Dienstag, 24. Februar 2015

2015.02.25: Newsletter Bildung

Die Presse – 25. Februar 2015

 

 

Misstrauensantrag gegen Ministerin Heinisch-Hosek

Die Bildungsministerin wird wegen der Zentralmaturascharf kritisiert. Nun kommt ein Grüner Misstrauensantrag - außer sie geht auf einen Kompromiss ein.

Die Grünen haben für die morgige Nationalratssitzung einen Misstrauensantrag gegen Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) aufgrund der Probleme bei der neuen Matura angekündigt. Allerdings gibt es laut dem stellvertretenden Klubobmann Werner Kogler hierzu ein "Kompromissangebot".

Sollte die Ministerin den von den Grünen geforderten "Notfallplan" - dieser sieht die Einbeziehung der Noten der achten Klasse für die Matura-Bewertung vor - umsetzen, werde man vom Misstrauensantrag Abstand nehmen, so Kogler. Er ortet bei Heinisch-Hosek dazu Gesprächsbereitschaft.

Die Ministerin steht wegen der vielen Pannen bei der Zentralmatura in der Kritik. Erst kürzlich sagte sie, sie denke aber nicht daran zurückzutreten. Sie solle dabei sein, wenn die zentrale Reifeprüfung über die Bühne gehe, da dies ein "großartiges Projekt" sei.

 

 

Die Presse – 25. Februar 2015

 

 

Geld vom Bund: UN-Schule profitiert von „Trick“

Die Vienna International School selbst bekommt zwar kein Geld mehr von Österreich. Die Förderung fließt nun an (und damit wohl über) die UNO.

Es ist wohl die einzige Schule Österreichs, um deren künftige Finanzierung sich UN-Generalsekretär Ban Ki-moon schon einmal Sorgen gemacht hat: die Vienna International School (VIS) in Wien Donaustadt. Sie wurde im Jahr 1978 als Schule für Kinder der UN-Bediensteten errichtet. Österreich verpflichtete sich damals zur Finanzierung. Doch die wackelte zuletzt massiv. Nun scheint eine geschickte Regelung für den weiteren großzügigen Geldfluss gefunden worden zu sein.

Ende Juli 2014 lief der Vertrag zwischen Republik und Schule und damit die geregelte Finanzierung aus. Davor überwies das Bildungsministerium der Privatschule jährlich rund fünf Millionen Euro. Miete zahlte die Vienna International School keine. Die üppigen Förderung sorgten in der letzten Zeit immer wieder für Kritik: Anders als in den 1970er-Jahren gebe es heute schon mehrere vergleichbare internationale Schulen derselben Qualität – wie etwa die Danube International School, moniert etwa der grüne Bildungssprecher, Harald Walser. An der Danube International School stammt jedes dritte Kind aus dem Kreis des UN-Personals oder aus Diplomatenfamilien. An der staatlich geförderten Vienna International School sind es 40 Prozent. Eine „nicht akzeptable Bevorzugung“ nennt das Walser.

„Der Trick ist nicht schlecht“

Möglicherweise ist diese einseitige staatliche Förderung auch tatsächlich rechtlich schwierig. Sie könnte gegen das EU-Beihilfenrecht verstoßen. Denn aus staatlichen Mitteln gewährte Beihilfen, die bestimmte Unternehmen begünstigen, sind laut diesem verboten.

„Das könnte unter Umständen auch auf diesen Fall zutreffen“, sagt Europarechtler Walter Obwexer zur „Presse“. Die Schule könnte hier als Unternehmen gesehen werden. Immerhin handle es sich um eine kostenpflichtige Privatschule, es gebe Konkurrenz und damit die Gefahr einer Verzerrung des Marktes, sagt Obwexer. Vermutlich deshalb hat sich das Außenministerium, dessen Beamte noch verhandeln, eine durchaus geschickte Lösung einfallen lassen. Wie nun bekannt wurde, wird es keinen Vertrag mehr mit der Vienna International School selbst geben, sondern ein „völkerrechtliches Abkommen“ mit den Vereinten Nationen in Wien.

