Mittwoch, 1. April 2015

Bildungsnewsletter 1. April 2015

"Die Presse" vom 01.04.2015                               Seite: 12

 

SPÖ: "Festhalten an AHS ist zwanghaft und steinzeitlich"

Entwurf. Die SPÖ kritisiert eine "ÖVP der Marke uralt".

 

   Wien. Nachdem sich die ÖVP-Westachse bereits kritisch zum Schulkapitel im Entwurf des neuen Parteiprogramms zu Wort gemeldet hat, kommt nun Kritik vom Koalitionspartner SPÖ - und zwar in ziemlich harschem Ton: "Das geradezu zwanghafte Festhalten am Gymnasium ist falsch und steinzeitlich", sagte Bildungssprecherin Elisabeth Grossmann in einer Aussendung.

 

   Statt die Chance auf Bewegung zu nutzen, trete die Bundes-ÖVP "wieder voll auf die Bremse und legt den Rückwärtsgang ein". Mit "Ideen aus der Mottenkiste" könne man keine vernünftige Bildungspolitik machen, sagte Grossmann. Es sei mittlerweile unter Experten Common Sense, "dass die gemeinsame Schule, für die die SPÖ eintritt, das richtige Modell ist und für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgt". Dieser Meinung sei auch die ÖVP-Westachse. "Doch während diese modern und fortschrittlich ist, blockiert die Bundes-ÖVP." Damit zeige sich, dass "die Schwarzen unter Mitterlehner nach wie vor eine ÖVP der Marke uralt sind.

 

   "Erfolgsmodell Gymnasium"

 

   Im Entwurf des Parteiprogramms bekennt sich die ÖVP zur "differenzierten Schule" und zum "Erfolgsmodell Gymnasium". Die ÖVP-geführten Länder Tirol und Vorarlberg zeigten sich enttäuscht. Man hätte sich mehr erwartet, was eine Weiterentwicklung der Schule der Zehn- bis 14-Jährigen betrifft. In Tirol wurde schon im Herbst eine Gesamtschulmodellregion gestartet. In Vorarlberg ist ein Versuch paktiert. Ende Mai soll entschieden werden, wie es weitergeht. (beba)

 


 

"Die Presse" vom 01.04.2015                                Seite: 6

 

Schwänzen: Schüler gegen Polizei-Initiative

 

   Die roten Schülervertreter der AKS sind "schockiert" über den jüngsten Plan des Wiener Stadtschulrats: Demnach soll die Polizei in Zukunft Schulschwänzer ansprechen. Das löse nicht die eigentlichen Probleme. Dass es viele Schulschwänzer gebe, zeige nur, dass sich Jugendliche in der Schule nicht wohlfühlen.

 

   Neue Sektionschefin im Uni-Ministerium

 

   Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) bestellt mit Iris Rauskala eine neue Sektionschefin. Sie ist ab 15. April insbesondere für Budget, Personal, interne Revision und Wissenschaftskommunikation zuständig. Zuvor war sie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften tätig. Sie folgt Elisabeth Freismuth, die an die Kunstuni Graz wechselte.

 


 

"Die Presse" vom 01.04.2015                               Seite: 12 Kulissengespräche              Von Bernadette Bayrhammer

 

Gesamtschulversuch liegt auf Eis

Der paktierte Schulversuch in Salzburg wird immer wieder verschoben.

 

   Eigentlich sollte es in Salzburg schon seit Herbst eine Gesamtschulmodellregion geben. So steht es jedenfalls im Arbeitsübereinkommen der Landesregierung aus ÖVP, Grünen und Stronach. Doch das Projekt liegt auf Eis. Und das Interesse, es (rasch) wieder aufzutauen, scheint enden wollend. Zumindest hinter vorgehaltener Hand gibt man das in ÖVP-Kreisen auch zu.

 

   Tatsächlich wird die Entscheidung über den Modellversuch immer wieder verschoben. Man wolle warten, bis die Neue Mittelschule (NMS) evaluiert sei, hieß es zu Jahresbeginn aus dem Büro des Salzburger Landeshauptmanns, Wilfried Haslauer (ÖVP). Jetzt heißt es: Man warte das Ergebnis der Bildungsreformgruppe ab. Dann werde man "sinnvolle weitere Maßnahmen" setzen. Die Deadline für die Reformgruppe ist nun allerdings erst im November.

 

   Was man den Salzburgern zugutehalten kann: Wenn, dann soll der Versuch anders aussehen als in Tirol - wo eine Region ohne AHS-Unterstufe zum Gesamtschulmodell wurde und wo man nicht die Gesamtschule testet - die gab es ja faktisch auch vorher -, sondern eben neue Möglichkeiten, wie man der gesamten Palette an Schülern gerecht werden kann.

 

   Eine Region ohne Gymnasium gäbe es in Salzburg auch. Den Oberpinzgau als Modellregion betiteln will man aber weder im Büro des Landeshauptmanns noch im Landesschulrat. Daran, eine AHS in den Versuch zu nehmen, ist man bisher gescheitert. In Hallein sagte die betreffende Schule sofort ab. Ohne das Okay von Eltern und Lehrern ist ein solcher Versuch derzeit aber nicht möglich.

 

   bernadette.bayrhammer@diepresse.com

 


 

"Die Presse" vom 01.04.2015                               Seite: 12

 

Autonome Uni-Gebühren?

Rektoren uneins

Anstoß für Wettbewerb versus Abgeben von politischer Verantwortung.

 

   Wien. Die im Entwurf des Parteiprogramms formulierte ÖVP-Idee, dass Unis im Rahmen ihrer Autonomie selbst Studiengebühren einheben dürfen sollen, spaltet die Rektoren. "Im Sinn der Autonomie soll es den Universitäten auch möglich sein, je nach Studienrichtung sozial verträgliche Studienbeiträge (. . .) einzuführen", heißt es in dem Papier.

 

   "Persönlich bin ich ein Anhänger des Vorschlags, dass die Unis in ihrem autonomen Bereich Gebühren einheben können", sagt Wirtschaftsuniversität-Chef Christoph Badelt zur "Presse". "Ich weiß aber auch, dass manche Rektoren und Rektorinnen das anders sehen."

 

   Er sei deshalb dafür, weil die Unis dann in einen positiven Wettbewerb um die bessere Qualität ihrer Studien einsteigen könnten, sagt Badelt. Er wäre auch mit der Vorgabe einverstanden, dass es durch diese Gebühren nicht zu sozialer Selektion kommen dürfe. Die Unis könnten dann auch selbst Stipendien finanzieren.

 

   "Durchsichtige Strategie"

 

   Der Rektor der Universität für Angewandte Kunst in Wien, Gerald Bast, sieht das ganz anders. Wenn die Universitäten autonom über Gebühren entscheiden könnten (oder sollten), sei das ein "Abschieben von Verantwortung seitens der Politik", sagt er im Gespräch mit der "Presse". "Das ist eine ziemlich durchsichtige Strategie."

 

   Bast ist generell ein Gegner von Studiengebühren. "Ich hielte Gebühren, die über die jetzige Regelung hinausgehen, in einem Land mit einem so hohen Steuerniveau wie Österreich nicht für angebracht."

 

   Ganz neu ist die Idee nicht, dass die Unis autonom über Gebühren entscheiden sollen: Der frühere Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) hatte mehrfach für ein solches Modell plädiert. Er stellte damals eine Obergrenze von 500 Euro pro Semester in den Raum. Politisch dürften Studiengebühren aber derzeit ohnehin nicht zur Debatte stehen. (beba)

 


 

"Die Presse" vom 01.04.2015                               Seite: 12   von Bernadette Bayrhammer Und Julia Neuhauser

 

(Mehr) Stimmen, Spannung, Schmutz

ÖH-Wahl. Der Wahlkampf kommt langsam in die Gänge. Von den Themen bis zur möglichen neuen Spitze: Fünf Thesen zur diesjährigen Wahl des Studierendenparlaments.

 

   Wien. Noch genau sieben Wochen sind es bis zur Wahl der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH). Und mit den liberalen Junos und dem roten VSStÖ haben auch schon die ersten Fraktionen ihre Kampagnen gestartet und Spitzenkandidaten präsentiert. Der Wahlkampf um die Stimmen der Studierenden kommt also langsam in die Gänge. Erstmals seit Jahren dürfen diese heuer wieder drei Stimmen abgeben: Sie wählen die Studienrichtungsvertretung, die Uni-Vertretung und, nachdem die schwarz-blaue Reform gekippt wurde, auch die Bundesvertretung direkt. Fünf Thesen zur diesjährigen Wahl des Studierendenparlaments.

 

   1 Durch das neue Wahlrecht wird es spannender.

 

   Eines ist klar: Das Studierendenparlament wird heuer anders aussehen als bisher - nicht nur, weil es nur noch 55 statt zuletzt 100 Mandate gibt. Auch bei der Stimmenverteilung könnte sich wegen der Direktwahl der Bundesvertretung und der erstmals gleichzeitigen Stimmabgabe an FH, Pädagogischen Hochschulen und Privatunis einiges tun. Schaden dürfte die Direktwahl vor allem der FLÖ und der ÖVP-nahen Aktionsgemeinschaft. Ob sich deren Servicegedanke auch bundesweit gut verkaufen lässt, ist fraglich. Das bisherige Wahlsystem bedeutete auch, dass Fraktionen an kleineren Unis weniger Stimmen für ein Mandat in der Bundes-ÖH brauchten. Diese billigen Mandate fallen nun weg. Gleichzeitig können Fraktionen nun für die Bundesebene auch an Hochschulen auf Stimmenfang gehen, an denen sie nicht verwurzelt sind. Spannend wird es auch an den FH. Fraglich, inwieweit die bisherige FH-Fraktion FEST ihre Dominanz beibehalten kann.

 

   2 Der Wahlkampf könnte auch diesmal schmutzig werden.

 

   Es ist zwar eigentlich ein alter Hut - trotzdem könnte das gescheiterte Studierendenbeisl Cafe Rosa, das schon den vorigen Wahlkampf dominierte, wieder zum Thema werden. Je nachdem nämlich, wann das Ermittlungsverfahren gegen die frühere grüne ÖH-Chefin Janine Wulz abgeschlossen ist und wie das ausfällt. Wulz wurde wegen Verdachts der Untreue angezeigt - in dem Cafe versickerte rund eine halbe Million Euro. Der Ermittlungsbericht liegt seit Dezember im Justizressort. Sollte der Bericht für Wulz kritisch ausfallen, wird auch dieser Wahlkampf schmutzig.

 

   3 Zugangsbeschränkungen werden eines der Hauptthemen.

 

   Eines der Hauptthemen im Wahlkampf steht fest - ob die Fraktionen wollen oder nicht: Uni-Zugang. Immerhin soll demnächst politisch darüber diskutiert werden, wie es mit den neuesten Zugangsregeln in Architektur, Informatik, Biologie, Pharmazie und Wirtschaft weitergeht - und ob die Schranken womöglich ausgeweitet werden, wie Uni-Minister Reinhold Mitterlehner das will. Auch die umstrittene Studieneingangsphase soll noch vor dem Wahltermin diskutiert (und eventuell adaptiert) werden. Die Fraktionen kommen daran also nicht vorbei.

 

   4 Die Wahlbeteiligung wird diesmal höher sein.

 

   Die Wahlbeteiligung dümpelte bei den vergangenen Urnengängen zwischen 25,7 Prozent (2009) und 28 Prozent (2013) herum. Die ÖH-Spitze erhofft sich, dass die Einführung der Briefwahl die Wahlbeteiligung in die Höhe treibt. So können etwa auch berufstätige Studierende und Studenten auf Auslandssemester ihre Stimme abgeben. Dass die Beteiligung steigt, ist also nicht unwahrscheinlich. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt aber: Inwieweit die Studierenden an FH, PH und Privatunis die neue Möglichkeit der bundesweiten Stimmabgabe nutzen, ist unklar.

 

   5 Bei der Koalitionsbildung wird es keine Überraschungen geben.

 

   In den vergangenen Jahren hat sich eine Tradition etabliert: Die ÖVP-nahe AG gewinnt die Wahl. Es will aber niemand mit ihr koalieren. Viel lieber schlossen sich FLÖ, FEST, VSStÖ und die Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS) zu einer Koalition mit solider Mehrheit zusammen. Festlegen will sich vor der Wahl zwar niemand auf eine fixe Koalitionsvariante. Als Partner wird von den meisten Fraktionen nur der Ring freiheitlicher Studenten ausgeschlossen. Dass die bestehende Koalition gerne weiter in dieser Formation arbeiten würde ist aber weder ein Geheimnis noch unwahrscheinlich.

 


 

"Die Presse" vom 01.04.2015                               Seite: 13

 

Auf einen Blick

Außerordentliche Schüler. Kinder, die bei der Schuleinschreibung...

 

   Außerordentliche Schüler. Kinder, die bei der Schuleinschreibung nicht gut genug Deutsch sprechen, erhalten den Status eines außerordentlichen Schülers. Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache gilt generell ein eigener Lehrplanzusatz. Wenn außerordentliche Schüler am Klassenunterricht teilnehmen, bedeutet das in der Praxis, dass der Unterricht für die Schüler je nach Kenntnisstand differenziert aufzubereiten ist. Darüber hinaus gibt es für außerordentliche Schüler noch Sprachförderkurse im Ausmaß von bis zu elf Wochenstunden.

 


 

"Die Presse" vom 01.04.2015                               Seite: 13   Von Julia Neuhauser

 

Jeder siebte Erstklassler versteht kein Deutsch

Deutschdefizite. SPÖ und ÖVP debattieren darüber, wie man mit Schülern umgehen soll, die nicht gut genug Deutsch sprechen, um dem Unterricht zu folgen. Allein in der ersten Klasse Volksschule betrifft das 11.000 Kinder.

 

   Wien. Schüler, die nicht gut genug Deutsch sprechen, um dem Unterricht zu folgen, sorgten in der vergangenen Woche erneut für politische Diskussionen. SPÖ und ÖVP debattieren darüber, ob man diese Kinder als außerordentliche Schüler in den Klassenverband aufnehmen oder sie in eigenen Vorbereitungsklassen unterrichten soll. Bleibt die Frage, wie viele Kinder, die der deutschen Sprache nur unzureichend mächtig sind, derzeit in Österreichs Schulen sitzen.

 

   In der ersten Klasse Volksschule sind es laut Bildungsministerium 11.000 außerordentliche Schüler - für sie gilt ein eigener Lehrplanzusatz, benotet werden sie nicht. In Österreich spricht also jeder siebte Erstklassler nicht gut genug Deutsch, um dem Unterricht zu folgen. In der zweiten Schulstufe sind es rund 5800 Schüler. Noch immer hat dann also jeder Dreizehnte Verständnisprobleme. Weitere 3200 außerordentliche Schüler besuchen die Vorschule.

 

   Schonfrist von einem Jahr

 

   Welchen Weg die Kinder einschlagen, entscheidet sich meist bei der im Winter vor Schuleintritt stattfindenden Schuleinschreibung. All jene, die nicht gut genug Deutsch sprechen, erhalten laut Schulunterrichtsgesetz den Status der Außerordentlichkeit: Die Schüler werden entweder in eine Vorschulklasse geschickt (das dürfte aus rechtlicher Sicht nur dann passieren, wenn Kinder generell in ihrer Entwicklung hinterherhinken) oder in "normalen" ersten Volksschulklassen aufgenommen.

 

   Den Status der Außerordentlichkeit können Schüler maximal für die Dauer von zwölf Monaten haben. Er kann für ein weiteres Jahr verlängert werden, wenn die Sprache "ohne eigenes Verschulden" nicht ausreichend erlernt werden konnte. Ist ein Schüler allerdings erst einmal ordentlicher Schüler, kann er nicht mehr in die Außerordentlichkeit zurückversetzt werden.

 

   Zu den Schülern, die bei Schuleintritt über mangelnde Deutschkenntnisse verfügen, kommen noch die sogenannten Quereinsteiger: jene ausländischen Schüler, die während der Schullaufbahn in das österreichische System wechseln und kein bzw. kaum Deutsch sprechen. Derer gibt es derzeit 7000. Darunter sind sowohl Flüchtlinge als auch andere Zuwanderer sowie Austauschschüler.

 

   Besonders hoch ist die Zahl der außerordentlichen Schüler in der Bundeshauptstadt. 10.245 von rund 65.700 Wiener Volksschülern sind als außerordentliche Schüler eingestuft. Das sind 15,6 Prozent. In den Haupt- und Neuen Mittelschulen sind es immerhin noch 1683 von 28.663 Schülern (5,9 Prozent).

 

   Bis spätestens 17. November wollen SPÖ und ÖVP entscheiden, wie künftig mit diesen Schülern umgegangen werden soll.

 


 

"Die Presse" vom 01.04.2015                               Seite: 13 von Rosa Schmidt-Vierthaler

 

Schlechtschreibung

Orthografie. Rechtschreibfehler scheinen immer gehäufter aufzutreten. Was sagt es aus, wenn jemand nicht rechtschreiben kann? Und wie wichtig ist Rechtschreibung eigentlich? Über ein emotionales Thema.

 

   Von "Oma's und Opa's Spielzeugladen" über "Auto's bitte rückwärts einparken" bis zu "Freitag's Vormittag's geschlossen" reichen die Beiträge auf Deppenapostroph.info. Wenn man sich die Fotos von Schildern, Tafeln und Aushängen ansieht, kann man leicht zum Kulturpessimisten werden. Wer noch kein prekäres Verhältnis zum Buchstaben s hat, schwankt zwischen Amüsement und Entsetzen. Freilich, es sind Extremfälle - wer allerdings Beispiele für die falsche Verwendung des Apostrophs sucht, muss ohnehin nur durch eine beliebige Einkaufsstraße gehen.

 

   Vor vierzig Jahren sei eine Hauptschule in der Lage gewesen, fast allen korrektes Schreiben beizubringen - von den Gymnasien ganz zu schweigen, erklären die älteren Generationen gern. Sie mussten dieselben Wörter immer wieder und wieder schreiben und schwitzten regelmäßig bei Diktaten. Sie übernahmen Stehsätze wie "Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich" und eine grundlegende Einstellung: Rechtschreibfehler sind peinlich.

 

   Seitdem hat sich einiges geändert: Rechtschreibfehler sind zwar immer noch peinlich - aber nur noch denen, die sie erkennen - und die sich dafür fremdschämen. Diejenigen, die über eine problematische "Pupertät" oder heftigen "Wiederstand" schreiben, reagieren auf die Anmerkung, dass dies nicht korrekt sei, oft eher gereizt. Woher dieser Sinneswandel?

 

   Schüler machen mehr Fehler

 

   Lehrer klagen nicht erst seit gestern, dass ihre Schüler immer schlechter werden. Untersuchungen und Umfragen bestätigen ihre Sicht. Etwa die des deutschen Germanisten Wolfgang Steinig, der in Nordrhein-Westfalen Schüleraufsätze aus mehreren Jahrzehnten verglich. Das Ergebnis: Schüler machen heute mehr als doppelt so viele Rechtschreibfehler wie vor vierzig Jahren - schreiben dafür aber jetzt kreativer. Dennoch gibt das zu denken. Es sollte doch wohl beides möglich sein.

 

   Klar ist jedenfalls, dass nicht nur mehr Fehler gemacht werden, sondern dass diese auch sichtbarer sind. Denn es gibt durch das Internet mehr öffentliches Schreiben als noch vor 20 Jahren. Früher traten schlechte Schreiber allenfalls mal durch die postalischen "Grüsse aus Greichenland" in Erscheinung. Nun aber sind E-Mails, Foren und Blogs aller Art sowie die sozialen Medien gefüllt mit Dass-Fehlern, falschen Apostrophen und überflüssigen Dehnungslauten.

 

   Vor Ort darauf hinzuweisen ist müßig, außer man will sich ein paar schlecht geschriebene Beleidigungen abholen. Denn die Wertigkeit hat sich verschoben - zuungunsten der Orthografie. Im Privaten gelten oft nur noch wenige Regeln: Diesen Eindruck hat auch Peter Ernst vom Institut für Germanistik der Universität Wien: "Die Leute denken offenbar: Warum soll ich mich im privaten Bereich einzwängen lassen?"

 

   Rechtschreibregeln scheinen vielen also maximal Empfehlungscharakter zu haben - und eine Deutschschularbeit wird wegen schlechter Rechtschreibung so gut wie gar nicht mehr mit einem Nicht genügend beurteilt. Immerhin gibt es ja die Autokorrektur, wenn es einmal wichtig wird.

 

   Das als Katastrophe zu sehen ist sicherlich überzogen. Nicht einmal Johann Wolfgang von Goethe legte sonderlichen Wert auf die Rechtschreibung: "Mir, der ich selten selbst geschrieben, was ich zum Druck beförderte, und, weil ich diktirte, mich dazu verschiedener Hände bedienen mußte, war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig", sagte der Schriftsteller einmal.

 

   Allerdings muss man dazu sagen, dass es zu seiner Zeit noch gar keine einheitlichen Rechtschreibregeln gegeben hat. Die wahre, heilige Schreibung des Deutschen ist ein Mythos. Schiller und Goethe, Kleist und Fontane schrieben (oder diktierten) nach Belieben.

 

   Der Sprachwissenschaftler Ernst sieht eine Hysterie aufgrund der Tendenz zu mehr Fehlern für überzogen: Man sollte die Schreibung nicht so emotional sehen, sagt er. Für die Funktion der Sprache sei es unwichtig, ob man Kaiser mit "ei" oder mit "ai" schreibe.

 

   Allerdings sehen das nicht alle so liberal. Immer wieder berichten Arbeitgeber von mit Fehlern gespickten Bewerbungsschreiben, die nicht ernst genommen würden. Auch bei der Suche nach der Liebe kann schwache Orthografie zur Hürde werden. Auf Partnerbörsen wird darüber hitzig diskutiert. Beispiele gefällig? "Wenn jemand in einer Mail in fast jedem Satz einen Fehler macht, törnt mich das total ab und ich möchte die Person nicht näher kennenlernen." Oder: "Wenn ich eine Mail bekomme, in der es von Fehlern nur so wimmelt, sage ich immer gleich ab."

 

   Vieles ließe sich vermeiden

 

   Die Frage der korrekten Rechtschreibung wird ganz offensichtlich sehr emotional gesehen. Für unser Gefühl sind Wort und Schreibung identisch - was tatsächlich nicht so ist. Was uns an gehäuften Fehlern abstößt, ist aber noch ein weiterer Umstand: Oft scheitern Schreiber nicht an Zeitnot oder an dem generellen Wissen, ob sie beim Schreiben Fehler machen. Vielen ist es schlicht vollkommen egal, ob sie korrekt schreiben oder nicht. Sie sind ihrem Schriftbild gegenüber ignorant.

 

   Die gleichen Personen echauffieren sich aber sehr wohl darüber, wenn der Kellner im Cafe einen Marmeladefleck auf dem Hemd hat oder die Kollegin im Büro schlecht riecht. Dumme Fehler - vor allem, wenn sie gehäuft auftreten - lassen sich aber genau damit vergleichen. Es sind Patzer, die sich leicht vermeiden ließen. Zumindest solche wie der "Deppenapostroph".

 


 

"Kronen Zeitung" vom 01.04.2015                              Seite: 5

 

Lehrer-Gewerkschafter Kimberger kritisiert Stillstand bei der Bildungsreform

„Da wird einem ganz schwindelig“

 

Wien (d.v.). – Die Lehrergewerkschaft ist nicht gerade für ihre Aufgeschlossenheit und für innovative Ideen bekannt, doch der anhaltende Stillstand bei der Bildungsreform ist sogar den Pädagogen-Vertretern zu viel. „Es gibt sehr viele Überschriften, aber nichts Substanzielles“, kritisiert Gewerkschafter Paul Kimberger.

 

   Lehrergewerkschafter Paul Kimberger kritisiert die Regierung: „Nichts Substanzielles.“

 

   „Bei den Zahlen wird einem ganz schwindelig“, sagt Paul Kimberger über das „eklatante Finanzierungsproblem“ im Bildungsbereich. Nachdem sie beim Finanzminister abgeblitzt sei, müsse die Unterrichtsministerin nun endlich einen Vorschlag machen, wie das Problem in den Griff zu bekommen sei.

 

   Mit dem Begriff Autonomie hat der Lehrergewerkschafter „nicht mehr viel Freude“. Denn er befürchtet, dass es dabei nicht um pädagogische Freiheit gehe, sondern um „autonomes Sparen“ und darum, das Sparen an die Schulen zu delegieren. „Und das wird es mit mir ganz bestimmt nicht geben“, betont Paul Kimberger.

 

   Der Pädagogen-Vertreter fordert nun eine Rückkehr zur inhaltlichen Debatte, vor allem bei den Kindergärten und bei der Volksschule sowie bei zusätzlichen Maßnahmen für ausreichende Deutschkenntnisse müsse angesetzt werden.

 


 

"Tiroler Tageszeitung" Nr. 91-ST vom 01.04.2015             Seite: 22

Ressort: Lebenslanges Lernen

 

Mit Lernen lebenslang neue Aufgaben bewältigen

Lebenslanges Lernen ist in der Wissensgesellschaft notwendig geworden.

 

   Lernen ist das wesentliche Werkzeug, um Bildung zu erlangen und damit wichtig für die Gestaltung individueller Lebens- und Arbeitschancen. Lernen hört in der heutigen Wissensgesellschaft auch nicht auf, nach Schule, Ausbildung oder Studium. Lebenslanges Lernen trägt dazu bei, dass die Gesellschaft insgesamt den Herausforderungen begegnen kann, die mit dem demographischen Wandel einhergehen.

 

   Durch Rahmenbedingungen wird dafür gesorgt, dass lebenslanges Lernen für alle Menschen attraktiv ist und dass die Bereitschaft zur Weiterbildung steigt. Das Lernen im Lebenslauf gehört zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen der westlichen Wissensgesellschaften. Die Verwirklichung des Lernens im Lebenslauf ist nicht nur entscheidend für die Perspektive des Einzelnen, sondern auch für den Erfolg der Wirtschaft und damit für die Zukunft der Gesellschaft.

 

   Damit lebenslanges Lernen in Gesellschaften auch funktioniert, sind Bildungsexperten gefragt. Lebenslanges Lernen soll eigentlich als lebensbegleitendes Lernen verstanden werden. Und diese Idee vom lebensbegleitenden Lernen weitet den Blick. Denn Bildung ist, wenn Lernen als lebensbegleitender Prozess gesehen wird, nicht Teil einer bestimmten Lebensphase, die irgendwann begonnen und dann abgeschlossen wird.

 

   Lebenslanges Lernen tritt damit an die Stelle von Bildungszeiten, die auf bestimmte Lernzeiten wie Schulabschluss, Gesellenbrief oder Hochschulzeugnis beschränkt waren. Die Globalisierung und die Wissensgesellschaft stellen die Menschen vor große Herausforderungen, die durch den demographischen Wandel noch verstärkt werden.

 

   Wissen sowie die Fähigkeit, das erworbene Wissen anzuwenden, müssen heutzutage durch Lernen im Lebenslauf ständig angepasst und erweitert werden. Nur so können persönliche Orientierung, gesellschaftliche Teilhabe und Beschäftigungsfähigkeit erhalten und verbessert werden. Die Verwirklichung des Lernens im Lebenslauf betrifft mittlerweile alle Bildungsbereiche: Um die Weiterbildungsbeteiligung zu erhöhen, müssen die Möglichkeiten für das Lernen im gesamten Lebenslauf verbessert und attraktiver gestaltet werden.

 

Bild: Klassische Lernbiographien sind im Wandel, lebenslanges Lernen ist die Zukunft der Gesellschaft.

 


 

Mit freundschaftlichen Grüßen

 

Kurt Schober
Klubsekretär

SPÖ-Parlamentsklub
01/40110-3569

0664 / 44 45 005
kurt.schober@spoe.at

 

SPÖ-Parlamentsklub

www.klub.spoe.at

 

 

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