Montag, 2. Februar 2015

Bildungsnewsletter 2. Februar 2015, 2. Teil

Ö3 Mittagsjournal 12:00  Ö3 Mittagsjournal 12:00 vom 02.02.2015 12.00 Uhr

 

Integrationsexperten: "Strafen kontraproduktiv"

 

Die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP haben in den letzten Tagen das Thema Integration an den Schulen in den Vordergrund gerückt. Konkret fordern Vertreter beider Parteien, dass sogenannte integrationsunwillige Schüler oder Eltern bestraft werden sollen.

 

Dazu werden Beispiele genannt: etwa Buben mit Migrationsintergrund, die sich von der Lehrerin nichts sagen lassen, weil sie eine Frau ist. Oder Eltern, die trotz Aufforderung nicht in die Schule kommen. Vom Sozialdienst an den Schulen bis hin zu Verwaltungsstrafen reichen die Ideen der Politiker.

 

Integrationsfachleute sehen das ganz anders: Strafen seien kontraproduktiv und einem guten Miteinander nicht förderlich.

 

 

Ö1 Mittagsjournal 12:00 vom 02.02.2015 12.00 Uhr

 

Experten kritisieren aktuelle Integrationsdebatte

 

Maiwald Andrea (ORF)

   Im Landtagswahljahr rücken die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP das Thema

   Integration an den Schulen in den Vordergrund. Mit der Richtung der Debatte

   sind die Experten aber alles andere als glücklich. Konkret fordern

   Vertreter beider Parteien, dass sogenannte integrationsunwillige Schüler

   oder Eltern bestraft werden sollen - etwa von Buben mit

   Migrationshintergrund, die sich von der Lehrerin nichts sagen lassen, weil

   sie eine Frau ist oder von Eltern, die trotz Aufforderung nicht in die

   Schule kommen ist da die Rede. Als Sanktion ist eine Art Sozialdienst an

   den Schulen angedacht. Integrationsfachleute halten das für den falschen

   Weg. Strafen seien kontraproduktiv. Peter Daser berichtet.

 

Daser Peter (ORF)

   Heinz Fassmann ist Vorsitzender des Expertenrates für Integration. Der

   befasst sich damit wie Integrationspolitik in Österreich verbessert werden

   kann. Von Strafen für sogenannte integrationsunwillige Schüler oder deren

   Eltern rät er ab.

 

Fassmann Heinz (Universität Wien)

   Verhaltensweise durch Strafen in eine bestimmte Richtung zu lenken - das ist

   in dem Bereich, der nicht so scharf abgrenzbar ist, weil wir nicht ganz

   genau definieren können was heißt nun eigentlich integrationsunwillig oder

   Integrationsverweigerung in dem Bereich. Weil das so unscharf abzugrenzen

   ist, glaube ich auch nicht, dass wir das tun sollten.

 

Daser Peter (ORF)

   Auch der Soziologe Kenan Güngör sagt, es sei gar nicht definiert was

   Integrationsunwilligkeit eigentlich sein soll. Wenn etwa Eltern nicht in

   die Sprechstunde kommen könne das auch einfach daran liegen, dass sie

   beruflich keine Zeit haben. Von Strafen hält auch er nichts.

 

Güngör Kenan (think.difference - Büro für Gesellschafts- und Organisationsentwicklung)

   Ob Kinder nicht in die Schule kommen, ob Eltern nicht zum Elternsprechtag

   kommen - das als Integrationsfrage zu diskutieren, das ist per se schon

   grundfalsch. Das betrifft ja nicht nur die Migrationsbevölkerung. Im

   Gegenteil: Das Phänomen, das Kinder eben nicht in die Schule kommen oder

   die Eltern nicht kommen hat einfach mit sehr viel mit sozialer Verarmung in

   Familien zu tun, sehr mit Unterschichtung zu tun, mit Bildungsferne zu tun.

   Und das betrifft österreichische Familien genauso.

 

Daser Peter (ORF)

   Heidemarie Lex-Nalis, Bildungsfachfrau und Sprecherin der Plattform EduCare

   sagt, wenn es Probleme an den Schulen gäbe, seien Gespräche der Weg zur

   Lösung.

 

Lex-Nalis Heidemarie (Plattform EduCare)

   Ich finde das vorgestrig, dass wir in Zeiten wie diesen über Strafe reden in

   Zusammenhang damit, dass Menschen einander näher kommen, dass man sich

   versteht, dass man miteinander lebt. Das ist eine ungeheuerliche

   Vorstellung, dass das mit Strafen zu bewerkstelligen sein könnte.

