Mittwoch, 7. Januar 2015

Bildungsnewsletter 7. Jänner 2015 2. Teil


 

APA0092 II, CI, XI 07.01.2015 13:45:14

Studie: Zu wenige Gebärdensprach-Dolmetscher an Schulen

Utl.: Über alle Altersgruppen hinweg hätten 5.000 bis 6.500 zusätzliche Personen potenziellen Bedarf nach ÖGS-Dolmetschleistungen - Bildungserfolg stark von Eigeninitiative abhängig


Eine Bedarfserhebung des Instituts für Höhere Studien (IHS) zeigt einen deutlichen Mangel an Dolmetschern für Gebärdensprache (ÖGS) und beim Einsatz von ÖGS an Schulen. Ob gehörlose Kinder und Jugendliche eine höhere Bildung erreichen, hängt derzeit in erster Linie vom Engagement der Betroffenen, ihrer Eltern sowie von einzelnen Lehrern oder dem Zufall ab.

Wie viele Personen in Österreich insgesamt gehörlos oder schwerhörig sind und ÖGS als Erstsprache nutzen, ist mangels Daten nicht klar. Schätzungen gehen von 8.000 bis 12.000 Betroffenen aus - dem gegenüber stehen allerdings nur rund 100 ÖGS-Dolmetscher. Dieser Mangel an Dolmetschern vor allem mit Kenntnissen des spezifischeren Vokabulars im mittleren und höheren Bildungsbereich wird in Interviews von den Betroffenen in der Studie als massives Problem genannt.

Allein um gehörlosen Schülern dieselben Chancen auf den Besuch der AHS-Oberstufe oder einer berufsbildenden mittleren oder höheren Schule (BMHS) zu geben wie Schülern ohne Behinderung, bräuchte es laut der IHS-Untersuchung (je nach Intensität der Betreuung) zwischen 27 und 86 zusätzliche Dolmetscher. Über alle Altersgruppen hinweg hätten 5.000 bis 6.500 zusätzliche Personen potenziellen Bedarf nach ÖGS-Dolmetschleistungen. Die Politik sei daher gefordert, deren Ausbildung zu fördern und auch entsprechende Stellen zu schaffen, so das Institut in seinen Empfehlungen.

Im Pflichtschulbereich werden nach den unterschiedlichen Definitionen der Landesschulräte rund 1.400 Kinder und Jugendliche (ca. zwei Promille) als gehörlos oder hörbehindert eingestuft. Ob Schülern wegen schlechtem oder fehlendem Hörvermögen sonderpädagogischer Förderbedarf zuerkannt wird und ob sie an einer Sonderschule bzw. eigenen Schulen für Hörbeeinträchtigte (mit manchmal langem Anfahrtsweg oder Internat) oder integrativ unterrichtet werden, ist je nach Bundesland unterschiedlich. Insgesamt wird je die Hälfte an einer Sonderschule bzw. unterstützt von Gebärdensprachpädagogen in einer Klasse mit Kindern ohne Einschränkung beschult.

Internationalen Schätzungen zufolge beherrscht jeder zehnte Gehörlose die Gebärdensprache. An Österreichs Pflichtschulen werden hingegen nur sieben Prozent der Betroffenen gebärdensprachlich orientiert unterrichtet, dabei gibt es eine Bandbreite zwischen drei Prozent in Vorarlberg und Tirol und 29 Prozent im Burgenland.

Der insgesamt gesehen geringe Einsatz von ÖGS an Schulen könnte laut der Studie neben technischen Neuerungen (Cochlea Implantat etc.) auch daran liegen, dass nicht alle gebärdensprachlich orientierten Kinder entsprechend unterrichtet werden, wie zuletzt auch ein Fall aus Kärnten zeigte. Dort wollten Eltern einer gehörlosen HAK-Schülerin erwirken, dass für diese die Gebärdensprache als Unterrichtssprache gilt und sie damit etwa das Recht erhält, Prüfungen per Dolmetsch in ÖGS abzuhalten. Obwohl die ÖGS seit 2005 als eigenständige Sprache anerkannt ist, wurde der Schülerin dies allerdings verwehrt. Landesschulratspräsident Rudolf Altersberger (SPÖ) begründete die Ablehnung in einem Bericht des "Standard" mit dem "gesetzlichen Korsett", das ÖGS nicht als Muttersprache anerkenne und damit einen Sprachentausch nicht ermögliche. Die Schule könne daher nur mit Stützlehrern aushelfen.

