: Wenn ihr Sohn oder ihre Tochter zum zweiten Mal das Handy abgeben musste, weil er oder sie es während des Unterrichts eingeschaltet hatte. Dann darf es laut Schulvereinbarung nur von den Eltern persönlich abgeholt werden. Und das geht meist schnell. „Die Wertigkeit des Handys ist eben eine sehr große“, sagt Polli.

 

   Die Diesterwegschule ist kein einfaches Pflaster. Viele Schüler kommen aus Familien, in denen Geld, Zeit und Unterstützung für die Kinder knapp sind. 96 Prozent der 230 Schülerinnen und Schüler haben Migrationshintergrund. Das heißt, dass unter einem Dach mehr als 30 Nationen mit unterschiedlichstem kulturellen und religiösen Hintergrund sitzen. Tatsache ist, dass die Herausforderungen enorm sind und es ganz klare Regeln braucht, die für die Schüler nachvollziehbar sind, wie Polli sagt. „Die Kinder müssen das Gefühl haben, dass man sie mag, ihnen aber trotzdem klare Regeln vorgibt.“

 

   Tatsache ist aber auch, dass sich viele Lehrer mehr Handhabe und Unterstützung wünschen – auch an Pollis Schule. Der Stufenplan für Schulschwänzer ist ihrer Meinung nach „völlig zahnlos“: Wenn die Eltern den Aufforderungen der Lehrer, in die Schule zu kommen, nicht und nicht nachkämen, „dann steht man als Lehrer die längste Zeit an.“ Die Amtswege dauerten viel zu lang, und in der Zwischenzeit würde man die Jugendlichen „oft verlieren“, sagt sie.

 

   Ähnlich sieht das Karl Kukutsch, Direktor der NMS im niederösterreichischen Gänserndorf. „Es wäre gut, wenn man da schneller reagieren könnte. Etwa dann, wenn Eltern drei Mal eine Aufforderung, zur Sprechstunde zu kommen, ignorieren“, sagt er. Das würde er sich freilich nicht nur bei Schulschwänzern wünschen, sondern auch, wenn Kinder sehr verhaltensauffällig seien oder enorme Lernschwierigkeiten hätten – und von Elternseite null Reaktion komme. Bis man derzeit etwas unternehmen könne, werde monatelang Arbeitsstunde um Arbeitsstunde investiert, um einen dicken Akt anzulegen.

 

   Mitunter reagieren Eltern auch auf eingeschriebene Briefe nicht oder richten den Lehrern aus, dass ihre Kinder daheim ganz anders seien und die Lehrer selbst mit den Problemen zurecht kommen sollten. Ob es eine Lösung wäre, höhere Geldstrafen für die Eltern zu verhängen, wie dies Integrationsminister Kurz fordert, will Kukutsch nicht beurteilen. Wobei, wie er hinzufügt, „manche Eltern wahrscheinlich nur diese Sprache verstehen“.

 

   Kukutsch und Polli betonen, dass es problematische Eltern und Schüler sowohl unter In- als auch unter Ausländern gebe. In den zwei aktuell schwierigsten Fällen an seiner Schule handle es sich etwa um heimische Familien ohne Migrationshintergrund, sagt Kukutsch. Was bei Schülern mit Migrationshintergrund allerdings dazukomme, seien oft Verständigungsschwierigkeiten. Allen voran mit Müttern, die kein Deutsch könnten, ja mitunter sogar Analphabetinnen seien. „Es gibt immer wieder Fälle, wo wir draufkommen, dass die Mutter etwas unterschrieben hat, das sie gar nicht lesen konnte“, erzählt er.

 

   Auch Fälle von Kindern muslimischen Glaubens, die nicht am Schwimmunterricht oder anderen Schulveranstaltungen teilnehmen dürfen, gebe es immer wieder. Und auch Fälle, in denen die Lehrerin – weil Frau – nicht akzeptiert werde. Kukutsch: „Wenn da nicht der Papa mit dem Direktor, also mit mir, einem Mann, redet, geht nichts weiter.“ In solchen und ähnlichen Fällen gehöre Integration vorangetrieben, „auch mit Zwang“, sagt er.

 

   Muslimische Mädchen, die von den Eltern aus nicht am Schwimmunterricht teilnehmen oder das Kopftuch im Turnunterricht nicht abnehmen dürfen (was aber den Sicherheitsvorschriften zuwiderläuft) – diese Fälle kennt auch Polli. Wie damit umgehen? Das sei großteils den Schulen selbst überlassen, kritisiert sie. „Da gibt es eine große Unsicherheit unter den Lehrern. Da würde ich mir wesentlich mehr Klarheit wünschen.“ Polli muss auch Schülern und Eltern immer wieder erklären, was Schulpflicht bedeutet: dass ein Schüler eben nicht früher von der Schule nach Hause gehen darf, weil er für Mama im Krankenhaus dolmetschen oder auf die kleinen Geschwister aufpassen muss. „Unsere Zeit wird teils mit Sozialarbeit so strapaziert, dass die Lernzeit auf der Strecke bleibt“, sagt sie. Beide Direktoren sind sich einig: Es bräuchte wesentlich mehr Expertenunterstützung an den Schulen – von Schulsozialarbeitern bis zu Psychologen. Polli: „Wir sind auch keine pädagogischen Wunderwuzzis. Die Schule kann nicht alles leisten.“

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 22 vom 28.01.2015               Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

Integration: Die Regierung fragt die Schulpartner

 

   Und was die Asyldebatte betrifft, will Klug eigene Vorschläge machen.

 

   Wien. Bis zur Regierungsklausur in zwei Monaten will sich die Koalition einig sein, ob es mehr Druck zur Integration braucht. Schärfere strafrechtliche Sanktionen lehnen sowohl Kanzler als auch Vizekanzler ab. Ob es Geldstrafen für Eltern geben soll, die sich weigern, den Einladungen zu Elternsprechtagen zu folgen, soll erst einmal mit den Schulpartnern besprochen werden.

 

   Was die von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) geplanten Schnellverfahren bei Asylbewerbern aus sicheren Herkunftsländern betrifft, will ihr Spiegelminister Gerald Klug (SPÖ) eigene Vorschläge machen. Der Chef des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl (BFA), Wolfgang Taucher, hält Verfahren im Schnelldurchlauf für machbar. Schon bisher habe man bestimmte Fälle binnen 15 Tagen erledigen können, vor allem die Verfahren von Kosovaren.

