Montag, 6. April 2015

2015.04.04-07: Newsletter Bildung

Die Presse – 7. April 2015

 

 

Die Schule und das Prinzip Verantwortung

Bildungspolitik in Österreich. Es geht nicht um dieselbe Schule für alle, sondern um die beste für jeden. Und ein Appell an alle Eltern.

Bei der Präsentation des 37.„Jahrbuch für Politik" hat sich diesmal eine etwas skurrile, aber bezeichnende Episode abgespielt. Einer der Teilnehmer fragte in ziemlich barschem Ton: „Kann mir jemand erklären, warum die Neue Mittelschule nicht sofort abgeschafft wird, nachdem der Rechnungshof seine vernichtende Kritik an diesem Experiment veröffentlicht hat? Sie kostet ein Vielfaches von dem, was für die Gymnasien ausgegeben wird, und ist offensichtlich trotzdem ein Misserfolg." Alle horchten auf, schauten betreten in die Runde, aber naturgemäß konnte niemand eine Antwort geben. Es waren keine für Bildungspolitik zuständigen Politiker anwesend.

Die Szene wirft ein Schlaglicht auf den Zustand der Bildungspolitik in Österreich. Da erweist sich ein Prestigeprojekt einer SPÖ-Bildungsministerin, von dem sich ihre Nachfolgerin nicht lossagen will, als kostspieliger Fehlschlag – und alle gehen geflissentlich zur Tagesordnung über, als wäre nichts gewesen. Auch der Koalitionspartner ÖVP fühlt sich nicht betroffen und schweigt, obwohl er in seinem künftigen Parteiprogramm ein eindeutiges Bekenntnis zur Langform des Gymnasiums abgeben wird. Das ist als ein Gegenprogramm zur flächendeckenden Gesamtschule zu verstehen, von der die Sozialdemokraten träumen.

Dass Kritik des Rechnungshofs in Österreich unbeachtet bleibt, ist man schon gewöhnt. Ob die Volkspartei ihr eigenes Programm ernst nimmt, weiß man noch nicht.

Eigentlich sollte damit die Debatte über neue Schulformen erledigt sein, sicher ist das freilich nicht. Die SPÖ will nicht von ihrer seit vielen Jahrzehnten gepflegten Lieblingsidee einer gemeinsamen Schule der Zehn-bis Vierzehnjährigen ablassen, auch weil sie damit den ungestillten Bedarf an Glaubenswahrheiten in der Partei deckt. Außerdem hat sie bemerkt, wie leicht die ÖVP in Bildungsfragen zu verunsichern ist, wenn sie fürchtet, mangelnder „Aufgeschlossenheit" oder „Modernität" geziehen zu werden. Gegen die schleichende, absichtsvolle Aushungerung der Gymnasien hat die ÖVP nichts getan.

Die Verfechter der Gesamtschule in der ÖVP in den westlichen Bundesländern sind auffallend still geworden. In Salzburg redet niemand mehr davon, Günther Platters Zillertal-Schule wird nicht einmal in Tirol ernst genommen. Und in Vorarlberg hat man mit alemannischem Pragmatismus und gesundem pekuniären Sinn die Chance erkannt und alle Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen erklärt, um die enormen Fördermittel pro Jahr und Klasse zu bekommen.

Im erwähnten „Jahrbuch für Politik" wird das Urteil des Rechnungshofs, das nur eines über die ökonomischen Konsequenzen des Fiaskos mit der Neuen Mittelschule sein konnte, aus pädagogischer Sicht bestätigt: „Anders als von der Bundespolitik erhofft, hat die neue Schule keinen nachhaltigen Einfluss auf die soziale Zusammensetzung der Schultypen." Gemeint ist wohl die Hoffnung, dass sich in der Neuen Mittelschule eine größere Durchmischung der Schülerpopulation nach Herkunft und sozialen Milieus ergeben werde.

Auch die Vorgabe, die NMS solle ein höheres Leistungsniveau der Schüler erreichen als die ehemalige Hauptschule, deren „Platz sie einnimmt", ist nicht erfüllt worden. Als Hauptschule an schwierigen Standorten mit hohem Anteil an Migranten und bildungsfernem Herkunftsmilieu hat das „Profil" die NMS charakterisiert.