Die UNO-Organisationen in Wien sollen laut Außenministerium „einen jährlichen Bildungsbeitrag (. . .) zur Gewährleistung eines angemessenen Schulplatzes für Kinder ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ bekommen. Das geht aus der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage durch Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) hervor. „Mit diesem Bildungsbeitrag können die UNO-Organisationen machen, was sie wollen“, heißt es aus dem Ministerium.

Ob das Geld eins zu eins an die Vienna International School gehe, liege also nicht im Ermessen des Ressorts. „Politisch ist den Verantwortlichen damit etwas gelungen. Der Trick, der hier angewandt wird, ist nicht schlecht. Doch damit wird die Ungleichbehandlung der Schulen weiter einzementiert“, meint der grüne Bildungssprecher Walser, der die Anfrage gestellt hat.

Miete wird nicht verlangt

Wie hoch der Bildungsbeitrag an die UNO-Organisationen sein soll, wollte das Ministerium auf Anfrage der „Presse“ nicht sagen. Immerhin seien die Verhandlungen noch am Laufen. Fest steht aber, dass das nicht die einzige Spende für die VIS bleiben wird: In einer parlamentarischen Anfragebeantwortung durch Uni-Minister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) heißt es nämlich: „Es ist vorgesehen, die Liegenschaft weiterhin unentgeltlich für die Nutzung durch die Internationale Schule bereitzustellen.“

 

 

KLZ – 25. Februar 2015

 

Hürdenlauf zur täglichen Turnstunde

Täglicher Schulsport ist ab dem nächsten Schuljahr fix, wenn auch nur in Ganztagsschulen. In der Steiermark werden ab dem Herbst rund 11.000 Kinder mehr sporteln. Externe Trainer werden an Schulen geholt.

Jetzt kommt sie wirklich, die häufig diskutierte und von vielen Seiten geforderte tägliche Turnstunde. Vorerst allerdings nur in Ganztagsschulen und in abgeschwächter Form – als tägliche Bewegungseinheit. Das wird heute in der Plenarsitzung des Nationalrats beschlossen. „Die Bundesregierung investiert dafür bis 2018 insgesamt 800 Millionen Euro. Im Schuljahr 2018/19 soll für jedes dritte Kind ein Ganztagsschulplatz verfügbar sein“, so Bildungsministerin Gabriele Heinisch Hosek.
Wirklich täglich turnen werden ab dem Herbst in der Steiermark allerdings nur rund 11.000 von 76.000 Pflichtschülern, die sich in ganztägigen Schulformen befinden. Vorgesehen sind fünf Bewegungseinheiten pro Woche, wobei die Stunden auch geblockt werden können.
Umgesetzt wird die Bewegungseinheit im Freizeitteil der Ganztagsschule. Dabei dürfen die Schulen autonom festlegen, wie viel Zeit für Lernen und für Freizeit verplant wird.

„Als ersten Ansatz, mehr Bewegung in die Schulen zu bringen“, sieht die Fachinspektorin des steirischen Landeschulrats Christa Horn den Beschluss positiv. „Eine tägliche Turnstunde wäre auch nicht umsetzbar.“ An vielen Schulen scheitere es bereits aus Platzgründen. Vor allem im städtischen Raum müssen sich Schulen häufig Turnhallen teilen. Das bestätigt auch Franz Pressler, Direktor des BRG Körösi. „Die Hallenkapazitäten der Schulen in Graz sind sehr beschränkt.“ Pressler glaubt aber an eine Durchführbarkeit.