 

   2014 hat das BFA laut Taucher rund 7000 Personen den Asylstatus zuerkannt bzw. ein Bleiberecht gewährt. Rund 28.000 Personen suchten um Asyl an. 1619 Personen wurden abgeschoben, 1327 in ein anderes EU-Land zurückgeschoben, rund 3000 kehrten freiwillig heim; rund 4500 tauchten unter.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 22 vom 28.01.2015               Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

Die Angst vor der FPÖ

 

   SPÖ und ÖVP rüsten die Polizei auf und wollen Strafen für Ausländer, die sich nicht integrieren. Wird das den Höhenflug der Freiheitlichen stoppen?

 

   WIEN. Die FPÖ hat Grund zur Freude. Erst am Wochenende haben ihr zwei Umfragen bestätigt, dass sie derzeit in der Gunst der Wähler auf Platz eins liegt. Wie ernst SPÖ und ÖVP den Höhenflug der Freiheitlichen nehmen, zeigen die Law-and-Order-Parolen, die seit einigen Tagen aus diesen Parteien zu hören sind.

 

   Den Anfang machten der steirische Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) und der burgenländische LH Hans Niessl (SPÖ), die Konsequenzen für Einwanderer forderten, die sich nicht integrieren wollen. Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) wiederum verlangte, dass Eltern, die in der Schule den Kontakt mit den Lehrer verweigern, mit Strafen belegt werden sollen. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) kündigte an, dass es schnellere Asylverfahren für Wirtschaftsflüchtlinge geben sollte. Und dass die Polizei um Hunderte Millionen Euro aufgerüstet wird.

 

   Für die Politikwissenschafterin Kathrin Stainer-Hämmerle ist diese Strategie nachvollziehbar. „Mit ihren Law-and-Order-Politik versuchen SPÖ und ÖVP, den Freiheitlichen Paroli zu bieten“, sagt sie. Der Regierung sitze anscheinend die Angst vor der FPÖ im Nacken. Dass gerade die Landeshauptleute, die dieses Jahr eine Wahl zu schlagen hätten, strengere Strafen forderten, sei dafür ein deutliches Zeichen, sagt Stainer-Hämmerle. Diese Strategie ziele vor allem auf „den kleinen Mann“ ab. Die SPÖ und die FPÖ buhlten um die Stimmen der Arbeiter. Gerade in der SPÖ gebe es aber auch Widerspruch gegen diese Politik. „Die Parteijugend hat ja diese Aussagen als rechte Rülpser bezeichnet“, sagt die Politikwissenschafterin.

 

   Tatsache sei jedenfalls, dass in Österreich solche Maßnahmen diskutiert werden müssten, weil die Integrationspolitik der vergangenen Jahre gescheitert sei. Und teilweise gehe es natürlich auch darum, die Sicherheit nach den Terroranschlägen zu erhöhen. Wobei es sicher besser gewesen wäre, das Geld früher in die Bildung zu stecken statt jetzt in die Exekutive.

 

   Aber nicht nur für SPÖ und ÖVP ist das Thema Sicherheit und Integration eine Möglichkeit, sich politisch zu positionieren. Auch die Oppositionsparteien machen davon ausführlich Gebrauch. Laut FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl wird bei der Integrationsdebatte das Pferd von hinten aufgezäumt. Man diskutiere lediglich über die Folgen unorganisierter Zuwanderung, statt sich auf die Zuwanderung selbst zu konzentrieren. Alev Korun (Grüne) will auch die fehlende Kooperation heimischer Eltern thematisieren. Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) gehe immer nach demselben Muster vor, kritisierte sie. Er thematisiert etwas, ohne Zahlen auf den Tisch zu legen, „und macht es gleichzeitig zum Ausländerproblem“. Das „ständige Anpatzen einer ganzen Bevölkerungsgruppe mit der immerwährenden Forderung der Bestrafung“ sei keine Integrationspolitik.

 

   Neos-Chef Matthias Strolz wiederum sagte, dass „ein „öffentliches Bloßstellen“ unter Mitschülern in der Regel zu einer Beschämung führe. „Und genau solche Erfahrungen sind der Nährboden, auf dem sich Wut, Hass und Entfremdung entwickeln“, sagte Strolz, der gleichzeitig einen verpflichtenden Ethik- und Religionsunterricht für alle Schüler forderte. alf

 

 

"Der Standard" vom 28.01.2015                                Seite: 2,3

Ressort: THEMA

 

Kerstin Scheller

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Das ABC der Achtsamkeit

 

   Darüber reden, was in Paris passiert ist. Der Dialog mit Schülern – ein erster Schritt zur Extremismusprävention. Die Lehrerin Barbara Hintenaus hat ihn von sich aus gesetzt. Im Lehrplan steht das Thema noch nicht.

 

   Buben fetzen zwischen den Bankreihen hin und her, Mädchen sitzen eng zusammengedrängt und tuscheln. Barbara Hintenaus steht vor ihrer ersten Klasse der neuen Mittelschule in Enns. Als sie vor die 19 Buben und vier Mädchen tritt, schreibt sie gleich etwas an die Tafel: „Jesus Charlie“, liest ein Bursch vor und zuckt die Schultern. Die Lehrerin sagt nichts, wartet zu. „Je suis Charlie“, meint kurz darauf ein anderer Schüler, er weiß mit dem Spruch etwas anzufangen. Ob das der Rest der Klasse auch kann, will Hintenaus wissen. Jeder Schüler soll sein Gedankentagebuch aus dem Bankfach nehmen und aufschreiben, was ihm einfällt.

 

   Krieg im Klassenzimmer

 

   Die Pädagogin hat den Anschlag und damit die Folgen von Radikalismus nicht gleich nach dem Attentat in Paris zum Thema gemacht: „Ich habe selber erst einmal meine Gedanken ordnen müssen.“ Unterrichtsmaterial zum Thema Extremismus gibt es an den (meisten) Schulen nicht. Es existieren zwar Angebote für Weiterbildungen, so hat Hintenaus etwa einen Kurs „Wenn der Krieg ins Klassenzimmer kommt“ besucht. Doch darum müssen sich Lehrer eigenständig kümmern.