 

Daser Peter (ORF)

   Und Heinz Fassmann sieht die ganze politische Debatte über Strafen für

   Schüler und Eltern als insgesamt kontraproduktiv.

 

Fassmann Heinz (Universität Wien)

   Wir haben in den letzten fünf Jahren eigentlich sehr viele

   integrationspolitische Erfolge erzielt. Das Stimmungsbild in der

   Bevölkerung, in der Mehrheitsgesellschaft hat sich deutlich aufgehellt. Das

   Vertrauen, dass Integration gelingt ist heute gegeben in einem viel höheren

   Ausmaß als es noch vor wenigen Jahren der Fall war. Und ich sehe mit

   Bedauern, dass durch diese Debatte eines wirklich randlichen Randthemas das

   allgemeine Stimmungsbild wieder eingetrübt wird. Daher würde ich auch

   plädieren für ein Stopp dieser Debatte.

 

Daser Peter (ORF)

   Sagt Heinz Fassmann vom Expertenrat für Integration.

 

Maiwald Andrea (ORF)

   Mit Strafen wird man nicht viel erreichen, sind Integrationsexperten

   überzeugt. Peter Daser hat berichtet.

 


 

Ö1 Abendjournal 18:00 vom 01.02.2015 18.00 Uhr

 

Kindergarten - Unterrichtsministerin will 2. Pflichtjahr

 

Theiretzbacher Christian (ORF)

   Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek von der SPÖ spricht sich für

   ein zweites, verpflichtendes Gratis-Kindergartenjahr aus. Das Geld dafür

   wäre vorhanden, sagt die SPÖ-Politikerin. Mehr dazu von Wolfgang Werth.

 

Werth Wolfgang (ORF)

   Das Geld für ein zweites Pflicht- und Gratis-Kindergartenjahr wäre

   vorhanden, meint Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek.

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Es wäre finanzierbar, denn der Finanzierungsvorschlag, 70 Millionen kostet

   das letzte Kindergartenjahr, das gratis und verpflichtend für alle ist,

   wenn wir ein Jahr dazu nehmen, sagen wir mal noch einmal 70 Millionen,

   könnten ziemlich gut aus nicht abgeholten Geldern aus Kinderabsetzbeträgen

   finanziert werden.

 

Werth Wolfgang (ORF)

   Bleibt die Frage, ob es allen Eltern Recht sein wird, wenn die Kinder schon

   ab dem Alter von vier Jahren fast täglich das Haus verlassen müssen? Dazu

   die Unterrichtsministerin:

 

Heinisch-Hosek Gabriele (SPÖ)

   Es gehen ja schon 94,2 Prozent der Vierjährigen in den Kindergarten und es

   gibt ja in Ausnahmefällen die Möglichkeit, das Kind den einen oder anderen

   Tag herauszunehmen. Und es sind ja jetzt nur vier Tage mal vier Stunden.

   Ich glaube, dass jedes Kind profitieren würde, mit vier Jahren schon in

   einer Bildungseinrichtung unter Gleichaltrigen sein zu können.

 

Werth Wolfgang (ORF)

   Fachlich zuständig für die Kindergärten sei aber auf Regierungsebene

   Familienministerin Sophie Karmasin von der ÖVP, sagt Heinisch-Hosek. Das

   Geld jedenfalls, sagt sie, sei vorhanden durch nicht abgeholte

   Steuervorteile für Familien.

 

Theiretzbacher Christian (ORF)

   Der Sprecher Karmasins sagt, die Familienministerin könne sich ein zweites

   Kindergartenjahr grundsätzlich vorstellen. Derzeit werde darüber unter

   Einbeziehung der Länder ein Gesamtpaket verhandelt.

 


 

Im Zentrum: Integration vom 01.02.2015 um 22.00 Uhr

 

Wollen die wahlkämpfenden Landeschefs der FPÖ das Thema Migration streitig machen? Hat die SPÖ ein Problem im Umgang mit diesem heiklen Thema? Ist es zielführend, integrationsunwilligen Menschen mit Geldstrafen zu drohen? Und welche Probleme mit Integration gilt es dringend zu lösen?