Gesetz zur Praxis

Wie es gehen kann, wird schon seit längerem an der Dr. Franz Jonas Volksschule in Kapfenberg (mit sechs Ganztangsklassen) gezeigt. „Wir sind dahin gehend gut aufgestellt, gehen walken in die Au und Bewegung ist täglich in den Unterricht integriert. Zusätzlich werden im Freizeitteil des Unterrichts Yoga und Tanzen angeboten“, so die Direktorin Christina Fruhwirth. „Das Gesetz stellt für unsere Schule keine Neuerung dar, es ist eher das Gesetz zur Praxis.“ Aber auch hier wünscht man sich eine flexiblere Lösung für den Turnsaal, denn den teilt sich die Schule unter anderem mit der Basketballmannschaft der Kapfenberg Bulls.

Bewegungscoach

Schulen werden mit dem neuen Gesetz auch für Vereine geöffnet, denn künftig dürfen nicht mehr nur Freitzeitpädagogen die Schüler im Freizeitteil betreuen, sondern auch Sporttrainer. An den Pädagogischen Hochschulen soll es dazu eine Ausbildung zum „Bewegungscoach“ geben.
Die Österreichische Bundessportorganisation, die die tägliche Turnstunde seit langem intensiv forderte, sieht im Gesetz „den ersten wichtigen Schritt in die richtige Richtung“, so Barbara Spindler. Man erhoffe sich auch eine leichtere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Sportvereinen. Im Bildungsministerium erwartet man sich hingegen mehr Vielfalt: „Durch die Öffnung für Sportvereine wird das Angebot für Schülerinnen und Schüler wesentlich breiter und attraktiver“, so die Bildungsministerin Heinisch Hosek.


Scharfe Kritik erntet die Ministerin vonseiten der FPÖ. Die Jugend- und Sportsprecherin Petra Steger sprach in diesem Zusammenhang von einer „Mogelpackung“. „Wie die tägliche Turnstunde an allen anderen Schulformen, aber auch in Kindergärten umgesetzt werden solle, bleibt weiterhin ungeklärt.“

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 46 vom 25.02.2015               Seite: 3

Ressort: Hintergrund/Seite 3

 

Österreich

 

Die sechs Kommunikationsfehlerin der Schule

 

   Zwischen sinnlosen Ideologiedebatten und plumpen Verallgemeinerungen: Woran die Schulpolitik krankt.

 

   Alle reden über Schule. Doch irgendetwas läuft schief. Sehr sogar. Momentan sind es Ängste und Hoppalas bei der Zentralmatura, die Zweifel am österreichischen Schulwesen schüren. In Wahrheit ist die Geschichte länger: PISA-Studie & Co. als Endlosdebatte.

 

   Weil wir in einer Mediendemokratie Probleme personalisieren, wird in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten die jeweilige Unterrichtsministerin als Dolm dargestellt. Dieses ungerechte Schicksal erlitten gleichermaßen Elisabeth Gehrer, Claudia Schmied und Gabriele Heinisch-Hosek. Erstgenannte wurde als „Strickliesl“ verunglimpft, die Letztgenannte im Internet mit widerlichsten Beschimpfungen unter der Gürtellinie und Morddrohungen konfrontiert. Wer nicht die Erregung als solche erregend findet, sollte deshalb schulpolitische Themen besonders ruhig und sachlich diskutieren. Viel wäre erreicht, wenn alle Beteiligten banale Kommunikationsfehler und politisch-mediale Fallen vermeiden.1. Das Spiel mit Emotionen Österreich hat 1.142.726 Schüler. Diese haben naturgemäß rund 2,3 Millionen Eltern. Hinzu kommt das Doppelte an Omas und Opas, die sich um die Zukunft der Enkelkinder sorgen. Wer kinderlos ist, war einmal in der Schule und weiß sowieso alles besser. Rund 70 Prozent der Österreicher bezeichneten Bildungs- und Schulpolitik als von ihnen diskutiertes Thema.

 

   Weil Millionen betroffen sind, geraten Parteien und Medien in Versuchung: Es ist verlockend, schulische Themen in Wählerstimmen und Reichweiten oder Quoten umzurechnen und sie entsprechend populistisch aufzubereiten.2. Schlechte statt gute Nachrichten Am Ende eines Schuljahres wird daher meistens über jene gesprochen, die einen Fünfer haben. 95 bis 97 Prozent der Schüler, die erfolgreich waren, sind fast kein Thema. Wen wundert es, dass da das Wort „Nicht genügend“ hängen bleibt?

 

   Gerade die (Zentral-)Matura ist Teil einer sensationellen Erfolgsgeschichte. 1980 hatte in einzelnen Bundesländern fast die Hälfte der Erwachsenen lediglich die Pflichtschule besucht. Heute maturieren bis zu zwei Drittel und mehr. Statt darauf hinzuweisen, wird lustvoll das misslungene Hochladen der Maturaarbeiten zelebriert, und dass es zu viele Stunden, zu wenig Geld und immer mehr Belastungen gibt.3. Schuldzuweisungen als Volkssport Auf dem traurigen Höhepunkt der Bildungsstudie PISA über geringe Kenntnisse und Fähigkeiten der 15-Jährigen ging es allein darum, wer schuld ist. Je nach Standpunkt Schuld hatten SPÖ, ÖVP und FPÖ. Oder die Schüler, Lehrer beziehungsweise Eltern. Die Ewiggestrigen und die Jugend von heute auch.

 

   Alles und jeder bis hin zu Gameboy und ORF-Sportreportern waren schuldig. Vielleicht auch ÖAAB und ÖAMTC, FSG und FIFA, FPK und FKK, NSDAP und NGO oder USA und UNO. Am Niveau, jenseits von Lösungsideen vorzugweise Schuldige zu finden, hat sich wenig geändert. So entsteht kein Gesprächsklima, in dem aus Fehlern gelernt und Veränderung in die Wege geleitet wird. Alle sind gezwungen, den populären Sport der Schuldzuweisung mitzumachen. Sowohl für Politiker als auch für Lehrer ist das Risiko groß, ansonsten in den Medien als Verantwortliche übrig zu bleiben.4. Ideologiestreit und verkrustete Strukturen Nicht unterschätzen darf man zwei weitere Gründe, Standpunkte einzubetonieren. Einerseits geht es beim Schulunterricht um ideologische Grundsätze. Gesamtschule oder nicht, das ist für SPÖ und ÖVP eine Weltanschauung. Dasselbe gilt für die Frage, ob die Beseitigung von ungleichen Bildungschancen (SPÖ) oder die Leistungsförderung und -motivation (ÖVP) im Mittelpunkt steht. Jedes Einlenken wird als Abkehr von der Gesinnungsgemeinschaft interpretiert. Folgerichtig sind Kompromisschancen gering.

 

   Reformen lösen zudem Sorgen aus, danach schlechtergestellt zu sein als vorher. Das verfestigt bestehende Strukturen und vereint Lehrer und Eltern. Die einen wollen dienstrechtlich keine Nachteile, die anderen keine Experimente auf dem Rücken der Sprösslinge. Für ängstliche Menschen ist es das kleinere Übel, wenn alles beim Alten bleibt. Ministerinnen können nur machen, was der kleinste gemeinsame Nenner ist. Der Strukturkonservativismus überlebt alle Politiker und Parteien im Unterrichtsressort.5. Negativität und Naivität Lehrer – gemeint sind primär Lehrergewerkschafter – betonen außerdem zu sehr die Schattenseiten ihres Berufs. Sie leiden unter Zwischenrufen von allen Seiten, sich scheinbar von Gott und der Welt verkannt fühlend. Oft zu Recht. Trotzdem ist es falsch, umgekehrt mit Weltfremdheit zu reagieren – selbst wenn Interessenvertreter für die Anliegen der Berufsgruppe kämpfen, würde mehr Verständnis nicht schaden, was wie in der breiten Öffentlichkeit ankommt.