 

   Das Land Oberösterreich hat aufgrund der aktuellen Ereignisse schon reagiert. Mit Sommersemester wird ab der siebenten Schulstufe verpflichtend der Schwerpunkt Extremismusprävention eingeführt, kündigte Bildungslandesrätin Doris Hummer an. Das Zentrum für interreligiöses Lernen, Migrationspädagogik und Mehrsprachigkeit an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz wird sowohl für Ausbildung der Lehrer als auch für Unterrichtsmaterial zuständig sein. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek hat 300 entsprechende Workshops an Schulen angeboten.

 

   Barbara Hintenaus hat sich ihre Materialien selbst zusammengestellt. Als sie wenige Tage nach Paris hörte, dass ein Mädchen aus Enns festgenommen worden war, weil es versucht haben soll, sich dem „Islamischen Staat“ (IS) als Braut für Terroristen anzuschließen, sei ihr erst richtig bewusst geworden, „wie nahe das Thema Radikalismus an uns und meiner Schule ist“. Wie sich im Laufe des Vormittags herausstellen sollte, kannten manche an der neuen Mittelschule jene 17-jährige Bosnierin. „Sie war auf der Hauptschule, meine Schwester hat manchmal was mit ihr gemacht“, erzählt ein Bub aus der zweiten Klasse.

 

   „Du sollst nicht töten“

 

   „Meine Eltern haben gesagt, man darf nicht im Namen Allahs töten“, trägt ein muslimischer Schüler aus seinem Gedankentagebuch vor. Nachdem noch andere Einträge vorgelesen sind, beginnt die Lehrerin zu erzählen, was in Paris geschehen ist. Dass zwölf Redakteure erschossen wurden, weil sie Karikaturen gezeichnet haben. Sie holt aus ihrer Tasche verschiedene solcher Zeichnungen heraus. „Warum muss man sich so über Mohammed lustig machen?“, fragt ein Schüler.

 

   Seine Meinung frei äußern zu können, sei „ein wichtiges Recht in unserer Demokratie“, erklärt die Lehrerin. „Und natürlich hast du auch das Recht zu sagen, dass du es nicht gut findest.“ Aber wegen eines Bildes einen Menschen zu töten, „da werden jegliche Grenzen überschritten“, stellt sie klar. In jeder Religion heiße es doch: „Du sollst nicht töten!“

 

   Respekt lautet der diesjährige Schwerpunkt an der neuen Mittelschule. Was dies im (Schul-)Alltag bedeutet, steht auf selbstgestalteten Plakaten, die in den Schulgängen hängen. Ein „ABC der Achtsamkeit“ für ein friedvolles Miteinander, so die Ausgangsüberlegung zum Projekt.

 

   WhatsApp-Gruppe

 

   In der zweiten Klasse redet Hintenaus an diesem Vormittag über würdevollen Umgang und die Verletzung von Grundrechten. Dabei fällt ihr auf, dass ein an sich lebhafter Bub immer ruhiger wird. Es ist der Enkel des Karikaturisten Gerhard Haderer. Die Lehrerin will wissen, wie es ihm geht, seine persönliche Betroffenheit ist ihm anzumerken. „Mein Opa zeichnet auch Karikaturen“, meint er nur recht leise. Ein anderes Kind berichtet, dass sein Vater über WhatsApp einen Witz geschickt bekommen habe, über den er gar nicht lachen konnte. „Warum liegt in der Türkei kein Schnee? Weil sie Ramadan haben.“ Dieses Wortspiel mit dem oberösterreichischen Dialekt („rama dama“ meint „aufräumen tun wir“) kam bei der muslimischen Familie nicht gut an. „Steig aus der WhatsApp-Gruppe aus“, rät die Klasse.

 

   Mittlerweile dreht sich alles um die Frage: Wie gehe ich als Muslim damit um, wenn ich beschimpft werde? Denn auch davon berichten Schüler ihrer Lehrerin. Wenige Tage nach den Morden in Frankreich wurden zwei ihrer muslimischen Schüler – in ihrer ersten Klasse gibt es insgesamt zehn – in der Mittagspause vor einem Lebensmittelgeschäft blöd angemacht. „Na, ihr gehört doch eh alle zum IS“, soll ein deutlich älterer Bursch gesagt haben. In so unterlegenen Situationen rät die Lehrerin zu einer Deeskalations-Strategie: „Mund halten und gehen“ – was die Schüler auch taten. Aber Hintenaus will noch vorfühlen, ob nicht vielleicht doch an der Schule Kinder radikale Überzeugungen haben und diese verbreiten. So spricht sie mit der Klasse über erste mögliche Hinweise. Und hört, dass ein Schüler ein Youtube-Video – „Sei nicht faul, engagiere dich für den Islam“ – weiterverschickt haben soll. Einige versichern, das Video gelöscht zu haben.

 

   Karikaturen zeichnen

 

   Auch in der letzten Schulstunde, bildnerische Erziehung, stellt die Pädagogin „Je suis Charlie“ in den Mittelpunkt. Die Viertklässler zeichnen erste Karikaturen, und es entsteht die Idee, daraus ein Kunstprojekt zu entwickeln. Die Ergebnisse sollen in der Bücherei in Enns ausgestellt werden.

 

 

"Der Standard" vom 28.01.2015                                Seite: 2

Ressort: THEMA

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

1000 Euro Strafe für „Integrationsunwillige“

 

Integrationsminister Kurz will Konsequenzen für Eltern, die nicht kooperieren

 

   Eltern, die den Kontakt mit der Schule verweigern, sollen bis zu 1000 Euro Strafe zahlen. Das hat Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) im Ö1-Morgenjournal gefordert. Wenn die Erziehungsberechtigten mehrmalig die Einladung eines Lehrers zum Gespräch nicht wahrnehmen, dann soll es eine Verwaltungsstrafe setzen. Zudem bleibt es bei seiner Forderung nach Sozialdiensten für „integrationsunwillige“ Schüler.