Bei Ingrid Thurnher "Im Zentrum" diskutieren:

Hans Niessl Landeshauptmann Burgenland, stv. Bundesparteivorsitzender, SPÖ
Julia Herr Vorsitzende der Sozialistischen Jugend
Manfred Haimbuchner stv. Parteichef FPÖ, Landesrat OÖ
Barbara Herzog-Punzenberger Migrationsforscherin
Vahide Aydin Die Grünen, Vorarlberg
Amani Abuzahra Bildungswissenschafterin

 

http://tvthek.orf.at/program/Im-Zentrum/6907623/Im-Zentrum-Integration/9173821

 

Im Zentrum vom 01.02.2015 21.55 Uhr

 

Integrationspolitik -8-Integrationsvoraussetzungen

 

Thurnher Ingrid (ORF)

   Wir reden da über Sanktionen, aber ich bemühe mich da jetzt gerade von Ihnen

   allen festzustellen, was verstehen ... wie weit ...

 

Niessl Hans (SPÖ)

   Na, wenn ich nicht in die Schule besuche, dann ...

 

Thurnher Ingrid (ORF)

   ... bin ich nicht integriert.

 

Niessl Hans (SPÖ)

   Sowohl als Österreicher als auch Migrant.

 

Haimbuchner Manfred (FPÖ)

   Wenn ich Teil der Gesellschaft sein will, wenn ich nicht nur die sozialen

   Annehmlichkeiten genieße, sondern weil ich Verantwortung übernehmen will in

   der Gesellschaft, ich glaube, dann bin ich integriert. Und das ist das

   allerwichtigste, einmal zu hinterfragen, was verlangen wir von den Menschen

   und was sind die Menschen, die zu uns kommen auch bereit letztendlich zu

   geben. Und unser Steuersystem und unser Sozialstaat ist halt schon so auch

   ausgelegt, dass man da den ersten Tag auch mehr oder weniger die

   Annehmlichkeiten genießen kann. Und das ist das große Problem, dass ...

   Schauen Sie, das ist einfach so. Vergleichen Sie das mit klassischen

   Einwanderungsländern. USA, Neuseeland, Australien.

 

Herr Julia (Sozialistische Jugend)

   Österreich ist ein Einwanderungsland.

 

Haimbuchner Manfred (FPÖ)

   Schauen Sie, ich bin gern das Feindbild Ihrer Hilflosigkeit, aber man muss

   einmal schon auch sehen, dass viele Menschen zu uns kommen weil unser

   Sozialsstaat so ausgerichtet ist. Und das ist das große Problem.

 

Thurnher Ingrid (ORF)

   Aber Herr Haimbuchner, die Frage war, was, wie definieren Sie für sich

   Integration? Das versuche ich rauszukriegen.

 

Haimbuchner Manfred (FPÖ)

   Ja, wenn man Verantwortung übernehmen will, wenn man Teil der Gesellschaft

   sein will. Das ist einfach. Das ist einfach messbar. Ich sage Ihnen ein

   ganz ein praktisches Beispiel, mit denen wir alle immer konfrontiert sind.

   Wenn zum Beispiel Wohnungen vergeben werden dann ist das in Oberösterreich

   jetzt Pflicht - und das habe nicht ich eingeführt, sondern das haben sogar

   die Bauträger eingeführt, Sozialdemokraten maßgebliche Verantwortung tragen

   - dass man Grundkenntnisse der deutschen Sprache nachweisen kann. Wo ist

   jetzt das große Problem? Es gibt einen Referenzrahmen, A2 der Europäischen

   Union. Ist überhaupt kein Problem. Das geht.

 

Thurnher Ingrid (ORF)

   Die Frage, die ich gestellt habe. Reicht es, sich an unsere Gesetze zu

   halten und deutsch zu können um integriert zu sein oder würden Sie sich

   mehr erwarten? Frau Herr, wie schaut es bei Ihnen aus?

 

Herr Julia (Sozialistische Jugend)

   Also ich finde das ziemlich schwer zu definieren und jetzt was vorgekommen

   ist: Integriert ist der, der Verantwortung übernimmt. Ja wie soll man das

   denn bitte messen? Also Sie fordern einerseits, dass Integrationsunwillige,

   also die Menschen, die anscheinend nicht gewillt sind, Verantwortung zu

   übernehmen, dass für die Sanktionen geben muss. Ich würde gerne wissen, wie

   man das misst, wieviel Verantwortung wer hergeben will und vor allem wer?

   Das ist die komplette Willkür.

 

Thurnher Ingrid (ORF)

   Wann ist für Sie Integration erfüllt?