Dass die Schulform nichts für den letztendlichen Erfolg einer Schulkarriere bedeutet, zeigt auch die Tatsache, dass etwa gleich viele Schüler aus der Langform des Gymnasiums zur Matura kommen wie aus Hauptschulen plus einer Oberstufenform. In den BHS überwiegen sogar die früheren Hauptschüler bei Weitem. Das System ist also hinlänglich durchlässig.

Auf die Lehrer kommt es an

Eine Studie von vier Wissenschaftlern, darunter der angesehene Professor Stephan Hopmann von der Uni Wien, verweist die Annahme, dass für „sozial ungleiche" Schulkarrieren die angebotenen Schultypen verantwortlich seien, in den Bereich der Ideologie. „Im Zuge solcher Erwartungen wird Schule gern als fix vordefinierte Größe behandelt", bei der es vor allem auf die Organisationsform ankomme. „Das ist jedoch nicht der Fall", stellen die Forscher lapidar fest. „Gesamtschulartige Schulformate" könnten Ungleichheiten sogar noch reproduzieren.

Hopmann und seine drei Kolleginnen loben das Modell der neuen niederösterreichischen Mittelschule, geben aber zu, dass auch sie nicht die „Schule für alle" geworden sei, was das „politisch übergeordnete Ziel" war. Am Ende kommen sie zur Binsenweisheit, dass „Schule nicht gleich Schule ist" und dass es nicht auf die Organisation, sondern auf die „jeweilige Schul- und Unterrichtskultur" ankomme, und „wie sie von ihren Beteiligten gestaltet wird". Auch die Erkenntnisse der angeblich bahnbrechenden Hattie-Studie aus Neuseeland sind kaum anders: „Auf die Lehrer kommt es an."

Ein neuralgischer Punkt im österreichischen Schulwesen vor allem in den städtischen Agglomerationen sind zweifellos die Klassen mit oft großen Mehrheiten an Schülern nicht deutscher Mutter- bzw. Erstsprache oder Familiensprache, die nur unzureichend oder gar nicht Deutsch können.

Die Antwort des Systems

Man kann sich eine Klasse vorstellen, in der ein Dutzend verschiedene Sprachen gesprochen werden. Zu den Schwierigkeiten mit der Sprache kommen bei vielen Schülern noch soziale Probleme. Das Wort von den „Ghettoschulen" für eigene Klassen, in denen Kinder, die nicht Deutsch können, von Speziallehrern unterrichtet werden, damit sie möglichst bald dem Unterricht in einer normalen Klasse folgen können, ist eine ärgerliche ideologische Polemik.

Ein Kind, das ohne Deutsch zu können, in eine Klasse gesteckt wird, wo niemand auf seine Situation eingehen kann, wird sich selbst und den Mitschülern eine Last und befindet sich dann wirklich in einer Ghettosituation.

Das System antwortet auf die vielen Herausforderungen zumindest in der Theorie mit einem Konzept der Totalverwaltung und letztlich Entmündigung von Schülern, Eltern und Schule. Da werden außer „normalen" Klassenlehrern noch Speziallehrer für jede der in der Schule vorkommenden Sprachen, Superviser, Sozialarbeiter, Beratungslehrer, Lehrer für Deutsch als Zweitsprache, Experten für Alphabetisierung, Diversitätsexperten, Sprachförderlehrer, Freizeitpädagogen, Schulpsychologen, Mentoren gebraucht.

Stets Bedarf für mehr Personal

Die Liste ist nicht erfunden. Es wird immer Bedarf für noch mehr Personal und noch mehr Mittel geben, und alles wird als berechtigt erscheinen. Wenn man es hochrechnet, kommt am Ende auf einen Schüler etwa eine Lehrperson.

Das ist unorganisierbar und unbezahlbar, es ist auch im Ansatz falsch. Man wird letztlich nicht um Deutsch als Lingua franca herumkommen und alles tun müssen, damit die Kinder es ohne Umwege lernen. Und man wird letztlich nicht auf das Prinzip Verantwortung verzichten können. Eltern – ob Migranten oder eingeborene Österreicher – müssen begreifen, dass sie für die Schulkarriere ihrer Kinder mitverantwortlich sind.

 

 

Die Presse – 4. April 2015

 

 

Mitterlehner stellt Neue Mittelschule in Frage

Der ÖVP-Obmann kann sich in einem Interview eine Weiterführung nur mit Veränderungen vorstellen.

ÖVP-Obmann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner will die Neue Mittelschule nur mit Veränderungen weiterführen. "Fortsetzung nicht garantiert, wenn nichts korrigiert werden kann", sagt Mitterlehner laut Vorabmeldung in einem Interview für die Sonntag-Ausgabe der Tageszeitung "Österreich".

Der Vizekanzler sieht das bisherige Modell der Neuen Mittelschule "skeptisch. Wenn man es nicht qualitativ aufwerten kann, hätte man 300 Millionen Euro in den Sand gesetzt. Laut Rechnungshof hat sich nichts verbessert, nur die Kosten sind mehr geworden", so der ÖVP-Obmann.

Neben einer Pensionsreform will Mitterlehner auch ein neues Wahlrecht: "Mir geht es darum, schneller politische Entscheidungen treffen zu können. Das ermöglicht das Mehrheitswahlrecht".

 

 

"Die Presse" vom 07.04.2015                                Seite: 6

Ressort: Inland

 

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

 

Regierung im "Stillstandseck"

 

   Die Debatte um die Neue Mittelschule sorgt für neuerliche Scharmützel.

 

   Wien. Koalitionärer Osterfriede sieht anders aus. SPÖ und ÖVP lieferten sich am Ostermontag einen Schlagabtausch: ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel richtete der SPÖ aus, dass es Zeit sei, "aus dem Stillstandseck herauszukommen". SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos konterte und sah in der "Evolution" der Volkspartei lediglich Stagnation.

 

   Anstoß für die Auseinandersetzung waren Aussagen des ÖVP-Chefs. Reinhold Mitterlehner kritisierte die Neue Mittelschule und ließ mit der Aussage, dass der Schultyp nur fortgeführt werden könne, wenn es Verbesserungen gebe, aufhorchen ("Die Presse" berichtete). Die Kritik an dem einstigen roten Prestigeprojekt rief Darabos auf den Plan: Es sei schade, dass "die ÖVP soziale Barrieren im Schulsystem aufrechterhalten will". Ebenso verärgert war er über Mitterlehners Forderung nach Selbstbehalten im Gesundheitswesen. Das sei "absolut zynisch". (j. n.)

 

 

KLZ – 5. April 2015

 

Mitterlehner stellt Neue Mittelschule in Frage

Vizekanzler Reinhold Mitterlehner will die Neue Mittelschule nur mit Veränderungen weiterführen. "Laut Rechnungshof hat sich nichts verbessert, nur die Kosten sind mehr geworden", so der ÖVP-Obmann.

ÖVP-Obmann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner will die Neue Mittelschule nur mit Veränderungen weiterführen. "Fortsetzung nicht garantiert, wenn nichts korrigiert werden kann", sagte Mitterlehner laut Vorabmeldung in einem Interview für die Sonntag-Ausgabe der Tageszeitung "Österreich".

Der Vizekanzler sieht das bisherige Modell der Neuen Mittelschule "skeptisch. Wenn man es nicht qualitativ aufwerten kann, hätte man 300 Millionen Euro in den Sand gesetzt. Laut Rechnungshof hat sich nichts verbessert, nur die Kosten sind mehr geworden", so der ÖVP-Obmann.

Neben einer Pensionsreform will Mitterlehner auch ein neues Wahlrecht: "Mir geht es darum, schneller politische Entscheidungen treffen zu können. Das ermöglicht das Mehrheitswahlrecht".

 

 

KLZ – 5. April 2015

 

Darabos gegen Mitterlehner-Forderung zur Neuen Mittelschule

Die Forderung von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, die Neue Mittelschule nur mit Veränderungen fortzusetzen, stößt bei SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos auf wenig Gegenliebe. Er finde es "schade, dass die ÖVP soziale Barrieren im Schulsystem aufrechterhalten will."

SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos hat am Ostersonntag die Forderung von ÖVP-Obmann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner kritisiert, die Neue Mittelschule nur mit Veränderungen fortzusetzen. In einer Aussendung bezeichnete Darabos die Aussagen Mitterlehners als nicht zeitgemäß.

Der SPÖ-Bundesgeschäftsführer findet es "schade, dass die ÖVP soziale Barrieren im Schulsystem aufrechterhalten will."  Die Neue Mittelschule stehe für Fairness und Chancengleichheit statt früher sozialer Selektion: "Für die SPÖ steht fest: Jedes Kind muss die gleichen Chancen und Voraussetzungen haben. Das wird mit der Neuen Mittelschule erreicht", betonte Darabos.

 

 

KLZ – 7. April 2015

 

Grüne kritisieren Mitterlehners Aussagen zur NMS

Der Grüne Bildungssprecher Harald Walser hat die Forderung von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) kritisiert, die Neue Mittelschule (NMS) nur mit Veränderungen fortzuführen. Mitterlehners Hinweis, bei der Neuen Mittelschule habe man 300 Millionen Euro in den Sand gesetzt, bedeute "ein bildungspolitisches Kaputtsparprogramm der ÖVP". Dagegen würden die Grünen "erbitterten Widerstand leisten".

Walser sieht den Grundfehler in der Konstruktion der Neuen Mittelschule darin, dass die soziale Durchmischung durch die zu frühe Trennung der Kinder mit zehn Jahren nicht beseitigt worden ist. "Was wir jetzt brauchen ist ein Bekenntnis zu einer gemeinsamen Schule", bekräftigte Walser in einer Aussendung die Forderung der Grünen. Die ÖVP-Spitze rief er zum bildungspolitischen Umdenken auf.

 

 

Österreich – 7. April 2015

 

Schul-Krach in der Koalition

ÖSTERREICH-Interview von ­Vizekanzler Mitterlehner löst Koalitionskrach aus.

Die Sache ist brisant. So brisant, dass Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek am Ostermontag in Deckung ging und nichts dazu sagen wollte. ­Anders SP-Manager Norbert Darabos, der der ÖVP vorwarf, „veraltete Positionen aus der Schüssel-Zeit einzuzementieren."

Was war passiert? In ÖSTERREICH hatte Mitterlehner die Neue Mittelschule in Frage gestellt – also jene Schulform, die bis 2018 die Hauptschule ersetzt haben wird. „Ich bin da ­skeptisch. Wenn man es (die NMS) nicht qualitativ aufwerten kann, hätte man 300 Mio. € in den Sand gesetzt." Eine Fortsetzung sei „nicht garantiert, wenn nichts korrigiert werden kann".

In der SPÖ ist schon deshalb Feuer am Dach, weil ein Gesetz zur Reform der NMS bereits in der Pipeline ist. Und weil man sich gerade von Mitterlehner Bewegung in der Frage der Gesamtschule erwartet hätte – die man ja weiter anstrebt. Doch auch diese Hoffnungen zerstörte der ÖVP-Chef: „Bei uns hat das Gymnasium nach wie vor einen Stellenwert."

Auch Grün-Bildungssprecher Harald Walser kritisierte Mitterlehner. Dessen Hinweis, bei der NMS habe man 300 Millionen in den Sand gesetzt, bedeute „ein bildungspolitisches Kaputtsparprogramm der ÖVP". Dagegen würden die Grünen „erbitterten Widerstand leisten". (gü)

 

 

"Österreich" vom 07.04.2015                                   Seite 4

Ressort: Politik

 

Wien, Kärnten, Tirol, Vorarlberg, Salzburg, Steiermark, Oberösterreich, Niederösterreich, Burgenland, CitySteiermark, CityOÖ, CityKärnten, CityWien, CityNÖ

 

»Dass sich Schulen Personal aussuchen, wird nicht gehen«

 

Schulreform: Aufstand der Lehrer

 

Die Lehrer lehnen eine einseitige Änderung des Lehrerdienstrechts ab.

 

Wien. Derzeit wird in der Koalition eine große Bildungsreform verhandelt - die Lehrer sehen das mit gemischten Gefühlen. Will doch die Koalition, dass sich die Schulen ihre Lehrer aussuchen können.

 

Lehrer-Gewerkschafter Paul Kimberger zu ÖSTERREICH: "Wenn jetzt alle Schulstandorte selbst ihr Personal aussuchen, wird das Schuljahr erst im Dezember anfangen können. Es wird eine zentrale Personalverwaltung geben müssen."

 

Die Koalition will zudem das Lehrerdienstrecht so ändern, dass Lehrer leichter versetzt werden können: Auch das sieht Kimberger mehr als kritisch: "Es wird sicher nicht so sein, dass ein neues Dienstrecht einfach vonseiten der Regierung auf den Tisch geknallt wird." Ein neues Dienstrecht gebe es nur, wenn es mehr Unterstützungspersonal für die Lehrer gibt, so Kimberger. (pli)

 

 

Der Standard – 7. April 2015

 

 

Neue Mittelschule: Grüne und SPÖ kritisieren Mitterlehner

Walser gegen "bildungspolitisches Kaputtsparprogramm"

Wien - Der Grüne Bildungssprecher Harald Walser hat die Forderung von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) kritisiert, die Neue Mittelschule nur mit Veränderungen fortzuführen. Mitterlehner Hinweis, bei der Neuen Mittelschule habe man 300 Millionen Euro in den Sand gesetzt, bedeute "ein bildungspolitisches Kaputtsparprogramm der ÖVP". Dagegen würden die Grünen "erbitterten Widerstand leisten".

Walser sieht den Grundfehler in der Konstruktion der Neuen Mittelschule darin, dass die soziale Durchmischung durch die zu frühe Trennung der Kinder mit zehn Jahren nicht beseitigt worden ist. "Was wir jetzt brauchen ist ein Bekenntnis zu einer gemeinsamen Schule", bekräftigte Walser in einer Aussendung die Forderung der Grünen. Die ÖVP-Spitze rief er zum bildungspolitischen Umdenken auf.

Kritk auch von SPÖ

SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos hat am Ostersonntag die Forderung von Mitterlehner kritisiert, die Neue Mittelschule nur mit Veränderungen fortzusetzen. In einer Aussendung bezeichnete Darabos die Aussagen Mitterlehners als nicht zeitgemäß.

Der SPÖ-Bundesgeschäftsführer findet es "schade, dass die ÖVP soziale Barrieren im Schulsystem aufrecht erhalten will." Die Neue Mittelschule stehe für Fairness und Chancengleichheit statt früher sozialer Selektion: "Für die SPÖ steht fest: Jedes Kind muss die gleichen Chancen und Voraussetzungen haben. Das wird mit der Neuen Mittelschule erreicht", betonte Darabos.

 

 

Der Standard – 7. April 2015

 

 

Erziehungswissenschafter: "Ziele von Inklusion in vielen Fällen realitätsfern"

Interview | Lisa Nimmervoll

Bernd Ahrbeck über verfehlte Inklusion, verhaltensgestörte Kinder und Realitätsverleugnung im Umgang mit Behinderung

STANDARD: Sie gelten als Inklusionskritiker. Was stört Sie an Inklusion?

Ahrbeck: Am Grundgedanken der Inklusion absolut nichts. Es wird auch kaum jemanden geben, der ihm widerspricht. Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention ist die Inklusion in vielen Ländern zu einem zentralen Thema geworden. Die Konvention soll dazu dienen, dass die Lebenssituation von behinderten Menschen umfassend gestärkt wird. Dazu gehören Partizipation und Teilhabe in unterschiedlichen Lebensfeldern. Auch soll die schulische und außerschulische Förderung auf möglichst hohem Niveau erfolgen. Der Förderaspekt darf also keinesfalls übersehen werden. An den konkreten Zielvorstellungen und der praktischen Umsetzung scheiden sich aber die Geister. Denn die sind mitunter schon sehr idealistisch und in vielen Fällen realitätsfern.

STANDARD: Können Sie zu hehre Zielvorstellungen konkretisieren?

Ahrbeck: Dass Veränderungen notwendig und wünschenswert sind, steht außer Frage. Häufig dominieren aber unerfüllbar hohe moralische Ansprüche und ein unreflektierter Aktionismus. Nach dem Motto "Wir müssen jetzt um jeden Preis etwas in Gang setzen", ohne dass die Folgen bedacht werden oder geklärt ist, was Inklusion eigentlich bedeutet.

STANDARD: Wie würden Sie Inklusion in der Schule definieren?

Ahrbeck: Das weltweite Ziel ist: Jedes behinderte Kind soll die gleichen Rechte haben wie jedes nichtbehinderte. Doch das steht bereits in der österreichischen Verfassung und im deutschen Grundgesetz. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Eine gemeinsame Beschulung behinderter und nichtbehinderter Kinder stellt ganz sicher einen hohen Wert dar. Die Erwartungen, die sich an sie knüpfen, sind aber ganz erheblich und mitunter überzogen. Von Inklusion sollen alle Kinder profitieren, Hochbegabte und weniger Begabte, stark und schwach Behinderte. Das ist nicht immer möglich: Eine gemeinsame Beschulung darf deshalb nicht bedingungslos erfolgen, nicht unter allen Umständen und schon gar nicht auf Kosten der betroffenen Kinder. Inklusion kann ihre Ziele auch verfehlen.

STANDARD: In welcher Form kann gemeinsame Beschulung schaden?

Ahrbeck: Behinderung soll als ein Teil der menschlichen Vielfalt anerkannt werden, so heißt es. Ebenso wie die soziale, ethnische und nationale Herkunft, religiöse Überzeugungen oder sexuelle Ausrichtungen. Dabei wird jedoch übersehen, dass es bei Behinderung nicht nur um Gemeinsamkeit und soziale Akzeptanz geht. Behinderung bedeutet auch, dass etwas verändert werden soll und ein spezieller Förderbedarf besteht. Dann stellt sich die Frage, an welchem Ort sich diese Aufgabe am besten erfüllen lässt. Nicht in jedem Fall ist der inklusive Weg der beste. Wir haben in Deutschland Sprachheilschulen oder -klassen. Wenn sprachliche Behinderungen dort in der Grundschule besser überwunden werden können als anderswo, dann sehe ich keinen Grund dafür, diese Beschulungsform aufzulösen. Eine gemeinsame Beschulung kann auch dann schaden, wenn Schüler über die Maßen an den Rand gedrängt werden, sich permanent überfordert und unwohl fühlen.

STANDARD: Sie interpretieren Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention, wonach die Vertragsstaaten "ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen gewährleisten", nicht so, dass er die Abschaffung der Sonderschule meint?

Ahrbeck: Genau. Das ist weder juristisch zwingend, noch lässt es sich aus dem Sinngehalt der Konvention entnehmen. Es geht vielmehr in einer ganz umfassenden Weise um das Kindeswohl. Eine Gemeinsamkeit bringt für viele, aber nicht für alle Kinder Vorteile. Kinder, die auf die Gebärdensprache angewiesen sind, brauchen einen Ort, an dem sie unbeschwert kommunizieren können. Das können sie nur, wenn sie untereinander sind. Sonst vereinsamen sie vollkommen. Darum bin ich bei einem totalen Inklusionsbegehren, das jede Art spezieller Einrichtung abschaffen möchte, skeptisch. Es sollte weiter Wahlfreiheiten geben. Nicht für jeden ist das Gleiche gleich gut.

STANDARD: Italien hat 1977 die Sonderschulen abgeschafft und seither ein integratives Schulsystem für alle Kinder. Wieso sollte das in Deutschland und Österreich nicht gehen? Hat das auch mit der bildungspolitischen Tradition zu tun, dass in Ländern mit differenziertem Schulsystem die Idee von Inklusion schwerer zu integrieren ist?

Ahrbeck: Bei der deutschen Diskussion spielt die nationalsozialistische Vergangenheit sicher eine gewichtige Rolle. Es entsteht schnell der Verdacht, wir würden uns durch Differenzierung und Trennung erneut schuldig machen. Das ist ein gesellschaftliches Grundproblem, in vielen Lebensbereichen. Die skandinavischen Länder sind mit ihren Gemeinschaftsschulen sicher besser auf die Inklusion vorbereitet. Aber auch sie verzichten nicht auf spezielle Einrichtungen, wie das Beispiel Finnland zeigt. Nationale Bildungstraditionen müssen auch bei der Inklusion berücksichtigt werden. Das hat der Europarat ausdrücklich beschlossen.

STANDARD: Welche empirischen Daten gibt es darüber, ob behinderte Kinder in inklusiven Schulen bessere Leistungen erbringen?

Ahrbeck: Insgesamt ist die empirische Befundlage begrenzt. Die meisten Untersuchungen gibt es zu Schülern mit Lernbeeinträchtigungen, ohne dass sie ein einheitliches Bild ergeben. Einiges spricht dafür, dass sie sich kognitiv im inklusiven Kontext besser entfalten. Sie lernen dort mehr, weil sie mit leistungsstärkeren Kindern zusammen sind. Und das allgemeine Anregungsmilieu ist höher. An Schulen für Lernbeeinträchtigte hingegen wird den Kindern oft zu wenig zugetraut, die Leistungsanforderungen sind geringer, als sie sein müssten. Das ist zu kritisieren. Es wurde aber auch festgestellt, dass diese Schüler in integrativen oder inklusiven Klassen häufig eine soziale Randposition einnehmen und psychisch belastet sind. Das muss man gegeneinander abwägen.

STANDARD: Wie können nichtbehinderte Kinder von einer gemeinsamen Beschulung profitieren?

Ahrbeck: Positiv ist, dass sie gemeinsame Erfahrungen machen. Behinderte und nichtbehinderte Kinder lernen sich kennen und erleben, wie sie miteinander umgehen können. Diese soziale Dimension ist ganz wichtig. Ob dazu die gesamte Schulzeit notwendig ist, das steht auf einem anderen Blatt. Im Grundschulbereich werden die Leistungsstärkeren auch nicht dadurch gefährdet, dass sie mit Leistungsschwächeren zusammen sind. In höheren Schulklassen wird es natürlich immer schwieriger, dass jedes Kind das bekommt, was es braucht.

STANDARD: Sie sind Experte für Verhaltensgestörtenpädagogik. Darf man das überhaupt so sagen - ein Kind ist "verhaltensgestört"?

Ahrbeck: Das darf man schon. Der Begriff Verhaltensstörung entstammt der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen. Die schulische Kategorie dazu heißt in Deutschland "Förderbedarf emotionale und soziale Entwicklung". Oft sind klinische und pädagogische Phänomene eng miteinander verwoben. Man sollte schon vorsichtig und taktvoll mit solchen Begriffen umgehen. Ich bin nur wahrlich nicht dafür, dass man einem Kind ständig sagt: Du bist verhaltensgestört oder psychisch krank, du bist lern- oder körperbehindert. Zu den Naivitäten der Inklusionsdebatte gehört es aber, anzunehmen, wir hätten einen humaneren Umgang, wenn wir diese Kategorien generell abschaffen würden. Eine Begriffsverleugnung führt auch zu einer Verleugnung in der Sache. Das Kind darf dann nicht mehr so gesehen werden, wie es wirklich ist.

STANDARD: Was lässt sich über "verhaltensgestörte" Kinder sagen? Gibt es Kinder, die nicht integrierbar sind - und sei es nur auf Zeit?

Ahrbeck: Internationale Forschungsbefunde verweisen darauf, dass etwa 0,5 bis ein Prozent aller Schüler temporär spezielle Gruppen brauchen, weil sie psychosozial schwer beeinträchtigt sind. Generell lässt sich so etwas nicht anhand von Behinderungskategorien festlegen. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Der Satz "Inklusion ist unteilbar" ist insofern richtig, als für jeden Menschen die gleiche Rechtsgrundlage gilt. Das bedeutet aber nicht, dass auf jegliche institutionelle Differenzierung verzichtet werden muss. Grenzen des Gemeinsamen kann es bei schwer mehrfachbehinderten Kindern geben, die auf basale Stimulation angewiesen sind, nicht sitzen und nur unter äußersten Schwierigkeiten Kontakt zur Umwelt aufnehmen können. Da frage ich mich schon, ob es Sinn macht, sie in eine allgemeine Schule zu schicken.

STANDARD: Sie sagten einmal: "Wir müssen aufpassen, dass wir Behinderung nicht banalisieren." Was meinen Sie damit? So Sätze wie "Auf die eine oder andere Art sind wir doch alle irgendwie behindert"?

Ahrbeck: Ich halte den Satz "Behinderung gibt es nicht" für falsch. Er verleugnet die Realität. Es gibt nun einmal veritable Behinderungen. Menschen mit Behinderung wissen das genau, die sagen: Ich weiß doch, dass das so ist. Das könnt ihr mir doch nicht ausreden. Ich sitze im Rollstuhl, ich höre nicht, ich sehe nicht. Natürlich möchte niemand nur unter dem Aspekt seiner Behinderung gesehen werden. Das ist völlig klar. Wir kriegen aber keine neue Humanität, indem wir Dinge nicht mehr so bezeichnen, wie sie im Leben vorkommen. Solche Nivellierungsversuche haben letztlich schwerwiegende Folgen für die Förderung der Kinder. Behinderung soll normalisiert werden. Das klingt gut, führt in einem radikalen Inklusionsentwurf dazu, dass die Kinder mit ihrem speziellen Anliegen schlechter gesehen werden können. Das darf nicht sein.

Bernd Ahrbeck (64) studierte Psychologie und Erziehungswissenschaft in Hamburg und ist seit 1994 Professor für Verhaltensgestörtenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Autor des Buches "Inklusion. Eine Kritik" (Kohlhammer 2014) und referiert am Mittwoch, 22. April (17 Uhr, Neues Institutsgebäude NIG, Universitätsstraße 7, Hörsaal 3D), im Rahmen der vom Arbeitsbereich Fachdidaktik Psychologie - Philosophie der Uni Wien von Konrad Paul Liessmann, Katharina Lacina und Bernhard Hemetsberger in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Didaktik der Differenz. Über den Umgang mit Unterschieden".

 

 

Wiener Zeitung - 6. April 2015

 

 

Neue Mittelschule

Darabos gegen Mitterlehner-Forderung

 

 

 

 

·         SPÖ-Bundesgeschäftsführer: ÖVP will soziale Barrieren aufrecht erhalten.

 

Wien. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos hat am Ostersonntag die Forderung von ÖVP-Obmann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner kritisiert, die Neue Mittelschule nur mit Veränderungen fortzusetzen. In einer Aussendung bezeichnete Darabos die Aussagen Mitterlehners als nicht zeitgemäß.

Der SPÖ-Bundesgeschäftsführer findet es "schade, dass die ÖVP soziale Barrieren im Schulsystem aufrecht erhalten will." Die Neue Mittelschule stehe für Fairness und Chancengleichheit statt früher sozialer Selektion: "Für die SPÖ steht fest: Jedes Kind muss die gleichen Chancen und Voraussetzungen haben. Das wird mit der Neuen Mittelschule erreicht", betonte Darabos.

 

 

"Tiroler Tageszeitung" Nr. 96 vom 07.04.2015                Seite: 11

Ressort: Titel 2. Bund / International

 

 

Das wahre Ärgernis

 

   Von Cornelia Ritzer

 

   Kein Osterfrieden herrschte zwischen SPÖ und ÖVP. Anlass war ÖVP-Parteichef Reinhold Mitterlehner, der die Neue Mittelschule und das niedrige Frauenpensionsalter nicht so gut findet, sich aber Selbstbehalte im Gesundheitswesen vorstellen kann. Das ärgerte naturgemäß den SPÖ-Bundesgeschäftsführer. Der schwarze Generalsekretär kritisierte daraufhin ?reflexartige" Reaktionen und geißelte - man möchte fast sagen reflexartig - Stillstand beim Koalitionspartner. Die Harmonie zwischen den Regierungsparteien, befeuert durch die Steuerreform, währte also nur kurz. Nun haben Wirtschaftsforscher errechnet, dass auch die Wirkung der Steuerreform in wenigen Jahren verpufft sein soll. Das wahre Ärgernis für Steuerzahler heißt kalte Progression. Das sollte auch in den Parteizentralen bekannt sein.

 

 

"Oberösterreichische Nachrichten" vom 07.04.2015             Seite: 2

Ressort: Politik

 

 

Mitterlehner stellt Neue Mittelschule in Frage

 

   Harsche Kritik von SPÖ und Grünen an ÖVP

 

   WIEN. Die Neue Mittelschule (NMS) wird wieder zum koalitionären Zankapfel: VP-Chef Reinhold Mitterlehner hat über die Feiertage den gesetzlich schon 2012 fixierten Umstieg von der Hauptschule zur NMS in Frage gestellt.

 

   Wenn nichts korrigiert werde, sei eine Fortsetzung "nicht garantiert", so Mitterlehner. Sein schwarzer Generalsekretär Gernot Blümel legte via Aussendung am Sonntag und Montag nach: "Wenn man die Neue Mittelschule nicht qualitativ aufwerten kann, hätte man 300 Millionen in den Sand gesetzt", kritisierte Blümel und verwies auf eine schon länger vorliegende, sehr kritische Rechnungshofs-Prüfung der einstigen NMS-Modellversuche.

 

   Auf SP-Seite reagierte Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos: Es sei "schade, dass die ÖVP soziale Barrieren im Schulsystem aufrecht erhalten will", sagte er. Die Neue Mittelschule biete für jedes Kind "gleiche Chancen", sie müsse daher fortgesetzt werden, so Darabos.

 

   Auch vom Grünen Bildungssprecher Harald Walser kam Kritik an Mitterlehner. Der Hinweis auf die bisherigen Kosten der NMS bedeute ein "bildungspolitisches Kaputtsparprogramm der ÖVP", warnte Walser.

 

   Die Grünen sehen in der NMS einen "Konstruktionsfehler": Weil die AHS-Unterstufe weiter besteht, gelinge die soziale Durchmischung noch immer nicht, so Walser. Er fordert ein "Bekenntnis zu einer gemeinsamen Schule".

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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