 

   Wer unterrichtet, leistet gute und wichtige Arbeit, ist ordentlich zu bezahlen und hat zumutbare Arbeitsbedingungen vorzufinden. Dennoch verstehen eine Verkäuferin oder ein Bauarbeiter manche Beschwerden der Lehrer nicht. Ja, es ist dumm, schul- und unterrichtsfreie Zeit oder Ferien und Urlaub gleichzusetzen. Gibt es solche Unterstellungen dennoch, schimpfen Lehrer auf „die bösen anderen“. Ein Teil der Lehrerschaft sollte hier ihr Kommunikationsverhalten überdenken.

 

   Die öffentliche Meinung rottet sich nicht zusammen, um Gemeinheiten gegen Lehrer auszuhecken. Man müsste einfach statt der Negativität das Schöne am Beruf und die tollen Leistungen schlauer erklären als bisher. Es ist naiv zu glauben, dass Zeitungsleser sich für die Zahl der Schreibtische im Lehrerzimmer, mühsame Verwaltungsaufgaben oder Details des Gehaltsschemas interessieren. Wehklagen darüber verhindert eine Positivkommunikation darüber, was alles für die Schüler getan wird.6. Verallgemeinerung statt Differenzierung Von den 125.011 Lehrern unterrichtet übrigens die mit Abstand größte Zahl in Volksschulen, wo das Lehrerimage am besten ist. Dahinter kommen Hauptschulen, und an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) – Handelsakademien, HTL und dergleichen – sind es knapp mehr als an Gymnasien. Doch werden Medieninhalte und Image von allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) und AHS-Lehrern geprägt.

 

   Damit verzichten Schulen ungewollt auf Tausende Einzelgeschichten aus ihrem Alltag, die sehr speziell, total spannend und erfreulich wären. Die Kommunikationsempfehlungen für die Schule lassen sich simpel zusammenfassen: Erzählt jeden Tag, was Gutes gemacht wird. Es gibt mehr als genug davon.Peter Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft an den Universitäten Krems und Graz.

 

 

 

Der Standard – 25. Februar 2015

 

 

Grüner Misstrauensantrag gegen Bildungsministerin Heinisch-Hosek

Kompromissangebot zu Problemen bei Zentralmatura

Wien - Die Grünen haben für die morgige Nationalratssitzung einen Misstrauensantrag gegen Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) aufgrund der Probleme bei der neuen Matura angekündigt. Allerdings gibt es laut dem stellvertretenden Klubobmann Werner Kogler hierzu ein "Kompromissangebot".

Sollte die Ministerin den von den Grünen geforderten "Notfallplan" - dieser sieht die Einbeziehung der Noten der 8. Klasse für die Matura-Bewertung vor - umsetzen, werde man vom Misstrauensantrag Abstand nehmen, so Kogler. Er ortet bei Heinisch-Hosek dazu Gesprächsbereitschaft.

Kein Notfallplan

Im Unterrichtsministerium kann man die Einschätzung Koglers für einen "Notfallplan" für die Matura nicht nachvollziehen. "Wir haben darüber nicht gesprochen", hieß es. "Das war kein Thema."

Auch in der Sache selbst zeigte man sich reserviert. In Österreich erhielten die Schüler an AHS, BHS und ähnlichen Schulformen ihre Studienberechtigung durch die positive Ablegung von Abschlussprüfungen. Nirgendwo werde die Note der Abschlussklasse mit einbezogen - eine Ausnahme davon wäre ein "Systembruch".

 

 

"Der Standard" vom 25.02.2015                               Seite: 14

Ressort: Forschung Spezial

 

INTERVIEW: Lisa Breit: Johann Bacher (55) ist Professor für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Johannes-Kepler-Universität Linz. Dort forscht er über Bildung und jugendsoziologischen Themen. F.: Altreiter

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Problemschulen sollten mehr Geld bekommen“

 

   Soziologe Johann Bacher untersuchte die Situation von Jugendlichen, die weder in Ausbildung sind noch arbeiten. Bildung bestimmt das Risiko für Ausgrenzung. Die Ganztagsschule könnte Abhilfe schaffen.