 

Herr Julia (Sozialistische Jugend)

   Ich glaube Menschen sind dann integriert gut in Österreich, wenn sie

   teilhaben können am sozialen Leben, wenn sie einen guten Arbeitsplatz

   finden, wenn sie von der Arbeit auch leben können, wenn sie einen

   Wohnungsplatz haben, wenn ihre sozialen Bedürfnisse zufrieden gestellt

   sind.

 

Thurnher Ingrid (ORF)

   Aber das sind ja nicht Dinge, die man ihnen abfordern kann oder abverlangen

   kann. Was, welches Maß an Integration würden Sie abseits der Fakten, sie

   müssen sich an unsere Gesetze halten und sie müssen unsere Sprache

   sprechen, verlangen. Ist es das?

 

Herr Julia (Sozialistische Jugend)

   Ich glaube, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen, die auch hier

   geboren sind, müssen sich alle an dieselben Gesetze einfach halten. Ich

   würde hier keine zusätzlichen Anforderungen für jene Bevölkerungsgruppe,

   für jene Bevölkerungsgruppe schaffen. Ich glaube, man braucht hier ein

   Gesetzesystem vor dem auch alle gleich sind und würde hier nicht

   Sonderregelungen aufstellen.

 

Niessl Hans (SPÖ)

   Ich kann Ihnen ein gutes Beispiel sagen. Wir haben ... Erst unlängst habe

   ich einigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund den Hauptschulabschluss

   überreicht. Da ist ein Jugendlicher aus Afghanistan gekommen, der hat über

   die Volkshochschule den Hauptschulabschluss gemacht und besucht jetzt die

   HTL. Also insofern ist das sicher ein positives Beispiel einer Integration,

   dass sich auch im zweiten Bildungsweg über die Volkshochschule den

   Hauptschulabschluss mache und das sind dutzende. Und auf der anderen Seite

   damit auch die Möglichkeit habe einen Beruf zu erlernen oder eine Schule zu

   besuchen. Er konkret besucht die HTL und ist dort auch ein recht guter

   Schüler und ist auch im Sportverein mitintegriert. Also das ist ein

   typisches Beispiel. Also insofern in der Schule die Integration

   festzustellen mit mehr Schulpsychologen, mit Sozialarbeitern, das ist ja

   relativ leicht möglich. Denn wenn es Probleme gibt - wer immer das ist -

   alle haben die gleichen Rechte, die gleichen Pflichten - kann ich den

   Schulpsychologen beiziehen, einen Sozialarbeiter beiziehen und

   schlussendlich auch bewerten und beurteilen ob es Probleme gibt, in welchem

   Ausmaß und wie man darauf reagieren soll. Also da finde ich ...

 

Herr Julia (Sozialistische Jugend)

   Aber das ist auch wieder für alle. Jeder Jugendliche kann ein gewisses

   Problem haben und kann einen Schulpsychologen, eine Schulpsychologin

   brauchen.

 

Niessl Hans (SPÖ)

   Das habe ich ja gesagt für alle. Das betone ich schon das dritte Mal.

 

Herr Julia (Sozialistische Jugend)

   Ja, aber das hat mit Migration nichts zu tun, dass man einmal einen

   Schulpsychologen braucht.

 

Niessl Hans (SPÖ)

   Die Bildung ist die wesentlichste Voraussetzung.

 

Haimbuchner Manfred (FPÖ)

   Mit Psychologen werden wir das Problem auch nicht lösen.

 

Herr Julia (Sozialistische Jugend)

   Ich glaube auch, dass Bildung eine gute Möglichkeit für Integration ist,

   aber ...

 

Herzog-Punzenberger Barbara (BIFIE - Bundesinstitut für Bildungsforschung)

   Ich will gerne die Statistik einbringen <unverständlich> Die Zahlen

   anzuschauen, ja.

 

Thurnher Ingrid (ORF)

   Frau Herzog-Punzenberger ... Okay, wir haben viele Wortmeldungen.

 


 

Der Standard Kommentar der anderen | Harald Walser 30. Jänner 2015, 17:13

 

Weg mit dem Integrationspopulismus

Die Debatten um Integrationsunwilligkeit lenken von fehlenden Bildungsreformen ab

 

ÖVP-Jungstar Sebastian Kurz will also "Integrationsunwilligkeit" mit Geldstrafen und Sozialarbeit - auf Nachfrage versteht er darunter intensives Tafelputzen - sanktionieren. Und nicht wenige pflichten ihm bei: Muss man doch noch sagen dürfen!