 

   Schon jetzt werden Eltern im Schulunterrichtsgesetz dazu verpflichtet, „in allen Fragen der Erziehung und des Unterrichts“ eine „möglichst enge Zusammenarbeit“ mit den Lehrern zu pflegen. Konsequenzen, wenn diese Pflicht nicht eingehalten wird, gibt es allerdings keine.

 

   Ob Verwaltungsstrafen eingeführt werden, soll spätestens bei einer Regierungsklausur Ende März entschieden werden, kündigte Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) an. Er unterstützte den Vorschlag von Kurz. Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) sagte, dass der Vorschlag erst mit Vertretern von Eltern, Lehrern und Schülern besprochen werden soll. Faymann: „Ich sehe den Vorschlag, sich in der Schule einzubringen, breiter als die Verwaltungsstrafendiskussion.“

 

   Zu wenig Personal

 

   Für Pflichtschul-Lehrergewerkschafter Paul Kimberger sind Verwaltungsstrafen als letzte Konsequenz eine Möglichkeit. „Dieses Problem gibt es allerdings nicht nur bei Kindern mit Migrationshintergrund“, sagt er im Standard-Gespräch. Wichtiger wären aus seiner Sicht mehr Sozialarbeiter und Schulpsychologen. Ähnlich sieht das Eckhard Quin, Gewerkschafter für AHS-Lehrer. Strafen für Eltern seien nur eine sekundäre Frage. „In anderen Ländern gibt es Sozialarbeiter, an die sich die Lehrer wenden können.“

 

   Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), die offen für Strafen in Härtefällen ist, will Integrationsmaßnahmen in der Arbeitsgruppe zur Bildungsreform behandeln. Dort soll über verpflichtenden Ethikunterricht und Politische Bildung als Schulfach geredet werden.

 

   Die Opposition hält von der Debatte wenig. Die FPÖ befürwortet zwar Strafen, fordert aber mehr Konzentration auf die Zuwanderungspolitik. Die Grüne Alev Korun kritisiert Kurz, der keine Integrationspolitik betreibe, sondern eine ganze Bevölkerungsgruppe anpatze. Die Neos sind gegen „öffentliches Bloßstellen“ von Schülern. (koli)

 

 

"Der Standard" vom 28.01.2015                                Seite: 9

Ressort: Forschung Spezial

 

Tanja Traxler

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Abschied vom schönen Schreiben

 

   Die Abschaffung der Schreibschrift in Finnland hat die Diskussion darüber auch in Österreich entfacht. Welche Bedeutung die Handschrift und ihre Zurückdrängung durch das Tastaturschreiben für die Gehirnentwicklung haben, darüber herrscht in der Wissenschaft Uneinigkeit.

 

   Wien – Wenn sich das Pisa-Musterland bewegt, entfacht das Schuldiskussionen in ganz Europa. Diesmal geht es um eine der ältesten Kulturtechniken des Menschen: das Schreiben. Finnland will die Schreibschrift 2016 aus den Curricula streichen, und überhaupt soll der Computer immer öfter statt der Handschrift bei Schularbeiten verwendet werden.

 

   Die Idee ist nicht neu: Unter Vorreiterschaft der USA wird die Schreibschrift seit rund zehn Jahren zunehmend aus den Schulen verdrängt. Die Common Core Standards, nach denen sich die meisten US-Bundesstaaten richten, sehen vor, dass Schreiben vor allem im Kindergarten und in der ersten Klasse unterrichtet wird – dann rückt das Tastaturschreiben schnell in den Vordergrund.

 

   In der Schweiz und in Deutschland steht es Lehrern frei, Kindern die zusammenhängende Handschrift beizubringen oder nicht. Der finnische Vorstoß hat nun auch die Diskussion darüber in Österreich neu entfacht. Bisher lernen die Schüler in Österreich drei verschiedene Formen der Handschrift: Blockbuchstaben, Druckschrift und die zusammenhängende Schreibschrift.

 

   Zwar gibt es einige wissenschaftliche Arbeiten dazu, wie die Abschaffung der Schreibschrift sich möglicherweise auf Lese- und Lernkompetenz und die Gehirnentwicklung auswirken könnte. Doch unter den Wissenschaftern herrscht darüber Uneinigkeit.

 

   Relativ unumstritten ist die Tatsache, dass die motorische Tätigkeit des Schreibens das Erlernen der Schrift fördert und die Gehirnentwicklung begünstigt. „Wir lernen Inhalte besser, wenn wir sie motorisch integrieren“, sagt Veronika Schöpf, Professorin für Neuroimaging am Institut für Psychologie, Sektion Neuropsychologie/ Neuroimaging an der Uni Graz.

 

   Kultureller Verlust

 

   Wo sich die Geister scheiden, ist jene Frage, ob das Tastaturschreiben dafür ausreicht oder das Handschreiben vorzuziehen ist. Schöpf geht davon aus, dass das Tastaturschreiben für die Gehirnentwicklung ebenso förderlich ist wie das Schreiben auf Papier. Die Abschaffung der Schreibschrift würde sie zwar als „kulturellen Verlust“ empfinden – allerdings ohne negative Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung.

 

   Andere Wissenschafter vertreten hingegen die These, dass das Schreiben besser erlernt wird, wenn auch die Feinmotorik gefordert ist – das handschriftliche Schreiben sei daher immer noch am besten. Eine der bekanntesten Studien dazu stammt von Karin James, Psychologieprofessorin an der Indiana University. 2012 führte sie ein Experiment mit Kindern durch, die noch nicht lesen und schreiben gelernt hatten. Den Kindern wurden Buchstaben gezeigt, die sie auf drei verschiedene Weisen reproduzieren sollten: Eine Gruppe sollte das Bild auf einer gepunkteten Umrisslinie nachzeichnen, die zweite auf ein weißes Blatt Papier malen, die dritte per Computertastatur eingeben.

 

   Als James Gehirnscans der Testpersonen anfertigte, zeigte sich, dass bei den Kindern der zweiten Gruppe, die die Buchstaben frei Hand nachzeichneten, wesentlich mehr Aktivität in einer Gehirnregion zu sehen war, die auch bei Erwachsenen beim Schreiben und Lesen aktiv ist.

 

   Die Studie wird daher gern als Indiz dafür gelesen, dass die Handschrift dem Tastaturschreiben vorzuziehen ist, negative Auswirkungen durch eine Abschaffung der Schreibschrift sind daraus aber nicht abzulesen.