Bildung Gehörloser und Schwerhöriger wird der IHS-Untersuchung zufolge außerdem nicht ausreichend gefördert: Der Fonds Soziales Wien etwa gewährt Dolmetschleistungen für Bildungszwecke nur für Unter-35-Jährige und für Weiterbildung gar nicht, die zusätzlichen Kosten bei Höherqualifikation oder beruflicher Umorientierung müssen Gehörlose selbst finanzieren. Insgesamt werden derzeit nur ein Drittel der ÖGS-Dolmetschleistungen für Bildung und Beruf genutzt.

Mangels ausreichender Unterstützung ist der Bildungserfolg gehörloser Menschen der Studie zufolge derzeit stark von Eigeninitiative abhängig: So berichtet im Interview ein Betroffener, dass er nur dank eines zufällig stattfindenden Pilotprojekts einen Lehrplatz in einem "normalen" Betrieb erhalten hat. Ein anderer verließ extra sein Heimatbundesland, um in Wien eine weiterführende Schule mit speziellem Angebot für gehörlose Schüler zu besuchen. Bis an die Hochschulen schaffen es unter den derzeitigen Bedingungen nur wenige: So gibt es derzeit an den Unis rund 30 Studenten, die ÖGS verwenden - zumindest in Wien werden sie über die Initiative "GESTU. gehörlos erfolgreich studieren" seit 2010 durch (Schrift-)Dolmetscher und Tutoren unterstützt, allerdings gibt es auch hier laut der Erhebung zu wenig Unterstützungspersonal.

Die ÖGS sei insgesamt, wie in der Studie kritisiert wird, "in einem Defizitdiskurs gefangen, der an die 'Ausländerpädagogik' der 1960er bis frühen 1980er Jahre erinnert": Da ihr Einsatz im Gegensatz zu Minderheitensprachen nicht gefördert werde, könne sie nicht jene Universalität (z.B. mit für mittlere und höhere Bildung notwendigen Fachausdrücken etc.) entwickeln, dass sie als tatsächliche Erstsprache genutzt werden kann. Außerdem werde, wie bei Migrantensprachen auch, der Einsatz vom ÖGS teils mit dem Argument abgelehnt, dass er "desintegrativ" wirke.

 


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 4 vom 07.01.2015                Seite: 1

„Die Schule darf kein Kind zurücklassen“

   Die Industrie fordert einen „großen Wurf“ in der Pflichtschule. Die Bildungsreformer der Regierung verschieben ersten Termin.

 

   Wien. Die Industriellenvereinigung (IV) fordert in der Bildungsreform eine neue Schule für Sechs- bis 14-Jährige. Im SN-Gespräch betont der Bildungssprecher der IV, Christian Friesl, die Schule müsse einerseits jedes Talent fördern, andererseits aber den Kindern aus bildungsfernen Schichten „eine ausgezeichnete Bildung zukommen lassen“. Ein kleines Land wie Österreich mit geringen Geburtenzahlen könne es sich nicht leisten, „auch nur ein Kind zurückzulassen“.

 

   Vor allem die Bildungsergebnisse am Ende der Pflichtschule müssten besser werden, sagt Friesl. „Seit Jahren zeigen internationale Vergleiche, dass wir hier Defizite haben. Rund ein Fünftel der 15-Jährigen kann nicht ausreichend lesen oder rechnen.“ Der Vorschlag der IV: Direktoren und Pädagogen sollten durchgehend vom sechsten bis zum 14. Lebensjahr ihrer Schüler für diese verantwortlich sein. Dann könnten sich nicht wie bisher Hauptschule oder Gymnasium auf die Volksschule „ausreden“ und umgekehrt.

 

   Die Bildungsreform-Arbeitsgruppe der Regierung kommt indes nicht in Schwung. Der für 16. Jänner geplante Start wurde „wegen Terminkollisionen“ verschoben. Das Auftakttreffen solle aber „jedenfalls noch im Jänner“ stattfinden, hieß es. Seiten 2, 3

 


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 4 vom 07.01.2015                Seite: 2

„Schulreform bitte warten“ ist kein guter Neujahrsstart

   Ministerinnen und Minister sowie Landeshauptleute haben einen vollen Terminkalender. Das ist 2015 nicht anders als 2104.