 

Natürlich darf und muss man die Probleme konkret benennen: etwa die Tatsache, dass fast 80 Prozent der türkischen Eltern maximal eine Pflichtschule besucht haben, dieser Anteil bei "ex-jugoslawischen" Eltern immer noch die Hälfte ausmacht und bei Eltern ohne Migrationshintergrund mit etwa 20 Prozent deutlich geringer ist. Andere Länder haben darauf erfolgreich reagiert. Das zeigt etwa die Ties-Studie über die "Integration der zweiten Generation von Zuwanderern". Das wenig überraschende Ergebnis: Kinder türkischer Eltern haben in Österreich signifikant weniger Bildungschancen als in Schweden.

 

"Es geht um Fakten", schreibt Andreas Koller in den Salzburger Nachrichten und verweist darauf, dass jedes vierte Kind mit Migrationshintergrund, aber nur jedes 20. ohne Migrationshintergrund die Schule abbricht. Richtig: Genau das ist das Problem. Die Ursache dafür ist aber nicht "mangelnde Integrationswilligkeit", sondern ein veraltetes Schulsystem, das den Schulerfolg behindert und Kinder, Eltern und Lehrkräfte mit den Problemen alleinlässt.

 

Sprachstandsfeststellungen belegen, dass vor allem Kinder mit Deutsch als Zweitsprache vom mehrjährigen Besuch des Kindergartens stark profitieren. Bei einjährigem Kindergartenbesuch weisen nur 23 Prozent der Migrantenkinder die erwünschte Sprachkompetenz auf, bei ab zweijährigem Besuch verdoppelt sich die Zahl, bei besonders schwachen Kindern steigt der Wert sogar von 18 auf 46 Prozent.

 

Ähnliche Ergebnisse gibt es bei Fördermaßnahmen im Volksschulbereich. Integrationsunwilligkeit oder Chancenlosigkeit? Wer türkischstämmige Kinder und Jugendliche in unserem Schulsystem alleinlässt, darf sich nicht wundern, wenn es Probleme gibt. In Sachen Bildungsgerechtigkeit liegt Österreich im OECD-Vergleich ganz hinten. Kein Wunder: In anderen Ländern gibt es ein Recht auf eine adäquate Förderung - in Finnland beispielsweise werden Kinder mit Leseschwächen in Kleingruppen von speziell ausgebildeten Lehrkräften unterstützt.

 

Und Österreich? Da fällt dem "Integrationsminister" ein, es handle sich um "Integrationsunwillige", die man mit Tafelputzen und Sozialdiensten bestrafen müsse. Das ist genau das, was das Problem verschärfen wird: Herabwürdigung und als ungerecht empfundene Strafen sind ein hochwirksames Rezept für Resignation ebenso wie für Aggressivität. Über die sozialen Folgen solcher Sonderbehandlungen braucht man nicht lange zu rätseln.

 

Was also tun? Etwa zehn Prozent des Personals in skandinavischen Schulen sind Sozialarbeiter, Fachkräfte für Legasthenie oder Dyskalkulie, jede große Schule hat einen Schulpsychologen. Und Österreich? Hier kommt ein Schulpsychologe auf über 8200 Schülerinnen und Schüler. In Vorarlberg beträgt die Wartezeit für die Inanspruchnahme des schulpsychologischen Diensts laut den letzten mir zur Verfügung stehenden Zahlen 57,6 Tage. Lehrkräfte werden mit den Problemen alleingelassen.

 

Kurz, Voves und Niessl wollen diese Probleme mit Strafen lösen. Schon vor drei Jahren hat Sebastian Kurz eine ähnliche Debatte ausgelöst: Ohne Zahlen nennen zu können, behauptete er, es gebe bei migrantischen Fami- lien deutlich mehr Schulpflichtverletzungen als bei anderen. Bis heute ist er den Beweis für seine Behauptung schuldig geblieben. Das Ergebnis: Im Schulpflichtgesetz wurde ein Paket gegen das "Schulschwänzen" geschnürt, das einen hochbürokratischen fünfstufigen (!) Plan zur Einbindung von Lehrern, Beratern, Schulaufsicht und Jugendhilfe sowie Verwaltungsstrafen für Eltern bis zu 440 Euro vorsieht. Das Ganze diente und dient heute nur einem Zweck: von den wirklichen Problemen unseres Schulsystems abzulenken.

