Mittwoch, 4. März 2015

Bildungs-Newsletter 4. März 2015


 

Ö1 Morgenjournal 08:00 vom 04.03.2015 08.00 Uhr

 

Expertenbericht: Neue Mittelschule nicht besser als Hauptschule

 

Arnim-Ellissen Hubert (ORF)

   Das Kürzel macht es nicht besser: NMS - die drei Buchstaben stehen für die

   Neue Mittelschule, die auf Raten die Hauptschule ersetzen und das

   Bildungssystem der Pflichtschule entscheidend verbessern soll. Das Fazit

   einer Überprüfung durch das Bildungsministerium: teuer, aber ineffizient.

   Stefan Kappacher.

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Fast 250 Millionen Euro kostet der flächendeckende Ausbau der Neuen

   Mittelschule bis 2018 - eine Investition, die sich vielleicht nicht

   wirklich lohnt, wenn man die Evaluierungsstudie liest. Zitat:

 

OFF Sprecherin (ORF)

   "Insgesamt gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS dem

   Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr

   bestehen Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird."

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Ausnahme sind hier die Modellklassen der ersten Generation, wo das Konzept

   der Neuen Mittelschule vorbildhaft umgesetzt worden sei und auch zu

   Leistungsverbesserungen geführt habe. Das treffe aber nur auf ein Fünftel

   alle NMS-Klassen zu - für die anderen gelte:

 

OFF Sprecherin (ORF)

   "Nachweise der Wirksamkeit einzelner Maßnahmen - zum Beispiel des

   Teamteachings oder der Kooperation mit den Höheren Schulen - konnten im

   Rahmen des vorgegebenen Designs der Evaluation nicht abgesichert werden."

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Die Autoren der Studie führen die schlechten Ergebnisse nicht zuletzt darauf

   zurück:

 

OFF Sprecherin (ORF)

   "Dass das NMS-Konzept an zahlreichen Standorten nur unzureichend umgesetzt

   scheint. Nach den vorliegenden Analysen betrifft dies mehr als die Hälfte

   der Standorte."

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Dem kleinen Anteil von Modellklassen steht also eine Mehrheit von Normal-

   und Traditionsklassen gegenüber, in denen die Effekte des teuren

   Teamteaching und der Öffnung des Unterrichts praktisch ohne erkennbare

   Wirkung verpuffen. Nicht umsetzen ließ sich laut Studie auch der Anspruch

   einer sozialen Durchmischung an den Neuen Mittelschulen. Der Zustrom in die

   AHS-Unterstufe sei unverändert geblieben. Positiv vermerkt wird nur ein

   gewisser Wohlfühlfaktor für die Schüler: weniger Gewalt, besseres

   Lernumfeld. Jetzt muss die Politik ihre Schlüsse aus dieser Evaluierung

   ziehen.

 


 

Ö1 Morgenjournal 07:00 vom 04.03.2015 07.00 Uhr

 

Neue Mittelschule erfüllt Erwartungen nicht

 

Greunz Christina (ORF)

   Die Neue Mittelschule, die die Hauptschule bis 2018 komplett ersetzen soll,

   erfüllt die Erwartungen in den zentralen Bereichen nicht. Das ist das

   Ergebnis der Evaluierung, die das Bildungsministerium in Auftrag gegeben

   hat. Es würde Zweifel geben, ob das Niveau der Hauptschule an allen Neuen

   Mittelschul-Standorten tatsächlich erreicht werde, heißt es in dem Bericht.

   Der Bericht stellt aber auch fest, dass das Neue Mittelschule-Konzept in

   den meisten Standorten nur unzureichend umgesetzt worden sei.

 


 

Ö1 Morgenjournal 07:00 vom 04.03.2015 07.00 Uhr

 

 

Bildungsgipfel: Anstellungsverhältnis der Lehrer wird vorerst nicht geändert

 

Greunz Christina (ORF)

   Das Anstellungsverhältnis der Lehrer - Stichwort Verländerung - wird vorerst

   nicht geändert. Beim gestrigen Bildungsgipfel sei das nur ein Nebenthema

   gewesen, sagten einige der Teilnehmer. Die Frage, ob die Lehrer beim Bund

   oder bei den Ländern sind stelle sich in Wahrheit nicht, sagte der

   niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll. Ähnlich äußerte sich der

   burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl.

 


 

Ö1 Morgenjournal 07:00 vom 04.03.2015 07.00 Uhr

 

Bildungsreform: mehr Schulautonomie und schlechtes Zeugnis für NMS

 

Vospernik Cornelia (ORF)

   Österreichs Politik und die Bildung, das ist ein offenbar schwieriges

   Verhältnis. Sowohl wenn es darum geht Reformen zu finden, als auch wenn es

   darum geht eine gefundene Reform zu einer erfolgreichen zu machen. Anlass

   eins: die Bildungsreformgruppe vor der die Landeshauptleute schon gemeint

   haben, alle Lehrer würden jetzt in ihre Zuständigkeit fallen, die hat sich

   gestern Abend vertagt. Nach den Gesprächen klangen sowohl Niederösterreichs

   Landeshauptmann Erwin Pröll als auch sein Amtskollege aus dem Burgenland

   Hans Niessl so, als wäre die Verländerung gar nie ein Thema gewesen.

 

Pröll Erwin (ÖVP)

   Diese Frage ob Lehrer beim Bund oder bei den Ländern sind, die stellt sich

   in Wahrheit nicht.

 

Niessl Hans (SPÖ)

   Die wichtigste Frage für die Qualität der Bildung ist ja nicht ob jetzt Bund

   oder die Länder Dienstgeber sind.

 

Vospernik Cornelia (ORF)

   Zum obersten Ziel wurde jetzt mehr Schulautonomie erklärt. Aber auch schon

   umgesetzte Reformen bringen nicht immer, was man sich von ihnen erwartet

   hat. Damit zu Anlass Nummer zwei: der Neuen Mittelschule, die bis 2018

   flächendeckend an die Stelle der Hauptschulen treten soll. Vernichtend

   fällt da die Evaluierung aus, die das Bildungsministerium in Auftrag

   gegeben hat. Stefan Kappacher hat den Bericht über das Schulmodell, das SPÖ

   und ÖVP so forciert haben, erhalten, gelesen und zusammengefasst.

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Für die SPÖ war es der Einstieg in die gemeinsame Schule der Zehn- bis

   14-Jährigen, für die ÖVP eine Aufwertung der Hauptschule auch am Land, wo

   diese meist gut funktioniert und als Neue Mittelschule noch mehr Ressourcen

   durch den verstärkten Lehrereinsatz in den zentralen Fächern lukrieren

   kann. Fast 250 Millionen Euro kostet der flächendeckende Ausbau bis 2018,

   eine Investition, die sich vielleicht nicht wirklich lohnt, wenn man die

   Evaluierungsstudie liest. Zitat:

 

OFF Sprecherin (ORF)

   Insgesamt gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS im

   Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr

  bestehen Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird.

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Ausnahme sind hier die Modellklassen der ersten Generation, wo das Konzept

   der Neuen Mittelschule vorbildhaft umgesetzt worden sei und auch zu

   Leistungsverbesserungen geführt habe. Das treffe aber nur auf ein Fünftel

   aller NMS-Klassen zu. Für die anderen gelte:

 

OFF Sprecherin (ORF)

   Nachweise der Wirksamkeit einzelner Maßnahmen, zum Beispiel des

   Team-Teaching oder der Kooperation mit den Höheren Schulen konnten im

   Rahmen des vorgegebenen Designs der Evaluation nicht abgesichert werden.

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Und weiter:

 

OFF Sprecherin (ORF)

   Für die von der NMS erwartete verbesserte Förderung vor allem der

   leistungsschwächsten Schülerinnen und Schüler finden sich in den

   Evaluationsergebnissen keine Belege.

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Die Autoren der Studie führen die schlechten Ergebnisse nicht zuletzt darauf

   zurück:

 

OFF Sprecherin (ORF)

   Dass, das NMS-Konzept an zahlreichen Standorten nur unzureichend umgesetzt

   scheint. Nach den vorliegenden Analysen betrifft dies mehr als die Hälfte

   der Standorte.

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Dem kleinen Anteil von Modellklassen steht also eine Mehrheit von Normal-

   und Traditionsklassen gegenüber, in denen die Effekte des teuren

   Team-Teaching und der Öffnung des Unterrichts praktisch ohne erkennbare

   Wirkung verpuffen. Nicht umsetzen ließ sich laut Studie auch der Anspruch

   einer sozialen Durchmischung an den Neuen Mittelschulen - der Zustrom in

   die AHS-Unterstufe sei unverändert geblieben.

 

OFF Sprecherin (ORF)

   Die fehlende Zielerreichung hängt auch damit zusammen, dass die NMS nicht

   als Ersatz, sondern in Konkurrenz zu etablierten Schulformen eingeführt und

   - wie sich zeigt - sozial selektiv ausgewählt wurde.

 

Kappacher Stefan (ORF)

   Fazit der Autoren:

 

OFF Sprecherin (ORF)

   Der Beitrag der NMS in gesellschaftlicher Hinsicht insbesondere zur

   Förderung von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit ist nach den

   bisher vorliegenden Daten eher gering.

 

Kappacher Stefan (ORF)

   So viel zur NMS als Einstieg in die gemeinsame Schule. Positiv vermerkt wird

   nur ein gewisser Wohlfühlfaktor für die Schüler - weniger Gewalt, besseres

   Lernumfeld. Jetzt muss die Politik ihre Schlüsse aus der Evaluierung

   ziehen. Für die ÖVP jedenfalls hat Klubobmann Reinhold Lopatka schon vor

   einem halben Jahr klargemacht, was ein Versagen der NMS heißen würde. Im

   Ernstfall, so Lopatka damals wörtlich, muss man auch den Mut haben, das

   rückgängig zu machen.

 


 

"Die Presse" vom 04.03.2015                                Seite: 2  LEITARTIKEL   von Josef Urschitz

 

Föderalismus heißt nicht, dass einer zahlt und der andere prasst

 

Der Hypo-Skandal und die Vorgänge um die Lehrerzuständigkeit böten dringenden Anlass, die Bund-Länder-Beziehung zu reparieren. Es eilt!

 

   Vor wenigen Tagen hat die EU-Kommission im "Länderbericht Österreich 2015" ziemlich harsche Kritik am alpenländischen Finanzföderalismus geübt: Nirgendwo sonst in der EU seien die eigenen Steuereinnahmen der Länder so niedrig. Dadurch liefen Einnahmen- und Ausgabenverantwortung auseinander. Soll heißen: Der Bund zahlt, die Länder geben aus. Diese Form der Aufgabenteilung, die nirgendwo auf der Welt funktioniert, ist im Übrigen auch dem Rechnungshof seit Längerem ein Dorn im Auge.

 

   Dieser verlangt deshalb eine Zusammenlegung der Einnahmen- und Ausgabenverantwortung. Im EU-Bericht heißt es dazu vornehm, die derzeitige Form des Finanzföderalismus führe zu beträchtlichen "Effizienzverlusten". Unter anderem im Bildungswesen.

 

   Und wie reagiert die Regierung auf solch fundierte Expertenschelte? Erwartungsgemäß: Sie knickt vor den Landeschefs ein und will diesen auch noch die Verantwortung für die Bundeslehrer übertragen. Außer natürlich die finanzielle, denn bezahlen, ohne mitzureden, darf der Bund ja weiter. Dass so etwas nicht zu Einsparungen führt, wie die Herren Pröll, Plater und Niessl behaupten, sondern zu beträchtlichen Verteuerungen, haben sie bei den Landeslehrern ja schon bewiesen. Das stört aber offenbar keinen. Und als Höhepunkt der Chuzpe nennen die Herrschaften das wohl auch noch Verwaltungsreform.

 

   Da fehlen einem wirklich die Worte. Eine bessere Bestätigung für die hier vor Kurzem aufgestellte These, dass dieses Land in der herrschenden Konstellation nicht reformierbar ist und der notwendige Umbau irgendwann wohl von außen mittels einer Troika erledigt werden müssen wird, kann es ja gar nicht geben. Bis dahin könnten wir vielleicht gleich die Bundesregierung einsparen und durch die Landeshauptleutekonferenz ersetzen. Denn ein Regierungsgremium ohne reale Gestaltungsmacht, das nicht regiert, sondern nur auf Länderzurufe reagiert, braucht ja niemand.

 

   Darf man jetzt, da ja die Hypo-Milliardensause erneut hochkocht, kurz daran erinnern, was uns die viel gepriesene Finanzautonomie ohne Verantwortung für die Deckung der eigenen Ausgaben in den vergangenen Jahren so alles an teuren Dingen beschert hat? Eine kleine Auswahl: Hypo-Pleite, Bank Burgenland, Franken-Spekulationen in Wien und Niederösterreich, Wohnbaugeld-"Veranlagung" in Niederösterreich, Salzburger Spekulationsskandal. Überzogene Milliardenhaftungen für die Hypo Alpe Adria, aber auch beispielsweise für die Tiroler und die Vorarlberger Landesbank.

 

   Reicht das fürs Erste? Bei den Landeshaftungen hat uns ja glücklicherweise die EU mit dem ab 2007 geltenden Haftungsverbot für Landesbanken vor Schlimmerem bewahrt. Aber wer rettet uns vor dem restlichen Gefahrenpotenzial dieser Form von Finanzautonomie?

 

   Das hat in den vergangenen Jahren ja eher noch zugenommen. Denn sieben von neun Ländern refinanzieren sich nicht mehr auf dem Kapitalmarkt, sondern über die Bundesfinanzierungsagentur. Das ist sehr praktisch: Man muss sich nicht mehr um Ratings scheren, da man billiges Geld, das der Bund sich ausleiht, weitergereicht bekommt. Schön für die Länder, schlecht für den Bund, der aus diesem Titel schon mehr als acht Mrd. Euro an Forderungen gegen die Länder aufgebaut hat. Das mag praktisch für die Länderfinanzierung sein, liefert aber das völlig falsche systemische Signal: Man kann fuhrwerken, wie man will, Papa Bund wird's schon richten.

 

   Eine echte Bundesregierung würde angesichts solcher Zustände auf den Expertenrat hören und dringend die Finanz- und Kompetenzverflechtungen im Rahmen einer echten Bundesstaatsreform entwirren. Das könnte in eine echte Finanzautonomie (einschließlich Steuerhoheit) der Länder münden (wenngleich das in einem Zwergerlstaat ein bisschen seltsam wäre). Oder in eine deutliche Stärkung der Position des Bundes.

 

   Was jetzt geschieht, nämlich neun Landeskaisern einfach so das flotte Landesleben zu finanzieren, ohne bei Fehlentwicklungen einschreiten zu können - das ist mit Sicherheit der falsche Weg.

 

   E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

 


 

"Die Presse" vom 04.03.2015                               Seite: 13

 

Beginnt der Mensch erst mit dem Studium?

 

   Bildung. Der deutsche Philosoph und frühere SPD-Politiker Julian Nida-Rümelin über den "Akademisierungswahn" und den Verrat der Sozialdemokraten an ihren Wählern, über Handwerk an den Gymnasien und zu viel unnötiges Schulwissen.

 

   Von Bernadette Bayrhammer

 

   Die Presse: In Österreich wird demnächst wieder über den Uni-Zugang diskutiert. Die SPÖ stellt als klare Bedingung, dass es nicht weniger Studienanfänger geben darf. Sehen Sie das anders?

 

   Julian Nida-Rümelin: Ja. Wir haben - in Österreich nicht ganz so extrem wie in Deutschland - einen fast exorbitanten Anstieg der Studienanfängerquoten. Und das korrespondiert nicht mit Bedarfsprognosen. Zwar sollte man die Entscheidung in erster Linie von den Präferenzen der Menschen abhängig machen - aber man muss auch den Arbeitsmarkt berücksichtigen.

 

   Sie sind Sozialdemokrat. Gerade die Sozialdemokratie tritt massiv für Bildungsexpansion ein. Wer hat da etwas falsch verstanden?

 

   Man kann es zuspitzen und sagen: Die Sozialdemokratie sollte ihre eigene Wählerbasis nicht verraten.

 

   Sie sollte dafür sorgen, dass es weiter genügend Arbeiter gibt.

 

   Die Basis des sozialdemokratischen Elektorats sind die Facharbeiter, bis heute. Und wenn die Sozialdemokratie die Botschaft vermittelt, dass der Mensch erst mit dem Studium beginnt, wertet sie die eigene Wählerbasis ab. Das ist einer der Gründe, warum die Wahlergebnisse so miserabel sind.

 

   Matura, Studium: Das ist ja kein rein politisches Ziel - die Eltern wünschen sich auch die beste Bildung für ihre Kinder. Das kann man ihnen ja nicht verwehren.

 

   Niemand verwehrt irgendjemandem etwas. Aber man muss schon darauf hinweisen, dass Absolventen geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Fächer im Schnitt eine weniger gute sozioökonomische Perspektive als etwa nicht akademische Techniker haben.

 

   Die Entscheidung fällt in den seltensten Fällen zwischen Soziologie und einer Informatiklehre.

 

   Ich kenne manche, die zwischen Philosophie und Schreiner schwanken. Ich habe zwischen Physik, Philosophie und Kunst geschwankt.

 

   Aber Sie haben nicht damit geliebäugelt, eine Lehre zu machen.

 

   Ich habe damit geliebäugelt, gar nicht erst zu studieren.

 

   Sie schreiben in Ihrem Buch über den "Akademisierungswahn". Ist es denn wirklich so schlimm?

 

   Österreich und Deutschland heben langfristig eine zu niedrige Akademikerquote, in Österreich liegt sie bei 14 Prozent. Knapp unter 30 Prozent wären gut. Aber man soll keine Verdrei- oder Vervierfachung anpeilen, darauf läuft jedoch der gegenwärtige Trend hinaus.

 

   Vor diesem Trend warnen Sie.

 

   Es hat keinen Sinn, sich in die Tasche zu lügen. Man kann nicht sagen: Wir freuen uns über jeden zusätzlichen Studierenden, egal, was passiert. Wenn dieser Trend so weiterläuft, ist das System beruflicher Bildung nicht überlebensfähig. Deutschland hat eine Abiturientenquote von 57 Prozent. Ohne jene, die keinen Abschluss schaffen, bleiben nur 30 Prozent für die Vielfalt von Berufen, vom Bäcker über den Verkäufer bis zur Erzieherin.

 

   In Österreich liegt die Maturantenquote bei 44 Prozent. Und wegen der berufsbildenden höheren Schulen stellt sich die Situation auch ein bisschen anders dar.

 

   In Österreich ist es noch etwas entspannter. In Deutschland ist die Entwicklung deutlich extremer.

 

   Wie wollen Sie einen AHS-Maturanten dazu bringen, eine Lehre zu machen?

 

   Das will ich ja nicht. Es geht ja nur um Botschaften. Ich kritisiere, dass über Jahrzehnte eine Botschaft gesendet wurde: "Wenn ihr nicht studiert habt, habt ihr keine Chancen." Diese Bildungsideologie ist nachweisbar irrig.

 

   In Österreich gibt es den Slogan "Karriere mit Lehre . . ."

 

   Das hat nicht so recht gezogen? Ist vielleicht auch zu simpel.

 

   Wie wollen Sie dem begegnen?

 

   Ich will dem nicht mit Bildungsplanwirtschaft begegnen, sondern mit einer Stärkung der beruflichen Bildung. Und in den allgemeinbildenden Schulen mit mehr handwerklichen, technischen, gestalterischen und sozialen Kompetenzen.

 

   Letzteres klingt utilitaristisch.

 

   Die Einbeziehung von Handwerk und Technik ist nicht mit Berufsorientierung gleichzusetzen. Ich meine, dass zu einer vollen Bildung das Handwerklich-Technische gehört - so wie das Soziale, das Musische, das Künstlerische und das Ästhetische. Das dient der Persönlichkeitsbildung aller, auch denjenigen, die später Germanistik studieren.

 

   Wie packt man all das hinein? Die Lehrer ächzen ja schon jetzt.

 

   Aber nur, weil jeder Fachlehrer auf Teufel komm raus auch die abwegigsten Inhalte seines Fachs in den Curricula abgebildet haben will.

 

   Was könnte man denn streichen?

 

   In Bayern müssen die Kinder die Namen der Halligen auswendig lernen, Mitteldinger zwischen Sandbank und Insel. Wir bringen den Kindern viel zu viel Stoff bei. Ich würde sagen: Stofffülle reduzieren, dafür mehr Vertiefung, mehr Reflexion, mehr eigenes Lernen, mehr Extra-muros-Aktivitäten.

 

   Und auch mehr Kompetenzen?

 

   Die Kompetenzorientierung, in der es nicht um fachliches Wissen geht, sondern nur um die Anwendung, ist ambivalent. Je oberflächlicher diese Kompetenzen definiert werden, desto problematischer ist das.

 

   Sie stehen ja dem PISA-Test relativ kritisch gegenüber.

 

   PISA misst etwas Wichtiges: ob man Gebrauchstexte versteht, wie es mit dem mathematischen und naturwissenschaftlichen Verständnis aussieht. Aber es ist interessant, was nicht dabei ist: Allgemeinwissen, historisches Wissen, eine erste Fremdsprache. Warum wohl? Weil die USA die Hälfte des OECD-Etats stellen. Und weil sie dann nicht schlecht, sondern grottenschlecht abgeschnitten hätten.

 


 

"Die Presse" vom 04.03.2015                               Seite: 13

 

Graz liegt bei Akademikerrate vorn

Statistik. In Linz hat ein Viertel der 20- bis 24-Jährigen nur einen Pflichtschulabschluss.

 

   Wien/Linz/Graz. Im Städtevergleich weist die steirische Landeshauptstadt und Universitätsstadt Graz in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen mit 9,6 Prozent den höchsten Anteil an Akademikern in der Bevölkerung auf (siehe Grafik). Bemerkenswert ist bei diesem Städtevergleich vor allem, dass die burgenländische Hauptstadt Eisenstadt mit 7,9 Prozent ebenfalls im Spitzenfeld und damit unter anderem vor Wien mit einem Akademikeranteil von 6,2 Prozent liegt - wobei natürlich mit 24 Jahren noch längst nicht Schluss ist, was eventuelle akademische Abschlüsse angeht.

 

   Umgekehrt ist der Anteil an der Bevölkerung, der lediglich einen Pflichtschulabschluss aufweist, in Wien wie Eisenstadt mit 14,7 Prozent beziehungsweise 14,1 Prozent bundesweit im Vergleich der Landeshauptstädte am niedrigsten. In dieser Auswertung ist die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz Spitzenreiter. Dort hat rund ein Viertel der 20- bis 24-Jährigen, nämlich exakt 26,5 Prozent, der etwa 200.000 Einwohner die Bildungslaufbahn nach dem Ende der Pflichtschule abgeschlossen.

 

   Das ist jetzt auch der Grund, warum die Linzer Volkspartei mit Hinweis auf diese Daten der Statistik Austria aufschreit. "Das sind echte Alarmzeichen mit Blick auf die Zukunft", warnt die Linzer ÖVP-Klubobfrau, Elisabeth Manhal, wenige Monate vor den oberösterreichischen Landtags- und Gemeinderatswahlen. Sie drängt deswegen auch auf mehr Geld: Die von der SPÖ regierte Stadt Linz solle die zugesagten zusätzlichen Fördermittel in Höhe von 500.000 Euro ausbezahlen. Der Beschluss im Linzer Gemeinderat soll dazu am morgigen Donnerstag erfolgen.

 

   6500 Akademiker benötigt

 

   Die Linzer ÖVP sieht sich in ihrem Drängen durch eine Standortstudie des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) bestätigt. Nach dieser benötigt der Wirtschaftsraum Linz bis zum Jahr 2022 nun 6500 Akademiker mehr als im Jahr 2012 und außerdem weitere 4000 Fachkräfte mit Maturaniveau. (ett)

 


 

"Die Presse" vom 04.03.2015                                Seite: 9

 

Die Neue Mittelschule enttäuscht

 

   Expertenbericht. Die NMS ist nicht besser als die Hauptschule: Das zeigt die lange erwartete Evaluierung. Das neue Konzept funktioniert nur dort, wo die Lehrer besonders engagiert sind.

 

   Von Julia Neuhauser

 

   Wien. Mit einer mehr als vierwöchigen Verspätung - die viel Raum für Spekulationen ließ - wurde gestern, Dienstag, der politisch brisante Evaluierungsbericht der Neuen Mittelschule von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) vorgestellt. Sie präsentierte die Ergebnisse aber nicht der Öffentlichkeit, sondern der aus SPÖ- und ÖVP-Politikern zusammengesetzten Bildungsreformkommission. Der "Presse" liegt dieser Evaluierungsbericht dennoch vor.

 

   Für die NMS bringt die Überprüfung ein ernüchterndes Ergebnis: "Insgesamt gibt es keinen belastbaren Hinweis, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr besteht Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird", heißt es in der Kurzfassung des 390 Seiten umfassenden Berichts. Ein vernichtendes Urteil. Denn immerhin wird in die Neue Mittelschule deutlich mehr Geld investiert als in die auslaufende Hauptschule.

 

   Umsetzung oft mangelhaft

 

   Zu dem ernüchternden Ergebnis kommen die Experten durch einen Vergleich der Leistungen bei den Bildungsstandards. Die NMS erzielt dabei in Mathematik einen Mittelwert von 496,7 Punkten, die Hauptschule 515. Selbst nach Berücksichtigung der sozialen Zusammensetzung - also Bildung der Eltern, Migrationshintergrund und Umgangssprache - erzielen die Hauptschulen ein besseres (wenn auch kein signifikant besseres) Ergebnis. Ähnlich ist das Bild bei den Lesekompetenzen in Englisch. Mit dem Unterschied, dass unter Berücksichtigung der sozialen Benachteiligung die NMS knapp besser abschneidet. Das ändert nichts am prinzipiellen Befund: Von den erhofften Leistungsverbesserungen durch den neuen Schultyp ist nichts zu sehen.

 

   Und zwar nicht nur, wenn man die Schulformen in ihrer Gesamtheit vergleicht, sondern auch, wenn man die Entwicklung an jedem einzelnen der 170 untersuchten Schulstandorte unter die Lupe nimmt. Der Vorher-Nachher-Leistungsvergleich bringt dort kein eindeutiges Ergebnis. Es zeigt sich, dass die erste Generation - also jene Schulen, die sich im ersten Jahr zu einer Umwandlung entschieden - ihre Leistung klar verbessern konnte. Schon die zweite Generation kann an den Erfolg nicht mehr anknüpfen. Die Leistungen in Deutsch und Englisch haben sich an diesen Standorten zwar verbessert, die in Mathematik aber sogar verschlechtert.

 

   Das zeigt das Kernproblem der NMS: Sie funktioniert nur dort, wo die Lehrkräfte tatsächlich bemüht sind, die neuen Lernformen einzusetzen. "In der ersten Generation der NMS bzw. in den ,Modellklassen', in denen das NMS-Konzept intensiver umgesetzt wurde, zeigen sich interpretierbare Leistungsverbesserungen", heißt es dazu im Bericht. Es gibt aber nicht viele solcher Klassen. Denn laut Experten wurde das Konzept an mehr als der Hälfte der untersuchten NMS-Standorte "nur unzureichend" umgesetzt.

 

   Schwache häufiger überfordert

 

   Besonders enttäuschend ist, dass die NMS selbst wesentliche Ziele - wie etwa mehr Chancengleichheit für benachteiligte Schüler - nicht erreichen konnte. "Der Beitrag der NMS in gesellschaftlicher Hinsicht, insbesondere zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, ist nach den bisher vorliegenden Daten eher gering", heiß es im Bericht. Es habe sich die Lernsituation der Leistungsschwächeren sogar "tendenziell verschlechtert". Sie sind häufiger überfordert und frustriert sowie öfter Täter oder Opfer von Gewalt. Zudem konnten die Experten die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen - wie die Einführung des vielgepriesenen Teamteachings - nicht bestätigen.

 

   Die scheinbar wenigen Verdienste der NMS: Die Schüler fühlen sich dort etwas wohler, sie sind weniger gewalttätig und trauen sich etwas öfter einen Wechsel in die AHS-Oberstufe zu, als das noch bei Hauptschülern der Fall war.

 

   Welche Schlüsse die Politik nun aus den Ergebnissen zieht, ist noch offen. Dass Handlungsbedarf besteht, räumte zuletzt aber auch bereits die SPÖ - für die die NMS lange ein Prestigeprojekt war - ein.

 


 

"Die Presse" vom 04.03.2015                                Seite: 9

 

Prämien für Lehrer, Urlaub für Schüler

 

   Schulverwaltung. Die Zuweisung von Ressourcen soll laut dem Expertenpapier künftig über Bildungsdirektionen der Länder laufen. Die Schulen sollen viel mehr Freiheit erhalten. Die Reformgruppe macht sich nun ans Durchrechnen.

 

   Von bernadette Bayrhammer Und Julia Neuhauser

 

   Wien. Nachdem tagelang über eine Verländerung der Lehrer diskutiert wurde, dürfte diese zum wiederholten Mal vom Tisch sein. "Niemand denkt daran, das Anstellungsverhältnis der Lehrer zu ändern", sagte gestern Niederösterreichs Landeschef Erwin Pröll (ÖVP) nach dem Treffen der Bildungsreformgruppe. "Es gibt Bundeslehrer und es gibt Landeslehrer." Sein burgenländischer Kollege Hans Niessl (SPÖ) - der tags zuvor über einen Fast-Durchbruch gejubelt hatte - schloss sich an: "Es ist nicht die wichtigste Frage, wer der Dienstgeber ist."

 

   In dem Bericht der Schulverwaltungsgruppe, der den Bildungsreformern um Ressortchefin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) gestern präsentiert wurde und der "Presse" exklusiv vorliegt, ist die Frage nach dem Dienstgeber ausgespart. Klar ist aber, dass die Länder laut dem Modell in einem Bereich mehr Einfluss bekommen sollen: in der Ausführung. Demnach läuft die Ressourcenzuweisung an alle Schulen über sogenannte Bildungsdirektionen. Wie es unter dem Titel "Die operative Umsetzung - die Länder" heißt, seien diese "von den Ländern einzurichten und direkt dem Landeshauptmann/der Landeshauptfrau zu unterstellen". Konkret sollen die Länder vom Bund Geld bekommen - vereinfacht gesagt pro Schüler und nach bestimmten Faktoren gestaffelt (regional, sozial, pädagogisch). Das verteilen sie "bedarfsgerecht" an die Schulen.

 

   Die Umsetzung soll klar von der Steuerung getrennt sein - um die sich das Bildungsministerium kümmert. Strategische Planung, die Bildungsziele sowie deren Überprüfung fallen dort hinein. Ebenso wie die gesetzliche Basis, die allerdings zugunsten der Schulautonomie dereguliert werden soll, wie es heißt.

 

   Kernstück Schulautonomie

 

   Mehr Verantwortung für die Schulen: Das ist das Kernstück des Papiers und - neben dem Abbau von Doppelgleisigkeiten durch die Bündelung alles Operativen bei den Bildungsdirektionen - auch jenes Element, das am meisten zur Verschlankung beitragen soll. Schulen sollen selbst entscheiden, wie lang ihre Unterrichtseinheiten sind, wie sie mit den zugeteilten Ressourcen den Tagesablauf gestalten, wie sie den Unterricht über das Schuljahr verteilen oder ab welcher Schülerzahl sie Gruppen teilen. Sie sollen zudem bis zu einem Viertel vom Lehrplan abweichen dürfen.

 

   Alternative Beurteilungen sollen leichter möglich sein. Schulautonome Tage sollen gestrichen werden, jeder Schüler soll dafür fünf Tage "Urlaub nehmen" können. Schulen sollen den Lehrern zudem Leistungsprämien geben können. Zögerlicher ist man bei der Personalauswahl: Die Auswahl der Lehrer soll zumindest im Einvernehmen mit der Schule erfolgen.

 

   Das Sparpotenzial belaufe sich auf 20 bis 30 Prozent, heißt es. Bis zur vollen Umsetzung würde es zehn Jahre dauern. Sofern das Modell umgesetzt wird, an dem Landesschulräte, ein Experte der IV und Mitarbeiter von Bundeskanzleramt und Bildungsressort feilten. In den kommenden Wochen wollen die Politiker das Papier bewerten. Mitte des Jahres soll wieder über die Schulverwaltung geredet werden.

 


 

"Die Presse" vom 04.03.2015                                Seite: 9 Kommentar Von Dietmar Neuwirth

 

Zeugnis für Neue Mittelschule: Nicht genügend

Hoffnungen auf ein politisches Prestigeprojekt zerschlagen sich.

 

   Kritiker haben es immer gewusst. Die Neue Mittelschule unterscheide sich von der Hauptschule in exakt einem Punkt: im Namen. Jetzt liegt der Bericht von Experten vor, der das politische Prestigeobjekt bewertet. Die Schlüsselpassage, die sich ausschließlich - hart und ungerecht genug - auf die Leistungen der Schüler bezieht, nicht darauf, ob sie sich wohl(er) fühlen und wie das Klassenklima sich entwickelt hat: "Insgesamt gibt es keine Hinweise, dass das Niveau im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr bestehen Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird."

 

   Die Kritiker haben also recht behalten. Müsste für die Neue Mittelschule ein Zeugnis ausgestellt werden, wäre die Note eindeutig: Nicht genügend. Denn auch andere Ziele wie soziale Durchlässigkeit, Durchmischung etc. wurden kaum oder nicht erreicht. Die Neue Mittelschule führt nicht wirklich in eine neue bildungspolitische Zukunft. Sie ist eher der Beweis der Ratlosigkeit. Die Debatte über die Schule der Zukunft bleibt spannend. Und: Sie muss zu besseren Ergebnissen führen.

 

   dietmar.neuwirth@diepresse.com

 


 

"Der Standard" vom 04.03.2015                                Seite: 1

 

Neue Mittelschule nicht besser als Hauptschule

Evaluierungsbericht des Ministeriums: Gewalt sinkt, aber Zweifel an Lernniveau

 

   Wien – Der von der Regierung in Auftrag gegebene Evaluierungsbericht zur Neuen Mittelschule liegt vor und enthält ein ernüchterndes Ergebnis: Es gebe keine Hinweise, dass das Niveau der NMS über jenem vergleichbarer Hauptschulen liege; es bestehen vielmehr Zweifel, ob dieses an allen Standorten erreicht wird. Prognostizierte Begleiterfolge in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit treten durch die NMS nur teilweise ein. Bemerkbar sei immerhin ein Rückgang an Gewalt in der Schule, heißt es in dem Bericht, der dem Standard vorliegt.

 

   Die Debatte um eine Verländerung aller Lehrer wurde am Dienstag zuerst von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) zur „Nebenrolle“ erklärt und nach mehrstündiger Unterredung von der Bildungsreformgruppe der Regierung vertagt bis Jahresmitte. Es ging vor allem um Schulautonomie. Zuvor hatten sich Lehrergewerkschafter gegen eine Verländerung gestellt. Bundeslehrer wollen keine Landeslehrer werden, sagte AHS-Gewerkschaftschef Eckehard Quin zum Standard.

 


 

"Der Standard" vom 04.03.2015                                Seite: 7 Lisa Nimmervoll

 

Bundeslehrer wollen keine Landeslehrer werden

Gewerkschaften gegen Verländerung: „Wird’s nicht spielen“ – Ministerin erklärt Thema zur „Nebenrolle“

 

   Wien – Beim ersten Treffen der Bildungsreformgruppe Ende Jänner konnte ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer danach berichten: „Der Boden hat nicht gebebt.“ Dienstagnachmittag traf sich die rot-schwarze Bund-Länder-Truppe erneut. Offiziell, wie Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) am Vormittag demonstrativ betonte, um über Schulautonomie zu reden. Wortreich drängte sie dagegen das potenziell Beben-gefährliche Thema „Verländerung“ der Lehrer in eine „Nebenrolle“.

 

   Das dürften zumindest zwei Teilnehmer am Tisch anders gesehen haben. Denn die haben seit Sonntag das Feld für einen unmittelbar bevorstehenden „Durchbruch“ in Sachen Verschiebung der Verwaltung aller Lehrer zu den Ländern aufbereitet: Die Landeshauptmänner von Niederösterreich und dem Burgenland, Erwin Pröll (ÖVP) und Hans Niessl (SPÖ), wähnten sich in Sachen Verländerung kurz vor dem Ziel.

 

   Am Vormittag hatte dann auch noch Amtskollege Günther Platter (ÖVP) in Tirol „deutliche Bewegung“ in Richtung Lehrerverschub zu den Ländern geortet.

 

   Derartige Durchbruchsmeldungen in Sachen Verländerung seien eindeutig „verfrüht“, richtete Heinisch-Hosek, die – wie Kanzler Werner Faymann (SPÖ) – noch vor nicht allzu langer Zeit explizit gegen eine Verländerung der Lehrer war, der aber jetzt dazu kein klares Nein mehr über die Lippen kommen mag, aus. Auch Faymann zeigte am Dienstag Wohlwollen für den Plan, „die Kompetenzen neu zu ordnen“, wobei er betonte: „Da geht es nicht um Verländerung oder Zentralisierung.“

 

   Laut Heinisch-Hosek wollte die Bildungsgruppe ein Arbeitspapier mit vielen guten Vorschlägen bereden: „Die Verwaltung der Lehrer ist Teil des Papiers“, aber: „Im Papier wird offen gelassen, ob Bund oder Länder.“

 

   Derzeit unterstehen die Pflichtschullehrer den Ländern und werden auch von diesen angestellt, während AHS- und BHS-Lehrer vom Bund verwaltet werden – der jedoch die Rechnung für alle zahlt.

 

   An dem Punkt kommt von AHS-Lehrergewerkschaftschef Eckehard Quin (FCG) aber ein warnender Hinweis: „Wenn man mit Verländerung meint, dass man Bundesbedienstete auf einmal zu Landeslehrern macht, dann wird das schwierig werden“, sagte Quin zum Standard: „So einfach einen anderen Dienstgeber wird’s nicht spielen.“ Heißt für ihn: „Eine tatsächliche Verländerung wäre natürlich absurd.“

 

   Sollte „Verländerung“ hingegen bedeuten, dass man künftig „alle für die Verwaltung der Lehrer in einem Bundesland zuständigen Personen in ein Haus setzt, dann ist mir das egal“, meint Quin. Das wäre eine Placeboreform, weil das in einigen Bundesländern schon jetzt praktiziert werde.

 

   Der Kernpunkt aber ist für Quin: „Wenn A zahlt und B anschafft, dann gibt das immer Probleme. Es wäre absurd, wenn man dieses System auf die jetzigen Bundeslehrer ausweiten wollte. Da kann sich der Bund gleich abschaffen.“

 

   Dann schon lieber den umgekehrten Weg, schlagen die Unabhängigen Gewerkschafter in der GÖD und der Vizevorsitzende der BHS-Lehrergewerkschaft, Heinrich Himmer (FSG), vor: Also quasi „Verbundlichung“ statt Verländerung, oder wie Himmer im Standard-Gespräch sagt: „Alle Lehrerinnen und Lehrer gehören vom Bund verwaltet. Der, der bezahlt, muss auch bestimmen.“

 

   Im Übrigen wäre es absurd, die funktionierende Bundeslehrerverwaltung, die jetzt in einer Hand, beim Bund, sei, auf neun Länderverwaltungen aufzusplittern. Dort sehe man ja jetzt, „dass es je nach Bundesland unterschiedliche Zugänge und intransparente Kriterien gibt, wie Lehrer ausgewählt oder verlängert und wie Direktoren bestellt werden“.

 

   Rechnungshof rät zu Bund

 

   Das sieht auch der Rechnungshof (RH) so, der erst Ende 2014 erneut eine Reform der Schulverwaltung einmahnte. Und zwar so: „Aufgaben-, Ausgaben- und Finanzierungsverantwortung bezüglich der Pflichtschulen in einer Hand zu konzentrieren“. Mit dem klaren Richtungshinweis, wonach bei den Bundesschulen (AHS, BMHS) durch die einheitliche Kompetenzstruktur generell eine „günstigere Ausgangslage“ für eine effiziente Verwaltung gegeben sei, schrieben die Prüfer.

 

   Die von Erwin Pröll genannten 35 Millionen Euro Einspareffekt (Basis 2009) durch eine Verländerung bezweifeln in der Schulverwaltung Tätige angesichts des ohnehin niedrigen Verwaltungsanteils am Schulbudget: 2009 entfielen von den rund acht Milliarden Euro Schulgesamtbudget 183 Millionen auf die Verwaltung aller Schulen in Österreich – darin enthalten sind übrigens auch die Kosten für Schulpsychologen, Schulärzte, Bildungsberatung und andere Serviceleistungen.

 

Heinisch-Hosek war mal gegen Verländerung.

 


 

"Der Standard" vom 04.03.2015                                Seite: 7 Karin Riss

 

Schlechtes Zeugnis für Neue Mittelschule

 

   Der vom Unterrichtsministerium in Auftrag gegebene und dann unter Verschluss gehaltene Bericht der Experten zeigt: Die Neue Mittelschule erfüllt die an sie gestellten Erwartungen in zentralen Bereichen nicht.

 

   Wien – Im Unterrichtsministerium hat man sich noch immer nicht entschieden, wann der Zeitpunkt günstig wäre, um das Ergebnis der Evaluation der Neuen Mittelschule (NMS) bekanntzugeben. Dabei hatte Ferdinand Eder, Erziehungswissenschafter an der Uni Salzburg und mit der wissenschaftlichen Untersuchung der ersten beiden NMS-Jahrgänge federführend beauftragt, das Dokument bereits Anfang 2015 an das Bifie übermittelt. Dort verwies man zuletzt auf eine „Reviewschleife“, in der sich der Bericht gerade befindet. Die dürfte jetzt abgeschlossen sein, der Evaluationsbericht liegt dem Standard vor. Und er birgt einige bemerkenswerte Ergebnisse.

 

   Gemessen an den von den Wissenschaftern definierten vier Erwartungsbereichen fallen diese bestenfalls durchwachsen aus.

 

   Erwartung eins: eine neue Kultur des Lehrens und Lernens. Die Wissenschafter konstatieren eine „verbesserte Schul- und Lernumwelt“ und machen das an positiven Rückmeldungen zur Unterrichtsgestaltung und am Rückgang von Gewalt fest.

 

   Erwartung zwei und drei: bessere Förderung überfachlicher Kompetenz (gemeint ist etwa soziales Zusammenleben) und Leistungsverbesserungen. Hier folgt das große Aber: Die verbesserte Lernumwelt wirke sich hier nämlich „nicht durchgehend und nicht konsistent“ aus, und: „Es gibt keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt.“ Im Gegenteil: „Vielmehr bestehen Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird.“ Bleibt die Verbesserung der Chancengleichheit: Auch dieser Wunsch hat sich nicht erfüllt, bestenfalls für „Schüler mit Migrationshintergrund könnte es ein kleiner Vorteil sein, eine NMS zu besuchen“.

 

   Grundsätzlich befinden die Wissenschafter, dass das NMS-Konzept an mehr als der Hälfte der Standorte „nur unzureichend umgesetzt“ ist. Dort, wo die Ausgangslage dank motivierter Schulleitung und Lehrer oder hohen Leidensdrucks besonders günstig war, gibt es auch bessere Evaluierungsergebnisse. Die untersuchten Klassen der ersten und zweiten NMS-Generation hat man in vier Kategorien eingeteilt. Diese reichen von den vorbildhaften „Modellklassen“ (20,4 Prozent) über die „Plusklassen“ mit „weniger intensiver Umsetzung des neuen Schulkonzepts“ (26,0 Prozent) bis zur breiten Masse der „Normalklassen“, die Wesensmerkmale der NMS wie Teamteaching oder eine Öffnung des Unterrichts mit Betonung auf autonomes Lernen bestenfalls durchschnittlich gut umgesetzt haben (31,6 Prozent). Zum Schluss werden noch die „Traditionsklassen“ aufgelistet, die seit Untersuchungsstart 2008 zwar NMS heißen, im Wesentlichen jedoch weitergemacht haben wie zuvor.

 

   Für diese Befunde legen Eder und sein Team eine Reihe von Erklärungen und Einschränkungen vor – immer mit dem Verweis auf die beschränkten Möglichkeiten der Evaluation. Die fehlende Leistungsverbesserung erklärt man etwa damit, dass die NMS „nicht als Ersatz, sondern in Konkurrenz zu etablierten Schulformen eingeführt und sozial selektiv gewählt wurde“. Ein genauerer Blick auf die Schülerperspektive zeigt: In Sachen Zufriedenheit und Wohlbefinden gibt es einen „kleinen Anstieg“, auch bei den überfachlichen Kompetenzen (etwa Sozialkompetenz oder Lernstrategie) kommt es „nur ganz vereinzelt“ zu „geringen Zuwächsen“.

 

   Das alles führt das Team um Ferdinand Eder unter anderem zu folgenden Empfehlungen:

 

   Eine Konzentration der Maßnahmen auf Risikogruppen: Statt der erwarteten Förderung vor allem der Leistungsschwächsten zeige sich nämlich, „dass sich die Lernsituation der Leistungsschwächeren tendenziell verschlechtert hat“.

 

   Ressourcen fokussieren: Statt Teamteaching in Deutsch, Englisch und Mathe plädiert man für „individuelles Lerncoaching“.

 

   Q Negative Einflüsse des sozialen Hintergrunds besser ausgleichen: Endlich etwas, was Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) bereits angeregt hat – jene Schulen mit schwieriger sozialer Zusammensetzung sollen mehr finanzielle und personelle Mittel erhalten.

 

   Den Beschluss der flächendeckenden Einführung hat die Regierung ohnehin schon längst getroffen: Aktuell firmieren 96 Prozent der früheren Hauptschulen als NMS.

 

Der Expertenbericht stellt auch Verbesserungen an der Neuen Mittelschule fest, aber keinen Erfolg.

 


 

"Der Standard" vom 04.03.2015                                Seite: 7 Lisa Nimmervoll

 

Verländerung vertagt: „Der Teufel steckt im Detail“

Bildungsreformgruppe diskutiert „Grobpapier“ zur Schulautonomie – Kompetenzfrage war „Nebenthema“

 

   Wien – Das zweite Treffen der Bildungsreformgruppe der Regierung mit Vertretern von Bund und Ländern wurde Dienstagabend nach mehrstündiger Unterredung vertagt bis Jahresmitte. „Der Teufel steckt im Detail“, brachte es Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) auf den Punkt. Man habe über ein „Grobpapier“ der Experten gesprochen, in dem es vor allem um Schulautonomie gehe. Dieses müsse nun technisch durchgerechnet und bewertet werden. „Verländerung“ der Lehrer? Nur „Nebenthema“, hieß es.

 

   Schon am Vormittag hatte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) eine etwaige Verschiebung der Zuständigkeit für alle Lehrer an die Länder in einer „Nebenrolle“ geparkt. Da war war das Thema seit Sonntag ganz und gar nicht. Zwei Gesprächsteilnehmer hatten die Verländerung schon vor einem „Durchbruch“ gesehen: Die Landeshauptmänner von Niederösterreich und dem Burgenland, Erwin Pröll (ÖVP) und Hans Niessl (SPÖ).

 

   Heinisch-Hosek, die – wie Kanzler Werner Faymann (SPÖ) – noch vor kurzem explizit gegen eine Verländerung der Lehrer war, wollte am Vormittag genauso wie Faymann dazu kein klares Nein mehr über die Lippen kommen. Am Abend sagte sie ohne konkret zu werden: „Es ging um eine Stärkung der Schulautonomie.“ Klar sei, dass die zentrale Steuerung etwa im Bereich Lehrpläne oder Lehrerausbildung durch den Bund erfolgen müsse. „Ob das dann im vollen Umfang umsetzbar ist, muss man sich ansehen“, sagte Mahrer.

 

   Auch Pröll nannte Schulautonomie und Entlastung von „überbordender Verwaltung“ als Kernpunkte. An eine Kompetenzverschiebung bei den Lehrern sei im Moment nicht gedacht: „Es denkt niemand daran, das Anstellungsverhältnis der Lehrer zu ändern. Es gibt Bundeslehrer und es gibt Landeslehrer.“ Auch Niessl war nun der Ansicht, dass „es nicht die wichtigste Frage ist, wer Dienstgeber ist – wir müssen schauen, dass Bürokratie abgebaut wird“.

 

   Derzeit unterstehen die Pflichtschullehrer den Ländern und werden auch von diesen angestellt, während AHS- und BHS-Lehrer vom Bund verwaltet werden – der aber die Rechnung für alle zahlt.

 

   An dem Punkt war von AHS-Lehrergewerkschaftschef Eckehard Quin (FCG) bereits zu Mittag ein Warnhinweis gekommen: „Wenn man mit Verländerung meint, dass man Bundesbedienstete auf einmal zu Landeslehrern macht, dann wird das schwierig werden“, so Quin zum Standard: „So einfach einen anderen Dienstgeber wird’s nicht spielen.“

 

   Sollte „Verländerung“ aber bedeuten, dass man „alle für die Verwaltung der Lehrer in einem Bundesland zuständigen Personen in ein Haus setzt, dann ist mir das egal“, meint Quin. Das würde zum Teil jetzt schon gemacht. Der Kernpunkt ist für Quin: „Wenn A zahlt und B anschafft, dann gibt das immer Probleme. Es wäre absurd, wenn man dieses System auf die jetzigen Bundeslehrer ausweiten wollte. Da kann sich der Bund gleich abschaffen.“

 

   Dann schon lieber den umgekehrten Weg, schlagen die Unabhängigen Gewerkschafter so wie BHS-Vizegewerkschaftschef Heinrich Himmer (FSG) vor: also quasi „Verbundlichung“ statt Verländerung, oder wie Himmer im Standard-Gespräch sagte: „Alle Lehrerinnen und Lehrer gehören vom Bund verwaltet. Der, der bezahlt, muss auch bestimmen.“

 

   Im Übrigen wäre es absurd, die funktionierende Bundeslehrerverwaltung, die jetzt in einer Hand, beim Bund, sei, auf neun Länderverwaltungen aufzusplittern. Dort sehe man ja jetzt, „dass es je nach Bundesland unterschiedliche Zugänge und intransparente Kriterien gibt, wie Lehrer ausgewählt oder verlängert und wie Direktoren bestellt werden“.

 

   Rechnungshof rät zu Bund

 

   Das sieht auch der Rechnungshof (RH) so, der erst Ende 2014 erneut eine Reform der Schulverwaltung einmahnte. Und zwar so: „Aufgaben-, Ausgaben- und Finanzierungsverantwortung bezüglich der Pflichtschulen in einer Hand zu konzentrieren“. Mit dem klaren Richtungshinweis, wonach bei den Bundesschulen (AHS, BMHS) durch die einheitliche Kompetenzstruktur generell eine „günstigere Ausgangslage“ für eine effiziente Verwaltung gegeben sei, schrieben die Prüfer.

 

   Die von Erwin Pröll genannten 35 Millionen Euro Einspareffekt (Basis 2009) durch eine Verländerung bezweifeln in der Schulverwaltung Tätige angesichts des ohnehin niedrigen Verwaltungsanteils am Schulbudget: 2009 entfielen von den rund acht Milliarden Euro Schulgesamtbudget 183 Millionen auf die Verwaltung aller Schulen in Österreich – darin enthalten sind übrigens auch die Kosten für Schulpsychologen, Schulärzte, Bildungsberatung und andere Serviceleistungen.

 

Heinisch-Hosek war einmal gegen Verländerung.


 

"Kurier" vom 04.03.2015                                    Seite: 3

 

Bildungsvorschlag der Bund/Länder-Gruppe

Schulreformer wollen zwei Drittel der Direktoren einsparen

 

Revolution im Bildungsbereich. Expertengruppe der Regierung plant Totalumbau bis 2025 und ortet Sparpotenzial "zwischen 20 uns 30 Prozent"

 

   vonBernhard Gaulund Ida MetzgerMonatelang brütete eine Reformgruppe aus hohen Beamten des Bildungssektors an konkreten Vorschlägen, wie das Schulsystem künftig besser und effizienter sein könnte. Das Expertenpapier, das am Dienstag der Bildungsreformgruppe der Bundesregierung präsentiert wurde, liegt dem KURIER vor. Es propagiert nichts weniger als den radikalsten Umbau des Bildungssystems seit Jahrzehnten. Das vorgeschlagene Modell beruht auf drei Eckpfeilern:

 

   Mehr Schul-Autonomie "Autonome Schulen mit Freiräumen in pädagogischen, organisatorischen, personellen und finanziellen Aspekten". Dies soll zu einer Deregulierung im Schulsystem führen - und zwar, wie es in dem Papier heißt: "Reduktion der Regulierungsdichte im Ausmaß bis zu 50 Prozent".

 

   Steuerung beim BundGemeint ist eine "zentrale Steuerung" durch das Bildungsministerium, "mit einheitlichen Bildungszielen und -inhalten", einheitlicher Lehrerausbildung, transparenter Finanzierung und einheitlicher Qualitätssicherung.

 

   VerländerungDie Experten schlagen eine "schlanke Umsetzung durch Bildungsdirektionen in den Ländern" vor. Konkret sollen sich die neun Bildungsdirektionen um die "Schulerhaltung, Personalbewirtschaftung und Ressourcenzuweisung" kümmern, aber auch um die Standortplanung in den Regionen.

 

   Die Expertengruppe hebt besonders hervor, dass die Vorschläge "als ganzheitliches Steuerungssystem" konzipiert sind, sie können "ihre volle Wirkung nur entfalten, wenn sie als Gesamtpaket umgesetzt werden". Dafür wäre allerdings - wie bei den meisten Gesetzen im Schulbereich - sowohl eine Verfassungsänderung notwendig, als auch eine "völlige Neugestaltung sämtlicher Schulgesetze". Zieldatum für die Umsetzung ist das Jahr 2025 - in zehn Jahren also.

 

   Und die Experten versprechen massive Einsparungen im Verwaltungsbereich. Konkret genannt wird eine "Reduktion der Schulleiter auf bis zu einem Drittel der aktuellen Zahl". In der gesamten Schulverwaltung liege das Einsparungspotenzial "zwischen 20 und 30 Prozent". (2012 lagen die gesamten Verwaltungskosten bei rund 183,3 Millionen Euro, 74,3 Millionen Euro davon aufseiten des Bundes.) Das eingesparte Geld soll in den Ausbau der Schulautonomie fließen, sagen die Experten.

 

   Die Landeshauptmänner Erwin Pröll (NÖ) und Hans Niessl (Burgenland) lobten nach der Sitzung unisono gegenüber dem KURIER die Vorschläge als "sehr sehr gute Grundlage". "Da waren Profis am Werk", meinte Niessl. Und Pröll erklärt, dass die parteipolitisch besetzten Schulkollegien, die derzeit etwa über Direktorenbesetzung entscheiden, aufgelöst werden sollen. "Man kann sagen, die Parteipolitik fliegt durch die Reform aus der Schule", sagte Pröll.

 

   Bevor "bis zum Sommer" eine endgültige Entscheidung getroffen werden könne, soll nun ein Expertenteam das Einsparungspotenzial genau berechnen. Zudem werde ab sofort mit der Lehrer-Gewerkschaft verhandelt, "damit der Versetzungsschutz aufgehoben werden kann", so Niessl.

 

   Zudem müsse mit der Opposition über die gesamte Reform verhandelt werden, erklärte Pröll, um eine 2/3-Mehrheit zu bekommen.

 


 

"Kurier" vom 04.03.2015                                    Seite: 2 Bernhard Gaul

 

Evaluation der neuen Schulform

Enttäuschung: Neue Mittelschule hält nicht, was versprochen wurde

 

   Salzburg/Wien.Am Dienstag wurde der Bildungsgruppe der Regierung (siehe rechts) auch das Ergebnis der ersten Evaluation der Neuen Mittelschule präsentiert. Die Studie, die dem KURIER vorliegt, ist für die SPÖ-Bildungspolitik wenig erfreulich.

 

   Die Bilanz der Bildungsforscher rund um den Salzburger Professor Ferdinand Eder ist auf mehr als 400 Seiten durchwachsen. Das pädagogische Ziel, ob an den NMS Wissen besser vermittelt werden könne, "kann nicht festgestellt werden". Allerdings werde "das bisherige Niveau (..) auch nicht unterschritten". Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die NMS letztlich nicht wurde, was geplant war: Eine gemeinsame Schule - AHS-Unterstufe gibt es ja bis heute.

 

   Positiv sei, dass durch die NMS die "schulische Lebenswelt" qualitativ besser geworden sei. Der Unterricht passe sich besser an die Schüler an, es gebe "weniger Gewalt", und einen "kleinen Anstieg an Zufriedenheit". Die wesentliche Frage, ob die NMS "in gesellschaftlicher Hinsicht, insbesondere zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit" beitragen könne, verneinen die Forscher, auch wenn es einen "geringfügigen Zuwachs im Zugang zu den Oberstufengymnasien" gebe.

 

   Fazit: Dafür, dass die Neue Mittelschule deutlich teurer ist, etwa durch Klassen mit zwei Lehrern ("Team-Teaching") ist das Studienergebnis "Nicht genügend". Denn der Minimalanspruch lautete, eine Schulform zu schaffen, die bessere Ergebnisse liefert als die Hauptschulen.

 

  Eine harte Debatte über Sinn- und Unsinn dieser Schulform wird Ministerin Heinisch-Hosek aber sicher nicht erspart bleiben. Vor allem die um 300 Millionen höheren Kosten werden mit Sicherheit angesichts des klammen Bildungsbudgets in Frage gestellt werden.

 


 

"Kronen Zeitung" vom 04.03.2015                              Seite: 2

 

Faymann: Neuordnung der Verwaltung möglich

Neue Mittelschule bringt keine besseren Schüler-Leistungen

 

   Wien. – In der Bildungspolitik der SPÖ hat offenbar Kanzler Werner Faymann das Ruder übernommen. Er kann sich durchaus vorstellen, dass die Kompetenzen für die Lehrer zu den Ländern wandern.

 

   Beim Schul-Gipfel am Dienstag war der seit Jahren schwelende Streit kein Thema. Dafür wurde eine bereits länger erwartete Studie zur Neuen Mittelschule vorgestellt. Demnach gibt es zwar leichte Verbesserungen, aber „noch viel Potenzial nach oben“, so Burgenlands Landes-Chef Niessl. In der Neuen Mittelschule schneiden die Kinder nicht besser ab als in der Hauptschule.

 


 

"Österreich" vom 04.03.2015                                 Seite 4,5

 

Lehrer zu den Ländern: Krach

Pröll &Co. machen bei Gipfel Druck, Lehrer sind gespalten

 

Der Plan, alle Lehrer bei den Länder zu verwalten, sorgt für einen Riesenwirbel.

 

Wien. Dienstag, um 14.30 Uhr, war es so weit: Im Unterrichtsministerium startete die zweite Runde der Bildungsreform. Zentraler Punkt: Wie ÖSTERREICH berichtete, sollen künftig alle Lehrer von den neun Bundesländern in sogenannten Bildungsdirektionen verwaltet werden. Damit übernehmen die Länder das heimische Bildungssystem -der Bund hätte nur noch die Oberaufsicht (siehe Grafik).

 

Kanzler Werner Faymann kann sich eine solche Kompetenzverschiebung vorstellen -und auch die Landeshauptleute Erwin Pröll (NÖ, ÖVP) und Hans Niessl (Burgenland, SPÖ) machten beim Gipfel Druck. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek sagte gestern aber vor Beginn des Gipfels: Noch sei nichts fix.

 

Die Lehrer sind gespalten: AHS-Lehrerverteter Eckehard Quin ist -wie übrigens auch der Industrielle Hannes Androsch -strikt gegen die Pläne der Landesfürsten: "Wir haben viele Vertragslehrer -einfach einen neuen Dienstgeber wird's nicht spielen", so Quin zu ÖSTERREICH. Anders der Lehrervertreter der Berufsbildenden Schulen Jürgen Rainer: Er sieht auch Vorteile (siehe rechts).

 

Ministerin skeptisch: Heinisch-Hosek ließ sich alles offen.

 

Derzeit werden Lehrer der aHS und BHS/BMS (Berufsbildende Schulen) vom Bund verwaltet. Künftig sollen alle Landeslehrer werden.

 


 

"Österreich" vom 04.03.2015                                 Seite 4,5

 

Bericht: Nicht besser als Hauptschule

Neue Mittelschule hat massive Probleme

Der Start der Neuen Mittelschule (NMS) verlief nicht ganz planmäßig.

 

Wien. Ist die Neue Mittelschule besser als die Hauptschule? Nein, sagt Professor Ferdinand Eder (Uni Salzburg) und legte den Koalitionsverhandlern mit Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek seinen Bericht vor:

 

Niveau niedriger. Die Neue Mittelschule liefert demnach sogar schlechtere Ergebnisse ab als die Hauptschule, die sie ja bekanntlich ersetzen soll. "Insgesamt gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr bestehen Zweifel, ob dieses Niveau an allen Standorten tatsächlich erreicht wird", schreibt Eder. Sehr wohl Leistungsverbesserungen wurden nur im ersten NMS-Jahrgang bzw. jenen "Modellklassen" registriert, in denen das NMS-Konzept (2 Lehrer in Hauptfächern) intensiv umgesetzt wurde.

 

Nicht mehr Gerechtigkeit. Und weiter: "Erwartete Begleitfolgen der NMS hinsichtlich Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit treten nur teilweise ein." Geschlecht und familiäre Herkunft seien weiter entscheidend für den Bildungsfortschritt. Allerdings: "Für Schüler mit Migrationshintergrund könnte es ein Vorteil sein, eine NMS zu besuchen."

 

Neue Schule ist nicht besser.

 


 

"Österreich" vom 04.03.2015                                   Seite 5

 

NÖ-Landeshauptmann ist versöhnlich

Pröll: Völliger Konsens mit der Ministerin

 

ÖSTERREICH: Zufrieden mit den Verhandlungen?

 

ERWIN PRÖLL: Sehr, es gab ein ausgezeichnetes Gesprächsklima, eine konstruktive Diskussion und einen guten Start für eine breit angelegte Reformagenda.

 

ÖSTERREICH: Keine Differenzen mehr mit Ministerin Heinisch-Hosek?

 

PRÖLL: Es gab keinen weitgehenden, sondern sogar einen vollkommenen Konsens mit der Bildungsministerin in der wichtigsten Frage - und das ist die Schulautonomie.

 

ÖSTERREICH: Über die Verländerung der Lehrer wurde aber keine Einigkeit erzielt?

 

PRÖLL: Ich verstehe nicht, warum man an so einem Detail festklebt. Es geht um ein großes umfassendes Reformwerk, um ein vollkommen neues System und nicht um ein paar kosmetische Korrekturen. Das braucht Zeit.

 

ÖSTERREICH: Was sind die nächsten Schritte?

 

PRÖLL: Alle, also Lehrer, Eltern und politische Parteien, ins Boot zu holen.

 


 

"Österreich" vom 04.03.2015                                 Seite 4,5

 

Gipfel SPÖ &ÖVP

Schule: Ein Drittel weniger Beamte

 

Kahlschlag in der Bürokratie, Lehrer-Coup ist verschoben

 

SPÖ und ÖVP einigten sich auf ein Reformpapier -und schieben Lehrerfrage vorerst auf.

 

Wien. Am Dienstag tagte zum zweiten Mal die Bildungsreform-Gruppe. Hier wollten die Landeschefs Erwin Pröll und Hans Niessl den Wechsel von 45.000 Bundeslehrern in die Landesverwaltung durchsetzen.

 

Man ging zufrieden auseinander -die Lehrerfrage blieb aber offen. Wie Niessl gegenüber ÖSTERREICH betonte, gehe es jetzt einmal darum, den Schulen mehr Autonomie zu verschaffen. Laut einem Arbeitspapier sollen Schuldirektoren bei der Lehrerauswahl mehr mitreden dürfen. Und: "Die Bürokratie kann um 30 %gekürzt werden", so Niessl. Die Steuerung des Schulsystems solle weiter beim Bund bleiben. Wer Lehrer anstellt, sei nicht so wichtig, ergänzt Pröll im Interview.

 

Aufstand gegen Lehrer-Pläne der Koalition

 

Tatsächlich dürfte die Sache wegen des Protests vertagt worden sein. So wetterte AHS-Lehrergewerkschafter Eckehard Quin: "Wenn das kommt, schafft der Bund sich selbst ab." Jetzt soll die Gewerkschaft, aber auch die Opposition ins Boot geholt werden. Denn für die Schulreform braucht man eine Zweidrittelmehrheit. (gü)

 

Heinisch-Hosek: Arbeitspapier vorbereitet.

 

Pröll bei Gipfel: Landeshauptmann will Reform.

 


 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 04.03.2015             Seite: 1

 

Kein gutes Zeugnis für NMS

Expertenbericht zur Neuen Mittelschule

 

   WIEN. Der Evaluierungsbericht zur Neuen Mittelschule (NMS) wurde gestern erstmals im kleinen Kreis der rot-schwarzen Bildungsreformverhandler präsentiert.

 

   Das Urteil der Experten über die neue Schulform ist durchwachsen: Von "unzureichender" Umsetzung an der Hälfte der Standorte ist die Rede, auch eine Leistungssteigerung gegenüber der Hauptschule ist aus Expertensicht nicht erkennbar.

 

   Bildungsministerin Heinisch-Hosek (SP) dürfte den Bericht heute offiziell präsentieren.

 


 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 04.03.2015             Seite: 2 Von Jasmin Bürger

 

Alle Lehrer zu den Ländern? Entscheidung vertagt

Zuerst wollen die rot-schwarzen Reformverhandler die Schulautonomie ausweiten

 

WIEN. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) schien von den Ankündigungen ihrer Mitverhandler zur Bildungsreform etwas überrumpelt: Die Verwaltung der Lehrer sei zwar "Teil des Papiers", das beim gestrigen Treffen der Reformkommission diskutiert werden sollte, sagte sie am Vormittag. Von einer "Verländerung" der Lehrer zu sprechen sei aber "verfrüht".

 

   Ihr Parteichef, Kanzler Werner Faymann, klang anders: Die Ministerin könne sich "vorstellen, die Kompetenzen neu zu ordnen".

 

   Am Abend, nach fast vierstündigen Verhandlungen in der rot-schwarzen Reformkommission hieß es dann "Bitte warten".

 

   Das von den Experten präsentierte Papier zur Neuordnung der Schulverwaltung müsse nun erst einmal gesichtet werden, sagten sowohl Heinisch-Hosek wie auch Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (VP). Pröll hatte zuletzt einen "Durchbruch" angekündigt, mit dem die Zuständigkeit für alle Lehrer in Länderhand wandern soll. Das Anstellungsverhältnis der Lehrer solle sich aber nicht ändern, sagte er wiederum nach der gestrigen Runde.

 

   Der von Pröll und seinen Landeshauptmann-Kollegen zuletzt aufgebaute Druck (die OÖNachrichten berichteten) war auch auf Widerstand gestoßen: Die AHS-Lehrergewerkschaft etwa befand Pläne für eine Verländerung als "absurd".

 

   SP-intern dagegen stieß das Expertenpapier durchaus auch auf Wohlwollen. Nun soll ein Weg gefunden werden, wie das Modell möglichst gut dargestellt werden kann. Erster Schritt ist die Fokussierung auf die Schulautonomie. Tatsächlich sieht das Expertenpapier mehr Freiheit für die Standorte bei Personalauswahl und pädagogischen Schwerpunkten vor. Angedacht ist - auf die Personalauswahl bezogen - aber die Zusammenfassung mehrerer Schulen als autonome Ebene.

 

   Übergeordnet sollen in den Ländern Bildungsdirektionen entstehen, die für Schulerhaltung, Personalbewirtschaftung, Ressourcenzuteilung, Vollziehung und Standortplanung zuständig sind. Dem Bildungsministerium obliegen Gesetzgebung, Dienstrecht und Diensthoheit, Ausbildung und Qualitätsvorgaben..

 

   Bis Sommer will die Verhandlergruppe erste Ergebnisse vorlegen.

 


 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 04.03.2015             Seite: 2

 

Neue Mittelschule: Expertenbericht sieht keine Verbesserung zur Hauptschule

Schlechtes Zeugnis für die Neue Mittelschule im lang erwarteten Evaluierungsbericht

 

   WIEN. Abgeliefert haben die Experten ihren von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) beauftragten Evaluierungsbericht zur Neuen Mittelschule (NMS) schon mit Ende 2014. Die Veröffentlichung ließ auf sich warten, seit gestern sind die Ergebnisse nach einer ersten Präsentation in der Bildungsreformkommission (siehe Bericht unten) bekannt.

 

   Der unter Federführung des Salzburger Erziehungswissenschafters Ferdinand Eder erstellte Bericht über die neue Schule fällt schlecht aus. So haben sich die Hoffnungen, dass sich die Schülerleistungen an den NMS im Vergleich zur Hauptschule verbessern, bisher nicht erfüllt, wie die OÖNachrichten erfuhren. Konkret heißt es im Bericht, dass es "keine belastbaren Hinweise gibt, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt". Mehr noch: Es bestünden sogar "Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird".

 

   Standortunterschiede

 

   Recht unterschiedlich ist an den Schulen laut Experten auch die Umsetzung erfolgt: So haben zwar einige Standorte die neuen pädagogischen Konzepte als Unterrichtsmethode integriert, an jeder zweiten Schule allerdings ist das nur "unzureichend" erfolgt.

 

   "Nur teilweise" sind laut Bericht auch "erwartete Begleitfolgen hinsichtlich Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit eingetreten". Die Wirkung bekannter Ungleichheitsfaktoren wie sozialer Herkunft würden sich nicht substanziell von der Situation an Hauptschulen unterscheiden. Lediglich für Schüler mit Migrationshintergrund könnte laut Experten durch den NMS-Besuch "ein kleiner Vorteil" entstehen.

 

   Eher positiv sind die Ergebnisse einer für die Evaluierung durchgeführten Studie zum Schulklima: Dieses habe sich im Allgemeinen verbessert, heißt es.

 

   Einschränkend verweisen die Experten in ihrem Bericht allerdings auch darauf, dass der Beobachtungszeitraum relativ kurz ist, die Schulen also noch in einer Umstellungsphase seien.

 

   Eine Erklärung, warum die NMS keine besseren Ergebnisse liefert, haben die Experten aber auch: Sie wurde "nicht als Ersatz, sondern in Konkurrenz zu etablierten Schulformen eingeführt", eine "sozial durchmischte Schülerschaft" ist an den NMS daher nicht vorhanden.

 

   Für Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) ist der Bericht das zweite durchwachsene Zeugnis zur Neuen Mittelschule. Der Rechnungshof hatte das Projekt in einer Prüfung Ende 2013 bereits heftig kritisiert und das Fehlen "zentraler Entscheidungsgrundlagen" für die Einführung als Regelschule bemängelt. Ebenfalls kritisch verwiesen die RH-Prüfer auf die Kosten der NMS: Pro Schüler beliefen sich diese auf 7200 Euro im Jahr, an den AHS-Unterstufen lagen die Durchschnittskosten dagegen bei 4700 Euro. (jabü)

 

Bild: Experten haben "Zweifel", dass alle NMS-Standorte Niveau der Hauptschulen erreichen.

 


 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 04.03.2015             Seite: 2

 

Die Neue Mittelschule: ein Kompromiss...

 

   2008 starteten unter Bildungsministerin Claudia Schmied (SP) die ersten Schulversuche zur Neuen Mittelschule - zunächst ausschließlich an Hauptschulen, die für die neue Unterrichtsform mehr Geld - sechs Zusatzstunden pro Klasse - bekamen.

 

   Wesentlicher Unterschied der NMS zu den Hauptschulen ist das Fehlen von Leistungsgruppen. Neu ist das Teamteaching von zwei Lehrern in den Hauptfächern. Das soll einen individualisierten Unterricht ermöglichen. Unterrichtet wird nach dem AHS-Unterstufen-Lehrplan.

 

  2012 beschlossen SPÖ und ÖVP die Übernahme der NMS ins Regelschulwesen. Bis 2018/19 sollen alle Hauptschulstandorte in Österreich in NMS umgewandelt werden.

 

   Aus SP-Sicht war das ein Schritt zu einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-jährigen, die ÖVP dagegen sah das Gymnasium gesichert, da AHS-Unterstufen bestehen blieben.

 

   Im aktuellen Schuljahr 2014/15 ist die Neue Mittelschule österreichweit bereits an 1073 Standorten umgesetzt. Das sind mehr als 95 Prozent der bisherigen Hauptschulen.

 

   Gymnasien können freiwillig an der Umstellung zur Neuen Mittelschule teilnehmen. Bisher hat sich allerdings österreichweit nicht einmal ein Dutzend AHS gemeldet.

 


 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 04.03.2015             Seite: 2 Kommentar

 

Machtfragen

 

   Der erste Lehrsatz einer vernünftigen Verwaltungsreform lautet: Aufgaben- und Ausgabenverantwortung gehören in eine Hand, damit derjenige, der entscheidet, auch dafür zahlt.

 

   Davon ist man bei der Schuldebatte weit entfernt. Sie dreht sich ausschließlich um die Machtfrage: Wer hat künftig die Hoheit über die Bundeslehrer? Geht es nach den Landeshauptleuten, soll wie bisher der Bund das Geld geben, aber nur die Gangaufsicht haben.

 

   Was dadurch besser würde, ist schleierhaft. Die Schule für unsere Kinder gewiss nicht; die kommen in der Diskussion gar nicht vor.

 

   Keiner der Politiker, die jetzt stramm aufzeigen, hat eine Vision, was Schule sein soll. Diskutiert wird nur, wem die Lehrer unterstehen, nicht, was sie leisten sollen. Wie schwer sich die Politik mit klugen Antworten tut, zeigt die Zahl der Schulversuche: 5400.

 

   Der Befund über das System ist seit Jahren gleich: hohe Kosten, schwache Ergebnisse. Es ist höchste Zeit für die inhaltliche Auseinandersetzung, wie man mehr Klasse in die Klassen bekommt.

 

   Wie bekommt man mehr Klasse in die Klassen?

 


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 52 vom 04.03.2015               Seite: 1

 

Der Hausverstand spricht für mehr Föderalismus

 

   Die Schulverwaltung bei den Ländern zu konzentrieren wäre eine echte Verwaltungsreform.

 

   Staatliches Handeln ist umso günstiger, je näher beim Bürger es erfolgt. Der Beweis dieses Satzes liegt überaus nahe: Man braucht nur in die Schweiz zu schauen. Insofern ist es seltsam, dass bei uns seit Jahren darüber debattiert wird, ob die Schulverwaltung beim Bund oder bei den Ländern konzentriert werden soll. Die einzig vernünftige Lösung, die sich jetzt auch abzeichnet, kann nur sein, die Verwaltung näher an die Schulen heranzurücken.

 

    Das jetzige Modell – die Länder stellen die Pflichtschullehrer ein, aber der Bund bezahlt sie – ist ein Schulbeispiel für unwirksame, teure Verwaltung. Ständige Streitereien und Kostensteigerungen waren die Folge. Und in Wahrheit weiß in diesem Zuständigkeits- und Finanzdschungel derzeit niemand, wie viele Lehrer eigentlich bezahlt werden.

 

   Nun gibt es zwei Lösungsmöglichkeiten: Entweder die ganze Schulverwaltung kommt zum Bund. Oder sie kommt zu den Ländern. Was bei einer zentralen Verwaltung von Wien aus passieren würde, erfuhr man unlängst, als die Unterrichtsministerin den Plan der Ministerialbürokratie ausplauderte, alle höheren Schulen mit weniger als 300 Schülern zuzusperren. Was in Wien als Einsparungsmaßnahme angesehen wird, wäre für die Bundesländer eine Katastrophe. Das Sperren von Kleinschulen würde Kinder zum Pendeln und Jungfamilien zum Übersiedeln in die Städte zwingen. Ganze Talschaften würden auf diese Weise veröden. Das ist Zentralismus.

 

    Von einer föderalistischen Lösung kann man erwarten, dass klügere Kosten-Nutzen-Rechnungen angestellt werden. Der Bund sollte – wie das bei der Verländerung der Bundesstraßen geschah – den Ländern ein fixes Budget für die Schulverwaltung geben, mit dem sie auskommen müssen. Wollen sie mehr ausgeben, müssen sie das Geld dafür selbst auftreiben. Man würde staunen, wie sparsam die Länder plötzlich zu wirtschaften verstünden.

 

   Dem Bund bleibt bei dem sich abzeichnenden Modell jedenfalls die Kompetenz für die Lehrpläne, um ein einheitliches Bildungswesen in Österreich zu garantieren. Das Gerücht, eine Verländerung der Schulverwaltung würde neun verschiedene Lehrpläne bedeuten, ist eine glatte Unwahrheit.

 

   Ebenso absurd ist die Warnung, die Verländerung der Schulverwaltung werde zu mehr Parteipolitik in den Schulen führen. Mit Verlaub: Mehr Parteibuchwirtschaft als in den derzeit vom Bund verwalteten Gymnasien, bei denen jeder weiß, welches „rot“ und welches „schwarz“ ist, kann es gar nicht geben.

 


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 52 vom 04.03.2015               Seite: 2

 

Neue Schule, aber nicht mehr Chancen

 

   Die Schuldebatte geht in die falsche Richtung. Auch das lässt sich im Evaluierungsbericht zur Neuen Mittelschule nachlesen.

 

   Wien. Mehr Bildungsgerechtigkeit werde sie bringen, die Neue Mittelschule, mehr Chancengleichheit für alle Zehn- bis 14-Jährigen, versprach die damalige SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied bei der Einführung der neuen Schulform 2008. Ein Versprechen, das nicht gehalten wurde, wie eine erste Evaluierung nun unter anderem ergeben hat. „Der Beitrag der NMS (. . .) insbesondere zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit ist nach den bisher vorliegenden Daten eher gering“, heißt es in dem Bericht, den das Unterrichtsministerium bei der Universität Salzburg, der Universität Linz und der Pädagogischen Hochschule Linz in Auftrag gegeben hat.

 

   Die Autoren nennen im selben Atemzug auch den Grund dafür: Beim Eintritt in die NMS seien wesentliche Weichenstellungen bereits getroffen und prägende Einflüsse auf das Vorwissen und das Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler hätten bereits stattgefunden und könnten nicht mehr grundlegend modifiziert werden. Das zeigt vor allem eines: dass die Bildungsdebatte in Österreich in die völlig falsche Richtung läuft. Statt über bestmögliche Bildung in Kindergarten und Volksschule zu reden, dreht sich die politische Debatte seit vielen Jahren fast ausschließlich um die gemeinsame Schule für alle Zehn- bis 14-Jährigen. Also um Schüler in einem Alter, in dem die wesentlichen Laufbahnentscheidungen großteils schon gefallen sind.

 

   Auch inhaltlich fiel die NMS, die seit 1. September 2012 ins Regelschulwesen übernommen wurde und nunmehr fast alle Hauptschulen ersetzt, durch. Die Evaluierung hat ergeben, dass NMS-Schüler keine besseren Schulleistungen erbringen als Schüler in den Hauptschulen. Das hat der Rechnungshof bereits vor rund einem Jahr kritisiert – und das obwohl, wie der RH festgehalten hat, der Systemwechsel rund 300 Mill. Euro gekostet habe. Der RH hatte vor allem kritisiert, dass der Schulversuch NMS in die Regelschule übernommen wurde, ohne dass jemals überprüft worden wäre, ob die neue Schulform auch die erhoffte Wirkung zeige.

 

   Dass die Neue Mittelschule ihre Ziele verfehlt hat, liegt auch an den falschen Grundvoraussetzungen, wie es nun im Evaluierungsbericht heißt: Denn die Gesamtschule NMS wurde nicht als Gesamtschule und damit als Ersatz für alle Mittelschulen eingeführt, sondern in Konkurrenz zu etablierten Schulformen – sprich dem Gymnasium.

 

   Jüngst hatte es auf der Homepage des Unterrichtsministeriums noch geheißen, dass Österreich mit der NMS „unterwegs zum internationalen Spitzenfeld in Sachen Schulbildung“ sei. Den Satz muss man wohl spätestens jetzt streichen. pur, zim

 


 

"Salzburger Nachrichten" Nr. 52 vom 04.03.2015               Seite: 2

 

Werden bald alle Lehrer von den Ländern verwaltet?

 

   Wien. Was ist besser? Die Schulverwaltung unter dem Dach der Länder zu bündeln oder unter dem des Bundes? Zuletzt tobte 2009 ein erbitterter Streit darüber. Die Landeshauptleute wollten schon damals alle Lehrer unter ihre Fittiche nehmen, scheiterten aber an Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ). Jetzt wird wieder diskutiert, doch nun sagt die Bundes-SPÖ nicht mehr kategorisch Nein zur Verländerung, nach der auch rote Landeschefs rufen. Kanzler Werner Faymann und Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, beide SPÖ, können sich vorstellen, die Kompetenzen neu zu ordnen. Das Treffen einer diesbezüglichen Arbeitsgruppe blieb am Dienstag vorerst ohne Ergebnis.

 

   Konkret geht es darum, die rund 45.000 Bundeslehrer (AHS sowie berufsbildende mittlere und höhere Schulen) wie die 76.000 Pflichtschullehrer von den Ländern verwalten zu lassen oder alle gemeinsam vom Bund. Eine Verländerung stößt bei vielen Bildungsexperten, der Industriellenvereinigung, Gewerkschaft und Lehrergewerkschaftern auf Widerstand. Hauptargument: Das würde die Schulverwaltung verteuern und verworrener machen. Auch der grüne Bildungssprecher Harald Walser sagt: „Durch eine Verländerung ist es noch nie zu einer Verbilligung gekommen.“ Doppelgleisigkeiten zu beseitigen sei „g’scheit“, aber „Ausgabenverantwortung und die Umsetzung müssen in einer Hand sein“. Ähnlich argumentierte auch Rechnungshofpräsident Josef Moser: Wer zahle – und das ist und bleibt der Bund –, solle anschaffen. Der RH kritisiert, dass die Länder mehr Lehrer anstellen als vereinbart. Der Bund blieb so auf Mehrkosten von bis zu 30 Millionen Euro pro Jahr sitzen.

 

   Föderalismusexperte Peter Bußjäger findet eine Verländerung „prinzipiell gut“. Eine Vereinheitlichung brächte „eine Einsparung, aber keine Rieseneinsparung.“ Der größte Vorteil wäre, dass man die regionalen Bedürfnisse von Schulen besser abstimmen könnte, sagt er und verweist auf die Debatte über die Schließung der Kleinschulen. Über das im Zuge einer Verländerung geplante Controlling sei garantiert, dass die Länder die Kosten nicht mehr sprengten. Falsch sei, dass es durch eine Verländerung zu neun Bildungssystemen und neun Dienstrechten kommen würde. „Das muss man klar sagen: Bildungspolitisch ist die Debatte ein Nebengleis. Da geht es um einen Akt der Verwaltungsreform.“ zim

 


 

"Kleine Zeitung" vom 04.03.2015                             Seite: 20 CHRISTIAN ZECHNER

 

Sie sind die Ersten bei dieser Matura

An den BHS wird die Zentralmatura erst 2016 zur Pflicht. So lange wollte die HTL Mössingerstraße in Klagenfurt nicht warten.

 

      Wieder gehört eine Kärntner Schule zu den Vorreitern bei der Zentralmatura. War es im Vorjahr das Stiftsgymnasium St. Paul, das erste und sehr gute Erfahrungen mit der Neuerung machte, ist es diesmal die HTL Mössingerstraße. Damit ist die Klagenfurter Schule die einzige Berufsbildende Höhere Schule des Landes, in der die Schüler bereits heuer zur bundesweit einheitliche Reifeprüfung antreten werden.

 

   Während es in den AHS in diesem Schuljahr eine allgemeine Pflicht zur Zentralmatura gibt, hätten die BHS noch bis 2016 Zeit gehabt. In der Mössingerstraße entschieden sich die 144 Maturanten aber selbst für einen früheren Start – und zwar zu 70 Prozent. Diesem Votum folgte dann auch der Schulgemeinschaftsausschuss einstimmig. In ganz Österreich gibt es nur drei weitere BHS, die schon heuer diesen Schritt wagen.

 

   Warum hat man sich in der Klagenfurter HTL schon jetzt zu diesem Schritt entschieden? „Als Vorreiter haben wir die Möglichkeit, noch relativ viel Einfluss auf die Entwicklung der BHS-Zentralmatura zu nehmen“, sagt Direktor Hubert Lutnik. Man könne Inputs geben und wirklich etwas bewegen, weil auch die Lehrer aus der Mössingerstraße bei der Entwicklung der Beispiele mitarbeiten können. Lutnik: „Umstellen müssen wir sowieso, da ist es besser, gleich mit der Arbeit zu beginnen und nicht ein Jahr ,mit Angst‘ zuzuwarten.“ Sein Nachsatz: „Angst vor Neuem führt oft zur Ablehnung.“

 

   Zuversichtlich

 

   Aber nicht nur der Direktor, auch die Schüler sind zuversichtlich. Sie beenden gerade ihre Diplomarbeiten. Im Gegensatz zu den „Vorwissenschaftlichen Arbeiten“ der AHS, die genaue Wortvorgaben haben, müssen die Schüler in der BHS nachweisen, dass sie mindestens 200 Stunden daran gearbeitet haben. „Viele Schüler werden auf 500 bis 800 Stunden kommen“, sagt Johann Klanschek, Abteilungsvorstand für Elektronik und Biomedizin. Die Arbeit selbst ist sehr praxisnah, eine Mischung aus wissenschaftlicher Arbeit und Projekt. In der HTL Mössingerstraße deuten die Zeichen darauf hin, dass das „Pilotprojekt Zentralmatura“ mit einem Sehr gut durchs Ziel gehen wird.

 

   In der AHS stellten sich die Schularbeiten, die auf den Maturamodell basierten vor allem in Mathematik mit 30 Prozent Nicht genügend als Problem heraus, in der HTL war der Notendurchschnitt besser als sonst. Lutnik hat dafür eine Erklärung: „Die neuen kompetenzorientierten Aufgabenstellungen kommen unseren Schülern zugute. Da geht es nicht um komplizierte Mathematik oder Grammatikübungen, sondern es sind Allerweltsbeispiele zu lösen. Durch die ingenieursmäßige Ausbildung bringen unsere Schüler sehr viel Lösungskompetenz mit.“

 

   Kritikpunkte

 

   Trotzdem gibt es Punkte bei der BHS-Zentralmatura, die nach Lutniks Meinung verbessert werden könnten: „Ein späterer Abgabetermin für die Diplomarbeit etwa, damit bliebe mehr Zeit für die Bearbeitung durch die Schüler. Die Kürzung der Vorbereitungsstunden für die mündliche Prüfung finde ich nicht richtig“, sagt der Direktor. Statt der vierfachen Anzahl der Wochenstunden pro Prüfer zur Maturavorbereitung sind jetzt vom Ministerium nur vier Stunden pro Abteilung genehmigt. Was einer Verringerung von mehr als der Hälfte der Vorbereitungsstunden entspricht.

 

   Noch etwas ändert sich durch die Zentralmatura: Während es sonst wohl eher die Schüler sind, die den Ergebnissen ängstlich entgegensehen, sind diesmal auch die Lehrer mit im Boot. Lutnik: „Diese haben natürlich auch Ängste: Haben sie die Schüler genügend vorbereitet? Die Beispiele sind nicht die eigenen.“ Der Direktor beruhigt: „Wir nehmen ja schon seit einigen Jahren am Schulversuch zur zentralen Matura teil, und da haben unsere Schüler immer sehr gut abgeschnitten. Und unsere Lehrer haben gezeigt, dass sie gut vorbereiten können.“

 


 

"Kleine Zeitung" vom 04.03.2015                              Seite: 6

 

Lehrer: Doch keine Länderkompetenz

Reformgruppe diskutiert Schulautonomie

 

   WIEN. Die Bildungsreform-Arbeitsgruppe der Regierung hat ihre Gespräche zum Thema Schulverwaltung am Dienstagabend vertagt. Man habe ein Expertenpapier entgegengenommen, das es nun durchzurechnen und zu bewerten gelte. Die Lehrerkompetenzen seien „kein Thema“ oder höchstens ein „Nebenthema“ gewesen, sagten Teilnehmer.

 

   Das „Grobpapier“ (Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer/ÖVP) enthält vor allem Überlegungen zum Thema Schulautonomie. Wie weit diese gehen soll, wurde nicht konkret angesprochen. Klar sei, dass die zentrale Steuerung im Bereich der Lehrpläne oder der Lehrerausbildung durch den Bund erfolgen müsse. Wie Bildungsdirektionen in den Ländern organisiert sein sollten, wurde nicht näher erläutert.

 

   „Es ging um eine Stärkung der Schulautonomie“, sagte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Das Papier werde gemeinsam bewertet und durchgerechnet, zur Jahresmitte werde man sich wieder treffen und daraus Schlüsse ziehen. „Ob das dann im vollen Umfang umsetzbar ist, muss man sich ansehen“, meinte Mahrer. „Der Teufel steckt im Detail.“

 

   Auch der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) meinte, dass der Kernpunkt die Autonomie der Schulen sei und deren Entlastung von einer „überbordenden Verwaltung“. An eine Kompetenzverschiebung bei den Lehrern, die Pröll zuvor angedeutet hatte, denke im Moment niemand: „Es denkt niemand daran, das Anstellungsverhältnis der Lehrer zu ändern. Es gibt Bundeslehrer und es gibt Landeslehrer.“ Auch der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ), früher einig mit Pröll, war nun der Ansicht, dass „es nicht die wichtigste Frage ist, wer Dienstgeber ist – wir müssen schauen, dass Bürokratie abgebaut wird“.

 


 

"Kleine Zeitung" vom 04.03.2015                             Seite: 10 THOMAS GÖTZ LEITARTIKEL

 

Ein überraschender Gesinnungswandel

Pröll und Niessl ändern ihre Schulpolitik über Nacht.

 

   Zu den Neuigkeiten, die der Personalwechsel an der ÖVP-Spitze mit sich brachte, gehört die Wiederbelebung der Bildungsdiskussion. In den Jahren davor hatte man sich damit begnügt, einander mit Schlagworten zu bewerfen und unüberschreitbare Grenzlinien auf den Boden zu kritzeln. Wirkliches Interesse an Schülerinnen und Schülern, an Schulen und Lehrern oder gar an der Frage, wie Bildung am besten weitergegeben werden könnte, stand nicht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung.

 

   Nun wird immerhin geredet. Hinter verschlossenen Türen sprechen Rot und Schwarz offenbar tatsächlich zur Sache. Die nunmehr vom Wirtschaftsbund dominierte ÖVP hat ihre Reserve aufgegeben und sucht aktiv nach Kompromissmöglichkeiten in dem verminten Gelände.

 

   Was aktiv aus der Verhandlungsrunde herausgetragen wird, ist freilich ernüchternd: Man sei knapp vor einer Einigung darüber, dass hinfort alle Lehrer von den Ländern bestellt werden sollen. Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll sagte das am Sonntag in der Pressestunde des Staatsfunks, sein burgenländischer Amtskollege Hans Niessl redete es ihm nach. Lehrerverbände, Gewerkschaft, Bildungsexperten reagierten wie der Pawlow’sche Hund, in diesem Fall entsetzt. „Ich halte das für unglücklich, was da passiert ist“, kommentiert die zuständige Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek, als wäre sie nicht die Ressortverantwortliche, sondern Zaungast.

 

   Aus Heinisch-Hoseks Andeutungen über die Verhandlungen geht hervor, dass die Regierung das Bildungsthema tatsächlich umfassend auslotet, vor allem die Schulautonomie, finanziell wie personell. Wenn das stimmt, widerspricht es dem Vorstoß der beiden Landespolitiker diametral. Es schien, als wollten die beiden am Vorabend der gestrigen zweiten Gesprächsrunde noch einmal in Erinnerung rufen, was sie an der Schulthematik in erster Linie interessiert: die Ausweitung ihres Zuständigkeitsbereichs. Politik alter Schule also, die zu überwinden die Verhandler eigentlich zusammengekommen waren.

 

   Am Dienstag klang dann alles ganz anders. Ist doch gar nicht so wichtig, wer der Dienstgeber eines Lehrers sei, sagte Niessl, und Pröll meinte so philosophisch wie unwiderlegbar: „Es gibt Bundeslehrer und es gibt Landeslehrer.“ Wichtig seien die Autonomie der Schulen und deren Entlastung von Verwaltungsaufgaben. Was mag den nächtlichen Gesinnungswandel ausgelöst haben? Oder beweist es nur, dass es ernsthafte Schulpolitik bei uns gar nicht gibt?

 

   Sie erreichen den Autor unter   thomas.goetz@kleinezeitung.at

 


 

"Kleine Zeitung" vom 04.03.2015                              Seite: 6

 

Kritik an Neuer Mittelschule

 

   WIEN. Eine durchwachsene Bilanz zieht der Evaluierungsbericht zur Neuen Mittelschule (NMS). In den ersten Jahrgängen wurden zwar Verbesserungen des Unterrichts und ein Rückgang an Gewalt in der Schule verzeichnet, heißt es dort. Diese verbesserte Lernumwelt habe aber nicht durchgehend zu besseren Leistungen der Schüler und einer höheren Bildungsgerechtigkeit geführt, heißt es im Bericht.

 


 

APA0598 5 II 0427 XI                                  Di, 03.Mär 2015

 

Neue Mittelschule: Evaluierung mit durchwachsener Bilanz

Utl.: Besserer Unterricht und weniger Gewalt, aber keine Leistungsverbesserung der Schüler - An mehr als der Hälfte der Standorte Konzept nur unzureichend umgesetzt

 

   Wien (APA) - Eine durchwachsene Bilanz zieht der der APA vorliegende Evaluierungsbericht zur Neuen Mittelschule (NMS). In den ersten Jahrgängen wurden zwar Verbesserungen des Unterrichts und ein Rückgang an Gewalt in der Schule verzeichnet. Diese verbesserte Lernumwelt habe aber nicht durchgehend zu besseren Leistungen der Schüler und einer höheren Bildungsgerechtigkeit geführt, heißt es im Bericht.

 

   "Die veränderte und verbesserte Schul- und Lernumwelt wirkt sich jedoch nicht durchgehend und nicht konsistent in verbesserten Leistungen bzw. Zuwächsen im fachlichen und im überfachlichen Bereich aus. Insgesamt gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr bestehen Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird", heißt es im von dem Erziehungswissenschafter Ferdinand Eder von der Universität Salzburg und Kollegen erstellten Bericht. Sehr wohl Leistungsverbesserungen wurden nur im ersten NMS-Jahrgang bzw. jenen "Modellklassen" registriert, in denen das NMS-Konzept intensiver umgesetzt wurde.

 

   Auch die gesellschaftspolitischen Ziele wurden nur bedingt erreicht: "Erwartete Begleitfolgen der NMS hinsichtlich Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit treten nur teilweise ein", heißt es. "Die Wirkung der bekannten Ungleichheitsfaktoren - Geschlecht, familiäre Herkunft, unterschiedliches Leistungspotenzial der Schülerinnen und Schüler - unterscheidet sich nicht substanziell von jener in der Hauptschule. Für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund könnte es hingegen ein kleiner Vorteil sein, eine NMS zu besuchen."

 

   Der Bericht liefert auch Erklärungen, warum die Ziele nur teilweise erreicht wurden: Einerseits beziehe sich die Evaluierung nur auf die Anfangsjahrgänge der NMS. In diesen seien die Lehrer zwar stark engagiert gewesen, allerdings habe es noch einen "Mangel an wissenschaftlich abgesichertem Wissen und an praktikablen Konzepten gegeben". Deshalb sei das NMS-Konzept an mehr als der Hälfte der Standorte nur unzureichend umgesetzt worden. "Aus den Analysen gibt es Hinweise, dass in den Modell- und Plusklassen, wo eine intensivere Umsetzung erfolgt ist, die Ergebnisse insgesamt etwas günstiger liegen."

 

   Die fehlende Zielerreichung führen die Autoren auch darauf zurück, dass die NMS "nicht als Ersatz, sondern in Konkurrenz zu etablierten Schulformen eingeführt und - wie sich zeigt - sozial selektiv ausgewählt wurde. Der Anspruch, eine sozial und mit Blick auf Bildungsvoraussetzungen ausgewogen durchmischte Schülerschaft anzuziehen, konnte unter diesen Bedingungen - von einzelnen Standorten abgesehen - nicht eingelöst werden."

 

   Daten der Bildungsdokumentation zeigen einen "geringfügigen Zuwachs" der NMS-Absolventen (gegenüber Hauptschulabgängern) beim Übertritt in Oberstufengymnasien -"eine Verringerung der Zugangsfrequenz zur Unterstufe der AHS zugunsten der NMS ließ sich nicht feststellen". Das bedeutet im Endeffekt, dass die NMS als nicht attraktiver als die Hauptschule empfunden wurde.

 


 

APA0589 5 II 0318 XI            Siehe APA0348/03.03   Di, 03.Mär 2015

 

Schulverwaltung: Arbeitsgruppe vertagt sich

Utl.: "Grobpapier" präsentiert - Mehr Schulautonomie, zentrale Steuerung durch Bund - Nächste Sitzung "zur Jahresmitte - Lehrer-Kompetenzen "kein Thema"

 

   Wien (APA) - Die Bildungsreform-Arbeitsgruppe der Regierung hat ihre Gespräche zum Thema Schulverwaltung am Dienstagabend vertagt. Man habe ein Expertenpapier entgegengenommen, das es nun auf technischer Ebene durchzurechnen und zu bewerten gelte, so die Teilnehmer nach dem Termin übereinstimmend vor Journalisten. Die Lehrer-Kompetenzen seien "kein Thema" bzw. höchstens ein "Nebenthema" gewesen.

 

   Das "Grobpapier" (Wissenschafts-Staatssekretär Harald-Mahrer/ÖVP) enthält vor allem Überlegungen zum Thema Schulautonomie, betonten die Teilnehmer. Wie weit diese gehen soll, wurde allerdings nicht konkret angesprochen. Klar sei, dass die zentrale Steuerung etwa im Bereich der Lehrpläne oder der Lehrerausbildung durch den Bund erfolgen müsse. Wie etwaige in den Ländern angesiedelte Bildungsdirektionen organisiert sind, wurde nicht näher erläutert.

 

   "Es ging um eine Stärkung der Schulautonomie", so Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Das Papier werde nun gemeinsam bewertet und durchgerechnet, zur Jahresmitte werde man sich wieder treffen und daraus dann Schlüsse ziehen. "Ob das dann im vollen Umfang umsetzbar ist, muss man sich ansehen", meinte Mahrer. "Der Teufel steckt im Detail."

 

   Auch der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) meinte, dass der Kernpunkt die Autonomie der Schulen sei bzw. wie man es organisieren könne, dass diese von einer "überbordenden Verwaltung" entlastet würden. An eine Kompetenzverschiebung bei den Lehrern denke im Moment niemand: "Es denkt niemand daran, das Anstellungsverhältnis der Lehrer zu ändern." Man habe hier keine neuen Facetten diskutiert: "Es gibt Bundeslehrer und es gibt Landeslehrer." Auch der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) war nun der Ansicht, dass "es nicht die wichtigste Frage ist, wer Dienstgeber ist - wir müssen schauen, dass Bürokratie abgebaut wird".

 

   In der Arbeitsgruppe sind auf SPÖ-Seite Heinisch-Hosek und Kanzleramtsminister Josef Ostermayer sowie die Landeshauptleute Hans Niessl (Burgenland) und Peter Kaiser (Kärnten) sowie auf ÖVP-Seite Innenministerin und ÖAAB-Chefin Johanna Mikl-Leitner, Mahrer und die Landeshauptleute Erwin Pröll (Niederösterreich) und Wilfried Haslauer (Salzburg, heute erkrankt) vertreten.

 


 

Mit freundschaftlichen Grüßen

 

Kurt Schober
Klubsekretär

SPÖ-Parlamentsklub
01/40110-3569

0664 / 44 45 005
kurt.schober@spoe.at

 

SPÖ-Parlamentsklub

www.klub.spoe.at

 

 

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