 

   Trotzdem oder gerade deshalb ist jeder Terminkalender nicht nur eine Frage der Zeit, sondern vor allem eine Frage der Wertigkeit. Die kommt so zum Ausdruck, dass die Bildungsreform-Arbeitsgruppe der Bundesregierung ihren geplanten Auftakttermin vom 16. Jänner verschiebt – wegen Terminkollisionen. Im Klartext heißt das, dass offenbar einer größeren Zahl der betroffenen Damen und Herren andere Termine wichtiger sind als die Bildungsreform.

 

    Oder vielleicht auch nur angenehmer. Denn bei Verhandlungen über die bessere Schule heißt es furchtbar aufpassen, dass man der Gegenseite keinen Erfolg lässt. Ideologie ist Ideologie, und weil die Parteien davon nur mehr wenig haben, wird sie in der Schulpolitik umso größer geschrieben.

 

   Es ist ausgerechnet die Industriellenvereinigung, die sich davon seit Jahrzehnten äußerst positiv abhebt. Ihre Bildungssprecher – lange Jahre Gerhard Riemer, jetzt Christian Friesl – fallen durch ausgesprochen vernünftige und zielorientierte Vorschläge auf.

 


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 4 vom 07.01.2015                Seite: 3

Eine komplett neue Schule

   „Wir können es uns nicht leisten, auch nur ein Kind zurückzulassen“, sagt die Industriellenvereinigung. Wie sehen ihre bildungspolitischen Vorschläge aus?

 

   Andreas Koller Christian Friesl ist der Bildungsexperte der Industriellenvereinigung. Er will eine Neukonzeption des österreichischen Bildungssystems vor allem für die Sechs- bis 14-Jährigen.

 

    Die Industriellenvereinigung fordert eine „Bildungsrevolution“. Das sind ungewohnte Töne seitens einer Unternehmerorganisation. Ist die Situation der Bildung so dramatisch? Friesl: Kleine Änderungen und Reförmchen reichen nicht aus, um das österreichische Bildungswesen auf zeitgemäße Beine zu stellen. Wir sind der Meinung, dass eine Neukonzeption erforderlich ist. Vor allem im Pflichtschulbereich brauchen wir einen großen Wurf.

 

    Wie sollte das ideale Bildungssystem aussehen? In einem Land vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niveau Österreichs, das geprägt ist von geringer Kinderzahl und großer Zuwanderung, muss ein Bildungssystem mehrere Akzente setzen. Es muss auf der einen Seite Talente fördern. Und es muss auf der anderen Seite jenen, die aus bildungsfernen Schichten stammen, die Chance geben, zu einer ausgezeichneten Bildung zu kommen. Denn wir können es uns nicht leisten, auch nur ein Kind zurückzulassen. Das Bildungssystem muss Fertigkeiten vermitteln, die im 21. Jahrhundert für eine gute persönliche und gesellschaftliche Positionierung, aber auch für eine gute Position auf dem Arbeitsmarkt notwendig sind. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern legen wir zu wenig Wert auf Berufsorientierung. Daher finden so manche Kinder nicht den für sie geeigneten Schultyp. Wie kann dieser Anspruch umgesetzt werden? Wir denken, dass vor allem die Bildungsergebnisse am Ende der Pflichtschulzeit verbessert werden müssen. Seit Jahren zeigen die internationalen Vergleichsstandards, dass wir hier Defizite haben. Rund ein Fünftel der Jugendlichen mit 15 kann nicht ausreichend lesen oder rechnen. Wir brauchen mehr Qualität, mehr Autonomie und mehr Verantwortung im Schulbereich. Was heißt das konkret? Laut unserem Konzept sollen die Pädagoginnen und Pädagogen, die Direktorinnen und Direktoren eine längere Phase hindurch für die Bildung der Kinder Verantwortung übernehmen. Nämlich von sechs Jahren bis zum Abschluss der mittleren Reife, die in der Regel mit 14 Jahren stattfinden wird. So können wir die Hürden vermeiden, die sich heute beim Wechsel von einer Schule in die andere vor den Kindern aufbauen. Beispielsweise von der Volksschule ins Gymnasium. Der heute übliche Schulwechsel nach vier Jahren führt auch dazu, dass immer wieder die Verantwortung für die Bildungslaufbahn der Kinder abgeschoben werden kann. Das wäre anders, wenn die Kinder während der gesamten Pflichtschullaufbahn von sechs bis 14 Jahren in nur einer Schule sind.

