Dienstag, 3. Februar 2015

Bildungsnewsletter 3. Februar 2015, 2. Teil


APA0236 II, XI 03.02.2015 12:17:19

 

Bildungsbudget: Mahrer will "Kosten-Nutzen-Rechnung"

Utl.: Bildungsreform-Arbeitsgruppe brauche Zahlen am Tisch

 

Wissenschafts-Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) hat am Dienstag in Eisenstadt seine Forderung an Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) nach einem "doppelten Kassasturz" beim Bildungsbudget bekräftigt. "Das heißt, ich hätte gerne eine Kosten-Nutzen-Rechnung und natürlich das Endergebnis der Neuen Mittelschule-Evaluierung endlich am Tisch", so Mahrer vor Journalisten.

Er habe vor Weihnachten mit der Ministerin besprochen, "dass das eine gute Idee wäre", meinte Mahrer: "Sie hat dann selber medial gesagt, sie ist dafür, sie wird das machen." In der Arbeitsgruppe zur Bildungsreform brauche man diese Zahlen - "und zwar nicht nur Globalzahlen".

Diese Fakten seien notwendig, um in eine strategische Debatte zu gehen. Er sei da im Vergleich zu anderen Playern "sehr analytisch orientiert", sagte Mahrer: "Ich will immer gerne einmal alle Fakten am Tisch haben, dann will ich die bewerten und dann bin ich der Meinung, kann man eine Strategie bauen. Sonst ist das wieder ein Herumdoktern."

"Ja, es ist richtig, dass der Finanzminister weiß, dass sie ein Budgetproblem hat. Das wissen wir auch. Aber wir würden gerne wissen, wie das im Detail ausschaut", erklärte der Staatssekretär. Mit Globalzahlen alleine könne man nicht agieren. "Ich würde eben gerne wissen, welche Budgetmittel bedingen welche Wirkungen? Stellen sich die Dinge so ein, wie wir sie gerne hätten? Und wenn nicht, dann muss man den politischen Mut haben und sagen: Dann mach' ma's anders. Dann tun wir vielleicht irgendwo etwas weg und schichten es um, wo die Mittel besser eingesetzt sind", so Mahrer.

Diese Debatte werde man führen. Er sehe das "ganz emotionslos. Ich wundere mich eher über den medialen Wirbel. Weil ich habe nur das eigentlich wiederholt, was sie (die Unterrichtsministerin, Anm.) selber gesagt hat", so Mahrer.

 


 

APA0149 II, XI 03.02.2015 10:32:10

 

Angewandte-Rektor wünscht sich Unterricht in Grundwerten

Utl.: Bast: "Freiheit Gleichheit, Solidarität, Toleranz" sollten fächerübergreifend in Projektwochen thematisiert werden - Kritik an Sicherheitspaket

 

Für die stärkere Vermittlung von "sogenannten europäischen Werten, also Freiheit Gleichheit, Solidarität, Toleranz" an Schulen spricht sich der Rektor der Universität für Angewandte Kunst in Wien, Gerald Bast, in einem Interview im "Standard" (Dienstag-Ausgabe) aus. Diese Themen sollten in jedem Semester in einer fächerübergreifenden Projektwoche angesprochen werden.

 

Grundwerte würden momentan "nur in einer marginalen Form unterrichtet", so Bast. Das würde auch von Politikern so gesehen, im Bildungsbereich fehle aber das Geld. "Trotzdem wurde im Rekordtempo ein Sicherheitspaket um 290 Millionen Euro durchgewinkt. Das ist der falsche Ansatz", sagte der Vizepräsident der Universitätenkonferenz (uniko).

 

Den Rahmen für die Vermittlung der Grundwerte sollten jedenfalls nicht "Fünfzig-Minuten-Einheiten" bilden. "Es könnte jedes Semester eine Projektwoche stattfinden, an der diese gesellschaftlichen Werteskalen in Theorie und Praxis in unserer konkreten Lebenswirklichkeit behandelt werden. So etwas sollte es von der ersten Klasse bis zur Matura geben", so Bast. Das sei "mindestens so wichtig wie das große Einmaleins".

 


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 27 vom 03.02.2015               Seite: 3

 

„Das ist ein Weckruf“

 

   Das Gefährliche an der Pegida-Bewegung sei, dass sie alle Muslime in einen Topf werfe, sagt Soziologin Edit Schlaffer. Gleichzeitig plädiert sie dafür, Probleme zu benennen. Warum viel zu lang „strategisch“ weggeschaut wurde.