 

   Nur wenige Wissenschafter gehen sogar so weit zu sagen, dass die zusammenhängende Schrift einen Sonderstatus einnehme und ihre Abschaffung sich nachteilig auf die Gehirnentwicklung auswirke. Der prominenteste Vertreter dieser These ist wohl der kanadische Psychiater und Experte für Neuroplastizität Norman Doidge.

 

   Esoterische Theorie

 

   Spricht man europäische Schreibforscher auf die These des internationalen Bestsellerautors an, wird sie nicht selten als „esoterisch“ abgetan. Stoff für Diskussion bietet sie allemal: Doidge argumentiert, dass die Schreibschrift anders als die Druckschrift die Buchstaben in einmaliger Weise verbindet, wodurch die Teile im Gehirn mehr gefordert sind, die symbolische Sequenzen in motorische Bewegungen übersetzen. Das Fazit daraus: Die Schreibschrift muss bleiben.

 

   Doidge stützt sich in seiner Argumentation auf den kanadischen Neuromediziner Jason Barton von der University of British Columbia. Er analysierte in medizinischen Studien, wie und in welchen Gehirnregionen Text verarbeitet wird. Zwar ist das Lesen eines Textes hauptsächlich eine Aktivität, die der linken Gehirnhälfte zukommt. Allerdings ist es möglich, Text jenseits der Identifikation von Worten und Buchstaben zu verarbeiten. Dabei spielen Schriftart und Handschrift eine Rolle – und hierbei kommt nach Barton die rechte Gehirnhälfte ins Spiel.

 

   Schreibschrift fördert Lesen

 

   So legen die Studien zwar nahe, dass die Schreibschrift Auswirkungen auf die Lesekompetenz haben könnte – wie sich die Abschaffung im Detail auf die Gehirnentwicklung auswirken könnte, bleibt aber unklar.

 

   Auch ein Forschungsprojekt in Österreich hat die Bedeutung der Handschrift zum Thema: Um Wahrnehmung und Gebrauch von Schrift und Geschriebenem von Volksschulkindern geht es in dem Projekt „My Literacies“, das vom Wissenschaftsministerium im Rahmen des Schulprogramms Sparkling Science finanziert und von der Sprachwissenschafterin Nadja Kerschhofer-Puhalo geleitet wird. Aus anderen Projekten weiß man, dass Kinder in den ersten Schuljahren das Lernen der Schreibschrift, als „sehr mühsam“ empfinden. Ist es also gut, die Schreibschrift abzuschaffen? Die an der Uni Wien tätige Wissenschafterin verneint. „Schreiben am Computer ist für Kinder sehr attraktiv. Dennoch ist das Schreiben mit der Hand – egal ob in Druckschrift oder einer Verbundschrift – förderlich für die Entwicklung von Lese- und Schreibfertigkeiten.“ Allerdings zeigen die ihr bekannten Studien hier keinen Unterschied zwischen dem Schreiben in Druckschrift oder einer Schreibschrift.

 

   So umstritten die Abschaffung der Schreibschrift für die Gehirnentwicklung und Lesekompetenz aus wissenschaftlicher Sicht sind, so klar scheinen ihre wirtschaftlichen Auswirkungen. Jede Schulreform bringt ökonomische Vorteile für die einen und Nachteile für die anderen. So soll sich bei einer Schreibschriftreform in den 1970er-Jahren in Deutschland der Schreibwarenhersteller Pelikan damit gebrüstet haben, die neue Schrift mitentwickelt zu haben.

 

   Wenn nun die Handschrift zugunsten des Tastaturschreibens vermehrt in den Schulen zurückgedrängt wird, dürfen sich die IT-Unternehmen freilich freuen, und es darf kaum überraschen, dass aktuell der Schreibwarenhersteller Stabilo in einer Presseaussendung vom 14. Jänner vor der Zurückdrängung der Handschrift warnt: Unter Berufung auf das deutsche Schreibmotorik-Institut und auf eine Studie der Princeton University, wird auf die „entscheidende Rolle“ der Handschrift für das Lernen hingewiesen.

 

   Daniel Spielmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schreibzentrum der Goethe-Uni in Frankfurt am Main, plädiert dafür, die Medialität des Schreibens nicht überzubewerten. „Wichtig ist, dass die Leute überhaupt schreiben.“ Notizen machen – egal ob am Computer oder auf Papier – und sich Zeit nehmen, über das geschriebene Wort zu reflektieren. „Das ist für das Lernen enorm wichtig.“ Und dabei sich und die Welt zu entdecken.

 

   p #mitreden zur Abschaffung der Schreibschrift auf: derStandard.at/Wissenschaft

 

 

Kurier – 28. Jänner 2015

 

Integration: Niessl stellt neue Forderungen.

Politische Bildung als Pflichtfach, Werte als Basis für Staatsbürgerschaft, Heinz Fischer gegen Strafen.

 

 

 

Am Dienstag nach dem Ministerrat: Kanzler Werner Faymann lässt die SPÖ-Landeshauptleute Franz Voves und Hans Niessl abblitzen. Der Kanzler  sieht keinen Bedarf, Strafen für Integrationsunwilligkeit einzuführen. Faymann in Richtung Voves und Niessl: „Jene, die der Meinung sind, dass man etwas verbessern soll, sollen ihre Vorschläge machen.“ Das lässt sich der burgenländische Landeshauptmann nicht zwei Mal sagen. Im Gespräch mit dem KURIER deponiert er ein Bündel von Vorschlägen für die Verbesserung von Integration:

Zweites Kindergartenjahr - soll verpflichtend eingeführt werden.

Ethik & Politische Bildung - sollen Pflichtfächer in der Schule sein. Diese Fächer sollen auch flächendeckend an den Volkshochschulen für Erwachsene angeboten werden. Ziel ist laut Niessl die Werte einer liberalen, demokratischen Gesellschaft zu vermitteln.

Werte für Staatsbürgerschaft - Für die Staatsbürgerschaft sollen in Zukunft nicht nur Kenntnisse von Deutsch und Geschichte, sondern vor allem auch die Werte einer liberalen Gesellschaft im Vordergrund stehen. Niessl nennt den Rechtsstaat, die Meinungsfreiheit, die Stellung der Frau, die Trennung von Staat und Religion.

