Montag, 9. März 2015

2015.03.08/.09: Newsletter Bildung

KLZ – 9. März 2015

 

Heinisch-Hosek will Schulverwaltungs-Wirrwarr lösen

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) sieht die Möglichkeit, den "gordischen Knoten" des Kompetenz-Wirrwarrs bei den Schulen zu "durchschlagen". Man stehe aber erst am Anfang der Verhandlungen über die Bildungsreform - und es gelte, einen Kompromiss zu finden. Denn es werde "nicht 100 Prozent Länder oder 100 Prozent Bund spielen", sagte sie am Sonntag in der ORF-"Pressestunde".

Sie selbst sei "nie eine Freundin der kompletten Verländerung" aller Lehrer-Kompetenzen gewesen, "andere" wollen nicht alle Kompetenzen dem Bund übergeben. Jetzt bestehe jedoch die große Chance, dass Aufgaben und Finanzierung in eine Hand kommen und es eine Ansprechbehörde gibt - wobei jedenfalls ein "Controlling" beim Bund bleiben müsse; sie erwarte sich Durchgriffsmöglichkeiten, merkte Heinisch-Hosek an. Und besonders wichtig ist ihr, dass die Autonomie der Schulen - etwa auch bei der Lehrerauswahl - gestärkt wird.

Ein in der Vorwoche vorgelegtes Papier der Expertengruppe schlägt Bildungsdirektionen in den Ländern für die Verwaltung aller - also der Landes- und der Bundes- - Lehrer vor, aber die Möglichkeit zentraler Zielvorgaben und eine Kontrollmöglichkeit des Bundes. Nun werde verhandelt, einen "Durchbruch" gebe es noch nicht, betonte Heinisch-Hosek. "Wenn wir sehr aufs Gas steigen" könnte man die gesetzlich Grundlage in zwölf Monaten schaffen - wobei man freilich wegen der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit auch die Opposition (teilweise) ins Boot holen und Gewerkschaft und Personalvertretung einbinden müsste.

Zur Neuen Mittelschule und zur Zentralmatura - die in der Vorwoche mit einem nicht sehr guten Test bzw. Pannen in den Schlagzeilen waren - steht Heinisch-Hosek unumwunden. Freilich könne es bei großen Reformen wie der Zentralmatura auch zu der einen oder anderen Panne kommen - aber es sei auch so, dass "einige, die das Projekt nicht so gerne haben, viel Wind und negative Schlagzeilen machen".

"Ein wirklich gutes Konzept" ist für die Ministerin die von ihrer Vorgängerin etablierte Neue Mittelschule - auch wenn der erste Test durchwachsene Ergebnisse brachte. Die NMS hätten überall leichte Leistungssteigerungen und ein angstfreieres Klima an den Schulen gebracht, das rechtfertige, dass dieses Konzept - mit leichten Adaptierungen - weiter verfolgt werde. "Wünschenswert" wäre für Heinisch-Hosek "selbstverständlich" eine (von der ÖVP abgelehnte) gemeinsame Schule bis 14 oder 15 Jahre - und diese "am besten verschränkt", also als Ganztagsform mit abwechselnden Unterrichts- und Freizeitphasen.

Gerüchte, sie wäre amtsmüde, wies die Ministerin zurück: "Ich denke gar nicht daran, so einen Gedanken zu fassen", sie sei "voller Tatendrang" und "euphorisch" - sehe sie bei der Bildungsreform doch die große Chance, "das Schulsystem drehen zu können".

 

 

Österreich – 8. März 2015

 

 

Brisantes Expertenpapier

Schule startet erst ab 8.30 Uhr

Schulen dürfen bald über Unterrichtszeiten, Notengebung usw. selbst entscheiden.

Die Koalitionsparteien beraten derzeit ein brisantes Papier, das den Schulen weitgehende Freiheit in entscheidenden Fragen gibt: Schulnoten, Unterrichtszeiten. Personal – alles soll künftig auf Schulebene geregelt werden. ÖSTERREICH liegt das Papier vor. Die Pläne sind konkret: Bis 2018 sollen bereits 20 Prozent der Schulen umgestellt sein – bis 2025 alle Standorte. Hier die entscheidenden Punkte.

  • 50-Minuten-Stunde. Der Tagesablauf in der Schule kann künftig „autonom gestaltet werden". Das wird in vielen Fällen das Ende der 50-Minuten-Stunde bedeuten. Lernzeiten können geblockt werden (z. B. Klausurtage zur Qualitätsentwicklung).
  • Unterricht erst ab 8.30 Uhr: Schüler dürfen auch außerhalb der Unterrichtzeiten in der Schule anwesend sein – die Öffnungszeiten sollen sich zwischen 7 und 18 Uhr bewegen. Die Schulen wären also in der Regel Ganztagsschulen. Das deckt sich aber nicht unbedingt mit der Unterrichtszeit. Der reguläre Unterricht kann dann beispielsweise erst ab 8.30 Uhr beginnen.

Schüler können sich bis zu 5 Tage Urlaub nehmen.

  • Schüler-Urlaub: Die fünf freien Tage, die Schulen autonom festlegen können, fallen weg. Stattdessen sollen sich Schüler – auf Antrag – individuell 5 Tage „Urlaub" nehmen können. Das bedeutet aber: Die Lehrer haben dann natürlich nicht frei.
  • Schulnoten. Lehrer können ein Viertel des Lehrplans weglassen bzw. andere Inhalte durchnehmen. Und: Die Möglichkeit, Leistungen statt mit Schulnoten anders zu beurteilen, soll ausgebaut werden.
  • Personal: Direktoren könne sich Lehrer aussuchen, entscheiden auch über Arbeits- und Fortbildungszeiten.

G. Schröder

 

 

Österreich – 8. März 2015

 

Schularbeit stand schon auf Facebook

Die letzte Schularbeit vor der Matura ist viel besser ausgegangen als der Durchschnitt.

Der Traum jedes Schülers ist gleichzeitig der nächste Albtraum für SPÖ-Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und das Bildungsinstitut Bifie: In Wiener Gymnasien fanden Schüler die Angaben für ihre dreistündige Englisch-Schularbeit vorab im Internet. Die Folge: Die Kinder bekamen durch diese neuerliche Panne im Rahmen der Zentralmatura viel mehr Einser als sonst.

Verschiedene Termine. Hintergrund: Die letzte Schularbeit vor der Matura wird den Lehrern vom Bifie zentral zur Verfügung gestellt. Viele Schulen nahmen das Angebot an, um sich das Zusammenstellen einer eigenen Schularbeit zu ersparen. Die Angaben dazu stellte das Bifie am 4. März online.

Die Schularbeit fand in manchen Schulen auch schon am 4., in manchen aus organisatorischen Gründen aber erst am 5. März statt. Schließlich hatte die Info vom Bifie an die Lehrer gelautet, die Arbeiten könnten ab dem 4. März stattfinden, nicht am 4. März. Schüler, die die Schularbeit früher machen mussten, fotografierten die Angabe mit dem Handy und stellten sie in soziale Netzwerke wie Facebook. Jene Schüler, die später drankamen, fanden die Angaben und bekamen für diese einzige Schularbeit im zweiten Semester zumeist eine viel bessere Note als sonst.

Neuer Versuch nicht wahrscheinlich. Weiteres Problem: Eine Wiederholung der Schularbeit wäre für die Schulen extrem aufwendig. Die Angabe des Bifie hatte 18 (!) Seiten pro Schüler. Vonseiten des Bifie gab es am Samstag keine Reaktion zu dem Vorfall.(pli)

 

 

Der Standard – 9. März 2015

 

 

Schulverwaltung: Heinisch-Hosek will "Wirr-Warr" lösen

Pressestunde: Die Ministerin glaubt an die Zentralmatura und die Neue Mittelschule - Mindestlohn von 1.500 Euro brutto

Wien - Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) sieht die Möglichkeit, den "gordischen Knoten" des Kompetenz-Wirr-Warrs bei den Schulen zu "durchschlagen". Man stehe aber erst am Anfang der Verhandlungen über die Bildungsreform - und es gelte, einen Kompromiss zu finden. Denn es werde "nicht 100 Prozent Länder oder 100 Prozent Bund spielen", sagte sie am Sonntag in der ORF-"Pressestunde".

Sie selbst sei "nie eine Freundin der kompletten Verländerung" aller Lehrer-Kompetenzen gewesen, "andere" wollen nicht alle Kompetenzen dem Bund übergeben. Jetzt bestehe jedoch die große Chance, dass Aufgaben und Finanzierung in eine Hand kommen und es eine Ansprechbehörde gibt - wobei jedenfalls ein "Controlling" beim Bund bleiben müsse; sie erwarte sich Durchgriffsmöglichkeiten, merkte Heinisch-Hosek an. Und besonders wichtig ist ihr, dass die Autonomie der Schulen - etwa auch bei der Lehrerauswahl - gestärkt wird.

Kein Durchbruch

Ein in der Vorwoche vorgelegtes Papier der Expertengruppe schlägt Bildungsdirektionen in den Ländern für die Verwaltung aller - also der Landes- und der Bundes- - Lehrer vor, aber die Möglichkeit zentraler Zielvorgaben und eine Kontrollmöglichkeit des Bundes. Nun werde verhandelt, einen "Durchbruch" gebe es noch nicht, betonte Heinisch-Hosek. "Wenn wir sehr aufs Gas steigen" könnte man die gesetzlich Grundlage in zwölf Monaten schaffen - wobei man freilich wegen der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit auch die Opposition (teilweise) ins Boot holen und Gewerkschaft und Personalvertretung einbinden müsste.