 

   maria zimmermann Steigende Angst vor radikalen Islamisten, Pegida auch in Österreich und Gegendemonstranten: Driftet unsere Gesellschaft immer weiter auseinander? Schlaffer: Wir sind an einem sehr kritischen Punkt angelangt. Die Attraktivität der radikalislamistischen Tendenzen können wir nur auf dem Hintergrund eines globalen Szenarios verstehen: Es geht um soziale Ungleichheit, die immer stärker sichtbar und erfahrbar wird. Das ist ein Weckruf. Auf der anderen Seite steigt die Verunsicherung, ohne die eine Bewegung wie Pegida nicht möglich wäre. Pegida schießt sich auf alle Muslime ein – ohne zu differenzieren. Darin sehe ich die Gefahr. Pegida bedient sich einer Schwarz-Weiß-Malerei, die exakt das Denken ihrer Feinde, der radikalen Islamisten, reflektiert. Insgesamt wurde Pegida zu einem Sammelbecken für diffuse Unzufriedenheit, das ist das Explosive daran. Wie mit Pegida umgehen? Möglichst gelassen. Man gibt ihnen zu viel Raum. Müssen wir PR für sie machen? Gleichzeitig bin ich absolut gegen eine unkritische Betrachtung der Problemlage – das haben wir viel zu lang gemacht.

 

    Was kann man gezielt gegen Radikalisierung tun? Gegen Radikalisierung muss die gesamte Gesellschaft aufstehen. Es geht uns alle an, weil wir uns alle fragen müssen: Wie kann das in unserer Mitte passieren? In unserer offenen Gesellschaft? Die Frage ist, wie kann man dem entgegenarbeiten? Fest steht, dass es sich dabei um ein langfristiges Investment handelt. Kontraproduktiv wäre es, jetzt Maßnahmen zu setzen, die nur bis zur nächsten Wahl wirken. Schnelle Lösungen gibt es da nicht. Und: Für Integration ist ein erweiterter Bildungsbegriff nötig, denn Bildung hat Zugkraft, aber es geht auch um Bildung jenseits des Klassenzimmers. Wenn wir die Eltern nicht hereinholen, sind wir weiter auf der Verliererseite. Es wird viel über „Integrationsunwilligkeit“ und Strafen für Eltern geredet, die nicht mit der Schule kooperieren. Halten Sie das für sinnvoll? Ich halte es für einen fragwürdigen Ansatz, weil Familien damit eine zusätzliche Stigmatisierung erleben oder es so empfinden, und so wird die Isolation verstärkt. Eltern von Problemkindern sind unerreichbar? Da haben wir ja schon aufgegeben und können unser psychologisches Instrumentarium gleich einpacken. Wir müssen neue Dialogwege gehen, Eltern etwa nicht vorladen, sondern soziale Begegnungsflächen schaffen. Dialog ist der richtige Ansatz und er muss auf eine breite Basis gestellt werden. Das kann die Schule allein sicher nicht leisten, der Brückenschlag zu den Eltern ist ganz besonders bei der Terrorprävention entscheidend. Interessanterweise kommt in der gesamten Sicherheitsdebatte – von mehr Überwachung bis zu Hochrüstung – ein Element nicht vor: die Familie, wo das Problem oft beginnt. Eltern werden alleingelassen mit Kindern, die abdriften. Sie sind die Ersten, die die Alarmsignale sehen und nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Sie brauchen massiv Unterstützung. Man muss diese Familien aus der Isolation holen. Man muss versuchen, mit Eltern ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und sie als Verbündete zu gewinnen. Das ist das entscheidende, aber fehlende Element in der Früherkennung von Radikalisierung. Ist die Deradikalisierungshotline ein erster Ansatz? Die Hotline ist wichtig. Aber wenn da wer anruft, brennt ja schon der Hut! Man muss die Leute früher auffangen. Schule und Familie sind da nicht voneinander zu trennen. Väter und Buben, die nicht mit Lehrerinnen reden, muslimische Mädchen, die nicht mitturnen und -schwimmen dürfen. Inwiefern hat man da zu lang weggeschaut? Teils war das ein strategisches Wegschauen, weil man die Stimmen der Migranten brauchte und sie nicht zu sehr verärgern wollte. Dann hat dieses Verdrängen auch mit Österreichs Geschichte zu tun: Wir sind sehr vorsichtig im Umgang mit Minderheiten. Im Umgang mit extremistischen Gruppen brauchen wir kritisches Denken, und nicht nur bei „den anderen“, das muss bei uns allen geschärft werden, denn es ist im Grunde unsere einzige Waffe. Wir schauen auch weg beim Machismo, der jetzt beklagt, aber nie konsequent bekämpft wurde und der nicht nur im muslimischen Bereich anzusiedeln ist.

 

    Sind gesellschaftliche Konflikte, wie wir sie derzeit erleben, überhaupt lösbar? Ich hoffe es. Es geht ja um emotionale Fragen, die wir unbedingt versachlichen müssen: Zusammenleben, aber wie? Es geht um eine ehrliche Debatte in der Einwanderungspolitik, dass wir auf Basis von Fakten und nicht auf Basis von Klischees debattieren. Die Schule ist ein Mikrokosmos, der gesellschaftliche Probleme reflektiert, der geeignete Ort, Regeln zu vermitteln und Vorurteile aktiv aufzubrechen. Da geht kein Weg daran vorbei – für Migranten und Nichtmigranten. Wir müssen Möglichkeiten finden, diese Segregation aufzulösen. Und es geht um ein klares Bekenntnis beider Seiten: Will ich dazugehören? Die Spielregeln befolgen? Aber wir müssen das Tabu aufbrechen, wonach Zuwanderer in eine extra Kategorie fallen. Sie sind Österreicherinnen und Österreicher wie wir alle. Wenn wir eine offene Gesellschaft bleiben wollen, darf es keine Ausnahmeregeln geben. Edit Schlaffer ist Sozialwissenschafterin und Gründerin von „Frauen ohne Grenzen“, die die erste weibliche Anti-Terror-Plattform „SAVE – Sisters Against Violent Extremism“ betreibt.

 


 

"Der Standard" vom 03.02.2015                                Seite: 8

 

INTERVIEW: Lisa Kogelnik : Gerald Bast (59) ist Rechtswissenschafter und seit 2000 Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien.

 

„Müssen Umgang mit Ungewissheit erlernen“

   Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst in Wien, fordert eine stärkere Vermittlung europäischer Werte an Schulen und Universitäten, um Jugendliche gegen Radikalisierung zu immunisieren. Das geringe Uni-Budget mache ihn zum Pragmatiker.„“

 

   Standard: Nach den Terroranschlägen auf „Charlie Hebdo“ fordern Sie eine stärkere Verankerung der aufklärerischen Werte Europas an Schulen und Universitäten. Wie kommen Sie darauf, dass diese nicht gelehrt werden?

 

   Gerald Bast: Sie werden nur in einer marginalen Form unterrichtet. Wir haben auch von Politikern und Politikerinnen gehört, dass es Mängel gibt. Gleichzeitig wurde gesagt, dass wir kein Geld haben. Trotzdem wurde im Rekordtempo ein Sicherheitspaket um 290 Millionen Euro durchgewinkt. Das ist der falsche Ansatz. Wir erleben ein Problem im Umgang mit unseren sogenannten europäischen Werten, also Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Toleranz. Die Schüler hören vielleicht, dass es so etwas wie die europäische Erklärung der Menschenrechte gibt. Es geht aber um viel mehr.

 

   Standard: Wie sollte stattdessen unterrichtet werden?

 

   Bast: Insbesondere sollte es Unterricht in Grundwerten geben, und zwar nicht getrennt nach Fächern und in Fünfzig-Minuten-Einheiten. Es könnte jedes Semester eine Projektwoche stattfinden, an der diese gesellschaftlichen Werteskalen in Theorie und Praxis in unserer konkreten Lebenswirklichkeit behandelt werden. So etwas sollte es von der ersten Klasse bis zur Matura geben. Das ist mindestens so wichtig wie das große Einmaleins.

 

   Standard: Wieso sollte Projektunterricht über die Werte der Aufklärung der Faszination Jugendlicher für radikale Ideologien, wie sie etwa die IS propagiert, entgegenwirken?

 

   Bast: Das Erschreckende ist, dass Menschen, die mehr als zehn Jahre in unserer sogenannten aufgeklärten westlichen Gesellschaft sozialisiert wurden, fasziniert sind von der IS, aber auch von rechtsradikalen Ideologien. Diese Ideologien befriedigen die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Dort gibt es keine Zweifel. Gewissheit ist die Domäne aller Fundamentalisten, egal wo. Wir müssen den Umgang mit Ungewissheit erlernen. Dafür sind die Künste zentral. Sie akzeptieren, dass Unsicherheit ein zivilisatorisches Element ist.

 

   Standard: Sie schlagen also mehr Kunstunterricht vor?

 

   Bast: Das muss interdisziplinär angelegt sein. Mit Kunst, Geschichte, Philosophie, Geografie und Wirtschaftskunde. Wir brauchen einen dramatischen Paradigmenwechsel im Bildungssystem. Mit dieser Fragmentierung von Bildung kommen wir nicht weiter, das gilt auch für die Universitäten.

 

   Standard: Was würden Sie an den Universitäten ändern?

 

   Bast: Die Fragmentierung der Wissenschaften war zum Teil als Voraussetzung für den unglaublichen Zugewinn an Wissen notwendig. Dabei sind Instrumente verloren gegangen, um die Zusammenschau zwischen diesen vielen großen Wissenstürmen zu ermöglichen. Wir brauchen Leute, die zwischen den Disziplinen vermitteln. Dazu wäre ein Pilotstudium in ein oder zwei großen Universitätsstädten notwendig, wo so etwas auf Bachelorebene vermittelt wird. Es soll einen Überblick und Vermittlungsfähigkeit zwischen Sozial-, Wirtschafts-, Geistes-, Kulturwissenschaften und Natur und Technik geben.

 

   Standard: Warum braucht man ein eigenes Studium? Warum nicht einfach die Zusammenarbeit verbessern?

 

   Bast: Es braucht einen institutionellen Rahmen. Derzeit finden wissenschaftliche Karrieren nur in Disziplinen statt. Es ist sehr schwer, interdisziplinäre Forschung zu machen. Im Mittelpunkt der Forschung sollten die großen Herausforderungen unserer Gesellschaft stehen: Wie gehen wir mit Migration und Freiheit um? Was bedeutet die Digitalisierung? Was Alter und Krankheit, Gesundheit?

 

   Standard: Als es um die Uni-Budgetverhandlungen ging, haben Sie mindestens eine Milliarde mehr für die Jahre 2016 bis 2018 gefordert. Es wurde ein geringes Budgetplus von 615 Millionen Euro. Welche Konsequenzen hat das?

 

   Bast: Wir können damit den Status quo weiterführen, aber wir können die anderen nicht überholen. Das ist die konkrete Politik, und offenbar haben die Wissenschaften und die Künste noch immer zu wenig Lobby in diesem Land und in Europa.

 

   Standard: Eine Lobby wäre auch die Universitätskonferenz, deren Vizepräsident Sie sind. Die Uniko war mit den 615 Millionen zufrieden. Proteste sind ausgeblieben. Warum?

 

   Bast: Man wird zum Pragmatismus gezwungen.

 

   Standard: Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Sie beklagen, dass die Wissenschaft keine Lobby hat, akzeptieren aber das geringe Budget. Wie soll das Geld mehr werden?

 

   Bast: Man muss zugestehen, dass Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner ein völliges Abstürzen der Universitäten verhindert hat. Wenn diese 615 Millionen nicht gekommen wären, dann können Sie sicher sein, hätte es von den Universitäten einen riesigen Aufschrei gegeben. Ich bin der Meinung, dass wir mit Politikerbashing nicht weiterkommen. Die Politiker spiegeln nur das wider, was in der Bevölkerung als Grundstimmung herrscht. Wir können in diversen Studien nachlesen, dass Wissenschaft und Kunst einen marginalen Stellenwert haben. Die Frage ist, wie Druck auf die Politik ausgeübt werden kann, wenn sie weiß, dass in der breiten Bevölkerung Wissenschaft gar nicht das zentrale Thema ist.

 

   Die Politiker spiegeln nur das wider, was in der Bevölkerung als Grundstimmung herrscht.

 

Bild: „Gewissheit ist die Domäne aller Fundamentalisten“, sagt

      Rektor Gerald Bast. Er schlägt Projektwochen an Schulen vor,

      bei denen die Werte der Aufklärung vermittelt werden sollen. Bild: Foto: Hendrich

 


 

Mit freundschaftlichen Grüßen

 

Kurt Schober

Klubsekretär

SPÖ-Parlamentsklub

01/40110-3569

0664 / 44 45 005

kurt.schober@spoe.at

 

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