In den Schulen sollen die weiblichen Lehrkräfte gestärkt werden, sagt Niessl. „Auf Elternabenden, zu denen auch Väter kommen müssen, soll klar gemacht werden, dass Lehrerinnen Anordnungen treffen und dass diese auch von Buben und Männern zu akzeptieren sind“, sagt Niessl. Sollten  Gespräche nicht fruchten, ist Niessl „in letzter Konsequenz“ auch für Strafen. die 1000 Euro Verwaltungsstrafe, die (Integrationsminister Sebastian Kurz vorgeschlagen hat, „gehen ganz in die Richtung, die ich mir vorstelle“, sagt Niessl.

Sowohl Niessl als auch Voves weisen die SPÖ-interne Kritik („rechte Rülpser“) zurück. Beide Landeshauptleute sagen, Integrationsmängel seien auch dadurch entstanden, dass es in der SPÖ immer verpönt war, diese Probleme auszusprechen. Voves sagte zur Kleinen Zeitung, wer das Ansprechen von Integrationsproblemen für „rechte Rülpser“ halte, sei „bescheuert“. Bundespräsident Heinz Fischer machte in der ZiB 2 deutlich, dass er von Strafen für Integrationsunwilligkeit nichts hält. Er bevorzuge „Erziehung und Überredung“.

 

 

Wiener Zeitung – 28. Jänner 2015

 

 

Forum Alpbach

Zwei neue Schulfächer

 

 

 

 

 

 

 

Von Petra Tempfer

 

·         Die deutsche Bildungsexpertin Margret Rasfeld setzt auf die zwei von ihr kreierten Fächer "Herausforderung" und "Verantwortung": In diesen lernen Kinder wirklich für das Leben.

 

 

Wien. An Margret Rasfelds Schule herrscht eine wertschätzende Beziehungskultur, sagt sie, die Basis für das Lernen. Jeder Schüler habe einen Lehrer als persönlichen Tutor, an den er sich mit seinen Problemen wenden kann. Es gibt keine fixen Prüfungstermine, keine Noten, keinen Druck. Und doch "reicht das nicht aus, um die Schüler auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten", sagte Rasfeld Montagabend im Rahmen der "Alpbach Talks" in der Albertina, zu denen das Europäische Forum Alpbach gemeinsam mit der "Wiener Zeitung" und der Bildungs-NGO "jedesK!ND" geladen hatte (die "Wiener Zeitung" hat berichtet).

Der Grundtenor der Veranstaltung: "Wir leben im 21. Jahrhundert, Schule ist aber im 19. Jahrhundert stehengeblieben", sagte Rasfeld im Gespräch mit dem "jedesK!ND"-Bildungsaktivisten Daniel Landau. Um Schüler adäquat vorzubereiten, bietet die Mitbegründerin der Initiative "Schule im Aufbruch" daher an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, die sie leitet, für die 13- bis 15-Jährigen zusätzlich zwei von ihr kreierte Fächer an: "Herausforderung" und "Verantwortung". "Dabei lernen die Schüler, mit der Ungewissheit umzugehen."

Der "krasseste Lernmoment"
Was genau hinter diesen Fächern steckt, ließ Rasfeld bei den "Alpbach Talks" zwei ihrer Schülerinnen selbst erklären. "Das Fach ,Herausforderung‘ zieht sich über drei Wochen Unterrichtszeit pro Jahr. Jeder Schüler hat 150 Euro zur Verfügung und kann damit machen, was er will. Also eine Radtour oder segeln gehen", sagte die 16-jährige Paulina Unfried. Mitschülerin Ivi Kussmaul hatte sich gemeinsam mit anderen Schülern für eine Radtour in Schweden entschieden. Ihr "krassester Lernmoment", wie sie es nennt: "Wir haben uns im Wald verfahren und sind total verzweifelt, weil wir auch keine Smartphones mitnehmen durften. Der Weg, für den wir uns schließlich entschieden haben, war der falsche. Aber ich habe gemerkt: Es ist besser, sich für irgendeinen Weg zu entscheiden - auch wenn es der falsche ist -, als gar nichts zu tun und zu verzweifeln."

Beim Fach "Verantwortung" wiederum geht es darum, eine Aufgabe im Gemeinwesen zu übernehmen. Die 15-jährige Ivi Kussmaul veranstaltete einen Tanzkurs für Grundschüler. "Es war total anstrengend, alle unter Kontrolle zu halten", erzählt sie heute. Und: "Ich habe das Gefühl, wirklich etwas zu leisten, kennengelernt. Das hatte ich beim Satz des Pythagoras nicht."

Die Schule der Zukunft brauche die Wende vom "du sollst" zum "ich kann", so Rasfeld. Weg von der reinen Wissensvermittlung hin zum Erkennen seiner Potenziale. In der 2007 gegründeten Evangelischen Schule Berlin Zentrum werden die Klassen der 13- bis 15-Jährigen in Kleinteams geführt, die sich den Lernstoff selbst erarbeiten. Lehrer unterstützen sie dabei. Sobald sie sich bereit fühlen, machen sie eine Prüfung.

Komplettes System umstellen
So nehme man die Angst aus dem System, sagte Rasfeld. Allein: Wie schafft man die Wende hin zur Schule ohne Angst? Diese Frage dominierte die zahlreichen Wortmeldungen aus dem Publikum der "Alpbach Talks", Rasfelds Antwort war eindeutig: Man müsse sich endlich trauen, das komplette System umzustellen. "Irgendwann muss man mit den alten Mustern brechen."

Die Angst sei es allerdings auch, die viele Eltern dazu veranlasse, ihr Kind eine normale Schule besuchen zu lassen. Die Angst davor, dass es mit dem Bildungsniveau der anderen nicht mithalten kann. Diese ist aber offenbar unbegründet. Denn Rasfelds Schüler absolvieren ebenfalls sämtliche zentrale Prüfungen sowie später die Zentralmatura. Alle bis auf zwei hätten bisher den Abschluss geschafft. In Österreich habe zwar bereits ein Wandel eingesetzt, dieser basiere aber noch immer auf zahlreichen Schulversuchen. Es liege an den inspirierten Schulleitungen, die Initiative zu ergreifen.