Zur Neuen Mittelschule und zur Zentralmatura - die in der Vorwoche mit einem nicht sehr guten Test bzw. Pannen in den Schlagzeilen waren - steht Heinisch-Hosek unumwunden. Freilich könne es bei großen Reformen wie der Zentralmatura auch zu der einen oder anderen Panne kommen - aber es sei auch so, dass "einige, die das Projekt nicht so gerne haben, viel Wind und negative Schlagzeilen machen".

Durchwachsene Ergebnisse

"Ein wirklich gutes Konzept" ist für die Ministerin die von ihrer Vorgängerin etablierte Neue Mittelschule - auch wenn der erste Test durchwachsene Ergebnisse brachte. Die NMS hätten überall leichte Leistungssteigerungen und ein angstfreieres Klima an den Schulen gebracht, das rechtfertige, dass dieses Konzept - mit leichten Adaptierungen - weiter verfolgt werde. "Wünschenswert" wäre für Heinisch-Hosek "selbstverständlich" eine (von der ÖVP abgelehnte) gemeinsame Schule bis 14 oder 15 Jahre - und diese "am besten verschränkt", also als Ganztagsform mit abwechselnden Unterrichts- und Freizeitphasen.

Gerüchte, sie wäre amtsmüde, wies die Ministerin zurück: "Ich denke gar nicht daran, so einen Gedanken zu fassen", sie sei "voller Tatendrang" und "euphorisch" - sehe sie bei der Bildungsreform doch die große Chance, "das Schulsystem drehen zu können".

Mindestlohn von 1.500 Euro brutto

Heinisch-Hosek plädiert "sehr" für einen kollektivvertraglichen Mindestlohn von 1.500 Euro. Dies käme den Frauen zugute, denn vorwiegend sie seien in den Branchen beschäftigt, die teilweise noch nicht einmal 1.300 Euro Mindestlohn erreichen, sagte Heinisch-Hosek am Sonntag, dem Internationalen Frauentag, in der ORF-"Pressestunde".

Außerdem mahnte Heinisch-Hosek eine "ordentliche Moral beim Einstellen" ein: Arbeitgeber sollten Frauen nicht weniger zahlen, nur weil sie "bescheiden" weniger verlangten als männliche Bewerber.

 

 

Kurier – 9. März 2015

 

Kündigungsschutz für Lehrer soll gelockert werden.

Gute Lehrer rein, schlechte Lehrer raus: Gewerkschaft droht Regierung mit harten Verhandlungen.

Bei der Totalreform des Schulwesens liegt die größte Hoffnung auf dem Schlagwort "Ausbau der Schulautonomie". Die Schulleitung soll in Zukunft nicht nur über Schwerpunktsetzung und Pädagogik entscheiden, sondern auch über das Personal entscheiden dürfen – also anstellen und kündigen.

Es liegt auf der Hand, dass das nicht einfach wird. Das Expertenpapier zur neuen Schulreform schlägt in einem winzigen Unterpunkt der Maßnahmen vor, "Dienst- und besoldungsrechtliche Angelegenheiten der Lehrkräfte" neu zu regeln. Bildungsministerin Heinisch-Hosek versprach, rasch die Verhandlungen aufnehmen zu wollen. Dem Vernehmen nach geht es um eine Neuregelung der Dienstzeiten (täglich von 8 bis 16 Uhr), aber auch um Änderungen beim Versetzungs- und Kündigungsschutz.

Alte Forderungen

Der Chef der Lehrergewerkschaft, Paul Kimberger, zeigt sich verwundert, dass nun erneut ein neues Lehrerdienstrecht verhandelt werden soll. Erst 2013 habe Heinisch-Hosek ein neues Dienstrecht "gegen den Willen aller Lehrergewerkschaften" durchgepeitscht, und vieles von dem, was damals versprochen wurde, sei bisher nicht erfüllt worden:

"Etwa zusätzliches Supportpersonal, Psychologen und Sozialarbeiter. Oder Erleichterungen bei der Bürokratie." Das alles würde er bei neuen Dienstrecht-Verhandlungen wieder verlangen, noch wichtiger sei aber die Forderung nach einem Jahresarbeitszeitmodell, "damit wir endlich wegkommen vom Stunderln-Zählen." Dafür brauche es eine Studie, die den Status quo analysiert. "Weil Lehrer sein ist viel mehr als nur unterrichten."

Für "höchst problematisch" hält Kimberger den Reform-Ansatz, über größere Schul-Verwaltungseinheiten zwei Drittel der Direktorenstellen zu streichen.

Dezidiert keinen Änderungsbedarf sieht der Gewerkschafter beim Versetzungs- oder Kündigungsschutz. "Schulfeste Lehrstellen gibt es de facto seit 2008 nicht mehr. Und beim Kündigungsschutz gibt es jetzt schon dienstrechtliche Möglichkeiten, die man in Anspruch nehmen kann." Auch wenn das derzeit selten passiere, gibt Kimberger zu.

Sollte der Kündigungsschutz gelockert werden, brauche es konkrete Angebote an die Lehrer: "Wir müssen uns schon Gedanken machen, dass wir jenen, die vielleicht nicht unbedingt Lehrer hätten werden sollen, ein Ausstiegsszenario geben."

Die Betroffenen seien ja selber nicht glücklich mit ihrer Situation, genau so wenig wie die Schüler und die Schulen. "Und letztlich schaden sie auch dem Lehrerstand", sagt Kimberger. Allerdings: "Populismus à la Stronach, der einmal meinte, man müsse sofort 5000 Lehrer kündigen, dem kann ich gar nichts abgewinnen."


Schule

Ein Jahr für die rechtlichen Hürden

Heinisch geht Reform an, braucht aber Gewerkschaft/Opposition.

"Ich stehe jetzt am Beginn, das Bund-Länder-Papier zu verhandeln", bremst Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek in der ORF-Pressestunde die Erwartungen an rasche Reformerfolge.

Vor ihr auf dem Tisch liegt Revolutionäres: Ein Totalumbau im Schul- und Schulverwaltungsbereich, mit einer weitgehenden Autonomie der Schulen und schlanken Verwaltungsstrukturen ohne Kompetenz-Wirrwarr.

"Wir stehen nicht am Anfang einer Verländerung aller Lehrer, sondern am Anfang von etwas ganz Großem", sagt die Ministerin auch gleich in Richtung der neun Landesregierungen: Denn eine zentrale Maßnahme sieht vor, alle Bundeslehrer (etwa an AHS) und Landeslehrer (Volksschulen, Mittelschulen) über neu zu schaffende neun "unabhängige" Bildungsdirektionen zu verwalten. Aber: "100 Prozent Verländerung wird es nicht spielen", betonte die Ministerin.

Laut Expertenpapier dürfte die Reform der Bildungslandschaft rund zehn Jahre für den Vollausbau benötigen. Nun werde verhandelt, einen "Durchbruch" gebe es noch nicht, so Heinisch. "Wenn wir sehr aufs Gas steigen" könnte man die gesetzlichen Grundlage in zwölf Monaten schaffen – wobei man freilich wegen der nötigen Zweidrittelmehrheit auch die Opposition (teilweise) ins Boot holen und Gewerkschaft und Personalvertretung einbinden müsste.

Das schlechte Zeugnis von Experten für die Neue Mittelschule spielte Heinisch herunter. Es gebe kleine Fortschritte. Den erhofft sie sich auch beim Mindestlohn: Er solle auf 1500 Euro steigen.

 

 

Wiener Zeitung – 9. März 2015

 

 

Bildungsreform

Ein Paukenschlag in der Schulpolitik

 

 

 

 

 

 

 

Von Brigitte Pechar

 

·         Schulen sollen ein Budget erhalten, Lehrer auswählen und Unterrichtsschwerpunkte festlegen. Länder organisieren die Lehrer.

 

Wien. Noch ist nichts endgültig, aber die Schulreformgruppe ist schon sehr weit. Sollten die Vorstellungen der Experten tatsächlich umgesetzt werden, wäre das ein Paukenschlag für das Schulsystem. "Freiraum für Österreichs Schulen" heißt das Konzept, das Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek jetzt durcharbeiten lässt. Am Ende soll stehen: eine Schule, eine Behörde, klare Wege und ein Schulgesetz.

Die Verantwortung über die Lehrer soll, wie bereits mehrmals berichtet, zu den Ländern wandern, aber gleichzeitig erhalten praktisch die Schulen Oberhoheit über alles - mit einer starken Qualitätskontrolle durch den Bund. Gesetzgebung, Lehrplangestaltung, dienstrechtliche Fragen oder die Pädagogenausbildung bleiben in der Hand des Ministeriums. "Der Bund steuert, die Umsetzung liegt bei den Ländern", sagte Heinisch-Hosek am Freitag. Am Ende stehen eine Bundesbehörde und neun Bildungsdirektionen statt der bisher komplett zersplitterten Verantwortlichkeiten.

Neun Bildungsdirektionen
Diese Bildungsdirektionen sind für die Personalbewirtschaftung zuständig, betreuen und kontrollieren die Schulen. Sie unterstehen den Landeshauptleuten, dafür werden die Landesschulräte abgeschafft.

Die Evaluierung und die Qualitätssicherung liegt in den Händen einer Bundesagentur. Um die Qualität der Lehrer sicherzustellen, sollen die Bildungsstandards Mindestziele erhalten, die erreicht werden müssen.