 

    Dabei handelt es sich wohl um eine gemeinsame Schule, um nicht das Wort „Gesamtschule“ in den Mund zu nehmen? Es ist eine nach innen differenzierte gemeinsame Schule von sechs bis 14. Das hat aber nichts mit dem klassischen Bild der Gesamtschule von Anfang des 20. Jahrhunderts zu tun. Wir denken an eine komplett neue Schule. Es ist machbar und entspricht auch einer modernen Gesellschaft, die Talente zu erkennen, Spitzen zu fördern und auch jene ins System zu holen, die bisher weniger Bildungschancen hatten. Wie soll das funktionieren? Wir stellen uns eine Schule vor, die nicht mehr die Logik hat, eine Klasse nach der anderen zu absolvieren. Sondern wir denken an jahrgangsübergreifende Gruppen und an individualisierten Unterricht. Wir haben für diese acht Jahre drei Lernphasen im Kopf. In der ersten Phase soll es um die Grundkompetenzen gehen. In der zweiten wird die fachliche Ausbildung großgeschrieben. In der dritten wird die fachliche Bildung ausgebaut, gleichzeitig findet eine Berufsorientierung statt. Ziel ist, dass ein 14-Jähriger mit besseren Leistungen dasteht als heute. Was meinten Sie mit dem Schlagwort „Autonomie“? Dass sich die Direktoren ihre Lehrer aussuchen dürfen? Unsere Vorstellung von Autonomie geht viel weiter. Die Schule, die wir vorschlagen, müsste eine gewisse kritische Größe überschreiten. Derzeit haben wir in Österreich viele Klein- und Kleinstschulen. Die sind nicht nur extreme Kostentreiber, die das Schulsystem teuer machen. Kleinschulen haben auch nicht ausreichend Zugang zu Ressourcen, die ein modernes Bildungssystem anbieten muss. Man kann nicht für jede kleine Schule unterschiedliche pädagogische Qualifikationen, Unterstützungspersonal, Sprachlehrerinnen und -lehrer anbieten, das lässt sich kaum organisieren und schon gar nicht finanzieren. Wie sieht Ihre Schule aus? Wir glauben, dass Schulen eine Größe von mindestens 250 oder 300 Schülerinnen und Schülern haben sollen. Derartige Schulen könnten entstehen, indem mehrere Kleinschulen zusammenwachsen. Autonomie heißt: Der Bund gibt die Bildungsziele vor. Das Wie sollen die Schulen selbst, die Pädagoginnen und Pädagogen bestimmen. Wir möchten die Schule den Lehrerinnen und Lehrern zurückgeben. Durch diese Autonomie werden viele unterschiedliche, bunte Schulen entstehen, die ihr eigenes Profil, ihre eigene Charakteristik, ihre eigenen Schwerpunkte haben. Bedeutet Ihr Konzept das Ende des Gymnasiums? Unsere neue Schule ist auch im Gymnasium und mit dem Gymnasium denkbar. Unser Konzept sieht vor, dass ein Gymnasium eine Volksschule gewinnen müsste, um diese neue Schule abbilden zu können. Im Idealfall könnte sogar eine Schule von sechs bis 18 entstehen.

 

   Zur Person: Christian Friesl Der habilitierte Pastoraltheologe Christian Friesl, Jahrgang 1960, war lange Jahre Präsident der Katholischen Aktion. Er leitet die Abteilung Bildung und Gesellschaft in der Industriellenvereinigung (IV). In dieser Eigenschaft war er federführend an der Erarbeitung des neuen IV-Bildungskonzepts („Beste Bildung für Österreichs Zukunft“) beteiligt, das im November vorgestellt wurde.

 


 

Mit freundschaftlichen Grüßen

 

Kurt Schober

Klubsekretär

SPÖ-Parlamentsklub

01/40110-3569

0664 / 44 45 005

kurt.schober@spoe.at

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