 

Auf den im Schulbereich seit Jahrzehnten herrschenden Reformstillstand mit der Forderung nach Strafzahlungen für "Integrationsunwilligkeit" zu reagieren ist ein Aufruf zur Steinzeitpädagogik. Und ein Schuss in den Ofen des allerbilligsten Populismus. (Harald Walser, DER STANDARD, 31.1.2015)

 

Harald Walser (61) ist Bildungssprecher der Grünen im Nationalrat.

 


 

Der Standard  Userkommentar | Anna Lesnik  30. Jänner 2015, 18:09

 

Schulsozialarbeit statt Elternstrafen

"Komasaufen" war einmal – jetzt wird die "mangelnde Integrationswilligkeit" bei Jugendlichen beschworen

 

Die heftigen Debatten der vergangenen Tage und Wochen über "integrationsunwillige" Schülerinnen und Schüler und deren Eltern und mögliche strafrechtliche Konsequenzen für daraus resultierende "Delikte" geht in eine Richtung, die mich als Geschäftsführerin einer seit vielen Jahren mit Schulsozialarbeit an Pflicht- und Berufsschulen tätige Einrichtung, zu einer sachlichen Gegenargumentation veranlasst.

 

Keines der von den jeweiligen Ministerinnen, Ministern und Parteivorsitzenden genannten Probleme ist wegzureden:

•Ja, es gibt die Burschen, die jede Zurechtweisung von weiblichen Lehrpersonen ignorieren,

•ja, es gibt die Mädchen, die Lehrberufe nicht ergreifen dürfen, weil es ihre Väter aus religiösen Gründen nicht erlauben,

•ja, es gibt die Probleme in Poly- oder NMS-Klassen mit unterschiedlichen ethnischen Gruppen und

•ja, es gibt die engagiert bemühten – und in der Folge oft frustrierten –, die völlig unsensiblen und die schlichtweg überforderten Lehrerinnen und Lehrer, für die es zu wenig Fortbildungsangebote und kaum Supervisions- und Reflexionsangebote zu diesen komplexen Themen gibt.

 

Lösungen statt "Sager"

 

Komplex ist die Materie für all jene, die sich intensiv damit befassen (müssen). Je mehr sie sich hineinvertiefen, desto schwieriger und komplexer wird es bei jeder einzelnen Fallgeschichte, in jeder einzelne Klassen- oder Familiensituation. Multikulturalität und Diversität an Sprachen, Religionen und Weltanschauungen in den Schulen haben eine Dimension erreicht, die angesichts der ohnehin angespannten Bildungsdebatte zu plakativen Lösungsansätzen und völlig unqualifizierten "Sagern" verführt. Gerade deshalb wäre es so wichtig, in diesem aufgeheizten Diskussionsklima einen kühlen, fachlich-sachlichen Kopf zu bewahren und sich die Mühe der Unterscheidung zwischen verschiedensten Faktoren zu machen, die Radikalisierung bei Jugendlichen auslösen.

 

Erfahrungsgemäß gibt es quer durch die Familien unterschiedlichster Herkunftsländer und unterschiedlichster religiöser Zugehörigkeit die vielfältigsten Variationen von "Integrationswilligkeit" in die Gesellschaft. Gleichzeitig erweisen sich die Integrationsmöglichkeiten für motivierte Familien oft als viel schwieriger und langwieriger als erwartet, was zu Resignation und Frustration führen kann.

 

"Integration" fordert und überfordert

 

Der Verein Jugend und Kultur ist in der niederschwelligen Jugendarbeit immer wieder mit Jugendlichen konfrontiert, die kaum oder schwer zu motivieren sind, eine Berufsausbildung zu absolvieren – unabhängig von ihrer Herkunft. Und dann gibt es die große Gruppe jener Schülerinnen, Schüler und Lehrlinge, die höchst motiviert sind, die deutsche Sprache schnell zu erlernen und einen Ausbildungsweg erfolgreich abzuschließen, obwohl sie dabei durch ihre Familien kaum bis gar nicht unterstützt werden (können). Nicht deshalb, weil Bildung keinen Stellenwert hätte - auch das gibt es noch immer vor allem in Bezug auf Mädchenausbildung.

 

Oft stellt sich in den Gesprächen heraus, dass die Familie mit der "Integration" – Organisation von Wohnung, Arbeit, Papieren, Aufbau eines europäischen Lebensstandards – bis aufs Äußerste gefordert oder überfordert ist. Kinder und Jugendliche müssen sich einfach selbst durchbeißen – was wiederum für sie eine ständige, oft schon in der Volksschule beginnende Überforderung darstellt. Eine Spirale fehlender schulischer Erfolge und damit eingeschränkter Lehrplatz- und Weiterbildungsmöglichkeiten beginnt sich zu drehen, die bei vielen mit einiger Unterstützung abwendbar wäre.