"Das Papier ist gut, aber das Wichtigste ist, dass die Schulautonomie auch tatsächlich so radikal umgesetzt wird und dass die Qualität des Unterrichts und der Lehrer stimmt", sagte Michael Landertshammer, Leiter der Abteilung Bildungspolitik in der Wirtschaftskammer Österreich, zur "Wiener Zeitung". Wenn die Qualität sichergestellt sei, sei es am Ende egal, wer die Lehrer habe- Bund oder Länder. Allerdings dürfe man angesichts der bestehenden Machtverhältnisse auch ein wenig skeptisch sein. Auch Grünen-Bildungssprecher Harald Walser ist optimistisch: Das Papier atme einen neuen Geist.

Schulleiter suchen Lehrer aus
Die Schulleiter sollen künftig die Lehrer selbst aussuchen können und auch eigene Schwerpunkte setzen. Schulen können zu 25 Prozent vom vorgeschriebenen Lehrplan abweichen. Allerdings müssen diese Lernschwerpunkte mit den Eltern und der Region abgestimmt werden.

Der häufig kritisierte 50-Minuten-Unterricht könnte fallen, denn die Schulen sollen selbst entscheiden, ob sie den Unterricht blocken und wie sie ihn über den Tag verteilen. Schulen erhalten also die Möglichkeit, ein pädagogisches Konzept selbstständig umzusetzen. Das bedeutet auch, dass Schulen erst um 9 Uhr mit dem Unterricht beginnen können. Allerdings sollen die Schulen Öffnungszeiten garantieren - etwa von 7 bis 18 Uhr. Das zeigt, dass das Papier eine grundsätzliche Ausrichtung auf Ganztagsschulen aufweist.

Weil den Schulen so viel Autonomie zukommt, brauchen sie dafür natürlich auch die finanziellen Möglichkeiten. Deshalb sollen Schulen ein Budget erhalten, das abgestimmt ist auf den sozioökonomischen Status der Schüler.

Neu wird auch das Schulmanagement. Schulleiter können auch künftig Lehrer sein, müssen es aber nicht. Lehrer brauchen für die Leitung eine Zusatzqualifikation. Direktoren auf Lebenszeit gibt es nicht mehr, die Schulleiter werden für fünf Jahre bestellt, können aber verlängert werden. Sie erhalten Ziele und Zielvereinbarungen und werden regelmäßig evaluiert. Schulleiter haben die Möglichkeit, Prämien für pädagogische Leistungen zu vergeben.

Die unterschiedlichen schulautonomen Tage sollen gestrichen werden, stattdessen sollen sich Schüler fünf Tage nach Bedarf freinehmen können.

Bildungspflicht bis 18
Änderungen soll es auch bei der Schulpflicht geben. Diese endet derzeit nach dem 9. Schuljahr - egal, was die Jugendlichen können. Künftig sollen die Schüler Mindeststandards erreichen, die sie befähigen, eine Lehre oder eine weiterführende Schule zu besuchen. Auf jeden Fall soll eine Bildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr kommen.

 

 

ORF – 9. März 2015

 

Heinisch-Hosek hofft auf „große Lösung" für Schulen

Eine durchwachsene Zwischenbilanz bei der Neuen Mittelschule (NMS), die Erinnerung an Pannen bei den Vorbereitungen für die Zentralmatura, Gespräche über eine „Verländerung" der Lehrer: Schule und Schulpolitik sind derzeit großes Thema.

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) räumte angesichts der Kritik, die es zuletzt - besonders am NMS-Resümee - gehagelt hatte, Startschwierigkeiten ein, zeigte sich aber nach wie vor vom langfristigen Erfolg des Projekts überzeugt.

Auch die Premiere der Zentralmatura werde glatt über die Bühne gehen, versprach die Ministerin gestern in der „Pressestunde". Noch nicht ganz gegessen ist für sie das Thema „Verländerung". Alles in allem hofft sie für die Schulen auf die „große Lösung".

 

ORF – 9. März 2015

 

„Die eine oder andere Panne"

Kritik an der Zentralmatura, Kritik an Umsetzung der Neuen Mittelschule (NMS), Differenzen beim Thema Schulautonomie: Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) hat am Sonntag die einen oder anderen Anfangsschwierigkeiten eingeräumt, aber ihren Kurs in der Bildungspolitik verteidigt.

Die Reform des Schulwesens in entsprechender Breite sei ein „riesiges Projekt", gab sie in der ORF-„Pressestunde" zu bedenken. Wenn große Reformen angegangen würden, könne es auch „zur einen oder anderen Panne kommen". Geschehen war das etwa beim Probelauf für die Zentralmatura - Stichwort: Serverüberlastung.

Der NMS stellte ein zuletzt an die Öffentlichkeit gelangter Evaluierungsbericht eine eher durchwachsene Zwischenbilanz aus. Er attestierte der neuen Schulform in den ersten Jahrgängen zwar eine verbesserte Lernumwelt, die habe allerdings nicht zu durchgehend besseren Leistungen geführt. Dazu kam mehrfach Kritik von Lehrerseite, man fühle sich ein wenig als „Versuchskaninchen".

„Leichte Leistungssteigerungen"

Sie stehe nach wie vor hinter dem Projekt, sagte Heinisch-Hosek nun in der „Pressestunde". Die NMS sei ein „pädagogisch wirklich gutes Projekt". Es sei nicht ganz gelungen, „denn das wollten nicht alle", sah die Ministerin auch eine Teilschuld bei Gegnern der Idee. Das Schulklima sei besser geworden, betonte sie, es gebe mehr Chancengleichheit für die Schülerinnen und Schüler. Tatsächlich funktioniere die NMS „recht gut", fast überall gebe es „leichte Leistungssteigerungen", inhaltlich habe sich viel getan. Allerdings ließen sich nicht alle diese Fortschritte messen und in Zahlen gießen.

Das Idealmodell wäre für Heinisch-Hosek das einer verschränkten Gesamtschule - das ist Theorie insofern, als sich das mit dem Koalitionspartner ÖVP nicht umsetzen lässt. Inzwischen soll nun bis 2018 das Angebot einer verschränkten Ganztagesbetreuung ausgebaut werden. „Verschränkt" bedeutet abwechselnde Unterrichts-, Lern- und Freizeit.

„Nicht so tolle" Kommunikation bei Zentralmatura

Die Umsetzung der Zentralmatura soll, bestätigte die Ministerin, nun von externen Experten begleitet werden. Zwischen den beiden Sektionen im Bildungsministerium und dem Bildungsforschungsinstitut („die arbeiten sehr gut zusammen") sei es mitunter zu „nicht so tollen Kommunikationsstrategien gekommen", erklärte Heinisch-Hosek zu den Pannen in der Vorbereitung.

Durch die Expertenunterstützung von außen wolle man nun sicherstellen, dass das nicht mehr geschehe. „Dann wird nichts passieren", so die Ministerin. Die Premiere der Zentralmatura im heurigen Jahr werde gut über die Bühne gehen. Niemand wolle Stress für Kinder, Eltern und Lehrer. „Einige, die das Projekt nicht so gerne haben, machen viel Wind", erklärte die Bildungsministerin in Richtung ihrer Kritiker.

„Das kann eine große Lösung werden"

In Sachen Schulverwaltung neu bzw. Schulautonomie versprach Heinisch-Hosek in der „Pressestunde", dass es in Zukunft weniger Verwaltungswege geben und die „Schule mehr zum Kind kommen" solle. Dazu brauchte es aber gewisse Voraussetzungen, vor allem gut ausgebildete Direktorinnen und Direktoren mit Managementqualitäten. Bisher gebe es zu dem Thema generell nur Empfehlungen von Expertenseite, beschlossene Sache sei noch nichts, betonte die Ministerin.

Schulen sollten bei der Auswahl der Lehrer mitreden können, Schulleiter mehr Entscheidungsfreiheit bekommen. Klar sei aber auch, dass es dabei auch Kontrolle, mitunter auch Sanktionen, brauchen werde. Das generelle Motto müsse jedenfalls lauten: „auf jeden Fall weniger Verwaltung". Man habe in der derzeitigen Debatte die Chance, den „gordischen Knoten" in der Schulpolitik zu durschlagen. „Das kann eine große Lösung werden."

„Verländerung" doch noch nicht ganz so fix

Noch nicht ganz so fix, wie zuletzt - vor allem aus den Bundesländern - kommuniziert, ist für die Ressortchefin das Thema „Verländerung" der Schulen. Man stehe in Wirklichkeit noch eher am Anfang der Verhandlungen. Ein Konzeptpapier zu dem Thema sehe eine „Personaldrehscheibe" (regional) vor, die Schulen müssten ihre Bedürfnisse artikulieren. „Wer dort dann arbeitet, das ergibt sich."

Betreffend die Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern, werde es kaum für eine Seite hundert Prozent geben. Stattdessen müsse es eine „gute Mischform" werden. Sie sei keine wirkliche Freundin der „Verländerung", gestand Heinisch-Hosek ein. Sie erwartet sich jedenfalls aber auch ein Durchgriffsrecht. Generell sei der Spielraum für neue und teure Reformen derzeit eher „ein enger". Durch Gehälter, Betriebskosten für Schulen etc. sei ein riesiger Brocken des Budgets gebunden. Aber auch hier sollen die Reformpläne des Ministeriums Verbesserungen bringen. Weniger Verwaltung bedeute Einsparungen, und das eingesparte Geld will Heinisch-Hosek den Schulen möglichst direkt zukommen lassen.

