Donnerstag, 26. März 2015

2015.03.26: Newsletter Bildung

Die Presse – 26. März 2015

 

 

Pension, Schule, Finanzausgleich: Alles aufgeschoben

Nach der Steuerreform vertagt die Koalition im Superwahljahr 2015 brisante Reformen. Das betrifft die Pensionen ebenso wie Schulreformen.

Wien. Das Wahljahr 2015 mit den vier Landeswahlen in der Steiermark, im Burgenland, in Oberösterreich sowie in Wien führt zu einer Lähmung der Bundespolitik in wichtigen und brisanten Bereichen. Während Bundeskanzler Werner Faymann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner am Mittwochvormittag mit ihren Erklärungen im Nationalrat nochmals die Werbetrommel für ihre Steuerreform auch bei der Opposition gerührt haben, steht seit der zweitägigen Regierungsklausur in Krems fest, dass die Umsetzung eines Großteils der zentralen Reformaufgaben für SPÖ und ÖVP bis in das Jahr 2016 verschoben wird.

Das betrifft die Pensionen ebenso wie Schulreformen und auch den Finanzausgleich, mit dem das Steuervolumen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden aufgeteilt wird. Im rot-schwarzen Regierungssprech wird das allerdings naturgemäß nicht als weiteres Herumdrücken um Entscheidungen und Hinausschieben notwendiger Eingriffe bezeichnet.

Faymann und Mitterlehner verweisen vielmehr darauf, dass nun Reformvorhaben mit genau festgelegten Fristen in Angriff genommen werden. Denn das habe mit der Fristsetzung bis zum 17. März des heurigen Jahres für die Einigung auf die Steuerreform gut geklappt.

Allerdings läuft diese Vorgangsweise nunmehr im Endeffekt auf Verzögerungen hinaus: Es wird keine Beschlüsse über Schulreformen vor dem ersten Halbjahr 2016 geben, keine weiteren Einschnitte bei den Pensionen vor Jahresmitte 2016, keine Änderungen bei dem für den Bund äußerst nachteiligen Finanzausgleich vor Ende nächsten Jahres.

Schulen

Für die längst überfälligen Schulreformen wurde als Frist der 17. November 2015 paktiert. Damit gibt es sicher nicht zufällig einen gut einmonatigen Sicherheitsabstand zu den Wahlen in Wien und Oberösterreich. Mit der Vertagung auf November dieses Jahres wird zugedeckt, dass Bund und Länder bereits seit Sommer 2014 ergebnislos über Neuerungen im Schulwesen und in der Schulverwaltung wie etwa über die Kompetenzen für Lehrer verhandeln. In der Zwischenzeit haben die Länder jährlich die nach den Schülerzahlen vereinbarten Lehrerkosten um rund 30 Millionen Euro überzogen. Ein Expertenpapier zur Erhöhung der Effizienz im Schulwesen verstaubt seit Jahren in den Schubladen des Unterrichts- und Finanzministeriums.
Selbst bei einer Entscheidung am 17. November 2015 sorgen der parlamentarische Fristenlauf und die notwendige Umstellungszeit in den Schulen dafür, dass wirklich einschneidende Neuerungen dann nicht mehr rechtzeitig ab dem Schuljahr 2016/17 umgesetzt werden können.

Pensionen

Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) ist mit dem Hinausschieben der Entscheidung über weitere Eingriffe bei den Pensionen auf den 29. Februar 2016 ein Coup gelungen. Zu diesem Termin wird er kaum mehr in die Verlegenheit kommen, etwaige Reformen auch noch selbst umsetzen zu müssen. Denn Hundstorfer wird aller Voraussicht nach im Spätherbst dieses Jahres offiziell als Bundespräsidentschaftskandidat der SPÖ nominiert. Er wird daher am 29. Februar 2016 vermutlich nicht mehr im Ministeramt, sondern längst mitten im Wahlkampf um die Nachfolge von Heinz Fischer in der Hofburg sein.

Die ÖVP mit Bundesparteiobmann Reinhold Mitterlehner und Finanzminister Hans Jörg Schelling hat nach dem erhöhten Druck in den vergangenen Wochen vorerst gegenüber der SPÖ und Hundstorfer zurückgesteckt. Das erfolgte mit Blick auf die vier Landtagswahlen bei zum Teil unpopulären Themen wie der früheren Anhebung des Frauenpensionsalters und weiteren Verschärfungen. In der SPÖ war einkalkuliert, dass die ÖVP-Spitze jetzt bei dem Thema keinesfalls den großen Koalitionskrach riskieren würde.

Länder

Bei der Neuaufteilung der Steuereinnahmen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden ist das Zurückstecken bereits im Herbst des Vorjahres nur ein paar Wochen nach der Amtsübernahme Schellings im Finanzministerium erfolgt. Der Finanzausgleich wurde ohne viel Aufhebens nochmals um ein Jahr bis Ende 2016 verlängert. Die Bundesregierung gab damit ein wichtiges Druckmittel für einen sparsameren Umgang mit dem Geld aller österreichischen Steuerzahler gegenüber den Bundesländern vorzeitig aus der Hand. Schelling predigt zwar sein Prinzip, dass am besten jene Gebietskörperschaft zahlen solle, die auch die Verantwortung wahrnehme. Momentan ist das allerdings noch politische Fantasie: Denn jetzt werden erst einmal im heurigen Frühjahr die Verhandlungen über einen neuen Finanzausgleich gestartet.

Die Länder haben sich für die Verhandlungen gewappnet. Sie werden mehr Geld wegen der steigenden Kosten für die Pflege verlangen und damit Einsparungen oder Abstriche in anderen Bereichen zu kompensieren versuchen.

Details noch offen

In der Zwischenzeit wird die Bundesregierung an sich längst überfällige Minigesetzesinitiativen wie zuletzt bei ihrer Klausur in Krems den Österreichern als große Errungenschaften näherbringen: die Teilpension, die mehr eine verkappte Neuregelung der teuren Altersteilzeit ist, das Pensionsmonitoring zur Beobachtung des durchschnittlichen Pensionsantritts und die Kostenbremse in der Verwaltung, in der die Ausgaben künftig nur um 1,7 statt 2,7 Prozent steigen sollen. Zum Vergleich: In Oberösterreich wuchsen die Verwaltungsausgaben seit 2009 im Schnitt um nur 0,58 Prozent an („Die Presse“ berichtete in ihrer Online-Ausgabe).

Selbst bei diesen Gesetzen herrscht bisweilen Unklarheit. So war im Rahmen der Klausur geplant, auch Frauen die Teilpension zu ermöglichen. Bisher hätten nur Männer ab 62 Jahren davon profitiert. Hundstorfers Sozialministerium meldete jedoch am Mittwoch Bedenken an, weil eine Neuregelung etwa für Frauen ab 57 Jahren europarechtlich nicht halten würde. Eine geschlechterspezifische Differenzierung mit unterschiedlichen Altersgrenzen sei nicht zulässig.

 

 

Die Presse – 26. März 2015

 

 

„Ghettoklassen“: Regierung uneins über selbst vorgelegte Einigung

Die Koalition hat einen gemeinsamen Plan für Schüler mit Deutschdefiziten vorgelegt. Problem: SPÖ und ÖVP interpretieren diesen völlig unterschiedlich.

Von Julia Neuhauser

Wien. Über die Sprachförderung für Schüler mit Migrationshintergrund streitet die Regierung offenbar besonders gern. Die Diskussion über „Ghettoklassen“ – in denen Schüler vor Eintritt in die Volksschule in separaten Klassen Deutsch lernen – wurde schon vor zwei Jahren heftig geführt. Damals verkündete die Regierung eine Einigung. Die wackelt nun aber wieder. Denn bei der jüngsten Regierungsklausur ist das Streitthema erneut akut geworden.

In Folge der Integrationsdebatte – Auslöser war die Diskussion über Integrationsunwilligkeit – wurde bei der Klausur ein Integrationspaket akkordiert und dabei das Thema Sprachförderung neu aufgerollt. Warum das trotz einer vor zwei Jahren erzielten Einigung zwischen der damaligen Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) und dem nunmehrigen Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) notwendig war? Die inoffizielle Antwort müsste wohl lauten, weil sich das Thema gut verkaufen lässt. Die offizielle Version klingt anders. Damals habe man sich nur auf einen Erlass und nicht auf ein Gesetz einigen können. Das ist dem Integrationsminister zu wenig.

Die derzeit gültige rechtliche Situation ist kompliziert. Es ist nicht zulässig, Kinder wegen ihrer unzureichenden Deutschkenntnisse für nicht schulreif zu erklären. Sie dürfen also grundsätzlich nicht in die Vorschule geschickt oder nach Vorschulplan in der Volksschule unterrichtet werden. Es sei denn, dass nicht nur ihre Deutschkenntnisse, sondern ihr gesamter sprachlicher Entwicklungsstand (hier spielen die muttersprachlichen Fähigkeiten eine Rolle) hinterherhinkt. In der Praxis dürfte das häufig vermischt werden.

erzeitige Regelung zu lasch

Kinder, die keine Sprach- aber Deutschdefizite haben, sind laut Gesetz als außerordentliche Schüler einzustufen. Sie erhalten dadurch zusätzliche Förderung und werden nicht beurteilt. In welcher Form diese Schüler unterrichtet werden, entscheidet der Volksschuldirektor. Außerordentliche Schüler können in die erste Klasse Volksschule aufgenommen oder auch in eigenen Klassen zusammengefasst werden. Das wird meist von der Zahl der außerordentlichen Schüler am Standort abhängig gemacht. Je mehr Schüler Deutschdefizite haben, desto wahrscheinlicher sind logischerweise auch separate Klassen. Für den Geschmack des Integrationsministeriums ist diese Handhabe zu lasch.

Bei der Regierungsklausur arbeitete man deshalb an einer Adaptierung und verabschiedete ein gemeinsames Papier. Nun streitet die Koalition genau darüber. SPÖ und ÖVP interpretieren die selbst vorgelegte Einigung nämlich unterschiedlich. Im Papier heißt es, dass Schüler mit Sprachdefiziten, insbesondere in Ballungsräumen, in vorbereitenden Klassen in der Sprache fit gemacht werden sollten, damit ein schnellstmöglicher Eintritt in das Regelschulsystem gewährleistet werden kann.

Die ÖVP sieht sich dadurch in ihrer Forderung nach „Deutsch vor Schuleintritt“ bestätigt. Schüler mit Deutschproblemen sollten in eigenen Klassen auf den Regelunterricht vorbereitet werden. Außerordentliche Schüler müsste es dann eigentlich nicht mehr geben. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) sieht das völlig anders. Von separaten Klassen hält sie nämlich nichts. Die im Papier erwähnten vorbereitenden Klassen versteht sie lediglich als temporär eingesetzte Gruppen.

Diese komplizierte Diskussion zeigt vor allem eines: Für die Bildungsreformgruppe der Regierung, die nun eine gesetzliche Regelung finden soll, besteht bis zum Abgabetermin am 17. November 2015 noch einiges an Klärungsbedarf.

 

 

Die Presse – 26. März 2015

 

 

NMS: Doppelbesetzung künftig auch in Nebenfächern

Vielfach wurde mehr Flexibilität für die Zusatzstunden an den Neuen Mittelschulen gefordert. Ab Herbst schon soll es sie geben.

Neue Mittelschulen (NMS) sollen künftig die vom Bund bezahlten zusätzlichen sechs Stunden nicht mehr nur in Deutsch, Mathematik oder Englisch, sondern auch in anderen Schwerpunktfächern einsetzen können. Eine Gesetzesvorlage dazu ging am Dienstag in Begutachtung, hieß es in einer Aussendung. Das Gesetz soll nach dem Nationalratsbeschluss ab Herbst gelten.

Einsatz wird durch Schulaufsicht geprüft

"Die Standorte werden in Zukunft flexibler auf lokale Herausforderungen reagieren können", so Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Das bringe den NMS mehr "autonome Gestaltungsräume". Der zweckmäßige Einsatz und die Umsetzungsqualität soll durch die Schulaufsicht geprüft werden und die Änderungen bereits zum Start des nächsten Schuljahres wirksam sein. Die Flexibilisierung war bereits unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse der NMS-Evaluierung von Heinisch-Hosek angekündigt worden.

Die sechs Zusatzstunden für "pädagogische Fördermaßnahmen" in den Gegenständen Mathematik, Deutsch und Englisch an NMS machen organisatorisch den Hauptunterschied zur Hauptschule aus, die von der NMS bis 2018 als Schulform vollständig abgelöst wird. Sie können für die Besetzung dieser Fächer mit je zwei Lehrern (Teamteaching) eingesetzt werden oder für Individualisierung, differenzierten Unterricht in der Klasse, Begabungs- und Begabtenförderung, inklusive Pädagogik, Förderung in temporären Schülergruppen sowie Förder- und Leistungskurse.

 

 

Die Presse – 26. März 2015

 

 

Schule: Migranten wünschen sich mehr Wertschätzung

Eine deutsche Studie behandelt Bildungserfahrungen und Einstellungen von Migranten. Wichtig sind Zugehörigkeit, Bewahrung und Selbstverwirklichung.

Eltern mit Migrationshintergrund haben hohe Bildungsziele für ihre Kinder, sie vermissen aber häufig spezifische Informations- und Unterstützungsangebote. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag veröffentlichten Studie mit dem Titel "Große Vielfalt, weniger Chancen". Die Opposition bewertete die Ergebnisse als Beleg dafür, dass das deutsche Bildungssystem Migranten ausbremse.

Ziel der Studie war, einen differenzierten Einblick in die Bildungserfahrungen und -einstellungen von Migranten zu erhalten, um zielgenaue Projekte zu entwickeln. Über alle Milieus hinweg äußerten die Eltern den Wunsch, dass ihre Kinder "es einmal besser haben sollen". Damit sei in der Regel das Streben nach einer erfolgreichen Bildung verbunden, ergab die Studie der Universität Düsseldorf, die von der Stiftung Mercator und der Vodafone Stiftung Deutschland gefördert wurde.

Eltern wünschen sich mehr Wertschätzung

Demnach investieren die Eltern viel Zeit und Ressourcen, um die Schullaufbahn ihres Nachwuchses bestmöglich zu unterstützen. Sie bemängeln vornehmlich eine mangelnde interkulturelle Öffnung von Schulen in Deutschland. Die überwiegende Mehrheit (88 Prozent) der befragten Eltern wünscht sich die Wertschätzung kultureller Vielfalt an Schulen, jedoch nur zwei Drittel (66 Prozent) geben an, dies im Schulalltag ihres Kindes auch zu beobachten.

Einen besonders hohen Stellenwert hat für die Eltern zudem die interkulturelle Kompetenz der Lehrkräfte. 92 Prozent erachten diese als wichtig, aber lediglich 60 Prozent erleben entsprechend aufgeschlossene Lehrer an der Schule ihrer Kinder.

Werte: Zugehörigkeit, Bewahrung und Selbstverwirklichung

Die Bildungsmotive von Migranten reichen demnach vom Wunsch nach Zugehörigkeit zur Mitte Deutschlands im bürgerlichen Milieu über die Wahrung traditioneller Werte im religiös verwurzelten Milieu bis hin zum Streben nach Selbstverwirklichung im Sinne eines humanistischen Bildungsideals, sagte der Leiter der Studie, Heiner Barz.

Der Grünen-Bildungsexperte Özcan Mutlu erklärte: "Wir dürfen diese Eltern nicht alleine lassen." Der Bund solle "nicht nur über Fachkräftemangel jammern, sondern endlich handeln und diese Chancen und Potenziale nutzen", forderte er. Nötig sei "eine Bildungsoffensive für mehr Bildungsgerechtigkeit".

Die migrationspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sevim Dagdelen, erklärte, die schlechteren Bildungskarrieren von Migranten seien kein ethnisches, sondern ein soziales Problem. Gebraucht würden ein flächendeckendes Angebot an Ganztags- und Gemeinschaftsschulen sowie mehr Sozialpädagogen und Lehrer. Bildungschancen dürften nicht mehr von der sozialen Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein, forderte sie.

 

 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 71 vom 26.03.2015               Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

 

Österreich

 

Kinder sollen Deutsch lernen. Aber wie?

 

   Beide Koalitionsparteien wollen „vorbereitende Klassen“ für Migrantenkinder. Hier endet schon die Einigkeit.

 

   Andreas Koller Wien. Eine Volksschule in Bregenz. Im Herbst werden zwei Kinder aus Syrien eingeschult. Deutschkenntnisse: zunächst null. Doch schon zu Weihnachten beherrschen die kleinen Syrer das deutsche Idiom so weit, dass sie problemlos dem Unterricht folgen können.

 

   Mit Beispielen wie diesem argumentiert der grüne Bildungssprecher Harald Walser – selbst langjähriger Schuldirektor – gegen das Vorhaben der ÖVP, eigene Vorbereitungsklassen für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen zu schaffen. „Kinder lernen am besten von Kindern“, sagt Walser. Der Vorschlag der ÖVP führe „auf direktem Weg in die Parallelgesellschaft“ und beraube die Kinder wichtiger Chancen, warnt der grüne Pädagoge.

 

   Übrigens ist auch die Regierung keineswegs darüber einig, wie die Sprachbarriere im Schulbereich überwunden werden kann. Diese Uneinigkeit konnte auch bei der jüngsten Regierungsklausur in Krems nicht aufgelöst werden. Im Gegenteil. Im Papier, das die ÖVP in Umlauf brachte, steht wörtlich und ausdrücklich: „Deutsch vor Schuleintritt.“ Das heißt: Kinder, die nicht Deutsch können, kommen in „vorbereitende Klassen“, um dort die Sprache zu erlernen. Erst dann können sie ins Regelschulsystem übertreten. So weit die Vorstellung der ÖVP.Im offiziellen Papier der Regierungsklausur, auf das sich die SPÖ stützt, liest sich das geringfügig anders: „Deutsch vor Regelunterricht“, lautet hier die Kapitelüberschrift. Im Text ist dann, wie im ÖVP-Papier, von „vorbereitenden Klassen“ zu lesen. Der Unterschied: Die Kinder ohne Deutschkenntnisse sollen, so die Vorstellung der SPÖ, in den normalen Schulklassen sitzen. Nur eben nicht als „Regelschüler“, sondern als außerordentliche Schüler. Dies entspricht der geltenden Praxis: Schon heute werden Schüler, die dem Unterricht nicht folgen können, als „außerordentliche Schüler“ geführt. Die von der Regierung geplanten „vorbereitenden Klassen“ zum Deutschlernen sollen die betreffenden Schüler nicht anstelle des Normalunterrichts besuchen, sondern zusätzlich, etwa am Nachmittag. So plant es die SPÖ. Auf diese Art würden „Ghettoklassen verhindert“, heißt es im Büro der Unterrichtsministerin. Die Streitfrage wurde von der Regierung vertagt, und zwar auf den 17. November.

 

   Übrigens steht auch die politische Bildung, die nach den Wünschen der Regierung „als Pflichtmodul“ ab der sechsten Schulstufe gestärkt werden soll, im Dienste der Integration. Ziel ist „die Vermittlung von allgemeingültigen Werten und Prinzipien“. Grundlage „für das Zusammenleben in unserem Land“ seien „Respekt und die Achtung dieser Werte“, die für „alle Menschen, die in diesem Land leben, verbindlich zu sein“ haben.

 

 

"Kurier" vom 26.03.2015                                   Seite: 32

Ressort: Leben

 

Länder, Morgen

 

Bildung

 

Schüler fordern von Politik mehr Schulautonomie

 

   Aktionstag. Wie die Bildungsreform aussehen soll, will die Regierung erst im Oktober verraten. Geht es nach den Schülervertretern, ist jetzt schon klar, wohin die Reise gehen soll: Mehr Autonomie für die Schulen. Die Schülerunion hat deshalb die Kampagne www.planlos-neindanke.at gestartet.

 

   Mittwoch war Aktionstag: Vor dem Parlament riefen Schüler die Abgeordneten dazu auf, den Schulen endlich mehr Selbstständigkeit zu geben. Im Anschluss diskutierten Experten über die Vor- und Nachteile und ob die Autonomie im pädagogischen, finanziellen oder didaktischen Bereich gewährt werden soll. Beate Meinl-Reislinger von den Neos will Autonomie in allen Bereichen: "Es ist der einzige Schlüssel, um das Parteibuch aus den Schulen herauszubringen." Elternvertreterin Elisabeth Rosenberger warnt davor, dass die Schulen "zukünftig nur den Mangel verwalten. Autonomie braucht Geld".

 

   Lehrervertreter Gerhard Riegler sieht die personelle Autonomie kritisch: "So bekommen ländliche Schulen kaum Lehrer." Nico Marchetti, vor sechs Jahren Bundesschulsprecher, will pädagogische Freiheiten ausbauen. Verhinderer der Autonomie sei die Verwaltung, die Angst habe, Macht zu verlieren.

 

 

Wiener Zeitung – 26. März 2015

 

Konzepte

Auf hinderliche Lernorientierung sollte mehr geachtet werden

 

 

 

 

·         Die zentrale Frage der Untersuchung an elf NMS war, "was Lehrerinnen und Lehrer tun, um Lernkompetenz zu fördern".

 

Graz. Wenn Schüler glauben, dass ihr Erfolg großteils eine Frage des Glücks ist und sie selbst kaum Einfluss darauf haben, kann das massive Auswirkungen auf Selbstwert und Lernerfolg haben. Mit solchen "hinderlichen Lernorientierungen" sollten sich Lehrer daher stärker auseinandersetzen, so ein Ergebnis eines an steirischen Neue Mittelschulen (NMS) durchgeführten Forschungsprojekts.

Die zentrale Frage der Untersuchung an elf NMS war, "was Lehrerinnen und Lehrer tun, um Lernkompetenz zu fördern", erklärte Projektteamleiterin Christa Bauer von der Pädagogischen Hochschule (PH) Steiermark. Es habe sich gezeigt, dass autonomer Wissenserwerb an diesen NMS, die das Konzept als jeweils eine der ersten in Österreich mit viel Engagement umgesetzt haben, einen starken Schwerpunkt darstellt. In den Schulen werde das etwa mit "offenem Lernen" im Umfang von zwei bis neun Stunden pro Woche umgesetzt, so Bauer.

Selbstkonzept stärken

Entsprechend verbreitet seien verschiedene Formen des Lernens abseits des Frontalunterrichts, nämlich kooperatives Lernen - also Partner- oder Gruppenarbeit - und verständnisaktivierendes Lernen. Dabei lösen Schüler entweder alleine oder im Team Probleme selbstständig. Die Ergebnisse zeigen nun, dass bei einem stark verständnisorientierten Unterricht das Selbstkonzept der Schüler gestärkt wurde und diese auch ihre Lernumgebung positiver beurteilen. Dagegen führe kooperativer Unterricht nur zu besseren Beurteilungen der Lernumgebung.

Das hat die Forscher aus Graz und ihre Kooperationspartner in Wien und Finnland überrascht. Die positive Auswirkung von verständnisorientiertem Unterricht auf das Selbstkonzept könnte etwa daran liegen, dass "die Schüler dann nicht so mit dem Stoff überfahren werden". Sie würden spüren, dass es den Pädagogen wichtig sei, "dass sie verstehen, worum es da geht", so Bauer.

Als Schlüsselelement für Lernerfolge und Wohlfühlen in der Schule kristallisierte sich die Lernorientierung heraus. Schüler mit förderlicher Lernorientierung stimmen etwa einer Aussage wie "Wenn ich mich anstrenge, kann ich alles lernen" zu, während große Zustimmung zu einer Aussage wie "Erfolg in der Schule ist Glückssache" auf hinderliche Orientierung hinweist. Bauer: "Wenn ich glaube, dass es egal ist, ob ich mich anstrenge - also glaube, ich bin nicht selbstwirksam - ist das das Schlimmste für das Lernen."

Kinder sehen hinderliche Faktoren nicht

Die Kinder selbst schätzen ihre Lernorientierung meist positiv ein. Hinderliche Faktoren wie Versagensängste oder Konzentrationsschwierigkeiten werden weit weniger gesehen. Eine Ausnahme bilden hier Klassen mit hohem Migrantenkinder-Anteil und gleichzeitig bildungsfernen Elternhäusern. Trotz der hohen Wahrnehmung hinderlicher Lernorientierung orientiere sich der Unterricht in diesen Klassen überraschenderweise sogar stärker an förderlicher Orientierung als in Klassen ohne Kinder mit Migrationshintergrund.

Das Stärken förderlicher Einstellungen würden Lehrer sehr gut beherrschen. Es wäre aber wichtig, mehr über die Wirkung hinderlicher Orientierung zu wissen und in Folge mehr darauf einzugehen. Manchen Kindern sollte man etwa besser erklären, warum sie eine schlechtere Note erhalten und was sie tun können, um das durch ihr Handeln zu ändern. Diese Erkenntnisse möchten die Studienautoren auch stärker in die Fort- und Ausbildung einfließen lassen.

Das Konzept der NMS mit ihren zusätzlichen Ressourcen in Form von sechs zusätzlichen, meist für Teamteaching eingesetzten Stunden sei "auf alle Fälle auch eine Chance, in diesem Zusammenhang mehr zu tun", so Bauer. Allein schon durch die Tatsache, dass die Schüler nicht mehr wie in der Hauptschule in Leistungsgruppen auseinanderdividiert werden, werde besser sichtbar, was manche Schüler leisten. Das könnte wiederum andere anspornen.

 

 

"Wiener Zeitung" Nr. 059 vom 26.03.2015                     Seite: 11

Ressort: Österreich

 

Wiener Zeitung

 

Die ÖVP sieht separate Klassen für Kinder mit Sprachdefiziten vor. Die SPÖ möchte sie nur eine Zeit lang aus der Klasse herauslösen.

 

„Vorbereitungsklassen“ zur Sprachförderung

 

    Wien. Bei der Regierungsklausur sind wieder sogenannte „Vorbereitungsklassen“ für Schüler mit Sprachdefiziten in Deutsch in den Mittelpunkt gerückt. In diesen soll der schnellstmögliche Eintritt ins Regelschulsystem gewährleistet werden. Zur Sprachförderung gibt es von den Regierungsparteien jeweils andere Ansätze.

 

   Die ÖVP möchte die Kinder in separaten Klassen auf den Regelunterricht vorbereiten. Die SPÖ spricht sich grundsätzlich dagegen aus. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek möchte die Kinder nur „punktuell“ und eine Zeit lang aus der Klasse nehmen. Details folgen in der Arbeitsgruppe zur Bildungsreform,

 

   So sieht das derzeitige Modell der Sprachförderung aus: Ausgangspunkt für die Einteilung der Kinder ist die Einschreibung vor dem Schuleintritt. Verfügt ein Kind nicht über ausreichende Deutschkenntnisse, erhält es laut Unterrichtsgesetz den Status der „Außerordentlichkeit“: „Schulpflichtige SchülerInnen, die aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse dem Unterricht nicht ohne weiters folgen können, sind für die Dauer von maximal zwölf Monaten als außerordentliche SchülerInnen aufzunehmen.“

 

   Dieser Status kann für ein weiteres Jahr verlängert werden, wenn die Sprache „ohne eigenes Verschulden“ nicht ausreichend erlernt werden konnte. Ist man aber einmal ordentlicher Schüler, kann der Status nicht mehr zurückgesetzt werden.

 

   Weniger Deutschkenntnis, mehr Sprachförderung

 

   Sind sich die Schulleiter nicht sicher, ob das Kind dem Unterricht folgen kann, wird es ebenfalls als „außerordentlich“ eingestuft. Die Direktoren tun das einerseits, weil die Rückstufung nicht möglich ist und andererseits eine höhere Anzahl an außerordentlichen Schülern am Standort zusätzliche Sprachförderlehrer bringt.

 

   Außerordentliche Schüler werden je nach Standort entweder in die erste Klasse Volksschule aufgenommen, in Schulversuchen mit flexibler Organisation der Grundschulzeit, die bis zu fünf Jahre dauern kann, unterrichtet oder einer Vorschulklasse zugewiesen, obwohl sie eigentlich die körperlichen, geistigen und seelischen Reifekriterien erfüllen.

 

   Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache gilt, selbst wenn sie nicht (mehr) außerordentlich sind, ein eigener Lehrplanzusatz. Da alle Kinder am Klassenunterricht teilnehmen, bedeutet das, dass der Unterricht für die Schüler nach Kenntnisstand differenziert aufbereitet wird.

 

   Darüber hinaus gibt es für außerordentliche Schüler noch Sprachförderkurse im Ausmaß von bis zu elf Wochenstunden: Diese erstrecken sich über maximal zwei Jahre und werden ab acht Kindern eingerichtet. Zum Teil wird der Förderkurs so abgehalten, dass eine Gruppe von Kindern den Unterricht verlässt und gesondert arbeitet. Zum Teil erfolgt er integrativ im Regelunterricht mit dem Sprachförderpädagogen als Zweitlehrer.

 

   Außerdem gibt es noch den Muttersprachenunterricht für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, der als unverbindliche Übung oder Freigegenstand eingerichtet ist. Dieser kann ebenfalls parallel zum Unterricht, integrativ oder in Kursen am Nachmittag erteilt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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