 

Selbst dort, wo es Helfersysteme (Beratungslehrerinnen und Beratungslehrer) sowie Support-Projekte (Sprachförderung, Nachhilfestunden, etc.) gibt, gerät die Schule sehr schnell an ihre Grenzen. Vor allem in jenen Fällen, die nicht "jugendamtsmeldepflichtig" sind. Also dort, wo familiäre Defizite bekannt sind, die sich jedoch (noch) nicht auf den schulischen Erfolg und auf das Verhalten der Kinder und Jugendlichen eklatant auffällig auswirken.

 

Hier kann Schulsozialarbeit – rechtzeitig im Alter von 10 bis 15 Jahren an Pflichtschulen – beratend, mediativ und unterstützend eingreifen. Schulsozialarbeit ist eine erprobte, schon jetzt vielfach in ganz Österreich praktizierte Unterstützung des Schulsystems durch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Der Fokus liegt dabei nicht auf schulischem Erfolg und Wissensvermittlung, sondern auf individuellen Problemen im sozialen Umfeld des Jugendlichen. Das geschieht immer in enger kollegialer Zusammenarbeit mit dem "Schulsystem", also der Schulleitung, den Lehrerinnen und Lehrern, die sehr oft als Erste aufmerksam werden, wenn ein Kind Probleme mit sich herumträgt.

 

Strafen bewirken Rückzug

 

Viele betroffene Jugendliche sind extrem bemüht, im schulischen Kontext möglichst gut angepasst zu agieren und ja nicht aufzufallen. Parallel dazu sind sie außerhalb der Schule solidarisch mit ihrer Herkunftsfamilie, mit ihrer Herkunftskultur, die sich nicht nur durch ethnische Zugehörigkeit und Religion unterscheiden kann, vielmehr auch durch Lebenseinstellungen und gesellschaftlichen Stellenwert geprägt ist. Das bedeutet nicht selten fast unlösbare Konflikte, die sich Ventile suchen: Vandalismus, latente Gewaltbereitschaft, Schulverweigerung, Flucht in Sekten oder politischen Extremismus, Kriminalität, aber auch Depression oder Suizidgefährdung – die Liste könnte noch fortgesetzt werden. Deshalb würden Strafen für Eltern, die mit dem gängigen österreichischen Schul- und Wertesystem – das einer genaueren Definition noch bedarf – nicht kompatibel sind, nur das Gegenteil bewirken: nämlich noch mehr Rückzug und noch mehr Ausgrenzung der Jugendlichen aus jenen gesellschaftlichen Systemen, in die eigentlich Integration stattfinden sollte.

 

Schulsozialarbeit könnte sofort eingesetzt werden, um kontinuierlich und nachhaltig die Probleme anzugehen, mit denen viele Jugendliche heute konfrontiert sind. Und sie unterscheidet nicht, stigmatisiert niemanden als "integrationsunwillig", "gefährdet" oder sonstwie negativ.

 

Ein Workshop macht noch keine Integration

 

Es wäre sinnvoll, wenn sich die Politik auch nach Abflauen der aufgeregten Islamismus-Gefahr-Debatte – die viele in der Jugendarbeit Tätige frappant an die "Komasauf-Debatte" vor einigen Jahren erinnert – zu mehr als 300 Workshops aufraffen könnte. Sie sind ein guter Anfang. Doch ein Workshop macht noch keine Integration und Lebensperspektive.

 

Es fehlt das Geld

 

Für Schulsozialarbeit braucht es keine neuen Konzepte. Es braucht den politischen Willen, die nötigen Geldmittel zur Verfügung zu stellen. Im Falle der Sicherheitsdebatte nach den Attentaten in Paris waren sie schnell gefunden, um das Innenministerium im Kampf gegen recht wenig greifbare, befürchtete Gefahren aufzurüsten. Vielleicht finden sich in einer gemeinsamen Anstrengung von Unterrichtsministerin, Außenminister und Innenministerin auch die notwendigen Mittel für den Ausbau der Schulsozialarbeit. (Anna Lesnik, derStandard.at, 30.1.2015)

 

Anna Lesnik ist Geschäftsführerin des Vereins Jugend und Kultur. Der gemeinnützige Verein betreut in Niederösterreich fünf Landesberufsschulen, ein Polytechnikum und eine Neue Mittelschule, betreibt niederschwellige Jugend- und Jugendsuchtberatung, mobile Jugendarbeit und -intensivbetreuung sowie das Jugendkulturhaus Triebwerk.