Anlässlich des Internationalen Frauentags am Sonntag plädierte Heinisch-Hosek in ihrer Funktion als Frauenministerin „sehr" für einen kollektivvertraglichen Mindestlohn von 1.500 Euro. Der käme den Frauen zugute, denn vorwiegend sie seien in den Branchen beschäftigt, die teilweise noch nicht einmal 1.300 Euro Mindestlohn erreichen. Außerdem mahnte sie eine „ordentliche Moral beim Einstellen" ein: Arbeitgeber sollten Frauen nicht weniger zahlen, nur weil sie „bescheiden" weniger verlangten als männliche Bewerber.

„Nichts dahinter" und „nichts vorzuweisen"

Für ihre Aussagen in der „Pressestunde" erntete die Ministerin Kritik von der Opposition, aber auch vom Koalitionspartner ÖVP. „Außer viel Populismus ist nichts dahinter", kommentierte Wirtschaftsbund-Generalsekretär und ÖVP-Wirtschaftssprecher Peter Haubner. Es sei enttäuschend, dass „die Pleiten-und-Pannen-Bildungs- und Frauenministerin die Schuld für sämtliche Probleme nur auf andere schiebt statt anzupacken und mutig Reformen umzusetzen." Dabei habe die Ministerin auch am heutigen Frauentag einen klaren „Lieblingsschuldigen" - die österreichischen Unternehmer.

Heinisch-Hosek habe als Frauenministerin „nichts erreicht", hieß es aus der FPÖ. Einerseits spiele sie auf der „Gleichbehandlungsgeige", andererseits sei „sie gemeinsam mit ihrem SPÖ-Parteigenossen Sozialminister (Rudolf) Hundstorfer" mit dafür verantwortlich, „dass die Frauenarbeitslosigkeit explodiert", so FPÖ-Frauensprecherin Carmen Schimanek in einer Aussendung. Die Frauenpolitik der SPÖ erschöpfe sich „in Binnen-I-und Hymnendiskussionen" und versuche, „jede Frau in ideologische Geiselhaft zu nehmen".

NEOS signalisiert Unterstützung

„Die Zeit der schönen Worte ist vorbei, Österreichs Schulkinder haben ein Recht darauf, dass endlich auch Taten gesetzt werden", so der grüne Bildungssprecher Harald Walser. „Die Ministerin weiß, was für unser Bildungssystem notwendig wäre und benennt das auch. Ich verstehe allerdings nicht, warum sie vor den Reformverweigerern in ÖVP und SPÖ schon im Voraus in die Knie geht und verbal immer wieder zurückrudert."

NEOS reagierte positiv auf die Idee der Ministerin, künftig ein Kontingent von sechs Stunden autonom verfügbar zu machen. „Wir werden jeden noch so kleinen Schritt in diese Richtung unterstützen", so NEOS-Chef Matthias Strolz. „Wichtig ist, dass wir hier in großen Bögen denken und handeln. Wir dürfen nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Ein weiteres Reformstückwerk ist den Betroffenen nicht zumutbar."

„Nichts Neues unter der Sonne", hieß es aus dem Team Stronach (TS). „Neue Mittelschule, Pannen bei der Zentralmatura - diese Schulpolitik ist gescheitert", erklärte TS- Bildungssprecher Robert Lugar. Die Forderung der Ministerin nach einem Mindestlohn von 1.500 sei zwar grundsätzlich zu begrüßen, „aber es sieht nicht so aus, als könnte sich die Wirtschaft dies angesichts der hohen Belastungen auch leisten", sagte TS-Gleichbehandlungssprecherin Martina Schenk.

 

 

ORF / Pressestunde – 9. März 2015

 

·         Neue Mittelschule: Ergebnisse und Maßnahmen

http://tvthek.orf.at/program/Pressestunde/1273/Pressestunde-mit-Gabriele-Heinisch-Hosek-SPOe/9363621/Neue-Mittelschule-Ergebnisse-und-Massnahmen/9364016

·         Zentralmatura

http://tvthek.orf.at/program/Pressestunde/1273/Pressestunde-mit-Gabriele-Heinisch-Hosek-SPOe/9363621/Zentralmatura/9364025

·         Schulverwaltung Neu

http://tvthek.orf.at/program/Pressestunde/1273/Pressestunde-mit-Gabriele-Heinisch-Hosek-SPOe/9363621/Schulverwaltung-Neu/9364034

 

 

Krone – 9. März 2015

 

Bildungspolitik: "Regierung ist nicht geeignet"

Experte rechnet ab

 

Angesichts der aktuellen Schul- Misere – Pannen und Chaos bei der Zentralmatura, schlechte Noten für die Neue Mittelschule und eine immer noch stockende Reform - rechnet nun Bernd Schilcher, einer der renommiertesten Bildungsexperten Österreichs, mit der rot- schwarzen Koalition ab: "Diese Regierung ist nicht geeignet, sie merkt gar nicht, was sie verhaut."

Der ehemalige steirische ÖVP- Landeschulratspräsident, der auch die Expertenkommission der früheren Bildungsministerin Claudia Schmied leitete, nimmt vor allem seine eigene Partei hart in die Kritik. Der neue Parteichef Reinhold Mitterlehner habe Hoffnung gemacht, doch mittlerweile traue er der ÖVP nichts mehr zu, so Schilcher im Gespräch mit der "Krone".

"Wir haben eine schleißige Bildungspolitik"

Aber auch die SPÖ und die immer umstrittenere Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch- Hosek  kommen in der Bewertung des Experten nicht besser weg. "Wir haben eine schleißige Bildungspolitik, es gibt keine Anzeichen für eine Verbesserung. Kaum ein Politiker hat sich mit der Materie beschäftigt, und wenn doch, kann er sich gegen die eigene Partei nicht durchsetzen", sagt Schilcher.

Das schlechte Zeugnis für die Neue Mittelschule  habe ihn nicht überrascht, denn es sei ja immer noch das "gleiche Publikum". Auch in Sachen Autonomie ist der langjährige ÖVP- Querdenker äußerst skeptisch – das werde bei den machthungrigen Landeshauptleuten wohl nicht durchgehen.

"Die Schulen müssen Rechenschaft ablegen"

Bernd Schilcher fordert von der Regierung, endlich anzufangen, den Auftrag ernst zu nehmen. Der Unterricht müsse geändert werden, es dürfe keine Vorträge der Lehrer mehr geben, die AHS- Lehrer müssten sich an der Neuen Mittelschule beteiligen, und es brauche mehr Transparenz. "Die Schulen müssen Rechenschaft ablegen. Es gibt Länder, in denen 90 Prozent der Schüler- Leistungen bei Tests publiziert werden, in Österreich sind es nur sechs Prozent", kritisiert der Experte. Gibt es keine Transparenz, bringe alle Autonomie den Schülern nichts.

Für die Umsetzung der Reformen brauche es mutige Politiker, "doch diese Bereitschaft ist nicht erkennbar", so Bernd Schilcher.

 

 

Kurier - 8. März 2015

 

Die Schul-Revolution muss von oben kommen.

Das miserable Zeugnis für die "Neue Mittelschule" sollte endlich den Weg zu mehr Autonomie frei machen.

Der Gratis-Boulevard ruft am Tag 1 nach dem miserablen Zeugnis für die "Neue Mittelschule" (NMS) den bevorstehenden Rücktritt von Gabriele Heinisch-Hosek aus. Am Tag 2 darf die Ministerin ausführlich begründen, warum sie jetzt doch sicher bleiben wird. An der Bildungsmisere würde ein Menschenopfer auch dann nichts ändern, wenn an diesem Latrinengerücht auch nur irgend etwas dran wäre.

Denn eine Erfahrung verbindet auch politisch und charakterlich so total unterschiedliche Menschen wie die streitbare Konservative Elisabeth Gehrer und die kreuzbrave Parteisoldatin Gabriele Heinisch-Hosek: Die Minister kommen und gehen, der Stillstand in der Schulpolitik bleibt.

Ein Mahnmal dafür steht in Wien-Liesing: Dort wurde die erste Gesamtschule Österreichs vor nunmehr 40 Jahren errichtet. Bis Mitte der 80er-Jahre gab es zwar 120 weitere Gesamtschul-Versuche. Wien-Liesing blieb aber die "einzige echte Gesamtschule" (Pädagogik-Experte Karl Heinz Gruber) mit Schülern aus dem gesamten Begabungsspektrum und einer gymnasialen Lehrerschaft – ein Dauerprovisorium ohne jede nachhaltige Folgen. Denn der politische Frontverlauf zwischen Rot und Schwarz ist hier 2015 genauso einzementiert wie bei der Grundsteinlegung des Pionierprojekts.

Halbherzig und zentralistisch

Dabei ist die schulpolitische Debatte unter Experten abseits der Parteipolitik längst viel weiter. Der KURIER-Kolumnist und Bestsellerautor Niki Glattauer ist mit Leib und Seele NMS-Lehrer. Er glaubt an das Reformmodell, beklagt aber, dass es sich wegen seiner Halbherzigkeit selbst im Weg steht. Der Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann sieht in der fehlenden Autonomie eine Hauptursache für die ernüchternde erste NMS-Bilanz: "Man kann nicht eine Form der Neuen Mittelschule allen Standorten überstülpen. Die NMS in einem sozial schwierigen Gebiet muss ganz anders arbeiten können als eine NMS im Zillertal. Das ist in dem derzeitigen System kaum möglich."

Die rot-schwarze Reformgruppe der Regierung in Sachen Bildung verspricht nun genau das: Die Schulen sollen Schwerpunkte setzen, den Alltag im Klassenzimmer frei bestimmen und die Lehrer selbst auswählen können. Warum soll der x-te Anlauf, das bleierne Schulsystem flügge fürs 21. Jahrhundert zu machen, aber diesmal gelingen? "Der Leidensdruck in der Schule ist jetzt groß genug" sagt der mächtige NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll, Mitglied der Reformgruppe.

Die wirklich großen Zäsuren in der Politik kamen in Österreich schon öfter von unerwarteter Seite. Die Notbremse bei der total kaputten Verstaatlichten zog etwa zuletzt der Sozialdemokrat Ferdinand Lacina. Österreich ist noch immer ein Obrigkeitsstaat. Es klingt paradox, aber es ist der Schlüssel zur Veränderung; Die Schule kann nur dann besser werden, wenn sie von oben mehr Freiraum erhält und in die Autonomie entlassen wird.

 

 

"Kurier" vom 08.03.2015                                    Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Wi, Abend

 

"Der Leidensdruck beim Thema Schule ist jetzt groß genug"

 

   von Bernhard Gaul. Interview. Erwin Pröll, Chef der Landeshauptleute-Konferenz, über die Chancen der Bildungsreform.

 

KURIER: Herr Landeshauptmann, jetzt liegt ein Reformvorschlag vor, demzufolge die Schulen in die Autonomie entlassen werden, die Verwaltung den Ländern überantwortet wird und der Bund die zentrale Kontrolle bekommt. Ist das umsetzbar?

 

   Erwin Pröll: Das Reformkonzept steht auf gesamtheitlichen, guten Beinen,weil es eine Reihe von wesentlichen Grundsätzen im Interesse der Schüler aufgreift. Ich denke, wir haben für diese Reform ein Mondfenster vor uns, das jetzt genutzt werden muss.

 

   Wie schätzen Sie die Chancen ein, das die Reform gelingt?

 

   Da kann ich nur hoffen. Das liegt an der Bildungsministerin, sie muss alle Entscheidungsträger überzeugen. Also auch die Opposition, weil die Regierung eine 2/3-Mehrheit braucht, und die Gewerkschaft, weil es ein neues Dienstrecht braucht.

 

   Dreh- und Angelpunkt sollen die neun Bildungsdirektionen sein, denen Bundes- und Landeslehrer unterstellt werden sollen. Also alle Macht den Ländern?

 

   Ich wehre mich dagegen, dass es bei der Frage der Lehrer immer nur um machtpolitische Gelüste geht. Am Anstellungsverhältnis soll sich nichts ändern. Wichtig ist nur die Frage, was soll der Bund verantworten, und was die Bildungsdirektionen.

 

   ... die den Ländern unterstellt werden ...

 

   Die Länder begleiten, würde ich sagen. Denn wesentlich ist ja die Autonomie der Schulen. Umso mehr Selbstständigkeit die haben, umso weniger Kompetenz brauchen die Bildungsdirektionen.

 

   Dennoch sind die politisch den Ländern unterstellt.

 

   Nein, die Politik fliegt aus der Schule. Die politisch besetzen Bezirksschulräte haben wir bei uns schon abgeschafft, jetzt gibt es noch die politisch besetzten Landesschulratskollegien. Aber auch die haben in dem Reformmodell, das uns vorgelegt wurde, keine Funktion mehr. Die Bildungsdirektionen sind unabhängig und nicht an Weisungen gebunden.

 

   Helmut Zilk hat den Satz geprägt: Parteipolitik in den Schulen kotzt mich an. Da sind Sie bei ihm?

 

   Absolut. Weil dann auch die ständigen Verdächtigungen weg sind.

 

  Wenn der Bund nur mehr die Ziele vorgibt und kontrolliert, der Rest aber bei den Ländern ist, kann man da überhaupt noch gegen den Willen der Länder Reformen machen?

 

   Die Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Denn der Bund hat ja nicht nur ein Kontrollrecht, sondern auch ein Durchgriffsrecht. Wenn die Vorgaben nicht erfüllt werden, verhängt der Bund Sanktionen, keine Frage.

 

   Und wie weit können sie die Autonomie der Schulen denken?

 

   Sehr weit, in allen Bereichen, ob bei Pädagogik, Schulfinanzen, Schulablauf oder beim Personal.

 

   Personelle Autonomie heißt, die Schulen dürfen Lehrer eigenständig anheuern - aber auch loswerden?

 

   Da werden die Bildungsdirektionen ein Anhörungs- und Mitspracherecht haben. Außerdem kann ich nur raten, sofort das Gespräch mit der Gewerkschaft zu suchen und zu verhandeln.

 

   Und sind Sie da bei der Gewerkschaft, die sagt, es brauche dann auch konkrete Ausstiegsangebote für Lehrer?

 

   Ja, es kann ja nicht sein, dass sofort auf der Straße landet, wer keine exzellente Arbeit abliefert. Diese Details sind zu klären, mit viel Beweglichkeit auf allen Seiten.

 

   Bildungsministerin Heinisch-Hosek beklagt, dass Sie im Schulsystem nicht mehr einsparen kann. Hat Sie recht?

 

   Nehmen wir nur das Bildungsinstitut Bifie, das man intensivst hinterfragen sollte. Das kostet jährlich 20 Millionen Euro, da kann das Ministerium einmal zeigen, was Qualitätskontrolle sein soll. Aber allein durch die Autonomie der Schulen können bis zu 30 Prozent der Verwaltung und damit 40 bis 50 Millionen Euro pro Jahr eingespart werden.

 

   Es wäre neu, dass Bundesbedienstete gehen müssen.

 

   Mit dem Argument kann man ja niemals Reformen machen. In Niederösterreich haben wir 1300 Dienstposten und zwanzig Abteilungen abgeschafft und eine Pensionsreform gemacht, die uns fast 50 Millionen einspart. Sparpotenziale sind immer vorhanden.

 

   Über Schulreformen wird seit Jahrzehnten gesprochen, warum soll das jetzt klappen?

 

   Das Reformkonzept ist umfangreich und ganzheitlich. Und realpolitisch ist es offenbar notwendig, einen gewissen Leidensdruck entstehen zu lassen, bis endlich Bewegung in die Sache kommt. Ich denke, der Leidensdruck ist jetzt groß genug.

 

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"Kurier" vom 08.03.2015                                    Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Wi, Abend, Länder, Morgen

 

Hoffnung auf "Freiraum für Schulen"

 

Alles neu. Selbstbestimmter Schulalltag, Prämien für sehr gute Lehrer

 

   Acht Experten - vier aus dem Bund, vier aus den Ländern, davon je vier SPÖler und ÖVPler - haben monatelang über Änderungen im Schulbereich diskutiert, teils heftig gestritten und ein umfassendes Reformmodell vorgelegt.

 

   Ziel ist es, eine Deregulierung im Schulsystem zu ermöglichen und die Schulen in vielen Belangen autonom entscheiden zu lassen. Unabhängige Bildungsdirektionen in den Ländern sollen für die Verwaltung zuständig sein, der Bund gibt die Ziele vor und überprüft alles.

 

   Zehn Jahre würde eine Umsetzung zumindest dauern, glauben die Experten. Dafür soll die "Regulierungsdichte" für die Pädagogen, die von Lehrern massiv kritisiert werden, um die Hälfte reduziert werden. Schulen sollen künftig über größere Verwaltungseinheiten geführt werden, so will man sich bis zu 2/3 der Schulleiter ersparen, gleichzeitig können Klein- und Kleinstschulen bestehen bleiben. Sparpotenzial laut Expertenpapier: 20 bis 30 Prozent der Verwaltungskosten, das wären rund 40 bis 50 Millionen.

 

   Verfassungsmaterien. Damit so eine umfassende Schulreform umgesetzt werden kann, müssen sehr viele Entscheidungsträger grünes Licht geben: Der Bund, die neun Landesregierungen, die Gewerkschaft, die Schulpartner aber auch die Opposition, da ein Großteil der Schulgesetze eine Verfassungsmehrheit für Änderungen benötigt.

 

   Spannend wird, ob die Schulen wie seit Jahrzehnten gefordert und geplant in die Autonomie entlassen werden. Damit sollen sie eigenständig Schwerpunkte setzen können, den Schulalltag frei bestimmen und dafür das passende Personal auswählen und entlassen dürfen. Dafür soll es Prämien für Lehrer geben, die besonders gute Leistungen erbringen.

 

   Knackpunkte werden jedenfalls: das tatsächliche Sparpotenzial, die Kompetenzverschiebung zwischen Bund und Ländern, aber auch der Wegfall des Versetzungs- und Kündigungsschutzes für Lehrer.

 

 

"Kurier" vom 08.03.2015                                    Seite: 4

Ressort: Seite 5

 

Wi, Abend

 

"Die Neue Mittelschule wurde im Stich gelassen"

 

Ist die NMS noch zu retten? Niki Glattauer weiß, wovon er spricht: Der Autor unterrichtet an einer Neuen Mittelschule. Im Interview analysiert er, warum die NMS nicht die Erwartungen erfüllen kann und warum er überzeugt ist, dass die Lehrer an der Neuen Mittelschule die besseren sind.

 

   KURIER: Herr Glattauer, der Evaluierungsbericht hat der Neuen Mittelschule ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Ist die Neue Mittelschule mit Bomben und Granaten durchgefallen?Niki Glattauer: Nein. Es ist ein großes Missverständnis, wenn man glaubt, hier wurde eine neue Schulform beurteilt - das ist die Neue Mittelschule nicht. Sie hätte eine werden können. Das Projekt scheiterte, weil sich die ehemalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied von der ÖVP überreden ließ, die AHS-Unterstufe weiterexistieren zu lassen. Als Beiwagerl zur AHS Unterstufe kann eine Schule keine besseren Ergebnisse bringen, die man sich aber fälschlicherweise erwartet hat. Die Neue Mittelschule war von Anfang an ein Etikettenschwindel.

 

   Warum darf man sich keine besseren Ergebnisse erwarten? Immerhin wurden pro Jahr 250 Millionen Euro in die Neue Schulmittel investiert...

 

   Das pädagogische Konzept der NMS ist gut, richtig, modern, es ist leistungsorientiert, nimmt aber den Eltern und Kindern trotzdem Psychodruck weg. Es wäre die ideale Leinwand für ein zeitgemäßes Schulbild. Aber leider muss halt auch der Rahmen passen. Und der passt nicht, solange wir nur die Schüler kriegen, die es in eine AHS nicht schaffen, beziehungsweise deren Eltern es nicht schaffen, ihre Kinder dorthin zu pressen. Und das, wo in Wien die Zahl der AHS-Beginner sowieso schon auf 65 Prozent zugeht. In meiner Jugend waren es kaum 30 Prozent. Es ist so, als würde man im Tiergarten eine super tolle, neue Voliere bauen, damit die Adler und Geier noch besser fliegen können - und dann stellen sie einen Pinguin hinein, einen Goldfisch und eine Schildkröte. Wir brauchen Klassen, in denen der Adler fliegt und die Schildkröte schwimmt.

 

   Trotz des enormen finanziellen Einsatzes fühlt sich die NMS in Stich gelassen?

 

   Ja. Schmieds Vision, Eltern von AHS-Schülern durch Werbung zu überzeugen, ihre Kinder in eine Neue Mittelschule zu geben, ist nicht aufgegangen. In diesem Fall sind die Eltern komisch. Auf der einen Seiten leiden sie unter den Zuständen in der AHS. Die Eltern beklagen die autoritäre Behandlung, die hohen Kosten für die Nachhilfe. Trotzdem stecken die Eltern ihre Kinder lieber in die AHS.

 

   Die schlechten Ergebnisse waren aus der Sicht des Lehrers programmiert?

 

   Wir Lehrer haben uns nie mehr erwartet. Es waren die Gegner, die die Erwartungen hochgeschraubt haben, und meinten: "Schauen wir mal, ob eure Ergebnisse besser sind, als jene in der AHS. Wenn nicht, kann man die Neue Mittelschule gleich abstellen." Der Expertenbericht kam zu früh, um festzustellen, ob die Neue Mittelschule eine Lernverbesserung bringt. Aber der Bericht kam gerade rechtzeitig als Signal, dass es ohne die gemeinsame Schule bis 14 Jahre keine Verbesserung geben wird. Wir brauchen die guten Elternhäuser, die AHS-Kinder und die Ganztagsschule. Dann gibt es unter Garantie bessere Bildungsergebnisse.

 

   Besucht Ihr Kind eine Neue Mittelschule?

 

   Meine Tochter geht auch in eine AHS. Ich werde ja nicht verrückt sein, meine Tochter in die schlechtere der beiden getrennten Schulen zu geben. Aber ich würde sie sofort in eine gemeinsame Schule geben. Ich bedaure es zu tiefst, dass es in der AHS nicht das moderne pädagogische Konzept der Neuen Mittelschule gibt. Denn das Gymnasium erlaubt alte Unterrichtsmethoden, nach dem Prinzip: "Wenn du es nicht kapierst, nimm halt Nachhilfe, und wenn die auch nicht reicht, sind wir nicht die richtige Schule für dich." Solche Unterrichtsmethoden sind für kein Kind gut. Das können wir uns in der Neuen Mittelschule auch nicht leisten, weil unser Klientel der typische Schulabbrecher ist. Deswegen ist auch nicht verwunderlich, dass beim Evaluierungsbericht herauskommt, dass sich die Kinder in der Neuen Mittelschule wohlfühlen. Durch das Wohlfühlklima, wo auch Leistung gefordert wird, schaffen wir es an meiner Neuen Mittelschule, dass 40 Prozent in eine berufsbildende mittlere Schule gehen, obwohl viele unserer Schüler anfangs nicht gut Deutsch können. Das heißt wir NMS-Lehrer haben es schwerer und ich trau mich zu behaupten, wir sind auch die besseren Lehrer.

 

   Wie kann man das Image der Neuen Mittelschule wieder aufmöbeln?

 

   Wichtig wäre es, endlich zu begreifen, dass Schulen ganz unterschiedliche Voraussetzungen haben und das zu ganz unterschiedlichen Notwendigkeiten führt. Echte Brennpunkt-NMSn in Wien, Graz, Wels, Dornbirn mit "Ausländer-Kinder"-Anteilen von bis zu 100 Prozent - wie etwa an meiner Schule - kommen mit sechs Stunden mehr pro Woche und sonst "schmecks" ganz bestimmt nicht aus. Wenn wir ein Kind sprachfördern, dann läuft das statt Turnen oder Geschichte. Es müsste aber zusätzlich stattfinden, das kostet Geld. Und wenn unsereiner ein Viertel seiner Unterrichtszeit damit verbringen muss, mit dem Polizisten, dem Jugendamt oder der WG zu telefonieren und noch ein Viertel, um sieben von 20 Kinder klarzumachen, dass es besser ist, in die Gratis-Nachhilfe zu gehen statt in den Park Rangordnung herstellen oder mit der Mama das Großraumbüro putzen, dann ist klar, dass a²+b² = c² nicht so funktioniert wie bei meiner Tochter im Gymnasium. Deswegen wäre eine Ganztagsschule ganz wichtig, aber im Moment schicken wir Kinder zu Mittag nach Hause.

 

   Das neue Allheilmittel heißt derzeit mehr Autonomie. Kann man aus der Sicht des Lehrers damit wirklich viele Probleme lösen?

 

   Ja, die Schulautonomie sind zwei, drei Schritte in die richtige Richtung. Endlich! Aber man muss aufpassen, dass das jetzt nicht zum neuen Zauberwort wird. Solange die Schulleitungen nach Parteibuch verteilt werden, wie das in vielen Bundesländern noch der Fall ist, und dann nicht die Geeignetsten zum Zug kommen sondern die Gefügigsten, wird aus einer autonomen Schule nicht automatisch eine gute Schule werden.

 

   Im Gegenteil. Wenn jetzt Werbung damit gemacht wird, dass Lehrer dann ein Viertel des Lehrplans weglassen können beziehungsweise Unterrichtseinheiten zu Doppelstunden blocken, dann muss ich sagen: Das ist ja Status quo. Wir haben Rahmenlehrpläne und flexible Stundenpläne. Und in der Praxis ist der wahre Lehrplan - leider! - in vielen Fällen sowieso das Unterrichtsbuch.

 

   Ist die ideale Schule der 10- bis 14-Jährigen die ehemals gut geführte Landhauptschule?

 

   Ganz genau. In der gut geführten Landhauptschule gab es ein heterogenes Publikum, mit sehr guten, mittleren und ein paar schwachen Schülern. Hier könnte man das pädagogische Konzept der Neuen Mittelschule umsetzen.

 

   Klingt, als könnten Sie sich mit der "Verländerung" der Schulen anfreunden?

 

   Früher war ich strikt dagegen. Momentan bin ich mir nicht sicher, ob es nicht der bessere Weg wäre, auch wenn ich die Parteibuchpolitik in den Ländern ablehne. Die Blockaden, durch die Zweiteilung des Systems sind ärger, als wenn das zweitbeste, aber dafür einheitliche System kommt. Es muss uns endlich gelingen diese Zweiklassen-Bildung zu vereinen, nur dann funktioniert Bildung auch im breiten Mittelbau und nicht nur bei der Elite.

 

 

"Kronen Zeitung" vom 08.03.2015                              Seite: 2

Ressort: Politik

 

Bgld, Ktn, N.Ö., O.Ö., Sbg, Stmk, Ti, Vbg, Wi

 

Bildungsexperte rechnet mit Schulpolitik ab  Schilcher sieht keine Verbesserung:

 

„Die Regierung ist nicht geeignet"

 

Wien. – Angesichts der aktuellen Schul-Misere – Pannen und Chaos bei der Zentralmatura, schlechte Noten für die Neue Mittelschule und eine immer noch stockende Reform, rechnet nun Bernd Schilcher, einer der renommiertesten Bildungsexperten Österreichs, mit der rot-schwarzen Koalition ab: „Diese Regierung ist nicht geeignet, sie merkt gar nicht, was sie verhaut."

 

   Bildungsexperte Schilcher

 

   Der ehemalige steirische ÖVP-Landeschulratspräsident, der auch die Expertenkommission der früheren Bildungsministerin Claudia Schmied leitete, nimmt vor allem seine eigene Partei hart in die Kritik. Der neue Parteichef Reinhold Mitterlehner habe Hoffnung gemacht, doch mittlerweile traue er der ÖVP nichts mehr zu, so Schilcher im Gespräch mit der „Krone". Aber auch die SPÖ und Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek kommen in der Bewertung des Experten nicht besser weg. „Wir haben eine schleißige Bildungspolitik, es gibt keine Anzeichen für eine Verbesserung. Kaum ein Politiker hat sich mit der Materie beschäftigt, und wenn doch, kann er sich gegen die eigene Partei nicht durchsetzen", sagt Schilcher.

 

   Das schlechte Zeugnis für die Neue Mittelschule habeDORIS VETTERMANN ihn nicht überrascht, denn es sei ja immer noch das „gleiche Publikum". Auch in Sachen Autonomie ist der langjährige ÖVP-Querdenker äußerst skeptisch – das werde bei den machthungrigen Landeshauptleuten wohl nicht durchgehen.

 

   Bernd Schilcher fordert von der Regierung, endlich anzufangen, den Auftrag ernst zu nehmen. Der Unterricht müsse geändert werden, es dürfe keine Vorträge der Lehrer mehr geben, die AHS-Lehrer müssen sich an der Neuen Mittelschule beteiligen, und es brauche mehr Transparenz. „Die Schulen müssen Rechenschaft ablegen. Es gibt Länder, in denen 90 Prozent der Schüler-Leistungen bei Tests publiziert werden, in Österreich sind es nur sechs Prozent", kritisiert der Experte. Gibt es keine Transparenz, bringe alle Autonomie den Schülern nichts.

 

   Für die Umsetzung der Reformen brauche es mutige Politiker, „doch diese Bereitschaft ist nicht erkennbar", so Bernd Schilcher.

 

 

 

"profil" Nr. 11/2015 vom 09.03.2015        Seite: 68,69,70,71,72,73

Ressort: Gesellschaft

 

Von Salomea Krobath Fotos: Philipp Horak

 

 

Heimarbeit

 

   Nicht nur integrationsunwillige Muslime halten ihre Kinder vom Unterricht fern. Auch die sogenannten Freilerner halten nichts von Schule und strengen Lehrplänen: Ihre Kinder sollen lernen, was und wie und wann sie wollen. Experten warnen vor Überforderung und sozialer Verwahrlosung.

 

   Allegra sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter Karin und beginnt zu schreiben. Mit Hingabe führt die Sechsjährige den Stift von rechts nach links und füllt das Blatt behutsam mit seitenverkehrten Buchstaben. "Sie schreibt momentan nur so. Als Linkshänderin ist das bequemer für sie", erklären ihre Eltern. Allegra wird ihre Geheimschrift so lange verwenden, wie es ihr Spaß macht. Das gängige Rechts-links-Dogma spielt in ihrem Fall keine Rolle. Ihre Familie gehört nämlich zu den sogenannten "Freilernern". Allegras Eltern greifen nicht in die Entwicklung ihres Kindes ein. Schreibt sie von links nach rechts, wird das schon seinen Sinn haben.

 

   Rund 2000 Kinder im schulpflichtigen Alter verzichten in Österreich auf den Schulbesuch. Das ist insofern kein Problem, als in Österreich keine Schulpflicht, sondern Unterrichtspflicht herrscht, sprich: Unterricht kann auch zu Hause erfolgen, solange der Lehrplan eingehalten und die Beherrschung des Schulstoffs durch eine jährliche Externistenprüfung an einer öffentlichen Schule nachgewiesen wird. Ein Trend zum schulfreien Unterricht ist zu erkennen: In Wien haben sich im aktuellen Schuljahr 389 Schülerinnen und Schüler zum häuslichen Unterricht angemeldet - 100 mehr als im Jahr davor. Wie dieser Unterricht konkret angelegt wird, steht den Familien frei. Entsprechend vielfältig sind die Lernmodelle, die in heimischen Wohnzimmern verfolgt werden. Von den klassischen, grundsätzlich nach Lehrplan vorgehenden Homeschoolern reicht die Bandbreite über allerlei alternative Bildungskonzepte bis zur wachsenden Untergruppe der Freilerner, die sich von herkömmlichen Formen der Wissensvermittlung gleich ganz distanzieren - mit kaum abschätzbaren Folgen.

 

   "Erwachsene sollten Kinder weder prüfen noch befragen. Ihre Aufgabe ist es, bei Bedarf Fragen zu beantworten und helfend zur Seite zu stehen", begründete der Freilerner-Urvater John Holt (1923-1985), ein von der Lernunlust seiner Schüler desillusionierter Ex-Lehrer aus New York, die neue Lernideologie in den 1960er-Jahren. Demnach sollte Lernen aus innerem Antrieb heraus zu mehr Begeisterung und größeren Erfolgen führen als das Pauken in einem starren Lehrplan oder die Erziehung zur Obrigkeitshörigkeit in schulischen Hierarchien.

 

   Wien Ottakring, später Vormittag. Der neunjährige Jonas rennt durch das Atelier seiner Mutter Sigrid, in der Hand einen Regenschirm. Eifrig zählt er die auf der Schirminnenseite abgedruckten Geldscheine: "Ich hab 1000 Euro!", ruft er aus und rechnet akribisch vor, wie er auf diesen Reichtum gekommen ist. Das Nazi-Regime hat Jonas bereits beim Frühstück durchgenommen - durch einen Magazintitel neugierig geworden, wollte er von seinen Eltern alles über den Zweiten Weltkrieg wissen.

 

   "Niemand hinterfragt, ob es sinnvoll ist, dass unsere Kinder Jahr um Jahr in der Schule absitzen, wo sie Wissen auswendig lernen, das sie zum Großteil nie wieder gebrauchen werden. Unter Bildung stelle ich mir etwas anderes vor", fasst seine Mutter das Grundressentiment der lehrplanskeptischen Freilerner zusammen. Fixe Unterrichtszeiten werden von ihnen abgelehnt, genauso wie Bildungsziele oder jede Art der Beurteilung. Lernen findet frei von Institutionen und äußerlichen Vorgaben statt; die Kinder beschäftigen sich mit Themen ihrer Wahl, so lange sie Lust dazu haben. Bei neu aufkeimenden Interessen stellen die Eltern entsprechende Materialien zur Verfügung und stellen Kontakte her. "Unsere oberste Maxime ist das Vertrauen in das Kind und in uns selber. Unsere Kinder müssen keine von außen festgelegten Ziele erreichen, um etwas ‚wert' zu sein", erklärt Allegras Mutter Karin.

 

   Im Gespräch mit Freilernern gelangt man schnell zu den ganz großen Grundsatzfragen: Wie geht Bildung? Wozu Schule? Und wer bestimmt eigentlich, welches Wissen relevant ist? Prominente Fürsprecher wie der deutsche Neurologe Gerald Hüther oder der Freilerner-Tausendsassa André Stern (siehe Interview) bereiten mit Slogans wie "Begeisterung ist Dünger fürs Gehirn" oder "Lernen liegt in der Natur des Menschen" den Boden für die Vorstellungen der Freilerner, die ungefähr so aussehen: Es gibt eine Welt ohne Druck und Zwang, in der jedes Kind seiner natürlichen Begabung folgen kann; in der demnach auch keine Handicaps oder Lernstörungen existieren - denn jeder ist gut, genau so, wie er ist.

 

   Stefan Hopmann vom Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien sieht die Sache etwas pragmatischer: "Anders als in den USA, wo ein Großteil der 2,5 Millionen Homeschooler aus religiösen Motiven der Schule fernbleibt, handelt es sich in Österreich hauptsächlich um eine bildungsnahe, reflektierte Elite, die ihren Kindern in Zeiten der Bildungsexpansion die Möglichkeit geben will, sich durch einen besonderen Lebenslauf von der Masse abzuheben." Etwas schärfer formuliert es Albert Düggeli, Professor für Entwicklungspsychologie an der Fachhochschule Basel: "Nicht selten werden Kinder vorgeschoben, um die autoritätskritische Skepsis des Elternhauses gegen die staatliche Macht auszuleben."

 

   Doch der Freiheitsdrang der Eltern geht zulasten der Kinder. Stefan Hopmann: "Auf ihnen liegt der diffuse Anspruch, etwas ganz Besonderes zu werden. Das kann überfordern. Vor allem in den USA, wo weniger kontrolliert wird, bleiben viele Heimlerner auf der Strecke."

 

   Studien zu den weiteren Lebens- und Karriereverläufen ehemaliger Heimlerner existieren kaum. In einer groß angelegten US-Untersuchung von 2009 stachen Heimlerner ihre klassisch unterrichteten Schulkollegen zwar akademisch aus - dafür lebten viele mit dem Stigma, "sozial nicht ganz normal" zu sein.

 

   "Erst mit 16 Jahren wurde mir richtig bewusst, dass andere Kinder in die Schule gehen müssen und ich mich von ihnen unterscheide. Das war auch nicht immer leicht", beschreibt die heute 32-jährige Christine (Name von der Redaktion geändert) ihre Freilernerjugend. Heute arbeitet sie als Pflegerin, assistiert im familieneigenen Betrieb und besucht seit Kurzem auch die Abendschule: "Ich möchte meine Tochter freilernend aufziehen, will aber vorher wissen, wie Schule eigentlich aussieht." Christines Fazit: "Wir lernen Formeln auswendig, von denen weder die Lehrerin noch die Schüler wirklich begreifen, wie sie in der Realität umzusetzen sind. Für mich, die immer praktisch gelernt hat, ist das oft nicht nachvollziehbar."

 

   In Österreich bleibt der Schulstoff freilich auch für Heimlerner Pflichtprogramm. Doch während klassische Homeschooler die Externistenprüfung meist ohne Probleme bestehen, ist es bei Freilernerkindern um das zufällige Zusammentreffen spontaner Interessen mit staatlichen Lehrplänen meist eher schlecht bestellt. Daher verweigerten neun Familien der "Initiative Freilernen 2013" im Vorjahr die Prüfung gleich ganz. Theoretisch zwingt der Prüfungsboykott die Kinder zur Wiederholung des Schuljahres an einer öffentlichen Schule.

 

   In der Praxis wissen die Behörden freilich nicht recht, wie sie damit umgehen sollen. Gegen die Bescheide, in denen den Kindern für das laufende Schuljahr der Besuch einer öffentlichen Schule vorgeschrieben wird, haben die Freilerner Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingelegt. Eine der betroffenen Erziehungsberechtigten, Sigrid Haubenberger-Lamprecht, betont, dass die Freilerner sich keineswegs aus Sturheit verweigern, sondern aus dem Wunsch heraus, Freilernen als gleichwertige Bildungsform zu etablieren: "Wir sind nicht gegen Schule, sondern wollen einfach unserer Lebensform, für die wir uns entschieden haben, frei nachgehen können."

 

   In Expertenkreisen bleibt der pädagogische Freisinn umstritten. Thomas Mohrs von der Pädagogischen Hochschule Linz erlebt die meisten Freilernerkinder als "selbstständige, selbstbewusste und lösungskompetente Menschen". Grundsätzlich, so Mohrs, würden die Freilerner durchaus gültige Konzepte aufgreifen: Lange schon sei bekannt, dass Noten dem Lernvergnügen, besonders jenem der jüngeren Kinder, schaden; dass selbst erarbeitetes Wissen tiefer wurzelt als oktroyiertes, dass streng getrennte Schulfächer unserer interdisziplinären Realität nicht gerecht werden und dass kein Teenager um acht Uhr früh über ein gesundes Denkvermögen verfügt.

 

   "Katastrophal" nennt Matthias Burchardt dagegen jeden Ansatz von häuslichem Unterricht. Der Lehrbeauftragte für Bildungsphilosophie an der Universität zu Köln tritt als lautstarker Gegner von Reformen auf, die dem Kind die komplette Verantwortung über den eigenen Lernprozess aufladen. "Ein Kind kann nur aus Bildungsangeboten wählen. Sich allein sämtliche Themen zu suchen, übersteigt seine Fähigkeiten. Es ist doch eine kulturelle Gegebenheit, dass ältere Generationen Werte und Wissen an die jüngeren herantragen. Im Einzelgang das Rad neu zu erfinden, ist nicht sinnvoll."

 

   Für die Schulunzufriedenheit der Freilerner zeigen die meisten Experten Verständnis, orten jedoch in deren Totalverweigerung kontraproduktive Tendenzen. Denn nicht nur Jahreszahlen und Matheformeln, auch soziale Gruppenfähigkeit und theoretisch-abstraktes Denken würden in der Schule vermittelt, so der Baseler Pädagoge Albert Düggeli: "Lernen durch Miterleben war in bäuerlichen Gemeinschaften üblich, passt aber nicht zu den differenzierten Lernanforderungen unserer komplexen Gesellschaft."

 

   Laut dem Kölner Bildungsexperten Mathias Burchardt steigt die Gefahr, dass Homeschooler und Freilernerkinder in einer Unselbstständigkeit gefangen würden, anstatt sich verstärkt an Alterskollegen und Lehrern zu orientieren. Diese hätten nämlich, bildungspsychologisch gesehen, eine wichtige Aufgabe: "Die Eltern bauen dem Kind eine Idealwelt. Lehrer sind Repräsentanten des öffentlichen Lebens - sich ihr Lob zu verdienen, kann mitunter lohnender sein, als von den Eltern verhätschelt werden. Anstatt sich der Schule vollkommen zu entziehen, sollten Eltern lieber ihr berechtigtes Unbehagen nutzen, um politisch etwas am Bildungssystem zu ändern."

 

   Fehlendes politisches Engagement ist nun allerdings wirklich nichts, was man österreichischen Freilernern vorwerfen könnte. "Seit Dezember 2013 suchen wir das Gespräch mit dem Ministerium für Bildung und Frauen, um gemeinsam einen für alle Beteiligten zufriedenstellenden Weg zu erarbeiten", berichtet die Freilerner-Aktivistin Haubenberger-Lamprecht. Eine Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof wurde bereits eingereicht, weitere sind in Vorbereitung. Die Mitbegründerin der österreichischen Freilerner-Initiative, Joya Marschnig, bleibt kämpferisch: "In der Verfassung wird uns das Recht auf freie Bildung zugesprochen. Doch mit der bestehenden Regelung werden wir gezwungen, unseren Kindern den Schulstoff auf eine Art einzutrichtern, die unserer Auffassung widerspricht."

 

   Darüber, wie eine Freilerner-kompatible Form der Externistenprüfung aussehen könnte, herrscht freilich auch innerhalb der Szene Unklarheit. Fest steht nur: Allegra soll weiter so schreiben, wie sie will.

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"profil" Nr. 11/2015 vom 09.03.2015                       Seite: 73

Ressort: Gesellschaft

 

Interview: Sebastian Hofer

 

 

"Eine Art Bildungs-Biedermeier"

 

   Matthias Burchardt unterrichtet Bildungsphilosophie an der Universität zu Köln. Freilerner-Konzepte hält er für einen pädagogischen Irrweg.

 

   profil: In allen Schulreformkommissionen dieser Welt ist man sich einig: Unterricht muss flexibler werden, mehr auf die Individualität der Kinder eingehen. Was spricht dann eigentlich gegen Freilernen?

 

   Matthias Burchardt: Ich frage mich, ob diese Kritik an der Schule wirklich zutrifft oder ob sie nicht schon Teil des Problems ist. Das Schöne an Schule ist ja die Balance zwischen individuellem und gemeinschaftlichem Lernen, zwischen Neigung und Pflicht. Natürlich ist diese Balance in der Schule manchmal ein bisschen auseinandergeraten, aber die Freilernerei treibt ins Radikale, was innerhalb des Systems Schule ohnehin probiert wird, also die Individualisierung von Tempo, Thema und Ziel.

 

   profil: Ist der Reformdruck in den Schulen also gar nicht so hoch, wie gern behauptet wird?

 

   Burchardt: Es wird zweifellos großer Reformdruck erzeugt. Man tut so, als wären wir noch in der Paukschule des wilhelminischen Zeitalters. Dabei hat Schule spätestens seit den 1970er-Jahren Methodenvielfalt und Individualisierung integriert. Dass die Menschen so unzufrieden mit den Schulen sind, liegt nicht an der Schule selbst, sondern am Reformchaos der vergangenen Jahre, das dazu geführt hat, dass Schule ihre Stärken nicht mehr entfalten kann.

 

   profil: Das Grundkonzept der Freilerner klingt dennoch gut: Freude am Lernen durch Freiwilligkeit.

 

   Burchardt: Das ist aber nur die halbe Wahrheit des Lernens. Warum muss eine Generation lernen? Weil die ältere Generation irgendwann abtreten wird und die wesentlichen Kulturtechniken auf die jüngere übertragen werden müssen. Gesellschaftlich äußert sich diese Notwendigkeit in der Schulpflicht. Wir können es nicht der Neigung oder dem Zufall überlassen, dass der Einzelne elementare Kulturtechniken erwirbt. Das Ziel der Pädagogik ist die Freiheit, und eines ihrer notwendigen Mittel ist unter anderem der Zwang.

 

   profil: Ist die Reformpädagogik denn insgesamt auf dem Holzweg?

 

   Burchardt: Reformpädagogik hat eine Berechtigung, insofern sie Methodenvielfalt, ein Verständnis des Kindes, seiner Bedürfnisse und seiner Entwicklung in die Schulen hineingetragen hat. Sie hat aber auch fatale Einseitigkeiten hervorgebracht. Die Reformpädagogik spricht oft vom "heiligen Kind". Der Erwachsene tritt als Zerstörer auf. Ich glaube nicht, dass das der Wahrheit dieser Beziehung zwischen Kind und Erwachsenen gerecht wird. Kinder erleben es nicht als Unterdrückung, wenn man ihnen etwas beibringt - im Gegenteil: Neue Fähigkeiten machen Kinder unglaublich stark. Der Gedanke, dass alles aus dem Kind selbst kommt, ist auch ein Vorenthalt wesentlicher Wachstumsmöglichkeiten.

 

   profil: Führen Freilerner-Eltern mit ihren Kindern einen Stellvertreterkrieg gegen staatliche Institutionen?

 

   Burchardt: Das ist genau der Punkt. Das ist eigentlich eine Art Bildungs-Biedermeier: Ich nehme mich aus dem System heraus, aus einer vielleicht sogar begründeten Unzufriedenheit, und schaffe meinem Kind Idealbedingungen. Das heißt aber auch, dem Kind etwas vorzuenthalten. Da werden Kontroll- und Allmachtsfantasien auf das Kind projiziert. Die Alternative sollte doch sein, dass sich diese Eltern in das Gemeinwesen einbringen und dafür sorgen, dass das, was ihnen an Pädagogik wichtig ist, auch in Schulen vorkommt.

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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