Montag, 30. März 2015

2015.03.31: Newsletter Bildung

Die Presse – 31. März 2015

 

 

ÖVP: Pro-Gymnasium-Linie „bedauerlich“

Im Westen des Landes ist man enttäuscht, dass im neuen Parteiprogramm das Gymnasium festgeschrieben wird. „Wir hätten uns mehr erwartet“, heißt es aus Vorarlberg und Tirol.

von Bernadette Bayrhammer  

Bregenz/Innsbruck/Salzburg. Dass die Schule im neuen ÖVP-Parteiprogramm für gröbere Diskussionen sorgen würde, war absehbar. Kritisiert wird aber nun nicht ein etwaiger bildungspolitischer Schwenk – sondern wieder: Stillstand. Immerhin haben sich viele erwartet, dass die Volkspartei unter Reinhold Mitterlehner von der bisherigen strikten Pro-Gymnasium-Linie abrücken würde. Das ist nicht passiert. Im Gegenteil: Im Entwurf des Programms bekennt man sich zur „differenzierten Schule“ und zum „Erfolgsmodell Gymnasium“.

In den ÖVP-geführten Ländern Tirol und Vorarlberg – die mit ihren (teils geplanten, teils schon umgesetzten) Modellversuchen zur Gesamtschule bildungspolitisch vorgeprescht sind, will man die Enttäuschung darüber nicht verhehlen.

„Ich hätte mir mehr erwartet, was eine Weiterentwicklung der Schule der Zehn- bis 14-Jährigen betrifft“, sagt die Vorarlberger Bildungslandesrätin Bernadette Mennel (ÖVP) im Gespräch mit der „Presse“. „Es gibt hier unterschiedliche Haltungen in der Volkspartei – auf Bundesebene hat sich jetzt offenbar jene Gruppierung durchgesetzt, die die Beibehaltung des achtjährigen Gymnasiums sehr vehement fordert.“

„Festgesetzte Meinungen“

Ganz ähnlich äußert sich Tirols Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP). „Das ist bedauerlich“, sagt sie im Gespräch mit der „Presse“. „In manchen Punkten wurden festgesetzte Meinungen und alte Positionen weitergetragen.“ Sie sei auch für eine differenzierte Schule der Zehn- bis 14-Jährigen – aber eben in einer Gesamtschule, in der entsprechend individualisiert werde. „Das hat in diesem Entwurf leider nicht Platz gefunden.“

Sowohl in Vorarlberg als auch in Tirol will man aber am eigenen Weg festhalten. Ende Mai wird in Vorarlberg der zweite Teil der Gesamtschulstudie präsentiert, in dem sich Empfehlungen für die Politik finden, anhand derer ein konkreter Vorschlag für einen Modellversuch ausgearbeitet wird. Aus Tirol heißt es: „Wir werden weiter an der Modellregion Zillertal arbeiten. Vielleicht werden die Ergebnisse ja dann doch überzeugen.“ In der Region – in der es ohnehin kein Gymnasium gab – wird seit Herbst für die Gesamtschule geübt. Man erprobt dort, wie man besser mit unterschiedlichen Schülern in ein und derselben Klasse umgehen kann.

In Salzburg, das zuletzt auch als Teil der gesamtschulaffinen Achse im Westen des Landes galt – auch dort ist ein Schulversuch paktiert –, ist man zurückhaltender. Man wolle sich derzeit nicht zum Entwurf des Parteiprogramms äußern, heißt es aus dem Büro von Landeschef Wilfried Haslauer (ÖVP). Vielmehr wolle man sich auf das eigene neue Landesparteiprogramm konzentrieren, das in anderthalb Wochen vorgestellt wird.

Auch im Salzburger Entwurf ist–wie in dem der Bundespartei – die Rede von einem „differenzierten“ Schulsystem. Der Begriff „Gymnasium“ kommt allerdings kein einziges Mal vor.

 

 

Der Standard – 31. März 2015

 

 

Mobbing in der Schule: "Uns fehlt eine Kultur der Verantwortlichkeit"

Interview | Lisa Nimmervoll

Bildungspsychologin Christiane Spiel über Bullying, den Umgang mit intelligenten Tätern und zu wenig Schutz für die Opfer

STANDARD: Laut dem neuen OECD-Report Skills for Social Progress: The Power of Social and Emotional Skills" hat Österreich im Vergleich von 27 Ländern die höchste "Bullying"-Rate. Hierzulande wird einer von fünf Buben (21 Prozent) in der Schule gemobbt oder schikaniert, dieser Anteil ist doppelt so groß wie im OECD-Schnitt (20 Prozent) und fünfmal größer als in Schweden, wo die Mobbingrate bei nur vier Prozent liegt. Überrascht Sie diese hohe Rate Österreichs?

Spiel: Nein. Österreich hat bei Studien über Bullying oder Mobbing in Schulen immer schon schlecht abgeschnitten. Gewalt und Aggression sind ernst zu nehmende Probleme an österreichischen Schulen, wie wir aus internationalen Studien, aber auch aus eigenen Forschungen wissen. Diese hohen Gewaltraten waren auch der Grund, warum unser Institut 2007 von der damaligen Unterrichtsministerin Claudia Schmied beauftragt wurde, eine nationale Strategie zur Gewaltprävention zu entwickeln. Das Ergebnis war die Initiative "Weiße Feder - Gemeinsam für Fairness und gegen Gewalt".

STANDARD: Der OECD wird oft vorgeworfen, sie würde nur einen quantitativen Maßstab an die Schule anlegen. Nun schaut sie sich auch soziale Kompetenzen an. Warum ist Gewalt ein genuines, wichtiges Schulthema?

Spiel: Weil Gewalt langfristige Folgen für Opfer und für Täter hat. Die Opfer leiden oft an Depressionen, die Täter zeigen überdurchschnittlich häufig antisoziales Verhalten wie Alkohol- und Drogenkonsum, Delinquenz, werden also straffällig. Aber auch die Schülerinnen und Schüler, die selbst gar nicht aktiv an Gewalthandlungen teilnehmen, haben langfristig Nachteile. Wenn sie nicht lernen, wie Gewalt zu verhindern ist, werden sie auch als Erwachsene kaum Zivilcourage zeigen. Insofern ist Gewalt in der Schule nicht "nur" das Problem einzelner Schülerinnen und Schüler, sondern ein Problem der Gesellschaft.

STANDARD: Was ist denn, auch für die wissenschaftliche Erhebung, alles unter Bullying zu verstehen?

Spiel: Neben physischer und verbaler Gewalt gehört auch Beziehungsgewalt dazu, wie Ausgrenzen, Gerüchte verbreiten, Handlungen, die oft nicht als Gewalt gesehen werden; in den letzten Jahren auch zunehmend Cyberbullying. Es ist wichtig, das klar zu benennen, Grenzen zu setzen und etwas zu tun. Darum sind die Hauptziele der Gewaltpräventionsstrategie, Gewalt überhaupt als solche zu erkennen, zu wissen, was man dagegen tun kann, und das auch umzusetzen.

STANDARD: Wie ist das zu erklären, dass Mobbing in österreichischen Schulen ein so viel größeres Problem als in anderen Ländern?

Spiel: Das hat mit zwei Aspekten zu tun. Auf der einen Seite gibt es in anderen Ländern, speziell in den nordischen, viel mehr externe Unterstützung in Schulen, also Sozialarbeiter und Psychologen, die sich speziell damit beschäftigen. Aber auch die Community-Einbettung der Schulen, die stärkere Verbindung mit dem "Grätzl", kann viel beitragen zu einem friedlicheren, kooperativen Miteinander. Auf der anderen Seite muss für erfolgreiche Gewaltprävention die gesamte Schule dahinterstehen und die klare Botschaft senden: "Wir dulden keine Gewalt."

STANDARD: Wie gehen denn Lehrerinnen und Lehrer in Österreich mit Bullying in ihren Klassen um? Sind Sie darauf vorbereitet?

Spiel: Wir haben eine Erhebung unter Lehrerinnen und Lehrern gemacht und gefragt, was sie im Gewaltfall tun. Es hat sich gezeigt, dass das Wissen sehr eingeschränkt ist. Meistens kam: den Täter bestrafen. Dabei sollte die erste Reaktion der Schutz des Mobbingopfers sein. Das Thema muss daher verpflichtender Teil der Pädagogenausbildung werden. Wie führe ich z. B. ein Gespräch mit einem intelligenten Täter? Wie etabliere ich Gewaltprävention in meiner Schule?

STANDARD: Was können Programme zur Prävention von Gewalt und Mobbing in den Schulen konkret leisten?

Spiel: Gewaltprävention verbessert nicht nur das Klassenklima, sondern fördert auch Motivation und Leistung und ist damit eine wichtige Aufgabe unserer Gesellschaft. Schülerinnen und Schüler, die in einem Umfeld aufwachsen, das nichts gegen aggressives Verhalten unternimmt, gehen auch nicht gerne in die Schule, sind weniger motiviert und haben schlechtere Noten.

STANDARD: Wie sieht die von Ihnen erarbeitete Gewaltpräventionsstrategie aus?

Spiel: Ziel ist eine nachhaltige Verankerung, daher wurde nicht nur die Schule fokussiert. Wir haben mehrere Aktivitätsbereiche definiert - vom notwendigen politischen Bekenntnis über Öffentlichkeitsarbeit mit zielgruppenspezifischen Informationen, Leitfäden für konkrete Situationen und Weiterbildungsseminaren bis zur begleitenden Evaluation und Forschung.

STANDARD: Welche Erfahrungen haben Sie und Ihr Team bei der Implementierung dieses Anti-Gewalt-Programms in österreichischen Schulen gemacht?

Spiel: In Österreich gibt es sicher ein geringeres Commitment als in anderen Ländern, bei solchen Gewaltpräventionsprojekten mitzumachen. Während z. B. in Finnland in wenigen Jahren über 80 Prozent aller Schulen an einem ähnlichen Programm teilgenommen haben, ist die Situation in Österreich deutlich anders. So haben von den 155 Schulen der Sekundarstufe in Wien, die wir alle angeschrieben haben, sich nur 34 für eine Teilnahme beworben. 26 davon haben die Voraussetzungen erfüllt. Dazu gehörte, dass mindestens 80 Prozent des Lehrkörpers bereit waren, beim Programm mitzumachen und auch an der Evaluierung teilzunehmen.

STANDARD: Wie erklären Sie dieses mangelnde Interesse?

Spiel: Wir haben den Eindruck, dass sich Lehrkörper in Schulen oft nicht als Lehrerteams verstehen und daher generell Programme und Maßnahmen, bei denen alle mitmachen sollen, nur schwer umzusetzen sind. Gewalt ist auch ein Thema, zu dem man leicht eine ambivalente Haltung einnimmt: Sie ist an sich natürlich unangenehm und unerwünscht, aber man will auch nicht gern zugeben, dass Gewalt an der eigenen Schule ein Thema ist.

STANDARD: Es fehlt also weniger an Instrumenten als am Willen, sie zu nutzen, bzw. überhaupt am Problembewusstsein?

Spiel: Ja. Wir haben mittlerweile genügend Instrumente, nur brauchen wir dafür eine größere Verbreitung. Es gibt zum Beispiel auch ein Selbstevaluationsinstrument, mit dem Schulen das Gewaltvorkommen in einzelnen Klassen und der ganzen Schule herausfinden können. Auch dieses Instrument wird nur selten von Schulen eingesetzt. Was wir in Österreich noch immer zu wenig haben, was uns noch immer fehlt, ist eine Kultur der Verantwortlichkeit.

Christiane Spiel (53) leitet das Institut für Angewandte Psychologie an der Uni Wien und ist seit 2010 Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Psychologie. Sie wird am 23. April bei der vom ZOOM Kindermuseum in Kooperation mit dem STANDARD organisierten ZOOM Lecture zum Thema "Mobbing in der Schule" sprechen (ZOOM Kindermuseum, MuseumsQuartier, 1070 Wien, 19 Uhr, Eintritt frei).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

 

2015.03.30: Bildung

OTS0111 II 30.03.2015 12:46:35

 

AKS ad Brandsteidl: Schulreform statt Symptombekämpfung

Utl.: Schulschwänzer_innen gezielt aufzuspüren und unter Druck zu setzen, löst das eigentliche Problem nicht!

Schule/Wiener Stadtschulrat/Schwänzen/Brandsteidl/Bildung

Die Aktion kritischer Schüler_innen (AKS) ist schockiert über die Nachricht, dass der Wiener Stadtschulrat nun verstärkt gegen Schulschwänzer_innen vorgehen will. "Die vorgesehenen Maßnahmen des Stadtschulrates lösen unsere eigentlichen Probleme nicht. Wir sollten uns mehr darauf konzentrieren, den Schulalltag für alle Schüler_innen angenehmer zu gestalten. Dass es so viele Schulschwänzer_innen gibt, beweist nur, dass sich Jugendliche in der Schule nicht wohl fühlen, und Angst davor haben, in die Schule zu gehen. Symptombekämpfung hilft hier nicht weiter!", kritisiert Christina Götschhofer, Vorsitzende der AKS.

Die AKS setzt sich schon lange für eine Veränderung im Schulsystem ein. Schüler_innen gehen aus verschiedensten Gründen nicht gerne in die Schule. Diskriminierung, Mobbing und Leistungsdruck sind hierbei große Faktoren, die meist ignoriert werden. "Es muss dafür gesorgt werden, dass in den Schulen auf ein respektvolles und solidarisches Miteinander geachtet wird. Wir fordern eine Schule für alle, ohne soziale Ausgrenzungen und Diskriminierung jeglicher Form!", ermahnt Götschhofer abschließend und verweist auf die aktuelle Antirassismus-Kampagne der AKS. (Nachzulesen auf http://aks.at/)

Rückfragehinweis:
Christina Götschhofer
AKS Bundesvorsitzende
Tel: 0699/11408142
christina.goetschhofer@aks.at


Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/5430/aom

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Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
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2015.03.30: Bildung

News – 30. März 2015

 

Der Schmäh mit der Verländerung

Peter Pelinka über die Übermacht der Bundesländer

Österreich muss ein reiches Land sein. Es leistet sich neben der Bundesebene neun Landesverwaltungen, neun Pensionssysteme für deren Beamte. Es ist fast schon so föderal wie die USA – nur ein wenig kleiner.

Die Bundesländer sind allein zuständig für Baurecht, Wohnbauförderung, Raumordnung, Natur- und Landschaftsschutz, für Fremdenverkehrs- und Veranstaltungswesen, Abfallwirtschaft, Gemeinderecht, für Hort- und Kindergartenwesen. Nicht zu vergessen der Jugendschutz: Bis wann ein Jugendlicher aufbleiben oder ab wann er Alkohol und Nikotin konsumieren darf, ist unterschiedlich geregelt. Auch ein Spitalsplan wird pro Bundesland erstellt, bloß nicht gemeinsam für den „zentralistischen“ Bund. Mit ihm gibt es besonders unsinnige Überschneidungen: Jagdrecht etwa ist gänzlich Landessache, Forstrecht aber Bundessache. Gejagt wird üblicherweise im Wald – wie geschaffen für Konflikte.

Das Schulwesen leidet schon jetzt unter zwei Zuständigkeiten: die Länder für Pflichtschulen, der Bund für „höhere“. Nun soll außer allgemeinen Zielen alles „ verländert“ werden, behübscht durch mehr Autonomie für die Schulen. Realpolitisch: Es wird bald neun Schulsysteme geben, womöglich bald auch neun Steuersysteme. Eine echte Einsparung und Demokratisierung, ein echter pädagogischer Fortschritt.

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

Freitag, 27. März 2015

2015.03.27: Newsletter Bildung

"Der Standard" vom 27.03.2015                                Seite: 1

Ressort: SEITE 1

 

Bundesland, Bundesland Abend, Niederösterreich

 

 

Heinisch-Hosek: Geld für Neue Mittelschule wird nicht gekürzt

 

   Wien – Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) stellt nach widersprüchlichen Angaben während der Regierungsklausur klar: „Ghettoklassen wird es nicht geben.“ Im Interview mit dem STANDARD sagt sie, „vorbereitende Klassen“ für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen bedeuten für sie, dass die Schüler lediglich temporär aus dem Klassenverband genommen und nicht dauerhaft getrennt unterricht werden.

 

   An der Neuen Mittelschule (NMS) hält sie auch nach der negativen Evaluierung fest. Die neue Schulform habe sich seither „weiterentwickelt“. Dass die Mittel für die NMS reduziert und andernorts verwendet werden, sei vom Tisch: „Das ist durch, das wird es nicht geben. Man kann einer Schulform nicht die Mittel wegnehmen und dann glauben, dass sie dadurch besser wird.“ (red) Seite 8 Kommentar der anderen Seite 31

 

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"Der Standard" vom 27.03.2015                                Seite: 8

Ressort: Inland

 

INTERVIEW: Lisa Kogelnik, Karin Riss: Gabriele Heinisch-Hosek (53) ist Ministerin für Bildung und Frauen. Bis 2002 war sie als Lehrerin an einer Schule für Schwerhörige tätig.

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

 

„Ghettoklassen wird es nicht geben“

 

   Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) spricht sich gegen separate Klassen für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen aus. An der Neuen Mittelschule hält sie fest. „“„“

 

   STANDARD: Nach der Regierungsklausur gab es vor allem im Bereich der Sprachförderung Meinungsverschiedenheiten zwischen SPÖ und ÖVP. Wird es eigene Klassen für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen geben?

 

   Heinisch-Hosek: Ich halte nicht viel davon, dass man Kindern die Klassengemeinschaft entzieht, bis sie gut genug Deutsch können. Das ist der falsche pädagogische Zugang. Es heißt deshalb im Papier der Regierungsklausur „Deutsch vor Regelunterricht“ und nicht „Deutsch vor Schuleintritt“. Mit den neuen 90 Sprachfördermillionen, die in den Kindergarten fließen, sollte Deutsch vor Schuleintritt eigentlich bald kein Problem mehr sein.

 

   STANDARD: Integrationsminister Sebastian Kurz sieht das anders. Er ist für spezielle Klassen für Kinder mit Sprachdefiziten. Was setzt sich in der Praxis durch?

 

   Heinisch-Hosek: Ich habe nicht die Gelegenheit gehabt, von ihm sein pädagogisches Konzept dahinter zu erfragen. Ganz viele Wissenschafter und Wissenschafterinnen sa-gen, dass es nicht gut ist, die Kinder aus der Klassengemeinschaft herauszunehmen.

 

   STANDARD: Können Sie definieren, was für Sie als „vorbereitende Klasse“, wie man sie laut Regierungsübereinkommen anstrebt, gilt?

 

   Heinisch-Hosek: Kinder, die aufgrund von Sprachschwierigkeiten dem Regelunterricht nicht folgen können, sollen zeitweise herausgenommen werden können und in vorbereitenden Gruppen oder Klassen – für mich ist das als vorübergehender Raumwechsel gedacht – unterrichtet werden. Man kann die Kinder auch parallel unterrichten, indem ein zweiter Sprachlehrer in der Klasse ist. Ich will das Wort eigentlich gar nicht sagen, aber: Ghettoklassen wird es nicht geben.

 

   STANDARD: Wann kommt das zweite verpflichtende Kindergartenjahr?

 

   Heinisch-Hosek: Ich wünsche es mir, und zwar gratis.

 

   STANDARD: Das war bei unserem letzten Interview, vergangenen Oktober, auch schon so. Auch die ÖVP wünscht es sich seit langem. Verstehen Sie den Frust vieler Eltern, die warten und warten, aber es kommt nicht?

 

   Heinisch-Hosek: Da müsste man auch mit der Familienministerin sprechen, das fällt in ihre Kompetenz. Aber natürlich ist das unsere gemeinsame Verantwortung. Trotzdem: Das derzeitige letzte verpflichtende Kindergartenjahr kostet den Bund 70 Millionen Euro. Für ein weiteres Jahr wäre etwa die gleiche Summe notwendig. Und die muss erst aufgestellt werden.

 

   STANDARD: Themenwechsel: Jetzt ist Österreich endlich einmal Erster, und Sie haben dennoch keinen Grund zu jubeln. Was leiten Sie aus dem jüngsten OECD-Bericht ab, der Österreich in Sachen Mobbing unter Schulbuben auf Platz eins sieht?

 

   Heinisch-Hosek: Diese Daten sind bereits aus dem Jahr 2009, das muss man schon dazusagen. Seither hat sich bereits viel getan: unsere Anti-Mobbing-Strategie, Workshops zur Gewaltprävention beziehungsweise für das Selbstbewusstsein der Kinder, Fortbildungen für die PädagogInnen. Aber auch die Expertinnen und Experten der Schulpsychologie stehen mit Rat und Tat zur Seite.

 

   STANDARD: Sie hätten gerne 100 Schulpsychologen mehr. Wann kommen die?

 

   Heinisch-Hosek: Das würde fünf bis sechs Millionen Euro mehr pro Jahr kosten. Das kann ich aus dem laufenden Budget nicht aufbringen. Wir haben derzeit 160 Schulpsychologen, hundert mehr müssten schon sein. Ich hab von Finanzminister Hans Jörg Schelling dafür aber noch kein Okay.

 

   STANDARD: Hundert mehr sind ohnedies nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Gewerkschaft nennt als Untergrenze 13.000 zusätzliche Unterstützungskräfte für die Schulen.

 

   Heinisch-Hosek: Die 13.000 sind sowieso illusorisch. Ich denke, um hundert Schulpsychologen aufzustocken wäre ein erster, wichtiger Schritt. Es ist immer auch die Frage, wie viele Sozialarbeiter sich die Länder leisten. Der Bund hat mit 120.000 Lehrerinnen und Lehrern den Plafond erreicht. Natürlich würde ich den Schulen 1000 Schulpsychologen gönnen. Das gibt das Budget aber nicht her.

 

   STANDARD: Stichwort Verländerung der Lehrer: Bis vor kurzem waren Sie noch vehement dagegen. Jetzt, untermauert von einem neuen Expertenpapier zur Verwaltungsreform in den Schulen, können Sie sich doch vorstellen, dass alle Lehrer bei den Ländern angestellt sind. Warum?

 

   Heinisch-Hosek: Ich bin keine Freundin der Verländerung. Auch wenn ich keinem Landeshauptmann unterstellen würde, dass es ihm um Macht geht. Es geht um die Kinder. Ich möchte jetzt aber erst einmal dieses Papier zur Verwaltungsreform bewertet haben. Das empfiehlt vor allem, dass man den Schulen mehr Freiraum geben soll, das steht für mich im Vordergrund. Meine Meinung ist: Die autonome Schule kann nur dann gut gelingen, wenn sie verschränkt ganztägig geführt wird.

 

   STANDARD: Das wäre also der Abtausch: verschränkte Ganztagsschule gegen Verländerung?

 

   Heinisch-Hosek: Es geht um Überzeugungsarbeit. Bildungsbenachteiligte Kinder können nur aus dem Defizit herauskommen, wenn man sie den ganzen Tag über gut betreut. Das erkennt die Wirtschaft schon lange. Bedingungen stellen ist hier der falsche Weg, ich will überzeugen.

 

   STANDARD: Auch zur Neuen Mittelschule gab es einen Bericht. Die Hauptaussage: Die neue Schulform erfüllt die Erwartungen nicht, das Niveau ist im Durchschnitt nicht besser als das der Hauptschulen. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

 

   Heinisch-Hosek: Ab Herbst gibt es mehr Autonomie für Neue Mittelschulen. Ich bin keine Freundin davon, ein System, das ins Regelschulsystem übergeführt wurde, jetzt zurückzufahren. Das pädagogische Konzept ist inhaltlich sehr gut und braucht noch etwas Zeit. Seit der Evaluierung hat sich die Neue Mittelschule weiterentwickelt. Trotzdem müssen auch die Rahmenbedingungen passen. Ich bleibe dabei: Ich hätte gerne eine gemeinsame Schule bis 14 Jahre.

 

   STANDARD: Ihr Argument, dass sich die NMS weiterentwickelt, wird durch die Evaluierung widerlegt. Die erste Generation der Schulen schneidet wesentlich besser ab als die zweite.

 

   Heinisch-Hosek: Bei der ersten Generation haben die Länder gefragt, wer teilnehmen möchte. Die Schulen haben sich freiwillig gemeldet. In der zweiten Generation gab es ein Bundesland, das alle Hauptschulen angemeldet hat, ich weiß nicht, ob die alle Hurra geschrien haben.

 

   STANDARD: Die Schlussfolgerung Ihrer Vorgängerin war aber: Jetzt müssen alle Hauptschulen zur Neuen Mittelschulen werden.

 

   Heinisch-Hosek: Ja, aber seither werden die Schulen ganz anders begleitet. Wir haben an jedem Standort speziell ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen, die am Schulstandort beraten und unterstützen. Die Schulen sind dadurch, dass die sechs Zusatzstunden jetzt autonom eingesetzt werden können und nicht mehr nur in den Fächern Englisch, Deutsch und Mathematik, flexibler.

 

   STANDARD: Ist es denkbar, dass die Mittel für die NMS reduziert und andernorts verwendet werden?

 

   Heinisch-Hosek: Das ist durch, das wird es nicht geben. Ich konnte die sechs zusätzlichen Stunden gegenüber dem Koalitionspartner sichern. Man kann einer Schulform nicht Mittel wegnehmen und dann glauben, dass sie dadurch besser wird. Alle waren dafür, dass die Neue Mittelschule zur Regelschule wird.

 

   STANDARD: Was soll bis zum 17. November – laut Kanzler ein „Glückstag“ – passieren?

 

   Heinisch-Hosek: Vorgesehen ist ein Ministerratsbeschluss, wie der Weg künftig sein soll. Aber eine Schulverwaltungsreform ist noch keine Bildungsreform. Bis 17. November wollen wir einen Weg zur Entflechtung dieser Verwaltungsstrukturen haben. Parallel dazu müssen wir darüber reden, wie ein Kind vom Bildungssystem begleitet werden soll, wie Benachteiligungen überwunden werden können und wie wir es schaffen, dass kein Kind zurückbleibt. Das ist Bildungsreform.

 

   STANDARD: Eine deutsche Schülerin hat es vor wenigen Monaten sinngemäß so formuliert: Ich kann zwar Gedichte rezitieren, aber wie ich einen Mietvertrag prüfe, weiß ich nicht. Braucht es mehr lebenspraktisches Lernen?

 

   Heinisch-Hosek: Unbedingt. Auch die standardisierte Reifeprüfung soll Kompetenzen überprüfen. Angehende Lehrer und Lehrerinnen lernen das in der PädagogInnenbildung neu. Der Justizminister und ich überlegen gerade, wie wir den Schülern das österreichische Rechtssystem näherbringen können. Die Lehrpläne geben diese Lebenspraxis bereits schon jetzt her. Aber viele haben den Mut zur Lücke nicht. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, Schwerpunkte zu setzen.

 

   STANDARD: Finnland schafft demnächst die Schulfächer ab: für Sie denkbar?

 

   Heinisch-Hosek: Das ist spannend, aber die sind uns dreißig Jahre voraus. Die Änderung des Bildungssystems geht nur langsam, das ist ein riesiger Tanker. Vielleicht beschließen wir im Jahr 2025, dass wir keine Fächer mehr brauchen.

 

    Kommentar der anderen Seite 31

 

   Natürlich würde ich den Schulen 1000 Schulpsychologen gönnen. Das gibt das Budget aber nicht her.

 

   Vorbereitende Klassen?

 

   Für mich ist das ein vorübergehender Raumwechsel.

 

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"Der Standard" vom 27.03.2015                               Seite: 31

Ressort: Kommentar der anderen

 

Josef Christian Aigner: Josef Christian Aigner ist Psychoanalytiker und Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Innsbruck.

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

 

Der blinde Fleck der Genderideologie

 

   Europaweit weist Österreich die meistgemobbten Buben in Schulen auf, doch die Unterrichtsministerin schweigt zu diesem Thema. Über den einseitigen Blick auf Geschlechterfragen, der Gewalt gegenüber Buben auch in der Forschung marginalisiert.

 

   Jetzt habe ich der Unterrichtsministerin bewusst drei Tage Zeit gegeben, ob und wie sie auf die dieser Tage veröffentlichten Pressemeldungen über Österreichs traurige OECD-Führungsrolle im Mobbing und Bullying an Schulen reagiert, wonach hierzulande von allen 27 europäischen Ländern vor allem elf- bis 15-jährige Buben am meisten betroffen sind – und dies fast doppelt so häufig wie Mädchen.

 

   Nicht auszudenken, wie die Frauenministerin wohl aufgeschrien hätte, wenn so ein Ergebnis Österreichs Mädchen beträfe! Als Unterrichtsministerin ist sie aber für einen so skandalösen Umstand unabhängig vom Geschlecht der Betroffenen zuständig. Dennoch war das Frau Heinisch-Hosek keinerlei Pressenotiz wert. Sind männliche Schüler der Frauen-Unterrichtsministerin kein Anliegen? Ist es ihr egal, wenn Österreich bei einem schulischen Missstand wie diesem die rote Laterne in Europa trägt?

 

   Dann würde sich Frau Heinisch-Hosek als eine jener vielen „Gender“-Politikerinnen entpuppen, die der einseitigen Anschauung – gemeinhin auch „Ideologie“ genannt – aufsitzen, wonach „Gender“ und „Gender-Mainstreaming“ immer nur Frauenanliegen meinen. Diese Einäugigkeit in Genderfragen ist allerdings weit verbreitet: In Tirol etwa wurde im vergangenen Dezember unter Bezugnahme auf den Internationalen Tag der Menschenrechte von Landesseite her nur der Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Familie gedacht, als ob es gegen Buben keine gäbe – was Unsinn ist: Buben sind von familiärer Gewalt (nicht sexueller Art) sogar häufiger als Mädchen betroffen – und hier wiederum etwas häufiger durch Gewalt von Frauen (weil auf Müttern mehr Erziehungsarbeit lastet). Die Vorgängerin Heinisch-Hoseks startete gar eine österreichweite Unsinnskampagne dergestalt, dass auf Plakaten und Postkarten gegen familiäre Gewalt nur der Vater als Täter ausgewiesen wurde.

 

   Gender als Frauenanliegen

 

   Der einseitige Blick auf Geschlechterfragen setzt sich bis in die Wissenschaft und in die Universitäten hinein fort, wo „Genderforschung“ in Wirklichkeit fast immer nur Frauenforschung meint und auch so gut wie ausschließlich von Frauen betrieben wird. So ungleich Professuren an Unis verteilt sein mögen, bei den Gender-Lehrstühlen kann von Verteilung gleich gar nicht die Rede sein: Von den rund 190 Gender-Lehrstühlen in Deutschland ist nur ein einziger mit einem Mann besetzt.

 

   Österreichs 18 Professuren mit einer Teil- oder Vollwidmung für „Frauen- und Geschlechterforschung / Gender Studies“ sind alle mit Frauen besetzt, in der Schweiz, die nur ein Drittel solcher Lehrstühle im Vergleich zu Österreich hat, alle sechs. Und dort, wo „Gender“ draufsteht, sind fast immer nur Frauenanliegen drin. Für „Männerforschung“ hingegen, die in Sachen Gesundheit, Familie, Väterlichkeit, Gewalt u. a. nottäte, gibt es überhaupt keine Professur.

 

   Dies alles dürfte aber kein Grund sein, dass die verantwortliche Ministerin einen derartigen Missstand zulasten der Buben ignoriert. Dies passt auch zu der einseitigen „Gendersensibilität“ in Sachen Schule, wo ja Bubenprobleme kaum oder gar nicht behandelt werden.

 

   Der „Bildungsverlierer“-Diskurs, der in nackten Zahlen Buben als die weithin schlechteren Schüler und Absolventen und als häufigere Repetenten ausweist, wird als „Dramatisierung von Geschlecht“ weggeredet, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, als wolle jemand der Überzahl weiblicher Lehrkräfte in Schulen etwas Schlechtes nachsagen. Aber kein seriöser Buben- oder Männerforscher spräche davon, dass Buben bewusst von irgendjemandem „benachteiligt“ würden. Es sind aber bestimmte veränderte Bedingungen und Strukturen in Schule und Gesellschaft, die offenbar vielen Buben mehr Schwierigkeiten machen als Mädchen.

 

   Spaltung überwinden

 

   Dafür hat sich eine Unterrichtsministerin zu interessieren und zu engagieren. Warum nicht einmal eine Professur für „Männer- und Geschlechterforschung“, die ihr dabei helfen könnte? Der einseitigen Ausrichtung der Genderthematik auf Frauenfragen könnte auch Abhilfe geschaffen werden, indem man Professuren einrichtet, die beide Geschlechter und die gemeinsame (!) Veränderung ihres Verhältnisses im Blick haben: So habe ich nach den jüngsten Klagen über die nur schleppende Nachbesetzung von Gender(=Frauen)-Lehrstühlen an der Uni Wien Herrn Rektor Engl geraten, er möge eine Stelle schaffen, bei der ein Experte und eine Expertin in Genderfragen ausdrücklich den Auftrag bekommen, gemeinsame Strategien von Männer- und Frauenbildung und -politik zur Förderung der Gleichberechtigung zu beforschen.

 

   Das wäre doch einmal etwas Innovatives, das die unseligen Scheuklappen und die Spaltungen zwischen Männern und Frauen in der Geschlechterpolitik überwinden helfen könnte.

 

 

"Österreich" vom 27.03.2015                                   Seite 8

Ressort: Politik

 

Isabelle Daniel

 

Wien, CityWien

 

Politik-Insider

 

 

Ostermayer zieht jetzt bei Bildungsreform die Fäden

 

Troubles. Dass SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek bei der Regierungsklausur in Krems nicht öffentlich über das Kapitel Bildung referieren durfte, löst in Teilen der ÖVP jetzt eine Debatte "über die Handlungsfähigkeit" der Ministerin aus, wie es ein VP-Stratege nennt.

 

Tatsächlich präsentierten SP-Kanzler Werner Faymann, VP-Vize Mitterlehner, SP-Kanzleramtsminister Josef Ostermayer und der schwarze Staatssekretär Harald Mahrer die Eckdaten und den Stichtag für die vorgesehene Einigung zu einer Schulverwaltungsreform.

 

Im Hintergrund dürfte jetzt jedenfalls neben der Bildungsreformgruppe mit Heinisch-Hosek und Ländervertretern immer stärker Ostermayer in die Verhandlungen involviert sein. Bis 17. November will die Regierung fertig sein.

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

Donnerstag, 26. März 2015

2015.03.26: Newsletter Bildung

Die Presse – 26. März 2015

 

 

Pension, Schule, Finanzausgleich: Alles aufgeschoben

Nach der Steuerreform vertagt die Koalition im Superwahljahr 2015 brisante Reformen. Das betrifft die Pensionen ebenso wie Schulreformen.

Wien. Das Wahljahr 2015 mit den vier Landeswahlen in der Steiermark, im Burgenland, in Oberösterreich sowie in Wien führt zu einer Lähmung der Bundespolitik in wichtigen und brisanten Bereichen. Während Bundeskanzler Werner Faymann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner am Mittwochvormittag mit ihren Erklärungen im Nationalrat nochmals die Werbetrommel für ihre Steuerreform auch bei der Opposition gerührt haben, steht seit der zweitägigen Regierungsklausur in Krems fest, dass die Umsetzung eines Großteils der zentralen Reformaufgaben für SPÖ und ÖVP bis in das Jahr 2016 verschoben wird.

Das betrifft die Pensionen ebenso wie Schulreformen und auch den Finanzausgleich, mit dem das Steuervolumen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden aufgeteilt wird. Im rot-schwarzen Regierungssprech wird das allerdings naturgemäß nicht als weiteres Herumdrücken um Entscheidungen und Hinausschieben notwendiger Eingriffe bezeichnet.

Faymann und Mitterlehner verweisen vielmehr darauf, dass nun Reformvorhaben mit genau festgelegten Fristen in Angriff genommen werden. Denn das habe mit der Fristsetzung bis zum 17. März des heurigen Jahres für die Einigung auf die Steuerreform gut geklappt.

Allerdings läuft diese Vorgangsweise nunmehr im Endeffekt auf Verzögerungen hinaus: Es wird keine Beschlüsse über Schulreformen vor dem ersten Halbjahr 2016 geben, keine weiteren Einschnitte bei den Pensionen vor Jahresmitte 2016, keine Änderungen bei dem für den Bund äußerst nachteiligen Finanzausgleich vor Ende nächsten Jahres.

Schulen

Für die längst überfälligen Schulreformen wurde als Frist der 17. November 2015 paktiert. Damit gibt es sicher nicht zufällig einen gut einmonatigen Sicherheitsabstand zu den Wahlen in Wien und Oberösterreich. Mit der Vertagung auf November dieses Jahres wird zugedeckt, dass Bund und Länder bereits seit Sommer 2014 ergebnislos über Neuerungen im Schulwesen und in der Schulverwaltung wie etwa über die Kompetenzen für Lehrer verhandeln. In der Zwischenzeit haben die Länder jährlich die nach den Schülerzahlen vereinbarten Lehrerkosten um rund 30 Millionen Euro überzogen. Ein Expertenpapier zur Erhöhung der Effizienz im Schulwesen verstaubt seit Jahren in den Schubladen des Unterrichts- und Finanzministeriums.
Selbst bei einer Entscheidung am 17. November 2015 sorgen der parlamentarische Fristenlauf und die notwendige Umstellungszeit in den Schulen dafür, dass wirklich einschneidende Neuerungen dann nicht mehr rechtzeitig ab dem Schuljahr 2016/17 umgesetzt werden können.

Pensionen

Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) ist mit dem Hinausschieben der Entscheidung über weitere Eingriffe bei den Pensionen auf den 29. Februar 2016 ein Coup gelungen. Zu diesem Termin wird er kaum mehr in die Verlegenheit kommen, etwaige Reformen auch noch selbst umsetzen zu müssen. Denn Hundstorfer wird aller Voraussicht nach im Spätherbst dieses Jahres offiziell als Bundespräsidentschaftskandidat der SPÖ nominiert. Er wird daher am 29. Februar 2016 vermutlich nicht mehr im Ministeramt, sondern längst mitten im Wahlkampf um die Nachfolge von Heinz Fischer in der Hofburg sein.

Die ÖVP mit Bundesparteiobmann Reinhold Mitterlehner und Finanzminister Hans Jörg Schelling hat nach dem erhöhten Druck in den vergangenen Wochen vorerst gegenüber der SPÖ und Hundstorfer zurückgesteckt. Das erfolgte mit Blick auf die vier Landtagswahlen bei zum Teil unpopulären Themen wie der früheren Anhebung des Frauenpensionsalters und weiteren Verschärfungen. In der SPÖ war einkalkuliert, dass die ÖVP-Spitze jetzt bei dem Thema keinesfalls den großen Koalitionskrach riskieren würde.

Länder

Bei der Neuaufteilung der Steuereinnahmen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden ist das Zurückstecken bereits im Herbst des Vorjahres nur ein paar Wochen nach der Amtsübernahme Schellings im Finanzministerium erfolgt. Der Finanzausgleich wurde ohne viel Aufhebens nochmals um ein Jahr bis Ende 2016 verlängert. Die Bundesregierung gab damit ein wichtiges Druckmittel für einen sparsameren Umgang mit dem Geld aller österreichischen Steuerzahler gegenüber den Bundesländern vorzeitig aus der Hand. Schelling predigt zwar sein Prinzip, dass am besten jene Gebietskörperschaft zahlen solle, die auch die Verantwortung wahrnehme. Momentan ist das allerdings noch politische Fantasie: Denn jetzt werden erst einmal im heurigen Frühjahr die Verhandlungen über einen neuen Finanzausgleich gestartet.

Die Länder haben sich für die Verhandlungen gewappnet. Sie werden mehr Geld wegen der steigenden Kosten für die Pflege verlangen und damit Einsparungen oder Abstriche in anderen Bereichen zu kompensieren versuchen.

Details noch offen

In der Zwischenzeit wird die Bundesregierung an sich längst überfällige Minigesetzesinitiativen wie zuletzt bei ihrer Klausur in Krems den Österreichern als große Errungenschaften näherbringen: die Teilpension, die mehr eine verkappte Neuregelung der teuren Altersteilzeit ist, das Pensionsmonitoring zur Beobachtung des durchschnittlichen Pensionsantritts und die Kostenbremse in der Verwaltung, in der die Ausgaben künftig nur um 1,7 statt 2,7 Prozent steigen sollen. Zum Vergleich: In Oberösterreich wuchsen die Verwaltungsausgaben seit 2009 im Schnitt um nur 0,58 Prozent an („Die Presse“ berichtete in ihrer Online-Ausgabe).

Selbst bei diesen Gesetzen herrscht bisweilen Unklarheit. So war im Rahmen der Klausur geplant, auch Frauen die Teilpension zu ermöglichen. Bisher hätten nur Männer ab 62 Jahren davon profitiert. Hundstorfers Sozialministerium meldete jedoch am Mittwoch Bedenken an, weil eine Neuregelung etwa für Frauen ab 57 Jahren europarechtlich nicht halten würde. Eine geschlechterspezifische Differenzierung mit unterschiedlichen Altersgrenzen sei nicht zulässig.

 

 

Die Presse – 26. März 2015

 

 

„Ghettoklassen“: Regierung uneins über selbst vorgelegte Einigung

Die Koalition hat einen gemeinsamen Plan für Schüler mit Deutschdefiziten vorgelegt. Problem: SPÖ und ÖVP interpretieren diesen völlig unterschiedlich.

Von Julia Neuhauser

Wien. Über die Sprachförderung für Schüler mit Migrationshintergrund streitet die Regierung offenbar besonders gern. Die Diskussion über „Ghettoklassen“ – in denen Schüler vor Eintritt in die Volksschule in separaten Klassen Deutsch lernen – wurde schon vor zwei Jahren heftig geführt. Damals verkündete die Regierung eine Einigung. Die wackelt nun aber wieder. Denn bei der jüngsten Regierungsklausur ist das Streitthema erneut akut geworden.

In Folge der Integrationsdebatte – Auslöser war die Diskussion über Integrationsunwilligkeit – wurde bei der Klausur ein Integrationspaket akkordiert und dabei das Thema Sprachförderung neu aufgerollt. Warum das trotz einer vor zwei Jahren erzielten Einigung zwischen der damaligen Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) und dem nunmehrigen Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) notwendig war? Die inoffizielle Antwort müsste wohl lauten, weil sich das Thema gut verkaufen lässt. Die offizielle Version klingt anders. Damals habe man sich nur auf einen Erlass und nicht auf ein Gesetz einigen können. Das ist dem Integrationsminister zu wenig.

Die derzeit gültige rechtliche Situation ist kompliziert. Es ist nicht zulässig, Kinder wegen ihrer unzureichenden Deutschkenntnisse für nicht schulreif zu erklären. Sie dürfen also grundsätzlich nicht in die Vorschule geschickt oder nach Vorschulplan in der Volksschule unterrichtet werden. Es sei denn, dass nicht nur ihre Deutschkenntnisse, sondern ihr gesamter sprachlicher Entwicklungsstand (hier spielen die muttersprachlichen Fähigkeiten eine Rolle) hinterherhinkt. In der Praxis dürfte das häufig vermischt werden.

erzeitige Regelung zu lasch

Kinder, die keine Sprach- aber Deutschdefizite haben, sind laut Gesetz als außerordentliche Schüler einzustufen. Sie erhalten dadurch zusätzliche Förderung und werden nicht beurteilt. In welcher Form diese Schüler unterrichtet werden, entscheidet der Volksschuldirektor. Außerordentliche Schüler können in die erste Klasse Volksschule aufgenommen oder auch in eigenen Klassen zusammengefasst werden. Das wird meist von der Zahl der außerordentlichen Schüler am Standort abhängig gemacht. Je mehr Schüler Deutschdefizite haben, desto wahrscheinlicher sind logischerweise auch separate Klassen. Für den Geschmack des Integrationsministeriums ist diese Handhabe zu lasch.

Bei der Regierungsklausur arbeitete man deshalb an einer Adaptierung und verabschiedete ein gemeinsames Papier. Nun streitet die Koalition genau darüber. SPÖ und ÖVP interpretieren die selbst vorgelegte Einigung nämlich unterschiedlich. Im Papier heißt es, dass Schüler mit Sprachdefiziten, insbesondere in Ballungsräumen, in vorbereitenden Klassen in der Sprache fit gemacht werden sollten, damit ein schnellstmöglicher Eintritt in das Regelschulsystem gewährleistet werden kann.

Die ÖVP sieht sich dadurch in ihrer Forderung nach „Deutsch vor Schuleintritt“ bestätigt. Schüler mit Deutschproblemen sollten in eigenen Klassen auf den Regelunterricht vorbereitet werden. Außerordentliche Schüler müsste es dann eigentlich nicht mehr geben. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) sieht das völlig anders. Von separaten Klassen hält sie nämlich nichts. Die im Papier erwähnten vorbereitenden Klassen versteht sie lediglich als temporär eingesetzte Gruppen.

Diese komplizierte Diskussion zeigt vor allem eines: Für die Bildungsreformgruppe der Regierung, die nun eine gesetzliche Regelung finden soll, besteht bis zum Abgabetermin am 17. November 2015 noch einiges an Klärungsbedarf.

 

 

Die Presse – 26. März 2015

 

 

NMS: Doppelbesetzung künftig auch in Nebenfächern

Vielfach wurde mehr Flexibilität für die Zusatzstunden an den Neuen Mittelschulen gefordert. Ab Herbst schon soll es sie geben.

Neue Mittelschulen (NMS) sollen künftig die vom Bund bezahlten zusätzlichen sechs Stunden nicht mehr nur in Deutsch, Mathematik oder Englisch, sondern auch in anderen Schwerpunktfächern einsetzen können. Eine Gesetzesvorlage dazu ging am Dienstag in Begutachtung, hieß es in einer Aussendung. Das Gesetz soll nach dem Nationalratsbeschluss ab Herbst gelten.

Einsatz wird durch Schulaufsicht geprüft

"Die Standorte werden in Zukunft flexibler auf lokale Herausforderungen reagieren können", so Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Das bringe den NMS mehr "autonome Gestaltungsräume". Der zweckmäßige Einsatz und die Umsetzungsqualität soll durch die Schulaufsicht geprüft werden und die Änderungen bereits zum Start des nächsten Schuljahres wirksam sein. Die Flexibilisierung war bereits unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse der NMS-Evaluierung von Heinisch-Hosek angekündigt worden.

Die sechs Zusatzstunden für "pädagogische Fördermaßnahmen" in den Gegenständen Mathematik, Deutsch und Englisch an NMS machen organisatorisch den Hauptunterschied zur Hauptschule aus, die von der NMS bis 2018 als Schulform vollständig abgelöst wird. Sie können für die Besetzung dieser Fächer mit je zwei Lehrern (Teamteaching) eingesetzt werden oder für Individualisierung, differenzierten Unterricht in der Klasse, Begabungs- und Begabtenförderung, inklusive Pädagogik, Förderung in temporären Schülergruppen sowie Förder- und Leistungskurse.

 

 

Die Presse – 26. März 2015

 

 

Schule: Migranten wünschen sich mehr Wertschätzung

Eine deutsche Studie behandelt Bildungserfahrungen und Einstellungen von Migranten. Wichtig sind Zugehörigkeit, Bewahrung und Selbstverwirklichung.

Eltern mit Migrationshintergrund haben hohe Bildungsziele für ihre Kinder, sie vermissen aber häufig spezifische Informations- und Unterstützungsangebote. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag veröffentlichten Studie mit dem Titel "Große Vielfalt, weniger Chancen". Die Opposition bewertete die Ergebnisse als Beleg dafür, dass das deutsche Bildungssystem Migranten ausbremse.

Ziel der Studie war, einen differenzierten Einblick in die Bildungserfahrungen und -einstellungen von Migranten zu erhalten, um zielgenaue Projekte zu entwickeln. Über alle Milieus hinweg äußerten die Eltern den Wunsch, dass ihre Kinder "es einmal besser haben sollen". Damit sei in der Regel das Streben nach einer erfolgreichen Bildung verbunden, ergab die Studie der Universität Düsseldorf, die von der Stiftung Mercator und der Vodafone Stiftung Deutschland gefördert wurde.

Eltern wünschen sich mehr Wertschätzung

Demnach investieren die Eltern viel Zeit und Ressourcen, um die Schullaufbahn ihres Nachwuchses bestmöglich zu unterstützen. Sie bemängeln vornehmlich eine mangelnde interkulturelle Öffnung von Schulen in Deutschland. Die überwiegende Mehrheit (88 Prozent) der befragten Eltern wünscht sich die Wertschätzung kultureller Vielfalt an Schulen, jedoch nur zwei Drittel (66 Prozent) geben an, dies im Schulalltag ihres Kindes auch zu beobachten.

Einen besonders hohen Stellenwert hat für die Eltern zudem die interkulturelle Kompetenz der Lehrkräfte. 92 Prozent erachten diese als wichtig, aber lediglich 60 Prozent erleben entsprechend aufgeschlossene Lehrer an der Schule ihrer Kinder.

Werte: Zugehörigkeit, Bewahrung und Selbstverwirklichung

Die Bildungsmotive von Migranten reichen demnach vom Wunsch nach Zugehörigkeit zur Mitte Deutschlands im bürgerlichen Milieu über die Wahrung traditioneller Werte im religiös verwurzelten Milieu bis hin zum Streben nach Selbstverwirklichung im Sinne eines humanistischen Bildungsideals, sagte der Leiter der Studie, Heiner Barz.

Der Grünen-Bildungsexperte Özcan Mutlu erklärte: "Wir dürfen diese Eltern nicht alleine lassen." Der Bund solle "nicht nur über Fachkräftemangel jammern, sondern endlich handeln und diese Chancen und Potenziale nutzen", forderte er. Nötig sei "eine Bildungsoffensive für mehr Bildungsgerechtigkeit".

Die migrationspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sevim Dagdelen, erklärte, die schlechteren Bildungskarrieren von Migranten seien kein ethnisches, sondern ein soziales Problem. Gebraucht würden ein flächendeckendes Angebot an Ganztags- und Gemeinschaftsschulen sowie mehr Sozialpädagogen und Lehrer. Bildungschancen dürften nicht mehr von der sozialen Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein, forderte sie.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 71 vom 26.03.2015               Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

Kinder sollen Deutsch lernen. Aber wie?

 

   Beide Koalitionsparteien wollen „vorbereitende Klassen“ für Migrantenkinder. Hier endet schon die Einigkeit.

 

   Andreas Koller Wien. Eine Volksschule in Bregenz. Im Herbst werden zwei Kinder aus Syrien eingeschult. Deutschkenntnisse: zunächst null. Doch schon zu Weihnachten beherrschen die kleinen Syrer das deutsche Idiom so weit, dass sie problemlos dem Unterricht folgen können.

 

   Mit Beispielen wie diesem argumentiert der grüne Bildungssprecher Harald Walser – selbst langjähriger Schuldirektor – gegen das Vorhaben der ÖVP, eigene Vorbereitungsklassen für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen zu schaffen. „Kinder lernen am besten von Kindern“, sagt Walser. Der Vorschlag der ÖVP führe „auf direktem Weg in die Parallelgesellschaft“ und beraube die Kinder wichtiger Chancen, warnt der grüne Pädagoge.

 

   Übrigens ist auch die Regierung keineswegs darüber einig, wie die Sprachbarriere im Schulbereich überwunden werden kann. Diese Uneinigkeit konnte auch bei der jüngsten Regierungsklausur in Krems nicht aufgelöst werden. Im Gegenteil. Im Papier, das die ÖVP in Umlauf brachte, steht wörtlich und ausdrücklich: „Deutsch vor Schuleintritt.“ Das heißt: Kinder, die nicht Deutsch können, kommen in „vorbereitende Klassen“, um dort die Sprache zu erlernen. Erst dann können sie ins Regelschulsystem übertreten. So weit die Vorstellung der ÖVP.Im offiziellen Papier der Regierungsklausur, auf das sich die SPÖ stützt, liest sich das geringfügig anders: „Deutsch vor Regelunterricht“, lautet hier die Kapitelüberschrift. Im Text ist dann, wie im ÖVP-Papier, von „vorbereitenden Klassen“ zu lesen. Der Unterschied: Die Kinder ohne Deutschkenntnisse sollen, so die Vorstellung der SPÖ, in den normalen Schulklassen sitzen. Nur eben nicht als „Regelschüler“, sondern als außerordentliche Schüler. Dies entspricht der geltenden Praxis: Schon heute werden Schüler, die dem Unterricht nicht folgen können, als „außerordentliche Schüler“ geführt. Die von der Regierung geplanten „vorbereitenden Klassen“ zum Deutschlernen sollen die betreffenden Schüler nicht anstelle des Normalunterrichts besuchen, sondern zusätzlich, etwa am Nachmittag. So plant es die SPÖ. Auf diese Art würden „Ghettoklassen verhindert“, heißt es im Büro der Unterrichtsministerin. Die Streitfrage wurde von der Regierung vertagt, und zwar auf den 17. November.

 

   Übrigens steht auch die politische Bildung, die nach den Wünschen der Regierung „als Pflichtmodul“ ab der sechsten Schulstufe gestärkt werden soll, im Dienste der Integration. Ziel ist „die Vermittlung von allgemeingültigen Werten und Prinzipien“. Grundlage „für das Zusammenleben in unserem Land“ seien „Respekt und die Achtung dieser Werte“, die für „alle Menschen, die in diesem Land leben, verbindlich zu sein“ haben.

 

 

"Kurier" vom 26.03.2015                                   Seite: 32

Ressort: Leben

 

Länder, Morgen

 

Bildung

 

Schüler fordern von Politik mehr Schulautonomie

 

   Aktionstag. Wie die Bildungsreform aussehen soll, will die Regierung erst im Oktober verraten. Geht es nach den Schülervertretern, ist jetzt schon klar, wohin die Reise gehen soll: Mehr Autonomie für die Schulen. Die Schülerunion hat deshalb die Kampagne www.planlos-neindanke.at gestartet.

 

   Mittwoch war Aktionstag: Vor dem Parlament riefen Schüler die Abgeordneten dazu auf, den Schulen endlich mehr Selbstständigkeit zu geben. Im Anschluss diskutierten Experten über die Vor- und Nachteile und ob die Autonomie im pädagogischen, finanziellen oder didaktischen Bereich gewährt werden soll. Beate Meinl-Reislinger von den Neos will Autonomie in allen Bereichen: "Es ist der einzige Schlüssel, um das Parteibuch aus den Schulen herauszubringen." Elternvertreterin Elisabeth Rosenberger warnt davor, dass die Schulen "zukünftig nur den Mangel verwalten. Autonomie braucht Geld".

 

   Lehrervertreter Gerhard Riegler sieht die personelle Autonomie kritisch: "So bekommen ländliche Schulen kaum Lehrer." Nico Marchetti, vor sechs Jahren Bundesschulsprecher, will pädagogische Freiheiten ausbauen. Verhinderer der Autonomie sei die Verwaltung, die Angst habe, Macht zu verlieren.

 

 

Wiener Zeitung – 26. März 2015

 

Konzepte

Auf hinderliche Lernorientierung sollte mehr geachtet werden

 

 

 

 

·         Die zentrale Frage der Untersuchung an elf NMS war, "was Lehrerinnen und Lehrer tun, um Lernkompetenz zu fördern".

 

Graz. Wenn Schüler glauben, dass ihr Erfolg großteils eine Frage des Glücks ist und sie selbst kaum Einfluss darauf haben, kann das massive Auswirkungen auf Selbstwert und Lernerfolg haben. Mit solchen "hinderlichen Lernorientierungen" sollten sich Lehrer daher stärker auseinandersetzen, so ein Ergebnis eines an steirischen Neue Mittelschulen (NMS) durchgeführten Forschungsprojekts.

Die zentrale Frage der Untersuchung an elf NMS war, "was Lehrerinnen und Lehrer tun, um Lernkompetenz zu fördern", erklärte Projektteamleiterin Christa Bauer von der Pädagogischen Hochschule (PH) Steiermark. Es habe sich gezeigt, dass autonomer Wissenserwerb an diesen NMS, die das Konzept als jeweils eine der ersten in Österreich mit viel Engagement umgesetzt haben, einen starken Schwerpunkt darstellt. In den Schulen werde das etwa mit "offenem Lernen" im Umfang von zwei bis neun Stunden pro Woche umgesetzt, so Bauer.

Selbstkonzept stärken

Entsprechend verbreitet seien verschiedene Formen des Lernens abseits des Frontalunterrichts, nämlich kooperatives Lernen - also Partner- oder Gruppenarbeit - und verständnisaktivierendes Lernen. Dabei lösen Schüler entweder alleine oder im Team Probleme selbstständig. Die Ergebnisse zeigen nun, dass bei einem stark verständnisorientierten Unterricht das Selbstkonzept der Schüler gestärkt wurde und diese auch ihre Lernumgebung positiver beurteilen. Dagegen führe kooperativer Unterricht nur zu besseren Beurteilungen der Lernumgebung.

Das hat die Forscher aus Graz und ihre Kooperationspartner in Wien und Finnland überrascht. Die positive Auswirkung von verständnisorientiertem Unterricht auf das Selbstkonzept könnte etwa daran liegen, dass "die Schüler dann nicht so mit dem Stoff überfahren werden". Sie würden spüren, dass es den Pädagogen wichtig sei, "dass sie verstehen, worum es da geht", so Bauer.

Als Schlüsselelement für Lernerfolge und Wohlfühlen in der Schule kristallisierte sich die Lernorientierung heraus. Schüler mit förderlicher Lernorientierung stimmen etwa einer Aussage wie "Wenn ich mich anstrenge, kann ich alles lernen" zu, während große Zustimmung zu einer Aussage wie "Erfolg in der Schule ist Glückssache" auf hinderliche Orientierung hinweist. Bauer: "Wenn ich glaube, dass es egal ist, ob ich mich anstrenge - also glaube, ich bin nicht selbstwirksam - ist das das Schlimmste für das Lernen."

Kinder sehen hinderliche Faktoren nicht

Die Kinder selbst schätzen ihre Lernorientierung meist positiv ein. Hinderliche Faktoren wie Versagensängste oder Konzentrationsschwierigkeiten werden weit weniger gesehen. Eine Ausnahme bilden hier Klassen mit hohem Migrantenkinder-Anteil und gleichzeitig bildungsfernen Elternhäusern. Trotz der hohen Wahrnehmung hinderlicher Lernorientierung orientiere sich der Unterricht in diesen Klassen überraschenderweise sogar stärker an förderlicher Orientierung als in Klassen ohne Kinder mit Migrationshintergrund.

Das Stärken förderlicher Einstellungen würden Lehrer sehr gut beherrschen. Es wäre aber wichtig, mehr über die Wirkung hinderlicher Orientierung zu wissen und in Folge mehr darauf einzugehen. Manchen Kindern sollte man etwa besser erklären, warum sie eine schlechtere Note erhalten und was sie tun können, um das durch ihr Handeln zu ändern. Diese Erkenntnisse möchten die Studienautoren auch stärker in die Fort- und Ausbildung einfließen lassen.

Das Konzept der NMS mit ihren zusätzlichen Ressourcen in Form von sechs zusätzlichen, meist für Teamteaching eingesetzten Stunden sei "auf alle Fälle auch eine Chance, in diesem Zusammenhang mehr zu tun", so Bauer. Allein schon durch die Tatsache, dass die Schüler nicht mehr wie in der Hauptschule in Leistungsgruppen auseinanderdividiert werden, werde besser sichtbar, was manche Schüler leisten. Das könnte wiederum andere anspornen.

 

 

"Wiener Zeitung" Nr. 059 vom 26.03.2015                     Seite: 11

Ressort: Österreich

 

Wiener Zeitung

 

Die ÖVP sieht separate Klassen für Kinder mit Sprachdefiziten vor. Die SPÖ möchte sie nur eine Zeit lang aus der Klasse herauslösen.

 

„Vorbereitungsklassen“ zur Sprachförderung

 

    Wien. Bei der Regierungsklausur sind wieder sogenannte „Vorbereitungsklassen“ für Schüler mit Sprachdefiziten in Deutsch in den Mittelpunkt gerückt. In diesen soll der schnellstmögliche Eintritt ins Regelschulsystem gewährleistet werden. Zur Sprachförderung gibt es von den Regierungsparteien jeweils andere Ansätze.

 

   Die ÖVP möchte die Kinder in separaten Klassen auf den Regelunterricht vorbereiten. Die SPÖ spricht sich grundsätzlich dagegen aus. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek möchte die Kinder nur „punktuell“ und eine Zeit lang aus der Klasse nehmen. Details folgen in der Arbeitsgruppe zur Bildungsreform,

 

   So sieht das derzeitige Modell der Sprachförderung aus: Ausgangspunkt für die Einteilung der Kinder ist die Einschreibung vor dem Schuleintritt. Verfügt ein Kind nicht über ausreichende Deutschkenntnisse, erhält es laut Unterrichtsgesetz den Status der „Außerordentlichkeit“: „Schulpflichtige SchülerInnen, die aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse dem Unterricht nicht ohne weiters folgen können, sind für die Dauer von maximal zwölf Monaten als außerordentliche SchülerInnen aufzunehmen.“

 

   Dieser Status kann für ein weiteres Jahr verlängert werden, wenn die Sprache „ohne eigenes Verschulden“ nicht ausreichend erlernt werden konnte. Ist man aber einmal ordentlicher Schüler, kann der Status nicht mehr zurückgesetzt werden.

 

   Weniger Deutschkenntnis, mehr Sprachförderung

 

   Sind sich die Schulleiter nicht sicher, ob das Kind dem Unterricht folgen kann, wird es ebenfalls als „außerordentlich“ eingestuft. Die Direktoren tun das einerseits, weil die Rückstufung nicht möglich ist und andererseits eine höhere Anzahl an außerordentlichen Schülern am Standort zusätzliche Sprachförderlehrer bringt.

 

   Außerordentliche Schüler werden je nach Standort entweder in die erste Klasse Volksschule aufgenommen, in Schulversuchen mit flexibler Organisation der Grundschulzeit, die bis zu fünf Jahre dauern kann, unterrichtet oder einer Vorschulklasse zugewiesen, obwohl sie eigentlich die körperlichen, geistigen und seelischen Reifekriterien erfüllen.

 

   Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache gilt, selbst wenn sie nicht (mehr) außerordentlich sind, ein eigener Lehrplanzusatz. Da alle Kinder am Klassenunterricht teilnehmen, bedeutet das, dass der Unterricht für die Schüler nach Kenntnisstand differenziert aufbereitet wird.

 

   Darüber hinaus gibt es für außerordentliche Schüler noch Sprachförderkurse im Ausmaß von bis zu elf Wochenstunden: Diese erstrecken sich über maximal zwei Jahre und werden ab acht Kindern eingerichtet. Zum Teil wird der Förderkurs so abgehalten, dass eine Gruppe von Kindern den Unterricht verlässt und gesondert arbeitet. Zum Teil erfolgt er integrativ im Regelunterricht mit dem Sprachförderpädagogen als Zweitlehrer.

 

   Außerdem gibt es noch den Muttersprachenunterricht für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, der als unverbindliche Übung oder Freigegenstand eingerichtet ist. Dieser kann ebenfalls parallel zum Unterricht, integrativ oder in Kursen am Nachmittag erteilt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945