 

   Standard: Europaweit sind Arbeitslosigkeit und mangelnde Perspektiven unter Jugendlichen in den letzten Jahren zu einem großen Problem geworden. Die Wissenschaft hat in diesem Kontext den Begriff Neet, der für „not in education, employment or training“ steht, geprägt – wie kam es dazu?

 

   Johann Bacher: Der Indikator Neet dient dazu, jene Jugendlichen zu erfassen, die ausgrenzungsgefährdet sind – die nicht in die Schule gehen und nicht berufstätig sind. In Großbritannien stieg die Jugendarbeitslosigkeit in den 80ern rasant an. Die Betroffenen meldeten sich jedoch nicht mehr arbeitslos. Um sie zu erfassen, wurde Anfang der 90er-Jahre erstmals der Begriff Neet eingesetzt. Um 2000 wurde er in Japan aufgegriffen, wo wirtschaftliche Schwierigkeiten die Jugendarbeitslosigkeit ansteigen ließen. Da die Arbeitslosenrate nur einen Teil des Problems erfasst, bedienen wir uns in Österreich seit 2010 des Neet-Indikators. Eine wissenschaftliche Beschreibung des Phänomens ist Voraussetzung dafür, es politisch in den Griff zu bekommen.

 

   Standard: Österreich gilt, nicht zuletzt wegen der dualen Ausbildung in der Lehre, als Positiv-Beispiel – hierzulande gibt es vergleichsweise wenige Neets. Haben wir denn überhaupt ein Problem?

 

   Bacher: Im internationalen Vergleich schneidet Österreich gut ab: Wir haben derzeit rund 75.000 Jugendliche, die weder arbeiten noch zur Schule gehen. Nicht alle sind von Ausgrenzung gefährdet. Zehn Prozent befinden sich in Warteposition, wie Maturanten. Die Gruppe der Neet-Jugendlichen ist klein – und sehr heterogen. Umgekehrt gibt es ausgrenzungsgefährdete Jugendliche, die der Neet-Indikator nicht erfasst, wie prekär beschäftigte Jugendliche.

 

   Standard: Wie gelingt es, diese vielschichtige Gruppe zu beschreiben?

 

   Bacher: Wir haben sieben verschiedene Neet-Gruppen identifiziert. Darunter sind: Jugendliche mit psychischen Beeinträchtigungen, junge Mütter mit Betreuungspflichten, Migranten und Lehrabsolventen am Land, die keine Anstellung finden. Die Hauptursache dafür ist eine geringe Bildung.

 

   Standard: … die in Österreich immer noch stark vom Elternhaus abhängt. Können Maßnahmen zur sozialen Durchlässigkeit, wie die Gesamtschule, Ausgleich schaffen?

 

   Bacher: Die Gesamtschule – das zeigen internationale Studien – führt dazu, dass sich die Gruppe der Neet-Jugendlichen anders zusammensetzt und ihr häufiger auch Jugendliche aus höheren sozialen Schichten angehören würden. Die Anzahl der Risikoschüler würde aber in etwa gleich bleiben. Sinnvoll sind hingegen Angebote wie die Ganztagsschule. Sie müsste ausgebaut werden.

 

   Standard: Wie steht Österreich hier da?

 

   Bacher: Der Ausbau ist sicher nicht in dem Umfang erfolgt wie geplant. Da ist noch viel Luft nach oben. Vor allem verschränkte Formen von Ganztagsschulen, die eine regelmäßige Teilnahme einfordern, wurden noch kaum diskutiert.

 

   Standard: Kann die gesetzliche Ausbildungspflicht bis 18 Abhilfe schaffen?

 

   Bacher: Auf jeden Fall, da sie Jugendlichen eine zweite oder sogar dritte Chance eröffnet. Vorrangiges Ziel im Bildungsbereich insgesamt sollte eine Verbesserung des Unterrichts sein. Viele Schulabgänger sind nicht fähig, einfache mathematische Rechenaufgaben zu lösen. Ein guter Unterricht bedeutet, den Schülern anspruchsvolle Aufgaben und Feedback zu geben. Notwendig ist zudem ein gutes Klassenmanagement, damit Unterrichtsstörungen abnehmen, Schüler sich wohlfühlen und gerne lernen. Klar ist aber, dass die Ursachen für einen Schulabbruch nicht nur in der Schule zu suchen sind. Gefährdete Schüler sind zu Hause oft mit Problemen konfrontiert. Das kann natürlich dazu führen, dass sie in der Schule negativ auffallen.

 

   Standard: Braucht es mehr Sozialarbeiter in den Schulen?

 

   Bacher: In Oberösterreich wurde ein Modell der Sozialarbeit eingeführt, im Rahmen dessen Sozialarbeiter in Schulen mit einem hohen Anteil an schwierigen Schülern einmal pro Woche anwesend sind. Sie führen Gespräche mit den Jugendlichen und mit den Eltern und klären ab, was das Problem ist. Lehrkräfte berichten, dass dadurch das Unterrichten leichter wurde.

 

   Standard: Sie schlagen auch vor, dass Schulen mit schwierigeren Ausgangsbedingungen mehr Ressourcen zugeteilt werden.

 

   Bacher: Politisch gibt es zwei Maßnahmen: Entweder man legt Quoten fest – oder man weist benachteiligten Schulen mehr Mittel zu. Mein Vorschlag ist, dass Problemschulen mehr Geld bekommen, über das sie frei verfügen können.

 

   Standard: In Kanada und Schweden erhalten Schulen in Brennpunktregionen bereits mehr Geld. Sind dort positive Effekte auf die Neet-Rate festzustellen?

 

   Bacher: In den Niederlanden gibt es generell weniger Risikoschüler, wobei vermutlich der Sozialindex eine Ursache dafür ist. Aber die Neet-Rate hängt nicht nur vom Schulabbruch ab, sondern auch von der Konjunktur und der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Österreich hat ja eine sehr geringe Rate – und muss sich sehr intensiv anstrengen, um sie weiter zu reduzieren.

 

   Standard: Welche arbeitsmarktpolitischen Reformen braucht es?

 

   Bacher: Wichtig wäre eine umfassende Arbeitszeitverkürzung. Jugendliche, die über eine geringe Bildung verfügen, sind auf einfache Tätigkeiten angewiesen – aber diese brechen schrittweise weg. Die Arbeitszeit müsste umverteilt und ein Lohnausgleich bei Niedriglöhnen geschaffen werden. Außerdem braucht es Nachbetreuung, die gewährleistet, dass Jugendliche, die einmal den Weg in den Arbeitsmarkt gefunden haben, nicht mehr hinausfallen.

 

   Standard: Welche sind die wissenschaftlichen Herausforderungen beim Thema?

 

   Bacher: Zunächst gilt es, den Indikator vorsichtig und kritisch zu verwenden. Eine weitere Herausforderung ist, eine Gruppe zu untersuchen, die schwer erreichbar ist. Wir haben es über Vereine und psychologische Beratungsstellen versucht. Das hat aber den Nachteil, dass Personen, die sich nicht an diese Einrichtungen wenden, nicht erfasst werden können. Schließlich finde ich, dass die Sozialforschung nicht dabei stehenbleiben darf, die Neet-Zahlen zu schätzen. Es bringt nichts, zehn Jahre lang zu dokumentieren, dass die Schule selektiv ist. Wir müssen mit Praktikern, Politikern und der Verwaltung zusammenarbeiten, um soziale Probleme zu lösen.

 

   „

 

   Eine Beschreibung des Phänomens ist Voraussetzung dafür, es politisch in den Griff zu bekommen.

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen