Donnerstag, 19. Februar 2015

Bildungs-Newsletter 20. Februar 2015


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 42 vom 20.02.2015               Seite: 3

 

Stichwort: ZentralmaturaLehrer sieht bei der neuen Matura praxisferne und „wenig jugendgerechte" Elemente

 

   Wolfgang Krisai, engagierter Lehrer für Deutsch und Bildnerische Erziehung am Gymnasium Perchtoldsdorf, sieht im SN-Gespräch jenseits aller Pannen auch eine Reihe von grundsätzlichen Problemen bei der Zentralmatura – und immer wieder Praxisferne. Die vorwissenschaftliche Arbeit (VWA) kritisiert Krisai als „wenig jugendgerecht". Das ganze Prozedere ziehe sich über Jahre. Viele Schulen böten Vorbereitungskurse in Eigenregie in der 6. Klasse an. „Damit die Schüler in der Sechsten lernen, was sie sich in der Siebten überlegen und in der Achten anwenden sollen." In der Achten, zweieinhalb Jahre nach dem Start, eineinhalb Jahre nach der Themenfindung, müssten die Schüler ihre Arbeit präsentieren. Der extrem lange Zeitraum werde den wechselnden Interessenlagen der Jugend nicht gerecht. „Man hätte die VWA ganz in die Kompetenz der Schulen geben sollen, dann hätte man das auf wenige Monate eingrenzen können."Die VWA lade zudem dazu ein, „sich helfen zu lassen". Lehrer müssten Leistungen beurteilen, bei denen sie nicht sicher sein können, von wem sie erbracht worden seien. Wer es sich leisten könne oder entsprechenden Bildungshintergrund mitbringe, habe viel größere Möglichkeiten. Für eine Matura, die völlige Vergleichbarkeit auf ihre Fahnen hefte, sei dies doch fragwürdig.

 

   Bei der schriftlichen Matura beklagt Deutschlehrer Krisai vor allem die Umorientierung, die weg von der Beschäftigung mit Literatur führe. Bei der Zentralmatura müssten die Schüler für eine Reihe neuer Textsorten vorbereitet werden. Das werde schon aus Unterrichtszeitgründen auf Kosten jener Bereiche gehen, die bei der Matura keine Rolle spielten, sagt Krisai. Er nennt vor allem „den gesamten Bereich des kreativen Schreibens", etwa Geschichten erzählen oder literarisches Arbeiten. Das, was Literatur könne, sei den Leuten, die die neue Matura planten, kein Anliegen. Auseinandersetzung mit Literatur werde zurückgedrängt, weil man Leserbriefe, offene Briefe, Empfehlung, Zusammenfassung, Erörterung, und Kommentar behandeln müsse. „Learning to the test" sei man seinen Schülerinnen und Schülern schuldig, „aber wenn der Test so gestaltet ist, dass er wichtige Bereiche der jeweiligen Fächer nicht umfasst, wird es problematisch."Der neue Ablauf der Matura mit Kompensationsprüfungen, bei denen man vor der mündlichen Matura eine negative schriftliche Reifeprüfung ausgleichen könne, werde die Schüler unter Druck bringen. Wer Ende der Achten einen Fünfer habe, müsse sofort zur Wiederholungsprüfung, damit er zur Matura antreten könne, dann komme die schriftliche, wenn er da versage, die Kompensationsprüfung und kurz darauf die mündliche Matura. „Er kommt dauernd dran, das ist einfach zu viel. Es gibt keine Zeit, Defizite aufzuarbeiten."Schüler müssen sich bei der mündlichen Matura auf bis zu 24 Themengebiete vorbereiten. Der Schüler zieht zwei Themenbereiche, muss sich dann für einen entscheiden, zu dem er eine „kompetenzorientierte Aufgabenstellung" bekommt. Früher hatte man zwei Fragen, jetzt hängt alles von einer Frage ab. „Einmal danebengetippt, dann darf man im Herbst antreten." In Vorschlagslisten seien teils schwammige und zu weite Themengebiete vorgegeben, etwa „über österreichische Literatur sprechen". Das müssten die Lehrer konkretisieren. Die Vorstellung, dass Lehrer an der Schule 48 Fragen ausarbeiteten, die über Jahre verwendet würden, sei praxisfern. Der Rückkopplungseffekt auf den Unterricht der Oberstufe sei problematisch. Man nagle sich fest und dränge die Aktualität im Unterricht zurück. Das hielten Lehrer nicht aus. „Die wollen doch etwas Neues, auf die jeweilige Klassensituation Abgestimmtes machen im Unterricht. Ein System, das auffordert, das einmal Entworfene möglichst lang beizubehalten, ist kontraproduktiv."Krisai sieht aber auch positive Entwicklungen: „Fragestellungen, die sich aus der Vorbereitung ergeben, werden vom Bifie sehr schnell und sachlich beantwortet, das hat sich signifikant verbessert."schli

 


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 42 vom 20.02.2015               Seite: 3 Helmut Schliesselberger

 

Viel Stressvor der neuen Reife

Bei der Vorbereitung der Zentralmatura lief vieles schief. Wie geht es betroffenen Schülern?

 

   WIEN. Ein Maturajahr bedeutet Stress. Für die 25 Schülerinnen und Schüler der 8b des Gymnasiums in der Ettenreichgasse in Wien-Favoriten, die zu den 20.000 Schülern gehören, die heuer als Erste die neue Zentralmatura absolvieren müssen, besonderen Stress – nicht nur weil sie vor kurzem nach stundenlangen Versuchen ihre vorwissenschaftlichen Arbeiten hochzuladen, ihre Wecker auf ein oder drei Uhr früh gestellt hatten, um es wieder und wieder zu versuchen, während der Server des Ministeriums dauernd abstürzte.

 

   Manche der Schüler fühlen sich aufgrund der Pannen im Vorfeld der wichtigsten Prüfung ihrer Schulzeit und der beständig wechselnden Vorgaben fast als Versuchskaninchen. Obwohl sie beim Lokalaugenschein der SN in der Maturaklasse der Favoritner Schule auch betonen, dass sie eine Zentralmatura grundsätzlich nicht schlecht fänden, weil kompetenzorientierte Aufgaben sinnvoll seien und eine Zentralmatura fairer – weil für alle gleich – sei.

 

   Besonders fair hat es Eduarta Hajradini allerdings nicht gefunden, dass sie, als sie ihre vorwissenschaftliche Arbeit „Asylwerber in Wien" hochladen wollte, immer und immer wieder aus dem Server rausflog, bis sie mitten in der Nacht aufstand, um festzustellen, dass die Arbeit doch schon registriert war.

 

   Eine 17-jährige Schülerin, die ebenfalls nächtelang mit dem Server kämpfte, hat sich über die nonchalanten Aussagen der Bildungsministerin geärgert, die seien „einfach ignorant" gewesen . Von wegen alles kein Problem und man könne die Arbeiten „auch so" abgeben. „Die haben alle Maturanten in ganz Österreich auf die Schippe genommen." Von den Schülern würden Spitzenleistungen verlangt, dann heiße es, der Server funktioniere nicht, das sei aber nicht so wild.

 

   Eine ebenfalls 17-jährige Schülerin, die bereits Ende Oktober mit ihrer vorwissenschaftlichen Arbeit fertig war, ärgerte sich über laufend neue Vorgaben und Änderungen, was die Form der Arbeit, Seitennummerierung, Einleitung oder Literaturnachweis angeht. In der Zeit, die sie für die Anpassung ihres Texts gebraucht habe, „schreibe ich eine ganze Arbeit". Ein Schüler beklagt die Kosten für das Binden der Arbeit: „Ich wollte eine dritte binden lassen, aber das konnte ich mir nicht leisten."

 

   Mathematik bereitet den Schülern besonders große Sorgen. Die vor Kurzem abgehaltene Feldtestung in Mathematik ist österreichweit nicht gut ausgefallen. Die Favoritner Schüler finden es unfair, dass sie nichts über ihre individuellen Ergebnisse erfahren haben, und bemängeln, dass die kompetenzorientierten Aufgaben mit drei Seiten Angabentext, „viel zu lang und zu kompliziert" gewesen seien.

 

   Geärgert hat die Schüler auch, dass im Fragebogen zu den schwierigen Mathe-Feldtests „die Schuld bei den Lehrern gesucht" worden sei, mit Fragen, ob das im Unterricht ausreichend durchgenommen worden sei. Sie fühlen sich auch geradezu hereingelegt, denn es habe nach Schülerprotesten und Streikdrohungen „von oben" Zusicherungen gegeben, dass das Format der schwierigen „X aus 5"-Multiple-Choice-Aufgaben abgeschafft und nicht zur Matura kommen werde. Vor wenigen Tagen hätten die Schüler erfahren, „X aus 5" komme doch.

 

   Auch Bücher und Lernunterlagen für die neue Welt der kompetenzorientierten Aufgaben habe es nach und nach erst ab der sechsten Klasse gegeben. Die Schüler meinen, es wäre fairer gewesen, die Zentralmatura über einen längeren Zeitraum einzuführen und zwar mit Schülern, die mit der neuen Art der Aufgabenstellung von der Unterstufe an vertraut seien.

 

   Schülerin Lindita Avdija sagt den SN, die ganze Matura sei allein wegen der dauernden Veränderungen, die viel zu spät bekannt geben werden, ein Riesenstress. Zudem seien die so dringend notwendigen Vorbereitungsstunden massiv gekürzt worden. „Ich sehe nicht ein, dass wir nur vier Vorbereitungsstunden haben pro Fach, weil die kein Geld für die Professoren haben."

 

   Die Schüler sehen ein Zusammenrücken mit den Lehrern – „die stehen gemeinsam mit uns unter Stress". Da sei eine regelrechte „Leidensgenossenschaft" entstanden. Man sitze im gleichen Boot.

 

   Sharon Howlader betont, der Stoff, den die Schüler für manche der 24 Bereiche umfassenden Themenpools zur mündlichen Matura lernen müssten, sei zu weit gefasst. „Wir kommen nicht mit allen Themen durch."

 

   In der 8b tritt übrigens in den „Lernfächern" Geografie, Geschichte und Physik niemand mündlich an, weil die Themenpools laut den Schülern unüberschaubar weit seien. Eine Schülerin: „Geschichte ist einfach nicht machbar, ich hab mir den Themenpool angeschaut und trete in Psychologie an."

 


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 42 vom 20.02.2015              Seite: 25

 

Spätere Einschulung nicht immer vorteilhaft

 

   BOCHUM. Das Zurückstellen von der Einschulung kann sich einer Studie zufolge negativ auf die späteren Schulleistungen der Kinder auswirken. „Kinder brauchen so schnell wie möglich eine Förderung", sagte am Donnerstag die Entwicklungspsychologin Julia Jäkel von der Ruhr-Universität Bochum. Sie hatte mit Kollegen der University of Warwick Daten von rund 1000 Kindern einer bayerischen Untersuchung ausgewertet. Kinder, die bei den verpflichtenden Einschulungsuntersuchungen schlecht abschnitten, dürften häufig erst ein Jahr später mit der Schule anfangen, heißt es in der Studie. Die Studie lege jedoch nahe, dass daraus keine besseren Schulleistungen resultierten. , dpa

 


 

"Format" Nr. 08/2015 vom 20.02.2015                       Seite: 18 Ressort: Meinung

 

Zweiklassenkultur?

Michaela Knapp über neuen Steuerdruck auf die Kunst.

 

   Die Regierung will durch die Anhebung des Mehrwertsteuersatzes Eintrittskarten für Theater, Kinos, Museen sowie den Kauf von Büchern und Zeitschriften verteuern. Während der Kulturminister dazu schweigt, hat Finanzminister Schelling die Erhöhung mit dem Argument, Kunst und Kultur würden vor allem von etablierten und wohlhabenderen Menschen konsumiert werden, verteidigt. Wie bitte?

 

   Kulturkonsumenten mögen bedauerlicherweise in der Minderheit sein. Dennoch ist Kunst und Kultur kein Upperclass-Vergnügen. Und wo bitte bleibt die steuerpolitische Logik? Einerseits subventioniert man mit Steuergeldern im Sinne des Kultur- und Bildungsauftrags Kulturinstitutionen und erschwert dann durch höhere Eintrittspreise den Zugang? Und das, obwohl im Vergleich zu Deutschland in Österreich die Tickets ohnehin um circa zehn Prozent teurer sind. Da überlegt man sich dann wohl, gerade als Jugendlicher, ein Kabarett-, Konzert-oder Kino-Ticket zu kaufen, greift lieber auf diverse Streaming-Dienste im Internet zurück und lässt auch das Zweitbuch in der Buchhandlung liegen. "Kultur kostet Geld. Kulturlosigkeit noch viel mehr", war vor einiger Zeit auf einer klugen Plakatreihe des Theaters in der Josefstadt zu lesen. Politik lebt bekanntlich auch von Symbolen. Das jedenfalls wäre ein erbärmliches Signal der Kulturpolitik - so wird das mit der "Verfeinerung" der Gesellschaft wohl nie etwas.

 

knapp.michaela@format.at

 


 

Mit freundschaftlichen Grüßen

 

Kurt Schober

Klubsekretär

SPÖ-Parlamentsklub

01/40110-3569

0664 / 44 45 005

kurt.schober@spoe.at

 

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