 

 

Wiener Zeitung – 28. Jänner 2015

 

 

Alpbach Talks

"So nimmt man die Angst aus dem System"

 

 

 

 

 

 

 

Von Petra Tempfer

 

·         Lernen funktioniert über Beziehung. Margret Rasfeld, Mitbegründerin der Initiative "Schule im Aufbruch", ist überzeugt: Schüler haben kein Lern-, sondern ein Begeisterungsproblem. So sind sie den Anforderungen der Zukunft aber nicht gewachsen.

 

 

Wien. Stoff rein, Wissen raus. Wie Schülern Lernstoff vermittelt wird, ist seit Jahrzehnten gleich. Das Leben aber hat sich verändert. Mit jedem Jahr wächst die Vernetzung - und damit die Herausforderung, eine neue Art der Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen. Der Frontalunterricht in der Schule sei nicht mehr adäquat, um junge Menschen auf diese Zukunft vorzubereiten, sind viele Eltern und Pädagogen überzeugt. Vor diesem Hintergrund lud das Europäische Forum Alpbach gemeinsam mit der "Wiener Zeitung" und in Kooperation mit der Bildungs-NGO "jedesK!ND" am Montagabend zu den "Alpbach Talks" in die Albertina: Margret Rasfeld, Mitbegründerin der Initiative "Schule im Aufbruch" und Direktorin einer Berliner Gemeinschaftsschule, erzählte im Gespräch mit dem "jedesK!ND"-Bildungsaktivisten und AHS-Lehrer Daniel Landau, wie Schulen die Bildungswende schaffen können. Mit der "Wiener Zeitung" sprach sie schon vorab zu dem Thema.

"Wiener Zeitung": Frau Rasfeld, Sie sind Mitbegründerin der Initiative "Schule im Aufbruch". Worin besteht dieser "Aufbruch"?

Margret Rasfeld: Wir wollen Schulen dabei unterstützen, dass Schüler ihre Potenziale entfalten können. Denn dazu sollte Bildung dienen.

Was machen Schulen derzeit falsch?

Es wird zu wenig darauf geachtet, dass Lernen über Beziehung läuft. Jede Information hat eine kognitive Ebene und eine emotionale. Fast alle weiterbildenden Schulen bauen ihre Stundenpläne aber derzeit so, dass sie Beziehung verhindern. In der Volksschule ist es noch ein bisschen anders, weil da ein Klassenlehrer viele Stunden mit unterschiedlichen Fächern in der Klasse ist. Genau dieses Modell sollte man weiterführen: Ein Lehrer, der nur wenige Klassen hat, mit denen er viel Zeit verbringt. Dann ist Beziehung möglich. Und damit Wertschätzung, Anerkennung und Vertrauen zwischen Lehrern und Schülern. Erst wenn man jemanden genau kennt, kann man ihn individuell fördern.

Wie funktioniert das in der Praxis? Kein Lehrer kann sämtliche Fächer beherrschen.

Eine der größten Zukunftskompetenzen ist, mit Heterogenität umgehen zu können. Dazu müssen die Schüler lernen, sich selbst zu organisieren. Bei uns in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, eine Ganztagsschule, gehören daher drei Klassen als Kleinteam aus 13- bis 15-Jährigen zusammen, das sind etwa 75 Schüler. Jede Klasse hat zwei Klassenlehrer, die 19 Stunden pro Woche nur mit ihren Schülern verbringen. Sie halten zum Beispiel einen gemeinsamen Klassenrat ab, bei dem alle ihre Probleme sagen können, oder man geht in einer Doppelstunde Mittagessen. Jeder Schüler hat auch einen Lehrer als persönlichen Tutor. Das Lernen selbst passiert in Form eines offenen Lernformats im Lernbüro. Das bedeutet, die Lernmaterialien für jedes einzelne Fach sind in bestimmten Klassenräumen, in denen auch der Fachlehrer sitzt. Jeder Schüler des Kleinteams entscheidet sich morgens: In welches Fach gehe ich? Wahlfreiheit erhöht maßgeblich die Motivation.

Wie geht man vor, wenn sich ein Schüler täglich nur für Deutsch entscheidet?

Das macht er nicht. Wir haben Kontrollmechanismen, um das im Vorfeld zu verhindern.

Aber wie kann ein Fachlehrer Schüler, die täglich wechseln und unterschiedliche Ansprüche haben, unterrichten?

Für jedes Fach gibt es vier Lernbausteine, die sich die Schüler selbst erarbeiten. Wenn sie Fragen haben, helfen sie einander - und erst, wenn sie gemeinsam auch nicht mehr klarkommen, fragen sie den Lehrer. Er unterstützt sie und steht nicht vorne und zieht den Stoff durch. Den kann jeder Schüler in seinem eigenen Tempo lernen, ohne Konkurrenz zu den Mitschülern. Hausübungen gibt es dabei so gut wie keine.

Gibt es Prüfungstermine, an denen man den Stoff können muss?

Sobald ein Schüler ein Thema erarbeitet hat und sich bereit fühlt, meldet er sich zum Test an.

Und wenn er sich nie bereit fühlt?

Dafür hat er ja seinen Tutor, der sich jede Woche mit ihm trifft. So nimmt man die Angst aus dem System. Das passiert auch dadurch, indem es bis zum Ende der 9. Klasse keine Noten gibt. So lernt der Schüler nicht für die Noten, sondern für sich selbst.

13- bis 15-Jährige stehen mitten in der Pubertät. Ist es in dieser Altersklasse nicht etwas gewagt, sich auf deren Lernwillen zu verlassen?

Ganz im Gegenteil. Gerade für Schüler diesen Alters ist es wichtig, dass sie selbst über ihr Lernverhalten entscheiden können. Im normalen Schulsystem wird ihr Lernwille gebrochen.

Eignet sich jedes Kind für das offene Lernformat? Oder kommt für manche später, wenn sie mit Druck und Konkurrenz am Arbeitsplatz kämpfen, das böse Erwachen?

Jeder Mensch kommt mit einer großen Menge an Kreativität und Gestaltungswillen zur Welt. In normalen Schulen geht das ziemlich schnell verloren. Diese Eigenschaften muss man aber fördern. Dann lernen die Schüler, selbständig zu arbeiten und sich zu organisieren - und genau das ist es, womit man in Zukunft ausgestattet sein muss. Die Welt wird immer komplexer, immer schneller, und man muss oft seine Berufe wechseln. Dafür muss man eine gute psychologische Grundausstattung haben. Ums Lernen kommt man nicht herum - es kommt aber darauf an, wie man es tut.

Was bedeutet das für Österreich?

Ich bin nicht dafür, ein bestehendes System mit Reformen zu überlappen. Man müsste das System von Grund auf ändern. Ich bin sicher, dass man die Eltern davon überzeugen kann. Denn die meisten sind selbst nicht gern in die Schule gegangen.

 

 

"Tiroler Tageszeitung" Nr. 28 vom 28.01.2015                Seite: 12

Ressort: Nachrichten1u2

 

 

Strafen für Problemeltern verschoben

 

   Wien - SPÖ und ÖVP haben die Frage nach mehr Durchgriffsrechten für Lehrer und Sanktionen gegen Eltern, welche die Zusammenarbeit mit der Schule verweigern, verschoben. Diese Frage soll am 22. und 23. März Thema bei einer Regierungsklausur sein, kündigte die Koalitionsspitze gestern an.

 

   Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) hatte vor dem Ministerrat seinen Vorschlag für Verwaltungsstrafen gegen betroffene Eltern präzisiert. Wenn etwa ein Vater trotz Vorladung wiederholt Termine in der Schule nicht wahrnehme, könne er sich eine Verwaltungsstrafe von rund 1000 Euro vorstellen.

 

   Einig waren sich Faymann und Mitterlehner darin, dass sie die strafrechtlichen Bestimmungen in Sachen Integration für ausreichend halten. Missstände, wie Gewalt und Zwangsheirat, würde man nicht unter einem religiösen Deckmantel dulden, auch Anti-Terror-Gesetze habe man beschlossen, betonte Faymann. Wer zusätzliche Verschärfungen wolle, solle diese konkret vorschlagen, so der Kanzler, offenbar an seine wahlkämpfenden Landeshauptleute Hans Niessl und Franz Voves gerichtet: ?Jene, die der Meinung sind, dass man etwas verbessern soll, sollen ihre Vorschläge machen." Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) habe dies bereits gemacht. ?Ich sehe aktuell keinen Grund für eine gesetzliche Änderung", sagte Faymann. Er werde Vorschläge aber prüfen, wenn sie vorliegen. (APA)

 

 

 

ORF – 28. Jänner 2015

 

Integration: SJ Burgenland gegen Strafen

Staatsbürgerschaftsentzug oder Geldstrafen - das sind Vorschläge, wie die Politik mit Menschen, die sich nicht integrieren wollen, umgehen könnte. Die SJ Burgenland spricht sich gegen Strafen und für Integrationsmaßnahmen aus.

Die Debatte rund um das Thema Integration ausgelöst haben der steirische Landeshauptmann Franz Voves und Landeshauptmann Hans Niessl. Beide SPÖ-Politiker sind ja im Wahlkampf, im Burgenland wird im Mai gewählt. SPÖ-Bundesparteichef, Kanzler Werner Faymann, hat die beiden Landeschefs zwar nicht zurückgepfiffen, sieht aber vorerst keinen Bedarf für eine Verschärfung der Gesetze.

Hinweis:

Um das Integrationsthema geht es auch in der der Fernsehsendung „Report“ um 21.05 Uhr in ORF 2. Gast im Studio ist Landeshauptmann Hans Niessl.

Kritik von SJ Burgenland

Kritik kommt nun von der SJ im Burgenland. Die stellvertretende Vorsitzende Silvia Czech spricht sich gegen „populistische Forderungen“ aus. „Die SJ Burgenland war schon immer gegen derartige inhaltliche Annäherungen an die FPÖ war. Wir sind da definitiv dagegen“, sagt Silvia Czech von der Sozialistischen Jugend Burgenland.

„Wir sind auch der Meinung, dass es extrem wichtig ist, da jetzt nicht auf einen Populismus-Zug aufzuspringen, wie ihn die FPÖ heute pflegt, sondern dass man da einfach eine strikte Trennung zur FPÖ beachtet. Und wir müssen darauf achten, unseren persönlichen Werte hochzuhalten und darauf, dass die SPÖ weiter für die Schwachen in der Gesellschaft einsteht und dass kein Wahlkampf auf dem Rücken der Asylwerber und Migranten gemacht wird“, sagt Czech weiter.

Gegen Strafen, für Integrationsmaßnahmen

Außerdem spreche sich die SJ Burgenland gegen Strafen und für Integrationsmaßnahmen aus. „Strafen sind unserer Meinung nach nicht sinnvoll, sie bringen in den wenigsten Fällen irgendwas. Das einzig Sinnvolle ist unserer Meinung nach, flächendeckend Angebote zu schaffen, die die Integration erleichtern, weil das eine Sache ist, die von beiden Seiten kommen muss und nicht nur von einer Seite geschafft werden kann.“

FPÖ-Tschürtz: „SPÖ und ÖVP auf FPÖ-Linie“

Nach der SPÖ sei nun auch die ÖVP auf freiheitliche Linie umgeschwenkt, sagt der burgenländische FPÖ-Chef Johann Tschürtz, nachdem Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) Strafen für integrationsunwillige Schüler und Eltern fordert. Eine Garantie für die Umsetzung dieser Politik, gebe es aber nur von der FPÖ, so Tschürtz.

ÖVP-Sagartz: „Für Kurz-Vorschläge“

Um gegen Extremismus und Radikalisierung von Jugendlichen vorzugehen, befürwortet ÖVP-Bildungssprecher Christian Sagartz die Vorschläge von Integrationsminister Sebastian Kurz. Eine bessere Einbindung von Lehrern und Pädagogen sei eine sinnvolle Präventionsarbeit, sagt Sagartz. Mehr Durchgriffsrechte gegenüber integrationsunwilligen Schülern – also eine Art Sozialdienst am Schulstandort als Sanktion – sowie Verwaltungsstrafen als letzte Maßnahme seien zu begrüßen, sagt Sagartz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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