 


 

OTS0034 II 31.01.2015 13:47:10

 

Walser ad Mahrer: "Billiger Integrationspopulismus bringt uns nicht weiter"

Utl.: ÖVP lehnte Antrag auf Politische Bildung als Pflichtfach im Ausschuss ab - Grüne Bildungssprecher lädt Mahrer

"Harald Mahrer reiht sich nahtlos in die Liste jener ein, die billigen Integrationspopulismus betreiben. Statt die Probleme anzugehen und überfällige Reformen durchzuführen, ergeht er sich in Allgemeinplätzen und der Forderung nach Strafen", reagiert der Grüne Bildungssprecher Harald Walser auf entsprechende Aussagen des Staatssekretärs in der Radiosendung 'Im Jounal zu Gast'.

Für Walser werde eine Scheindebatte geführt, statt die Probleme an der Wurzel zu packen. "Warum gelingt in anderen Ländern die Integration besser? Weil dort das Schulsystem entsprechende Fördermaßnahmen ermöglicht", so der Grüne Abgeordnete, der anfügt: "Wenn Mahrer ernsthaft 'kein besseres Schulsystem' als das jetzige kennt, dann lade ich ihn gerne auf eine Reise ein: nach Südtirol, Finnland oder die Niederlande."

Ein pikantes Detail zeige wie unglaubwürdig die Aussagen Mahrers seien. "Noch diese Woche hat die Mahrer-ÖVP im Unterrichtsausschuss einen Grünen Antrag auf Einführung von Politischer Bildung als Pflichtfach abgelehnt. Seinen Aussagen sind daher nichts weiter als heiße Luft."

Rückfragehinweis: Die Grünen  Tel.: +43-664-1070703 mailto:bundesbuero@gruene.at

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/14446/aom


OTS0099 II 02.02.2015 11:58:24

Walser: Budgetloch im Bildungsressort war schon lange absehbar

Utl.: Grüne: ÖVP soll Schmierenkomödie beenden und 300 Millionen für Bildung statt für Innenministerin zur Verfügung stellen

"Wenn die ÖVP nun plötzlich ausreitet, um das fehlende Bildungsbudget zu beklagen und dies alleine auf die Unfähigkeit der Bildungsministerin zurückführt, dann ist das eine billige Schmierenkomödie", ärgert sich der Bildungssprecher der Grünen, Harald Walser, über die Äußerungen von ÖVP-Generalsekretär Blümel und Staatssekretär Mahrer. Es sei schließlich die ÖVP gewesen, die jahrelang Reformen blockiert hat und damit einen Löwenanteil an den dadurch verschleuderten Millionen zu verantworten hat. "Auch die ÖVP hat dem Projekt der Neuen Mittelschule zugestimmt, weil sie ein Mittel war, um den eigentlich notwendigen Reformschritt in Richtung Gemeinsame Schule zu verhindern" betont Walser. Dass sich in diesem Jahr ein großes Loch im Bildungsbudget auftun würde, war schon lange absehbar: "Ich habe auch im Nationalrat mehrfach darauf aufmerksam gemacht. Wenn mir das also klar war, hat die ÖVP als Regierungspartner entweder geschlafen oder das kommende Desaster bewusst in Kauf genommen."

Überhaupt nicht einzusehen sei, dass die ÖVP das Bildungsministerium verhungern lässt, aber für die von ihr geführten Ressorts die Millionen bei Bedarf ruckzuck aus dem Hut zaubern könne. "Wenn die ÖVP tatsächlich die 'beste Bildung' für unsere Kinder will, dann soll sie doch den ersten Schritt setzen und die der Innenministerin Mikl-Leitner zugeschobenen 300 Millionen sofort dem Bildungsressort zur Verfügung stellen", fordert Walser.

Rückfragehinweis: Grüner Klub im Parlament Tel.: +43-1 40110-6697  mailto:presse@gruene.at

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/100/aom


 

Mit freundschaftlichen Grüßen

 

Kurt Schober

Klubsekretär

SPÖ-Parlamentsklub

01/40110-3569

0664 / 44 45 005

kurt.schober@spoe.at

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen