Dienstag, 24. März 2015

2015.03.24: Newsletter Bildung

Heute – 24. März 2015

 

 

Finnland schafft alle Schulfächer ab

Finnland belegt bei der PISA-Studie seit Jahren Spitzenplätze. Jetzt plant man die nächste Bildungsrevolution: Bis 2020 sollen in allen Schulen des Landes die Schulfächer abgeschafft sein.

Stattdessen werden Themengebiete, sogenannte "Phänomene", unterrichtet. Erste Tests für das neue System laufen. Bei diesen steht zum Beispiel statt Mathematik oder Geschichte etwa das Thema "EU" auf dem Stundenplan.

Die Schüler lernen die Geschichte der Mitgliedstaaten, üben deren Sprachen und setzen sich laut Bericht des britischen "Independent" mit der Politik auseinander. Die Lehrer planen die Stunden künftig im Team und unterrichten in Gruppen statt frontal.

 

 

Der Standard – 24. März 2015

 

 

Lehrergewerkschafter zu Bullying: "Die Eltern lassen immer mehr aus"

Lisa Nimmervoll

Pflichtschullehrerchef Kimberger fordert Unterstützung durch Sozialarbeiter und Psychologen

Wien - "Österreichische Kinder sind nicht anders als Kinder in anderen OECD-Ländern", betont Paul Kimberger gleich einmal vorneweg. Dass sie im neuen OECD-Report "Skills for Social Progress: The Power oft Social and Emotional Skills" beim internationalen Vergleich zum Thema "Bullying", also Mobbing in Schulen, den unrühmlichen Platz eins einnehmen, sei jedenfalls anders zu erklären, sagt der Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft im Gespräch mit derStandard.at.

Laut der OECD-Analyse, die auf den letzten verfügbaren Daten von 2009/10 basiert, war in Österreich einer von fünf Buben (21 Prozent) im Alter von elf bis 15 Jahren zumindest zweimal in den vergangenen zwei Monaten Opfer von "Bullying". Dieser Anteil an Schulmobbingopfern ist doppelt so groß wie der OECD-Schnitt (elf Prozent) und beträgt sogar mehr als das Fünffache von schwedischen Schulen, wo nur vier Prozent der Schulbuben von Bullying-Erfahrungen berichtet haben. Die Zahlen für Mädchen sind in allen 27 verglichenen Ländern signifikant niedriger als die der Buben. Bei österreichischen Schülerinnen lag der Bullyingopferanteil bei 13,7 Prozent.

Wer ist da integrationsunwillig?

Laut Lehrergewerkschafter Kimberger ist es "ein Faktum, dass in den vergangenen Jahren vermehrt Probleme und Herausforderungen von außen in die Schulen getragen wurden, vor allem solche, die mehr mit Erziehung als mit Pädagogik zu tun haben. So werden Phänomene wie Bullying oder Mobbing in der Schule auch angefeuert." Und, ein großes Problem, betont der Lehrergewerkschaftschef: "Natürlich lassen die Eltern tendenziell immer mehr aus."

Was meint er damit? Er finde es fast "skurril, dass wir eine Diskussion über ,Integrationsunwilligkeit' von Migranten haben, denn das betrifft beileibe nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund, sondern auch österreichische, dass sie sich quasi nicht integrieren in den Schulalltag."

Überforderte Schulen

Angesichts dieser von außen an die Schule abgeschobenen Probleme mache sich dann eben ein Defizit – und eine Erklärung für das offenkundig zu wenig bearbeitete Mobbingproblem in den Schulen – nachdrücklich bemerkbar, sagt Kimberger: "In anderen OECD-Ländern, vor allem den skandinavischen, gibt es schon lange etablierte Unterstützungs- und Supportsysteme für die Lehrerinnen und Lehrer. In Österreich gibt es das nicht. Deswegen ist die Schule manchmal überfordert, wenn sie alle diese Probleme lösen soll. Die Lehrer übernehmen das, müssen das übernehmen, aber irgendwas kommt dann natürlich zu kurz. Sie haben viel zu wenig Unterstützung und können deswegen diesen Phänomenen nicht so effektiv entgegentreten", kritisiert Kimberger: "Das ist wirklich Verantwortungslosigkeit."

Die Gewerkschaft hat nicht zuletzt bei den Verhandlungen über das neue Lehrerdienstrecht immer wieder eine massive Aufstockung des (pädagogischen und administrativen) Unterstützungspersonals in Schulen gefordert. Wollte Österreich an das OECD-Niveau herankommen, dann müssten 13.500 Posten zusätzlich geschaffen werden, würde man sich an den OECD-Besten orientieren, fehlen laut Kimberger sogar 23.500 Fachleute mit psychologischer und sozialarbeiterischer Expertise.

Soziale Medien ein "Riesenproblem"

Kimberger weist auch auf einen wachsenden Problembereich hin, der im OECD-Report bzw. der internationalen "Health-Behaviour in School-aged Children" (HBSC)-Studie, auf die er sich datentechnisch stützt, nicht berücksichtigt wurde: Cyber-Bullying im Internet oder via Telefon – nicht nur unter Schülern, sondern auch immer öfter gegen Lehrer gerichtet.

"Die Sozialen Medien sind ein Riesenproblem, auch auf rechtlicher Ebene." Die Schulen müssten in einem "rechtlichen Graubereich" agieren, wenn es etwa "zu Beleidigungen, Beschimpfungen oder Drohungen im Internet oder in Social Networks kommt. Da stoßen wir sehr oft an unsere Grenzen", berichtet der oberste Pflichtschullehrervertreter.

Vor einiger Zeit habe man daher mit den deutschen und den Schweizer Lehrergewerkschaften den Leitfaden "Social Media für Lehrerinnen und Lehrer" erarbeitet, in dem auf das Problem hingewiesen werde. Außerdem "fordern wir den Dienstgeber, also den Bund, auf, für diesen Problembereich rechtliche Grundlagen zu schaffen".

Gefahr im Internet

Ähnliche Aktivitäten müssten dringend auch für die Schülerinnen und Schüler gesetzt werden, fordert Kimberger, der ausgehend von Kooperationen mit der Polizei berichtet, "die nur in Netzen unterwegs sind – da kriegt man es mit der Angst zu tun. Da scheinen Pädophile en masse unterwegs zu sein, und zugleich geben Kinder dort Dinge preis, da kann man sich nur auf den Kopf greifen. Da brauchen wir viel mehr Prophylaxe."

Erhoben wurden die nun von den OECD-Analysten zusammengeführten diversen Bullying-Daten (Basis 2009/10, Vergleichsjahr 2005/06) für die HBSC-Studie von nationalen Forscherteams unter Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in Österreich war dies das Ludwig-Boltzmann-Institut Health Promotion Research. Das Thema Bullying wird darin seit 1994 abgefragt.

Schikane oder keine Schikane

Konkret wurde den Schülerinnen und Schülern im Alter von elf, 13, 15 und erstmalig 17 Jahren eine kurze Begriffsklärung vorgelegt, was unter "Schikanieren" überhaupt zu verstehen ist, etwa "wenn ein/e Schüler/in oder eine Gruppe von Schülern/Schülerinnen ihm/ihr gegenüber unfreundliche oder gemeine Dinge sagt oder tut". Schikaniert werde man auch, "wenn jemand wiederholt mit Dingen geärgert wird, die ihn oder sie stören oder wenn jemand absichtlich aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen wird".

Die befragten Schülerinnen und Schüler wurden auch aufgeklärt, was nicht unter Schikanieren fällt, zum Beispiel "wenn zwei etwa gleichstarke Schüler/innen miteinander kämpfen oder in Streit geraten" oder "wenn das Ärgern in einer verspielten oder freundlichen Art und Weise geschieht". Es wurde sowohl die Opfer- als auch die Täterperspektive abgefragt.

Opfer und Täter bei Bullying

Die erste Frage lautete: "Wie oft bist du in den letzten paar Monaten in der Schule schikaniert worden?" Die Antwortskala war fünfteilig: "Ich wurde in den letzten paar Monaten in der Schule nicht schikaniert – das ist mir nur ein- oder zweimal passiert – zwei- oder dreimal pro Monat – ungefähr einmal pro Woche – mehrmals pro Woche."

Diese galt auch für die Frage nach aktivem Mobbing: "Wie oft hast du in den letzten paar Monaten dabei mitgemacht, wenn jemand in der Schule schikaniert wurde?" Für die Auswertung wurden drei Kategorien gebildet: "nie", "ein- bis zweimal" und "dreimal oder öfter".

57,7 Prozent nicht an Bullying beteiligt

Demnach waren laut Selbstauskunft 57,7 Prozent der österreichischen Schülerinnen und Schüler in den vergangenen Monaten nicht an Bullying beteiligt. Buben sind generell stärker an schulischem Mobbing beteiligt als Mädchen (54,6 vs. 31 Prozent). Knapp ein Viertel der Kinder und Jugendlichen (Buben: 27,7 Prozent, Mädchen: 20,3 Prozent) schikanierten andere ein- bis zweimal. Öfter als Täter aktiv waren knapp ein Fünftel (18,5 Prozent) der Schüler (Buben: 26,9 Prozent, Mädchen: 10,6 Prozent). Zwischen elf und 15 steigt die Beteiligung an Bullying bei beiden Geschlechtern kontinuierlich an.

38,3 Prozent Opfer von Bullying

Opfer von Bullying waren 38,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler, auch da ist der Wert bei den Buben höher (44,1 Prozent, Mädchen: 33 Prozent), bei beiden Geschlechtern gibt es einen Peak bei 13 Jahren, wo die meisten Mobbingopfer verzeichnet werden.

Vier von zehn Schülern (41 Prozent) waren weder Täter noch Opfer (Buben: 30,4 Prozent; Mädchen: 50,8 Prozent), der Prozentsatz der Täter hat bei 15 Jahren den Höchstwert.

Die OECD konzentrierte sich in ihrem Report auf die elf- bis 15-jährigen Schüler, die ein bis zweimal in den vergangenen zwei Monaten einer Bullying-Attacke in der Schule zum Opfer gefallen sind. Und hier reichte es für Österreich für Platz eins in einer internationalen Vergleichsstudie – oder für den letzten, je nach Sicht der Dinge.

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Der Standard – 24. März 2015

 

 

Mobbing in der Schule: Bei der Polizei ging's auch

Kommentar | Lisa Kogelnik

Es ist höchste Zeit, mehr Schulpsychologen anzustellen

Die Zahlen sprechen für sich. In Österreich kommt ein Schulpsychologe auf 6305 Schüler und Schülerinnen. Es ist unmöglich, dass sich diese Psychologen um jeden der Buben kümmern können, die sich an ihrer Schule gemobbt fühlen. Das sind nämlich 21 Prozent, Österreich ist in einer neuen OECD-Studie das Schlusslicht. Es ist höchste Zeit, mehr Schulpsychologen anzustellen.

Bereits vor einigen Wochen hat Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) gesagt, dass zumindest hundert zusätzliche Schulpsychologen nötig wären, derzeit sind es 180. Sie wolle dazu Gespräche mit Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) führen. Dass es dieses Geld geben wird, ist mehr als zweifelhaft. Heinisch-Hosek kann mit ihrem derzeitigen Budget voraussichtlich nicht einmal die Lehrergehälter zahlen.

Es ist beschämend, dass Gesundheit und Wohlbefinden der Schüler Gegenstand zäher Verhandlungen sind. Dass Geld auch kurzfristig aufgestellt werden kann, hat das Sicherheitspaket nach den Terroranschlägen in Paris gezeigt. Die Regierung hat innerhalb weniger Tage 260 Millionen Euro für die Polizei zugesagt.

Dabei wären mehr Schulpsychologen im Sinne der Sicherheit. Damit ist nicht nur den Opfern von Bullying geholfen, sondern auch der Gesellschaft, die ihre Kinder den Umgang mit Konflikten lehrt. Dafür müsste die Regierung aber langfristig denken, nicht nur kurzfristig reagieren.

 

 

Der Standard – 24. März 2015

 

 

OECD: Österreich hat höchste Mobbingrate in Schulen

Lisa Nimmervoll

Einer von fünf Schulbuben zwischen elf und 15 ist von "Bullying" betroffen - doppelt so viele wie im OECD-Schnitt, fünfmal mehr als in Schweden

Wien - Es ist ein unrühmlicher erster Platz, den Österreich im neuesten Report der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einnimmt. Dieser widmet sich "Skills for Social Progress: The Power oft Social and Emotional Skills". Und demzufolge berichtet hierzulande einer von fünf Buben im Alter von elf bis 15 Jahren von zumindest zwei "Bullying"-Erfahrungen in den vergangenen zwei Monaten in der Schule. Mit 21,3 Prozent weist Österreich damit einen fast doppelt so hohen Anteil an Mobbingopfern im Schulumfeld aus als der OECD-Schnitt der 27 untersuchten Länder mit elf Prozent. Die absolut niedrigste Bullying-Rate hat Schweden mit nur vier Prozent.

"Ernstes Problem" mit Langzeitfolgen

Unter "Bullying" versteht man Mobbing in der Schule, also systematische und wiederholte Aggression unter Schülern, seien es verbale durch Beleidigungen, soziale durch Streuen von Gerüchten oder andere Formen öffentlicher Beschämung und Schikanen sowie physische in Form von körperlichen Attacken. Die OECD-Autoren sehen darin ein "ernstes, gesamtgesellschaftliches Problem, das Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter haben kann."

Anders als zum Beispiel Estland, das mit 20 Prozent Rang zwei der Schulmobbingskala einnimt, den Anteil der jungen Mobbingopfer aber gegenüber dem Schuljahr 2005/06 deutlich senken konnte, so wie etwa auch Deutschland, Griechenland und Italien, ist in Österreich die Zahl der Bullying-Opfer sogar noch angestiegen.

Als Gegenmaßnahmen empfehlen die Studienautoren schulische Interventionen, die das Selbstwertgefühl der Kinder fördern, die ihnen helfen, mit Emotionen wie Wut und Aggression umzugehen und die die Resilienz der Schülerinnen und Schüler, also deren psychische Widerstandsfähigkeit, aufbauen und stärken. Dies könne helfen, Bullying, aber auch die langfristigen Gesundheits- und Sozialkosten für die Folgen von Mobbing zu reduzieren.

Cyber-Bullying nicht erfasst

Nicht erfasst in den von der OECD verwendeten Vergleichsdaten von 2009/10 aus der HBSC-Studie (Health-Behaviour in School-aged Children), die von Forschergruppen aus 43 Ländern in Kooperation mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführt wird, sind "neue Formen des Bullying wie Online- und Telefon-Bullying", heißt es im OECD-Bericht. Es wird aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Online-Bullying zwar weniger verbreitet sei, mitunter aber noch mehr Leid anrichten könne als das Offline-Bullying quasi im "echten" Leben.

Buben signifikant öfter mit Bullying-Erfahrung

Buben berichten übrigens signifikant häufiger von Bullying-Erfahrungen. Laut HBSC-Studie lag der Bullyingopferanteil bei den elf- bis 15-jährigen Mädchen in Österreich bei 13,7 Prozent.

Die OECD, der oft vorgeworfen wird, rein quantitative Vermessungen der Bildungssysteme zu machen, will mit dem Social-Skills-Report den Einfluss sozialer und emotionaler Faktoren auf Bildung, Arbeitsmarkt und soziale Folgen beschreiben. Eines der Kernargumente lautet: "Kinder brauchen ein ausgewogenes Set an kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten, um ein positives, gutes Leben zu erreichen."

Beim Erlernen dieser "Skills" könnten Lehrer und Eltern den Kindern helfen, indem sie starke, vertrauensvolle Beziehungen aufbauen und ihnen praktische Lernerfahrungen ermöglichen. Der frühen Vermittlung von Social Skills würde zudem eine wichtige Rolle bei der Reduktion von Bildungs-, Arbeitsmarkt- und sozialen Ungleichheiten zukommen.

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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